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Werner Knopp: Der stumme Kaiser

Erinnerung an Kaiser Friedrich III. (1831-1888)

Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 18, 1981, S. 337-354

I.
Die große Berliner Preußen-Ausstellung des Jahres 1981, sonst mit der Fülle des gebotenen Materials den Besucher fast erdrückend, überging ihn, Friedrich III., immerhin vorletzter König von Preußen und lange Zeit Hoffnung des liberalen Deutschland, fast vollständig. Nur als Kronprinz (und da noch vom Katalog mit falschem Namen ausgestattet) fand er sich in der Staffage einiger Kolossalbilder. Das "Musée Sentimental de Prusse" allerdings ließ sich die Tragödie dieses Lebens nicht entgehen: An einem Wachsmodell des Kaiserkopfes stellte es das Todeswerk des Krebses zur Schau, an dem anno 1888 nach nur 99 Tagen ohnmächtigen Regierens der Kaiser und mit ihm die Hoffnungen einer ganzen Generation dahinstarben.
Abgedrängt ins Sentimentale, so also erschien im Jahr des großen Preußen-Spektakels die Eninnerung an Friedrich III. - doppelt bitter für ihn, geschah dies doch gerade in dem Jahre, in dem sich am 18. Oktober sein Geburtstag zum 150. Mal jährte, und geschah dies doch gerade im Umkreis jenes Gropius-Baues, der als Heim des Kunstgewerbemuseums seiner und seiner Frau Initiative wesentlich mitzuverdanken war, und dessen Einweihung er am 21.11.1881, Viktorias Geburtstag, als Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen Glanz verliehen hatte.
Jubiläen werden in unserem Teil Deutschlands eher widerwillig begangen, Monarchen stehen nicht mehr hoch im Kurs, Symbolfiguren unerfüllter Hoffnungen schon gar nicht. Der Heroenkult vergangener Tage scheint durch einen Kult sozialen Geschiebes abgelöst, in dem sich einzelne Akteure so sehr verlieren, daß sie als Adressat von Vorwürfen und Danksagungen gleichermaßen uninteressant werden. Friedrich III., dem stummen Kaiser, einige Gedanken zu widmen, ist gleichwohl angebracht und lohnend, zumal an dieser Stelle. War der Kaiser doch nicht nur eine politische Hoffnung der Liberalen und damit einer unseren heutigen Staat prägenden politischen Grundrichtung, sondern siebzehn Jahre lang als Protektor der Königlichen Museen auch für heute in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fortlebende Institutionen eine in Schutz und Förderung tätige Kraft, wie es sie in dieser Ausprägung nie wieder gegeben hat.
II.
Die Berufung in das Protektoramt geschah im Sommer 1871, als Preußen und mit ihm sein Kronprinz Friedrich Wilhelm im Zenit ihres Ruhms standen. Dieser Ruhm beruhte auf kriegerischen Erfolgen: das von Preußen gegründete und geprägte Deutsche Reich entsprach zwar als Nationalstaat Forderungen der Zeit, war aber erst durch drei siegreiche Kriege zustandegebracht worden. Und jedesmal hatte der Kronprinz daran Anteil gehabt. Verdeckt noch 1864, als er, ohne präzisen Auftrag ins Hauptquartier des vergreisten Feldmarschalls Wrangel entsandt, diesem mit behutsamer Entschiedenheit allmählich das Heft aus der Hand nahm und so zur erfolgreichen Beendigung des Konfliktes mit Dänemark beitrug. Voll im Rampenlicht dann 1866, als er im Rahmen des Moltkeschen Feldzugsplanes die Zweite Armee von Schlesien aus nach Böhmen führte, um genau im richtigen Moment den sich bei Königgrätz fast behauptenden Österreichern in die Flanke zu stoßen. Dieser schlachtentscheidende Stoß über die Linden von Horenowes bis auf die Höhe von Chlum war fortan Teil der preußischen Heldenlegende, nährte allerdings auch jenen fatalen Glauben an die Erfolgsgewähr auch riskanter und komplizierter Feldzugspläne, der später zum Schlieffenplan und zur Unterordnung deutscher Politik unter militärische Planabläufe führen sollte. Neben seinem Vetter Friedrich Karl, der in seiner roten Husarenuniform viele zeitgenössische Kriegsbilder eindrucksvoll belebt, war Kronprinz Friedrich Wilhelm fortan als Heerführer anerkannt, zudem bei seinen Soldaten als "Unser Fritz" außerordentlich beliebt. 1870 erhält er auch aus diesem Grunde den Oberbefehl über die viele süddeutsche Kontingente umfassende Dritte Armee. Weißenburg und Wörth sind die ersten blutigen, aber erfolgreichen Integrationserlebnisse auch für den Kronprinzen: "Mit Ihnen hätten wir 66 die Saupreußen geschlagen!" rufen ihm am Abend von Wörth seine bayerischen Krieger zu. Sedan folgt, Friedrich Wilhelm wird Generalfeldmarschall, nach dem Krieg allerdings alsbald auf den einflußlosen Posten eines Inspekteurs der süddeutschen Armeekorps abgeschoben.
Damit tritt der erste große Schatten ins Bild, der über dem Leben dieses scheinbar strahlenden Kriegshelden, Inbildes teutonischer Männlichkeit, lag: das Abgeblocktsein von jedem über Repräsentation hinausgehenden politischen Wirken. Zum Teil lag es an der Vitalität des Vaters, der, sehr spät und ungeplant aus rein militärischem Dasein zur Regentschaft und dann 1861 auf den Thron berufen, noch bis 1888 regieren sollte. Doch war die sich daraus ergebende, nicht endenwollende Wartezeit des Thronerben kein Sonderfall: seinem Schwager, dem späteren König Eduard VII., erging es als Sohn Queen Victorias und Erben des britischen Weltreiches ebensowenig anders wie seinem Schwiegersohn Bernhard, dem jahrzehntelang wartenmüssenden Erbprinzen des Herzogtums Sachsen-Meiningen.
Was die Wartezeit Friedrich Wilhelms von Anfang an so frustrierend, ja quälend machte, war der tiefgehende Konflikt seiner politischen Grundanschauungen mit denen seines Vaters, vor allem aber mit denen des seit 1862 immer erfolgreicher und immer mächtiger werdenden preußischen Ministerpräsidenten Otto v. Bismarck, ab 1867 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, jetzt, ab 1871, Reichskanzler. Das politische Denken des Kronprinzen war zwar keineswegs geschlossen und hatte durchaus archaische Stränge. So die dem Hohenzollernprinzen durch Familientradition und militärische Laufbahn eingeimpfte Auffassung vom monarchischen Reservat des Militärischen, die ihn ein "Parlamentsheer" Zeit seines Lebens ablehnen ließ ("Das könnte denen so passen!"). Oder die romantisch geprägte Sicht des Kaisertums, die in einer Vorliebe für alle zeremoniellen Faktoren ebenso zum Ausdruck kam wie in dem bekannten und nicht nur von Bismarck verspotteten Versuch, bis hin zur Durchnumerierung der Kaiser an die Tradition des Heiligen Römischen Reiches anzuknüpfen, um dem frischgebackenen, von den älteren Dynastien etwas herablassend betrachteten Kaisertum der Hohenzollern dadurch zusätzliche Legitimität zu erschließen.
Beherrscht wurde das politische Denken des Kronprinzen aber doch durch einen von Liberalismus und naturwissenschaftlich-technischem Fortschrittsglauben der Zeit geprägten Reformwillen. In praktische Politik übersetzt hieß das: Aufgeschlossenheit für die liberalen Forderungen nach einer echten Konstitution mit Grundrechten und effektiven Teilhaberechten des Parlaments. Deutschlandpolitisch (wie wir heute sagen würden) entsprach dem die Zielvorstellung eines so organisierten, kleindeutschen Nationalstaates unter preußischer Führung. Daß in diesem von Friedrich Wilhelm erträumten Reich für die übrigen deutschen Fürsten nur die untergeordnete Rolle von vasallengleichen Herzögen übrigbleiben sollte, entsprach liberal rationalen Forderungen ebenso wie dem monarchischen Selbstgefühl des Kronprinzen und seiner ganz altpreußischen Abneigung gegen süddeutsche Königswürden von Napoleons Gnaden; Bayerns Märchenkönig Ludwig II. wurde sein Todfeind.
Die Wurzeln seines liberalen Denkens reichten tief. Die Weimarer Tradition der Mutter (der noch Goethe zu Friedrich Wilhelms Geburt gratuliert hatte) spielt ebenso eine Rolle wie der Einfluß liberaler Erzieher und der Umgang mit bürgerlichen Spielkameraden. Schon 1849, gerade nach dem tief empfundenen Schock der Revolution (der Prinz hatte die Kugeln im Schloß einschlagen hören, das elterliche Palais war zeitweise "Nationaleigentum", der Vater geflohen, zum Abendessen gab es häufiger Pellkartoffeln und Hering), schon 1849 verkündete dieser preußische Prinz unbeirrt, daß doch eine Volksvertretung sein müsse. Seit der Zeit der Werbung um die Tochter der Queen Victoria und des Prinzgemahls Albert kommt der Eindruck parlamentarischer Verfassung einer gleichwohl monarchisch bleibenden, erfolgreichen Weltmacht hinzu.
Sein Schwiegervater lehrt ihn, "die Welt mit den Augen eines Westeuropäers anzusehen", und seit der Hochzeit mit der "Princess Royal" Viktoria (1858) tritt deren entsprechende, mehr als energische Einflußnahme hinzu. Für einen derart geprägten Thronerben (seit 1861) mußte der im Verfassungskonflikt gipfelnde Zusammenprall zwischen dem konservativen bis reaktionären preußischen Establishment und den nach Behauptung und Erweiterung der Parlamentsmacht drängenden liberalen Kräften aller Schattierungen auf jeden Fall eine schwierige Situation schaffen. Sie wurde aber noch weiter erschwert durch fehlende Klarheit des Denkens und Entschiedenheit des Wollens auf der Seite des Kronprinzen, und durch das Auftreten einer genau entgegengesetzt gearteten Persönlichkeit auf der Seite der Regierung: des am 23. September 1862 berufenen Ministerpräsidenten Otto v. Bismarck.
Wie die Partie zwischen beiden ausgehen mußte, war von vornherein klar. Schon Bismarcks Übernahme der Macht wurde durch einen Mangel an Machtwillen beim Kronprinzen überhaupt erst ermöglicht. Als der König seinem Sohn am Morgen des 19. September 1862 im Park von Babelsberg die Abdankung ankündigt und hinzufügt: "Fritz, mach Dich bereit!", da verdrängt der Thronerbe den Politiker und zieht sich auf die Loyalität des Sohnes zurück, der zum Vater steht und ihn beschwört, zu bleiben und zu kämpfen. Rückblickend hat schon an diesem Septembermorgen der Kronprinz seine einzige Chance vertan, mit der Autorität des preußischen Monarchen liberale Reformpolitik für Preußen und Deutschland zu versuchen.
Ob es eine echte Chance war, ist schwer zu beantworten. Das preußische Establishment wäre ein furchterregender Gegner gewesen und sprang, wie Friedrich Wilhelm selbst noch erfahren sollte, auch mit Mitgliedern des Königshauses nicht gerade zimperlich um, sobald sie das Fahrwasser konservativen Interessenschutzes verließen. Einen solchen Konflikt durchzustehen, fehlten dem Kronprinzen wohl doch die notwendige Kälte und Härte und jener zupackende Ehrgeiz, der dem Politiker bei allem Rechnen eingepflanzt sein muß, wenn er in krisenhaften Situationen Erfolg haben will. Zwar hat Friedrich Wilhelm als Heerführer durchaus selbständige Entscheidungskraft bewiesen, und er hat als Kronprinz mehrfach auch in den politischen Entscheidungsprozeß erfolgreich eingegriffen und über kritische Punkte hinweggeholfen (während der Nikolsburger Verhandlungen 1866 ebenso wie 1870/71 in Versailles). Aber in allen diesen Fällen blieb er doch in die bestehende Ordnung gleichsam eingebettet, und es galt lediglich, den zögernden Vater umzustimmen, Die Kraft, als Monarch aus dieser auch ihn tragenden Ordnung herauszutreten, um mit ungewissen Verbündeten den Kampf um ihre Reformierung zu wagen, hat er wohl kaum besessen.
So steckte er auch nach seinem öffentlichen Aufbegehren gegen Bismarcks innenpolitischen Kurs der Härte (Danziger Rede gegen die Presseordonnanz, 5.6.1863) alsbald zurück, wiederum sich aus dem politischen Bereich in die dem Vater geschuldete Loyalität des Sohnes flüchtend. Bismarck hatte um diese Zeit die Schwäche des kronprinzlichen Gegenspielers längst erkannt. Sein gönnerhafter Rat an den König: "Verfahren Sie säuberlich mit dem Knaben Absalom!" spricht Bände, und in der Tat ist es zu offenen Konflikten Friedrich Wilhelms mit Bismarck nicht mehr gekommen, so konsequent auch der Kronprinz in Ablehnung wesentlicher Teile der Bismarckschen Politik verharrte: im Schleswig-holsteinischen Konflikt von 1864 vertrat er unbeirrt die Position des Augustenburgers, und im Kronrat vom 28. 2. 1866 stimmte er als einziger gegen den Krieg mit Österreich. Überhaupt hatte dieser erfolgreiche Heerführer, dessen martialische Bilder zahllose deutsche Heime schmückten, ein uns sehr modern anmutendes, gebrochenes Verhältnis zum Krieg. Heroische Schlachtenbilder schätzte er gar nicht, und Schrecken und Leiden des Krieges verfolgten ihn bis in den Schlaf.
Der 1871 errungene Friede ließ ihn ohne erfüllende Aufgabe. Als Soldat wurde er in die schon erwähnte Inspekteursfunktion abgeschoben. Als politische Potenz war er ebenfalls mattgesetzt, teils durch konsequente Ausschaltung seitens des "Regiments der Greise", teils durch eigenen Verzicht: an Sitzungen des Staatsministeriums nahm der Thronerbe auf eigenen Wunsch nicht mehr teil, weil er es nicht ertragen konnte, keinen weiteren Einfluß auf die Beratungen auszuüben, als am laufenden Bande unbeachtete "dissenting opinions" abzugeben. Durch diese Art von innerer Emigration, die durch rastloses Reisen zeitweise sogar zur äußeren wurde, erhielt das Leben Friedrich Wilhelms in den siebziger und frühen achtziger Jahren jene unwirklichen Züge, die ihn über ein"zerfahrenes Leben" klagen ließen: der Erbe eines mit großer Machtfülle ausgestatteten Thrones verbraucht sich fern der politischen Prozesse in rein repräsentativen oder nebensächlichen Funktionen, und sieht die Zeit verrinnen.
III.
Als eine Art Ersatzaufgabe war sicherlich auch das Protektorat über die Königlichen Museen gedacht, das der Kaiser dem Kronprinzen im Juli 1871 übertrug - möglicherweise auf Anregung der Kaiserin Augusta. Die Berliner Museen waren um diese Zeit selbst im deutschen Rahmen nur gehobene Mittelklasse, von den Dresdner und Münchner Sammlungen noch in den Schatten gestellt. Sie auf einen Stand zu entwickeln, der dem jetzt befestigten Führungsanspruch Preußens in Deutschland entsprach, war ein Stück preußischer und Reichspolitik. Erleichtert wurde das Vorhaben durch die wachsende wirtschaftliche Stärke Preußens und des Reiches, aber auch durch das Engagement des erstarkenden (in Berlin vielfach: jüdischen) Bürgertums.
Den Kronprinzen traf die neue Aufgabe nicht ganz unvorbereitet. Sein Zivilgouverneur Curtius hatte ihm die Grundlagen klassischer Bildung vermittelt. Zusammen hatten sie die noch von Schinkel gestalteten Baustellen des klassischen Berlin besucht, vor den Werken von Rauch und Kaulbach gestanden, und später hatte Friedrich Wilhelm auch das antike Rom liebengelernt und seine Augen an den Spuren ägyptischer Kultur geschult. Als er, nach Athen kam, so berichtet er selbst, habe er sich auf der Akropolis dank Curtius' vorzüglicher Schulung sogleich wie zu Haus gefühlt. Der Einfluß seiner Frau trat auch hier bestärkend und fundierend hinzu: von ihrem Vater mit deutscher Gründlichkeit anhand der unermeßlichen Kunstschätze in London und Windsor in Kunst und in Museen eingeführt, brachte sie die dadurch erworbene Passion mit nach Berlin - schon als junge Prinzessin entschlüpfte sie häufig aus dem Kronprinzenpalais über die Linden in die Museen. Trotz alledem war Friedrich Wilhelm kein Kunstkenner mit eigenem, tieferen Sachverstand geworden wie etwa Friedrich der Große. Aber er erfaßte, um was es für die aufstrebenden Museen jetzt ging, und stellte seine auf diesem Sektor weder vom Vater noch vom Kanzler blockierten Einflußmöglichkeiten bereitwillig in den Dienst der neuen Aufgabe.
Die Kompetenzen des Protektors waren nicht klar umrissen. Wie die der heutigen Sonderbeauftragten von Bundesregierung und Landesregierungen lagen sie gleichsam quer zu denen der Ressorts. Im Falle der damaligen Königlichen Museen zu Berlin hieß das vor allem: quer zu den Befugnissen des preußischen Staatsministers der "geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten", kurz: des preußischen Kultusministers und seiner Bürokratie. Noch im Jahre 1871 kam es zur ersten Machtprobe. Das Kunstreferat des Ministeriums, eine für die Museen lebenswichtige Position, war gerade verwaist. Friedrich Wilhelm empfahl als neuen Referenten den Dresdner Kunsthistoriker Hettner. Der Kultusminister, ein Herr v. Mühler, ließ den Kronprinzen durch allerlei Ausflüchte solange ins Leere stoßen, bis er seine eigene Absicht, nämlich das Kunstreferat zu zerschlagen und dessen Zuständigkeiten auf mehrere Räte zu verteilen, durch Ernennung dieser Räte in ein fait accompli verwandelt hatte. Aber damit hatte er den Bogen überspannt. Bismarck - aus welchen Gründen immer - nahm die Partei des Thronerben, Wilhelm I. sah in seinem Sohn die Dynastie herausgefordert ("Mühler hat sich gegen den Kronprinzen benommen, wie kein Minister sich gegen einen Geheimen Rat benehmen darf"), und der Minister mußte den Hut nehmen.
Verschaffte der Ausgang dieses Duells dem Protektor auch im Ministerium Respekt, blieben doch genügend andere Hemmnisse seiner Wirksamkeit. So sabotierte der Hofmarschall des alten Kaisers erfolgreich die mit Friedrich Wilhelms aktiver Unterstützung vorangetriebene Initiative der Museen, eine Anzahl von für die Schausammlung geeigneten Bildern aus den Potsdamer königlichen Schlössern zu erhalten. Dem alten Herrn wurde erfolgreich suggeriert, daß man den Schlössern eine Riesenzahl von Bildern entnehmen, sie also praktisch entleeren wolle, und so wurde aus der ganzen Sache nichts - umsonst waren Kronprinz und Kronprinzessin mit Wilhelm Bode bis auf die Potsdamer Dachböden gestiegen (wobei Viktoria sich des britisch-abschätzigen Kommentars nicht enthalten konnte: die königlichen Rubens' und van Dycks wären ja alle falsch).
Auch ein anderer Hofkavalier erwies sich als Hemmschuh: der Generaldirektor der Königlichen Museen Graf Usedom, verabschiedeter Diplomat, aber beim alten Kaiser wohlgelitten. Sicher war er für die Museen besser, als es der zunächst ins kaiserliche Auge gefaßte Schloßhauptmann v. Dachröden gewesen wäre: Bode erzählt von ihm, daß er im Tiergarten schnell von Zetteln die Lebensdaten großer Künstler auswendig gelernt habe, um sich auf das Amt des Generaldirektors vorzubereiten. Aber Usedom war trotz dieses Kontrastmittels schlimm genug, vor allem durch eine jede Entscheidung verzögernde Lethargie - nach der ätzenden Formulierung Bodes durch eine Mischung von bösem Willen, Unverständnis und Bummelei. Ungeniert sabotierte er auch einen Ankaufswunsch des Kronprinzen nach dem anderen, oft mit Erfolg, wenn ihm der Kaiser gegen den politisch ungeliebten Sohn recht gab. So kam es zu der eigentlich erschütternden Aussage Friedrich Wilhelms, mancher Antrag wäre durchgegangen, wäre nicht er, der Kronprinz es gewesen, der ihn dem Kaiser wärmstens empfohlen hätte.
Aber solche Widrigkeiten wurden durch die grundsätzlich dem Protektor günstigen Wirkungsmöglichkeiten mehr als ausgeglichen: den Ehrgeiz des zur deutschen Vormacht aufgestiegenen Preußen und die wachsenden wirtschaftlichen Möglichkeiten. Sie ausnutzend, errang der Kronprinz durch vollen Einsatz seiner Person und seines Prestiges Erfolge, die für den Aufstieg der Berliner Museen grundlegend waren: 1875 die Anhebung des Ankaufsetats der Museen von 20.000 auf 108.000 Taler, also mehr als das Fünffache. Kaiser geworden, steigerte der Protektor 1888 diesen Betrag nochmals, auf 400 000 Mark. Ebenso wichtig wie diese finanzielle Blutzufuhr war für den Aufstieg der Berliner Museen die Schaffung eines neuen Statuts. Friedrich Wilhelm konnte es am 15.11.1878 selbst erlassen, als er für seinen durch die Folgen des Nobiling-Attentats regierungsunfähigen Vater als Stellvertreter fungierte. Obwohl im übrigen mit eigenständigen Regierungsakten während der Stellvertreterzeit sehr zurückhaltend, entschloß er sich aus eigener Kenntnis der sachlichen Notwendigkeit heraus endlich doch, mit dem Statut Neuland zu betreten, Neuland, das sich bis heute als fruchtbar erwiesen hat. Denn das Statut begründete die fachliche Autonomie der Berliner Museen, jenes hohe Maß an selbständiger Entscheidungsmacht ihrer Direktoren, auf das auch die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als kostbares Erbe stolz sind. So lebt das Statut von 1878 in dem heute für unsere Museen geltenden fort, bejaht und praktiziert auch von den Generaldirektoren. Ihr Vorgänger Graf Usedom hingegen, auf dessen Machtmißbrauch die Neuregelung zurückging, nahm alsbald nach ihrem Erlaß den Hut, von seinem kaiserlichen Gönner großzügig versorgt.
Erster Generaldirektor im Sinne des Statuts und damit im modernen Sinne überhaupt wurde am 24.4.1880 Richard Schöne, der vom Kronprinzen hochgeschätzte Kunstreferent des preußischen Kultusministeriums, geistiger Vater des neuen Statuts und schon seit 1878 mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Generaldirektors beauftragt. An die Stelle des dilettierenden Hofkavaliers trat jetzt der Fachmann, und der kronprinzliche Protektor trat zu den Museen in ein noch engeres Verhältnis, als es ohnehin schon der Fall gewesen war. Schönes Nachfolger Bode hat in für seine Verhältnisse ungewöhnlich warmen, ja herzlichen Worten der fördernden Mitwirkung Friedrich Wilhelms gedacht, seiner echten Anteilnahme auch an den Problemen des Museumsalltags, seiner selbstlosen Hilfsbereitschaft, auch seines Einsatzes für den Erwerb einzelner Kunstwerke, die er gelegentlich auch selbst vermittelte. Sicher hat der Protektor seinen Museen keine geistige Prägung verliehen, sicher hat er auch auf die Sammlungen keinen gestaltenden Einfluß genommen. Aber er gab doch den Museumsleuten einen unter den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit unschätzbaren Rückhalt, wobei seine Liberalität ihn vor der Versuchung schützte, seine Stellung zum Durchsetzen eigener Erwerbsvorstellungen zu mißbrauchen (eine Versuchung, der gelegentlich seine Frau, vor allem aber sein Sohn, Wilhelm II., dann immer wieder erliegen sollten). Die volkspädagogische Ader des Protektors machte ihn allerdings zum eifrigen Förderer jeder Bestrebung, die Nutzbarkeit der Sammlungsgegenstände für die Öffentlichkeit zu erhöhen, bis hin zu so elementaren, heute selbstverständlichen Dingen wie einer ausreichenden Beschriftung. Große Aufmerksamkeit widmete er auch darin ganz modern - der Ermunterung, Förderung und Belohnung privaten Engagements für die Museen. Der nach seinem Tode gegründete, bis heute aktive Kaiser-Friedrich-Museums-Verein, Eigentümer des "Mannes mit dem Goldhelm" und vieler anderer Kostbarkeiten, trägt daher mit vollem Recht seinen Namen.
Für einen fürstlichen Protektor ein reiches Werk - und doch fehlt noch die Erwähnung seiner Förderung zweier Sammlungen, die bis heute fortleben: des Museums für Völkerkunde und des Kunstgewerbemuseums. In bezug auf das erstere nennt ihn Richard Schöne "den eifrigsten und einsichtsvollsten Förderer", weit übertroffen wurde dieses Engagement aber durch den Einsatz des Kronprinzenpaares für die Hebung des Kunstgewerbes. Die preußische Tradition, durch Heinitz, Schinkel und Beuth begründet, war hier seit der Mitte des Jahrhunderts unterbrochen. Der neue Anstoß kam aus Großbritannien: Im Anschluß an die große Londoner Ausstellung von 1851 setzte sich der Prinzgemahl Albert tatkräftig für eine Hebung des Niveaus der Gewerbeerzeugnisse durch Sammlungen vorbildlicher Produkte aus Vergangenheit und Gegenwart ein. Tochter und Schwiegersohn trugen Alberts Initiative nach Preußen weiter. Von der Erwirkung der Rechtsfähigkeit und einer ersten Unterstützung in Höhe von 45.000 Mark für das neue, zunächst privat betriebene Gewerbemuseum im Jahre 1867 über eine englischen Vorbildern folgende Ausstellung im Berliner Zeughaus 1872 unter Protektorat und aktiver Förderung des Kronprinzenpaares führte eine folgerichtige Entwicklung über die vom Kronprinzen angeregte Umbenennung in "Kunstgewerbemuseum" (21.3.1879), die Bereicherung des Museums durch die Schätze der ehemals kurfürstlichen Kunstkammer und die Errichtung des Gropius-Baues für die schnell wachsende Sammlung bis hin zur Übernehme des Museums durch den preußischen Staat.
Am 21. November 1881 hatte der Protektor der Königlichen Museen den Neubau an der Prinz-Albrecht-Straße mit einer seiner schwungvollen Reden eröffnet - in jenem Innenhof, der genau einhundert Jahre später Zentrum der großen Preußen-Ausstellung sein und 1982 dann hinreißender Rahmen für die Ausstellung der Pferde von San Marco werden sollte. Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen, schien bei solchen Gelegenheiten, die politische Kaltstellung, die frustrierende Wartezeit vergessen machend, immer noch auf der glanzvollen Höhe seines Ruhms.
IV.
Aber nur wenige Jahre noch, dann fiel der zweite tiefe Schatten auf sein Leben, jener Schatten, den auch die Thronbesteigung nicht vertreiben konnte, der sie vielmehr umgekehrt zur tragischen Farce werden ließ: Im Frühjahr 1887 erkrankte Friedrich Wilhelm an Kehlkopfkrebs.
Eine merkwürdige Regie seines Lebens hatte ihn der tödlichen Seuche schon einmal ins Auge sehen lassen: Am 28. Oktober 1863 besuchen Kronprinz und Kronprinzessin im schon schneebedeckten schottischen Hochland das Schloß von Blair, den Sitz des Herzogs von Atholl. Der Herzog liegt im Sterben. "Er leidet am Krebs im Hals seit nur 2 Monaten", schreibt Friedrich Wilhelm in sein Tagebuch, "und steigert sich das Übel so rasch, daß er eigentlich täglich seiner Auflösung gewärtig ist. Sehr geduldig trägt er sein Leiden." Ein Vierteljahrhundert später trifft diese Beschreibung auf den Schreiber selbst zu.
Die Tragik des vergeblichen Wartens auf den Thron und auf die Chance zur liberalen Reform wird vollendet und gesteigert durch die Tragik, vom Tode schon gezeichnet und zur Hilflosigkeit verdammt zu sein, als der Thronwechsel endlich Wahrheit wird. Das Drama der letzten Lebens- und Leidensmonate des Kronprinzen und schließlich Kaisers nimmt Shakespearesche Züge an: im Kampf von Mutter und Sohn, von Medizinern und Politikern (Bismarck an der Spitze) um Leben und Tod des Kranken vermischen sich Anteilnahme, Berufspflicht, Ehrgeiz und nackte Interessenverfolgung zu einem unentwirrbaren Knäuel. Deutsche Ärzte diagnostizieren sehr früh (am 18. Mai 1887) und richtig: Krebs, und raten zur Operation, die - bei erheblichem Risiko - noch eine, die einzige Chance zur längeren Erhaltung des Lebens geboten hätte. Der von der Kronprinzessin favorisierte schottische Arzt Mackenzie schließt unter Berufung auf einen Befund Virchows Krebs aus und verspielt die Chance, sichert dem dadurch Todgeweihten aber die Thronbesteigung. Politische und andere Interessenten gab es für die eine wie für die andere Entwicklung - die Kronprinzessin setzt bis zuletzt auf Mackenzie
Die entscheidenden Szenen des so bereiteten Dramas wirken wie das Szenario eines der heute im Fernsehen so beliebten Dokumentarspiele. Unter ständigen Konsilien, Bulletins und öffentlichem Gezänk der beteiligten Ärzte hat der todkranke Kronprinz, sozusagen zum Abschied, noch einen prächtigen Auftritt: beim goldenen Regierungsjubiläum der Queen Victoria, seiner Schwiegermutter, reitet Friedrich Wilhelm in gleißender Kürassieruniform, Lohengrin gleich, dem Wagen der Jubilarin voraus. Dann beginnt eine Flucht in Reisen, die Endstation heißt San Remo. Hier erhält der Kranke am Morgen des 6.11.1887 auch von Mackenzie die kaum noch verhüllte Gewißheit des tödlichen Leidens. "Somit werde ich wohl mein Haus bestellen müssen", schreibt er in das getreulich geführte Tagebuch. Am 9.2.1888 wird der Luftröhrenschnitt notwendig. Eine Kanüle sichert zwar den lebensnotwendigen Atem, aber Friedrich Wilhelm hat die Fähigkeit zum Sprechen verloren, er wird ein stummer Kaiser sein. Und einen Monat nach der Operation ist es soweit: "Seiner Majestät Kaiser Friedrich Wilhelm" lautet die Anschrift des Telegramms, das ihm am 9. März den Tod des Vaters und die eigene Thronbesteigung meldet.
Die Macht, die solange ersehnte, ist jetzt da, doch der Hand des neuen Kaisers fehlt schon die Kraft, sie echt zu ergreifen. Heimgekehrt findet Friedrich III., wie er sich jetzt nennt, im lange ungenutzten und etwas heruntergekommenen Schloß Charlottenburg eine flüchtige Bleibe. Das Volk gafft nach ihm, jubelt ihm zu, wenn er sich zeigt. Aber "politisch ist mit ihm nicht mehr zu rechnen", wie ein Beteiligter kühlschnäuzig urteilt. So gelingen Friedrich in einer Art Regierungserklärung vom 12. März 1888 zwar Sätze, die in ihrer zeitlosen Vernunft bis heute beeindrucken. Beispielsweise warnt der Kaiser, auch darin ein echter Liberaler, vor der Erwartung, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staats allen Übeln der Gesellschaft ein Ende zu machen. Er will auch vermieden sehen, daß durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen und Lebensansprüche geweckt werden, denen die wirtschaftlichen Kräfte der Nation nicht genügen können, oder daß durch einseitige Erstrebung vermehrten Wissens die "erziehliche Aufgabe" unberücksichtigt bleibe. Und er sagt auch: "Es ist mein Wille, daß keine Gelegenheit versäumt werde, in dem öffentlichen Dienste dahin einzuwirken, daß der Versuchung zu unverhältnismäßigem Aufwande entgegengetreten werde". Aber diese und andere Vorsätze bleiben auf dem Papier. Das Establishment, Bismarck an der Spitze, lassen den sterbenden Kaiser bei seinen wenigen Regierungsversuchen meist erbarmungslos ins Leere laufen, ein Teil der Presse erlaubt sich, vom Todeskampf ungerührt, eine noch erbarmungslosere förmliche Kaiser-Friedrich-Hetze. Sie wird angereichert durch giftiges Ressentiment gegen die "Ausländerin" Viktoria, die mit Ehrgeiz und Taktlosigkeit allerdings auch alles tut, solches Ressentiment lebendig zu erhalten. Im übrigen wendet man sich lieber der neuen Sonne zu, die wärmenden Schein,auf Dauer verspricht: Wilhelm, der älteste, am Arm behinderte und denkbar unglücklich erzogene, ehrgeizige Sohn Friedrichs und Viktorias, versäumt nichts, aller Welt deutlich zu machen, wo die Zukunft liegt.
Selbst in dieser fast unwirklichen Zeit des stummen Kaisertums aber, in der er sich nur noch mit auf Zettel hingekritzelten Sätzen verständlich machen kann, vergißt Friedrich "seine" Museen nicht. Am 5. Mai 1888 weist er den Kultusminister an, die Erwerbungsmittel auf 400.000 Mark zu erhöhen, um besonders die völkerkundlichen Sammlungen fördern zu können, und er sorgt sich auch um den praktischen Unterricht am Kunstgewerbemuseum. Aber es ist der Abschied. Richard Schöne, der Generaldirektor, sieht den kaiserlichen Protektor noch einmal in Charlottenburg, doch dem Kaiser versagen schon die Kräfte, als er dem Freund aus glücklicheren Tagen den Stuhl zurechtrücken will. Am 15. Juni 1888, 11 Uhr und 12 Minuten morgens (wie kurz darauf ein Extrablatt der "Neuen Preußischen Zeitung" meldet) stirbt Friedrich im Neuen Palais zu Potsdam, im Kreise seiner Familie.
Die unwürdigen Folgeereignisse sind bekannt. Auf ein Taschentuchzeichen des Hausmarschalls sinkt nicht nur die Kaiserstandarte still vom Mast, sondern rücken geräuschvoll auch Lehr-Infanterie-Bataillon und Leib-Garde-Husaren an, um das Palais - wie heißt es so schön? - hermetisch abzuriegeln. Der neue Herr, Wilhelm II., will sich der vermeintlich kompromittierenden Tagebücher des Vaters versichern und gibt eine erste Kostprobe seines Stils. Eine neue Epoche beginnt, schneidig und lärmend, und endlich verhängnisvoll für Deutschland. Der Kaiser, der mit seiner redlichen Vernunft eine Hoffnung der liberalen Deutschen gewesen war, dieser Kaiser war endgültig verstummt, ohne daß sein Stil das Reich und seine Monarchie hätte prägen können. Nur seine Maxime aus dem letzten Lebensjahr: "Lerne leiden, ohne zu klagen!" hing noch lange in vielen deutschen Bürgerhäusern.
V.
Das Urteil über Friedrich III. ist zwiespältig geblieben. "Im Volke" hatte sein ebenso redliches wie ritterliches Wesen, hatten seine liberale Überzeugung und sein soziales Engagement zwar viele Herzen gewonnen. "Kaiser Friedrich der Gütige" nennt ihn ein aufwendiger Erinnerungsband, der mehrere Auflagen erlebte. Aber Güte qualifiziert nicht für Politik, schon gar nicht in den Augen von Generationen, die machtorientierte Realpolitik groß schreiben. So wurde Friedrich nicht nur vom konservativ-reaktionären Establishment seiner und der wilhelminischen Zeit abschätzig betrachtet, sondern dieses Urteil klingt trotz mehrerer wohlwollender Biographien in der Meinung über ihn bis heute nach. Richard Schöne, der ihn gut kannte, hat bei allem klaren Erkennen seiner Schwächen weit differenzierter geurteilt und einen gesunden Kaiser Friedrich durchaus für fähig gehalten, sich zu klarerem Denken und entschiedenem, selbständigen Handeln durchzuringen. Abgewogen urteilt auch der Historiker Erich Eyck: Friedrich war ein Mann liberaler und humaner Überzeugung, die er auch als Kaiser und König nicht vergessen hätte. Er hätte in der Entwicklung des Deutschen Reiches eine Lücke überbrücken können, die sich als verhängnisvoll erwiesen und bis zum heutigen Tage nachgewirkt hat. Wie anders wäre der Gang der deutschen Geschichte gewesen, wenn an der Stelle des jugendlichen Bramarbas, der nach ihm kam, ein reifer Mann gestanden hätte, der den Wert der Freiheit kannte und Worte der Menschlichkeit gesprochen hätte.
Doch ist solches Spekulieren letzten Endes fruchtlos. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Kronprinzen und Kaiser, der in vielen seiner Anschauungen uns ungewöhnlich nahesteht, der vor allem für sich die Integration Deutschlands in die politische Zivilisation Westeuropas vorweggenommen hatte, jene Integration, die Deutschland erst nach zwei katastrophalen Niederlagen, erst nach einer Teilung, nur für seinen westlichen Teil und selbst für diesen erst allmählich aus freien Stücken vollzogen hat. Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bleibt die dankbare Erinnerung an den Protektor ihrer Staatlichen Museen in der Zeit des Aufstiegs; das Geheime Staatsarchiv hütet die Aufzeichnungen Friedrichs aus dem letzten Jahr seines Lebens.
VI.
Das Kaiser-Friedrich-Museum auf der Berliner Museumsinsel heißt nach dem Willen der DDR heute Bode-Museum, das einst davorstehende Reiterstandbild des Kaisers ist schon im Krieg verschwunden. Nur der Kaiser-Friedrich-Museumsverein wirkt im Westen der Stadt tatkräftig weiter und hält die Erinnerung an den Protektor wach. An äußerlichen Erinnerungen fehlt es im übrigen Deutschland nicht. Auf der prominenten Kölner Hohenzollernbrücke findet sich ein Denkmal des Kaisers ebenso wie in Bremen (der Kaiser reitet hier als römischer Imperator) und sogar in dem entlegenen oldenburgischen Dorf Edewecht. Sein Ölbild hängt in der Essener Villa Hügel ebenso wie im Ständesaal der ostfriesischen Landschaft in Aurich, die Dienstanschrift des Bonner Bundespräsidialamtes lautet: Kaiser-Friedrich-Straße, und in Offenbach sprudelt die Kaiser-Friedlich-Quelle. Im Westen Berlins ist der Kaiser eher versteckt gegenwärtig: Auf dem Mosaik am Fuße der Siegessäule erscheint er als Kronprinz und siegreicher Heerführer, und ein Trödler an der Charlottenburger Fasanenstraße - einige Häuser hinter dem Hotel Kempinski, an der Mauer der hier die Straße kreuzenden S-Bahn - zeigt eine gußeiseme Büste Friedrichs. Die Ironie der Trivialgeschichte hat es so arrangiert, daß der Kaiser in dieser unfreiwilligen Ausstellung in die Gesellschaft preußischer Heroen geraten ist, die allesamt seinen Lebensweg begleitet oder gekreuzt haben. Neben ihm hängt am Gemäuer der S-Bahn die ebenfalls rostzerfressene Büste seines Vetters und militärischen Konkurrenten Prinz Friedrich Karl, des Mitsiegers von Königgrätz. Dabei war an diesem Tage aber auch Hindenburg, den der Trödler ebenfalls ausgehängt hat. Als junger Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß nahm er in der Zweiten Armee des Kronprinzen teil am entscheidenden Flankenstoß; an die Erstürmung des brennenden Dorfes Rosberitz erinnerte er sich bis ins hohe Alter. Doch auch ein Relief Bismarcks hängt neben der Büste des Kaisers, als ob ihn der übermächtige Kanzler selbst hier nicht aus seinem Bann entlassen wollte. Und endlich fehlt auch Wilhelm nicht, Friedrichs falsch erzogener ältester Sohn und unglücklicher Nachfolger auf dem Thron. So ist der stumme Kaiser in der Stadt Berlin, die er so sehr liebte und deren Preußen-Schau ihn vergaß, doch noch zu einer Ausstellung gekommen.

Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

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