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Gustav Leinhaas

Kapitel XVI. Krankheit und Tod der Kaiserin Friedrich.

Erste Anzeichen einer ernsten Erkrankung. Diese nur den edelsten Aufgaben und der treuesten Pflichterfüllung gewidmete Tätigkeit voller Mühe und hingebender Nächstenliebe wurde nun nach und nach dadurch gelähmt, daß sich die Anfänge einer sehr schmerzhaften Erkrankung bemerkbar machten. Trotzdem hörte die erlauchte Hohe Frau nicht auf, nach Möglichkeit ihr gewohntes tägliches Programm in gewissenhaftester Weise durchzuführen.
  Bis zum Jahre 1899 bot die Kaiserin Friedrich ein Bild von blühender Gesundheit. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war die Fürstliche Frau unausgesetzt in der tätigsten Bewegung. Das spielende Überwinden aller körperlichen Anstrengungen bildete die Bewunderung aller derjenigen, welche Gelegenheit hatten, die Kaiserin öfter zu sehen. Oft eilte sie den ziemlich beschwerlichen und steil ansteigenden Weg nach ihrer alten Burg hinauf, um dort zu inspizieren. Ihre Elastizität war einfach zum Erstaunen. Aber leider schonte sie ihre Gesundheit in keiner Weise. Sie scheute nicht Zugluft, obwohl die Hohe Frau von ihren täglichen Wanderungen durch ihr gesamtes Besitztum oft recht erhitzt zurückkehrte. Auch das Ausreiten bei strömendem Regen war gewiß der Gesundheit nicht immer zuträglich.
Verhängnisvolles Ereignis. Im Spätsommer 1898 ereignete sich ein schwerer Reitunfall, der leicht hätte verhängnisvoll werden können. Die Kaiserin erzählte mir den Vorgang in folgender Weise: "Beim Schaafhof (ein Gutshof unweit Kronthal) habe eine Lokomobile gearbeitet, dadurch sei ihr Pferd unruhig geworden und habe gescheut. Der Ökonom habe zuerst versucht, das Pferd vorbeizuführen. Beim Näherkommen an die Lokomobile sei es ganz senkrecht hochgestiegen, sie selbst sei dabei nach der falschen Seite heruntergefallen und zwar auf den Kopf, mit den Füßen unter das Pferd, während das Kleid oben am Sattel festsaß. Am Kopf habe sie eine Beule, die aber nicht sehr hervortrete, dagegen sei die rechte Hand verstaucht und leicht vom Pferdehuf getreten." Dann fuhr die Hohe Frau fort: sie reite jetzt 50 Jahre, und da könne auch schon ein Unfall vorkommen; das liege in der Natur der Sache. "Lieber ist mir, daß ich gestürzt bin, als daß es einem anderen passiert wäre. Aber übermorgen werde ich wieder reiten. Ich werde auch trotz der verstauchten Hand heute versuchen, etwas zu malen und einige Briefe zu schreiben." Die Kaiserin besaß eine solche Gewalt über sich selbst, daß sie sich in keiner Weise anmerken ließ, wie schwer sie unter diesem Mißgeschick litt. Nach dem Schlosse zurückgekehrt. Schrieb sie sogar noch mehrere Briefe und dann begab sie sich nach der Bibliothek. Am nächsten Tage aber schon äußerte sie, gestern Abend sei es ihr nicht gut gegangen und dann noch einmal auf den Unfall zurückkommend, sagte sie: "Es konnte in einem Augenblick aus sein, oder ich hätte geschleift werden können."  
Beginn der Leidenszeit.

Leiden ohne zu klagen.

Nicht lange darauf begann die qualvolle, lange Leidenszeit der Kaiserlichen Dulderin. Über Jahresfrist zogen sich die Anfänge des Übels hin, bis es im Herbste 1899 mit voller Wucht hervorbrach. Ernstere Krankheitssymptome begannen Anfang September 1899. Am 2. September blieb die Kaiserin des Fiebers wegen zu Bett, am 4. September war Ihre Majestät trotz der Ankunft ihres Bruders, des damaligen Prinzen von Wales, noch immer zu Bett, das Fieber war aber gebrochen. Am 6. und 7. September war Ihre Majestät noch recht schwach. Sie bedauerte lebhaft, nicht mit ihrem Bruder und der Prinzessin Christian gemeinsam nach Darmstadt fahren zu können, um einen Kranz auf das Grab ihrer Schwester, der verewigten Großherzogin Alice, zu legen. Am 14. September sagte die Kaiserin: "Jetzt muß ich meinen Hexenschuß spazieren tragen." Am 15. September äußerte sie: "Mir geht es heute gar nicht gut, ich habe noch rechte Schmerzen; ich gehe hinauf und in's Bett, ich bin heute zu nichts zu gebrauchen." Am 16. September: Ihre Majestät hat noch immer rheumatische (?) Schmerzen und ist zufrieden, daß es regnet und Sie daher draußen nichts versäumt. Am 9. Oktober 1899 sprach die Kaiserin davon, "daß sie in Friedrichshof überwintern wolle. Professor Renvers solle heute consultirt werden." Am 12. Oktober 1899 war das Befinden der Kaiserin schon erheblich schlechter. "Oh, ich habe furchtbare Schmerzen, die kaum auszuhalten sind. ich kann mich gar nicht drehen und wenden, und wenn ich etwas aufheben will, dann muß ich erst klingeln. Da ist ein Nerv besonders." Und so ging es fort, bis zum martervollen Ende. Die Kaiserin hatte gelitten, wie eine Märtyrerin, mit einer Seelengröße und Selbstüberwindung, wie sie in unseren Tagen selten vorkommen.
Die Aufbahrung der Kaiserin Friedrich im Chor der Johanneskirche zu Cronberg. Aufnahme von Dr. Julius Neubronner in Cronberg a.T.

Weihe eines Denkmals für die Kaiserin Friedrich an der Johanneskirche in Cronberg. Aufnahme von Dr. Julius Neubronner in Cronberg a.T.
Heimgang der Kaiserin. Am 5. August 1901 wurde die Kaiserin Friedrich durch einen sanften Tod endlich erlöst.  
Schluß. Nun ruht die herrliche, mit so seltenen Gaben ausgestattete Hohe Frau aus nach einem tatenreichen, segensvollen Leben voller Mühe und Arbeit, herber Schicksalsschläge und bitterster Enttäuschung. Wenn es aber einen Trost gibt für die vielen aufrichtigen Freunde und Bewunderer dieser großen und bedeutenden Fürstin, so ist es der Gedanke, daß die schweren Fügungen, welche die Hochselige Kaiserin Friedrich in ihrer hohen Stellung so schwer betrafen, keinen verdüsternden Schatten über ihr Seelenleben verbreiteten. In ihrem Privat- und Familienleben erwuchsen ihr hohe Genugtuung, Freude und Trost. Was sie in ihrer Stellung Großes gewollt, bleibt ihr Verdienst, unbeschadet, ob Erfolg ihr beschieden war.
Innere des Mausoleums bei der Friedenskirche in Potsdam. Sarkophage des Kaiserpaares Friedrich. Von Reinhold Begas.

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