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Gustav Leinhaas

Kapitel VI. Charakterbild Kaiser Friedrichs.*

 

Gustav Freytags Kritik d. Kronprinzen Friedrich Wilhelm.

Wenn man die Absicht hat, ein getreues Charakter- und Lebensbild der Kaiserin Friedrich zu schreiben, so kann man in keinem Falle umhin, auch ein solches ihres Hohen Gemahls, des Kaisers Friedrich, wenn auch nur andeutungsweise, hinzuzufügen. Denn bei dem innigen Familienleben, welches in der Kronprinzlichen Familie herrschte, genügt die Charakteristik der Kronprinzessin Victoria allein noch nicht, alle Vorkommnisse des Zusammenlebens sowie alle Ergebnisse des Zusammenwirkens des Kronprinzenpaares genügend zu verstehen und zu begreifen. Ich folge bei dieser Aufgabe, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm zu charakterisieren, dem Urteil Gustav Freytags, der lange Jahre dem Kronprinzen als Freund nahestand. Man hat indessen einen gewaltigen Unterschied zu machen zwischen dem Gustav Freytag zu Lebzeiten Kaiser Friedrichs und dem Gustav Freytag nach dem Heimgang desselben, was ganz ausdrücklich bemerkt werden muß wegen der großen Bedeutung, welche dem Urteil Gustav Freytags über das Kaiserpaar Friedrich von seinen Zeitgenossen beigelegt wurde.**)
**) Man vergleiche hiermit den Aufsatz: Kaiserin Friedrich im Lichte der Wahrheit. Von Professor G. A. Leinhaas im Märzheft 1913 der Zeitschrift "Nord und Süd".
Kaiser Friedrich als Kronprinz. Nach dem Gemälde von Angeli. Im Besitz I.K.H. der Prinzessin Victoria von Schaumburg-Lippe. Bonn.
Charakter des Kronprinzen. Lassen wir also Gustav Freytag reden, als er noch "ehrlich und mit einem Herzen voll Pietät und treu an dem Geschlechte der Hohenzollern hing und Toten und Lebenden für manchen Huldbeweis sich verpflichtet fühlte", wie er sich einst äußerte. Gustav Freytag sagte damals vom Kronprinzen: "Lauterkeit der Seele und Herzensfreundlichkeit sowie Milde waren ihm immer eigen. Er war ein offener, redlicher Mann von lauterem Sinn und warmem Gemüt, mit einem Herzen voll Menschenliebe, mit der Fähigkeit, sich über alles Gute und Große innig zu freuen. Er war so menschenfreundlich und gegenüber einem Leidenden so voll von Empfindung, daß auch die zahllosen bitteren Erfahrungen, welche die Großen der Erde über den Unwert der Hilfesuchenden machen, ihm nicht den Anteil an dem einzelnen Fall beeinträchtigten. Gegen solche, welche er persönlich näher kannte, war er von der zartesten Aufmerksamkeit, er fühlte alles Widerwärtige, das sie traf, als treuer Freund in inniger Teilnahme mit. Er war im Grund seiner Seele weich und leicht erregt, ein Mensch von seltener Reinheit und Innigkeit.  
Religiosität. Er war ein warmer Protestant, in allen religiösen Fragen von einziger Duldsamkeit und zu seinen stärksten Abneigungen gehörte die gegen engherzige Pfaffen.  
Freiere Auffassung in staatlichen Dingen. In der Staatsverwaltung widerstrebte ihm Polizeiherrschaft und Bevormundung, den Gemeinden wünschte er ausgedehntes Selbstregiment, jeder ehrlichen Tätigkeit die freieste Bewegung".  
Verfassungstreue. Wie ernst es dem Kronprinzen mit der Verfassung war, beweist seine Äußerung:
"Unser Hauptgedanke ist, wie man nach erkämpftem Frieden den freisinnigen Ausbau Deutschlands weiterführe, und ich werde der erste Fürst sein, der, den verfassungsmäßigen Einrichtungen ohne allen Rückhalt ehrlich zugetan, vor sein Volk zu treten hat".
 
  An anderer Stelle sagt Gustav Freytag vom Kronprinzen:
"Er macht die Menschen von Herzen froh durch eine ganz einzige Verbindung von vornehmer Artigkeit und treuherzigem Wesen und er wirkt allerdings als ein Eroberer".
 
Zauber seiner Persönlichkeit.

Eindruck seines Wesens auf andere Nationen.

Ludwig Ziemssen sagt in seinem Lebensbild Kaiser Friedrichs mit Recht, als er von dessen Besuchen in Norwegen, Schweden und Dänemark spricht:
"Überall gewann er durch den Zauber seiner Persönlichkeit, den Ruhm und Glanz seines Namens, verbunden mit der ihm eigenen heiteren Schlichtheit in Wesen und Rede die Herzen der Bewohner jener Länder, tilgte in der öffentlichen Meinung, welche traditionell französischem Wesen und französischen Interessen zugewendet war, die seit dem Kriege von 1870 gesteigerte Abneigung gegen Deutschland usw. - Ob der Kronprinz nach Italien, nach Spanien, nach Rußland, nach Österreich, nach Skandinavien kam, überall jauchzten ihm die fremden Völker jubelnd entgegen!"
 
 

Seine Abneigung gegen die Greuel des Krieges.

Freytag erzählt uns auch, was der Kronprinz am Abend der Schlacht von Wörth äußerte, was so ganz zum geschilderten Charakterbilde des Hohen Herrn paßte.
"Ich verabscheue dies Gemetzel, ich habe nie nach Kriegsehren gestrebt, ohne Neid hätte ich solchen Ruhm jedem Anderen überlassen und es wird gerade mein Schicksal, aus einem Krieg in den andern, von einem Schlachtfeld in das andere geführt zu werden und im Menschenblut zu waten, bevor ich den Thron meiner Väter besteige; das ist ein hartes Los".
 
Seine Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit in drangvollen Augenblicken. Die Erzählungen aller Nächstbeteiligten bezeugen, wie sehr sich der Kronprinz den gefährlichen und drangvollen Momenten, die tatsächlich an ihn herangetreten sind, gewachsen gezeigt hat.  
Feuertaufe des Kronprinzen. Schon während des harten Winterfeldzuges 1864 kam er bei einem Vorpostengefecht vor Düppel zum ersten Mal ins Feuer.  
  "Immer teilte er alles Ungemach der Truppen; er war beständig mitten unter ihnen und seine allbekannte Erscheinung im langen Militärpaletot, die kurze Pfeife im Munde, erregte stets die größte Begeisterung", schreibt Rennell Rodd.  
Seine schnelle Entschlußfähigkeit.

Feldherreneigenschaften.

Hans Delbrück bekundet: "Ich darf erinnern an die Scene aus der Schlacht bei Wörth, wie der Kronprinz die Bayern ins Gefecht schickte. Das war nicht der Generalstabschef, das konnte auch kein Generalstabschef. Das konnte nur der Feldherr selbst Gewiß war es mit dem Rat des Generalstabschefs, daß, als das Oberkommando um 1 Uhr auf dem Schlachtfeld erschien, das unabsichtlich eingeleitete Gefecht als Schlacht durchgefochten wurde. Aber der Entschluß und die Haltung, die er dabei bewahrte, und die Wirkung, die von dieser Haltung auf die ganze Armee ausstrahlte, war nicht "fürstliche Schaustellung", sondern eine wirkliche und echte, ruhmwürdige, kriegerische Tat des Kronprinzen selbst".  
  Und an anderer Stelle schreibt Delbrück von den großen Gefahren, von denen ein Feldherr im Kriege täglich umgeben ist, und was es heißt, dabei Ruhe und Sicherheit zu bewahren.  
  General Sir Beauchamp Walker, englischer MiIitär-Attaché während der Feldzüge von 1866 und 1870, schrieb: "Was den Kronprinzen hauptsächlich kennzeichnete, das war sein kaltes Blut in Augenblicken der Gefahr; es mochte kommen, was da wollte, er und Blumenthal behielten klaren Kopf. In der Schlacht war seine Ruhe unerschütterlich; im Glück blieb er stets menschlich".  
Macht des Kronprinzen über die Herzen seiner Soldaten. Und welche Bedeutung hatte die Persönlichkeit des Kronprinzen für das Zusammengehen mit den Süddeutschen! So ergreift es uns, wie der prächtige alte Kriegsmann, der schon unter Napoleon gefochten, der General von Hartmann, als der Kronprinz die ersten eisernen Kreuze an die Bayern verteilte, mit Tränen in die Worte ausbrach: "für einen solchen Herrn läßt man sich gern totschießen".  
Seine Selbstlosigkeit und Einfachheit. Rennell Rodd schreibt: "Wenig große Heerführer können auf eine so ununterbrochene Kette von Siegen zurückblicken und keiner hat in so hohem Maße die allerunentbehrlichste Eigenschaft des siegreichen Feldherrn besessen, die Macht über die Herzen und das Vertrauen seiner Untergebenen. Er gab seinen Soldaten ein seltenes und großes Beispiel von Einfachheit und Selbstlosigkeit. Nie ließ er Luxus bei sich zu, und selbst das Notwendige verschmähte er, wenn er wußte, daß die Soldaten darben mußten. Stets dachte er an andere, nie an sich".  
Feldbrief eines bayerischen Offiziers mit einer Charakteristik des Kronprinzen. In dem Feldbriefe eines bayerischen Offiziers fand sich folgende Stelle: "Neben dem König hatte der Kronprinz vollen Teil an der Liebe und Begeisterung des Heeres. Ihm war es vergönnt, mit einer Armee, welche fast alle süddeutschen Truppen einschloß, die ersten Siege zu erkämpfen und noch bei Sedan die Entscheidung herbeizuführen. In der schwierigen Stellung als Befehlshaber eines zum großen Teil nichtpreußischen Heeres hat er eine vortreffliche Art bewährt, die verschiedenen Elemente zu verbrüdern. Er hat seine Süddeutschen keineswegs mit besonderer Huld bedacht, als ob er um ihre Zuneigung werbe, im Gegenteil, er hat ihnen zugemutet, was sie irgend leisten konnten und hat den Befehlshabern ein ernstes Feldherrn-Urteil nicht erspart. Aber gerade durch die gemessene Haltung und Gerechtigkeit gewann er zuerst das vollste Zutrauen; daß er überall zum Siege führte, steigerte die Wärme; die herzvolle und ehrliche Freundlichkeit gegen die Einzelnen tat das Übrige und ihm zumeist verdanken wir das brüderliche Verhältnis unter den Truppen, daß der Bayer am liebsten mit dem Preußen Arm in Arm geht. Bei dem Kronprinzen vermag wohl selbst der Fernstehende zu beobachten, wie jenes persönliche Verhältnis des Fürstlichen Feldherrn zum Soldaten in dem Gemüte des Fürsten sich darstellt. Auch die Gemeinen sind ihm Kameraden für Leben und Tod, er spricht zu ihnen nicht herablassend und gnädig, sondern mit einem so deutlichen Ausdruck von persönlichem Anteil und Anflug von guter Laune, daß den Leuten jedesmal das Herz aufgeht. Ebenso ihm selbst. Es begegnete ihm, als er einem Gemeinen eine seltene militärische Auszeichnung überreichte, daß er in seiner Freude den Tapfersten unter den Tapferen beim Kopfe nahm und küßte. Es war durch einige Augenblicke lautlose Stille; den Leuten zitterten die Gewehre in der Hand".
Kronprinz Friedrich Wilhelm als Feldmarschall in österreichischer Husaren-Uniform, 70er Jahre
  Ein anderer Biograph sagte vom Kronprinzen: "In den Hospitälern vergessen die Verwundeten ihre Schmerzen, wenn er naht, und viele sprechen im Fieber von ihrem Führer und immer wieder von ihrem Führer".  
Rücksichtnahme des Kronprinzen im Feindesland. Und wie rücksichtsvoll benahm sich der Kronprinz im Feindesland. Ein Brief seiner Wirtin in Versailles an eine Freundin beweist es:
"Das waren allerdings schlimme Zeiten, aber wir schätzten uns glücklich, unter dem Schutz jenes stattlichen und freundlichen Herrn zu stehen, der uns jetzt, wenn wir seiner gedenken, wie unser guter Genius vorkommt, der alles Unglück von unserer Schwelle fern hielt. Obgleich er nach Kriegsrecht unser Herr war und uns alles hätte nehmen können, was wir besaßen, so benahm er sich doch stets, als wäre er unser Gast. Ich werde nie die Bescheidenheit vergessen, mit der er zu bitten pflegte, wenn er oder sein Adjutant etwas brauchte, wie er um Entschuldigung bat, wenn er uns bemühte, fürchtete, unbequem zu sein, und fragte, ob dies oder jenes uns in unsern Arrangements stören würde". Am Abend vor Weihnachten kam eine große Kiste von Berlin für den Kronprinzen, und da lud er seine Wirtin und ihre Familie ein, vom Weihnachtskuchen zu kosten "Diesen Kuchen", Sagte er, und schnitt Stücke für die französischen Damen ab, "hat meine Frau gebacken, und sie müssen ihn durchaus kosten". Dann plauderte er mit ihnen über das Weihnachtsfest zu Hause in seinem glücklichen Heim usw.
 
 

Anerkennung der Feldherrneigenschaften des Kronprinzen durch Kaiser Wilhelm den Großen.

Bei der Verleihung der Würde eines Feldmarschalls an den Kronprinzen am 28. Oktober 1871 heißt es in dem Ernennungsschreiben des Kaiserlichen Vaters:
"Du hast an der Herbeiführung des Gelingens unserer schweren Aufgabe einen überaus wichtigen Anteil gehabt, indem Du die Campagne durch zwei Siege kurz nach einander eröffnetest, dann durch Deinen strategischen Vormarsch die linke Flanke der Haupt-Armee decktest, sodaß diese gesichert zur Besiegung der Armee Bazaine's schreiten konnte, usw. usw." Und dann heißt es weiter:
"Das Alles zusammen genommen bezeichnet den großen, den glücklichen Feldherrn; Dir gebührt daher die höchste Stufe des militärischen Ranges usw." -
 
Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit, moralischer Ernst, Tüchtigkeit des Kronprinzen. Die peinliche Gewissenhaftigkeit und die höchste Zuverlssigkeit des Kronprinzen bei allen wichtigen Anlässen im Kriege ist in dem Generalstabswerk fast auf jeder Seite erwähnt und seine eigenen Kriegstagebücher bezeugen den hohen moralischen Ernst und die Tüchtigkeit, mit denen er an die ihm übertragenen Aufgaben heranging und sie zur Lösung brachte.  
Sein Autoritätsgefühl. "Es ließe sich noch manches sagen über die Art, wie der Kronprinz bei all seiner Liebenswürdigkeit und Weichheit die militärische Autorität aufrecht zu erhalten wußte; wie er z. B. einmal einen kommandierenden General, der ehedem sein eigener Vorgesetzter gewesen war, derartig empfing, daß dieser verlangte, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden." So erzählt uns Hans Delbrück.  
Gustav Freytags Charakteristik des Kronprinzen nach Beendigung des Krieges 1870/71. Und Gustav Freytag konnte nicht umhin, an einer Stelle seiner Kriegstagebücher zu äußern: "Der Kronprinz war 40 Jahre alt, da er als siegreicher Feldherr aus dem Kriege heimkehrte. Nach seiner Erscheinung die glänzendste Heldengestalt, welche je unter einem deutschen Helme geschritten ist, dem Heere als einer seiner großen Kriegsfürsten teuer, in der Auffassung des Volkes ein erprobter, fester Mann, nach jeder Richtung berufen, Nachfolger seines bejahrten Vaters zu werden, ein aufsteigender Stern für viele patriotische Wünsche und Hoffnungen, denen die Gegenwart völlige Erfüllung nicht bieten wollte."  
  Und später schrieb er noch:
"Kaum war ein Schöneres und mehr Glück verheißendes Dasein zu denken, als das seine nach allgemeiner Meinung war. Aber nie sind durch das Geschick irdische Hoffnungen in gleich schmerzvoller Weise als eitel erwiesen worden. Das ist ein Geschick, tragischer und furchtbarer, als die kühnste Erfindung sich einzubilden und zu schildern vermag."
 
  Ich darf mich wohl hier auf diese knappe Form einer Charakteristik Kaiser Friedrichs und einer Schilderung seiner Bedeutung als Feldherr beschränken, um mich seinem Anteil an der Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreiches in kurzen Worten zuzuwenden.  
Verdienst des Kronprinzen um den Kaisergedanken und Durchführung deselben. Das Verdienst des Kronprinzen um den Kaisergedanken bestand darin, daß er, der Thronerbe Preußens, seine ganze Persönlichkeit mit dem nationalen Gedanken erfüllt hatte, daß er sich gleichsam zum Repräsentanten der deutschen Idee machte.  
  Ein aus nationaler Gesinnung emporgewachsener, neudeutscher Staat war aber ohne die Anknüpfung an die Vergangenheit durch Übernahme des Kaisertitels gar nicht zu denken. Und während damals viele der Kaiseridee durchaus abgeneigt waren, war der Kronprinz tiefdurchdrungen und voller Begeisterung für den Gedanken des Kaisertums, der sogar die bedächtigen Erwägungen Bismarcks beeinflußte. Er hielt an seinem Ideal fest und bewirkte durch mannhaftes Eintreten dafür die schließlich Annahme seiner Pläne.  
  Die außerordentlich wichtige Rolle, die der Kronprinz bei der Gestaltung der Kaiseridee spielte, ist bereits ein Stück Geschichte geworden und es erübrigt sich daher an dieser Stelle noch Weiteres zu diesem Thema beizutragen.  
"Unser Fritz" der Liebling des deutschen Volkes. Die Liebe und das Vertrauen zu Kaiser Friedrich kam aus dem Herzen des deutschen Volkes. Er war immer in seinem Leben sieghaft gewesen, im Kriege wie im Frieden; überall entzündete er flammende Begeisterung für sich. Nie stand in Preußen zuvor ein Fürst dem Herzen der ganzen Nation so nahe wie er. Die Bezeichnung "unser Fritz" war ein ungeheuchelter Ehrentitel für den Liebling aller deutschen Stämme, - für das Musterbild eines deutschen Mannes.  
 

*) Man lese das vortreffliche Werk "Kaiser Friedrich der Gütige" von Müller-Bohn. Historischer Verlag von Paul Kittel.

 

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