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Gustav Leinhaas

Kapitel X. Die Zeit nach dem großen Krieg bis zur Leidenszeit Kaiser Friedrichs.

Geburt der Prinzessin Margarete. 22. April 1872. Das Jahr 1872 brachte am 22. April wiederum ein freudiges Ereignis durch die Geburt eines vierten Töchterchens, der Prinzessin Margarete. Zu der Taufe im Neuen Palais bei Potsdam erschien auch das italienische Kronprinzenpaar, welches durch innige Freundschaft mit dem unsrigen verbunden war.  
Aufenthalt in Berchtesgaden.

Schwere Erkrankung des Kronprinzen Herbst 1872.

Den Sommer dieses Jahres verbrachte die Kronprinzliche Familie in Berchtesgaden, da vor allem die Kronprinzessin einer Erholung dringend bedurfte. Die Gebirgswelt Bayerns mit ihrer Fülle von Naturschönheiten war eine Quelle reinsten Vergnügens. Während der Kronprinz mehr der Jagd und den Bergtouren huldigte, benutzte seine Hohe Gemahlin jede Gelegenheit zum Zeichnen und Malen nach landschaftlich schönen Partien. Bis zum September war man in Berchtesgaden vereint, dann riefen den Kronprinzen Pflichten der Repräsentation zunächst nach Marienburg zur Jahrhundertfeier der Angliederung Westpreußens an das Königreich Preußen. Von dort reiste er zur Feier der goldenen Hochzeit des ehrwürdigen Königspaares nach Dresden. Es folgte dann noch eine Dienstreise nach Karlsruhe, welche dadurch für den Kronprinzen verhängnisvoll wurde, daß er sich auf dieser eine außerordentlich schwere Erkrankung zuzog, die damals zu den allerschlimmsten Gerüchten Veranlassung gab. Das Leiden war sehr ernst und es bedurfte eines langen Aufenthaltes in Wiesbaden (vom Dezember 1872 bis zum Anfang März 1873), um den Hohen Patienten wieder herzustellen. Bei dieser Gelegenheit bewies die Kronprinzessin durch unermüdliche treue Pflege, mit welcher hingebenden Liebe sie an ihrem Gatten hing. Als die Krankheit sich zur Besserung wandte, durften auch die Kronprinzlichen Kinder nach Wiesbaden kommen, um dort bei ihrem lieben Vater weilen zu können.
Kaiserin Friedrich als Kronprinzessin.
  Als der Kronprinz dann völlig genesen im März 1873 nach Berlin heimkehrte, wurde er dort von der gesamten Bevölkerung auf das herzlichste und freudigste begrüßt.  
Das Kronprinzenpaar auf der Wiener Weltausstellung 1873.

Sommeraufenthalt auf der Insel Föhr.

Am 1. Mai 1873 wurde in Wien die Weltausstellung eröffnet. Einer Einladung des österreichischen Hofes folgend, war das Kronprinzliche Paar zu dieser Feier dort erschienen. Der Kronprinz hatte schon im Jahre 1869 bei seinem ersten Besuch in Wien, den er nach dem Kriege 1866 gelegentlich seiner Fahrt zur Eröffnung des Suez-Kanals dort abstattete, durch sein alle Herzen gewinnendes Wesen das Eis der kühlen Beziehungen zwischen den beiden Höfen gebrochen. Und jetzt wartete des Kronprinzenpaares ein sehr herzlicher Empfang in Wien, sowohl am Kaiserhofe, als auch bei der Bevölkerung. Zum Schluß wurde noch ein angenehm verlaufener Ausflug über den Semmering nach Italien gemacht. Auf den Rat der Ärzte verbrachte die Kronprinzliche Familie dann die Sommermonate auf der Insel Föhr in der Nordsee, wo sich Eltern und Kinder in der nervenstärkenden Seeluft bei gesunder Bewegung prächtig erholten. Aber man glaube ja nicht, daß diese Erholungsreisen wirklich nur der Erholung dienten. Das ist bei gewöhnlichen Sterblichen gewiß meistens der Fall, den Allerhöchsten Herrschaften aber folgen Pflichten und Verpflichtungen sonder Zahl. Jede Post bringt ganze Berge von Briefen, Berichten, Meldungen, Bittgesuchen, dazu kommt die große Zahl der Telegramme von allen Seiten. Das will alles gründlich bedacht sein und erheischt wohlerwogene Antworten, da von diesen oft das Schicksal manches Menschen abhängt. Diese Zeit verhältnismäßiger Ruhe diente auch dazu, wieder neue Kräfte zu sammeln, welche in der aufreibenden, vielgestaltigen Tätigkeit der hohen Berufspflichten und der höfischen Verpflichtungen verbraucht wurden.
Kostümbild der Kaiserin Friedrich als Kronpinzessin. Gemälde von Angeli.
Ausflug des Kronprinzen nach Skandinavien.

Rückkehr nach Berlin Ende August 1873.

Der Kronprinz benutzte seine Muße hier zu einem Besuch Skandinaviens, der in jeder Beziehung, auch in politischer Hinsicht, ein großer Erfolg war. Zuerst ging es nach Norwegen, dann nach Schweden und schließlich noch nach Dänemark. Auch hier trug der Kronprinz durch den Zauber seines Wesens sehr viel dazu bei, die seit dem Kriege 1864 bestehende feindselige Stimmung der Dänen Zu mildern. Er fuhr dann wieder zu den seinen nach Föhr zurück mit dem angenehmen Gefühl, seinem Vaterlande einen großen Dienst erwiesen zu haben. Frisch und gestärkt kehrte die Kronprinzliche Familie Ende August nach Berlin heim, wo am 2. September die Feier der Enthüllung der Siegessäule stattfand.  
Taufe der Panzerfregatte Preußen. 22. September 1873. Zur Taufe der Panzerfregatte "Preußen" am 22. September 1873 war das Kronprinzliche Paar mit den Prinzen Wilhelm und Heinrich nach Stettin gefahren. Die Kronprinzessin vollzog die Taufe mit den Worten: "Es ist Preußens eiserne Wehr, der unser deutsches Vaterland seine wiedergewonnene Einheit und Größe verdankt. Das erste Schiff, welches das geeinte Deutschland von deutscher Werft, in Eisen gekleidet, zum Schutze deutscher Macht in die Meere sendet, taufe ich darum auf Allerhöchsten Befehl Sr. Majestät des Kaisers und Königs auf den Namen Preußen! Möge es diesem Namen Ehre machen allezeit, und mögen, trotz Sturm und Wetter, seine Fahrten stets zu glücklichem Ziele führen!"  
Besuch in Hamburg Sommer 1874. Welche Liebe und Verehrung das Kronprinzliche Paar überall genoß, zeigte sich so recht bei dessen Besuch in Hamburg im Sommer des Jahres 1874. Diese alte Hansastadt überbot sich, um ihren Hohen Gästen einen wahrhaft glänzenden Empfang zu bereiten.  
Sommeraufenthalt auf der Insel Wight. Es wurde nun beschlossen, die Sommermonate auf der Insel Wight im Seebadeort Sandown zuzubringen, denn die ganze Kronprinzliche Familie, einschließlich der Kinder, bedurfte der Erholung. Die frische Seeluft und der Gebrauch der Seebäder taten Wunder. Der Aufenthalt in Sandown wurde angenehm unterbrochen durch Besuche der Königin Victoria und anderer Verwandter und Freunde. Gelegentlich wurden auch Fahrten nach London unternommen zur Besichtigung der herrlichen Museen und anderer Sehenswürdigkeiten.  
Einsegnung des Prinzen Wilhelm. 1. September 1874.

Schulbesuch der Prinzen Wilhelm und Heinrich in Kassel.

Am 1. September 1874 fand die feierliche Einsegnung des Prinzen Wilhelm (jetzigen Kaisers Wilhelm II.) nach genügender Vorbereitung und nachdem er sein Glaubensbekenntnis verfaßt hatte, statt. Die Kronprinzlichen Eltern fuhren nun gemeinsam mit ihren beiden ältesten Söhnen nach Kassel und meldeten sie dort persönlich auf der Schule an, den Prinzen Wilhelm auf dem Lyceum Fridericianum, den Prinzen Heinrich auf der RealschuIe. Beide Prinzen mußten sich streng, so war es der ausgesprochene Wille der Eltern, den Schulgesetzen unterwerfen. Der Erzieher Dr. Hinzpeter und der militärische Gouverneur General von Gottberg hatten die spezielle Aufsicht überbeide Prinzen. Es war der besondere Wunsch der Kronprinzessin gewesen, daß ihre Söhne auch außerhalb der Schule freundlichen Verkehr mit den Schulgenossen pflegen sollten, und so entwickelten sich bei beiden Prinzen freiere Grundsätze und freiere Anschauungen, als man sonst bei solchen findet, die in strenger Zurückhaltung von der Außenwelt aufwachsen.  
Das Fest am Hof der Medicäer im Kronprinzenpalais 8. Februar 1875. Die Begeisterung für die Kunst im weitesten Sinne, für das Kunstgewerbe und im Zusammenhange damit auch für die künstlerischen Äußerungen der Kulturgeschichte, gab wohl die Anregung, den Festlichkeiten im Kronprinzlichen Palais ein künstlerisches Gepräge zu geben und diesen, entgegen dem alten Herkommen, dadurch einen neuen Reiz zu verleihen. Die glanzvollste und wohl auch berühmteste Veranstaltung dieser Art war das "Fest am Hofe der Medicäer in Florenz", welches am 8. Februar 1875 im Berliner Palais stattfand. Der leitende Gedanke dieses herrlich gelungenen Festes war, die heitere, farbenprächtige Kunst am Medicäerhofe dem kunstfreudigen Kronprinzenpaar und dessen Gästen leibhaft vor Augen zu führen. Man glaubte lebendiggewordene Gemälde aus der Kunst des Cinquecento vor sich zu sehen. Alles war auf das Stilvollste und Echteste durchgebildet bis in alle Einzelheiten. Eine Huldigung der Künste und des Welthandels war damit verbunden, wobei sich Gelegenheit bot, auch die Pracht orientalischer Kostüme zur Entfaltung zu bringen.
Kaiserin Friedrich als Medicäische Fürstin.

Kaiser Friedrich auf dem Medicäer-Fest im Kronprinzlichen Palais Februar 1875
Reise nach Florenz, Genua, Venedig. April 1875. Mitte April 1875 sollte das Kronprinzenpaar den Besuch, den König Viktor Emanuel 1873 in Berlin gemacht hatte, im Auftrage Kaiser Wilhelms erwidern, da die Ärzte den Kaiser den Strapazen einer so weiten Reise nicht aussetzen wollten. Aber schließlich gab der Kaiser den Bitten des italienischen Hofes nach und unternahm die Reise doch.
  Aber auch das Kronprinzenpaar verblieb bei seiner Absicht und führte den Besuch bei dem ihm eng befreundeten italienischen Kronprinzenpaare in Florenz aus. Hier bot sich die erwünschte Gelegenheit, in den herrlichen Kunstschätzen Italiens wieder einmal schwelgen zu können.  
  An diese Florentiner Tage schloß sich dann im Mai ein längerer Aufenthalt am Golf von Genua und dann in Venedig an, welcher das Kronprinzenpaar in das höchste Entzücken versetzte. Anton v. Werner hat uns in der "Gartenlaube" einmal in anmutender Weise über diese Maitage von Venedig berichtet: "Alles Glück und alle Poesie jener goldigen Maitage von Venedig empfand die Frau Kronprinzessin in der Freude am eigenen künstlerischen Schaffen in jenem Maße, wie nur der Künstler sie empfinden kann."
Kaiserin Friedrich als medicäische Fürstin mit dem Grafen Harrach und dem Pagen Emil Doepler. Gemalt von Graf Harrach 1875.
Wiederholte Trennung des Kronprinzen von seiner Familie.

Der Kronprinz in Lebensgefahr Anfang Juli 1875.

Leider mußte der Kronprinz wiederholt seine Hohe Gemahlin verlassen, um wichtigen Repräsentationspflichten nachzukommen. Am 10. Mai 1875 kam der Zar nach Berlin. Kaum nach Genua zurückgekehrt, mußte der Kronprinz am 28. Mai von neuem in Berlin sein, um dort das schwedische Königspaar zu begrüßen. Eine Reihe weiterer Verpflichtungen hielt ihn noch lange Zeit von seiner Familie fern, so eine Grundsteinlegung zu einem Denkstein in Fehrbellin, Marine-Manöver und die Beisetzung des Kaisers Ferdinand in Wien am 5. Juli. Auf der Rückreise von Wien geriet der Kronprinz durch einen Zusammenstoß zweier Züge in große Lebensgefahr, welche indessen glücklich vorüberging. Erst am 11. Juli konnte er seine Lieben in Karlsruhe wieder begrüßen.
  Der August des Jahres 1875 brachte neue Repräsentationsverpflichtungen für den Kronprinzen, welche ihn mehrfach aus dem Kreise seiner Familie entführten. Zunächst war es die Enthüllung des Hermann-Denkmals bei Detmold und dann ein ihm zu Ehren gegebenes Fest in Godesberg am Rhein, welches zauberhaft verlief und als Huldigung für ihn gedacht war. Von hier ging es zu Truppenbesichtigungen, dann ins Manöver und schließlich auf Jagden.  
Besuch des Kronprinzenpaares an deutschen Fürstenhöfen Frühjahr 1876. Das neue Jahr 1876 begann mit Besuchen an deutschen Fürstenhöfen. Erst ging es zu einer Vermählung der Prinzessin Marie mit dem Prinzen Heinrich VII. von Reuß nach Weimar, dann an den Hof von Coburg-Gotha, weiterhin nach Dresden, und erst zur Feier des hundertsten Geburtstages der Königin Luise am 10. März kam das Kronprinzenpaar zurück.  
Einweihung der Nationalgalerie in Berlin. 21. März 1876. Am 21. März fand die feierliche Einweihung der königlichen Nationalgalerie statt, wodurch ein Werk gekrönt wurde, welches seine Entstehung und Förderung ganz wesentlich dem Kronprinzenpaare verdankt, was ich in dem Kapitel über die Tätigkeit des Hohen Paares auf dem Gebiete der Kunst schon eingehend ausgeführt habe.  
Sommeraufenthalt in Scheveningen 1876. Den Sommer dieses Jahres verbrachte die Kronprinzliche Familie in Scheveningen, um dort Kräftigung nach anstrengender Tätigkeit im Dienste der Volkswohlfahrt und höfischer Pflichten zu finden, zur Nachkur ging es dann Ende Juli nach der Schweiz. Natürlich konnte der Kronprinz nicht dauernd bei den seinigen weilen, da ihn häufig dienstliche, besonders militärische Pflichten abriefen. Erst der Spätherbst vereinigte die ganze Kronprinzliche Familie wieder in  
Rückkehr der Prinzen Wilhelm und Heinrich aus Cassel. Im Januar 1877 kehrten nach vierjähriger Abwesenheit in Cassel, nach glücklich beendeten Schulstudien, Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich in das Elternhaus zurück.  
  Prinz Wilhelm wurde am 27. Januar 18 Jahre alt, somit volljährig und trat sogleich in das erste Garde-Regiment zu Fuß  
Konfirmation des Prinzen Heinrich und der Prinzessin Charlotte. 28. März 1877. Am 28. März fand die Konfirmation des Prinzen Heinrich und der Prinzessin Charlotte statt, welche sich unmittelbar darauf mit dem Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen verlobte.  
Prinz Heinrich tritt bei der Marine ein. Prinz Heinrich war für den Seemannsberuf bestimmt worden und seine Hohen Eltern geleiteten ihn Mitte April 1876 persönlich nach Kiel, um ihn in den Dienst der Marine einzuführen und seinen Vorgesetzten vorzustellen.  
 

Prinz Wilhelm bezieht die Universität Bonn.

Kurze Zeit darauf erschien das Kronprinzenpaar zum Regierungsjubiläum des Großherzogs von Baden in Karlsruhe. In diesem Jahre wurde Ostende zum Sommeraufenthalt gewählt. Der Rückweg wurde über Düsseldorf genommen, wo die Malergenossenschaft "Malkasten" der Kronprinzlichen Familie zu Ehren ein herrliches Künstlerfest veranstaltet hatte. Dann folgte am 16. September die Grundsteinlegung zum National-Denkmal auf dem Niederwald. Unmittelbar darauf begleitete das Kronprinzenpaar den Prinzen Wilhelm nach Bonn wo dieser, wie sein Vater, nunmehr die Universität bezog.
Kronprinz Friedrich Wilhelm als Generalfeldmarschall. Nach 1880.
Aufenthalt der Kronprinzlichen Familie in Wiesbaden. Im November finden wir die Kronprinzessin mit den jüngeren Kindern in Wiesbaden, wohin sich auch der Kronprinz begab, nachdem er eine Reihe dienstlicher und Repräsentations-Pflichten erledigt hatte.
  Der Winter war völlig den zahlreichen Bestrebungen besonders auf den Gebieten der Volkswohlfahrt, Gesundheitspflege und der Volkserziehung gewidmet, neben der Erziehung und Pflege der eigenen Kinder.  
Thronbesteigung König Humberts Januar 1878. Der Tod und die Beisetzung König Viktor Emanuels führten den Kronprinzen Anfang Januar 1878 nach Rom. Dort ereignete sich nach der Thronbesteigung König Humberts die denkwürdige Szene, wo der Kronprinz, der, den stürmischen Huldigungen der Menge nachgebend, mit dem Königspaare an den Fenstern des Königspalastes erschien, den kleinen italienischen Prinzen emporhob und unter dem brausenden Jubel der Menge an seine Brust drückte.  
  Als der Kronprinz nach Berlin zurückgekehrt war, rüstete man sich zur Hochzeit der Prinzessin Charlotte mit dem Erbprinzen von Meiningen, welche am 18. Februar 1878 stattfand, und an welche sich noch weitere glänzende Hoffeste anschlossen.  
Erstes Attentat auf Kaiser Wilhelm I. 11. Mai 1878. Am 11. Mai erfolgte ein Attentat auf den greisen Kaiser Wilhelm, das glücklicherweise mißlang. Die Kronprinzessin befand sich zu dieser Zeit gerade in England, wohin später auch der Kronprinz nachfolgte. Und nun brach Unglück auf Unglück über das Herrscherhaus herein und zog auch das Kronprinzenpaar in die größte Mitleidenschaft.  
Untergang des "Großen Kurfürsten". 29. Mai 1878. Am 29. Mai ging das Panzerschiff "Großer Kurfürst" mit dem größten Teil seiner Bemannung unter.  
Neues Attentat auf Kaiser Wilhelm.

Friedens-Kongreß in Berlin Juli 1878.

Wenige Tage darauf wurde ein neues Attentat auf Kaiser Wilhelm verübt, wobei er schwer verwundet wurde. Man befürchtete bei dem hohen Alter des greisen Herrn das Schlimmste, und das Kronprinzliche Paar kehrte in größter Eile nach Berlin zurück. Der Kronprinz wurde am 4. Juni mit der Stellvertretung des Kaisers betraut, welch hohe Stellung er sechs Monate behielt. Gleich in den Anfang dieser Periode fiel die Einberufung des berühmten Kongresses der Großmächte unter Leitung des Fürsten Bismarck, um den Frieden Europas durch den "Berliner Vertrag" für eine längere Dauer zu gewährleisten.  
Regentschaft des Kronprinzen. Der Kronprinz stand damals auf der Höhe seines Schaffens; er hatte in Abwesenheit seines Vaters sechs Monate die Regierung geführt, nun sollte am 5. Dezember der feierliche Einzug des genesenen Kaisers stattfinden. Er war in heiterster Laune. Aus seinen klaren, blauen Augen leuchtete eine Fülle von Sonnenschein, Glück und reiner Freude, und er sprach mit eigentümlicher Wärme über eine Reihe wichtiger, gemeinnütziger Schöpfungen, die man mit Hilfe freiwilliger Opfer der Nation werde ausführen können.  
  Am Abend des 3. Dezember war große Soirée im Kronprinzlichen Palais, im besonderen für die Kommission zur Verwendung der Kaiser Wilhelmspende.  
Tod der Großherzogin Alice von Hessen. 14. Dezember 1878. Nun zog wieder schwere Trauer in das Kronprinzliche Haus ein. Am 14. Dezember 1878 verlor die Kronprinzessin ihre Lieblingsschwester, die Großherzogin Alice von Hessen.  
Tod des Prinzen Waldemar. 27. März 1879. Aber ein für das Kronprinzliche Elternpaar fast noch schwerer zu ertragender Verlust stand ihm noch bevor.
Sein lieber Sohn, der elfjährige Prinz Waldemar, wurde dem Kronprinzenpaar am 27. März 1879 durch den Tod entrissen. Rennell Rodd schreibt über diesen Prinzen: "Es war ein Kind von ungewöhnlichen Gaben und hatte die ganze sonnige Heiterkeit seines Vaters, zugleich mit großer Schönheit, die so oft den bevorzugten Lieblingen der Götter eigen ist, als Erbteil erhalten. In seinem kurzen Leben gewann er die Herzen aller, die ihm nahe kamen und sein früher Tod - im elften Jahre - hinterließ eine nie auszufüllende Lücke". Der Schmerz der Eltern, besonders der Mutter, war namenlos und sie brauchte fast ein volles Jahr, um sich einigermaßen von diesem Schlage zu erholen.
 
Aufenthalt in Wiesbaden, in Steiermark und in Pegli.

Verlobung des Prinzen Wilhelm. 2. Juni 1880.

Rückkehr des Prinzen Heinrich von Seefahrten.

Die Kronprinzessin fühlte das Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit. Sie begab sich zunächst nach Wiesbaden, später nach Steiermark und zuletzt nach Pegli bei Genua, wo sie bis zum Frühjahr 1880 verblieb, in tiefer Trauer um den verlorenen Lieben. Im April 1880 finden wir die Kronprinzessin in Rom zum Studium der Kunstschätze. Sonnenschein zog erst wieder in das Kronprinzliche Haus ein, als sich Prinz Wilhelm am 2. Juni 1880 mit der anmutigen, liebenswürdigen Prinzessin Auguste Victoria, Tochter des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein, verlobte. Noch eine zweite Freude wurde dem Kronprinzenpaar in diesem Jahre zuteil, denn am 28. September 1880 kehrte Prinz Heinrich nach langer Abwesenheit auf Seefahrten nach Deutschland zurück und wurde in Kiel von seinen Eltern freudig empfangen.
Kaiserin Friedrich als Kronprinzessin Victoria 1880. In der Uniform ihres 2. Leibhusaren-Regiments.
  In dieses Jahr fielen noch einige bedeutungsvolle Feierlichkeiten, an denen das Kronprinzenpaar sehr regen Anteil nahm. Die Feier des 50 jährigen Bestehens des sog. "Alten Museums" im Lustgarten sowie die Feier der Fertigstellung des Kölner Domes am 15. Oktober 1880.  
Vermählung des Prinzen Wilhelm 27. Februar 1881. Das Jahr 1881 begann mit den Vorbereitungen zur Hochzeit des ältesten Sohnes des Kronprinzenpaares, des Prinzen Wilhelm, welche am 27. Februar 1881 stattfand. Hohe Verwandte, die preußischen Provinzen, Städte, Körperschaften, Künstler und viele dem Hofe nahestehende Persönlichkeiten hatten bei diesem bedeutsamen Anlaß zum großen Teil hochkünstlerische Gaben gespendet Das Tafelsilber der preußischen Städte war indessen wohl das kostbarste Geschenk, neben den Kleinodien der Fürstenhäuser.  
Tod und Beisetzung Kaiser Alexander II. Auf dieses freudige Familienfest folgte wieder unmittelbar die Trauer wegen der Ermordung des Kaisers Alexander II. von Rußland, zu dessen Beisetzung sich der Kronprinz nach Petersburg begab. Aber welche unbeschreibliche Angst mußte die arme Kronprinzessin ausstehen, als ihr am 27. März ein anonymer Drohbrief zuging, des Inhalts, daß ihr Gemahl von den Nihilisten zum Tode verurteilt sei! Zum Glücke geschah ihm nichts und alle Welt war froh, als "unser Fritz" wieder daheim war.  
Die Kronprinzliche Familie in England Sommer 1881. Ein sehnsüchtiger Wunsch der Kronprinzessin ging in diesem Sommer in Erfüllung. Sie durfte mit ihren Lieben in ihrer englischen Heimat und im Kreise ihrer Mutter und Geschwister weilen.  
  Im Herbst war die ganze Kaiserliche Familie zur silbernen Hochzeit des Großherzoglichen Paares in Karlsruhe versammelt.  
50. Geburtstag des Kronprinzen. 18. Oktober 1881.

Einweihung des Kunstgewerbe-Museums. 21. November 1881.

Am 18. Oktober 1881 feierte der Kronprinz seinen fünfzigsten Geburtstag und dann wurde am 21. November der Geburtstag der Kronprinzessin durch die feierliche und glänzende Einweihung des neuen Kunstgewerbe-Museums in Berlin festlich begangen. Man hatte diesen Tag gewählt, um die hohen Verdienste der Kronprinzessin um das Kunstgewerbe zu ehren, wie an anderer Stelle schon besonders ausgeführt wurde.  
Geburt des ersten Enkels. 6. Mai 1882. Das Frühjahr 1882 brachte dem Kaiserhause ein frohes Ereignis. Dem Prinzenpaare Wilhelm wurde am 6. Mai der erste Sohn geboren, was nicht nur am Hofe, sondern auch im ganzen Volke mit größter Genugtuung begrüßt wurde. Man sah, was wohl sehr selten der Fall ist, in dem Urenkel die vierte lebende Kaisergeneration erblühen.  
  In der feierlichen Taufe, die am 11. Juni 1882 im Neuen Palais stattfand, erhielt der kleine Prinz die Namen Friedrich Wilhelm Victor August Ernst.  
Einsegnung der Prinzessin Victoria. 5. April 1882. Vor diesem Familienereignis fand am 5. April 1882 im Kronprinzlichen Palais die Einsegnung der Prinzessin Victoria  
Reise nach der Schweiz und Italien. Die Kronprinzliche Familie begab sich nach den Tauffestlichkeiten zur Erholung auf Reisen und besuchte vornehmlich die Schweiz und Italien.  
  Auch an militärischen Dingen bekundete die Kaiserin Friedrich oft lebhaftes Interesse. So hat die Hohe Frau wiederholt den Kaisermanövern beigewohnt und bei solcher Gelegenheit z.B. in Breslau 1882 dem alten Kaiser Wilhelm ihr Leibhusarenregiment vorgeführt. Auch noch in späteren Lebensjahren ritt die Kaiserin oft von ihrem Schlosse Friedrichshof aus zu den Felddienstübungen, welche in der Gegend von Homburg v. d. H. stattfanden.  
  Der Rest des Jahres war neben der steten Fürsorge für die zahlreichen Ausgaben auf den Gebieten der Volkswohlfahrt und der Kunst den großartigen Vorbereitungen für die Silberhochzeit des Kronprinzenpaares gewidmet, welche am 25. Januar 1883 gefeiert wurde.  
Silberhochzeit des Kronprinzenpaares 25. Januar 1883. Die Silberne Hochzeit wurde ein Fest des ganzen Deutschen Volkes. Das Kronprinzenpaar wurde mit Glückwünschen und Geschenken geradezu überschüttet. Die Liebe und Verehrung, welche beide damals genossen, kam überall zu herzlichstem Ausdruck. Außer den Fürstlichkeiten, Provinzen, Städten, Vereinen und Körperschaften hatten sich in erster Linie auch die Künstler durch Überreichung schöner Werke der Malerei und der Bildhauerkunst hervorgetan.  
  Dort sah man Bilder und Aquarelle von Meyerheim, Bartels, Aug. v. Heyden u. A., Schränke, Stühle, Kassetten u. dergl. mehr.  
  Besonders interessant war der Spielschrein, ein Meisterwerk deutschen Kunstgewerbes, den berühmtesten Kunstschränken der deutschen Renaissance nachgebildet.  
  Das Hauptgeschenk aber bestand in einer von dem ganzen Volk gesammelten Gabe von 800 000 Mark, "die Kronprinzenspende", zur Verwendung für wohltätige Zwecke.  
  Die preußischen Städte schenkten die vollständige Einrichtung eines Speisezimmers, die Berliner Künstlerschaft spendete einen Pokal, von Herter modelliert.  
  Alles gelangte dann etwas später im Lichthofe des Kunstgewerbe-Museums zur öffentlichen Ausstellung. Den Glanzpunkt der Festlichkeiten, zu denen auch viele fürstliche Herrschaften erschienen waren, bildete ein prächtiges Kostümfest im Weißen Saale des Königlichen Schlosses in Berlin. Vor dem thronenden Jubelpaar zogen in festlichem Zuge die drei Jahrhunderte der Renaissance vorüber, das fünfzehnte, sechzehnte und siebzehnte, in wundervoller Echtheit des Ganzen und aller Einzelheiten.  
  Zunächst kam der Brautzug Maximilians und Marias von Burgund. Ihm folgte der Zug der Königin Elisabeth von England, woran sich eine englische und eine deutsche Quadrille in der Tracht des 17. Jahrhunderts anschloß. Den dritten Umzug bildeten die großen Meister der Renaissancekunst, dargestellt von der Berliner Künstlerschaft, welche dem Kronprinzenpaare einen prunkvollen Zinnpokal überreichten. Der Dank für die unermüdliche Fürsorge und Pflege der schönen Künste kam hierbei zu einem von allen Teilnehmern wahrhaft empfundenen, von Herzen kommenden Ausdruck. - Es war eine schöne, glückliche Zeit, welche wohl den Höhepunkt im Leben des Kronprinzenpaares darstellt.  
  Im Mai 1883 besuchte die Kaiserin ganz incognito Paris auf drei Tage, wo sie die Museen besichtigte und Ausflüge in die Umgebung machte.  
König Alfons XII. von Spanien bei den Kaisermanövern in Homburg v. d. H. Der Herbst dieses Jahres brachte ein Ereignis von besonderer Bedeutung. König Alfons XII. von Spanien hatte den Kaisermanövern bei Bad Homburg beigewohnt, und es wurde ihm bei dieser Gelegenheit das 15. Ulanen-Regiment, welches in Straßburg in Garnison lag, verliehen. Der Kronprinz erzählte auf der spanischen Reise den Grund, warum gerade dieses Regiment für den König gewählt wurde. Die meisten Fürstlichkeiten möchten Chefs von Kavallerie-Regimentern werden und es seien damals nur noch zwei Kavallerie-Regimenter vakant gewesen. Und da glaubte man, das Gelb der 15. Ulanen passe zu dem brünetten Teint des Königs am besten. Die Franzosen glaubten in der Verleihung und der Annahme eines im Elsaß stehenden Regimentes durch den König Alfons eine Herausforderung zu sehen und als der spanische König einige Zeit darauf über Paris in seine Heimat zurückkehren wollte, wurde er in der französischen Hauptstadt auf das Gröblichste insultiert.
Büste der Kaiserin Friedrich. Von Reinhold Begas 1883. Im Besitz I.K.H. der Prinzessin Victoria von Schaumburg-Lippe. Bonn.
Reise des Kronprinzen n. Spanien. November 1883. Da hielt es der alte Kaiser Wilhelm für angemessen, eine baldige ehrenvolle Erwiderung dieses Besuches zur Ausführung zu bringen. Da er selbst zu alt war, eine so weite Reise zur See zu unternehmen, so wurde Kronprinz Friedrich Wilhelm damit beauftragt.  
  Nachdem er mit seinen Lieben im Oktober noch eine Reise nach der Schweiz und Oberitalien unternommen hatte, fuhr er mit seinem Gefolge von Berlin aus am 17. November 1883 nach Genua, von wo aus er sich dann auf die bekannte Reise nach Spanien begab. Der Verfasser dieses Buches durfte sich dieser Reise, von Genua aus anschließen, die zu den interessantesten Begebenheiten seines Lebens gehört.  
  In welch' geistiger Frische und Kraft und zugleich wundervoller Haltung und Form zeigte sich Kronprinz Friedrich Wilhelm auf dieser Reise nach Spanien! sie glich einem einzigen Triumphzuge, dem ich von Anfang bis zu Ende beizuwohnen das Glück hatte. Gleichsam im Fluge eroberte "unser Fritz" die kühlen und stolzen Herzen der Spanier. Man konnte damals leicht den Eindruck gewinnen, daß der Kronprinz, überall von brausendem Jubel umringt, der eigentliche Herrscher des Landes sei. Diese unwiderstehliche Macht auf die Seelen und die Herzen der Ausländer, welche einem Fremden gegenüber immerhin zur Kritik geneigt waren, beweist, daß von ihm eine große innere Kraft ausging, welche wie sprühende Funken alles in den Brand der Begeisterung versetzte. Und man muß nur die Strapazen dieser kurzen, aber inhaltsreichen Reise mitgemacht haben, welche so ziemlich das ganze Gefolge durch übermenschliche Anstrengung in vorübergehende Invalidität versetzte, um verstehen zu können, was der Kronprinz damals geleistet hat. Von Morgens bis Abends war er unermüdet den Anstrengungen des täglichen Riesenprogramms gewachsen und fand sogar noch Zeit, nicht nur unausgesetzt nach Haus zu berichten, sondern jede freie Minute noch dazu zu benützen, Kunstsammlungen zu besuchen und in meiner Begleitung Einkäufe für das bevorstehende Weihnachtsfest zu machen.  
  Die Gedanken des Kronprinzen auf dieser Fahrt waren stets bei seinen Lieben. Schon an Bord des "Prinz Adalbert" sagte der Hohe Herr eines Tages zu mir: "Meine Frau bat mir aus Wiesbaden geschrieben" und dabei holte er einen Brief heraus, "ich solle besonders auf hispanisch-maurische Töpfereien und Kirchenparamente achten und solche mitbringen. Wollen sie freundlichst darauf achten. Versäumen sie auch nicht auf den Trödelmarkt zu gehen, da habe ich oft gute Sachen gefunden."  
  Und fast täglich frug mich der Hohe Herr, ob ich schon etwas gefunden habe, die Zeit dränge und Weihnachten stehe vor der Tür. Ich war nun etwas in Sorge, da die Händler in Madrid damals wirklich nichts Brauchbares vorrätig hatten, und wandte mich an den Grafen Don Juan de Valencia, Majordomus des Königlichen Schlosses, gleichzeitig Direktor der Ameria Real (Königlichen Waffensammlung). Dieser öffnete eine Truhe, zu meinem Entzücken vollgepackt mit den herrlichsten Meßgewändern in spanischer Applikationsstickerei. Ich wäre dem Grafen am liebsten um den Hals gefallen und frug ganz bescheiden, ob ich vielleicht davon etwas für den Kronprinzen haben könnte? "Alles" war die Antwort des liebenswürdigen Grafen. Meine Freude darüber war ungeheuchelt. Die Sachen wurden sogleich in das Schloß gebracht, ich baute sie auf sieben nebeneinander gestellten Fauteuils auf und ließ es den Kronprinzen wissen Dieser erschien bald und auch er war freudigst überrascht und sagte nur: "Das behalte ich alles."
Kaiser Friedrich als Kronprinz. In der Uniform der Pasewalker Kürassiere. Nach 1880.
  Auch in Andalusien, in Sevilla und Granada waren die Gedanken des Kronprinzen fast stets bei den Seinen. In Granada wurde ich noch spät Abends zum Kronprinzen befohlen und aufgefordert, zu berichten, was ich dort schon gefunden habe. "Lassen Sie sich in Ihrem Bericht nicht stören, wenn ich gleichzeitig an meine Frau depeschiere". Und mit langem Bleistift warf er große Schriftzüge auf Depeschenpapier. Am nächsten Morgen wurde ich wieder befohlen und sofort vorgelassen. Als ich eintrat, sagte der Kronprinz: "Sind Wagen vor der Tür?" "Jawohl, Kaiserliche Hoheit." "Dann wollen wir gleich zu den Händlern fahren und schleunigst unsere Einkäufe machen." Und so geschah es dann auch.  
  Der Kronprinz erhielt dann noch den Befehl, von Spanien aus nach Rom zu fahren, um den König von Italien und den Papst zu besuchen.  
  Zu Weihnachten aber war der Kronprinz wieder mit seinen Lieben in Berlin vereint.  
Rückkehr des Prinzen Heinrich nach langer Abwesenheit. Im Frühjahr 1884, am 13. März, erlebte das Kronprinzenpaar die Freude, den Prinzen Heinrich nach langer Abwesenheit auf Seereisen im Auslande endlich einmal wiederzusehen. Die Eltern reisten ihm auch diesesmal wieder nach Kiel entgegen. Am Ende dieses Monats wurde die Kronprinzessin in tiefe Trauer versetzt. Ihr jüngster Bruder, Prinz Leopold, Herzog von Albany, der sich seiner zarten Gesundheit wegen in Cannes aufhielt, starb dort plötzlich, wie man sagte, in Folge eines Sturzes von der Treppe. Der Schmerz der Kronprinzessin darüber war sehr groß, und in späteren Jahren erinnerte sie sich noch oft mit Wehmut ihres geliebten Bruders. Der Kronprinz wohnte der Beisetzung des Prinzen in London persönlich bei.  
  Die vielen Repräsentationspflichten, welche an das Kronprinzenpaar täglich herantraten, hinderten es indessen in keiner Weise, sich unermündlich den vielen Unternehmungen und Bestrebungen auf dem Gebiete der Volkswohlfahrt, der Kunst und des Kunstgewerbes in vollem Umfange zu widmen.  
Geburt eines zweiten Enkelkindes. 14. Juli 1883.

Reise nach Baden-Baden und Tirol.

Am 14. Juli erfreute die Prinzessin Wilhelm das Kronprinzenpaar mit einem zweiten Enkelkinde. Bald darauf nahm die Kronprinzliche Familie einen längeren Ausenthalt in England. Im Anschluß daran ging es nach Baden-Baden und schließlich noch auf kurze Zeit nach Tirol. Der 21. Oktober 1884 vereinigte die Kronprinzliche Familie zur goldenen Hochzeitsfeier in Sigmaringen. Dann aber erforderte die Eröffnung des neu einberufenen Staatsrates, dessen Präsident der Kronprinz wurde, dessen Anwesenheit in Berlin am 25. Oktober.  
  Das Kronprinzliche Paar ließ es sich nicht nehmen, am 1. November 1884 der Eröffnung der Ausstellung von Schülerarbeiten beizuwohnen, welche im Lichthofe des Kunstgewerbemuseums in Berlin aufgestellt waren. Mit aufmerksamstem Interesse prüften die Hohen Herrschaften jedes Stück, hier und da neue Anregungen gebend. Am Tage darauf fand die glänzende Einweihung der Technischen Hochschule in Charlottenburg statt, der letzte Bau des genialen Lucae. Auch der greise Kaiser war dazu erschienen und deutete in einer Ansprache auf die große Wichtigkeit des Tages hin.  
  Um seinem Dank für die herzliche Aufnahme, welche der Kronprinz ein Jahr vorher in Spanien gefunden hatte, Ausdruck zu geben, eröffnete er mit seiner Hohen Gemahlin in Berlin eine Ausstellung zum Besten der vom Erdbeben heimgesuchten Spanischen Provinzen.  
Tod des Prinzen Friedrich Karl von Preußen und anderer Heerführer. Das Jahr 1885 brachte besonders für den Kronprinzen viel Trauer und persönliche Verluste. Eine ganze Reihe von bedeutenden Heerführern aus der großen Zeit starb schnell nacheinander. Am tiefsten empfand er wohl den Verlust des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, mit dem vereint er so glänzende Erfolge auf den Schlachtfeldern errungen hatte.  
Aufenthalt in Andermatt. Den Hochsommer verbrachten die Kronprinzlichen Herrschaften in diesem Jahre in Andermatt, inmitten der schönen Alpenwelt. Hier mußte sich indessen das Hohe Paar trennen, da der Kronprinz zur Denkmalsenthüllung nach Potsdam mußte, während seine Familie einen Ausflug nach Oberitalien machte.  
  Ende September finden wir den Kronprinzen bei Truppenbesichtigungen in Württemberg. Bei dieser Gelegenheit besuchte er am 28. September 1885 die alten Klöster von Maulbronn und Alpirsbach im Schwarzwald, welche wertvolle Überlieferungen des Zollerngeschlechtes bergen.  
Tod des Königs Alfons XII. 25. November 1885. Der Tod Alfons XII. von Spanien am 25. November 1885 erschütterte das Kronprinzenpaar tief, denn genau zwei Jahre vorher hatte der Kronprinz auf seiner spanischen Reise innige Freundschaft mit dem jungen König geschlossen, den er wegen seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit hoch verehrte. Das sehr ungesunde Klima von Madrid hatte die zarte Gesundheit des Königs schon frühzeitig untergraben.  
25 jähr. Regierungs-Jubiläum Wilhelms des Großen. Das Jahr 1886 begann mit dem 25 jährigen Regierungs-Jubiläum Kaiser Wilhelms des Großen, mit Huldigungen der Armee, an deren Spitze Kronprinz Friedrich Wilhelm stand.  
Erkrankung des Kronprinzen an den Masern. Anfang April 1886 zogen Krankheit und Sorge in das Kronprinzliche Palais. Das teure Familienhaupt, der Kronprinz selbst, erkrankte an den Masern, und zwar in so heftigem Maße, daß die Ärzte alles aufbieten mußten, um Nachkrankheiten zu verhüten. Zum Glück ging alles gut vorüber.  
  Nach seiner Wiederherstellung eröffneten die Kronprinzlichen Herrschaften am 23. Mai die Berliner Jubiläums-Ausstellung, und bald darauf folgte die Enthüllung des Denkmals für König Friedrich Wilhelm IV. an der Nationalgalerie in Berlin.  
Tod Ludwig II. von Bayern. 13. Juni 1886. Das tragische, plötzliche Ende König Ludwigs II. von Bayern im Monat Juni 1886 ging dem Kronprinzenpaare sehr zu Herzen. Die patriotische Haltung, welche dieser unglückliche Monarch beim Ausbruch des letzten Krieges eingenommen hatte und dann auch bei der Kaiserproklamation bewährte, hatte ihn dem Herzen des Kronprinzen besonders nahe gebracht. Da verstand es sich auch für den Kronprinzen von selbst, daß er der feierlichen Beisetzung beiwohnte. Eine ganze Reihe weiterer Repräsentationspflichten lag dem Kronprinzen nun ob, denn er mußte jetzt den alten, neunzigjährigen Kaiser wiederholt vertreten und unterstützen. Zuerst bei der 500jährigen Jubelfeier der Universität Heidelberg, Anfang August 1886, wo er eine bedeutungsvolle Rede hielt; dann wurde am 17. desselben Monats der 100 jährige Todestag König Friedrichs II. in Potsdam, im Beisein des alten Kaisers, durch eine Kirchenparade, Gottesdienst und Besuch der Gruft festlich begangen. Nachdem er noch den großen Kaisermanövern des 15. Armee-Korps bei Straßburg beigewohnt hatte, vertrat er seinen greisen Vater bei der Fortsetzung dieser Manöver in Metz, wo ihm von der Bevölkerung ein festlicher Empfang bereitet wurde.  
Aufenthalt in Portofino bei Genua. Nach allen diesen Strapazen konnte sich der Kronprinz endlich wieder seiner Familie widmen, welche bereits nach Portofino bei Genua vorausgefahren war. Nun kamen herrliche Tage für das Kronprinzenpaar. Voller Begeisterung erinnerte sich die Kaiserin Friedrich noch in späteren Jahren beim Anblick von Ansichten dieser Gegend an diese glückliche Zeit, als alle die Ihrigen noch gesund und am Leben waren.  

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