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Gustav Leinhaas

Kapitel I. Die Eltern der Kaiserin Friedrich*

Geburt d. Prinzessin Victoria, späteren Königin v. England. 24. Mai 1819. An einem schönen Maimorgen, es war der 24. Mai des Jahres 1819, wurde im alten Schlosse Kensington zu London eine Prinzessin geboren, welche den Namen Victoria erhielt und berufen war, dereinst in der Geschichte Englands eine ungeheure Rolle zu spielen. Ihr Vater, der Herzog von Kent, war der vierte Sohn Georgs III., ihre Mutter Victoria Maria Luisa, die Herzogin von Kent, war die jüngste Tochter des Herzogs von Sachsen-Coburg und in erster Ehe mit dem Erbprinzen von Leiningen vermählt gewesen.  
Thronfolge der Prinzessin Victoria.

Thronbesteigung der Königin Victoria 20. Juni 1837.

Das einzige Kind Georgs IV., die Prinzessin Charlotte, zugleich Thronerbin, starb frühzeitig. Ebenso starb der zweite Sohn Georgs III., der Herzog von York, 1827, ohne Kinder zu hinterlassen. Der dritte Sohn Georgs III., der Herzog von Clarence, später König Wilhelm IV., hatte zwei Kinder, welche indessen in jugendlichem Alter vor 1820 starben. Und so war es von der Vorsehung bestimmt, daß nach dem Tode Wilhelms IV. von England, am 20. Juni 1837, die damals erst 18 jährige Prinzessin Victoria ganz unerwarteter Weise auf den Thron kam. Sehr schwierig und verantwortungsvoll war zunächst ihre Stellung wegen der heftigen Feindschaft der einzelnen Parteien unteeinander und durch den wütenden Kampf um deren Machtstellung. Dadurch, daß die junge Königin in gesunden, verfassungsmäßigen Grundsätzen erzogen war, und unterstützt durch die väterlichen Ratschläge König Leopolds von Belgien, ihres Oheims, war sie gegen die Gefahren ihrer schwierigen Stellung einigermaßen geschützt.
Krönung der Königin Victoria von Großbritannien und Irland, Mutter der Kaiserin Friedrich, 1837.
Von Winterhalter.
Baron Stockmar, Ratgeber der jungen Königin.

Charakteristik der jungen Königin.

Auch wurde zu ihrem Beistand und Ratgeber der Baron Stockmar berufen, ein Mann, auf dessen Urteil, Weitblick und Reinheit der Motive, wie auch aus dessen genaueste Kenntnisse der englischen Konstitution und des englischen Volkes sie sich verlassen konnte. Lord Melbourne äußerte sich damals folgendermaßen über die Königin Victoria: "Sie spricht und schreibt gut deutsch, versteht italienisch, spricht fließend französisch und schreibt es mit Eleganz. Auch kann sie etwas lateinisch. Den Rest ihrer Bildung verdankt sie ihrer eigenen angeborenen Klugheit und schnellen Auffassung."
Königin Victoria von Großbritannien und Irland. Mutter der Kaiserin Friedrich.
Verlobung d. Königin mit dem Prinzen Albert von Coburg. 15. Oktober 1839. Zwei Jahre nach ihrer Thronbesteigung, am 15. Oktober 1839, fand die Verlobung mit ihrem Vetter, dem Prinzen Albert von Coburg, statt, der schon bei seinem ersten Besuch am englischen Hofe großen Eindruck auf die Königin gemacht hatte. Sie schrieb nach dem zweiten Besuche desselben an ihren Onkel Leopold von Belgien: "Albert's Schönheit ist verblüffend und er ist höchst liebenswürdig und ungeziert - kurzum sehr bezaubernd. Die jungen Männer (Albert und sein Bruder Ernst) sind sehr liebenswürdige, entzückende Gefährten, und ich bin sehr glücklich, sie hier zu haben."
Studienjahre des Prinzen Albert.

Charakteristik des Prinzen Albert, Vater der Kaiserin Friedrich.

Prinz Albert hatte nach einer schönen und harmonisch verlaufenen Kinder- und Knabenzeit sich ernsten Studien zugewendet, hatte zunächst in Brüssel Geschichte, höhere Mathematik und moderne Sprachen, später dann noch in Bonn studiert. Er machte durch großen Fleiß schnelle Fortschritte im römischen Recht, in der Geschichte, der Anthropologie, den Naturwissenschaften, der Nationalökonomie und der Philosophie. Alles Studien, die für seine zukünftige Stellung von besonderer Bedeutung waren. Durch seine Liebenswürdigkeit war er unter seinen Studiengenossen und Freunden sehr beliebt, auch war er ein guter Fechter. Mit größtem Eifer trat er an jedes Studium heran und suchte ordentlich die Schwierigkeiten, um sie überwinden zu können. Er besaß einen klaren Verstand, schnelle Auffassungs-, sowie eine große Beobachtungsgabe und hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Sein Nachahmungstalent war oft das Ergötzen seiner Gefährten. Ein scharfer Blick für komische Situationen und ein besonderer Sinn für Humor war ihm eigen. Das machte ihm oft im Leben all die Enttäuschungen und Leiden erträglich, unter welchen Körper und Geist bei anderen unterlegen wären. Ich erwähne diese Talente und Geistesgaben besonders deshalb, da wir einen großen Teil derselben bei seinem Lieblingskinde, unserer Prinzeß Royal, wiederfinden. Um die lange Zeit der Verlobung etwas abzukürzen, machte Prinz Albert wiederholt kleine Reisen nach Italien.
Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg. Vater der Kaiserin Friedrich.
Erklärung der Königin, den Prinzen Albert zu heiraten. Am 14. November 1839 gab die Königin dem Privy Council (Kronrat) die Erklärung ab, daß sie beabsichtige, den Prinzen von Sachsen-Coburg und Gotha zu heiraten, um ihr häusliches Glück sicher zu stellen und den Interessen ihres Landes zu dienen.  
Hochzeit d. Königin 10. Februar 1840.

Eheliches Glück und inniger Herzensbund.

Am 10. Februar 1840 fand die Hochzeit in der Kapelle des St. James-Palastes statt. Es wird nicht leicht sein, in der Geschichte aller Fürstenhöfe ein Beispiel von gleich inniger Liebe und Zuneigung zu finden, wie solche zwischen den Hohen Neuvermählten bestand. Die Königin fand in dem Prinzen Albert alle ihre schönsten Hoffnungen, welche sie je erträumt hatte, verwirklicht. Wenn je vollkommenes Glück auf Erden zu finden war, so war es im Familienkreise der Königin Victoria. Ein kurzer Auszug aus ihrem Tagebuch zeigt uns das am besten: "Ich sagte Albert, daß ich früher überglücklich war, nach London zu fahren, und unglücklich, es wieder verlassen zu müssen, und wie hasse ich es seit der gesegneten Stunde unserer Heirat und wie unglücklich bin ich, wenn ich das Landleben entbehren muß. Die soliden Vergnügungen eines friedlichen, ruhigen und doch fröhlichen Lebens auf dem Lande, mit meinem unschätzbaren Gatten und Freund, mein Alles in Allem, sind weit dauerhafter, als die Zerstreuungen von London, obwohl wir diese ab und zu auch ganz gern haben." Und bei einer anderen Gelegenheit äußerte die Königin über ihren Gemahl: "Vater, Bruder, Freunde, Heimat, alles hat er verlassen, und alles für mich. Gott gebe, daß ich die Glückliche, die Überglückliche werden möge, diesen Teuersten, Gesegneten glücklich und zufrieden zu machen. Was in meiner Macht liegt, ihn glücklich zu machen, werde ich tun."  
  Und wie namenlos unglücklich war die Königin, als dem Prinzgemahl am Ostermontag 1840 ein Unfall mit dem Pferde zustieß: "Es war ein Fall und hätte (ich schaudere, wenn ich an die Gefahr denke, in welcher mein teuerster, kostbarer, unschätzbarer Gatte war) beinahe verhängnisvoll werden können."  
  Dieser innige Herzensbund übte natürlich auch auf das Gemüt und die Herzensbildung der Kinder den größten Einfluß aus und spiegelt sich ganz besonders in dem innigen Familienleben des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Kronprinzessin Victoria wider.

*) Anm. d. Verfassers. Unter Benutzung der Tagebücher der Königin Victoria und des "Leben des Prinzgemahls Albert" von Sir Theodore Martin.

 

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