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Kaiserin Friedrich als Künstlerin

2. Künstlerische Bestrebungen am preußischen Hof in Berlin

In Berlin hatte Victroria aufgrund ihrer zahlreichen repräsentativen Aufgaben kaum mehr Zeit zum Malen. Sie vermißte den regelmäßigen Kunstunterricht, beklagte sich bei ihrer Mutter über den "Müßiggang ohne Ruhe" am preußischen Hof und machte sich auf die Suche nach neuen Lehrmeistern. In Carl Gottfried Pfannenschmidt (1819-1887) fand sie schließlich einen vielseitigen Lehrer. Der Historien-, Bildnis- und Landschaftsmaler war seit 1865 Professor an der Berliner Akademie. Pfannenschmidt tendierte zu einer religiös geprägten Kunst. Mit seinen Fresken schmückte er u.a. das Mausoleum in Charlottenburg und die Schloßkapelle in Berlin aus. Zudem ist er Bildhauer gewesen.

Seit 1863 wurde die kunstsinnige Kronprinzessin von William Callow (1812-1908) unterrichtet. Der Künstler malte mit Kronprinzessin Victoria in Postdam, im Garten von Sanssouci, oder die beiden unternahmen Skizzenexpeditionen mit dem Stocherkahn zur Pfaueninsel. Bei Regen zeichneten sie die Räume und Flure des Neuen Palais, da es dort kein Atelier gab. Der englische Maler hatte bei seinem längeren Aufenthalt in Paris den Kindern von Louis Philippe Zeichenunterricht erteilt. Viele seiner Aquarelle wurden insbesondere in Frankreich prämiiert. Später wurde er Sekretär der Old Water Colour Society in London, deren Ausstellungen er regelmäßig bestückte.

Von dem Maler Christian Karl Magnussen (1821-1896) wurde Victoria 1873 während eines Aufenthaltes auf der Insel Föhr unterrichtet. Sie schickte ihrer Mutter einige Skizzen und meinte "Sie sind sehr schlecht, ich weiß, daß Landschaftsmalerei nicht meine Stärke ist." Eines der beiden Aquarellbücher von Victoria, die sich im Besitz der Hessischen Hausstiftung befinden, enthält Studien von der Insel Föhr und seinen Bewohnern. Magnussen hatte in Paris bei Couture studiert und sich später in Hamburg als Porträtmaler niedergelassen. Seine Studienreisen führten ihn immer wieder nach Italien.

In der Landschafts- und Aquarellmalerei übten bekannte Maler wie Christian Wilberg (1839-1882) und Ascan Lutteroth (1842-1923) Einfluß auf Victoria aus. Die gezeichneten Reiseskizzenblätter weisen durch ihre Technik auf die beiden Künstler hin, die sich häufig in der näheren Umgebung der Kronprinzessin aufhielten, ob im Neuen Palais in Potsdam, in Italien oder in der Schweiz. Von diesen beiden von ihr hoch geschätzten Landschaftsmalern hatte die Kronprinzessin Gemälde erworben, die sich heute im Schloß Friedrichshof in Kronberg befinden. Der Landschafts- und Architekturmaler Christian Wilberg lebte seit 1874 in Berlin, von wo aus er zahlreiche Reisen, insbesondere nach Italien - nach Rom und Venedig - unternahm. Dort entstanden zahlreiche Aquarelle, Panoramen und Dioramen. Ascan Lutteroth galt als der bedeutendste Hamburger Landschaftsmaler am Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Landschaftsdarstellungen hielten sich eng an die Naturvorlage. Er hatte eine Vorliebe für italienische Motiven, aber auch für blühende Obstbäume aus den Vierlanden.

Professor Albert Hertel (1843-1912) unterrichtet Victoria speziell im Stillebenfach und war ein gern gesehener Gast im Kronprinzenpalais. Außerdem malte der Künstler Landschaften, Porträts und dekorative Wandbilder. Er ließ sich nach zahlreichen Italienaufenthalten in 1869 in Berlin nieder. Hertel malte bevorzugt in der freien Natur. Diese Vorliebe für Freilichtmalerei teilte er mit den Künstlern von Barbizon, die ihn beeindruckten und die er vor Ort besuchte. Mit Gustave Courbet verband ihn eine enge Freundschaft.

Der wichtigste Lehrmeister der Kronprinzessin war Heinrich von Angeli (1840-1925), den sie 1873 auf der Weltausstellung in Wien kennenlernte. Der bekannte und beliebte Porträtmaler der höheren Gesellschaft wurde nach Berlin gerufen und beauftragt, Bildnisse von der Kronprinzessin und dem Kronprinzen zu malen. Fortan nahm Victoria Kunstunterricht bei Angeli. Sie schrieb ihrer Mutter: "Wenn ich regelmäßig von ihm Stunden haben könnte, wüßte ich, daß ich vorwärts käme. Ich mache mir Notizen von Farben, die er gebraucht, wie er anfängt zu malen, oder welche Bemerkungen er zur Malerei und zur Kunst macht." Das lebensgroßen Bildnis der Prinzessin Charlotte in einem Kleid im Renaissance-Stil weisen auf den Einfluß von Angeli hin. Als Zeichen Ihrer Wertschätzung vergab die Kronprinzessin zahlreiche Porträtaufträge, womit sie ihn zugleich förderte und protegierte. Zwischen dem galanten Maler und der Kronprinzessin entwickelte sich eine lebenlange Freundschaft. Sie musizierten gemeinsam und Victoria wurde Taufpatin bei einem seiner Kinder. Er wurde als "liebenswürdigen, vorzüglichen Maler, geschulten Sänger, vollendeten Kavalier, ein moderner van Dyck" beschrieben, "der mit seinem munteren Wiener Wesen und seinem durch keine höfische Schranken beengten Witz eine neue Note in den kronprinzlichen Kreis in jener damals noch so fröhlichen Zeit" brachte. 1894 besuchte Heinrich von Angeli Kaiserin Friedrich in Kronberg und malte das bekannte Porträt in Witwenkleidung.

Das Kronprinzenpaar pflegte ebenfalls freundschaftlichen Umgang mit Anton von Werner (1843-1915), dem favorisierten preußischen Hofmaler. Doch war dieser bei der Kronprinzessin nicht ebenso beliebt wie Angeli. Er hat die Kronprinzessin nie porträtiert. Nach der Rückkehr aus Versailles im Jahr 1871, zeigte der Historienmaler der Kronprinzessin, seine Skizzen für das große "Proklamations"-Gemälde. Er bewunderte Victorias "treffenden und sachverständigen Bemerkungen" über seine vorgelegten Blätter. Die Zeichnungen und Aquarelle der Kronprinzessin überzeugten ihn von der "außergewöhnlich künstlerischen Begabung und dem technischen Können der hohen Frau". Als Direktor der Berliner Akademie war Anton von Werner jedoch dagegen, Frauen an den Akademien studieren zu lassen, da er dem schönen Geschlecht die Befähigung und Berechtigung zur Ausübung von Kunst absprach.

Während eines Aufenthaltes des Kronprinzenpaares in Venedig im Jahr 1875 hielt sich Anton von Werner ebenfalls dort auf. In seinen "Erlebnissen und Eindrücken" berichtet der Künstler, daß Victoria unermüdlich die Kunstwerke alter Meister studierte oder Skizzen von bekannten Baudenkmälern und den Kanälen machte. Im Atelier von Ludwig Johann Passini (1832-1903) - einem Wiener Bildnis- und Genremaler, der lange Zeit in Venedig und Rom lebte - zeichnete die Kronprinzessin zusammen mit Werner und anderen Künstlern Studienköpfe. Mit ihnen gemeinsam aquarellierte sie im Klosterhof von San Gregorio. Es machte ihr nichts aus, für die Künstler Modell im spitzenbesetzten Kleid und Rubenshut mit weißer Feder zu sitzen.

Während dieses Aufenthaltes konnte Anton von Werner täglich die Skizzenbücher der Kronprinzessin sehen, er war "bei jedem Blatt überrascht durch den sicheren Blick, mit welchem überall das Künstlerische, Malenswerte herausgefunden, und die Sicherheit, Derbheit und Richtigkeit, welcher der Gegenstand, gleichviel in welcher Technik, zur Darstellung gebracht war. Und höher noch als ihr technisches Können schätzte ich das künstlerische Verständnis und Empfinden der hohen Frau, wie es gegenüber den Werken der Kunst und den Eindrücken der Natur bei jeder Gelegenheit zu Tage trat."

Einen besonderen Zauber übten die italienische Landschaft, die Menschen und das südliche Licht auf Kronprinzessin Victoria aus. Ihre Eindrücke hat sie in zahlreichen Werken in Aquarelltechnik, aber auch in Öl festgehalten. Maria von Bunsen begleitete die Kronprinzessin auf einer Malexkursion in Italien und äußerte sich über die künstlerischen Ambitionen der Kronprinzessin, "...keinesfalls hätte sie 'gemogelt', hätte etwa Berge blauer und höher dargestellt, als sie waren, doch fehlte die persönliche Eigenart und dadurch der eigentliche Reiz." Die Reisestudien nehmen - neben Porträts und Stilleben - einen großen Raum innerhalb ihres Werkes ein.

Wenig bekannt sind Victorias bildhauerischen Fähigkeiten. Schon in jungen Jahren hatte sie Unterricht in der Bildhauerei erhalten. In der Literatur wird die Kronprinzessin als "gewandte Bildhauerin" bezeichnet. Genannt werden eine Büste von ihrem Vater (um 1865) und von ihrer Schwiegermutter Kaiserin Auguste, deren Verbleib unbekannt ist. Im Schloß Sansoussi in Potsdam ist eine Gipsbüste der Zarin Alexandra Feodorowna (um 1860) erhalten. Die sehr fein gearbeitete weiße Marmorbüste des früh verstorbenen Sohnes Prinz Waldemar (um 1878) befindet sich im Schloß Friedrichshof in Kronberg. In Berlin war der Rauch-Schüler Albert Wolf (1814-1892), der vom Hof protegierter Bildhauer, ihr Lehrer.

Es wird vermutet, daß der Hofbildhauer Alexander Gilli (1823-1880) Einfluß auf die Kronprinzessin ausgeübt hatte und die Übertragung der Gipsbüste in Marmor vorgenommen haben könnte.

Bei dem Bildhauer und Maler Reinhold Begas (1831-1911) malte die Kronprinzessin gelegentlich im Atlier. Der Künstler hat zahlreiche Bildwerke für den preußischen Hof geschaffen. Genannt seien insbesondere die Porträtbüste von Kronprinzessin Victoria und Kronprinz Friedrich Wilhelm, die Grabmähler von Kaiser Friedrich III. sowie von den Prinzen Sigismund und Waldemar. Aufgrund ihrer eigenen bildhauerischen Fähigkeiten, konnte Victoria bei den zahlreichen Denkmälern, die sie insbesondere nach dem Tod ihres Mannes in Auftrag gegeben hat, fachmännischen Einfluß nehmen. Auch an den Kunstobjekten ihrer Sammlung ist ihr Hang zur Skulptur zu beobachten. Der Bruder von Reinhold war der bekannte Porträtmaler Oskar Begas (1828-1883), der Bildnisse vom Kronprinzen und seiner Tochter Prinzessin Victoria geschaffen hat.

Das Kronprinzenpaar pflegte zwanglosen Umgang mit Künstlern und Gelehrten. Im neuen Palais, das das sie In den Monaten Oktober und November bewohnten, wurden in der Regel jeden Donnerstag eine kleine Zahl an Künstlern oder Wissenschaftlern eingeladen, um sich mit ihnen über Kunst, Literatur oder Archäologie zu unterhalten. Außer den bereits genannten Künstlern, zählten Adolf Menzel (1815-1905), Paul Meyerheim (1842-1915), August von Heyden (1827-1897), Otto Knille (1832-1898), Gustav Richter (1847-1915), Graf Ferdinand von Harrach (1832-1915), Karl Emil Doepler d. Ä. (1824-1905), Ernst Ewald (1836-1904), Carl Becker (1820-1900), Ludwig Knaus (1829-1910), Wilhelm Gentz (1822-1890) zu den dem Kronprinzenpaar näherstehenden Künstlern.

Durch das Kronprinzenpaar fanden Kunst und Künstler wieder Einzug am militärisch geprägten preußischen Hof. Diese Entwicklung war für die Kunst in damaligen Deutschland von großer Bedeutung. Der Auf- und Ausbau des Kunstgewerbemuseums war ein besonderes Anliegen der Kronprinzessin. Die Einweihung des prachtvollen Neubaus von Martin Gropius fand an ihrem Geburtstag am 21. November 1881 statt. Im Kronprinzenpalais wurden regelmäßige und ungezwungene Zusammentreffen mit Künstlern und Gelehrten veranstaltet. Bereits 1860 wurde Kronprinzessin Victoria zum Ehrenmitglied der Berliner Akademie ernannt.

Die künstlerische Betätigung der Kronprinzessin führte zu einem vertieften Verständnis der Förderung von Kunst und Künstlern. Sie war jedoch nicht nur Künstlerin und Mäzenin, sondern auch eine begeisterte Sammlerin von Kunst und Kunstgewerbe. Die noch heute im Schloß Friedrichhof erhaltenen Kunstobjekte zeugen von ihrer großen Sammelleidenschaft.

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