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Gustav Leinhaas

Kapitel XIV. Die Tage von Friedrichshof*

  In diesem soeben beschriebenen, umfangreichen, selbstgeschaffenen Besitz, zu dem noch der von S. M. dem Kaiser seiner Erlauchten Mutter geschenkte alte Herrensitz, die Burg Cronberg, hinzukam, waltete und schaltete nun die Hohe Schloßherrin, zugleich das Ideal einer echten Hausfrau.
Kaiserin Friedrich in der Halle des Schlosses Friedrichshof 1899 Aufnahme von Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d.Höhe
Die Kaiserin Friedrich als Hausfrau und Schloßherrin. Schon ihre äußere Erscheinung entsprach diesem tüchtigen, besonders auf das praktische gerichteten Sinn. Die einfache, schlichte, stets schwarze Kleidung bewies die große Einfachheit und Anspruchslosigkeit bezüglich ihrer eigenen Person. Ihr liebster Schmuck war das Miniatur-Porträt Kaiser Friedrichs, an einem goldenen Kettchen um den Hals gehängt.
  Und trotz dieser anspruchslosen, bescheidenen Tracht, welche Hoheit in dem Ausdruck der Gesichtszüge und welche eindringliche, souveräne und doch herzgewinnende Sprache redeten diese Augen!  
  Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war die Kaiserin unermüdlich und emsig tätig, mit erstaunlicher Frische und eiserner Tatkraft, sich keinen Augenblick Ruhe gönnend. Frühzeitig stand die Hohe Frau des Morgens auf, um zunächst häusliche Angelegenheiten zu erledigen, denn es war die stete Sorge derselben, den geradezu idealen, tadellosen Zustand aller Räume und aller Gegenstände im Schlosse dauernd zu erhalten. Es blitzte aber auch alles nur so bis in den fernsten Winkel des Schlosses: kein Stäubchen war zu sehen. Ihre Majestät hatte aber auch das wärmste, hingebendste Interesse und die größte Freude an ihrem eigenen Besitz. "Man bat seine Sachen so gern, man streichelt dieselben ordentlich mit den Augen" äußerte die Kaiserin einmal zu mir. War ein neues Stück hinzugekommen, sei es durch Erwerbung oder als Geschenk, so ordnete sie persönlich die geeignete Aufstellung desselben durch den Kastellan mit seinen Leuten an. Wenn dann alles fertig war, führte die Kaiserin Näherstehende durch die Räume, um persönlich die Neuerwerbung zu zeigen und ein Urteil darüber zu hören. "Diesen SesseI habe ich von der Reise mitgebracht; ist er nicht hübsch? Er sieht so vornehm aus!" Aus der Liebe zu ihren Sachen entstand und erklärt sich das geradezu persönliche Verhältnis, in dem die Kaiserin zu ihrem Besitz stand.  
Spazierritte. Um 8 Uhr des Morgens ritt Ihre Majestät regelmäßig aus, in schwarzem Reitkleid, Reitstiefeln und rundem, schwarzem Hut und kehrte kurz vor 10 Uhr zurück. Gewöhnlich war die Kaiserin von dem diensttuenden Herrn des Gefolges begleitet; außerdem folgten ein Stallmeister und zwei Reitknechte. Waren Prinzen und Prinzessinnen zum Besuch im Schloß, so ritten diese in der Begleitung Ihrer Majestät mit, besonders häufig auch Freifrau von Reischach und Prinzessin von Ratibor, der Kaiserin persönlich sehr nahestehend. Die Kaiserin Friedrich war eine mutige und sichere Reiterin. Als sie sich schon dem sechzigsten Lebensjahre näherte, überflog sie noch mit ihrem Pferde die schwierigsten Gräben und Hindernisse. Auch ritt die hohe Frau keineswegs sehr fromme Pferde. Einmal hatte sie ihr Lieblingsschimmel direkt gegen eine Mauer gedrängt; ein ander Mal klagte sie, daß ihr Pferd vor dem neuen Gartenzelt, welches es noch nicht kannte, gescheut habe und gestiegen wäre. Aber das bereitete der Kaiserin gerade das größte Vergnügen. Das schlechteste Wetter, der heftigste Regen hielt sie nie ab, ihre regelmäßigen Spazierritte zu machen.  
  Es gewährte der Hohen Frau Freude, in den Ortschaften, durch welche sie ritt, besonders auf alles das zu achten, was sich etwa irgend an alten baulichen Einzelheiten fand und was vielleicht für die Wiederherstellung ihrer alten Burg Cronberg in Frage kommen könnte. So wandte sie unter anderem z. B. auch den schmiedeeisernen Kirchturmkreuzen ihr besonderes Interesse zu, welche in der Taunusgegend oft sehr hübsch und mannigfaltig gestaltet sind. Sie drückte Sogar den Wunsch aus, diese schmiedeeisernen Spitzen alle zu zeichnen und eine Herausgabe derselben zu veranstalten. Bei der Rückkehr vom Reiten wurde die Kaiserin häufig von den prinzlichen Enkelkindern auf dem großen, freien Platz am Schloßeingang empfangen, wo dann von den Pferden gestiegen wurde. Nunmehr wurde im Familienkreise und mit den anwesenden Gästen gemeinsam das erste Frühstück eingenommen.
Bergfried (Freiturm) der Burg Cronberg a.T. Aufnahme von Hofarchitekt Studer, Cronberg a.T.
  Unmittelbar nach dem Frühstück, nachdem der Oberhofmeister und der Hofmarschall Vortrag gehalten hatten, etwa um 10 1/2 Uhr, betrat die Kaiserin Friedrich an jedem Tage, mit Ausnahme der Sonntage, die Bibliothek, um dort mit mir zu arbeiten. Die Tätigkeit daselbst gehörte zu ihren liebsten Beschäftigungen, und sie empfand es jedesmal unliebsam, wenn sie einmal, was sehr selten vorkam, nicht zu gewohnter Zeit in die Bibliothek kommen konnte; denn am nächsten Tage gab sie stets die Ursache ihres Nichterscheinens an. Gewöhnlich war es die Anwesenheit von Fürstlichkeiten oder Unwohlsein, welche die Verhinderung verursachte.  
Tägliche Studien der Kaiserin Friedrich in ihrer Bibliothek. Täglich befahl dann die Hohe Frau die Vorlage von Büchern, Photographien und anderen Publikationen, welche die gerade vorliegenden Arbeiten und Entwürfe Ihrer Majestät betrafen. Ganz besondere Sorgfalt aber wurde auf dasjenige wissenschaftliche Material gelegt, welches sich auf die in der Burg Cronberg und der gotischen Stadtkirche daselbst vorzunehmenden Wiederherstellungsarbeiten bezog. Hierbei ging Ihre Majestät mit der denkbar größten Vorsicht und Wissenschaftlichkeit zu Werke, und unausgesetzt beschäftigten sich ihre Gedanken damit. Jede Einzelheit, wie z. B. Erker, Fenster, Türen, Beschläge usw. wurde oft Monate lang immer von Neuem unter Herbeiziehung eines großen Materials von Buchwerken, Zeichnungen und Photographien studiert und festgestellt, bevor der Auftrag zur
Teilansicht der Burg Cronberg. Wiederhergestellt von der Kaiserin Friedrich.
  Ausführung gegeben wurde. Wie ernst und gründlich die Kaiserin diese Aufgabe auffaßte, geht vielleicht aus folgender Äußerung am besten hervor: "Gestern Abend habe ich so viel gesucht, den Durchgang eines Wehrganges hinter einer Pechnase zu finden."  
Freude der Kaiserin an ihrer Bibliothek. Zuweilen musterte Ihre Majestät mit zufriedenen Blicken die stattlich in ihren hübschen Einbänden sich ausnehmenden Bücherreihen der Bibliothek und pflegte dann zu sagen: "Ich bin sehr stolz auf meine Bibliothek!" Schon in ihrem zehnten Lebensjahre habe sie von ihrem Taschengeld immer nur Bücher gekauft. Wenn die Ankäufe von Büchern auch nicht in systematischer Weise erfolgt waren, so war doch das Vorhandene nur das Allerbeste. Man konnte schon an den Außentiteln der Bücher ablesen, welchen geistigen und wissenschaftlichen Richtungen die hohe Frau mit Vorliebe huldigte. Als Geschichtsschreiber bevorzugte die Kaiserin Mommsen, Ranke und Gregorovius; von sonstigen Gelehrten standen ihr Eduard Zeller, Rudolf Gneist, Helmholtz, Dubois-Reymond, Virchow, David Strauß und Ernst Renan wohl am nächsten. In die Bibliothek kam kein Buch hinein, welches sie nicht zuvor durchgelesen oder durchgearbeitet hätte. Für einige Werke ihrer Bibliothek hatte sie ganz besondere Hochschätzung. So war die Kaiserin sehr stolz über den Besitz eines berühmten und seltenen englischen Werkes über Volkswirtschaft von Bentham und anderer mehr. Zahlreiche Werke enthielten eigenhändige Randbemerkungen oder durch Unterstreichen hervorgehobene Stellen. Auch Kaiser Friedrich, als er noch Kronprinz war, hatte wiederholt eigenhändige Vermerke mit Bleistift in Bücher hineingeschrieben, so z. B. in die Memoiren der Kaiserin Katharina, welche im Jahre 1859 gemeinsam von dem Kronprinzenpaar gelesen wurden.  
  Schon beim Aufschneiden der Seiten eines neuen Werkes überflog die Kaiserin mit den Blicken jede Seite und hatte sofort den Sinn des Inhalts treffend erfaßt Die Schnelligkeit, mit der die Hohe Frau zu lesen verstand, grenzte geradezu an das Unglaubliche. Die Kaiserin Friedrich war ein wahres Genie im raschen Lesen und Durcharbeiten von Büchern, wie es nicht leicht vorkommt. Und auf jedem Gebiet menschlichen Wissens war sie zu Hause, ob es sich um Theologie, Philosophie, Geschichte, Literatur, Archäologie, Kunstgeschichte, Völkerkunde, Volkswirtschaft oder Gesundheitspflege handelte. Selten wohl besaß eine Fürstin ein gleich umfassendes Wissen, wie Sie. Selbst die schwierige Literatur über Volkswirtschaft hatte Ihre Majestät auf das Sorglichste studiert. Auch die stete Vermehrung der Bücher in der Schloßbibliothek ließ sich die Kaiserin sehr angelegen sein. Es machte ihr immer Freude, die Neuerwerbungen persönlich nach der Bibliothek zu bringen und einige Worte dabei über die Herkunft und die besondere Bedeutung des Werkes hinzuzufügen. Es ist ganz erstaunlich, was die Hohe Frau neben der umfangreichen täglichen anderweitigen Tätigkeit und abgesehen von den neu eingehenden Büchern noch alles las: außer den Tageszeitungen eine ganze Reihe von Revuen, Kunstzeitschristen und illustrierten Zeitungen in vier Sprachen.  
Begeisterung der Kaiserin für die Schönheiten Italiens.

 

Eine besondere Freude hatte die Kaiserin an ihrer für etwa dreihundert Mappen eingerichteten Sammlung von Photographien. Sie hielt hierbei streng darauf, daß jede einzelne Photographie mit genauen erklärenden Unterschriften versehen wurde. Und sehr viel Mühe verwendete die Hohe Frau darauf, die Herkunft derselben festzustellen und die Unterschriften zu berichtigen und zu vervollständigen. Sie schrieb dann eigenhändig, meistens mit Bleistift, auf die Rückseite nähere Erläuterungen. Wenn es sich um Ansichten von Griechenland handelte, wurde auch der griechische Kronprinz, der meistens im Sommer mit seiner Familie in Friedrichshof weilte, hierbei zu Rate gezogen. Bei dieser Besichtigung von Photographien wurde die Kaiserin häufig an interessante Begebenheiten aus ihrem Leben erinnert, welche sie dann kurz zu erzählen pflegte. Ganz besondere Begeisterung erweckten bei ihr stets die Ansichten von italienischen Landschaften, Bauten u. a. m. Ihr hoher Enthusiasmus loderte dann manchmal hell auf, namentlich beim Anblick von Orten, wo sie längere Zeit geweilt hatte, wie Rapallo, St. Margherita, Portofino, Baveno und vielen andern; dann erläuterte sie jedes Haus, jede besondere Schönheit der Landschaft auf das Eingehendste. Vergangene glücklichere Zeiten standen in ihrer Erinnerung auf und mit schwermütigem Herzen gedachte sie der Jahre, da alle die Ihrigen noch gesund und am Leben waren.
Ansicht von Portofino.

Küstenlandschaft bei Portofino.

Burgenfahrten bei Trient. Eine ganz außerordentliche Vorliebe empfand die Kaiserin auch für Trient. Unvergleichlich schön fand sie die Umgegend von Trient, vor allem auch das einzig schöne Val di Non mit seinen alten Burgen. Sie kannte jeden Weg und Steg dort und war selbst auf allen, wenn auch noch so hoch gelegenen Burgen gewesen. Ich war wiederholt Augenzeuge, wie unermüdlich mit jugendlichem Feuer die hohe Frau Burgruinen an Ort und Stelle in allen Einzelheiten studierte und wie ihrem scharfen Auge auch nicht das Mindeste entging. Jedes Portal, jedes Fenster, jeden Türbeschlag, jedes Wappen, alles erfaßte sie mit schnellem Blick und vermochte es noch nach Monaten mit einigen sicheren Strichen aus dem Kopf zu skizzieren. Ich erinnere mich noch eines besonders schönen Ausflugs von Trient aus, im November 1897 zur Besichtigung alter Burgen. Die Eisenbahnfahrt ging nach Villa Lagarina, dann zu Wagen nach Castell Noarna und nach Castell Castellano. Ein anderes Mal ging es nach Castell Pergine.  
Studien der Kaiserin bei Ausflügen. Auch sonst pflegte Ihre Majestät gewöhnlich am Tage nach einem größeren Ausfluge oder einer kleineren Reise das Gesehene mir mitzuteilen und Schilderungen von künstlerischen Gegenständen und Einzelheiten durch eigenhändige, leicht hingeworfene Bleistiftskizzen zu erläutern. Auch fertigte sie gelegentlich Aquarelle von besonders reizvollen Partien an. So zeigte sie mir z. B. einmal ein hübsches Aquarell von der Kirche in Hochstadt bei Frankfurt a. M. mit einem im Eselsrücken gewölbten Eingang, von ihrer Hand gemalt. Auch sprach die Kaiserin dann gewöhnlich den Wunsch aus, daß ich diese interessanten Stätten ebenfalls zu Zwecken des Studiums besuchen sollte, was dann auch geschah. Unter anderem war es Romrod, wo die Zarin ihre Jugendzeit im Sommer verbrachte, Alsfeld, Niederweilnau, Schloß Heiligenberg bei Jugenheim, Schloß Breuberg, im Besitz der Grafen von Erbach, und viele andere mehr.  
  Um die freudige Begeisterung der Kaiserin Friedrich für Naturschönheiten aller Art dazutun möchte ich nur einen Ausspruch wiedergeben, den sie einmal tat: "Wenn ich ein Privatmann wäre. So würde ich mit dem Photographenapparat alles aufnehmen den Rhein entlang."  
  Einmal hatte die Kaiserin in Bonn bei einem Privatmann eine gotische Sammlung gesehen, unter anderem war auch ein Kronleuchter dabei, von dem sie sofort aus dem Kopf eine hübsche Skizze entwarf. Allen Entwürfen z. B. von Wappen, welche zur Ausführung bestimmt waren, lagen immer selbstgezeichnete Skizzen der Hohen Frau zu Grunde, so z. B., als es sich um die Wappen für die Ausmalung des Rittersaales in der alten Burg Cronberg oder der Glasfenster in der alten gotischen Stadtkirche in Cronberg handelte. Selbstverständlich war es, daß solche Wappenentwürfe der Kaiserin sich streng an die alten, guten Vorbilder hielten.  
Autographen-Sammlung der Kaiserin Friedrich. Oft kam Ihre Majestät auch ihrer andern Sammlungen wegen in die Bibliothek. Hohes Interesse bekundete sie vornehmlich auch für ihre ganz hervorragende, bedeutende Autographensammlung. Dieselbe umfaßte die deutschen und fremden Fürstenhäuser, Feldherren, geistliche Würdenträger, Staatsmänner, Gelehrte, Dichter und sonst berühmte und bekannte Männer und Frauen, vom 15. Jahrhundert an bis auf unsere Tage. Da konnte man Briefe von der Kömgin Elisabeth von England, von Maria Stuart, von der Königin Marie Antoinette von Frankreich, von der Kaiserin Katharina und der Kaiserin Maria Theresia sehen; in jeder Beziehung eine hochinteressante Sammlung.  
  Diese wurde nun beständig vermehrt, indem Ihre Majestät mir stets die ihr von hochstehenden und interessanten Persönlichkeiten zugegangenen Briefe zur Einreihung in die Autographen-Sammlung übergab. Jeder Autograph erhielt dann einen eigenen Umschlag, auf dessen Vorderseite ein kurzer Lebenslauf der betreffenden Persönlichkeit angegeben wurde. Die Kaiserin sammelte schon seit ihrem 12. Lebensjahr daran; den allerersten Autographen erhielt sie von der Tochter Lord Liverpool's.  
  Bei der Besichtigung der Autographen knüpfte die Kaiserin gern einige interessante Bemerkungen oder geschichtliche Reminiscenzen an, welche sich auf das gerade vorliegende Stück bezogen. Als einmal Briefe der Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg vorlagen, erzählte sie, wie dieselbe von den Berlinern geschmäht worden sei als frech und anmaßend, weil sie das Charlottenburger Schloß hergerichtet habe. "Ebenso geht es auch mir", fügte die Kaiserin hinzu.  
  Oft gab die Durchsicht der alten Autographen auch Veranlassung zu großer Heiterkeit. Der große König Friedrich II. von Preußen hatte auf eine Meldung, daß eine Seuchenkommission ihren Pflichten nicht nachgekommen sei, folgende Randbemerkung gemacht: "Das seind faule Bestien, die nur Geld ziehen wollen".  
  Auch von König Friedrich Wilhelm IV. sprach die Hohe Frau gern und häufig, besonders von dessen belustigender Art, komische Wortverdrehungen zu machen. Einmal erinnerte sie sich eines Wortspiel-Rätsels dieses Königs auf den Staatsminister von Klewitz:
"Die erste Silbe frißt das Vieh,
Die zweite Silbe besaß er nie,
Das Ganze ist er selber".
 
Interesse für ihre Kunstsammlungen. Aber auch die Kunstsammlungen der Kaiserin, welche weiter oben schon einige Würdigung gefunden haben, vermehrten sich beständig durch gelegentliche Ankäufe auf Reisen, besonders in Italien, und durch Geschenke.  
  Einst, es war im September 1899, brachte mir die Kaiserin ein Medaillon, in welchem sich Haare der Prinzessin Elisabeth von England, Tochter Karls I. von England, befanden. Die unglückliche Prinzessin, so erzählte die Kaiserin, wurde nach dem Tode ihres Vaters zu einem Knopfmacher gebracht. Eines Tages wurde sie tot in ihrer Kammer aufgefunden mit aufgelöstem Haar. Ihre Majestät ordnete an, daß dieses Medaillon an dem kleinen Miniaturporträt Karls I., in ihrem Besitz, angebracht werde, bei welchem sich schon Haare dieses Königs befanden.  
Pietätvoller Sinn der Kaiserin Friedrich. Es sei hier der Ort, mit einigen Worten des pietätvollen Sinnes der Kaiserin Friedrich zu gedenken, für alles, was von lieben, ihrem Herzen nahestehenden, Personen herrührte. Jeder Gegenstand, der ihrem hohen Gemahl dereinst gehört und seinem Gebrauch gedient hatte, ja selbst jedes Schriftzeichen von ihm, und sei es nur eine kurze Notiz, mit Bleistift geschrieben, oder nur ein Datum von seiner Hand, war ihr teuer. Alles, was sich in Büchern, Broschüren, auf Photographien und dergl. an eigenhändigen Bleistiftnotizen des Kaisers Friedrich vorfand, mußte mit Fixativ behandelt und dauernd gefestigt werden.  
  Aus dem reichen Bestande der in ihrem Besitz befindlichen Bücher ließ die Kaiserin öfter eine Reihe entbehrlicher Werke von mir auswählen, welche sie dann verschiedenen unter ihrem Hohen Protektorat stehenden Anstalten stiftete. Bevor aber diese Bücher abgesandt wurden, ließ es sich die Kaiserin nie nehmen, selbst wenn die Bücher auf dem Dachboden des Schlosses aufgestellt waren, noch einmal persönlich Buch für Buch durchzusehen, ob sich nicht in einem oder dem anderen eine handschriftliche Bemerkung des Kaisers Friedrich vorfände. Diese Pietät erstreckte sich auch auf andere, nahestehende Verwandte. So wurden nicht nur die Briefe, sondern auch jeder Briefumschlag, welchen Kaiser Wilhelm der Große oder die Königin Victoria von England, ihre Erlauchte Mutter, je geschickt hatten, sorgfältig aufbewahrt.  
  Wo sich nur immer eine Gelegenheit bot, Erinnerungen an Kaiser Friedrich zur Sprache zu bringen, geschah es von Seiten der Hohen Frau. Im Juni 1898 hatte die Kaiserin mich ersucht, die Bibliothek ihres Hohen Gemahls, des Kaisers Friedrich, in Berlin einer Durchsicht zu unterziehen. Bei der Rückkehr nach Friedrichshof konnte ich dann berichten, daß in der Bibliothek des ehemaligen Kronprinzlichen Palais noch manche herrliche Werke ständen, welche hier in Friedrichshof fehlten, und daß in der Berliner Bibliothek Kaiser Friedrichs eine ordnende Hand fehle. Da meinte die Kaiserin: "Ich bin damals nicht dazu gekommen. Wir wollten ja das Palais gar nicht benutzen, sondern nach Charlottenburg ziehen. Dann kam die Krankheit - dann das furchtbare Ereignis - auch die Verheiratung der Prinzessin Sophie. Darum ist natürlich mancherlei liegen geblieben!"  
Medaillen-Sammlung. Eine besondere Vorliebe hatte Ihre Majestät für die Sammlung ihrer Medaillen, welche in einer Reihe von Schaukästen ebenfalls in der Bibliothek untergebracht war. Die Kaiserin war bestrebt, die Sammlung der brandenburg-preußischen, der englischen, der französischen und der päpstlichen Schaumünzen möglichst zu vervollständigen. Eine Vitrine enthielt die Bildnismedaillen der Hohen Anverwandten, zum Teil in großen, goldenen Exemplaren.
Medaille mit dem Bildnis der Kaiserin Friedrich, G. Loos.
Sammlung von Stammbüchern. Auch eine erlesene, hochinteressante Sammlung von alten Stammbüchern mit zahlreichen Wappen und figürlichen Darstellungen, vom 16. Jahrhundert an, gehörte zu den Schätzen der Bibliothek. Viele Fürstlichkeiten besonders des 16. und 17. Jahrhunderts waren durch selbstgeschriebene Aufzeichnungen darin vertreten. Mit zu dem schönsten, was überhaupt an alten Stammbüchern existiert, gehört ohne Zweifel dasjenige des Kaisers Matthias. Die kostbarsten Stücke dieser Sammlung zeigte Ihre Majestät gern und oft ihren Hohen Gästen.
  Wenn die Kaiserin irgend etwas ganz besonders Schönes und Interessantes unter den ihr von mir unterbreiteten Vorlagen fand, war sie oft so entzückt, daß sie eine der Prinzessinnen oder Prinzen herbeirief, es ebenfalls anzusehen; "Das ist ja reizend, ganz reizend;" "Das gefällt mir gut. Sogar sehr gut!" "Das ist ja zu schön, wie schön, wie schön!" waren dann die Ausdrücke ihrer Bewunderung. Die Hohe Frau trennte sich oft nur ungern von der Bibliothek, wenn sie sich niedergelassen hatte, um Vorlagen zu besichtigen und Werke zu studieren und man konnte deutlich erkennen, daß es der Kaiserin nicht immer sehr gelegen kam, wenn der Kammerdiener meldete: "Der Wagen ist vorgefahren!"  
Wiederherstellung der alten Burg Cronberg. Es ging nun, so etwa um 10 Uhr des Vormittags, gewöhnlich in Begleitung einer oder mehrerer Prinzessinnen-Töchter oder anderer Hoher Anverwandter nach der Burg, der alten Stadtkirche oder dem neuerbauten Krankenhaus, um sich persönlich von den Fortschritten der Bautätigkeit zu überzeugen und um neue Befehle und Anordnungen daselbst zu geben. Oft ging die Hohe Frau auch zu Fuß nach der Burg hinauf, nur gefolgt von einem Diener. Großes Interesse wendete die Kaiserin den Ausgrabungen auf der alten Burg Cronberg zu, welche eine große Anzahl von Fundstücken, besonders Fußbodenfliesen, Ofenkacheln, Waffenteile, Kugeln, Pfeilspitzen, Schlösser und Schlüssel, Tongefäße und Glasreste ergeben hatten.
 

Inneres der Burgkapelle in Cronberg. Wiederhergestellt von der Kaiserin Friedrich.

  Einmal, es war im Oktober 1898, kam die Kaiserin freudig erregt von der Burg zurück und verkündete, daß sie heute mehrere gotische eiserne Ofenplatten gefunden habe. Ein anderes Mal fanden sich alte schöne Ofenkacheln während ihrer Anwesenheit. Dieselbe Freude bekundete die Hohe Frau bei der Wiederauffindung alter Inschriften im Rittersaal der Burg, welche in Oetter's Wappenbelustigungen einem alten Augsburger Druckwerk, enthalten waren. Sehr erfreut war die Kaiserin auch, als es mir gelang, bei Eschborn die uralte Stammburg der Herren von Cronberg, welche ehedem Herren von Asceburne (Eschborn) hießen, zu entdecken. Auch dort ergaben sich wertvolle und sehr frühe Funde, welche eingehend von Ihrer Majestät untersucht und bestimmt wurden.
Wiederherstellung der gotischen Stadtkirche von Cronberg. Die Wiederherstellung der gotischen Stadtkirche von Cronberg lag der Kaiserin ganz besonders am Herzen; kaum jemals ist ein Bauwerk gewissenhafter und pietätvoller restauriert worden. Nur ihrer durchgreifenden Tatkraft ist es zu danken, daß diese hochinteressante Kirche nach schlimmen Beschädigungen durch religiöse Vorurteile und törichten Unverstand in ihrer ursprünglichen Weise wieder erstand Jeden Tag sah sie nach dem Fortgang der Arbeiten, man könnte sagen, es sei kein einziger Nagel eingeschlagen worden, ohne ihre Anordnung. Und welche Freude erlebte Sie, als sich unter dem Putz große Freskogemälde des 15. Jahrhunderts fanden und wie gar sich zeigte, daß unter dem weißen Anstrich der tonnengewölbten Holzdecke eine völlige Bemalung derselben vorhanden war! Als die Kirche dann schließlich mit ihren zahlreichen schönen Bildwerken, Grabmälern und Fresken ganz in der alten Weise wiedererstanden war, da brachten die Cronberger Bürger eine Gedächtnis-Tafel im Chor der Kirche an, mit einer schön gefaßten Inschrift, welche die Verdienste der Kaiserin und den Dank der Bevölkerung für die Wiederherstellung zum Ausdruck brachte. Von einer solchen Verherrlichung bei Lebzeiten, noch dazu in einer Kirche, wollte aber der zartfühlende, bescheidene Sinn der Hohen Frau nichts wissen und sie ordnete an, daß diese Votivtafel auf der Orgelempore an einem fast unsichtbaren Platz angebracht wurde. Wie liebte die Kaiserin Friedrich diese Kirche! Fast jeden Sonntag wohnte sie mit ihren Hohen Anverwandten, welche zum Besuche im Schlosse weilten, dem Gottesdienst von Anfang bis zu Ende bei. Und die letzte Arbeit ihrer kunstvollen Hand war ein großartiger Behang für den unteren Teil der Chornische, welchen Sie gemeinsam mit den Prinzessinnen-Töchtern, den Damen ihres Hofstaates und Cronberger Damen in mühevollster Tätigkeit anfertigte.
Inneres der Johanneskirche in Cronberg a.T. Wiederhergestellt von der Kaiserin Friedrich. Aufnahme von Hofphotograph Franz Schilling, Königstein i.T.

Denkmal der Kaiserin Friedrich an der von ihr wiederhergestellten Johanneskirche in Cronberg. Arbeit von Hildebrand. Aufnahme von Hofarchitekt Studer, Cronberg a.T.

Erbauung eines Krankenhauses in Cronberg. Die gleiche tatkräftige und durchgreifende Fürsorge wie für die alte Burg und die alte Stadtkirche in Cronberg widmete die Kaiserin Friedrich auch dem Bau und der Einrichtung des nach ihren Plänen und Angaben errichteten, stattlichen Krankenhauses. Denn auf dem Gebiet der Krankenpflege im weitesten Sinne war die Kaiserin Friedrich erfahren und bewandert wie nur Wenige. Dasselbe war nach allen Regeln des heutigen hohen Standes der hygienischen Wissenschaft und Technik vollendet eingerichtet und stand unter der speziellen Leitung des Leibarztes der hochseligen Kaiserin, des Dr. Spielhagen.  
Herausgabe von wissenschaftlichen Werken unter Leitung der Kaiserin Friedrich. Nach jeder Richtung hin wirkte die geistvolle fürstliche Frau anregend und fördernd. Unter ihrer Aegide entstanden im Schlosse Friedrichshof eine Anzahl schriftstellerischer Arbeiten und reich illustrierter Publikationen, welche zum Teil auch im Buchhandel erschienen sind, zum Teil aber auch nur für die Kaiserin hergestellt wurden und zu Geschenken für Fürstliche und dem Hofe nahestehende Personen bestimmt waren. Unter anderen waren es folgende Werke: 50 Lichtdrucktafeln in großem Format mit Außen- und Innenansichten des Schlosses Friedrichshof. Alsdann die Kunst-Sammlungen Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich mit ausgezeichneten Lichtdrucken nach den besonders hervorragenden Stücken, zu welchen der Text von einer Anzahl von Kunstgelehrten, Wilhelm Bode, Sarre, dem Verfasser u. a. herrührt. Ferner das umfassende Werk "Die von Cronberg und ihr Herrensitz", welches unter beständiger Anregung und Förderung der Kaiserin Friedrich vom Kammerherrn Freiherrn Ludwig von Ompteda und andern Mitarbeitern, darunter auch dem Verfasser dieses Werkes, herausgegeben wurde. Die Hohe Frau widmete bis in die Einzelheiten diesem Werke ihr ganzes Interesse und wirkte bei der Abfassung des Textes, sowie bei der Auswahl der zahlreichen Illustrationen persönlich in hervorragender Weise mit. Über die Wahl des Papiers, der Druckproben, des Einbandes traf sie selbst die Entscheidung. Auch ermunterte mich Ihre Majestät zur Veröffentlichung eines Werkes über Zimmereinrichtungen bezw. Wohnräume des 15. bis 16. Jahrhunderts nach gleichzeitigen Darstellungen auf Gemälden etc., eine Arbeit, welche die Kaiserin einst ebenfalls geplant hatte. Sie hatte schon seit vielen Jahren solche Zimmereinrichtungen auf alten Bildern mit Hilfe von glasartigem Papier durchgezeichnet; dieses war aber in die Brüche gegangen und somit war die Arbeit umsonst
 

Hof der Burg Cronberg.

Küche in der Burg Cronberg a.T.

  Auch bei der Anfertigung der wissenschaftlichen Kataloge für die Bibliothek und besonders auch der Kunstsammlungen, der Medaillen u. a. m. leistete die Hohe Frau große Mithilfe.  

Malstudien.

War die Kaiserin von ihren täglichen Inspektionen zu Wagen oder zu Fuß, welche sich auch auf den Park, die Gärtnereien, Treibhäuser und die Meierei erstreckten, etwas nach 12 Uhr mittags nach dem Schlosse zurückgekehrt. So pflegte sie meistens sich in ihrem Atelier noch der Malerei zu widmen. Häufig begab sich die Kaiserin auch nach dem Atelier des Malers Professor Norbert Schrödl, um dort zu malen. Kaum war ein Schöner malerischer Fleck, ein hübscher landschaftlicher Blick in der ganzen Gegend zu finden, den die kunstbegabte Fürstin nicht durch ein Aquarell oder wenigstens eine Farbenskizze verewigt hätte. Und so hielt sie es auch auf Reisen. Besonders Trient und Italien boten der Kaiserin eine unendliche Fülle von malerischen Motiven. Aber, auch Blumenstücke und Stilleben wählte sie häufig zu ihren Vorwürfen. Ganz besonders gut gelangen ihr Porträts, namentlich von Kindern, wobei ihr der erstaunlich scharf ausgeprägte Sinn für Beobachtung der Physiognomien sehr zu statten kam für das so schwierige Treffen der Ähnlichkeit.
Stilleben. Gemalt von der Kaiserin Friedrich. Im Besitz I.K.H. der Erbprinzessin von Meiningen.
Interesse für Musik. Auch die Musik fand im Schlosse Friedrichshof die edelste Pflege. Die Kaiserin war außerordentlich musikalisch gebildet, persönlich musizierte sie aber selten; nur zuweilen vernahm man ihren Vortrag ernster, meist kirchlicher Lieder in Begleitung des Harmoniums. Sie liebte einzig und allein die klassische Musik. Bach, Händel, Gluck, Beethoven waren ihre Lieblingsmeister. Die Prinzessinnen-Töchter, besonders die jetzige Königin von Griechenland und die Frau Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, spielten häufig vierhändig zusammen, aber ebenfalls nur klassische Stücke. Ihre Majestät pflegte dann aufmerksam zuzuhören und schloß sich auch gelegentlich mit verhaltener Stimme dem Vortrag an. Auch Harmoniumvorträge fanden wiederholt statt, dagegen konzertierten Militärkapellen höchst selten, vielleicht zwei Mal im Jahr auf der großen Terrasse vor dem Schloß.  
  Die kurze Zeit von der Rückkehr von ihren täglichen Inspektionen bis zum Gabelfrühstück, verwendete die Kaiserin meistens zum Malen, aber auch zuweilen zum Lesen und Korrespondieren.  
Gastfreundschaft im Schlosse Friedrichshof. Zur Frühstückstafel, welche um 1 1/4 Uhr stattfand, waren außer dem anwesenden Logierbesuch gewöhnlich noch andere Gäste geladen. Die Gastfreundschaft wurde im Schlosse Friedrichshof in ausgedehntem Maße gepflegt. Zwölf auf das vornehmste und behaglichste ausgestattete Fremdenquartiere, jedes aus Salon, Schlafzimmer und Bad bestehend, standen den Hohen Gästen zur Verfügung. Und wie oft war das geräumige Schloß bis zum Dachgeschoß voll besetzt mit Gästen und deren Gefolge und Dienerschaft. Wiederholt war der Kaiser Gast bei seiner Kaiserlichen Mutter; das waren immer höchst bedeutungsvolle Tage, wo sich jedermann von dem durchaus herzlichen Verkehr und dem liebevollen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn überzeugen konnte, was so vielfach angezweifelt wurde. Auch der Zar Nikolaus II. erfreute mehrmals die Kaiserin Friedrich im Schlosse Friedrichshof mit seinem Besuch Im Anschluß an einen solchen äußerte die Kaiserin einmal zu mir: "Der junge Kaiser von Rußland ist so liebenswürdig, so einfach und bescheiden." Die griechischen und Prinzlich-hessischen Herrschaften wohnten mit ihren Kindern oft den ganzen Sommer dort. Auch alte, dem Kaiserlichen Hofe nahestehende Bekannte, geistliche Würdenträger, Diplomaten, Gelehrte und Künstler waren Logiergäste im Schlosse. Fast täglich brachte der Zug, der mittags in Cronberg einlief, fürstliche und andere Gäste, welche dann von Hofequipagen nach dem Schlosse abgeholt wurden. Jeder Besuch eines seltenen Gastes oder einer Fürstlichkeit beschäftigte die Kaiserin schon vorher in Gedanken und wurde auf das sorgfältigste vorbereitet. "Man muß immer dazu ein Programm machen" sagte einmal die Hohe Frau. Aber auch die angesehenen, ihr bekannten Cronberger Familien, sowie auch die Honoratioren dieser Stadt, wurden wiederholt durch Einladungen ausgezeichnet. Die geladenen Gäste versammelten sich in der Halle, wo die Damen und Herren des Gefolges dieselben empfingen. Punkt 1 1/4 Uhr erschien Ihre Majestät in Begleitung der anwesenden Prinzessinnen und Prinzen, die Treppe herabsteigend, und begrüßte jeden einzelnen der Erschienenen auf das freundlichste.
Kaiserin Friedrich mit ihrer Tochter der Erbprinzessin von Meiningen und ihrer Enkelin Prinzessin Fedora von Reuß, September 1898.
  Unter Vorantritt der Kaiserlichen Schloßherrin und gefolgt von den Gästen, begab man sich nunmehr nach dem großen oder kleinen Speisesaal, je nach der Zahl der Eingeladenen. Die Tafel war stets auf das geschmackvollste hergerichtet, nicht selten mit goldenem und silbernem Prunk- und Tafelgerät besetzt und mit herrlichen Blumen geschmückt.  
  Die Kaiserin lenkte die Unterhaltung auf die verschiedensten Gebiete, mit Vorliebe auf dasjenige der Kunst und Wissenschaft, auch interessante Tagesfragen wurden berührt oder die Hohe Frau schöpfte aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrungen und Erinnerungen, wobei jedoch die Politik so gut wie ausgeschlossen blieb.  
  Nachdem die Tafel aufgehoben war, führte die Kaiserin ihre Gäste in den benachbarten Saal der Sammlungen, wo gewöhnlich dann der Kaffee eingenommen wurde. Oftmals führte die Hohe Gastgeberin ihre Gäste nach dem Lunch auch in die Bibliothek, wo bei ungezwungener Unterhaltung dann einzelne Werke, oder die Sammlungen der Medaillen, der Autographen oder der Stammbücher besichtigt wurden. Das gab dann für die Kaiserin die Anregung, manche Episode oder geschichtliche Erinnerung daran zu knüpfen. Bei schönem Wetter ging man, den Salon durchschreitend, auf die große Freiterrasse, welche sich vor der ganzen Südfront des Schlosses in stattlicher Breite erstreckte. Nach einiger Zeit zog sich dann die Kaiserin nach gnädigster Verabschiedung von ihren Gästen in ihre Gemächer zurück. Nach längerem Verweilen verließ dann auch der Besuch das gastliche Schloß.  
Spazierfahrten.

Abendtafel.

Gegen 4 1/2 Uhr nahm dann Ihre Majestät im engsten Kreise den Tee in der Halle ein. Gleich hinterher wurde fast regelmäßig mit dem Logierbesuch eine größere Ausfahrt unternommen, meistens nach landschaftlich Schönen Punkten im Taunus oder nach den Burgruinen von Reiffenberg, Epstein, Idstein, Königstein und Falkenstein, welche dann oft auf das eingehendste besichtigt wurden, zuweilen wurde auch ein Picknick im Walde veranstaltet. Diese Spazierfahrten dehnten sich oft bis kurz vor der Abendtafel aus, welche um 8 1/4 Uhr Abends stattfand.  
  Nach der Abendtafel ging es bei gutem Wetter häufig auf die große Südterrasse, wo Ihre Majestät in lebhafter, angeregter Unterhaltung etwa bis 10 Uhr weilte, bis die Wagen die Gäste nach dem Bahnhof oder nach ihren Behausungen brachten. Die Trennung wurde jedem schwer von dieser Stätte edelster Gastlichkeit.  
  Und welch unvergeßliches Bild bot sich dem Auge bei stimmungsvoller Nachtbeleuchtung! Die Kaiserin Friedrich, inmitten der Prinzessinnen und Prinzen auf der Terrasse sitzend, in zwangloser Unterhaltung mit ihren Gästen und dazu nun die zauberhafte Szenerie der Gegend. Im Vordergrunde die prächtigsten, alten Edeltannen in Einzelstellung auf wohlgepflegtem Rasenteppich, dahinter die erleuchteten Villen von Cronberg, rechts davon auf hochragendem Fels die dunkle Silhouette der alten Burg mit dem hohen Bergfried, der ungebrochen und trotzig dasteht. In der Ferne das Lichtermeer von Frankfurt in der weiten Mainebene und im Nebel dahinter die bläulichen Höhenzüge des Odenwaldes und des Spessart.
Die alte Burg Cronberg a.T. im Winter. Aufnahme von Hofphotograph Franz Schilling, Königstein i.T.
  Bei kühlerem, ungünstigem Wetter und in engerem, intimem Kreise pflegte die Kaiserin nach der Abendmahlzeit sich in die Halle zu begeben und sich dort an einem großen, runden Tisch mit den Anwesenden der Lektüre zu widmen, bis sich die Hohe Frau etwa um 10 Uhr zur Ruhe begab. Es mögen an dieser Stelle nun einige Charaktereigenschaften und besonders hervortretende Züge aus dem Wesen der Kaiserin Friedrich Erwähnung finden.  
  *) Unter Benutzung meiner jetzt längst vergriffenen Schrift: "Erinnerungen an Victoria, Kaiserin und Königin Friedrich", Mainz 1902 (auch in engl. Übersetzung: Reminiscences of Victoria Empress Frederick). Ein dieser Tage in England erschienenes Werk "The Empress Frederick. A Memoir. London. Nisbet&Co." (Ladenpreis Mk. 16.-) hat meine Schrift ebenfalls benutzt, ohne indessen die richtige Quelle anzugeben! Der Verfasser.  

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