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Gustav Leinhaas

Kapitel XI. Leidenszeit und tragisches Ende Kaiser Friedrichs.

 

Beginnende Heiserkeit des Kronprinzen.

Leider standen Krankheit und Sorge schon vor der Tür des bisher so glücklichen Kronprinzlichen Hauses. Kaum wegen dringender Regierungsgeschäfte heimgekehrt, mußte der arme Hohe Herr von neuem die milde Riviera aufsuchen, den Todeskeim bereits in sich tragend. Im Dezember 1886 zeigte sich zuerst eine Heiserkeit, welche sich äußerst hartnäckig erwies und den Kronprinzen unangenehm belästigte, besonders bei seinen vielen Pflichten der Repräsentation.
Kaiser Friedrich, Mai 1886. Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d.H.
90. Geburtstag Kaiser Wilhelm des Großen. Furchtbar anstrengend war für ihn der 22. März 1887, der 90. Geburtstag Kaiser Wilhelms, zu welchem 85 Fürstlichkeiten erschienen waren, und bei welchem wegen des hohen Alters des gefeierten Kaisers dem Kronprinzen die ganze Last der Empfangspflichten zufiel.
 

Kur des Kronprinzen in Ems.

Die tüchtigsten Ärzte wurden herbeigezogen. Es gelang ihnen aber nur vorübergehend eine Besserung zu erzielen. Die Schwellungen an den Stimmbändern wurden von deutschen Ärzten bald als bösartig erkannt. Eine Luftveränderung und eine vierwöchentliche Kur in Ems brachten auch keine Besserung. Am 15. Mai kehrte er mit seinen Lieben nach Potsdam zurück. Eine Operation schien unvermeidlich, sie ging aber auf Leben und Tod und hätte nach übereinstimmender Ansicht der deutschen Ärzte im günstigsten Falle den gänzlichen und dauernden Verlust der Stimme zur Folge gehabt. Es sollten daher auf Bismarck's Veranlassung noch weitere angesehene Kehlkopfspezialisten zu Rate gezogen werden.
Berufung von Mackenzie. Die Mehrzahl der ärztlichen Stimmen war für die Berufung des damals berühmten englischen Arztes Sir Morell Mackenzie. Zu allgemeinster Überraschung sprach er die Meinung aus, daß er die Wucherung am linken Stimmbande nicht für bösartig halte, und auch Virchow, der damals berühmteste Pathologe, konnte bei der mikroskopischen Untersuchung eines herausgenommenen Teilchens nichts Krebsartiges finden. Virchow verwahrte sich aber gleich dagegen, daß die Untersuchung dieses kleinen Gewebeteils einen Schluß auf den Befund des ganzen Kehlkopfes ziehen lasse. Mackenzie erklärte zugleich, daß er das Leiden ohne Operation heilen könne, und er wurde nun mit der Weiterbehandlung betraut, unter Assistenz von hervorragenden deutschen Ärzten.  
  Ob Mackenzie wirklich nicht an das Vorhandensein von Krebsgeschwulsten geglaubt hat, ist kaum denkbar; er sagte sich aber wohl, daß eine Operation zu gefährlich sei. Auch war er der Meinung, daß es dem Kronprinzen unbedingt darauf ankäme, den Kaiserthron zu besteigen, und so richtete Mackenzie seine Behandlungsmethode dementsprechend ein, indem er die gefährliche Operation vermied und nur darauf bedacht war, das Leben des Kronprinzen nach Menschenmöglichkeit zu verlängern.  
  Der Kronprinz wollte Kaiser werden, und wer wollte ihm das verübeln. Gustav Freytag nannte diesen Wunsch in seiner späteren Art, eigene Gedanken Anderen zu unterlegen, "die krankhafte Sehnsucht nach dem Glanz der Majestät". Kaiser Friedrich hatte sich doch mehr als ein Menschenalter hindurch auf seinen hohen, verantwortungsvollen Beruf vorbereitet. Stets taktvolle Zurückhaltung in allen Staatsangelegenheiten gewahrt, und nun sollten seine Lebensarbeit, alle seine Pläne und Wünsche mit einem Male zu nichte gemacht werden durch diese Operation auf Leben und Tod? Er war 56 Jahre alt geworden in steter Erwartung und in ernstester Vorbereitung, hatte immer bescheiden zurückgestanden, auch wenn es sich um den Ausbau des Reiches handelte, welches er durch seine glänzenden Leistungen im Kriege hatte schaffen helfen. Auch der Hinblick auf die Seinigen mochte in ihm wohl den Wunsch rege erhalten haben, wenn auch nur für kurze Zeit in den Besitz der Kaiserlichen Machtfülle zu gelangen, um die Zukunft seiner Lieben sicher stellen zu können. Kurzum, Kaiser Friedrich wehrte sich nach reiflicher Überlegung gegen die Herausnahme des Kehlkopfes.
Kaiser Friedrich 1886.
 

Der Kronprinz wohnt dem 50 jähr. Regierungs-Jubiläum der Königin Victoria bei.

Trotz des Widerspruches der deutschen Ärzte und trotz des Mißtrauens gegen den englischen Arzt und der abfälligen Beurteilung seiner Tätigkeit in Deutschland, wollte, wie mir die Kaiserin Friedrich einmal ganz bestimmt sagte, der Kronprinz nicht von diesem lassen, da er eine bezaubernde Art hatte mit Kranken umzugehen und ihnen Mut zuzusprechen, was dem armen Kronprinzen so unendlich wohl tat. Und tatsächlich trat eine vorübergehende Besserung ein, welche es dem Kronprinzen sogar ermöglichte, dem 50 jährigen Regierungsjubiläum der Königin Victoria von England beizuwohnen. In Begleitung der Kronprinzessin und der Kinder reiste er am 13. Juni 1887 nach London. Und am Jubiläumstage, am 21. Juni, erschien der Kronprinz bei dem großen Einzug der Königin hoch zu Roß, in wundervoller männlicher Haltung, zum Entzücken aller, die ihn sahen. Aller Augen waren nur auf ihn gerichtet, er erschien in seiner edlen und vornehmen Haltung allen Augenzeugen wie ein Held aus alten Zeiten. Niemand mochte an ein baldiges Ende glauben. Der Eindruck auf alle Zuschauer war geradezu ein überwältigender und erregte die höchste Begeisterung.  
  Bei seiner Anwesenheit in London besuchte der Kronprinz auch das Hospital für Halsleidende, wo ihn das innigste Mitleid für die Kranken erfüllte. Die Kaiserin Friedrich erinnerte sich später dieses Besuches und um jenes Krankenhaus zu unterstützen, bat sie den englischen Diplomaten (jetzigen Botschafter in Rom) Sir Rennell Rodd, ein Buch über Kaiser Friedrich zu schreiben, dessen Erlös für dieses Krankenhaus bestimmt sein sollte. Die Einleitung zu diesem Buch ist von der Kaiserin Friedrich selbst verfaßt worden und enthält einen so wertvollen Beitrag zu ihrem Charakterbild, daß diese Einleitung hier wörtlich wiedergegeben werden soll.  
Einleitung, geschrieben von der Kaiserin Friedrich, zu dem Buch von Rennell Rodd über Kaiser Friedrich. Schloß Friedrichskron, den 18. August 1888.
Werter Herr Rodd!
Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, besuchte mein geliebter Gatte, der verewigte Kaiser Friedrich, im vorigen Jahre bei seiner Anwesenheit in England das Hospital für Halsleidende, und das innigste Mitleid für die Kranken erfüllte ihn. Sein Zustand verursachte ihm zu jener Zeit noch keine großen Beschwerden, sein gütiges Herz aber war voller Teilnahme für die Bedauernswerten, welche so viel schwerer litten, als er selbst. Ich hegte damals den lebhaften Wunsch, das Krankenhaus in irgend einer Weise zu unterstützen. Meine Absicht war, einige kleine Zeichnungen zu machen und daraus mit einigen hübschen, unterhaltenden Erzählungen ein Büchlein zusammenzustellen, welches zum besten des Krankenhauses hatte verkauft werden können. Ach! Ich fand niemals Muße und innere Ruhe zur Ausführung dieses Planes.
Ich habe jetzt vor Augen gesehen, in wie hohem Grade ärztliche Geschicklichkeit und sorgfältige Pflege den Zustand Leidender erleichtern kann; doppelt lebhaft wird daher in mir der Wunsch rege, es möchte möglichst vielen von Krankheit Heimgesuchten vergönnt werden, in einer Heilanstalt das zu finden, was ihnen zu Hause unerreichbar ist:
Zweckmäßige Behandlung, Bequemlichkeit und die beste Aussicht auf Heilung. Jetzt, da ich erfahren habe, mit welch' tiefer und aufrichtiger Teilnahme meine eigenen Landsleute den Verlauf der Krankheit meines geliebten Gatten verfolgt haben, und mit wie warmer Empfindung sie seinen Verlust betrauern, fühle ich mich ermutigt, meinen Plan zur Unterstützung des Krankenhauses wieder aufzunehmen, wenn auch in einer anderen, Form: Nicht meine eigenen Zeichnungen oder schriftstellerischen Arbeiten will ich darbringen, sondern ich bitte Sie, in kurzem Abriß das Leben meines geliebten Gatten, der so früh von uns genommen wurde, zu schildern. Sie haben ihn nicht nur in sonnigen Tagen gekannt, als er das Bild der Kraft und der Gesundheit war, sondern auch in dem letzten traurigen Jahre, als die Krankheit ihren Schatten über sein Leben warf; deshalb dachte ich. Niemand wäre geeigneter als Sie, eine kurze Lebensbeschreibung abzufassen, welche ihn dem englischen Volke besser bekannt machen und in seinem Herzen ihm eine Stelle neben meinem Vater gewinnen möge, den der Verewigte so sehr liebte, bewunderte und verehrte, und mit dessen Ansichten und Bestrebungen er ausrichtig übereinstimmte. Ich bin überzeugt, daß das Leben eines guten und edlen Mannes allgemeine Teilnahme finden muß, und daß ein so glänzendes und reines Vorbild nur Gutes wirken kann.
Menschen in bescheidenen Lebensstellungen, welchen viele von den Segnungen versagt sind, deren die Reichen sich erfreuen, und welche fast alle vermeintlichen Genüsse dieser Welt entbehren müssen, sind oft geneigt, sich einzubilden, ihre Last sei die schwerste, Kämpfe, Schmerz und Tränen seien nur ihnen beschieden. Vielleicht werden sie anders denken, wenn sie von Leiden lesen, die mit solcher Geduld getragen, von Pflichten, die so freudig erfüllt wurden, während Krankheit die Kraft des starken Mannes untergrub; sie werden einigermaßen den tiefen Schmerz getäuschter Lebenshoffnung begreifen, den ein von Liebe für sein Volk beseelter Herrscher empfinden mußte, als er sich ohnmächtig fühlte, die lange gehegten Pläne für das allgemeine Beste auszuführen; sie werden den Mut bewundern, mit dem er festen Fußes seinem Ende entgegenschritt, während die Schatten des Todes seinen Pfad verdunkelten.
Trauer und Schmerz suchen Alle gleichermaßen heim, gebrochene Herzen finden sich in Palästen wie in Hütten, und das heilige Band der Bruderliebe ist sicherlich da am stärksten, wo werktätiges Mitleid Aller Herzen vereint und Verehrung für das Gute unsere Seelen erhebt.
Möge diese kleine Geschichte von Kaiser Friedrichs edlem und heilbringendem Leben sich an die Herzen der Leser wenden, gleichsam als Gruß von ihm an seine Leidensgefährten im Krankenhause, denen ich so gern einen kleinen Dienst erweisen möchte. Sie versprachen freundlichst, diesem Zwecke Ihre Feder zu leihen.
Ihre aufrichtig ergebene
Victoria.
 
Aufenthalt des Kronprinzenpaares auf der Insel Wight.

Übersiedelung nach Toblach.

Nachdem der Festesjubel verrauscht war, zog sich die Kronprinzliche Familie nach der Insel Wight zurück, von der milden Seeluft dort Stärkung erhoffend. Leider vergebens. Ein neuer Luftwechsel wurde vorgenommen und nach Schottland gegangen. Als auch hier Heiserkeit und Halsbeschwerden nicht verschwanden, ordnete Mackenzie nun am 3. September die Übersiedlung nach Toblach im Pustertal an, welches dem Arzte besonders geeignet erschien, die Beschwerden zu mildern. Und wirklich tat dem Kronprinzen der häufige Aufenthalt im Freien recht wohl, so daß er wieder ausgedehnte Spaziergänge unternehmen konnte.  
 

Aufenthalt in Venedig und Baveno.

Letzter Geburtstag des Kronprinzen 18. Oktober 1887

Leider wurde der Zustand hier plötzlich beängstigend durch bösartige Wucherungen und einen Erstickungsanfall. Nun versuchte man es mit dem Süden, zunächst wurde ein kurzer Aufenthalt in Venedig genommen, dann ein längerer in Baveno am Lago Maggiore, wo er am 18. Oktober, umgeben von allen Kindern, seinen letzten Geburtstag feierte, wenn auch in recht schwermütiger Stimmung, gegen die er mit aller Kraft anzukämpfen suchte. Der Kronprinz weilte hier so lange, als es das Klima irgend gestattete. Am 3. November indessen wurde nach San Remo aufgebrochen, dessen sehr geschützte Lage allen Anforderungen der Ärzte genügte.  
Aufenthalt in San Remo, Villa Zirio. Hier bewohnte die Kronprinzliche Familie die Villa Zirio, welche für die Zwecke des Hohen Kranken eingerichtet wurde. Vier Monate verlebte der Kronprinz hier unter der unermüdlichen Pflege und treuen Sorgfalt seiner Gemahlin bei Tage und bei Nacht. Hierbei offenbarte die Kronprinzessin ihre ausgezeichneten und erstaunlichen Kenntnisse in der praktischen Krankenpflege und was damit zusammenhängt. Aber auch seelischen Trost wußte sie zu spenden, wenn ihr Herz auch selbst vor Kummer und Sorge für die Zukunft brechen wollte. Eine wirklich erhebende Freude erlebte der Kronprinz, als eines Tages ein Geschwader von Deutschen Schiffen an der Küste angesichts seiner Villa erschien und ihm durch Flaggengala und Salut seine Huldigung darbrachte.
Villa Zirio in San Remo.
  Nach längerem, scheinbarem Stillstand schritt das bösartige Halsleiden im Laufe der Wintermonate unaufhaltsam fort. Die Ärzte rieten dem Kronprinzen immer wieder zur Operation, aber dieser lehnte sie nach reiflicher Überlegung entschieden ab.  
  Für diese Leidenszeit des edlen Dulders sind zwei bekannte Aussprüche desselben bezeichnend: "Lerne zu leiden, ohne zu klagen" und "So fährt ein recht edler Sinn über alles Widrige dahin"  
  Am 9. Februar 1888 mußte wegen dringender Erstickunggefahr zum Kehlkopfschnitt geschritten werden, welcher von Dr. Bramann vorzüglich ausgeführt wurde.  
  Die weitere Entwicklung der Krankheit ist schon so vielfach beschrieben und veröffentlicht worden, daß es sich an dieser Stelle nur darum handelt, immer von neuem auf die heroischen Anstrengungen der Kronprinzessin hinzuweisen, ihrem teuren Kranken jede Art Erleichterung zu verschaffen, ihm durch liebevollstes Eingehen auf alle seine Wünsche das furchtbare Verhängnis etwas erträglicher zu gestalten und durch nie versagende, treueste Pflege seine Lebenstage zu verlängern.  
Ableben Kaiser Wilhelms I. 9. März 1888.

Rückreise Kaiser Friedrichs nach Deutschland.

Am 9. März 1888 überreichte der Hofmarschall dem Kaiser Friedrich die Kunde von dem Ableben Kaiser Wilhelms, seines Vaters, und am Tage darauf in aller Frühe trat der kranke Kaiser tieferschüttert mit den Seinen die Rückreise nach Deutschland an. Nun begann das Kaisertum der hundert Tage. Trotz Fieberzuständen, Mattigkeit und allmählichem Kräfteverfall kam der arme Kaiser mit heldenmütiger Anstrengung und mit seltener Selbstüberwindung seinen Herrscherpflichten auf das Gewissenhafteste nach. Er dachte an Alles, immerfort nur das Wohl des Landes im Auge.  
Die Regierungszeit Kaiser Friedrichs. Karl Schrader, Mitglied des Reichstages erzählt uns über die letzte Lebenszeit Kaiser Friedrichs: "Daß er bis zum letzten Augenblicke die Regierung wie ein gesunder Mann geführt hat, daß er, was an ihm lag, getan bat, nicht bloß die laufenden Geschäfte im Gange zu halten, sondern daß er wichtige Dinge auf allen Gebieten selbst angeregt hat, z. B. Reformen in der Armee und die Amnestie, daß er nicht bloß ein Regierungsprogramm aufgestellt hat, welches noch für lange Zeiten den deutschen Herrschern zur Richtschnur dienen kann, sondern noch in den letzten Tagen seines Lebens an einem auffallenden Beispiele gezeigt hat, wie sehr ihm an der Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Rechte gelegen war, ist ein Beweis dafür, daß, wenn es galt, als Deutscher Kaiser und preußischer König für seines Landes Wohl zu wirken, sein Geist über alle körperlichen Schwächen siegte". -  
  Jene beklagenswerten Vorkommnisse im Krankenzimmer des armen Märtyrerkaisers, welche über Gebühr aufgebauscht worden sind, können billiger und gerechter Weise nicht der Person der Kaiserin Friedrich zur Last gelegt werden. Man möge sich nur einmal ohne Voreingenommenheit die begleitenden Umstände vor Augen führen: Ein todkranker Kaiser auf dem Schmerzenslager, der, des Gebrauches der Stimme beraubt, seine Befehle und Wünsche nur mühselig der Umgebung auf in der Eile hingeschriebenen Zetteln übermitteln konnte. Schon daraus entstanden zahllose Mißverständnisse und Schwierigkeiten, die den Kranken erregten. Und so kam es, daß es bei der durch stete Sorge, Nachtwachen, Überhäufung mit Geschäften aller Art und sonstigen Aufregungen recht angegriffenen Umgebung des Kaisers Friedrich wohl hier und da Meinungsverschiedenheiten gab, wie das in ähnlichen Fällen in jeder Familie vorkommt, und die gewiß nicht weiter tragisch zu nehmen waren. Man sollte auch bedenken, welche übermenschliche Arbeitslast auf der Kaiserin Friedrich in diesen unglücklichen Zeiten ruhte. Denn draußen vor der Tür des hohen Kranken, da pochte die Ungeduld derer, die auf direktem oder indirektem Wege Einfluß auf den Träger der Kaiserkrone erlangen wollten. Dazu kam die Erledigung wenigstens der wichtigsten Regierungsgeschäfte, ein Gehen und Kommen von Fürstlichkeiten, hohen Staatsmännern, Militärs, Ärzten und vielen anderen in großer Zahl. Die Kaiserin Friedrich sagte einmal zu mir, als die Rede auf diese Schreckliche Zeit kam: "Ich war damals nahe daran, wahnsinnig zu werden."  
  Karl Schrader äußert sich dann weiter:
"Urteilen wir nach dem, was Kaiser Friedrich wirklich getan hat, so können wir gar nicht zweifeln, daß dem gesunden Manne die Energie wahrlich nicht gefehlt hätte, und die Erfahrungen seines Lebens über Dinge und Personen hätten ihn sicher nicht schwach gemacht; er würde wohl verstanden haben, seine Gedanken über das, was Deutschland not tat, zur Durchführung zu bringen, und das Vertrauen, welches er auf die Deutsche Nation setzte, würde ihm die gewiß nicht geringen Schwierigkeiten zu besiegen geholfen haben."
 
Besuch der Königin Victoria beim todkranken Kaiser Friedrich. Dem Kaiserpaar wurde noch die Freude zu Teil, die hochverehrte Königin Victoria von England in Charlottenburg zu begrüßen, welche, von ihrem Ausenthalt im Süden auf der Heimreise begriffen, es sich nicht versagen konnte, ihren inniggeliebten "Fritz" noch einmal wiederzusehen.  
  Der Zustand des Kaiserlichen Dulders war stetig schwankend, auf schlimme Tage folgten leichte Besserungen, die immer wieder neue Hoffnungen erweckten, zumal die stete milde Heiterkeit und das "Dulden ohne zu klagen" bei manchem den Anschein erwecken mochte, als sei das Übel noch nicht allzusehr vorgeschritten. Auch in den Augen der unglücklichen Kaiserin leuchtete zuweilen noch ein Hoffnungsstrahl, wie uns Schellbach, der alte Lehrer des Kaisers, mitteilt.  
Vermählung des Prinzen Heinrich. 24. Mai 1888. Am 24. Mai 1888 konnte er noch der Vermählungsfeier des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen im Kreise aller seiner Lieben beiwohnen. Und die Vorbereitungen zu diesem Familienfest, sowie auch die Instandsetzung der Räume dazu im Charlottenburger Schloß, fanden unter seiner persönlichen Beaufsichtigung statt, wenn er sich dazu auch schon des Rollstuhls bedienen mußte.
Die Trauung des Prinzen Heinrich von Preußen mit der Prinzessin Irene von Hessen. Zugleich letzte Aufnahme vom Kaiser Friedrich (sitzend). 24. Mai 1888.
Übersiedlung von Charlottenburg nach Friedrichskron.

Geburtstag der Prinzessin Sophie. 14. Juni 1888.

Kaiser Friedrich sehnte sich aber nun nach dem Neuen Palais, damals Friedrichskron genannt, der Stätte so vieler lieber Erinnerungen und trauten Familienlebens. Diesem Verlangen wurde am 1. Juni entsprochen, an welchem Tage die Übersiedelung statt»fand. Auch hier widmete sich der Kaiser mit Aufbietung aller Kräfte den Regierungsgeschäften, bis das zehrende Fieber von Tag zu Tag mehr die Lebenskräfte vernichtete. Am 14. Juni war der Geburtstag der Prinzessin Sophie, der jetzigen Königin von Griechenland. Sie trat an das Krankenlager des heißgeliebten Vaters, um seinen Glückwunsch entgegen zu nehmen. Mit Aufbietung seiner letzten Kraft schrieb er auf einen Zettel: "Bleib' fromm und gut, wie Du es bisher gewesen! Dies ist der letzte Wunsch Deines sterbenden Vaters."
Tod Kaiser Friedrichs. 15. Juni 1888. Am 15. Juni nach elf Uhr hauchte der Liebling des deutschen Volkes seinen herrlichen Geist aus. Ein erprobter Kriegsheld, der hochgebildete Schirmherr von Kunst und Wissenschaft, der Freund aller Armen und Bedrückten, ein edler, gütiger, aufgeklärter Herrscher, der treueste Familienvater, sank allzufrüh in das Grab, und mit ihm die Hoffnungen einer ganzen Generation! Der Schmerz der Kaiserin war furchtbar, so daß sie am Sterbelager zusammenbrach. Nachdem sie sich einigermaßen gefaßt hatte, teilte sie das schmerzvolle Ereignis der Kaiserin-Witwe Augusta mit folgenden Worten mit:
"Um Deinen einzigen Sohn weint diejenige, die Stolz und glücklich war, seine Frau zu sein, mit Dir, arme Mutter! Keine Mutter besaß solchen Sohn! Sei stark und stolz in Deinem Kummer! Er ließ Dich noch heute grüßen.
Victoria."
 
  An die Königin Victoria von England telegraphierte Sie:
"Fritz ist tot - und ich verzweifle!"
 
  Rennell Rodd beschreibt seine Aufbahrung:
"Nach dem Tode wurde er - es war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen - in seinen Militärmantel gehüllt, und die Kaiserin legte ihm das Schwert in den Arm, das er auf allen seinen Feldzügen getragen; um den Hals hing sie ihm das Großkreuz des "Pour le mérite"-Ordens, und den Kranz von Eichenblättern, den sie ihm bei seiner Rückkehr aus dem Kriege 1870 gegeben, legte sie auf seine Brust Die Beisetzung fand statt am Tage von Waterloo."

"Es wird der Ruhm von seinen Erdentagen
Nicht in Aeonen untergehn."

 
  Otto Arendt schrieb damals:
"Das Bild Friedrichs bewahrt die Volksseele rein und hell für die kommenden Geschlechter auf. Wir zweifeln nicht, daß, solange deutsch gesprochen wird auf Erden, unter den großen Fürstengestalten in Sage und Lied der blonde Hohenzollernheld lebt, unter dessen Befehl Süd und Nord zuerst vereint siegreiche Schlachten schlugen, und den der tückische Tod dann traf, als er den Thron bestieg, um eine gesegnete Regierung zu beginnen."
 
  An der Villa Zirio in San Remo, wo der Liebling des deutschen Volkes im Winter 1887/1888 röchelnd auf dem Fieberbette lag, liest man auf einer Gedenktafel folgende Verse von Ernst von Wildenbruch:

"Wanderer, der du aus Deutschland herkommst - Hemme den Schritt -
Hier der Ort, wo dein Kaiser Friedrich lebte und litt -
Hörst du wie Welle an Welle stöhnend zum Ufer drängt? -
Das ist die sehnende Seele Deutschlands - die sein gedenkt."

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