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Gustav Leinhaas

Kapitel II. Kindheit und Jugendzeit der Kaiserin Friedrich*

Geburt der Prinzeß Royal. 21. November 1840. Mitte November des Jahres 1840 kehrte der Hof vom Schloss Windsor nach London zurück, und am 21. dieses Monats wurde der Königin erstes Kind, die Prinzeß Royal, im Buckingham-Palast geboren. "Nur einen Augenblick", schrieb die Königin, "war der Prinz enttäuscht, daß es eine Tochter war und kein Sohn."
Alles ging so gut wie möglich. Die Sorgfalt und Hingebung des Prinzen Albert waren grenzenlos. Nur er allein hob die Königin von ihrem Bett empor, um sie auf das Sofa zu bringen, kurzum, "Sein Sorgfalt war die einer Mutter; es konnte keine gütigere, weisere und urteilsfähigere Krankenschwester geben", sagte die Königin einmal.
 
  Das häusliche Glück wurde noch größer durch das junge Wesen, welches ihm einen neuen und zarteren Reiz verlieh.  
Taufe der Prinzeß Royal. 10. Februar 1841. Am 10. Februar 1841, dem Hochzeitstag der Königin, wurde die Prinzeß Royal im Buckingham-Palast auf die Namen Victoria Adelheid Marie Luise getauft. Die Paten waren der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, als dessen Stellvertreter der Herzog von Wellington bestimmt wurde, der König der Belgier, die Königin Witwe von Belgien, die Herzogin von Gloucester, die Herzogin von Kent und der Herzog von Sussex.
Taufe der Prinzeß Royal. Von Charles Robert Leslie.
  Über die Taufe selbst schrieb Prinz Albert nach Gotha: "Die Taufe ging sehr gut von statten. Ihre kleine Urenkelin benahm sich vortrefflich und wie ein Christ. Sie war wach, doch weinte sie nicht und schien mit ungeheuerer Befriedigung nach den Lichtern und den glänzenden Uniformen zu blicken, denn sie ist sehr intelligent und beobachtend. Die Feierlichkeit fand um 6 1/2 Uhr nachmittags statt und danach war ein Festessen mit Musik. Die Gesundheit der Kleinen wurde mit großer Begeisterung getrunken. Das kleine Mädchen trägt das sächsische Wappen inmitten des englischen, was sehr hübsch aussieht."  
  Und Lord Melbourne sagte am nächsten Tage zur Königin: "Wie sie um sich guckte, vollbewußt, daß der ganze Trubel ihr galt! Das ist die Zeit, wo sich der Charakter bildet." Das war eine witzige Anspielung auf Baron Stockmar's Ansicht, daß eines Mannes Erziehung mit dem ersten Tage seines Lebens beginne.  
Häusliches Glück d. Königin Victoria. Das häusliche Glück der jungen Königin konnte auch nicht durch mehrere Attentate, welche an ihr begangen wurden, irgendwie beeinträchtigt werden; im Gegenteil, die Herzen schlossen sich unter dem Eindruck derselben nur noch enger zusammen. Wie glücklich die Kömgin in ihrer Ehe war, beweist auch ein Brief vom 6. Dezember 1841 an den König der Belgier: "Oh, mein liebster Onkel, ich bin sicher, daß, wenn Du wüßtest, wie glücklich und gesegnet ich mich fühle und wie stolz, solch ein vollkommenes Wesen, wie meinen Mann, zu besitzen, und wenn Du bedenkst, daß Du mitgewirkt hast, diesen Bund zu Stande zu bringen, Dein Herz sich freuen muß."  
  Am 5. Januar 1841 schreibt die Königin Victoria an den König der Belgier über die Prinzeß Royal:
"Unsere junge Lady gedeiht vortrefflich. Sie würden Ihre helle Freude daran haben, wenn sie Albert sehen könnten, wie er, die Kleine auf dem Arm, mit ihr herumtanzt. Er gibt eine vorzügliche Kinderfrau ab, (ich nicht, da sie viel zu schwer ist, als daß ich sie tragen könnte) und sie scheint immer sehr vergnügt zu sein, wenn Sie zu ihm kommen kann."
 
Geburt des Prinzen von Wales. 9. November 1841.

Erste Kindheit der Prinzeß Royal.

Am 9. November 1841 wurde der Prinz von Wales im Buckingham-Palast zu London geboren. Die Taufe desselben fand am 25. Januar 1842 in der St. Georg-Kapelle zu Windsor statt. Wenige Tage nach der Taufe schrieb die Prinzessin Adelheid an die Königin Victoria über die Prinzeß Royal: "Es tut mir leid, daß Ihr liebes kleines Mädchen noch immer so stark an den Zähnen leidet. Gott segne und beschütze sie und ihren Bruder. Der König von Preußen bewundert die kleine Victoria sehr, er hat sie mir als das lieblichste Kind beschrieben, das er je gesehen hat."
Kinderbüste der Kaiserin Friedrich. Arbeit von E. Wolff, 1841.
  Am 14. Februar 1843 schrieb die Prinzessin Adelheid aus Belgien an die Königin Victoria: "Wie konnte man unserm Liebling, der kleinen Victoria, eine gepuderte Perücke aufsetzen? Das arme kleine Kind muß darin ganz sonderbar ausgesehen haben!"  
Blick in die Kinderstube der Prinzeß Royal.

Äußere Erscheinung der kleinen Prinzeß Royal u. des Prinzen von Wales.

Wir wollen jetzt aber einen Blick in die damalige Kinderstube werfen, wie sie uns von einem Augenzeugen geschildert wurde. "Da ist zunächst die kleine Prinzeß Royal, jetzt in ihrem zweiten Lebensjahr. Sie wird ein schönes Kind und rennt herum und spricht ziemlich viel. Sie ist entzückt über zwei neue Kleidchen, welche ihr die Herzogin von Kent zu Weihnachten geschenkt hat, und sie nimmt sie, erst eins, dann das andere und hält sie hoch, daß sie bewundert werden. Ein intelligentes Kind und ziemlich dick; sie trägt ein Kleid aus dunkelblauem Sammet mit Musselinärmeln, gelbe Lederhandschuhe und die niedlichsten, weißen Schuhe.
Kaiserin Friedrich als Kind 1841 von Sir William Roß.
  Der Prinz von Wales ist ein hübscher kleiner Knabe und wohlerzogen; seine großen Augen und sein gelocktes Haar lassen darauf schließen, daß er einmal ein schöner Mann werden wird. Keines von den Kindern ist abgeneigt, ein Wildfang zu sein und wenn eine der Damen eine Elfenbeinspielmarke aus Scherz mit den Fingern herumwirbelt, dann brechen sie in schallendes Gelächter aus. Es sind gesunde, glückliche und richtige Kinder - und sicher haben wir eine Muster-Kinderstube besichtigt."  
Charakteristische Züge der kleinen Prinzeß Royal. Die Prinzeß Royal war ein erstaunliches Kind, sogar schon als Baby. Eines Tages wurde sie dem alten Herzog von Wellington vorgestellt. sie streckte ihm ihre Hand entgegen und der grauhaarige Veteran verbeugte sich in der galantesten Weise und küßte sie, während sie gleichzeitig sagte, sich seiner erinnern zu wollen. - Bei einer anderen Gelegenheit wurde sie aufgefordert, einem Major zu danken für eine Schachtel Spielsachen, welche dieser ihr gesandt hatte. Sie machte es sehr niedlich und als sie nach dem Zimmer der Königin zurückgebracht wurde, drehte sich Ihre Majestät herum zu ihr und Sagte: "Nun, Pussy, was hast Du gesagt?" Das Kind - sie war damals erst 2 1/2 Jahre alt - antwortete sofort: "Ich hielt - ich hielt meine Rede." ("I said my speech".).  
  Die kleine Prinzessin war auch immer schnell dabei, ihre Würde zu behaupten, wenn sich die Gelegenheit bot. Die Königin fuhr eines Tages mit ihr spazieren und nannte sie einmal, wie sie es oft tat: "Missy". Das Kind nahm das erste Mal keine Notiz davon, aber das nächste Mal sah sie sehr entrüstet auf und sagte zu ihrer Mutter: "Ich bin nicht Missy, ich bin die Prinzeß Royal."  
Sprachgewandtheit der kleinen Prinzeß Royal In ihrem dritten Jahr konnte sie schon fließend französisch sprechen und sie wußte es schon sehr gut anzuwenden. Einmal wurde sie von einer Hofdame gestört, als sie über einem Buche brütete, da schob sie die Störende mit ihrer Kinderhand fort und sagte gesetzt: "N'approchez pas moi, moi ne veut pas vous."  
  Ein anderes Beispiel ihrer frühen Sprachgewandtheit wird von der Königin berichtet. "Unsere Pussette", schrieb sie an den König der Belgier am 9. Januar 1844, "lernt einen Vers von Lamartine auswendig, welcher endet 'le tableau se déroule à mes pieds'. (Das Bild entrollt sich vor meinen Füßen). Um nun zu zeigen, wie gut sie diese schwierige Stelle verstand, muß ich Dir das folgende bon-mot erzählen. Als sie auf ihrem Pony ritt und Kühe und Schafe erblickte, wandte sie sich zu Madame Charrier, ihrer Gouvernante, und sagte: "Voilà le tableau qui se déroule à mes pieds!" Ist das nicht außergewöhnlich für ein Kind von drei Jahren?"
Kaiserin Friedrich als Kind. Handzeichnung der Königin Victoria von England 1842
Weitere charakteristische Züge der kleinen Prinzeß Royal. "Sie können sich kaum denken, was für ein gescheites und, ich muß leider auch sagen, listiges, kleines Ding sie ist und so eigensinnig". - Die lebendige Phantasie der Prinzeß Royal war gleichfalls bemerkenswert und wird ihren Eltern gewiß oftmals Anlaß zur Belustigung gewesen sein. Im Tagebuch der Lady BloomfieId vom 26. August 1843 finden wir folgende Stelle:  
  "Wir fuhren gestern mit der Königin und mit der kleinen Prinzessin. Letztere plapperte die ganze Zeit und war sehr unterhaltend. Prinz Albert ritt fort, um ein Haus zu besichtigen, welches er bauen ließ und der Wagen stand still, bis er zurückkehrte. Die Königin unterhielt sich mit uns und nahm keine Notiz von der Prinzessin, welche plötzlich ausrief: "Dort ist eine Katze unter den Bäumen!" Das war aber nur ein Phantasiegebilde ihrerseits, denn es war nichts dergleichen zu sehen; als es ihr aber gelungen war, die Aufmerksamkeit auf sich zu richten. Sagte sie ruhig: "Cat came out to look at the Queen, I suppose." (Die Katze kam wohl heraus, um die Königin zu sehen).  
  Später fand sie Gefallen an einigem Heidekraut am Rande des Weges, und sie bat Lady Dunmore, ihr etwas davon zu holen. Lady Dunmore bemerkte, daß sie es nicht tun könne, da sie zu schnell führen; da antwortete die Prinzessin: "No, you can't, but those girls might get out and get me some". (Nein, sie können es nicht, aber jene Mädchen können doch aussteigen und mir etwas holen). Damit meinte sie Lady BloomfieId und Miß Paget (die beiden Hofdamen). -  
Zuwachs in der Kinderstube. Geburt d. Prinzessin Alice. 25. April 1843.

Geburt des Prinzen Alfred. 6. August 1844.

Geburt d. Prinzessin Helene. 25. Mai 1846.

Geburt d. Prinzessin Louisa. März 1848.

Die Kinderstube erhielt aber noch beträchtlichen Zuwachs. Zunächst erschien Prinzessin Alice, welche am 25. April 1843 geboren wurde. Bevor die vierziger Jahre zu Ende gingen, hallte die Kinderstube wider von dem fröhlichen Gelächter und dem Lärm dreier weiterer Babys, eines Prinzen und zweier Prinzessinnen. Als Erster erschien Prinz Alfred, geboren 6. August 1844 im Schlosse zu Windsor (später Herzog von Edinburg und dann Herzog von Coburg). Nach ihm kam Prinzessin Helene (jetzt Prinzessin Christian), welche in Osborne am 25. Mai 1846 geboren wurde und endlich Prinzessin Louisa, welche im März 1848 im Buckingham-Palast zu London das Licht der Welt erblickte.
Die Königin Victoria von England mit der Prinzeß Royal. Skizze von Sir Edwin Landseer, 1842.
Benehmen d. kleinen Prinzeß Royal. Nach der Taufe der Prinzessin Alice Schrieb die Königin Victoria an den König der Belgier:
"Die Taufe verlief glänzend. Pussy (die Prinzeß Royal) und Bertie (Prinz von Wales) erschienen nach dem Frühstück und ich wünschte, sie hätten sie sehen können. Sie benahmen sich so prächtig vor all den Leuten, und ich muß sagen, sie sahen allerliebst aus, ganz in weiß und sehr vornehm; sie wurden sehr bewundert".
 
Erste Reise d. kleinen Prinzeß Royal nach Blair Castle. September 1844. Am 9. September 1844 machte die Königliche Familie einen Besuch in Blair Castle. Da heißt es in den Tagebuchblättern der Königin Victoria: "Vicky erschien als "voyageuse" und erwartete mit Ungeduld die Abfahrt. Um 7 Uhr fuhren wir nach der Bahn und erreichten Woolwich um neun. Vicky wurde sicher in das Boot gebracht und dann sorgfältig von Renwick, dem Oberlakaien, an Deck der Yacht getragen. Um 6 Uhr abends kam man in Dundee an. Um 1/2 9 Uhr bestiegen wir mit Vicky eine Barke. Die See war hell und blau; das Boot tanzte schön vorwärts. Wir hatten eine Viertel-MeiIe zu rudern. Albert ging mit mir die Landungstreppe herauf, ich nahm seinen Arm, Vicky seine Hand und unter den lauten Hochrufen der Menge legten wir den ganzen Weg bis zum Wagen zurück. Unsere liebe Vicky benahm sich wie eine erwachsene Person, gar nicht ängstlich noch nervös. Wir stiegen in unsere Postchaise, während Renwick zu gleicher Zeit Vicky auf seine Arme nahm und sie in den nächsten Wagen zu ihrer Gouvernante und Amme setzte.  
  Drei Meilen jenseits Dundee hielten wir an dem Tor von Lord Camperdown's Besitz an, wo wir von Lady Camperdown und Lady Duncan und deren kleinen Sohn erwartet wurden. Der kleine Knabe, schön in Hochländer Tracht gekleidet, wurde zu Vicky getragen, welcher er einen Korb mit Früchten und Blumen gab. Die Königin sagte darauf zum Prinzgemahl, daß sie kaum glauben könne, daß ihr Kind schon mit ihnen reise, denn sie erinnere sich noch sehr wohl der Zeit, wo sie selbst die kleine Prinzessin war. Prinz Albert bemerkte hierauf, daß Eltern ihr Leben in ihren Kindern noch einmal erlebten, was ein sehr angenehmes Gefühl sei." Dann heißt es weiter in dem Bericht: "In Dunkeld stiegen wir aus, damit Vicky eine Suppe essen sollte. Vicky stand am Fenster und verbeugte sich vor den Leuten. Es kann gar keinen besseren Reisenden geben, als sie ist; sie schläft im Wagen zu ihrer gewohnten Zeit, ist niemals aufgeregt oder erschreckt vor dem Lärm der Menge, sondern stets vergnügt und unterhaltend. Sie hörte nie des Nachts die Anker lichten an Bord des Schiffes, sondern schlief wie ein Maulwurf."  
  An anderer Stelle heißt es: "Die Kinder freuen sich außerordentlich über alles und ertragen das Ungewohnte und die Erregung wundervoll."  
  Auch die berühmte Fingalshöhle wurde auf dieser Fahrt nach den westlichen Lochs und Inseln, die so voller Poesie und Romantik, Tradition und historischer Beziehungen sind, von der Königin, ihrem Gemahl und den Kindern besucht  
  Die Königin schrieb aus Blair Castle an die Herzogin-Witwe von Coburg über die Prinzeß Royal: "Pussy's Backen sind zum Platzen, sie sind so rot und plump geworden; sie lernt jetzt Gälisch."  
Parade in Windsor im Beisein der kleinen Prinzeß Royal. 9. November 1844 Am 9. November 1844 fand im Windsor Park eine hübsche kleine Parade über die Garden und Matrosen zu Ehren des Geburtstages des Prinzen von Wales statt. Es war schönes KöniginWetter; der Tag hell und warm und eher wie im Mai als im November. Die Truppen marschierten bei der Königin und dem Prinzen vorbei und schossen nachher ein feu de joie ab (Freudenfeuer). Die Königlichen Kinder benahmen sich in musterhafter Weise dabei. Die Prinzeß Royal war die einzige, die sich vor dem Schießen etwas fürchtete und als es zu Ende ging und die Musik zu spielen anfing "God save the Queen" dachte das arme Kind, daß es noch einmal losgehen würde und so hielt sie sich die Ohren mit den Händen zu, was die Königin nicht angenehm berührte. -  
Ankauf von Osborne. 1845. Im Jahre 1845 war ein Hauptereignis für die Königliche Familie der Ankauf von Osborne auf der Insel Wight. Es war immer der Lieblingswunsch der Königin gewesen, einen privaten Wohnsitz zu haben, wohin sie von dem Glanz des Hoflebens flüchten könnte, um ein einfaches, zurückgezogenes Leben führen zu können. Der Herrensitz Osborne entsprach allen ihren diesbezüglichen Wünschen  
Beschreibung von Osborne. Am 3. April 1845 schrieb die Königin an den Viscount Melbourne, sie sei von ihrem neuen und wirklich reizenden Heim entzückt. "Ich kann mir einen hübscheren Fleck Erde kaum vorstellen. Täler und Gehölze, die überall schön sind und alles dicht an der See (die Waldungen wachsen in die See hinein), es ist die Vollkommenheit selbst. Wir haben auch einen entzückenden Badestrand ganz für uns allein, Portsmouth und Spithead sind so nahe, daß wir alles übersehen können, was vor sich geht." - Verschiedene Erweiterungen wurden im Laufe der Zeit vorgenommen und die Gärten unter der Leitung des Prinzgemahls mit großem Geschmack neu angelegt. Der Besitz nahm an Schönheit und Reiz jedes Jahr zu. Das Leben in Osborne war in der Tat die Einfachheit selbst und durch die Landluft und die Seebäder gediehen die Königlichen Kinder und wurden kräftig und blühend, was die Herzen ihrer Eltern entzückte.
Schloß Osborne auf der Insel Wight.
Erziehungs-Grundsätze der Königin Victoria. Die Königin war ziemlich streng mit ihren Kindern. Ihr Hauptgrundsatz bei der Erziehung derselben war der, daß die Kinder so einfach und häuslich erzogen werden sollten wie möglich; ferner, daß sie, soweit es die Unterrichtsstunden erlaubten, so viel als möglich mit ihren Eltern zusammensein und lernen sollten, diesen ihr größtes Vertrauen in allen Dingen entgegenzubringen.  
  Für eine geeignete Erziehungsmethode der Kinder wurde Baron Stockmar's Rat erbeten. Dieser war der Meinung, daß eine gute Erziehung nicht früh genug beginnen könnte. Die Erziehung der Königlichen Kinder müsse von Anfang an eine wahrhaft moralische und eine wahrhaft englische sein. Nachdem die geeigneten Kräfte für eine moralische und geistige Erziehung gefunden seien, müßten diese dann in ihrer schweren Aufgabe von den Königlichen Eltern genügend unterstützt werden. Eine Dame von Rang mit dem Titel Obergouvernante würde am besten sein. Und so wurde Lady Lyttelton, früher Hofdame, im April 1842 dazu ernannt. Acht Jahre lang bekleidete sie diese Stellung zur Zufriedenheit der Königlichen Eltern.  
  Als die religiöse Erziehung der Prinzeß Royal in Frage kam, äußerte die Königin: "Ich bin mir ganz klar darüber, daß ihr die größte Ehrerbietung vor Gott und vor der Religion gelehrt werden muß, aber sie soll dasjenige Gefühl der Ehrfurcht und Liebe gegen Gott haben, welches unser himmlischer Vater bei seinen Erdenkindern ermutigt und nicht ein solches der Furcht und des Zitterns. Die Gedanken über den Tod und ein Leben nach dem Tode dürfen nicht in zu krasser Weise vorgetragen werden, auch soll sie nicht denken, daß sie nur auf ihren Knieen beten könne oder daß diejenigen, die nicht knieen, weniger eifrig und ergeben in ihren Gebeten seien".  
Reise der Königin Victoria nach Deutschland.

Abschied von den Kindern. August 1845.

Im August 1845 hatte die Königin mit dem Prinzgemahl in ihrem lieben Osborne geweilt und beide fuhren dann zum Besuch des Königs von Preußen über Antwerpen nach Berlin. Vor der Abreise am 8. August schrieb die Königin noch in ihr Tagebuch: "Als wir aufstanden, war ein sehr schöner Morgen. Sowohl Vicky, als auch der Liebling Alice waren bei mir, als ich mich anzog. Die arme liebe Puß (Prinzeß Royal) möchte so gern mit uns fahren und sagte: "Warum gehe ich denn nicht mit nach Deutschland?" Sehr gern hätte ich sie mitgenommen und ich hätte es gewünscht, eines von Alberts liebsten Kindern mit uns nach Coburg zu nehmen. Aber Reisen ist eine ernste Sache, besonders in der ersten Zeit und sie ist noch sehr jung. Entscheidend für mich war der Besuch beim König von Preußen, wo ich mich nicht um sie kümmern konnte. Alle 4 Kinder waren bei uns zum Frühstück; - nach demselben gab ich Lady Lyttelton meine letzten Instruktionen und dann sagten wir schweren Herzens allen Lebewohl in der Halle. Die arme kleine Vicky schien sehr traurig, aber sie weinte nicht. Es war ein sehr Schmerzlicher Augenblick, abzufahren, als die vier armen kleinen Dinger an der Türe Standen. Gott segne sie und beschütze Sie". -  
Rückkehr der Königin und Wiedersehen mit den Kindern. September 1845. Als die Königlichen Reisenden nach einem Monat zurückkehrten, landeten sie in Osborne. Den liebsten Willkommsgruß fanden Sie, als sie geradeswegs nach dem Schlosse fuhren, "denn dort, wie Rosen aussehend. so wohl und so dick, standen die 4 Kinder, sehr vergnügt, uns zu sehen".  
  Am 29. September 1845 schreibt Prinz Albert an Baron Stockmar:
"Wir haben die angenehmsten Erinnerungen von unserer Tour mitgebracht...
Die Kinder waren bei unserer Rückkehr sehr vergnügt und haben während unserer Abwesenheit große Fortschritte in allen Tugenden gemacht, von denen, wie das sprichwort fälschlich sagt, die Jugend keine hat". -
 
Kurzer Ausenthalt in Osborne. Februar 1846. Ende Februar 1846 zog sich das Königliche paar einige Tage nach Osborne zurück. "Wir werden", schreibt der Prinz an die Herzogin-Witwe von Coburg (am 27. Februar), "auf eine Woche nach der Insel Wight gehen, wo die schöne Luft Victoria und den Kindern gute Dienste tun wird; und ich, teils Förster, teils Baumeister, teils Landwirt, teils Gärtner hoffe, ein gut Teil auf den Beinen und in der frischen Luft zu sein..."  
Zweiter Aufenthalt in Osborne. August 1846.

Yacht-Ausflüge der Königl. Familie.

Anfang August 1846 hatte sich der Hof nach Osborne zurückgezogen, um dort mit dem König und der Königin der Belgier im engsten Familienkreise einige angenehme Wochen zu verbringen. Das ruhige Leben dort wurde durch zwei interessante Yachtausflüge unterbrochen, zu denen auch die Königlichen Kinder mitgenommen wurden. Die Fahrt ging an der Küste von Devonshire entlang.  
  Bei der ersten Exkursion wurden Dartmouth, Plymouth und Guernsey besucht, auf der zweiten Jersey und die Cornische Küste. Die Königin ließ sich auch von dem schlechtesten Wetter nicht abhalten, irgend etwas Interessantes oder Schönes anzuschauen und es ihren Kindern zu zeigen. Als die Königliche Yacht in den Hafen von Dartmouth einlief, goß es in Strömen und das Deck schwamm im Wasser; trotzdem wollte die Königin nicht heruntergehen, sondern sie stand mit ihren Kindern - alle unter Regenschirmen - um die bewaldeten Felsen, die Kirche und die Burg zu bewundern.  
Die Köngin gibt der Prinzessen "Vicky" Unterricht. Während dieser Fahrten äußerte die Königin einmal: "Nie sahen unsere Kinder besser aus und nie waren sie munterer." Die Königin gab Vicky öfters eine kleine Lektion, indem diese ihr aus der englischen Geschichte vorlesen mußte. Selbst während des Lesens von zahllosen Briefen und Depeschen und sogar während der Begrüßung von Autoritäten, Admirälen und Generalen gab sie Vicky Unterricht. -  
Rückkehr nach Osborne. Die Königliche Familie kehrte frohen Herzens und neu gestärkt nach dem lieben Osborne zurück. Der Teil des neuen Hauses in Osborne, für die Königin und den Prinzen bestimmt, war nun fertig. Lady Lyttelton gab am 16. Sept. 1846 von dem Einzug folgende reizende Schilderung: "Unsere erste Nacht in diesem Hause ist gut vorübergegangen. Niemand roch Farbe oder bekam einen Schnupfen und das Schlimmste ist überstanden. Das Mittagsmahl war hier ein höchst amüsantes Ereignis. Alles im Hause ist ganz neu und das Wohnzimmer sah sehr hübsch aus. Die durch die Lampen im Zimmer strahlend erleuchteten Fenster müssen weit bis in die See hinaus gesehen worden sein. Ich vergaß aber die Hauptsache von unserem Einzug, nämlich, daß Lucy Kerr (eine Hofdame) darauf bestand, einen alten Schuh hinter die Königin, bei ihrem Eintritt in das Haus, zu werfen, ein alter Schottischer Aberglauben. Es sah zu seltsam und amüsant aus.  
  Welche Freude für die beiden ältesten Kinder, Prinzessin Vicky und Prinz Bertie, daß sie die große Seereise nach Schottland mitmachen durften. Hierbei empfingen sie gewaltige Natureindrücke, sowohl von der Seefahrt, als auch später von der erhabenen Gebirgswelt Schottlands.  
Zweiter Yacht-Ausflug August 1847 in Begleitung d. Kinder. Am Abend des 11. August 1847 schifften sich die Königlichen Eltern mit den beiden ältesten Kindern und dem Gefolge gegenüber von Osborne ein. Es war beabsichtigt, eine Tour um die ganze Westküste zu unternehmen. Zunächst ging es nur bis Yarmouth, wo die - Nacht zugebracht wurde. Am nächsten Morgen in aller Frühe wurde trotz des Nebels versucht, nach dem Atlantischen Ozean herauszukommen, was auch endlich gelang. Die hohen Reisenden wurden bei der stürmischen Witterung ziemlich unsanft von den Wogen geschaukelt, so daß an Bord so fast alles seekrank wurde, nur der Prinzgemahl blieb fest.  
  Dann ging es im Nebel weiter nach den malerischen Scilly-Inseln, wo man die Nacht über blieb. Auf der Weiterfahrt wurde Milford-Hafen berührt, aus welchem zahlreiche Boote mit Walliser Frauen in ihren hohen, kronenartigen Hüten herauskamen. Auf dieser Reise wurde unsere Prinzeß Royal bekannt mit den verschiedenartigsten Sitten, Gebräuchen und Trachten ihres Heimatlandes. Nachts war die Stadt schön illuminiert und an der ganzen Küste entlang brannten Freudenfeuer.  
  Als die Königliche Yacht in die Menai-Meerenge einfuhr, hatte man einen reizenden Blick auf die Stadt Snowdon und die herrlichen Walliser Berge.  
  Am 16. August sah man wieder Land an der Insel Man. Dann ging es in die wundervolle Region der Westinseln von Schottland. Das Schiff hielt eine halbe Stunde vor dem majestätischen, fast senkrecht aus dem Meere aufsteigenden Ailsa Craig und man schoß hier auf die Millionen von Solan-Gänsen, welche ihn bewohnen. Sie hüllten das Schiff wie eine Wolke ein, aber sie blieben außer Schußweite, welche sie mit mathematischer Sicherheit berechnet zu haben schienen, wie Prinz Albert darüber berichtet.  
  Die reizvolle Umrißlinie der Insel Arran entschädigte dann bald für das Mißlingen des Jagdsportes  
  Der Kurs führte dann nach der Insel Bute, vorbei an den kleinen Inseln Great Cumbray und Little Cumbray, wo der Geistliche immer predigt: "Allmächtiger Herr, schütze die Bewohner von Great Cumbray und Little Cumbray und der benachbarten Inseln von Großbritannien und Irland!" Dann ging es in den Firth of Clyde und es wurde beim alten Schlosse Dumbarton, welches auf einem steil am Fluße Clyde aufsteigenden Felsen liegt, gelandet. Es war dies eine der letzten Burgen, welche für Maria Stuart aushielten.  
Im Schloß zu Inverary. Im Schloße zu Inverary, wo die Königlichen Besucher zunächst wieder landeten, wurden sie in treuer Hochland-Weise vom Herzog und der Herzogin von Argyll und anderem alten Adel empfangen. Die Dudelsackpfeifer zogen vor dem Wagen einher. Im SchIosse wurde gespeist, worauf die hohen Herrschaften sich wieder an Bord begaben. Und so ging es immer weiter nordwärts der Küste entlang bis zu den Hebriden, wo der berühmten Fingalshöhle ein Besuch abgestattet wurde.  
Längerer Aufenthalt in Ardverikie. Bei Fort William endete die Seereise und die Fahrt nach dem entlegenen, aber wildschönen Loch Laggan wurde zu Lande fortgesetzt. An seinen Ufern liegt Ardverikie, der Sitz des Lord Abercron, bei dem die Königliche Familie längere Zeit zu Gaste war. Leider war das Wetter abscheulich, unaufhörIich Regen, Wind, Nebel und sogar Schnee, so daß die großartige, wildromantische Gegend nicht recht zur Geltung kam. Aber das schlechteste Wetter in einer Gebirgsgegend hat seine Lichtseiten von Größe und Schönheit. Der Sturm mochte draußen heulen, drinnen gab es glückliche Herzen und geschäftige Geister, so daß die Stunden schnell verrannen.  
Reise-Eindrücke der Prinzeß Royal. Welche Fülle von überwältigenden Eindrücken erlebte die kleine Prinzeß Royal auf dieser Fahrt! Die Bilder prägten sich unauslöschlich dem jungen Gemüt ein und noch lange Zeit schwärmte sie von diesen erhebenden Reiseeindrücken  
Rückkehr der Kgl. Familie nach London. September 1847. Am 17. September verließ die Königliche Familie Ardverikie, um nach England zurückzukehren. Bei dauernd schlechtem Wetter gings bis Liverpool zur See und dann mit der Bahn bis London.  
Aufenthalt in Osborne. Herbst 1847. In Osborne, wo der Hof während der kurzen Herbstsession des Parlaments residierte, fand der Prinz eine angenehme Beschäftigung in dem Anlegen seiner Gärten. Er veränderte die Terrassen und Abhänge und pflanzte jene reiche Abwechslung trefflich ausgewählter Bäume, welche künftighin dem Auge ein Bild von seltener Schönheit boten. Sein Lieblingskind, die Prinzeß Royal, nahm an allen diesen Anlagen den allerlebhaftesten Anteil und wir dürfen uns daher nicht wundern, daß sie später ebenfalls ihr eigener Gartendirektor wurde.  
Weihnachtsfest in Windsor. 1817. Das Herannahen des Weihnachtsfestes brachte den Hof nach Windsor zurück. Bei Erwähnung dieser ihm stets weihevollen Zeit bricht des Prinzen gewohnte Fröhlichkeit in seinen Briefen durch und inmitten seiner Kinder, welche ihn gesund und voller Fröhlichkeit umgaben, flogen seine Gedanken zu seiner eigenen Knabenzeit zurück, welche sich in den glücklichen Gesichtern und den lustigen Streichen seiner Kinder widerspiegelten. Einst schrieb er an die Herzogin-Witwe von Coburg: "Ich muß jetzt in den Kindern den Widerschein suchen, was Ernst und ich in den früheren Zeiten waren, was wir fühlten und dachten, und ihr Entzücken an den Weihnachtsbäumen ist nicht geringer, als das unsere zu sein pflegte".
Schloß Windsor.
Geburt d. Prinzessin Luise von England. 18. März 1848.

Aufenthalt d. Prinzen von Preussen am Englischen Hofe. 22. März bis 28. Mai 1848.

Sein Interesse für die kleine Prinzeß Royal.

Am 18. März 1848 wurde die Prinzessin Luise von England geboren. Es war damals eine bewegte, stürmische Zeit, welche den Prinzen von Preußen (späteren Kaiser Wilhelm den Großen) zwang, Seine Heimat für einige Zeit zu verlassen und am befreundeten englischen Hofe Zuflucht zu nehmen. Er weilte dort vom 22. März bis zum 28. Mai und hatte täglich Gelegenheit, die ungemein geweckte und anmutige Prinzeß Royal zu sehen, für welche er schon damals eine besondere Zuneigung gefaßt hatte, ohne indessen zu ahnen, daß diese dereinst seine Schwiegertochter werden würde.  
Erwerbung von Balmoral Herbst 1848.

Beschreibung und Eindrücke von Balmoral.

Im Herbst des Jahres 1848 wurde Balmoral, der Königin schottisches Heim, erworben. Es liegt in den östlichen Hochlanden, in dem Tal des Flusses Dee und seine Lage gilt als eine der trockensten und gesündesten in der Welt. Da sich viele wichtige Ereignisse des häuslichen Lebens während der nächsten 12-13 Jahre hier abspielten, so wollen wir uns etwas näher mit diesem Lieblingssitz der Königlichen Familie beschäftigen. Auch die Prinzeß Royal hing mit ihrem ganzen Herzen an Balmoral und noch in ihren späteren Lebensjahren brachte die Kaiserin Friedrich oft die Sprache auf die glücklichen dort verlebten Tage.  
  Ihre ersten Eindrücke von Balmoral schildert die Königin in ihrem Tagebuch vom 8. September 1848. "Es ist ein hübsches, kleines Schloß im altschottischen Stil. Im Vordergrunde befindet sich ein malerischer Turm und ein Garten mit einem hochbewaldeten Hügel. Hinter dem Schlosse ist ein Wald, der sich bis zum Dee (Fluß) herunterzieht. Das Haus ist reizend, die Zimmer entzückend; die Möbel, Tapeten, alles vollendet. Die Aussicht von den Fenstern unserer Zimmer und von der Bibliothek auf das Tal des Dee, mit den Bergen im Hintergrund, welche man vom alten Hause nie sehen konnte, ist sehr schön. Beim Eintritt kommt man zunächst in eine nette kleine Halle mit einem Billardzimmer, daneben ist das Speisezimmer. Oben, durch eine gute breite Treppe zugänglich, unmittelbar zur Rechten und über dem Speisezimmer, ist unser Salon, ein schöner großer Raum, neben dem unser Schlafzimmer liegt, gleichzeitig ist dort der Zugang zu einem kleinen Ankleideraum des Prinzgemahls. Gegenüber, ein paar Stufen tiefer, sind die drei Zimmer der Kinder und der Miß Hildyard. Die Hofdamen wohnen unten, die Herren oben."  
Lebensweise der Kgl Familie in Balmoral. Über die einfache Lebensweise der Königlichen Familie dort berichtet uns Greville, welcher 1847 zwei Tage in Balmoral zubrachte. "Die Lage ist sehr hübsch, das Haus sehr klein. sie leben ohne irgend welchen Hofstaat; sie wohnen nicht nur wie Privatleute, sondern wie sehr kleine Privatleute, in kleinem Haus, mit kleinen Zimmern und kleiner Einrichtung. Es sind keine Soldaten da und die ganze Wache der Herrscherin besteht aus einem einzigen Schutzmann. Ihre Lebensweise ist von größter Einfachheit. Der Prinz schießt jeden Morgen, kehrt zum Frühstück zurück und dann gehen oder fahren sie spazieren. Die Königin läuft den ganzen Tag herum, oft allein, geht in die Hütten und setzt sich zu den alten Frauen"  
Attentat auf die Königin Victoria in Gegenwart von drei ihrer Kinder. Auf die jungen Gemüter der Kinder wirkten aber zuweilen schon frühzeitig auch überaus ernste Ereignisse ein. So wurde am 19. Mai 1849 auf die Königin von einem gewissen Hamilton geschossen, als diese mit drei Kindern in einem offenen Wagen nach dem Buckingham Palast fuhr.  
Erster Besuch der Königin in Irland im Beisein der Prinzeß Royal. Anfang August 1849 machte die Königin mit ihrem hohen Gemahl ihren ersten Besuch in Irland, wobei auch die vier ältesten Königlichen Kinder mitgenommen wurden. Überall fand die Königliche Familie einen begeisterten Empfang, obwohl bis vor kurzem noch das Land in einem offenen Aufruhr gewesen war und unter den Kriegsgesetzen gestanden hatte. Unter Raketen, Feuerwerk und bengalischem Licht dampften die Königlichen Gäste in die Bucht von Cork hinein auf der "Fairy". Stürmisch wurden sie überall mit Kanonendonner und Glockengeläut begrüßt. Am 5. August fand die Einfahrt in den Hafen von Kingstown statt. Boote, Segelyachten, Dampfer, überfüllt mit Menschen, fuhren ihnen entgegen. Am nächsten Morgen erfolgte die Landung unter Kanonendonner, es war ein prächtiger Anblick. Die Königlichen Kinder waren ganz besonders der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und Bewunderung. "Oh, liebe Königin", schrie eine alte, stämmige Dame, "machen sie eins davon zum Prinzen Patrick und ganz Irland wird für sie sterben". Mit der Eisenbahn ging es dann nach Dublin weiter, wo im Vizeköniglichen Sitz im Phönix-Park abgestiegen wurde. Es war ein wundervoller Anblick, diese Massen zu sehen, die so begeistert waren; dabei herrschte überall Ordnung. Der viertägige Aufenthalt war ein fortgesetztes Jubelfest.  
Erziehung u. Unterricht der Königlichen Kinder auf der Reise. Und selbst auf dieser Reise, inmitten aller Empfänge und Besichtigungen fand die Königin noch Zeit, die täglichen Aufgaben ihrer Kinder zu überwachen.  
  Mitte August war der Königliche Hof über Glasgow und Perth nach Balmoral zurückgekehrt. Hier begann wieder die Sorgfalt in der Erziehung der Kinder und wir vernehmen aus dem Tagebuch der Königin, daß sie dieselben unter anderem auch in deutscher Geschichte unterrichtete.  
Erstes öffentliches Hervortreten der Prinzeß Royal und des Prinzen von Wales. Bei der Eröffnung der neuen Kohlen-Börse in London am 30. Oktober desselben Jahres wurden die Prinzeß Royal und der Prinz von Wales zum ersten Male öffentlich gezeigt.  
Geburt des Prinzen Artur am 1. Mai 1850. Am 1. Mai 1850 wurde der Prinz Artur geboren. Prinz Albert äußerte sich dazu: "Jetzt sind es gerade so viel Kinder, wie Tage in der Woche". Die Taufe wurde am 22. Juni in Gegenwart des Prinzen von Preußen (späteren Kaisers Wilhelm des Großen) vollzogen.  
Attentat auf die Königin Victoria. Ende Juni fand wiederum ein Attentat auf die Königin statt, wobei ein Leutnant Pate mit einem Stock nach ihr schlug.  
Aufenthalt in Schottland. August 1850. Gegen Ende August wurde mit den 4 ältesten Kindern Aufenthalt in Schottland genommen. Vorher wurde von Edinburg aus noch der Holyrood-Palast besichtigt: "Wir gingen mit den beiden Mädchen (Prinzeß Royal und Alice) und Miß Hildyard, (ihrer Gouvernante), um die alte Abteiruine zu sehen. Als wir zurückkehrten, besichtigten wir noch die Zimmer, wo Königin Mary lebte, ihr Bett, das Ankleidezimmer, in welches die Mörder eintraten, welche Rizzi töteten. Jeder Schritt voll historischer Erinnerungen".  
  Die Königin machte dieses Mal einen Aufstieg auf den 3940 Fuß hohen Ben-na-Bhourd in der Nähe von Balmoral. Am 12. September fand unter anderem eine Unterhaltung auf dem Schlosse in Braemar statt, zu welcher die Duff's und die Farquharson's erschienen. Hierbei wurden die üblichen Spiele im Freien gespielt wie Steinstoßen, Hammerwerfen, Wettrennen bergauf und anderes. Am nächsten Tage gabs einen großen Lachsfang im Flusse Dee, welchem auch die Knaben und Vicky beiwohnen durften. Etwa hundert Männer wateten im Flusse herum mit Stangen und Speeren, alle sehr aufgeregt. Zuletzt gelang ein großer Fang; dabei wäre aber zum größten Schrecken der Zuschauer beinahe ein Mann, der nicht schwimmen konnte, in einem tiefen Pfuhl ertrunken. Auch die Königin stand, wie sie in ihrem Tagebuch berichtet, eine Todesangst dabei aus.  
  Einige Tage darauf wurde gemeinsam ein Ausflug nach Loch Muick unternommen. "Der Mond ging auf", schrieb die Königin, "und warf einen Schönen Widerschein auf den See, welcher mit seinen steilen grünen Hügeln lieblich aussah. Um zur Schönheit, Poesie und Wildheit der Szene beizutragen, spielte ein Dudelsackbläser im Boot".  
Verabschiedung der Lady Lyttelton, Ober-Gouvernante der Prinzeß Royal. Januar 1851. Im Januar 1851 verließ Lady Lyttelton, welche neun Jahre lang Ober-Gouvernante der Königlichen Kinder gewesen war, den Dienst der Königin. Die Königin hing sehr an ihr und der Abschied wurde tief gefühlt. Über ihren letzten Tag im Schlosse Schreibt Sie: "Am Abend wurde nach mir geschickt, zur letzten Audienz in der Königin eigenem Zimmer und ich brach ganz zusammen und konnte kaum hören noch sprechen. Ich erinnere mich noch einiger Worte des Lobes und Dankes von ihnen Beiden, doch war mir alles nebelig; ich mußte auf der Treppe stehen bleiben und mich ausweinen, bevor ich wieder heraufgehen konnte".
Kaiserin Friedrich als Kind 1850 von Sir William Roß.
Eröffnung der Weltindustrie-Ausstellung in London Mai 1851. Ende April des Jahres 1851 kam der Prinz von Preußen mit seiner Gemahlin und seinen beiden Kindern, dem Prinzen Friedrich Wilhelm und dessen Schwester, Prinzessin Luise, nach London zu dem großen Ereignis der Eröffnung der ersten internationalen WeItindustrie-Ausstellung. Die Anregung dazu hatte der Prinzgemahl gegeben und trotz bedeutender Schwierigkeiten wurde diese nach seinen Plänen und Absichten durchgeführt. Die ganze civilisierte Welt empfand diese Ausstellung als ein großes Wunder. Die preußischen Gäste wurden von der Königin und dem Prinzen Albert auf das herzlichste empfangen und am nächsten Tage fand der Besuch der Ausstellung statt. Die Königin schrieb darüber in ihr Tagebuch: "Sie waren starr vor Staunen, der Lärm und das Gewühl waren noch größer als gestern. Die Fontänen spielten sehr schön und man hatte viele Blumen und Palmen aufgestellt, was einen ganz reizenden Eindruck machte". Und von der Eröffnungsfeier schrieb die Königin: "Es war ein Tag, welcher mein Herz anschwellen ließ mit Stolz und Dankbarkeit!" Der Ausstellungspark bot ein wundervolles Schauspiel, wie am Krönungstage. Der Prinzgemahl führte die Königin und hatte Vicky an der Hand, während die Königin den Prinzen von Wales führte. Der Anblick der Halle war zauberhaft, so groß, so ruhmreich, so ergreifend. "Man fühlte sich von Andacht ergriffen, mehr wie bei manchem Gottesdienst," sagte die Königin. Die ungeheuren Huldigungsausbrüche, die Freude in jedem Gesicht ausgedrückt, die Riesenhaftigkeit des Gebäudes, das Gemisch von Palmen, Blumen, Statuen und Fontänen machten auf alle Anwesenden einen ungeheuren Eindruck. Es war eine Szene, welche der Königin niemals aus dem Gedächtnis gekommen ist, noch viel großartiger als die Krönung. Sie nannte es den stolzesten und glücklichsten Tag ihres glücklichen Lebens, umsomehr als es hauptsächlich ein ErfoIg der Bemühungen Prinz Alberts gewesen war. Die allgemeine Begeisterung muß damals ungeheuer gewesen sein und die Kaiserin Friedrich erinnerte sich in späten Jahren noch lebhaft daran. -  
Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen lernt die zehnjährige Prinzeß Royal kennen. Auch der junge Prinz Friedrich Wilhelm empfing hier ganz großartige Eindrücke, es erschien ihm dieser mächtige und freie Staat wie eine ganz neue Welt. -
Bei dieser Gelegenheit lernte er auch zum ersten Mal die zehnjährige Prinzeß Royal kennen, welche schon damals keinen geringen Eindruck auf ihn machte. Wenn sie auch noch ein Kind war, so war sie doch für ihre Jahre ungemein vorgeschritten und ein sinnender Ernst sprach aus dem gedankenvollen Kopf, ein reiches Geistesleben verratend.
 
Aufenthalt der Königlichen Familie in Balmoral. September 1851. Auch in diesem Jahre der großen Ausstellung verbrachte der Hof den ganzen September und noch bis zum 7. Oktober in Balmoral. Wie immer, waren alle Gäste, die dort zum Besuche weilten, entzückt von dem innigen Familienleben und der großen Einfachheit des Hofes sowie von der Aufmerksamkeit der Königin und des Prinzgemahls gegen ihren Besuch.  
  Auf der Rückfahrt nach Schloß Windsor kam die Königliche Familie am 9. Oktober 1851 mit den Kindern nach Liverpool, am 10. nach Manchester. -  
Aufenthalt in Osborne Ende Mai 1852.

Geburtstagsfeier der Königin Victoria.

Die Königlichen Herrschaften hatten sich mit ihren Kindern nach Osborne begeben, um dort den Geburtstag der Königin am 25. Mai 1852 festlich zu begehen. Das innige Familienglück offenbart sich am besten bei dieser Gelegenheit in folgenden Zeilen der Königin:
"Wir verbrachten den gestrigen Tag glücklich und friedlich. Ich fühle nur, daß ich nie, auch nur zur Hälfte, dankbar genug sein kann für so viel Liebe, Ergebenheit und Glück. Mein geliebter Albert war, wenn möglich, noch gütiger und lieber als sonst, indem er mich mit Geschenken, von denen er wußte, daß ich sie mir wünschte, überschüttete. Mama war auch höchst lieb und die Kinder, besonders Vicky, taten alles, was sie mir nur an den Augen absehen konnten."
 
Aufenthalt in Balmoral Oktober 1852. Am 5. Juli ging es wieder nach Osborne und dann, nach dem Geburtstag des Prinzgemahls am 26. August, über Edinburg nach Balmoral.  
  "Bei der Ankunft war unser erster Gedanke die Besichtigung der neuen Beamten-Cottages. Balmoral steht jetzt in voller Pracht und die Leute sind froh, daß es uns ganz gehört," äußerte die Königin.  
Errichtung eines "Cairn". Im Jahre 1852 ging nämlich Balmoral ganz in den Besitz der Königin über und dieses Ereignis wurde am 11. Oktober gefeiert durch die Errichtung eines "cairn" (Gedächtnispfeilers) auf dem Gipfel des Craig Gowan, zu welchem die Königin, der Prinzgemahl und die Königlichen Kinder, je nach ihrem Alter, jedes einen Stein. beitrug. Nachher kam jede Hofdame und jeder Herr des Gefolges an die Reihe und dieser Vorgang wurde dann noch einmal wiederholt. Als der cairn dann 7 bis 8 Fuß hoch war, erstieg Prinz Albert denselben und legte den Deckstein darauf unter brausenden Hochrufen. "Es war ein lustiger, hübscher und ergreifender Anblick" bemerkte die Königin "und ich war nahe daran zu weinen. Die Aussicht war so wunderschön über die lieben Hügel, der Tag so herrlich, das Ganze so gemütlich. Möge Gott diesen Ort Segnen und uns erlauben, ihn noch manches Jahr zu sehen und uns daran zu erfreuen."  
Kleines Mißgeschick der Prinzeß Royal. Nach dem Frühstück ging Prinz Albert auf die Hirschpürsche, bei welcher die Königin und Vicky ihn begleiten durften. Ein starker Hirsch wurde geschossen, den die Königin auf ein Stückchen Papier skizzierte. Später wurde noch ein zweiter geschossen. Während dieser ebenfalls von der Kömgin skizziert wurde, setzte sich Vicky Unglücklicherweise auf ein Wespennest und wurde sehr gestochen.  
Ball bei Fackellicht in Corriemulzie. Im selben Herbst wohnte die Königliche Familie einem Fackellicht-Ball in Corriemulzie bei, bei welchem die Königin eine weiße Haube, ein Kleid von grauer Seide und einen Shawl, nach Hochländer Art über die Schultern geworfen, trug. Bei dieser Gelegenheit wurde von acht Hochländern, welche Fackeln in den Händen trugen, ein "reel" getanzt; auch einige Schwerttänze wurden ausgeführt. Die Musikbegleitung machten 7 Dudelsackpfeifer.  
Rückkehr n. Windsor 14. Oktober 1852. Am 12. Oktober verabschiedete sich die Königliche Familie von Balmoral und erreichte Schloß Windsor am 14. d. M.  
Lebensweise der Königlichen Kinder im Buckingham-Palast zu London. Auch im Buckingham-Palast, welcher nie eine Lieblingsresidenz der Königin war, fehlte es nicht an häuslichen Belustigungen. Die Königlichen Kinder, wenn auch sehr streng erzogen, hatten doch Vergnügen, Spielsachen, Spiele, Gesellschaften und Ausflüge nach interessanten Orten in Fülle. Daß die Königin auch streng sein konnte, geht aus folgender kleinen Episode hervor: Eines Tages, als die Königin in ihrem Wagen einer Parade beiwohnte, schien die Prinzeß Royal, welche auf dem Vordersitz saß, damals ein eigenwilliges Kind von dreizehn Jahren, mit einigen jungen Offizieren der Eskorte etwas zu vertraulich zu sein. Die Königin warf ihr einige tadelnde Blicke zu, ohne Erfolg, zuletzt ließ die Prinzessen nicht unabsichtlich ihr Taschentuch aus dem Wagen fallen. Sofort sprangen zwei oder drei junge Helden von ihren Pferden herunter, um es ihr wieder zu reichen, aber die Stimme der Königin gebot ihnen Halt. "Halt, meine Herren, lassen sie es nur liegen, wo es liegt. Nun, meine Tochter, steige aus und hebe Dein Taschentuch seIbst auf!" Die Prinzessin errötete über und über, warf ihren Kopf hochmütig auf und war zweifellos sehr böse.
Buckingham-Palast in London.
Feuer im Schlosse Windsor 19. März 1853. Die Königliche Familie war wegen der Osterfeiertage nach Windsor gekommen. Am 19. März 1853 Nachts 1/2 11 Uhr brach im SpeisesaaI Feuer aus, dicht bei den Räumen, welche wertvolle Möbel und Kunstwerke enthielten. Man kämpfte mit den Flammen bis Morgens 4 Uhr, erst dann wurde dem Feuer Einhalt geboten.  
Geburt des Prinzen Leopold am 7. April 1853.

Aufenthalt in Osborne. 23. April bis 27. Mai 1853.

Bald darauf, am 7. April, wurde im Buckingham-Palast zu London ein vierter Sohn geboren, der in der heiligen Taufe den Namen Leopold erhielt. Am 23. April ging die Königliche Familie nach Osborne, wo sie bis zum 27. Mai verblieb. Dann erfolgte die Rückkehr nach London. Am 4. August war große Truppenbesichtigung im Lager von Chatham, in Anwesenheit der 4 ältesten Kinder. Vom 10. August an war der Hof wieder in Osborne.  
Zweiter Besuch in Irland im Beisein der Prinzeß Royal Ende August 1853. Am 27. August, auf dem Wege nach Balmoral wurde Irland zum zweiten Mal besucht und zwar bei Gelegenheit einer Kunst- und Industrie-AusssteIIung in Dublin. Die Königliche Familie wurde mit noch größerer Begeisterung aufgenommen als vor 4 Jahren. Nach einem sehr interessanten und angenehmen Aufenthalt in Irland fand die Abreise am 3. September statt. Die Ankunft in Balmoral erfolgte dann am 6. September.  
Grundsteinlegung in Balmoral. Ende dieses Monats wurde in Gegenwart der Königin, des Prinzgemahls und der Kinder der Grundstein zu dem neuen Hause in Balmoral gelegt.  
Aufführungen der Königlichen Kinder am Hochzeitstage der Königin 10. Februar 1854. Für den Hochzeitstag der Königlichen Eltern im Schlosse Windsor am 10. Februar 1854 hatten die Kinder eine anmutige Überraschung ausgedacht. Eine Augenzeugin, die Baronin Bunsen, schrieb darüber:
"Wir folgten der Königin und dem Prinzen Albert durch eine große Anzahl von Zimmern hindurch, bis wir in eines gelangten, in dem ein roter Vorhang hing, der gerade aufgezogen wurde wegen einer Darstellung der 4 Jahreszeiten, von den Kindern zur Feier des Tages einstudiert. Zuerst erschien Prinzessin Alice als Frühling, Blumen streuend und Verse vortragend. Sie bewegte sich anmutig und sprach deutlich und mit ausgezeichneter Betonung. Dann wurde der Vorhang geschlossen, die Szene wechselte und auf der Bühne stand die Prinzeß Royal, den Sommer darstellend; Prinz Artur ruhte auf Garbenbündeln, gleichsam ermüdet von der Hitze und der Erntearbeit. Neuer Szenenwechsel; Prinz Alfred kam, den Herbst darstellend, im Pantherfell mit Weinlaub bekränzt. Endlich eine Winterlandschaft. Der Prinz von Wales trat auf mit einem Mantel, mit Eiszapfen besetzt, indem er Verse von Thomson sprach. Prinzessin Luise unterhielt daneben ein Feuer. Nun folgte die letzte Verwandlung, eine gemeinschaftliche Gruppe aller Kinder. Im Hintergrunde erschien auf einer Anhöhe Prinzeß Helene mit einem langen Schleier, ein Kreuz haltend und sprach für die Königin und den Prinzen einen Segen. Auf Befehl der Königin wurde dann der Vorhang noch einmal zurückgezogen und die ganze Königliche Familie erschien nun gemeinsam."
Kaiserin Friedrich als junge Prinzessin, Zeichnung von Winterhalter.
Lebensweise der Königlichen Familie im Schlosse Windsor. Überhaupt war das Leben im Schlosse Windsor ein recht glückliches. Spazierritte und Fahrten im großen Park, große Bankette und trauliche Mahlzeiten im engsten Kreise, Whist und Patience-Spiel bildeten eine stete Abwechslung. Im Winter freuten sich alle besonders auf die lustige Versammlung unter dem Weihnachtsbaum.  
  Am 24. Mai, dem Geburtstag der Königin, wurden die Kinder in Osborne mit einem Schweizerhaus überrascht, mit Küche, Speisekammer, Molkerei und Zimmermanns-Werkstätte, das teils zur Erholung, teils für den Unterricht in kleinen Haushaltungspflichten bestimmt war; auch war ein kleines Museum für Naturgeschichte darin. In den Gartenbeeten, welche das Haus umgaben. Sollten sich die Kinder praktisch in der Gartenkultur üben. -  
Belagerung von Sebastopol 1854. Das Jahr 1854 war ein Kriegsjahr; die Belagerung von Sebastopol brachte viele Aufregung und Regierungssorgen für die Königin und den Prinzgemahl.  
Fürsorge für die Verwundeten und Kranken. Während des Krieges wurde eine großartige Organisation von den Frauen Englands für die Pflege der Verwundeten und für die Witwen und Waisen geschaffen. Die Königin selbst, sowie die älteren Prinzessinnen beteiligten sich lebhaft an der Herstellung wollener warmer Kleidungsstücke für die Soldaten.  
Aufenthalt in Balmoral September 1854. Der Hof begab sich zum Zweck der Erholung nach Balmoral. Das Tagebuch der Königin erwähnt besonders einen Besuch in der Schottischen Kirche in der Nähe von Balmoral, wo der feine alte Norman Macleod predigte. Die Königin beschreibt seine Predigt als einfach, beredt und schön vorgetragen. "Das eine Gebet war besonders ergreifend; seine Anspielungen auf uns waren einfach und als er nach unserer Erwähnung sagte: "Segne ihre Kinder", erstickte ich beinahe vor Rührung."  
Abreise von Balmoral 11. Oktober 1854. Ankunft in Windsor 14. Oktober 1854. Am 11. Oktober fand die Abreise von Balmoral statt und am 14. d. M. erreichte die Königliche Familie Schloß Windsor  
Aufführung der Königl. Kinder am Hochzeitstag der Eltern. Zum Hochzeitstage der Eltern am 10. Februar 1855 arrangierten die Königlichen Kinder wiederum eine neue Festlichkeit und abends führten sie ein Stück auf: "Little Red Riding Hood"; nachher wurde noch ein lebendes Bild dargestellt.  
Besuch Napoleons III. bei der Kgl. Familie April 1855. Am 17. April traf Napoleon III. in England zum Besuche des Königlichen Hofes ein. Der Empfang im Schlosse zu Windsor war sehr herzlich; bei dieser Gelegenheit wurden auch die Königlichen Kinder vorgestellt. "Vicky, mit sehr aufgeregten Augen, machte sehr tiefe Verbeugungen", berichtete die Königin.  
Aufenthalt der Kgl. Familie in Osborne. 20. Mai 1855. Am nächsten Tage war große Parade unter ungeheuerer Begeisterung der Bevölkerung. Zum Geburtstag der Königin, am 20. Mai, war der Hof in Osborne anwesend. Es wurden Ausflüge zur See nach Portsmouth und nach den "Needles" unternommen; nach zehn Tagen ging es wieder nach London zurück.  
Besuch der Königl. Familie in Paris Mitte August 1855. Anfang August waren vier Kinder der Königin am Scharlach erkrankt, nur die Prinzeß Royal und der Prinz von Wales waren verschont geblieben und konnten ihre Königlichen Eltern nach Paris begleiten. Die politische Lage hatte sich vor der Ankunft des englischen Hofes in Paris erheblich aufgeklärt. Am Morgen des 18. August fuhr die Königliche Yacht "Victoria and Albert" von Osborne ab. Die Ankunft in Boulogne erfolgte um 1/2 2 Uhr, wo Kaiser Napoleon III. sie mit großem Gefolge erwartete. Die Königin, Prinz Albert, die Prinzeß Royal und der Prinz von Wales fuhren in einem Wagen, vom Kaiser zu Pferd begleitet, nach der Bahnstation.  
  Paris war höchst geschmackvoll geschmückt, auch war die Königin besonders entzückt von den reizenden Räumen des Schlosses in St. Cloud. Dann erfolgte der Besuch der Kunstausstellung in den Champs Elysées. Von der Ausstellung ging es in den Elysée-Palast, wo das diplomatische Corps vorgestellt wurde. Am 21. August wurde das Schloß in Versailles nebst den Gartenanlagen und Wasserkünsten besucht und dann noch Grand Trianon, ein Ort voller geschichtlicher Erinnerungen an die Königin Marie Antoinette, besichtigt. Der nächste Tag war zu einem zweiten Besuch der Ausstellung und zu einer Incognitofahrt durch Paris bestimmt, wozu die Königin und die Prinzeß Royal sich ganz mit Haube, Schleier und schwarzer Mantille verkleidet hatten. Am 23. August wurde das Museum im Louvre besucht, abends fand dann großer Ball im Stadthause statt. Tags darauf folgte eine Parade und ein Besuch von Napoleons Grab. Das Diner wurde in den Tuilerien eingenommen. Auf einem großen Ball im Schlosse von Versailles wurde Bismarck zum ersten Mal der Königin Victoria vorgestellt: "Er wurde mir als sehr russisch und Kreuzzeitung beschrieben", äußerte sich die Königin darüber. Beim nachfolgenden Souper waren auch die beiden Königlichen Kinder anwesend. Der Kaiser tanzte nach Beendigung desselben mit Vicky in der Salle des Glaces. Am 27. August wurde die Heimreise nach England angetreten. Prinz Albert Schrieb an Baron Stockmar: "Die Kinder benahmen sich so gut. Niemand kann unbefangener, bescheidener und freundlicher sein. Sie haben sich sehr beliebt gemacht".  
Beschreibung des neuen Schlosses Balmoral. Am 8. September 1855 kam die Königliche Familie in Balmoral an und bezog das neue Schloß, welches nahezu fertig war. "Als wir in die Halle eintraten", erzählte die Königin, "wurde ein alter Schuh hinter uns hergeworfen, als Glückszeichen". Das Schloß, aus lichtem grauem Granit gebaut, steht auf einem offenen Platz, dicht am Dee Fluß; die Hügel bilden den Hintergrund. Der Dark Lochnagar, 3800 Fuß hoch, schließt das Panorama nach Süden ab. Die Bauweise ist alter schottischer Stil, mit runden Türmchen, Dächern wie Lichthütchen und mit Treppengiebeln. Der große Turm ist der Glockenturm, hundert Fuß hoch, an dessen Fahnenstange die Königliche Standarte weht, wenn die Königin dort residiert. Im Schlosse ist Platz für 130 Personen. Die Schönheit der Umgebung dieser wahrhaft Königlichen Residenz ist über alles Lob erhaben. Der Dee ist in der unmittelbarsten Nähe des Schlosses von großen Bäumen eingefaßt, unter denen ein Fußweg läuft; das Haus ist so nahe am Fluß, daß, wenn die Fenster offen sind, man das Rauschen des Wassers hören kann. Wenn man aus den Fenstern des Wohnzimmers heraussieht, dann wandert das Auge über Blumenbeete und Terrassen über den Fluß hinüber zu den jenseitigen Wäldern.
Schloß Balmoral in Schottland.
 

*) Anm. d. Verfassers. Unter Benutzung der Tagebücher der Königin Victoria und des "Leben des Prinzgemahls Albert" von Sir Theodore Martin.

 

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