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Gustav Leinhaas

Kapitel III. Verlobung und Hochzeit.*)

Prinz Friedrich Wilhelm wirbt um die Hand der Prinzeß Royal. Am 14. September 1855 kam Prinz Friedrich Wilhelm in Balmoral an, dieses Mal in der bestimmten Absicht, um die Hand der Prinzeß Royal von Großbritannien und Irland anzuhalten. Vierzehn Tage blieb der Prinz. Er gefiel dem Prinzen Albert sehr gut, welcher darüber schrieb: "Seine vortretenden Eigenschaften sind Aufrichtigkeit, Freimut und Ehrlichkeit. Er scheint frei von Vorurteil und mit guten Absichten. Der Prinz ist verliebt und die kleine Dame tut ihr Bestes, um ihm zu gefallen. Die Heirat soll nach dem 17. Geburtstag stattfinden".
Kaiserin Friedrich als junge Prinzessin 1855.
Heimliche Verlobung mit Zustimmung der Kgl. Eltern. Prinz Albert erzählt die Geschichte der Verlobung wie folgt:
"Prinz Friedrich Wilhelm verließ uns gestern. Vicky hat sich ganz bewundernswert benommen, bei der genauen Auseinandersetzung am Sonnabend ebenso, wie auch nach derselben und bei der Abreise, wo sie große Selbstbeherrschung zeigte. Sie offenbarte gegen Fritz und uns die kindlichste Einfachheit und Sanftmut und das beste Gefühl. Die jungen Leute lieben einander heiß und die Reinheit, Unschuld und Selbstlosigkeit des jungen Mannes sind gleichfalls rührend. Ein Übermaß von Tränen wurde vergossen. Während tiefe, sichtbare Umwälzungen in der leicht bewegten Natur der beiden jungen Leute und der Mutter vor sich gingen, von denen sie mächtig erregt waren, war mein Gefühl mehr das einer freudigen Genugtuung und Dankbarkeit gegen Gott, daß er auf unseren Lebensweg so vieles Edle und Gute brachte".
 
Prinz Albert gibt der Prinzeß Royal Unterricht. Mitte Oktober 1855 schreibt Prinz Albert aus Schloß Windsor:
"Ich gebe Vicky jeden Abend eine Stunde Konversation, wobei Geschichte unser Hauptthema ist. Sie weiß sehr viel. Ihr Verstand arbeitet schnell und durchaus richtig in seinen Folgerungen".
 
  Die Königin schreibt in ihr Tagebuch am 29. September 1855:
"Unsere liebe Victoria wurde heute dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen verlobt, der bei uns in Balmoral seit dem 14. September zu Besuch war. Er hatte uns schon am 20. September seinen Wunsch mitgeteilt; aber wir waren wegen ihrer großen Jugend unentschieden, ob er mit ihr sprechen, ober ob er damit warten solle, bis er wieder zurückkommen würde. Indessen, wir fühlten, es wäre besser, wenn er es doch tun würde; und heute nachmittag während unseres Rittes nach Craig-na-Ban pflückte er ein Stück weißes Heidekraut (das Zeichen guten Glücks) und gab es ihr; dabei nahm er Veranlassung - sie ritten eben Glen Girnoch herunter - eine Anspielung auf seine Hoffnungen und Wünsche zu machen, die dann zu diesem glücklichen Schritt führte".
 
  Die Prinzessin Victoria war aber noch nicht 15 Jahre alt, und daher sollte mit der öffentlichen Verlobung bis nach der Einsegnung gewartet werden.  
  Während nun der junge prinzliche Bräutigam sich ernsthaft für seinen späteren verantwortungsvollen Beruf vorbereitete, indem er an den Sitzungen der Ministerien teilnahm und sich auch um die höhere Verwaltung kümmerte, war auch seine Verlobte, die Prinzeß Royal, eifrig beschäftigte, ihr Wissen zu bereichern. Prinz Albert schrieb hierüber an den Prinzen Friedrich Wilhelm am 6. November 1855:
"Vicky ist auch, aber in anderer Weise, sehr beschäftigt, sie hat viel und vielerlei gelernt. Sie kommt jetzt jeden Abend von 6 bis 7 Uhr zu mir, wo ich dann eine Art Generalverhör mit ihr vornehme. Und um ihren Gedanken Exaktheit zu geben, lasse ich sie gewisse Aufgaben selbst ausarbeiten und mir das Resultat zur Durchsicht bringen. Sie ist jetzt damit beschäftigt, eine kurze Übersicht der römischen Geschichte zu schreiben".
 
Konfirmation der Prinzeß Royal. 20. März 1856. Am 20. März 1856 fand die Konfirmationsfeier der Prinzeß Royal in der Privatkapelle des Schlosses Windsor statt. Die Prinzessin wurde von ihrem Vater hereingeführt, gefolgt von ihren Paten, dem König der Belgier und der Königin. Die Königlichen Kinder und die meisten Mitglieder der Königlichen Familie waren anwesend, ebenso die Minister, die hohen Staatsbeamten und der Adel. Der Bischof von Oxford (Wilberforce) las die Liturgie und der Erzbischof von Canterbury vollzog die Zeremonie. "Die Vorprüfung durch Wellesley (Dekan von Windsor) am Mittwoch nachmittag war sehr zufriedenstellend und Vicky antwortete sehr gut und intelligent," schrieb die Königin. Am 21. März wurde das Abendmahl von Vicky gemeinsam mit ihren Eltern genommen. -
Kaiserin Friedrich als Princeß Royal 1855. Von Winterhalter.
Besuch des Prinzen Fr. Wilhelm in Osborne.21. Mai 1856. Prinz Friedrich Wilhelm war in diesem Jahr zweimal in England. Am 21. Mai kam er in Osborne an. Prinz Albert schrieb hierüber: "Er sieht wohl und heiter aus und ist sehr glücklich, mit seiner Braut wieder vereint zu sein".  
  Und die Königin Victoria schrieb an den König der Belgier am 3. Juni 1856:
"Während Fritz Wilhelm hier ist, ist jeder freie Augenblick, den Vicky hat (und den ich habe, denn ich muß das Liebespaar chaperonieren, was viel von meiner kostbaren Zeit wegnimmt), ihrem Bräutigam gewidmet, der so in sie verliebt ist, daß er, selbst wenn er mit ihr spazieren fährt oder geht, nicht befriedigt ist und meint, er habe sie nicht gesprochen, wenn er sie nicht auf eine Stunde für sich haben kann, wobei ich natürlich verpflichtet bin, sie zu chaperonieren".
 
Lebensgefährlicher UnfaIl der Prinzeß Royal. 24. Juni 1856. Am 24. Juni 1856 ereignete sich im Buckingham-Palast in London ein Unfall, der für die Prinzeß Royal leicht hätte verhängnisvoll werden können, der aber, Gott sei Dank, glücklich vorübergegangen ist. "Vicky siegelte einen Brief an ihrem Tisch und stand plötzlich in Flammen, da ihr Ärmel an der Kerze Feuer gefangen hatte. Miß Hildyard saß glücklicherweise am selben Tisch und auch Mrs. Anderson war im Zimmer und gab Alice Musikstunde sie sprangen sofort zu ihrem Beistand auf und löschten die Flammen mit Herdlumpen. Nichtsdestoweniger war ihr rechter Arm ernstlich verbrannt vom Ellbogen bis zur Schulter. Das arme Kind zeigte sehr große Selbstbeherrschung, Geistesgegenwart und großen Mut bei solchen Schmerzen. Sie ist ganz fröhlich, ihr Appetit ist gut und sie sieht gut aus. Natürlich waren wir sehr aufgeregt und der arme Bräutigam ganz außer sich, als er davon hörte. Es ereignete sich gestern nachmittag um 4 Uhr. Wenn die Hilfe nicht so nahe gewesen wäre und nicht alle Anwesenden solche Geistesgegenwart gezeigt hätten, dann würde der Vorfall wohl ein tragisches Ende genommen haben".  
  Baron Stockmar schrieb darüber an den Prinzgemahl:
"Das ist ein schreckliches Jahr, in welchem mich Schlag auf Schlag trifft. Mit Gefühlen der tiefsten Zuneigung habe ich an diesem Kinde Jahre lang gehangen. Gott wird Gnade haben - ich bin ganz niedergeschmettert." Am 1. August konnte der Prinz in sein Tagebuch schreiben: "Vicky s Arm ist nun ganz geheilt."
 
Zweiter Besuch des Prinzen Fr. Wilhelm im November 1856. Erst am 27. Juni reiste Prinz Friedrich Wilhelm wieder von London ab. Im November 1856 fuhr er zum zweiten Mal nach England zu seiner geliebten Braut, wo er wiederum einen Monat verweilte.  
Besuch des Prinzen und der Prinzessin von Preußen am Engl. Königshof. 10. bis 28. Aug. 1856. Vom 10. bis 28. August 1856 machten der Prinz und die Prinzessin von Preußen einen Besuch bei der Englischen Königsfamilie, welcher dazu beitrug, die Beziehungen enger zu knüpfen.  
Aufenthalt in Osborne. 18. bis 29. Aug. 1856. Am 18. ging es nach den Paraden in Woolwich und Aldershot nach Osborne, wo alle bis zum 29. August zusammen blieben.  
Aufenthalt in Balmoral. Ende August und September 1856. Am 30. August traf die Königin mit ihrer Familie in Balmoral ein. Alles war angenehm überrascht, den Turm und die Verwaltungsgebäude fertig zu sehen. Auch war das alte Haus nunmehr verschwunden  
  Am 13. Oktober 1856 schreibt die Königin: "Jedes Jahr hängt mein Herz fester an diesem teueren Paradies und das jetzt umsomehr, da alles meines lieben Albert's eigene Schöpfung, eigenes Werk, eigenes Bauwerk, eigenes Ausschmücken ebenso wie in Osborne geworden ist; aus allem spricht sein feiner Geschmack und der Stempel seiner lieben Hand ist überall ausgedrückt.  
Amtliche Verkündigung der Verlobung des Prinzen Friedr. Wilhelm mit der Prinzeß Royal. 16. Mai 1857. Erst am 16. Mai 1857 wurde die Verlobung des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit der Prinzeß Royal von Großbritannien und Irland amtlich in Preußen und England verkündet. Dem englischen Parlament wurde eine Botschaft der Königin unterbreitet, in welcher für die Prinzessin eine Mitgift gefordert wurde.  
Eindruck der Verlobung in England. In England wurde die Nachricht von einem Bündnis zwischen der Prinzeß Royal und dem Hohenzollernprinzen zunächst nicht überall günstig aufgenommen. Einige englische Blätter schrieben, es sei zwar eine gute Partie für einen Preußischen Prinzen, aber der Preußische Thron könne doch einmal wanken und umstürzen und dann würde die reizende Prinzeß Royal mit verweinten Augen wieder in das Haus ihrer Mutter zurückkehren. Auch die russenfreundliche Haltung Preußens im Krimkriege hatte die Engländer verdrossen
Kaiserin Friedrich als junge Prinzessin im Ballkleid. Gemalt von Winterhalter 1856. Im Besitz I.K.H. der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Frankfurt a.M.
 

Eindruck der Verlobung auf die öffentliche Meinung in Deutschland.

Kurzum, als es sich darum handelte, eine lebenslängliche Apanage von 30000 Pfund für die Prinzeß Royal zu bewilligen, da wurden im Parlament viele Einreden gemacht. Erst das persönliche Erscheinen des Prinzen Friedrich Wilhelm in der ersten Gesellschaft Londons besiegte alle Vorurteile und allen Widerspruch. Alle Freunde freiheitlicher und fortschrittlicher Entwicklung in Deutschland dagegen waren hocherfreut über diesen Herzensbund, denn man versprach sich von dieser Verbindung, daß später einmal die freien Einrichtungen Englands die Staatlichen Verhältnisse Preußens günstig beeinflussen würden.
Napoleon weilt in Osborne Mitte August 1857. Mitte August weilte Kaiser Napoleon kurze Zeit in Osborne.  
Eröffnung einer Brücke in Balmoral. Das Hauptereignis in Balmoral war in diesem Jahr die Eröffnung einer neuen Brücke über den Linn of Dee. Ein Triumphbogen war nahe der Stelle errichtet worden, wo die Königin von Lord und Lady Fife empfangen wurde. Die Dudelsackpfeifer spielten lustig und der Weg war eingefaßt von Duff-Leuten. Nachdem die Brücke als offen erklärt worden war, wurde Whisky herumgereicht und jeder trank Glück auf den neuen Bau.  
Besuch des Prinzen Fr. Wilhelm bei seiner Braut. Juni 1857. In diesem Jahre kam der Prinz auch zweimal nach England, seine Braut zu besuchen. Bei seinem ersten Besuch im Juni wurde ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt London verliehen, denn schon damals hatte er bei seinem öffentlichen Auftreten überall den allerbesten Eindruck gemacht.  
  Im November kam er zum zweiten Mal, um am Geburtstage der Prinzessin Victoria, seiner Braut, anwesend zu sein.  
Vorbereitungen zur Hochzeit. Am 12. Januar 1858 schreibt Königin Victoria an den König der Belgier. "Es ist eine Zeit großer Tätigkeit und Aufregung. Ich fühle, daß es entsetzlich ist, sein liebes Kind fortzugeben, und ich fürchte mich sehr vor der kommenden Zeit und vor der Abreise. Aber es freut mich, Vicky wieder ganz wohl zu sehen, und unberufen, sie ist ihre Erkältung los und ganz munter. Aber seit Januar 1857 hat sie eine Aufregung und einen Abschied nach dem andern gehabt, was für jeden sehr ergreifend ist, am meisten aber für ein junges Mädchen mit so starken Empfindungen. Sie hat sich in der Beherrschung geübt und ist so klug (ja, ich kann sagen auffallend klug) und so verständig, daß wir alles mit ihr besprechen können und daher werden wir sie ungemein vermissen  
  Heute kommt ihr Hofstaat auf Besuch hierher und das ist gut, da sie so Alle kennen lernt. Die Zuneigung für sie und die Anhänglichkeit, die das ganze Land bei diesem Anlaß zeigt, ist höchst erfreulich und da sie noch ein sehr junges Mädchen ist, für unsere Gefühle ganz beglückend. Das Volk betrachtet sie als "Englands Tochter" und jeder tut als ob er sein eigenes Kind verheirate."  
Hochzeit der Prinzeß Royal. 25. Januar 1858. Das große Ereignis dieses Jahres war die Hochzeit der Prinzeß Royal am 25. Januar 1858. Viele Fürstlichkeiten hatten sich zu dem Hochzeitsfeste eingefunden und hatten zahlreiche und kostbare Geschenke mitgebracht. Die Gabe der Königin und des Prinz-Gemahls bestand aus drei schönen Kandelabern, das Geschenk des Bräutigams an die Braut aus einer prächtigen Halskette aus großen Perlen. Am Tage vor der Hochzeit gab die Prinzessin ihrer Mutter eine Brosche mit ihrem Haar und nachdem sie die Königin in ihre Arme, geschlossen hatte, sagte sie: "Ich hoffe, daß ich wert bin, Dein Kind zu sein".  
Die Trauung der Prinzeß Royal mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen. Die Königin Victoria beschrieb die Vorgänge bei der Hochzeit mit folgenden Worten:
"Im Augenblick, als der Hochzeitszug den Palast verließ, um sich nach der Kapelle zu begeben, schien die Sonne hell. Albert und Onkel (König Leopold von Belgien), in Feldmarschalluniform mit Marschallstäben, und die beiden ältesten Knaben gingen zuerst, dann die drei Mädchen in rosa Seide mit Spitzen besetzt, Alice mit einem Kranz und die beiden andern mit Sträußen von Kornblumen und Margueriten in ihrem Haar. Dann folgten die vier Knaben in Hochland-Anzügen. Die Halle voller Menschen, das Schmettern der Trompeten und das Hochrufen von Tausenden ließ mein Herz sinken. Vicky saß mir im Wagen gegenüber. Im St. James-Palast führte ich sie in ein hübsch geschmücktes Ankleidezimmer, wo Onkel, Albert und die 8 Brautjungfern waren, welche, in weißem Tüll mit Kränzen und Sträußen von weißen Rosen und weißem Heidekraut, ganz reizend aussahen. Alle fremden Fürstlichkeiten, Prinz Wilhelm (spätere Kaiser Wilhelm I.) und Prinz Albrecht von Preußen waren schon in der Kapelle. Dann wurde der Hochzeitszug geordnet. Mama (die Herzogin von Kent) vor mir, ich mit meinen zwei kleinen Söhnen an jeder Seite, und die drei Mädchen dahinter, dann Lord Palmerston mit dem Staatsschwert, zuletzt Bertie und Alfred. Die Wirkung war sehr feierlich und eindrucksvoll, die Kapelle sah sehr imposant aus, der Erzbischof am Altar, und auf jeder Seite die Königlichen Gäste Die Trommeln und Trompeten spielten Märsche und die Orgel spielte, als der Zug Sich näherte und eintrat. Fritz, der Bräutigam, der am heutigen Tage Generalmajor geworden war, sah blaß und sehr aufgeregt aus, aber er benahm sich mit der größten Selbstbeherrschung, sich vor uns verbeugend und dann sehr andächtig niederknieend. Dann kam der Zug der Braut und unsere herzige Blume sah sehr rührend und lieblich aus, mit einem so unschuldigen, vertrauensvollen und ernsten Ausdruck. Sie ging zwischen ihrem geliebten Vater und dem Onkel Leopold."
Trauung des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit der Prinzeß Royal von England. E. Hofang.
  "Es war schön, sie mit Fritz knien zu sehen, ihre Hände verschlungen und ihre Schleppe von 8 jungen Damen, welche wie eine Wolke um sie schwebten, als sie bei ihr knieten, getragen. Die Musik war sehr schön, der Erzbischof sehr nervös; Fritz sprach sehr einfach, Vicky ebenso."
Kaiserin Friedrich als Braut.
  Er sprach mit fester Stimme:
"Ich, Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl, nehme Dich, Viktoria Adelheid Marie Louise, zu meinem angetrauten Weibe, Dich zu bestzen und zu halten von diesem Tage an, in Glück und Unglück, in Reichtum und Armut, in Krankheit und Gesundheit, Dich zu lieben und wertzuhalten, bis der Tod uns scheidet nach Gottes heiliger Fügung, und darauf verpfände ich Dir mein treues Wort".
  Hierauf wurden die Ringe gewechselt und der Segen über dem neu vermählten Paar gesprochen.  
  Als die Zeremonie vorbei war, fand die allgemeine Beglückwünschung statt. Dann verließ das Brautpaar die Kapelle unter den Klängen des Hochzeitsmarsches von Mendelssohn. Wir gingen dann alle nach dem Thronsaal, wo das Protokoll unterzeichnet wurde".  
  Unter ungeheurem Jubel des Volkes fand dann die Rückkehr nach dem Buckingham-Palast statt.  
  Die kurzen Flitterwochen wurden im Schloß zu Windsor verbracht und dann verließ das junge Paar England, um sich nach der neuen Heimat zu begeben.  
Abreise der Prinzessin Victoria nach ihrer neuen Heimat. Die Abreise der Prinzessin war ein schrecklicher Moment für die Königin. "Ich wurde ordentlich krank, hatte wirkliches Herzweh, wenn ich daran dachte, daß unser liebstes Kind fort wäre und für so lange Zeit - alles wäre dann vorbei!"  
  Königin Victoria schrieb an den König der Belgier: "In den Zeitungen war die Rede von der herzgewinnenden Art und dem bewundernswerten Auftreten der Prinzeß Royal bei der Hochzeit. Aber die Trennung war entsetzlich und das arme Kind war ganz trostlos, besonders, als es von ihrem teuersten, geliebtesten Papa Abschied nahm, den sie vergöttert. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr wir sie vermissen, und da ich seit dreizehn Jahren nie länger als vierzehn Tage von ihr getrennt war, bin ich in beständiger Unruhe und Ungeduld, alles und jedes zu erfahren. Es ist eine große Prüfung für eine Mutter, die mit solcher Sorgfalt Tag für Tag über ihr Kind gewacht hat, es weit von sich zu wissen - auf sich selbst angewiesen! Aber ich setze das größte Vertrauen in ihren gesunden Menschenverstand, ihren klugen Kopf, ihr gutes Herz, in Fritzens vortrefflichen Charakter und seine Zuneigung zu ihr".  
  Wir entnehmen dem kleinen Werk "Friedrich III. als Kronprinz und Kaiser" von Rennell Rodd (jetziger englischer Botschafter in Rom) folgende Beschreibung des Empfanges und der ersten Jahre des jungen Raares in der neuen Heimat der Prinzessin:  
Ankunft in Preußen Anfang Februar 1858. "Die Reise des jungen Paares nach der Heimat war ein ununterbrochener Triumphzug. In Herbesthal, wo die deutsche Grenze überschritten wurde, erwartete sie Graf Redern und bewillkommnete sie im Namen des Königs. Über Aachen ging es nach Köln, wo übernachtet wurde. In Hannover statteten sie dem König einen kurzen Besuch ab."  
  Lady Paget, die Hofdame der jungen Prinzessin Victoria, be richtet darüber: "In Hannover kam es bei einem großen Hofbankett zu einem kleinen Mißklang. Der Empfang war prächtig, aber die lange Tafel ächzte unter dem Gewicht jenes berühmten großen goldenen Services, das so lange der Gegenstand eines hitzigen Rechtsstreites zwischen der Königin Victoria und dem König von Hannover gewesen war. Die englischen Gerichte hatten das Goldservice dem hannoverschen König zugesprochen, und dieses Streitobjekt war das erste, was die Tochter zu sehen bekam. Die Prinzessin erkannte es sofort und war sehr verletzt, aber sie blieb, wie auf der ganzen Reise, freundlich, lieb und gütig".  
Glänzender Empfang in Potsdam.6. Februar 1858. Magdeburg war das zweite Nachtquartier, überall wurden sie von Deputationen empfangen, Triumphbogen und Illuminationen legten von der Begeisterung und Loyalität der Bevölkerung Zeugnis ab. Ein glänzender Empfang wurde ihnen in Potsdam bereitet, wo sie den 6. Februar ankamen.  
  Lady Paget erzählt weiter: "Kurz vor der Ankunft in Potsdam bestieg der alte Feldmarschall Wrangel den Zug, um das hohe Paar zu begrüßen. Nachdem er das getan hatte, wurde er aufgefordert, Platz zu nehmen; und mit einem energischen Plumps setzte er sich mitten in eine leckere Apfeltorte, die man der Prinzessin in Wittenberg überreicht und die die Prinzessin neben sich auf den Sitz gelegt hatte. Nun hing die leckere Torte hartnäckig an ihrem neuen Platze und vor Lachen fast schreiend mühte sich die Prinzessin ab, mit Hilfe von Taschentüchern und Servietten den alten Helden dieser süßen Umarmung zu entreißen".  
Feierlicher Einzug in Berlin 8. Februar 1858. Rennell Rodd schreibt weiter:.
"Den folgenden Tag - ein Sonntag - widmeten sie sich der Ruhe nach der anstrengenden Reise. Montag, den 8. Februar, fand der feierliche Einzug in Berlin statt. Die vier Meilen von Potsdam wurden zu Wagen zurückgelegt. Im Schloß Bellevue, im Tiergarten, eine Viertelmeile vom Brandenburgertor, erwartete sie der König und begrüßte seinen Neffen und seine neue Nichte. Nach einer kurzen Pause ordnete sich der Zug wieder und unter Glockengeläute und Kanonendonner näherte sich die Staatskarosse, von 8 Pferden gezogen, dem Brandenburger Tor. Hier begrüßte der greise Feldmarschall Graf Wrangel das Königliche Paar namens der Garnison. Je eine Abteilung der Gardes-du-Korps ritt vor und hinter dem Wagen, das alte Regiment des Prinzen, die Garde-Dragoner, schlossen den Zug. Vierzig Vorreiter und Deputationen der verschiedenen Innungen ritten voran, und so ging es durch eine tausendköpfige Menge von Zuschauern die Linden herunter, durch einen Wald von englischen und preußischen Fahnen, bis zum alten Schloß, an dessen östlichem Ende Prinz Wilhelm von Preußen sie am Fuß der großen Terrasse erwartete. Nach Erledigung der üblichen Vorstellungen erschienen der Prinz und die Prinzessin auf dem Balkon, zeigten sich der jubelnden Menge und sahen den Vorbeimarsch der Innungen an. Abends machten sie eine Rundfahrt durch die Stadt. Kein Fenster war dunkel geblieben und kein noch so ärmliches Häuschen war zu sehen, das nicht irgend einen Schmuck angelegt hätte, um den Freudentag würdig zu begehen. Es war noch herber Winter in diesem nordischen Klima, aber der Empfang war warm und festlich."
Einzug der Kaiserin Friedrich als neuvermählte Prinzessin in Berlin 1857.
  Die Prinzessin Hohenlohe schrieb am 17. Februar 1858 an die Königin Victoria: "Der Enthusiasmus und das Interesse, welches man ihr zeigt, übersteigt alle Vorstellungen. Noch nie ist eine Prinzessin hierzulande so empfangen worden, wie sie". Prinz Fried rich Wilhelm telegraphierte an den Prinzgemahl, seinen Schwiegervater:  
  "Die ganze Königliche Familie ist entzückt von meiner Frau". Der Schluß eines Briefes, den der Prinzgemahl an seine Tochter Vicky am 11. Februar 1858 schrieb, lautet: "Du bist nun in Deiner neuen Heimat; wenn es Dir gelungen ist, durch Freundlichkeit, Einfachheit und Höflichkeit die Herzen zu gewinnen, so lag wohl das Geheimnis darin, daß Du nicht an Dich selbst dachtest. Halte diese geheimnisvolle Macht fest, sie ist ein göttlicher Funke".  
 

*) Anm. des Verfassers. Unter Benutzung der Tagebücher der Königin Victoria und des "Leben des Prinzgemahls Albert" von Sir Theodore Martin.

 

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