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Gustav Leinhaas

Kapitel XV. Charakterzüge der Kaiserin Friedrich.

Warmes Herz für die Armen und Kranken. Ein ganz besonders warmes Herz hatte die Kaiserin Friedrich für die armen und einfachen Leute: "Ich wünschte, daß es hunderttausenden armer Leute unendlich viel besser ginge, als es ihnen jetzt geht" sagte sie einmal. Während des griechisch-türkischen Krieges, im Jahre 1897, war ihre Hauptsorge die Pflege der Verwundeten. "Man müsse vor allem aber jetzt an die Verwundeten denken. Das wichtigste sei eine Sendung Eucalyptusöl, Borvaseline, Karbol, Salicylwatte, Borlint und Gummiunterlagen. Ich schreibe noch heute an die Königin Victoria, sie wird auch etwas geben. Es handelt sich besonders auch um Chloroform, die armen Verwundeten werden ohne Chloroform operiert", so äußerte sich die Kaiserin Friedrich.
Kaiserin Friedrich 1900. Aufnahme von Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d. Höhe.
Interesse für die Hebung des Arbeiterstandes.

Herzensgüte.

Leutseligkeit

Bei der Goethefeier in Frankfurt a. M. Ende August 1899 wurden von seiten der Stadt tausend Freibillets zu dem großen Konzert im Hippodrom an die Arbeiter verteilt. Die Kaiserin, welche ebenfalls erschienen war, äußerte am nächsten Tage: "Das hat mich sehr gefreut, es ist damit ein erster Versuch gemacht worden. sie waren alle so sorglich gekleidet und benahmen sich so ruhig und anstandvoll." Wie viele hat die Hohe Frau namenlos glücklich gemacht, indem sie ihnen feinsinnig erdachte Freuden bereitete. Hatte sie zum Beispiel einem Künstler einen Atelierbesuch zugedacht, dann wählte sie, wenn möglich, dessen Geburtstag zu der Ausführung ihres Vorhabens. Wenn die Kaiserin im Frühjahr nach Cronberg zurückkehrte, oder wenn die Schirmherrin dieser Stadt im Herbst diesen Ort verließ, durfte sich jedermann auf dem Bahnhof einfinden, um ihr Lebewohl zuzurufen oder sie bei der Ankunft zu bewillkommnen. Alle wurden auf das freundlichste begrüßt und viele durch Ansprachen ausgezeichnet. Die Kaiserin durchschritt dann den Kreis der versammelten Bekannten, um auch entfernt Stehenden die Hand reichen zu können und achtete darauf, daß niemand vergessen wurde. Die Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit der Kaiserin wirkte wie warmer Sonnenschein auf alle, die das Glück hatten, ihr nahen zu dürfen. Man dürfte in der ganzen Gegend von Cronberg niemand finden, der nicht den Zauber ihrer Liebenswürdigkeit, wenn er sich auch nur in der Art ihres Grußes äußerte, empfunden hätte.  
Teilnahme bei Krankheit und Todesfällen. Und wie groß war ihre Teilnahme bei Krankheits- und Todesfällen! Des Morgens in aller Frühe ging die Kaiserin oft mit einem Körbchen und einer Schere ganz allein in ihren paradiesischen Rosengarten und schnitt mit, eigener Hand Rosen und andere Blumen, die sie dann diesem oder jenem Kranken ins Haus bringen ließ. Außerdem zog sie täglich, oft mehrmals, Erkundigungen nach dem Befinden der Betreffenden ein. Für meine erkrankte Frau ließ sie ihren eigenen Rollstuhl aus Berlin kommen, damit erstere in demselben im Kaiserlichen Park herumgefahren würde; und der traurige Zufall brachte es mit sich, daß die arme Kaiserin diesen Rollstuhl bald selbst für sich gebrauchte, zum Ausenthalt im Parke des Schlosses Friedrichshof während der letzten Monate ihres Lebens. Bei plötzlichen Unfällen griff die Hohe Frau unmittelbar persönlich ein. Einmal hatte eine Hofdame das Unglück, beim Aussteigen aus dem Hofwagen zu fallen und sich nicht unerheblich zu verletzen. Als der sofort herbeigeholte Leibarzt ankam, hatte die Kaiserin bereits nach allen Regeln der Kunst der Hofdame einen Verband angelegt, so daß für den Arzt nichts mehr zu tun blieb. Noch kurz, bevor sie selbst auf das letzte schwere Krankenlager geworfen wurde, brachte die Kaiserin, selbst schon leidend, mit größter Anstrengung persönlich ihrem erkrankten Gartendirektor stärkenden Wein nach seiner Wohnung. Fast täglich erhielt Ihre Majestät Telegramme und Briefe mit Todesnachrichten von nahen und alten Freunden und Bekannten. Viele davon verursachten ihr aufrichtigen Herzenskummer, denn man sah dann die Hohe Frau mit Tränen im Auge herumgehen und wiederholt kam sie im Gespräch auf die betreffenden Persönlichkeiten zurück: "Ich habe einen großen Verlust erlitten," sagte sie dann wohl. So machte der Tod des Fürsten Bismarck einen tiefen Eindruck auf die Kaiserin, und sie war davon sehr ergriffen. An demselben Tage traf sie auch verschiedene Anordnungen, die schleunige Weiterführung verschiedener Arbeiten betreffend indem Ihre Majestät dabei bemerkte: "Damit das alles fertig ist, wenn ich nicht mehr bin."
Kaiserin Friedrich, am Fenster ihres Schlosses Friedrichshof, Juni 1900. Aufnahme von Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d.Höhe.
  Im Juli 1898 kam sie eines Tages sehr betrübt in die Bibliothek und klagte: "Ich habe einen großen Verlust erlitten. Der Kammerdiener Kaiser Friedrichs ist heute Nacht gestorben und dieser war das reine Gold. Ich bin zu traurig über diesen Verlust, denn er wußte die Wahrheit aller Vorgänge." Besonders nahe ging ihr auch der Tod ihres Gartendirektors Hermann Walter, welcher die Parkanlagen von Friedrichshof nach den Angaben der Kaiserin geschaffen hatte. Sie äußerte sich darüber: "Ich glaube, wenn ich durch meinen Park gehe, ihn noch überall zu sehen."  
  Das tiefe Mitgefühl der Kaiserin kam bei zahllosen Gelegenheiten zum Ausdruck. Wie oft kam sie schmerzlich erregt in die Bibliothek; dann war gewöhnlich ein Todesfall einer von ihr geschätzten Persönlichkeit oder Krankheit und anderes Leid eingetreten.  
  Als ich im Mai 1898 einmal erwähnte, daß ich auch das Mausoleum bei der Friedenskirche in Potsdam besucht habe, nahm das Antlitz der Hohen Frau einen sehr Schmerzlichen Zug an und Sie sagte: "Dort ist auch der Platz, wo ich einst ruhen werde."  
Herzliche Liebe zu Kindern. Die wahrhaft herzliche Liebe zu Kindern bildete ebenfalls einen rührenden Zug ihres Gemütes. In den Sommermonaten weilten fast regelmäßig die drei Kinder der Kronprinzlich Griechischen Herrschaften und die vier, später sechs Söhne der Prinzlich Hessischen Familie im Schlosse Friedrichshof. Jeden Morgen mußte dann die kleine Prinzenschaar vor der Erlauchten Großmutter Revue passieren. Dabei kniete die Kaiserin häufig nieder, um die Kleinen bequemer mustern und dann herzen und küssen zu können. Während die Kaiserin nur wenigen Auserwählten das Betreten der festlichen Räume im Erdgeschoß gestattete, ließ sie die prinzlichen Kinder frei gewähren, wenn dieselben durch alle Räume jagten, einen Heidenlärm machten und auf Trompeten bliesen, daß es hallte.
Kaiserin Friedrich mit den 4 ältesten Enkelkindern, wovon die beiden kleinsten Zwillinge sind, Mai 1897. Aufnahme von Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d. Höhe
  Eines schönen Tages kamen die kleinen Griechischen Prinzen nach der Bibliothek und ließen dort sogar kleine Ballons steigen. Ein anderes Mal machten sie sich über meine Schreibutensilien, besonders über den Zollstock her, was die Kaiserin sehr belustigte Mit rührender Geduld ertrug das die Kaiserliche Großmama alles und mit glückstrahlenden Augen verfolgte sie dann die kleine Schar, wenn diese, von Gouvernanten und Bonnen abgeholt, als lange Karawane die Säle verließen. Wenn zuweilen irgendwo eines der Enkelkinder zum Vorschein kam, pflegte die Kaiserin ihm zuzurufen: "Oh! you angel." Diese Zuneigung übertrug die Fürstliche Frau aber auch auf Kinder ihr bekannter Familien, sogar auf Kinder aus dem Volke, welchen sie dauernd ihr herzlichstes Interesse bekundete.
Die Kaiserin Friedrich als einsichtsvolle Schloßherrin. Der ganze Verkehr im Schlosse Friedrichshof war auf einen edlen, liebevollen und herzlichen Ton gestimmt. Das gilt auch von dem Verkehr der Hohen Frau mit der Dienerschaft. Alle Befehle, welche die Kaiserin ergehen ließ, wurden immer unter zartfühlender, verständnisvoller Berücksichtigung aller sich der Ausführung derselben entgegenstellenden Schwierigkeiten erteilt. Es gab für jeden viel zu tun, da die Schloßherrin viele Aufträge erteilte; aber die reizende Art, in der dieselben gegeben wurden, hatte etwas so gewinnendes, daß man sich mit Begeisterung an die Arbeit machte.  
Heitere Gemütsstimmung der Kaiserin.

Vornehmheit der Gesinnung.

Trotz der schweren Schicksalsschläge, welche Ihre Majestät wiederholt so hart getroffen haben, war die Gemütsstimmung der Kaiserin eine durchaus heitere und bewegliche geblieben. Sie hatte unter Anderem einen schnellen Blick für komische Situationen und um die Komik im Wesen einer Persönlichkeit besser zur Darstellung zu bringen, ahmte sie dann wohl auch gelegentlich deren Stimme und Haltung nach. Als ich einmal die Herzensworte von Lavater der Kaiserin zur Lektüre mitgeben wollte, meinte sie: "Die kenne ich auswendig, meine Großmutter (und nun ahmte sie die Stimme einer sehr alten Dame nach) hat uns immer mit solchen frommen Büchern traktiert." Man konnte die Hohe Frau zuweilen recht herzlich lachen sehen. Es war jene abgeklärte Gemütsruhe und Heiterkeit der Seele, welche nur einem philosophischen Geiste eigen ist, und welche gewöhnlich nur durch die bittersten, schmerzlichsten Lebenserfahrungen gewonnen wird. Sie entschuldigte die Fehler und Schwächen der Menschen, wo sie nur konnte und wußte immer noch gute Seiten derselben herauszukehren. Nie duldete sie es, daß in ihrer Gegenwart über irgend jemand etwas Nachteiliges gesprochen wurde und die Auffassung der Hohen Frau von Menschen und Dingen wurde von Jahr zu Jahr milder. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß das Leben auch Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten mit sich brachte; dieselben aber konnten immer nur ganz vorübergehend die Stimmung trüben. Nichts konnte die Hohe Frau aber mehr verdrießen, als verletzende oder unwahre Artikel in den Zeitungen. Da hieß es einmal, die Kaiserin Friedrich habe verhindert, daß auf dem Altkönig ein Aussichtsturm gebaut werden sollte, dabei hatte sie von dieser Angelegenheit garnichts gehört. Und So manches andere, woran kein wahres Wort war.
Kaiserin Friedrich inmitten des jetzigen Königspaares von Griechenland, des Prinzenpaares Adolf von Schaumburg-Lippe, des Prinzenpaars Friedrich Karl von Hessen, des Prinzen Max von Baden und den Enkelkindern, Juni 1898.
Falsche Beurteilungen der Kaiserin. So hat die Kaiserin Friedrich in ihrem Leben, wie es ja gerade bedeutenden Fürstinnen so oft ergangen ist, mancherlei falsche Beurteilungen und üble, gänzlich unbegründete Nachrede erdulden müssen. Niemand gab sich die Mühe oder war geneigt, die Kaiserin Friedrich unbefangen und gerecht zu beurteilen. Eine andersgeartete Erziehung und Ausbildung, auf älterer Kultur fußend, die Hinneigung zu Fortschritten auf dem Volke damals noch nicht geläufigen Gebieten, wie der Volkserziehung, der öffentlichen Gesundheitspflege, dem Genossenschaftswesen, der Frauenfrage und vielen anderen, riefen eine falsche Beurteilung hervor. Die Kaiserin Friedrich hat wohl auch hier und da in ihrer tüchtigen Art, schnell einzugreifen, wo ein Verzug Schaden bringen konnte, aus Menschenfreundlichkeit und Mitgefühl die ihrer hohen Stellung gebührende Zurückhaltung und Vorsicht zurückgestellt, denn es war ihrer wahrhaftigen Natur zuwider, durch äußere Erscheinung in Kleidung, Mienen und Gebärden wirken zu wollen, ohne indessen vielleicht dabei zu bedenken, welchen zahllosen, oft kleinlichen Beobachtern und urteilslosen Leuten ihre Hohe Person dabei ausgesetzt war, welche ihre höchsten Herrschaften immer in feierlichem und glanzvollem Lichte zu sehen gewöhnt find. Auch die verbreitete Legende von einer zweiten Heirat der Kaiserin Friedrich gehört in das Reich der Märchen. Zuweilen äußerte sie wohl den Wunsch, ich möchte doch einmal einen Artikel schreiben, um solche verletzende und unwahre Behauptungen zurückzuweisen, aber der Gedanke, dadurch vielleicht wiederum neue Äußerungen zu veranlassen und Erregung in der Presse hervorzurufen, brachte die feinfühlende Fürstliche Frau bald wieder davon ab.  
Verhältnis der Kaiserin Friedrich zu England, ihrer Heimat. Abfällige Urteile über England und seine Kolonien empfand sie stets schmerzlich. "Die Engländer richten alle Kolonien schön und praktisch ein, bauen Wege und Eisenbahnen, errichten Post, Telegraphen, Hospitäler, Schulen und Polizei, und dann kann jedermann, welcher Nation er auch angehört, kommen und dort ungestört Handel und Wandel treiben. Und dafür braucht man ihnen doch nicht auf üble Weise zu danken." Es gibt auch Menschen, welchen es wie ein Unrecht erscheint, daß die Kaiserin Friedrich stets warme Sympathie für England bewahrt hat. Wer die Kaiserin Friedrich richtig beurteilen will, muß fest im Auge behalten, daß sie eine Engländerin war, wenn auch nicht durch Abstammung, so doch durch ihre ganze Erziehung und alle Eindrücke, welche sie von der Wiege an empfing.
Kaiserin Friedrich inmitten des jetzigen griechischen Königspaars und es Prinzenpaares Friedrich Karl von Hessen. Eingang zur Bibliothek des Schlosses Friedrichshof.
  Ein Engländer und eine Engländerin aber, auch wenn sie das höchste Alter erreichen, geben ihre Nationalität und ihre Zuneigung zum Mutterlande niemals auf, unter welchen Umständen sie sich auch befinden mögen, ganz im Gegensatz zu gar manchen Deutschen, welche, Gott sei es geklagt, viel weniger treu an ihrer Nationalität festhalten. Die Kaiserin Friedrich, das älteste Kind der Königin Victoria von England führte, wie wir wissen, den Titel einer Prinzeß Royal und sie fühlte sich dadurch als die erste Prinzessin eines mächtigen Weltreiches mit sehr alter Kultur, und dieses stolze Gefühl hat sie nie verlassen. Zur Zeit, als die Prinzeß Royal von England den Preußischen Thronerben heiratete, war England noch auf vielen Gebieten weiter vorgeschritten als Preußen, z. B. in der öffentlichen Gesundheitspflege und Volkswohlfahrt, in der Frauenfrage, besonders aber auch im gesamten Kunstgewerbe, und das Bestreben der damaligen Frau Kronprinzessin war einzig und allein darauf gerichtet, alles Gute und Vortreffliche ihrer Heimat bei uns einzuführen. Man vergesse nicht, daß um 1840 herum Preußen unter den europäischen Großmächten erst an fünfter Stelle kam, und daß es erst nach dem Kriege 1866 eine wirkliche, den andern ebenbürtige Großmacht wurde.  
  Unrecht wäre es, von einer englischen Prinzessin etwas anderes zu verlangen, als was wir von unseren deutschen Prinzessinnen als selbstverständlich voraussetzen, daß sie auf einem ausländischen Thron unbedingt deutsch gesinnt bleiben. Und nehmen wir einmal an, die jetzige Kaiserin von Rußland, eine geborene hessische Prinzessin, hätte auch in ihrer neuen Heimat und am russischen Hofe deutsches Wesen, deutsche Sitten und deutsche Sprache völlig beibehalten, dann würde man das in Deutschland ganz in Ordnung finden und sie höchlichst dafür loben und preisen Und warum denn also bei uns so fremdenfeindlich gegen eine englische Prinzessin? Es haben doch wahrlich genug deutsche Prinzessinnen auf fremdem Thron gesessen und sitzen sogar heute noch, wie auch schon öfters englische Prinzessinnen auf einem deutschen! Die Kaiserin Friedrich war nun einmal eine Engländerin und blieb es bis zu ihrem Tode.  
  Ich kann es aber nicht oft genug ausdrücklich betonen, daß sie auch ihr neues Vaterland von ganzem Herzen liebte und fortwährend bestrebt war, für dasselbe zu wirken. Ich gebe ohne weiteres zu, daß die Kaiserin Friedrich oft den Eindruck in Deutschland erweckte, als ob sie England ihrer neuen Heimat vorziehe. Näherstehende wußten, daß das eine irrtümliche Meinung war. Dieser scheinbare Widerspruch findet seine Erklärung darin - und ich lege den größten Wert darauf, das hier ausdrücklichst auszusprechen - daß die Kaiserin im Gespräch stets auf der Seite der abwesenden Personen oder Parteien war. In Deutschland konnte sie nicht genug England loben und in England pries sie wiederum alles Deutsche in allen Tonarten und als vorbildlich in jeder Beziehung.  
  Die Kaiserin Friedrich selbst gab diese Erklärung noch zwei Jahre vor ihrem Tode.  
  Als eine Persönlichkeit im Laufe eines Gesprächs es die Hohe Frau frug, warum sie immer, bei jedem Konflikt zwischen Deutschland und England, bei jedem Vergleiche beider Länder auf Seiten Englands trete, ja sogar bei der Leistungsabwägung des einzelnen Engländers gegenüber einem Deutschen den ersteren immer als den Tüchtigeren und Besseren hinstelle, erklärte die Kaiserin: Ich bin immer auf der Seite der Abwesenden, in England mache ich es umgekehrt."  
  Das große, ihr innewohnende Gerechtigkeitsgefühl, gepaart mit Widerspruchsgeist, waren die Triebfeder zu dieser Eigenart, Abwesenden oft in übertriebener Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sie zu verteidigen; es verriet aber auch zugleich eine seltene Vornehmheit des Herzens und der Gesinnung.  
Politische Wünsche der Kaiserin Friedrich. Auf politischem Gebiet war es nun der Herzenswunsch der Kaiserin Friedrich und sie arbeitete unaufhörlich an dessen Erfüllung, Deutschland mit England in die allerengste Verbindung zu bringen, also gerade das Problem, um das sich die größten Staatsmänner beider Staaten jetzt bemühen. Aber zu ihrem größten Schmerz war all ihr Mühen umsonst.  
Beziehungen der Kaiserin Friedrich Zu Kaiser Wilhelm II., ihrem Sohn. Hier und da findet man auch Hinweise auf ein wenig gutes Verhältnis unseres regierenden Kaisers zu seiner Mutter. Auch das bedarf einer berichtigenden Erläuterung. Wenn je ernsthafte Gegensätze vorhanden waren, so ergaben sich dieselben bei der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers auf die natürlichste Weise. Die Kaiserin Friedrich mußte nach dem Heimgang des Kaisers, ihres Gemahls, mit einem Schlage allen ihren Plänen, Hoffnungen und Wünschen entsagen; ihre bisherige Lebensarbeit, die Vorbereitung für ihre Kaiserlichen Pflichten war gegenstandslos geworden. Der Besitz einer Kaiserinnenkrone ging mit der Fülle der in ihr liegenden Macht für immer verloren. Das war neben dem Verlust eines geliebten Gemahls eine furchtbare Prüfung für eine so hochstrebende Fürstin. Es lag nun aber einmal in der Natur der Sache, daß alle Macht des Kaiser- und Königshauses sofort an ihren ältesten Sohn überging, sodaß sie gleichsam auch diesem Untertan wurde. Wollte die Kaiserin Friedrich z. B. auch nur das Protektorat einer Ausstellung übernehmen, so bedurfte es der Erlaubnis des jetzigen Familienhauptes. Da ist es wohl verständlich, daß sie erst einige Zeit brauchte, sich in so gänzlich veränderte Verhältnisse zu schicken. Aber nach und nach gewann eine gewisse philosophische Art, alle Dinge zu beurteilen, wieder die Oberhand und die Gegensätze milderten sich von Jahr zu Jahr, sodaß man wohl berechtigt ist, von einem erneuten, herzlichen Verkehr zwischen Mutter und Sohn in den letzten Lebensjahren der Kaiserin zu sprechen. DaSür gibt es unzählige Beweise und noch mehr Augenzeugen. Der Kaiser hat jede nur denkbare Gelegenheit benutzt. Seine Kaiserliche Mutter zu ehren, auszuzeichnen und ihr mancherlei Wünsche zu erfüllen.
Kaiserin Friedrich mit ihren sechs Kindern, Mai 1900 Aufnahme von Hofphotograph T.H. Voigt, Homburg v.d. Höhe
Liebe der Kaiserin Friedrich zu ihrem Gemahl dem Kaiser Friedrich Auch die Liebe zu ihrem Gemahl, dem Kaiser Friedrich, wurde hier und da in Zweifel gezogen und das mit großem Unrecht. Im Hause des damaligen Kronprinzen herrschte allezeit ein herzliches, inniges Familienverhältnis. Die sonnige, strahlende Freundlichkeit unseres "Fritz" im Kreise seiner Lieben zeugte für sein Familienglück und die aufopfernde, hingebende Pflege seiner Frau am Krankenlager bei Tag und bei Nacht durch länger als ein Jahr ist ein Beweis für ihre treue Gesinnung gegen ihn. Wie unzählige Male gedachte die Kaiserin mir gegenüber der glücklichen Zeiten an der Seite ihres Gemahls.  
Angebliche Sparsamkeit der Kaiserin Friedrich. Unzutreffend, wie so vieles, waren auch die Urteile, welche der Hohen Frau eine übertriebene Sparsamkeit nachsagten. Das Vermögen und die jährlichen Einnahmen der Kaiserin sind ganz bedeutend überschätzt worden, und die Anforderungen, welche von allen Seiten an ihre Schatulle gestellt wurden, gingen ins Ungemessene. Die Erbschaft von der Herzogin von Galliera war erheblich geringer, als man allgemein meinte, und wurde für den Bau des Schlosses verwendet. Den ganzen Tag liefen Bittgesuche aus dem ganzen Deutschen Reiche ein. War irgendwo der Familienvater gestorben oder trat Krankheit ein, sofort wendete man sich mit der Bitte um Unterstützung an die Hohe Frau. Dabei war es so schwer, die richtige Auswahl zu treffen. Dann wurden Ehrenpreise für alle möglichen sportlichen Veranstaltungen von ihr erbeten: für Schützenfeste, Blumenkorsos, Lawn-Tennis-Turniere, Sängerfeste usw. Und wie oft spendete die Kaiserin äußerst wertvolle Gegenstände, so unter anderem prachtvolle silberne Ehrengeschenke, verschiedene Pokale in jeder Art! Der Bau des Schlosses Friedrichshof hatte sehr große Summen gefordert und die Kosten der Erhaltung desselben, sowie des Parkes, als auch die Wiederherstellung der alten Burg Cronberg waren sehr bedeutend. Ebenso stellte die vornehme Führung der Kaiserlichen Hof- und Haushaltung, dazu der viele Besuch, große Anforderungen an die Schatulle. Dazu kamen ganz erhebliche Ausgaben für Geschenke und Zuwendungen an die zahlreichen, unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich Stehenden Wohltätigkeit- und Bildungsanstalten, für Ehrengeschenke an die Regimenter, deren Chef sie war, dann für Kirchenbauten, für Notstände, durch elementare Ereignisse hervorgerufen, für Reisen und dergleichen mehr. Es gehörte ein wahres Talent dazu, allen Anforderungen in dieser Hinsicht gerecht zu werden.  
  Und wer war nicht alles zu beschenken? Außer den Hohen Angehörigen die Hofstaaten, die Dienerschaft, das übrige Personal bis zum letzten Gartenarbeiter, befreundete Familien, gute Bekannte, die Vorstände der unter dem Protektorat Ihrer Majestät stehenden Anstalten usw. Welche Schwierigkeiten boten sich, immer das Zweckentsprechende herauszufinden für so verschiedene Ansprüche und dabei den Betreffenden eine wirkliche Freude zu bereiten. Es verging fast kein Tag, wo die Hohe Frau ihren hochherzigen Wohltätigkeitssinn nicht in reicher Weise betätigte. Die jährlichen Einnahmen mußten aber reichen, und da sah es denn wohl die Kaiserin Friedrich als ihre Pflicht an, gelegentlich in sparsamer Lebensführung mit gutem Beispiel voranzugehen.  
Abschied von Cronberg im Herbst

Segensreiches Wirken der Kaiserin Friedrich für Cronberg.

Der Abschied von Cronberg im Herbst wurde der Schloßherrin von Friedrichshof jedesmal unendlich schwer. "Der Abschied wird mir so schwer", sagte sie einst, "ich fühle mich wie eine Muschel ohne Schale, welche im Meere herumgeworfen wird, wenn ich auf Reisen bin". Die Kaiserin pflegte dann stets noch einmal kurz zu rekapitulieren, was sie im Laufe des letzten Sommers in Cronberg geschaffen habe und was noch zu tun bliebe. "Dieses Jahr ist wieder Manches geschehen. Sogar das letzte Bett im neuen Krankenhaus ist bezahlt. Aber es fehlt noch viel". Und welcher Segen ging von ihrer erhabenen Person aus, vor allem für die Stadt Cronberg! Wie mit dem Zauberstabe berührt verwandelte sich das kleine, bescheidene Landstädtchen in einen stattlichen Villenort, wo die ersten Patrizierfamilien Frankfurts sich prächtige Landhäuser für den Sommeraufenthalt erbauen ließen. Grundlose Wege verwandelten sich in vortrefflich gepflasterte und chaussierte Fahrstraßen, von schattenspendenden Bäumen eingefaßt; der Gesundheitszustand, welcher vordem viel zu wünschen übrig ließ, wurde durch die Anlage einer Kanalisation und Sauberhaltung der Häuser und Straßen ein ausgezeichneter. Dazu kam die Erbauung eines vollendet eingerichteten Krankenhauses, dessen Leitung dem Leibarzt der Kaiserin, Dr. Spielhagen, unterstand, die Errichtung eines Armenhauses, einer Victoria-Schule und einer Volksbibliothek. Ferner die Schaffung und Anlage des Victoria- und Kaiser-Friedrich-Parkes, die Wiederherstellung der alten, hochinteressanten Stadtkirche und der alten Burg. Das sind die kostbaren Vermächtnisse, welche die hochgesinnte Kaiserin Friedrich der Stadt Cronberg hinterlassen hat!  
Rückkehr nach Cronberg im Frühjahr. Und wenn die Hohe Frau nach einem langen Winter im April oder Mai nach Cronberg zurückkehrte, dann wurde sofort die Tätigkeit auf allen Gebieten wieder aufgenommen. Gleich vom Bahnhof aus ging es zu eifriger, kritischer Umschau in alle Teile ihres Besitztums, in die Gärtnereien mit den Treibhäusern, in die Meierei, in den Park. Mit vom Eifer der rastlosen Tätigkeit leicht geröteten Wangen betrat sie dann schließlich auch das Schloß. Auf ihrem Umgange durch alle Räume kam sie auch in die Bibliothek. Mit herablassendem und zugleich humorvollem Gruß pflegte sie mich dann anzusprechen, und teilnehmend frug die Hohe Frau nach dem Befinden und den Erlebnissen der letzten Zeit. Und vom ersten Tage der Rückkehr Ihrer Majestät nach Schloß Friedrichshof an begann die rastlose Arbeit an allen Stellen des umfangreichen Betriebes.
Kaiserin Friedrich im Park des Schlosses Friedrichshof, 1897.

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