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Hans Delbrück: Kaiserin Friedrich

Preußische Jahrbücher, 106. Band, 1901, S. 1

Mit tiefer innerer Wehmuth hat mich die Nachricht von dem Ableben der Kaiserin Friedrich erfüllt und die ganze Tragik des menschlichen Daseins durchschauerte mich, als ich hinter dem Leichenwagen einherschritt auf derselben herrlichen Allee durch die Anlagen Friedrichs des Großen vom Neuen Palais zur Friedenskirche, wo wir vor zwölf Jahren in derselben Stimmung Kaiser Friedrich zur letzten Ruhe geleiteten. Lange erwartet, fast herbeigewünscht als Erlösung von schwerstem Leiden ist der Tod selbst doch erst der Seelenherrscher, der den innersten Regungen gebietet, herauszutreten und sich ihrer selbst bewußt zu werden. Wie oft ist mir schon in diesen letzten Jahren der Gedanke nahe getreten, ich müsse einmal der hohen Frau, der ich eine so tiefe, rein menschliche Verehrung dargebracht, ein Gedenkblatt stiften und darstellen, was ich von ihr erfahren und mit ihr erlebt habe, aber doch erst jetzt komme ich zum wirklichen Niederschreiben. Persönliches habe ich nicht viel Neues zu erzählen, aber ich will versuchen aufzuzeigen, wo eigentlich der Konflikt, in dem sich ihr Leben zerrieben hat, seinen Sitz hatte und damit einige persönliche Erinnerungen verbinden in Ergänzung der Aufzeichnungen, die ich nach dem Tode Kaiser Friedrichs an eben dieser Stelle veröffentlichte.
Daß in dem Leben der hohen Verblichenen ein tragischer Zug sei, ist bei ihrem Heimgang wohl die allgemeine Empfindung gewesen. Man sucht ihn vielleicht zunächst darin, daß sie jene höchste Stellung, die ihr das Schicksal bestimmt zu haben schien, nie vollständig erreicht, nur gerade berührt und endlich, nachdem sie den Gemahl an einem schrecklichen Leiden verloren, eben diesem Leiden in der qualvollsten Art hat erliegen müssen. Sieht man aber näher zu, so ist das eigentlich noch nicht tragisch, sondern nur traurig. Es ist ein Loos und ein Kreuz, wie es auch die Menschenkinder in den niederen Regionen zahllos tragen müssen. Als Gemahlin eines Kronprinzen, dem kriegerischer Ruhm und Liebe des Volkes doch auch schon eine glänzende Stellung gaben, als Mutter eines Kaisers, der hoch emporragt unter den anderen zeitgenössischen Souveränen Europas, hätte die Stellung, die die Kaiserin Friedrich thatsächlich inne gehabt hat, trotz Allem, was ihr versagt geblichen ist, noch keineswegs unbefriedigend zu sein brauchen. Ihr tragisches Verhängniß liegt vielmehr in dem unausgeglichenen und unausgleichbaren Widerspruch zwischen ihrer Weltanschauung, dem, was sie erstrebte und wollte und ihrer Stellung, der Unmöglichkeit, in die sie versetzt war, sich jemals voll auszuleben, die geistige Kraft, die ihr innewohnte, jemals wirklich in Schwung zu bringen. Schon im bürgerlichen Leben nennen wir es tragisch, wenn wir sehen, wie edle Kräfte, reiner Wille, höchste Begabung in eine falsche Bahn gedrängt oder durch widrige äußere Umstände erstickt, sich unfruchtbar verzehren und die Persönlichkeit endlich unzufrieden und gebrochen aus dieser Welt scheidet. Aber solche Fälle rühren nur die Nächsten; sie sind zu häufig, um die Allgemeinheit zu interessiren, und die Menschheit mag andere, glücklichere Talente erzeugen. Bei Fürsten wird der Maßstab ein anderer. Wenn man von der bürgerlichen Tragödie gesagt hat, sie wirke deshalb weniger als die heroische, weil dem gemeinen Sterblichen die Fallhöhe fehle, die dem Schicksal der Könige die Erhabenheit verleiht, so empfindet man auch im Leben: das Schicksal dieser hohen Frau war tragisch, weil ihre glänzende, ja großartige Begabung, ihr thatkräftiger Wille, durch Geburt und Ehebund zur höchsten Bethätigung bestimmt, niemals zum vollen, wirklichen Thun gelangten, das feurige Herz sich immer wieder zusammenpressen lassen mußte und endlich das schwerste Leiden diesem unbefriedigten Dasein ein Ende machte. Es ist kein Widerspruch, daß dieses Leben doch auch reich an Glück gewesen ist. In der Ehe, in der Familie, in den Anstalten für Wohlfahrt und Gesundheit, in der Beschäftigung mit Wissenschaft, Literatur und Kunst, zuletzt noch in dem Bau und der Ausstattung des mit vollendetem Geschmack ausgeführten Schlosses Friedrichshof am Taunus hat die Kaiserin Glück und Befriedigung gefunden in Fülle. Aber ihr stolzer, königlicher Sinn wollte mehr, und hier eben, wo die fürstliche Persönlichkeit sich von der noch so reichen Privat-Persönlichkeit scheidet, setzt der tragische Zug ein, der ihr Leben durchzieht.
Als die Princeß royal von England ihre Lebensanschauungen bildete, kam in ihrem Vaterlande gerade jenes politisch-soziale Ideal zur Herrschaft, das wir als das bürgerlich liberale zu bezeichnen pflegen. Dieses Ideal wird heute in Deutschland nicht gerade besonders hoch mehr eingeschätzt und ist auch in England sehr verblaßt. Es ist das das Schicksal aller politischen Ideale: ihre eigentliche Blüthezeit ist diejenige, wo noch um sie gekämpft wird; sobald sie einigermaßen den Sieg errungen haben und in die Wirklichkeit übergeführt find, treten auch ihre Schwächen zu Tage, die Menschen werden ihrer müde, verkennen vielleicht gar den Fortschritt, den sie gemacht haben und sehen in dem ganzen Streben eine Verirrung. So ist es weiten Kreisen ja sogar mit der Reformation ergangen, und wer auf unseren Reichstag blickt, ist nicht mehr so ganz im Stande, die Begeisterung, mit der unsere Großväter von den Segnungen einer konstitutionellen Verfassung sprachen, nachzuempfinden. Die Mängel, die wir heute in dem Ideal des bürgerlichen Liberalismus erblicken, sind verschiedener Art: man fühlt durch, daß in dem idealistischen Gewande zuletzt ein materialistischer Kern steckt, daß das Streben nach irdischem Wohlergehen und Reichthum durch den ihm eingeschmolzenen Humanitätsgedanken nicht genügend in Schranken gehalten wird und leicht völlig die Oberherrschaft gewinnen kann. Die soziale Fürsorge für die untersten Klassen kommt bei aller Pflege der menschenfreundlichen Gesinnung im Einzelnen zu kurz. Der Staatsgedanke ist zu einer bloßen Rechtsform verflüchtigt und die Erhaltung und Durchbildung der Nationalität tritt zurück hinter einem unklaren Kosmopolitismus.
Das Alles aber hindert nicht, daß dieses bürgerlich-liberale Ideal doch seine Zeit und unermeßliche Verdienste gehabt hat. Ganz besonders wirksam und wohlthätig aber hat es sich im 19. Jahrhundert in England bewährt, wo es gelungen ist, ohne jede revolutionäre Erschütterung den alten aristokratischen Staat und die aristokratisch gegliederte Gesellschaft in die modernen Lebensformen schrittweise hinüberzuführen. In England konnten diese Ideen so ganz besonders leicht und tief Wurzel schlagen, weil hier der kosmopolitische Zug des Liberalismus mit dem Egoismus der nationalen Politik nicht nur nicht zusammenstieß, sondern sich sogar lange Zeit amalgamiren zu können schien. England war ja selbst eine Art kosmopolitische Macht. Von einer ernsthaften Rivalität anderer Nationalitäten auf dem Erdball war noch nicht die Rede. Von keiner Seite war England irgendwie ernstlich bedroht. Waren von Rußland in ferner Zukunft Gefahren zu erwarten, so konnte England sich sagen, daß es an der Spitze der Zivilisation gegen die Barbarei kämpfen würde, indem es Rußland Schranken setzte. England also konnte sich einer angenehmen Lässigkeit in der Anspannung der Staatskräfte und der Staatsautorität hingeben, die Steuern erleichtern, die Wohlfahrt pflegen, dem Individuum jede Art freier Bewegung gönnen, ohne dabei seine nationale Stellung in der Welt als Großmacht zu gefährden. Seine Kräfte reichten immer noch hin, die etwa eintretenden Krisen, nicht nur die zahllosen kleinen Kolonialkriege, sondern auch den Krimkrieg und den indischen Aufstand zu überwinden. Der Stolz altbegründeter nationaler Macht und angesammelten Reichthums vermählte sich mit dem Bewußtsein höchster Kultur. Welches Volk konnte sich mit diesem messen?
Aus dieser Sphäre kam die Tochter, und als ältestes Kind eventuelle Erbin der Königin von England, nach Preußen - in was für Zustände! Man kann sich die Verhältnisse in Preußen in der zweiten Epoche Friedrich Wilhelms IV., in der Reaktion gegen die Revolution von 1848 kaum trübe genug vorstellen. Mit wahrhaft furchtbaren Worten ist ja diese Zeit gebrandmarkt worden durch keinen anderen als durch König Wilhelm selber in der Ansprache an seine Minister, mit der er als Prinzregent die Regierung übernahm. Ohne Ehre und Ansehen nach außen stand Preußen da, ohne jedes positive Ziel in seiner Politik; der einzig herrschende Gedanke beim König wie bei der Regierung die Angst vor dem Dämon der Revolution; der König noch fortwährend beschäftigt mit Plänen, wie er die Verfassung wieder los werden könne, das Volk erfüllt von Mißtrauen und Erbitterung. Gewaltsam, durch ein Polizeiregiment von unglaublicher Brutalität, durch politische Prozesse und Maßregelungen wurde die Ordnung aufrecht erhalten. Die Regierenden selber waren sich bewußt, daß ein Staatswesen dieser Art keinen Bestand haben könne. Aus den jüngst veröffentlichten Papieren des Ministerpräsidenten von Manteuffel ist das Geständniß an den Tag gekommen, er, der leitende Staatsmann habe den Glauben an die Zukunft Preußens verloren.
Eben als das jungvermählte kronprinzliche Paar in Berlin einzog, schien sich ein Umschwung vollziehen zu sollen. Der Prinz von Preußen, bis zum Jahre 1848 starrer Absolutist, hatte sich durch die Erfahrungen dieses Jahres und unter dem Einfluß aufgeklärter Persönlichkeiten, namentlich des Prinzgemahls von England, den liberalen Ideen genähert und versuchte, Prinzregent geworden, Preußen in neue Bahnen hinüberzuleiten. Fast als eine Rechtfertigung Friedrich Wilhelms IV. erscheint es, wenn wir sehen, wie er dabei scheiterte. Die Führer der Liberalen, an die er sich wandte, erwiesen sich als absolut unfähig, und in voller Verzweiflung, drauf und dran die Krone niederzulegen, wandte sich König Wilhelm zu den Reaktionären zurück.
Niemand ahnte, daß dieser Rückfall in die Reaktion nur ein Scheinbarer war, daß der Weg durch die öde, unfruchtbare Wüste diesmal nicht im Kreise herumführen, sondern in dem lachenden, unerschöpflichen Fruchtgefilde einer großen nationalen Politik enden sollte, und noch Jahre vergingen, ehe der erste Blick in das Land der Verheißung sich dem erstaunten Auge des Volkes aufthat.
Ich bin im Einzelnen nicht näher unterrichtet über die Empfindungen und Bestrebungen des kronprinzlichen Paares in dieser Zeit. Aber schon die allgemeinen Gegensätze lassen uns erkennen, an einen wie dornenreichen Platz die Kronprinzessin gerathen war.
Geistvoll, lebendig, thatkräftig, erfüllt von den Ideen, unter deren siegreichem Vordringen Sie ihr Heimathland glücklich, zufrieden, blühend hatte werden sehen, konnte sie kein höheres Ziel haben, als das Land ihres Gemahls, an den sie sich, wie er an sie, mit der ganzen Innigkeit ihres Gemüths anschloß, desselben Glücks theilhaftig werden zu lassen.
Die Umgebung, in die sie kam, hatte ganz andere Anschauungen.
Die englischen Parteien unterscheiden sich sehr wesentlich von den deutschen. Die Whigs und Tories sind nicht unterschieden wie Bürgerthum und Aristokratie, sondern sie sind beide aristokratisch, zwei Faktionen innerhalb der Aristokratie. Daher kommt es, daß am englischen Hofe von je beide Parteien gleichmäßig und mit gleichem sozialen Ansehen und moralischem Recht einander gegenüberstanden. Die Parteien in Deutschland haben als wesentlichstes Element das ständische. Die konservative Partei ist aristokratisch, und so kommt es, daß am Hofe so gut wie ausschließlich diese eine Richtung vertreten ist. Es ist die selbstverständliche, die "gute" Gesinnung. In der Reaktionszeit bekam diese gute Gesinnung noch ihre besondere Färbung durch höhnische Ablehnung des nationaI-deutschen Gedankens und namentlich durch die engste Verkoppelung mit Kirchlichkeit und Orthodoxie. Die Hofbeamten Friedrich Wilhelms IV. rapportirten dem König darüber, welche hohen Beamten und Militärs regelmäßig in die Kirche gingen und welche nicht. Mit der wirklichen Bildung aber stand es, erstaunlich genug in der Umgebung eines so hochgebildeten Fürsten wie Friedrich Wilhelms IV. und später der Königin Augusta, der Enkelin Karl August's, zum Theil noch sehr schwach. Die Kronprinzessin zeigte mir einmal halb lachend, halb verächtlich einen Brief eines sehr hohen Hofbeamten, freilich eines recht alten Herren, voll der gröbsten grammatikalischen und orthographischen Fehler. Erst in den fünfziger Jahren sind in der preußischen Armee die Stabsoffiziere, die mit "mir und mich" auf gespanntem Fuß standen, ausgestorben.
In der englischen Aristokratie wird in Summa schwerlich mehr allgemeine Bildung verbreitet sein als in der deutschen, aber die ungebildeten Elemente werden viel weniger bemerkt, weil die Aristokratie als Ganzes nicht so kastenmäßig abgeschlossen ist. Ist es schon für die Freiheit des Geistes von unschätzbarem Werth, daß es nicht eine, ein für alle Mal abgestempelte "gute Gesinnung" giebt, so kommt vor Allem die ganz andere ständische Organisation in Betracht. Den Engländern fehlt bekanntlich unser niederes Adels-Prädikat. Nur die wenigen hundert Lords haben eine Titel-Unterscheidung; zur Aristokratie gehören aber noch viele Tausend äußerlich nicht erkennbare Familien, und noch viel mehr, mangels jeder festen Grenze, rechnen sich dazu. Für die politisch-soziale Gesundheit eines Volkes kann es kein besseres System geben als diese historisch gebildete, offene Aristokratie, in die fortwährend unmerklich die tüchtigsten Elemente des Volkes aufsteigen, aus der die unbrauchbar gewordenen Glieder ebenso unmerklich herabsinken.
Die Kehrseite des Systems ist das Fehlen des eigentlichen Bürgerbegriffs. Der Engländer hat nur ein einziges Ideal: das ist der Gentleman. Das Wort ist für uns unübersetzbar, weil es die Ausprägung spezifisch englischer Zustände ist. Der deutsche Bürger und der deutsche Bauer, der etwas auf sich hält, will nicht nur kein Edelmann sein, ahmt ihm auch nicht einmal nach, sondern hat sein eigenes Standesbewußtsein, in dessen Formen er sich frei bewegt. Der englische Bürger hat, wie der ausgezeichnete Volkspsychologe Sidney Whitman, der Verfasser des "Kaiserlichen Deutschland" bemerkt hat, etwas Seelenloses. Er hat kein eigenes Selbst, er ahmt nur nach. Daher die für uns Deutsche bald lächerliche, bald ärgerliche englische Steifheit und Anmaßung. Kein Mr. Brown spricht von seiner Frau ander» als von "Mrs. Brown" und ganz England horchte auf, als der preußische Kronprinz einmal bei seinem ersten Besuch drüben einfach "meine Frau" sagte.
In der englischen Aristokratie selber merkt man von dieser Rückwirkung auf das Volksganze natürlich nichts. Hier empfindet man nur die Annehmlichkeit des in fester einheitlicher Sitte zusammengeschlossenen Volkes hinter seiner Aristokratie und bewegt sich selber in den Formen des vornehmen Lebens mit voller Freiheit. Im Gegensatz dazu mußte die junge Prinzessin Victoria in Preußen bemerken, daß sie von einer dem übrigen Volk exklusiv, fast feindlich gegenüberstehenden Kaste umgeben war, die eine politisch-religiöse Gesinnungs-Tyrannei auszuüben trachtete. Wohl gab es auch in dieser Sphäre Damen und Herren von vollendeter Bildung und unbefangenen, aufgeklärten Anschauungen, und das kronprinzliche paar wußte Persönlichkeiten zu finden, die ihm sympathisch waren, aber das waren doch immer nur einzelne - die vornehme preußische Gesellschaft als Ganzes athmete einen Geist, der der Kronprinzessin Widerwillen einflößte.
Ein Herr, der sehr lange in ihrer Umgebung gelebt und sie sehr genau gekannt hat, sagte zu mir am Tage der Beisetzung: man sagt, sie sei antipreußisch gewesen; das ist nicht wahr - Sie war antipotsdamisch. Dies bon mot enthält thatsächIich alles. Potsdam ist der Ausdruck jenes aus Junkerthum, Frömmelei und Kommiß zusammengesetzten Preußenthum, dem die romantische Phantasie Friedrich Wilhelms IV. vergeblich einen wirklich lebendigen Geist einzuhauchen versuchte. Der wahre preußische Staat aber war nicht Potsdam, sondern brach, wie wir Alle wissen, mit der Kraft eines sieghaft jungen Recken aus der harten, häßlichen Kruste der Reaktion hervor, um da» schlafende Dornröschen Deutschland zu erwecken und das hoffnungsfrohe neue Deutsche Reich zu begründen.
In dieser Neubildung hat das alte feudalbureaukratische Preußen sehr wesentliche Elemente des bürgerlichen Liberalismus aufgenommen. Der Kronprinz stellte sich mit aller Kraft in den Dienst der neuen Entwicklung und hat nicht bloß als Feldherr, sondern auch politisch sehr große Verdienste um da» Gelingen. Kaiser Friedrich hat mir selber einmal erzählt, wie er in Nikolsburg bei dem Zwiespalt zwischen dem König und Bismarck glücktich vermittelte. Er habe auch persönlich mit dem Abgeordneten Twesten verhandelt, um den Ausgleich zwischen der Regierung und den Liberalen zu befördern. Ich habe schon in den "persönlichen Erinnerungen" davon gesprochen und betont, wie wichtig dieses Eingreifen geworden ist. Auf der andern Seite hat bekanntlich Bismarck seinen konservativen Freunden, die von ihm verlangten, daß er den Sieg von Königgrätz für eine konservative Politik im Inneren ausnutze, mit dem Hinweis auf den Kronprinzen, der dieser Art Konservatismus doch auf alle Fälle ein Ende machen werde, abgelehnt.
Trotz dieser starken direkten wie indirekten Mitwirkung ihres Gemahls, trotz des Stolzes auf seinen kriegerischen Ruhm, konnte die Kronprinzessin der neuen Entwickelung eine reine Freude doch nicht abgewinnen, persönliche Beziehungen erschwerten ihr die Aussöhnung. Sie hatte sich mit Enthusiasmus der nationalen Stimmung angeschlossen, die der Kampf um die Befreiung unserer Nordmark von der dänischen Herrschaft entfesselte und die ihr Ziel in einem selbständigen Herzogtum Schleswig-Holstein unter dem Herzog Friedrich von Augustenburg erblickte. Es ist vielen braven Männern schwer geworden, sich darin zu finden, daß diese Lösung unmöglich war; politische Ideen werden nicht bloß mit dem rechnenden Verstande, sondern mit dem Gemüt ergriffen, sie verdichten sich zu Gesinnungen, die man zwar nicht aus bloßem Eigensinn und Rechthaberei als unabänderlich behaupten soll, aber auch nicht wechseln kann wie ein Kleid.
So klar es heute ist, daß die Verbindung mit Preußen auch für die Schleswig-Holsteiner selbst das Segensreichste war, so war es doch im Jahre 1863 unmöglich, daß die nationale Aufwallung im deutschen Volke sich dieses Ziel setzte, und es ist mir stets als eine große Unbilligkeit erschienen, daß Sybel in seiner "Begründung des Deutschen Reichs" den Herzog Friedrich mit Ironie, ja geradezu mit Spott behandelt. Er that doch nur, was die Nationalgesinnten in Deutschland von ihm verlangten, und war ein Mann, wie die Kronprinzessin mir einmal versicherte, der nie sich selbst, sondern immer nur das Allgemeine Beste im Auge hatte. Sie empfand das Unrecht, das diesem von ihr so hoch geschätzten, ihr verwandten und befreundeten Fürsten geschah, auf das Bitterste und sah in dieser Stimmung auch das, was sonst geschah, mit weniger günstigen Augen an.
Das, was Sie gewünscht, gehofft und gewollt hatte, war es ja doch noch lange nicht, und wie langsam und stückweise vollzog sich der Fortschritt! König Wilhelm wollte sich von den Männern, die die schwere Konfliktszeit treu mit ihm ausgehalten, nicht trennen. Noch Jahre lang mußte Preußen einen so unglaublichen Justizminister wie den Grafen Lippe ertragen, und ein Mann von den Bildungs-Idealen des Herrn von Mühler stand bis 1872 an der Spitze unseres Kultusministeriums. Nun kam Falk - aber er brachte den Kulturkampf. Die Kronprinzessin hatte keinerlei Sympathien für den Katholizismus als solchen, aber sie huldigte der Vorstellung von der freien Kirche im freien Staat. Der italienische Minister Marco Minghetti, zu dem sie freundschaftliche persönliche Beziehungen pflegte, schien ihr darüber die richtigsten Grundsätze zu haben, und - wie man auch über die taktische Nothwendigkeit der Bismarck'schen Politik in dieser Frage denken mag - heute haben sich ja auch die eifrigsten alten Kulturkämpfer jenen Anschauungen sehr genähert.
Als nun der Kulturkampf zu Ende ging, kamen die Schutzzölle, der Antisemitismus, das Sozialistengesetz, die soziale Gesetzgebung - lauter Dinge, die dem politischen Ideal, das die Kronprinzessin treu im Herzen trug, schnurstracks widersprachen.
Als Sie mich einmal fragte, welcher Partei ich denn angehörte, sagte ich - es waren schon einige humoristische Wendungen vorausgegangen: - "Kaiserliche Hoheit, ich bin konservativer Sozialdemokrat." "So", antwortete Sie spitz und fast böse, "das ist ja recht hübsch auf beiden Seiten um das Richtige herum."
Die Entwicklung, die in diesem Scherzwort angedeutet ist, hielt die oppositionelle Stimmung der Kronprinzessin nicht nur wach und lebendig, sondern verschärfe sie in gewisser Beziehung noch. In der Konfliktszeit hatte sie sich damit trösten können, daß der größte und gebildetste Theil des Volkes hinter ihr und ihren Anschauungen stehe; sie hatte der sicheren Hoffnung gelebt, daß über kurz oder lang ihre Weltanschauung, wie sie in England herrschte so auch in Preußen und Deutschland siegreich durchbrechen müsse. Nun mußte sie sehen, wie der größte Theil der Männer, auf deren Mitarbeit sie gebaut hatte, theils Kompromisse schloß, die manches opferten, theils überhaupt sich anderen und neuen Ideen zuwandte. Die einzige Partei, deren Bestrebungen noch einigermaßen mit ihrem Ideal zusammentrafen, die Fortschrittspartei, schwand zu einem kleinen Häuflein dahin, und wenn man sie darauf hinwies, unter welcher Führung diese Gruppe stehe, so konnte Sie auch nicht mehr sagen, daß sie ihr gefiele. Freilich, gegen Rudolf Virchow ließ sich nichts einwenden, und diesem ausgezeichneten Manne bewahrte sie stets ein großes Vertrauen. Aber im Ganzen konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß sie mit ihrer Gesinnung in Vereinsamung gerathen sei. Als die nationalliberale Partei sich spaltete, und endlich der linke Flügel sich mit der Fortschrittspartei zur freisinnigen Partei verschmolz, schien einen Augenblick andere Verhältnisse heraufziehen zu sollen. Es ist mir nicht bekannt, ob die neue Partei mit dem kronprinzlichen Paare Beziehungen gehabt oder sie gesucht hat; jedenfalls zeigte sich ja sehr bald, daß diese Fusion eine gänzlich unfruchtbare verfehlte Gründung war, wie sie sich ja auch nach wenigen Jahren wieder aufgelöst hat. Ich lobte einmal sehr Georg von Bunsen, weil er rechtzeitig die Unmöglichkeit einer Politik der "freisinnigen Partei" gegen Bismarck eingesehen und den einzig möglichen Ausweg, den Rücktritt aus dem öffentlichen Leben gewählt habe. Die Kronprinzessin widersprach zwar, aber sagte doch eigentlich nichts Positives dagegen.
Man hat der Kaiserin Friedrich nachgesagt und vorgeworfen, daß sie englisch gesinnt gewesen und geblieben sei. Man wird nunmehr erkannt haben, daß, so weit die Thatsache richtig ist, sie nicht auf einer blinden Voreingenommenheit beruhte, sondern mit den tieferen Wurzeln ihrer ganzen Weltanschauung zusammenhing. Die Heimath durch Auswanderung oder durch Verehelichung in ein anderes Volk zu wechseln, ist für jeden tiefer empfindenden Menschen schwer, und die hohe Frau hing mit der ganzen Innigkeit ihres Gemüths an dem Lande ihrer Geburt. Diese Empfindung mit einer warmen und wahren Liebe zu Deutschland zu verbinden, wäre ihr an sich nicht schwer geworden. Ihr über Alles geliebter Vater war Deutscher, im Grunde ja auch die Familie ihrer Mutter; sie nannte sich von Geburt an nicht bloß Prinzeß royal von Großbritannien und Irland, sondern auch Herzogin zu Sachsen; von Kindheit auf hatte sie ebensoviel und vielleicht mehr deutsch als englisch gesprochen; die deutsche Wissenschaft, Kunst, Literatur, Musik erfüllte sie mit Begeisterung. Sie wünsche, sagte sie einmal zu mir, die Einheit zu vertreten, die in den beiden Völkern der Deutschen und Engländer vorhanden sei.
Indem nun Preußen-Deutschland keineswegs, wie sie und mit ihr Viele der besten Deutschen, ich erinnere nur an Rudolph Gneist, gehofft hatten, eine ähnliche politisch-soziale Bahn einschlug wie England, sondern aus den abgelebten ganz neue und eigenthümliche Lebensformen entwickelte und endlich sogar in starke internationale Spannungen mit England trat, wurde jene Vorstellung unrealisirbar. Die Differenz, die sie so gern überbrückt hätte, trat klaffend zu Tage, und wenn die Deutschen nun ihr neues Staatswesen und seine Fortschritte rühmten, so war sie viel zu ehrlich und temperamentvoll, um mit ihren abweichenden Ansichten, die nun eben die englischen waren, zurückzuhalten. Sie wußte wohl, daß sie dadurch unpopulär wurde, und empfand es schmerzlich, aber sie hätte ihr ganzes Selbst aufgeben müssen, um anders zu sein. Ich erzählte einmal im Jahre 1888, wie Kaiserin Katharina II. von Rußland sich als Fremde im russischen Volke dadurch ihre Stellung gemacht habe, daß sie, die Freigeistin, die Freundin Diderots, öffentlich stundenlang vor den Heiligenbildern kniete; man müsse auch den nationalen Götzen opfern. Sie verstand mich wohl, sagte aber, sie wisse nicht, wie sie dies anfangen solle.
Ganz falsch ist es, hiermit in Zusammenhang zu bringen, daß im Hause manches englisch eingerichtet und viel englisch gesprochen wurde. Es giebt keine Hausfrau, die nicht Vieles aus den Gewohnheiten ihres Elternhauses in das ihres Mannes übertrüge, und was die Sprache betrifft, so liegt die Sache viel einfacher. Man kann eine fremde Sprache weder lernen noch beherrschen ohne unausgesetzte Übung. In fürstlichen HäuSern, wo man nothwendig mehrere Sprachen gebrauchen muß, werden daher auch stets mehrere Sprachen gesprochen. Es ist einfach eine Sache der Pädagogik. Man kann von Prinzen kaum sagen, welches im strengen Sinne des Worts ihre Muttersprache sei. Pädagogische Nachtheile, die man von dieser Sprach-Hypertrophie vielleicht erwarten möchte, sind nach meiner Erfahrung nicht besonders bemerkbar, ebensowenig besondere Vortheile schnellerer oder reicherer geistiger Entwickelung. Die zweite, vielleicht auch dritte Sprache ist eine werthvolle Fertigkeit, die man sich durch Übung erhält. Das ist Alles und wird in allen fürstlichen Häusern ziemlich dasselbe sein. Hier und da macht es sich vielleicht einmal in einem fremden Accent geltend; wenigstens habe ich einmal gehört, die Engländer machten es ihrem Königshause zum Vorwurf, die Herrschaften sprächen das Englische mit deutschem Accent. Die Kaiserin Friedrich hatte in ihrem Deutsch, so voll= kommen sie es sprach, einen leisen englischen Accent, den ich aber nur anfangs, später, als ich mich daran gewöhnt hatte, nicht mehr heraushörte. Ihre Kenntniß des Deutschen erstreckte sich nicht nur auf die hochdeutsche Schriftsprache, sondern auch auf die Dialekte. Fritz Reuter kannte sie durch und durch und flocht wohl drastische Redewendungen von ihm in's Gespräch: "Wat den Eenen sin Uhl is, is den Annern sin Nachtigall." Wenn Herr von Normann, ebenso wie ich geborener sprachlicher Landsmann Fritz Reuter's, zusammen platt sprachen, so "högte sie sich mächtig darüber."
Der Gegensatz deutsch-englisch entlud sich natürlich häufig in Diskussionen wie in Neckereien. Ich verlangte einmal von Mr. Fox, dem englischen Gesellschafter der älteren Prinzen, der mit diesen oft zum Besuch im Neuen Palais war, einem sehr feinen, liebenswürdigen Mann, er solle mir sagen, wie "ein verrückter Engländer" in der englischen Sprache selber heiße. Er antwortet trocken "a man, who does what he likes and does not care for other people's opinions", was ihm ein lautes "Bravo, Mr. Fox," aus dem Munde der Herrin eintrug.
In deren Augen galt ich natürlich als ein großer England-Gegner. Ich hatte dem Prinzen Waldemar einmal erzählt von den kleinen Jungen in den Straßen von London, die, wenn ein Herr bei Schmutzwetter über den Damm will, schnell einen Übergang fegen und dafür einen Penny erhoffen. Mein Prinz hatte das so ausgelegt, daß die Straßen in London sehr schmutzig seien. "Aha," hieß es, "das hat ihm Dr. Delbrück gesagt."
Noch kurz vor seinem Tode, als wir in den Circus Renz fuhren, fragte er mich: "Herr Doktor, ist es wahr, daß London größer ist als Berlin?" "Ja wohl, viel größer." Kurze Pause, dann sagte er - "aber wir haben die meisten Soldaten." Der Zusammenhang ist nicht schwer zu errathen.
Daß die dürftige märkische Landschaft den Kürzeren zog bei dem Vergleich mit den herrlichen grünen Matten Englands, seinen Parks mit den uralten Bäumen, ist natürlich. "Hier wächst ja nichts als Kiefern und Kartoffeln" - "und die Helden", fügte Jemand aus der Umgebung hinzu. "Ja," erwiderte die Kronprinzessin, "das muß man ihnen lassen, tapfer sind sie."
Der Leser hat bereits bemerkt, welche Freiheit der Diskussion im kronprinzlichen Hause waltete. Bei aller Leidenschaft für ihre eigne Überzeugung hatte die Kronprinzessin doch viel zu viel Freude an der Debatte, um sie zu beschränken. Sie ertrug jeden Widerspruch, weil sSich fähig wußte, sich mit ihm auseinanderzusetzen, und es hat mir nichts geschadet, daß ich aus meinem eifrigen Bismarckianismus kein Hehl machte. Auch sonst fehlte es nicht an Diskussions-Objekten. Ich warf mich auf zum Propheten Böcklin's, den die hohe Frau nicht gelten lassen wollte. Auf dem Marsch über die Insel Capri ist der Naturgenuß für uns fast zu kurz gekommen, weil die Böcklin-Debatte, sich stundenlang hinziehend, die Geister völlig in Anspruch nahm.
In den "Gedanken und Erinnerungen" des Fürsten Bismarck wird die Kaiserin Friedrich viel freundlicher angesehen, als die Kaiserin Augusta. Das wird daher rühren, daß, obgleich sie, wie wir gesehen haben, im stärksten inneren Gegensatz zu ihm stand, zuletzt doch eine gewisse Annäherung stattgefunden hat. "Wir stehen besser miteinander als Sie denken," sagte sie einmal zu mir im Jahre 1888, und als ich von den schnöden Preß-Angriffen auf Allerhöchstihre Person sprach, erwiderte sie, davon wisse der Kanzler gar nichts; solche Dinge drängen nicht bis zu ihm hin.
In den achtziger Jahren hatte der Fürst sich dem Kronprinzen einmal genähert und ihm mit unverkennbarer Absicht gesagt, Preußen könne ebenso gut mehr in konservativem und mehr in liberalem Sinne regiert werden, je nachdem der Monarch es befehle.
Eine wirkliche innere Übereinstimmung zwischen der Kaiserin Friedrich und dem Fürsten Bismarck hat natürlich niemals stattgefunden, und als dieser im Jahre 1890 nun wirklich zurückgetreten war, sagte die hohe Frau einmal mit einer gewissen Bitterkeit zu mir, "warum war es denn jetzt möglich?" Ich antwortete, "weil wir die Alters-Versicherung jetzt durchgebracht hatten", und denke auch heute, daß die zukünftige Geschichtsschreibung so ungefähr diese Antwort geben wird. Der wahre Grund, weshalb der Begründer des Reiches zuletzt abtreten mußte, war, daß nach 27 jährigem, unendlich fruchtbarem Walten seine Ideen erschöpft waren. Er hatte weder nach innen noch nach außen ein positives Programm mehr. Im Inneren widersetzte er sich all den einschneidenden Reformen, die die Ressort-Minister in der Finanz- und in der Gemeinde-Verwaltung, in der Gewerbeordnung, im Heer seitdem durchgeführt haben, und nach außen hielt er das Prinzip der Saturirung fest, das Deutschland von der Weltpolitik ausschloß. Ein Staat aber, der nicht vorwärts geht, geht zurück. Alle Dankbarkeit und alle Verehrung für die weltgeschichtliche Größe des Fürsten Bismarck darf uns nicht abhalten auszusprechen, daß sein Rücktritt im Jahre 1890 für eine fortschreitende glückliche Entwickelung des Deutschen Reiches und des deutschen Volksthums eine absolute Nothwendigkeit war.
Die schwerste Beschuldigung, die Fürst Bismarck gegen die beiden Kaiserinnen erhoben hat, ist, daß sie das Wohl und Wehe der deutschen Armee einem sentimentalen Mitgefühl für die Welthauptstadt Paris aufgeopfert und indem sie durch Einwirkung auf die beiden hohen Gatten das Bombardement verhinderten, den Krieg verlängert hätten. Die vollkommene Absurdität dieser Beschuldigung ist in diesen "Jahrbüchern" (Bd. 68 u. Bd. 96) eingehend nachgewiesen worden. Fürst Bismarck, dessen eindringender Verstand sonst eigentlich alle Lebensgebiete beherrschte, verstand, wie dabei an einer Reihe von Aussprüchen dargethan, gerade von militärischen Dingen sehr wenig und wußte sich, obgleich die sämmtlichen strategisch mitsprechenden Offiziere, Moltke, Podbielski, Bronsart, Verdy, Brandenstein, Hindersin, Kleist, Blumenthal mit dem König und bem Kronprinzen darin völlig einig waren, daß sowohl eine förmliche Belagerung wie ein Bombardement eine ganz zwecklose Kraftverschwendung sein würde, diese Auffassung nicht anders als durch unerlaubte Einflüsse zu erklären. Der einzige hohe General, der ihm beistimmte, statt ihn aufzuklären, ihn in seinem Irrthum bestärkte und deshalb als der eigentlich Schuldige an dieser unseligen Wirrniß anzusehen ist, ist Roon. Ich habe lange vergeblich nach einer Erklärung für diese unbegreiflich erscheinende Haltung gesucht, glaube sie aber jetzt gefunden zu haben. Man erinnere sich jener Äußerung Moltke's, der Kriegsminister gehöre nicht ins Hauptquartier, sondern müsse von der Hauptstadt aus der Fürsorge für die Armee obliegen. So einleuchtend richtig das ist, so hat Roon doch weder 1866 noch 1870 die Selbstüberwindung gehabt, zu Hause zu bleiben, während die Armee in den Krieg zog. Es lag ihm um so ferner, als bis dahin er, nicht Moltke, der nächste militärische Berather des Königs gewesen war. Indem er nun für das Strategische mehr und mehr vor Moltke zurücktreten mußte, gerieth er in die üble Lage des fünften Rades am Wagen, und das erzeugte in ihm eine psychologisch nur zu erklärliche Fronde-Stimmung gegen den Generalstab. Schon am Abend der Schlacht bei Gravelotte war es zu einem Zusammenstoß gekommen. Der Kriegsminister war gewiß ein höchst bedeutender Mann, aber nicht eigentlich genial. Will man nachträglich die Frage auswerfen, wie etwa der französische Krieg noch kräftiger geführt und noch schneller hätte zu Ende gebracht werden können, so war unzweifelhaft die einzige Möglichkeit die, welche Blumenthal vorschlug. Der Feldmarschall hat es mir selbst erzählt, wie er in den Kronprinzen gedrungen sei, er solle sich vom König, gleich nach der Durchführung der Einschließung von Paris, zwei Armee-Korps geben lassen und mit den gesammten Truppen, die die Einschließung nach außen deckten, die Offensive ergreifen. Dann hätte man die Gambetta'schen Armeen auseinander gejagt, ehe sie gebildet waren. Heute, wo wir wissen, wie gering die Ausfallskraft der Pariser war, wird man die Ausführbarkeit dieser Idee wohl zugeben können. Aber wir werden es dem König und Moltke nicht verdenken, daß sie die schon so überaus schwache Einschließungs-Armee, die auf einen Gürtel von 11 Meilen vertheilt war, nicht noch mehr schwächen wollten, und auch Bismarck und Roon, die, wenn sie denn eine gesteigerte Leistung forderten, nur jenen wahrhaft großartigen Gedanken hätten unterstützen dürfen, kamen statt dessen auf die traurige Halbheit von Bombardement und Belagerung, die uns viele brave Leute und unsägliche Anstrengung gekostet hat, ohne irgend etwas zu nützen.
Bei der Zähigkeit, mit der sich die entgegengesetzten Vorstellungen zum Schaden des Andenkens der beiden Kaiser und der beiden Kaiserinnen noch immer in der öffentlichen Meinung behaupten, war es wohl nicht unangebracht, auch an dieser Stelle noch einmal den wahren Zusammenhang etwas eingehender darzulegen.
Um die religiöse Stellung der Kaiserin Friedrich zu verstehen, ist es auch wieder nöthig auf ihre Jugendeindrücke, auf die englischen Verhältnisse zurückzugehen. Der englische Protestantismus unterscheidet sich dadurch von dem deutschen, daß er einen viel ausgebildeteren Kirchenbegriff und reicher ausgestatteten Kultus, dagegen eine viel weniger ausgeprägte Dogmatik besitzt. Während der religiöse Genius des deutschen Volkes sich in immer erneuten Anläufen bemüht hat, das religiöse Geheimniß begrifflich zu fassen, die deutsche Kirchengeschichte seit Luther daher zum großen Theil in Dogmenstreitigkeiten verläuft, drehen sich die großen englischen Kirchenkämpfe immer um Verfassungsfragen und ihre symbolischen Exponenten im Kultus. Die gewaltige Bewegung des Puritanismus im 17. Jahrhundert hatte keinerlei dogmatischen Inhalt, sondern bewegte sich um anscheinend rein äußerliche Dinge. Tracht der Geistlichen, Bilder und Lichter in der Kirche, Kreuzschlagen, Empfang des Abendmahls sitzend oder knieend, an einem Tisch oder vor einem Altar, als Hostie oder als Brod. Was endlich die Oberhand gewonnen hat, ist ein reich ausgestatteter Gottesdienst, feste äußerliche Formen, namentlich in der Sonntagsheiligung, eine ziemlich nebensächliche Behandlung der predigt und daher auch des eigentlich Theologischen, des Dogmas.
Wer in einem derartigen Kirchenthume aufgewachsen ist, der wird an der deutschen Art des Gottesdienstes nur dann Gefallen finden, wenn angeborene Gemüthsart gerade der Betrachtungsweise der Predigt besondere Neigung entgegenbringt. Bei der Predigt hängt wieder sehr viel, fast alles von der Person der Prediger ab. Weder die Predigt, noch die Prediger, die sie in Berlin und Potsdam fand, konnten der jungen Prinzessin Victoria besonders zusagen. Ihr ganzes Wesen war auf Klarheit und rationelle Erkenntniß gerichtet; alles Mystische widerstrebte ihr. Konnten ihr Prediger, die sie intellektuell weit überschaute, religiöse Erbauung geben? Zu allem war die dogmatisch orthodoxe Auffassung der Religion, die am Hofe als die allein zulässige angesehen wurde, im engsten Bunde mit der politischen Reaktion, die die Ideale des deutschen Volkes mit Gewalt niederdrückte und am Boden hielt. So kam sie auch in ihrer Religion niemals in volle Harmonie mit dem Kreise, in dem sie lebte. Noch in ihren letzten Leidenstagen hat sie sich ein so sehr ernstes Buch, wie Harnack's "Wesen des Christenthums," vorlesen lassen, aber sie bestimmte durch Testament, daß bei ihrer Beisetzung keine Begräbnißrede gehalten, sondern nur ein Gebet gesprochen werden solle.
Einer besonderen kleinen Eigenschaft als Zeugnis ihrer in sich sicheren Geistesfreiheit möchte ich noch erwähnen. Es giebt bekanntlich viele sonst hochintelligente Menschen, die doch irgend einem kleinen Aberglauben in bestimmten Zahlen, Tagen oder Vorzeichen huldigen. Die Kaiserin Friedrich war völlig frei davon, obgleich sie, wie sie erzählte, einmal etwas erlebt habe, was einen Menschen, der sonst dazu geneigt sei, wohl hätte abergläubisch machen können. Als Sie ihren dritten Prinzen geboren hatte, fragte der Kronprinz beim König an, wie er ihn nennen solle. König Wilhelm erwiderte, es sei ihm gleich, nur den Namen Ferdinand möge er nicht, der habe dem Hause kein Glück gebracht. Die kronprinzlichen Herrschaften beschlossen, den Sohn Sigismund zu nennen. Da geschah es, daß der Hofprediger bei der Taufe statt Sigismund Ferdinand sagte. Der König sah seinen Sohn vorwurfsvoll an; es schien ja, als ob er ihm absichtlich diesen Tort angethan hätte. Die Sache mußte aufgeklärt werden; das Merkwürdige war, daß nicht etwa der Hofprediger vorher davon gehört hatte, daß der Prinz nicht Ferdinand heißen solle und eben deshalb in den Irrthum verfallen war, sondern es war wirklich reiner Zufall, daß er sich gerade mit diesem Namen versprochen. Aber das Wort König Wilhelms ist eingetroffen, dem kleinen Prinzen ist kein Glück beschieden gewesen, er ist 2 Jahr alt im Jahr 1866 während des Krieges gestorben.
Wie sehr fürstliche Persönlichkeiten unter anderen Bedingungen leben als andere Sterbliche, läßt sich besonders an Thatsachen erkennen, wo man es am wenigsten erwartet, und um so mehr möchte ich auch Folgendes noch erwähnen.
Man hat in Deutschland niemals gewußt, wie schön die Kaiserin Friedrich war. Das scheint bei einer Dame, die fortwährend den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, so unbegreiflich, daß man es auf eine vereinzelte Aussage hin vielleicht noch bezweifeln möchte. Aber es ist nicht nur wahr, daß sie viel schöner war, als man im Volke wußte, sondern auch ganz gut erklärlich. Als sie in Deutschland ankam, war sie noch ganz unentwickelt; in den Bildern jener Zeit vermag man kaum eine Ähnlichkeit mit ihrer späteren Erscheinung zu entdecken, Frauen, deren Schönheit wesentlich mit auf der Intelligenz des Ausdrucks beruht, erreichen den Höhepunkt naturgemäß erst später als Andere; bei denen der regelmäßige Schnitt der Züge den schönen Eindruck macht. Nun war die Prinzessin Viktoria nicht nur noch unreif, sondern erschien an der Seite eines Mannes, der das Bild regelmäßiger Schönheit und von ungewöhnlich stattlicher Gestalt war. Sie selbst war keineswegs klein, aber neben ihrem Manne erschien sie doch so. So war der erste Eindruck der äußeren Erscheinung nicht zu ihren Gunsten, und dieser erste Eindruck ist nie überwunden worden - aus politischen Gründen: weil sehr bald die Zeit eintrat, wo sie in hohem Grade unpopulär wurde und eine derartige, nicht schematische, sondern ganz individuelle Schönheit auch etwas mit den Augen der Liebe und Verehrung angesehen werden will, um entdeckt zu werden. Es kommt noch dazu, daß die große Staatstoilette ihr am wenigsten stand, bei weitem nicht so gut wie das Hauskleid. Ich glaube dieses Urtheil wird man sich von Jedem, der der hohen Frau einmal näher getreten ist, bestätigen lassen können. Als ich mit meinem damaligen Reichstagskollegen, dem verstorbenen Herrn von Wedell-Malchow, einem, wie ich glaube, sehr nüchtern denkenden Manne, einmal darüber sprach, stimmte er mir nicht nur zu, sondern sagte: "Wenn Sie einen mit ihren braunen Augen so freundlich ansah, man hätte für sie durchs Feuer gehen können." Als der zu früh verstorbene Maler Christian Wilberg, der im Neuen Palais eingeladen war und im Sanssoucipark Studien machte, dort einmal mit mir von der Schönheit der Kronprinzessin sprach, sagte ich zu ihm: "Lachen Sie mich nicht aus, aber wissen Sie, in welchem Augenblick Sie mir einmal besonders schön erschienen ist? - als sie gähnte. Können Sie mir das als Künstler erklären?" Wilberg aber lachte mich gar nicht aus, sondern sagte, das sei ganz richtig beobachtet: sie habe einen so schönen Mund, daß selbst jene an sich unschöne Bewegung ihr vortheilhaft sei.
Die großen Nationen malen ihren Volkscharakter selbst in den volksthümlichen Erzählungen, Legenden und Sagen, die sie schaffen. Die Typen, die in Abraham, Isaak und Jakob, in Juda und Joseph, in Sarah, Rebekka und Rahel geschaffen sind, sehen wir noch heute allenthalben unter den Juden. Das große Spiegelbild der Deutschen ist das Nibelungenlied. Schon längst hat man erkannt, daß der grimme Hagen in dem Fürsten Bismarck wieder auferstanden war; im Kaiser Friedrich sieht das Volk eine blonde Siegfriedsgestalt; in der stillen Kraft Dietrich's oder Gernot's kann man Moltke erblicken; Volker, der zugleich ein Ritter und ein Spielmann ist und die Sorgen der Männer löst mit Geigen; Rüdiger, der in dem Konflikt der Freundschaft und der Ehre die Ehre wahrt; der Heißsporn Wolfhart, sie wandeln Alle unter uns. Sollte ein Sänger, der nach 1000 Jahren von der Begründung des Deutschen Reiches singt, aus der Kaiserin Friedrich eine Chrimhilde machen können? Die lieblichste Mädchenblume, in der unter dem Unrecht, das ihr geschehen, die Leidenschaft der Rache herausbricht und endlich alles Andere überwächst und verzehrt? Heiterer, ja fröhlicher Gemüthsart von Natur hat auch die germanische Königstochter des 19. Jahrhunderts den Umschlag in Verdüsterung und Verbitterung bis zu leidenschaftlichen Ausbrüchen durchgemacht, und der Vergleich würde daher ebenso gut gemacht werden können, wie etwa der zwischen Bismarck und Hagen, aber in Wirklichkeit fehlte doch gerade das Wesentlichste, nämlich die Leidenschaft der Rache. Die hohe Frau war treu in der Liebe und stark im Haß, konnte auch wohl hart sein - aber die Begier der Rache an ihren Gegnern und Feinden habe ich nie an ihr bemerkt. Ich habe Persönlichkeiten im Auge, die wirklichen Verrath an ihr und ihrem Gemahl begangen haben - ich bin immer erstaunt gewesen, wie milde sie darüber urtheilte.
Als Historiker, der auch die Gegenwart schon mit der unbefangenen Wahrhaftigkeil der Wissenschaft anzuschauen und in den Einzelerscheinungen und Persönlichkeiten die allgemeinen Kräfte der Geschichte zu entdecken sucht, habe ich aus warmer Verehrung heraus, ohne Schmeichelei, dem Andenken der hohen Verblichenen gerecht zu werden versucht. Ich will schließen mit einem Bilde, das aus der Vergangenheit wechselvollen Tagen wie ein Sonnenstrahl das Treiben der Wolken und Nebelmassen durchbricht. Im Frühjahr 1881, als ich schon nicht mehr im Dienst war, hatte ich die Ehre eingeladen zu werden, die Kronprinzessin auf einer Reise von Rom nach Neapel zu begleiten. Wir besuchten auch das Kloster Monte Cassino, das älteste im Abendlande und dieser Eigenschaft wegen von der italienischen Regierung bei der allgemeinen Säkularisierung mit der Einziehung verschont. Das Kloster liegt auf einem hohen Berge. Die Mönche sind Benediktiner; auch viele Deutsche waren da, durch den Kulturkampf aus Deutschland vertrieben und die Erlaubniß zur Rückkehr abwartend. Einer von ihnen war beschäftigt, die Klosterwände mit neuen Wandgemälden zu schmücken, und zwar im strengsten byzantinischen Stil. Die Kronprinzessin gewann diesen Kunstwerken keinen Geschmack ab, mir aber machten sie gerade in ihrer Steifheit den Eindruck eines ungeheuren Ernstes, die ganze Kraft der mönchischen Askese schien mir aus diesen Gesichtern zu leuchten. Wir besahen das Kloster und die Kirche, die nicht alt ist, sondern, aus der Barockzeit stammend, zwischen Mittelalter und Gegenwart wieder ein eigenes Zeitalter ausprägt. Aus dem düstern Dämmerleben der Klosterkirche traten wir auf eine große Freitreppe, vor uns in der Tiefe und Weite die Herrlichkeiten der Welt in dem blendenden Licht der italienischen Sonne.
Welche Kontraste waren in diesem Augenblick vereinigt! Voran schritt die protestantische Fürstin, Tochter der Königin von England, zukünftige deutsche Kaiserin, die schöne Frau, die wahre Inkarnation der modernen Bildung; neben ihr der Abt mit dem Amethystkreuz auf der Brust und dem feinen italienischen Prälatengesicht, dahinter die Hofdame, die schöne hochgewachsene Gräfin Pauline Kalkreuth, dann mit den Herren des Gefolges das schwarze Gewimmel der sämmtlichen Mönche, die sich neugierig und ehrerbietig dem Zuge angeschlossen hatten. Der heilige Benedikt, der einst vor anderthalb Jahrtausenden an dieser Stelle das Kloster gegründet, Byzanz, das so merkwürdig zwischen Alterthum und Mittelalter steht, das Mönchthum, das unter allen Neuerungen der Zeit seine uralten Ideen der Weltflucht festhält, in einer Gruppe mit den vornehmsten Damen, Repräsentantinnen der Schönheit und Anmuth, des Germanenthums und des 19. Jahrhunderts. Die Größe der Natur und der in tausend Gestalten entgegengesetzter Art durch die Jahrhunderte sich entfaltende Reichthum des menschlichen Geistes in dem kleinen Ring eines Bildes und eines Augenblicks.
Geschrieben in Wengen i. d. Schweiz, September 1901.

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