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Gustav Leinhaas

Kapitel VII. Familienleben am Kronprinzlichen Hofe.*

Kronprinzessin Victoria führt ein wirkliches Familienleben am Hofe ein. Ein gar nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst der Kronprinzessin Victoria war es, daß sie wohl die erste war, welche ein wirkliches Familienleben am preußischen Hofe einführte. Bisher waren die Kinder fast ausnahmslos den Ammen, Gouvernanten, Obergouvernanten, Erziehern und Erzieherinnen, Militärgouverneuren usw. anvertraut gewesen und die Königlichen und prinzlichen Eltern bekamen ihre Kinder nur gelegentlich zu sehen. Die jungen Prinzen und Prinzessinnen wurden nur zuweilen "vorgeführt" und "besichtigt".  
  Das wurde nun zum ersten Male ganz anders. Die Kronprinzessin ließ es sich sogar nicht nehmen, fast alle ihre Kinder seIbst zu nähren, was bisher ganz unerhört war.  
Zusammenleben mit den Kindern. Das Kronprinzenpaar lebte ganz und gar mit seinen Kindern zusammen, jede freie Minute gehörte ihnen. Auch bei den Mahlzeiten und wo es nur irgend anging waren die Kinder mit ihren Hohen Eltern vereinigt. Diese schöne Sitte hatte die Kronprinzessin von ihren geliebten Eltern übernommen und durch ihr Beispiel dann wohl auch auf unser regierendes Kaiserpaar übertragen, welches ebenfalls durch sein einzig schönes und harmonisches Familienleben geradezu vorbildlich für alle Fürstenhöfe geworden ist. Als es sich damals um eine Gemahlin für den Prinzen Wilhelm (jetzigen Kaiser) handelte, unterstützte die Kaiserin Friedrich ihren ältesten Sohn bei seiner Wahl auf das Entschiedenste, da sie in der Prinzessin Victoria Auguste neben vielen edlen Eigenschaften des Geistes und des Herzens auch alle Eigenschaften einer trefflichen zukünftigen Mutter und Hausfrau erkannt hatte.
Kaiserin Friedrich als junge Mutter mit ihrem erstgeborenen Prinzen (jetzigen Kaiser Wilhelm II.)
  Auch alle Ausflüge wurden mit Vorliebe gemeinsam mit den Kindern gemacht. Abends vor dem Zubettegehen mußten alle Kinder regelmäßig den Eltern gute Nacht sagen und die Kronprinzessin ließ es sich nicht nehmen sogar noch zur Nachtstunde, wenn sie zuweilen erst spät von Hoffesten heimkehrte, nach ihren Lieblingen zu sehen.  
Elternpflichten und Erziehungsgrundsätze. Das Kronprinzenpaar nahm seine Elternpflichten gegen die Kinder sehr ernst Die Erziehungsmethode derselben schien ihm eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Es wurde von den Eltern eine harmonische Erziehung angestrebt, bei der Geist und Körper in gleicher Weise zu ihrem Rechte kommen sollten. Auf die individuelle Ausbildung der einzelnen Kinder mit ihrer verschiedenartigen Begabung wurde großer Wert gelegt. Charakterbildung, klarer Verstand und Gemütstiefe schien den Eltern besonders wichtig. Diese Grundsätze der Erziehung wurden mit großem Ernst und Strenge durchgeführt und man erzählt sich manche Anekdote über kleine Bestrafungen der Kronprinzlichen Kinder, wenn nicht alle Weisungen pünktlich befolgt wurden.  
  Die Prinzen und Prinzessinnen wurden nicht etwa geschont, auch durfte ihnen beim Lernen nicht das geringste nachgesehen werden. Die Kronprinzessin folgte oft schon zu früher Stunde dem Gang des Unterrichts und überwachte unermüdlich die Fortschritte der Kinder.  
  Wie schlicht und einfach waltete sie in ihrer Häuslichkeit! Sie ließ es sich nicht nehmen, einen Teil der Kleider für ihre Kinder selbst anzufertigen; ja sogar die Stickereien zu denselben waren von ihrer Hand.  
Die Prinzensöhne treten in öffentliche Schulen ein. Das Kronprinzenpaar erkannte bald, daß die Söhne durch die Einzelerziehung und den steten Privatunterricht keine Fühlung mit dem wirklichen Leben erlangen würden, und so wurde beschlossen, was man bisher für absolut ausgeschlossen hielt, die Prinzensöhne auf eine öffentliche Schule zu bringen. Man hielt es auch für geraten, die Prinzen von den vielen Zerstreuungen des Hoflebens fern zu halten und so wurde Kassel gewählt. Mitte September 1874 fand sich das Kronprinzenpaar mit den Prinzensöhnen dort ein.  
  Prinz Wilhelm trat in die Untersekunda des Gymnasiums, Prinz Heinrich dagegen erhielt zunächst noch Privatunterricht und besuchte dann die dortige Realschule, welche sich für seinen späteren Seemannsberuf wohl besser  
Geistige Bestrebungen des Kronprinzenpaares.

Belesenheit und sonstige Begabung der Kronprinzessin Victoria.

Aber auch das Kronprinzenpaar suchte sein Wissensgebiet nach jeder Richtung hin auszudehnen. Der Kammerherr Gustav zu Putlitz berichtet, daß er bei der jungen Frau Kronprinzessin eine staunenswerte Belesenheit gefunden habe. "Sie hat alles gelesen und weiß alles halb auswendig. sie sprach mit gleicher Kenntnis über deutsche und englische Literatur, kannte die Stücke Hebbels ebenso genau wie die ihrer englischen Lieblingsdichter; Shakespeare wußte sie halb auswendig." Ein anderes Mal schreibt Putlitz: "Diese junge Frau ist von Gott begabt, wie wenige Menschen dieser Erde, und gebildet, wie ich in ihren Jahren keine Frau kenne, dabei diese angenehme Beherrschung der Form, die bei aller Repräsentation doch nicht den geringsten Zwang empfinden läßt."  
Pflege des Sports. "Die Kronprinzessin pflegte, wenn sie nicht reiten durfte, zweimal auf viele Stunden auszufahren, Pistole zu schießen, kurz eine geistige und körperliche Unermüdlichkeit ist in ihr, von der Graf Häseler Wunderdinge erzählt."
Kaiserin Friedrich zu Pferde. Aufnahme von Ottomar Anschütz in Lissa.
Vielseitigkeit der Kronprinzessin Victoria. Weiter schreibt Putlitz: "Ich wüßte nicht, wofür diese junge Frau nicht Passion hätte, für Musik, Kunst, Literatur, Militär, Marine, Reiten, Jagen. Beim Aufbrechen ging sie zu Fuß den Berg hinunter, ich neben ihr durch den vom Regen frischen Wald, sie nahm die letzte Nummer des Grenzboten aus ihrer Tasche und gab sie mir; es ist ganz fabelhaft, wie sie nicht nur alles liest, sondern auch auswendig behält, dabei spricht sie über Geschichte, wie ein Historiker, und zwar sehr gut und bestimmt. Bei Tisch ganz heitere Konversation, nach Tisch sang die Kronprinzessin mit angenehmer Stimme und guter musikalischer Empfindung englische und spanische Lieder".
  Im Juni 1864 war die Kronprinzessin Gast des Fürstenpaares in Putbus auf der Insel Rügen. Am 30. dieses Monats brach die Hohe Frau nach Stettin auf, um dort mit dem Kronprinzen zusammenzutreffen, welcher in dem General»Kommando Wohnung nehmen wollte. "Als man dort abstieg, war nichts in Ordnung", schreibt Putlitz. "Die Kronprinzessin fing aber gleich an, zu räumen, ließ Möbel rücken, ordnete Bilder und in einer halben Stunde hatte der alte Hausrat unter ihrer ordnenden Hand eine gewisse Behaglichkeit gewonnen". Die Kronprinzessin kehrte dann nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurück, wohin ihr am 6. Juni der Kronprinz folgte. Dort erlebte das hohe Paar glückliche Tage.  
  Das freie Menschentum des Kronprinzenpaares kam, wie es in der Natur der Sache liegt, bei den großen Hoffesten nicht recht zur Geltung; nur im gemütlichen, intimen Kreise kam es zur schönsten Entfaltung. Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Politiker, ebenso auch Vertreter der Industrie und des Handels waren häufige Gäste im Kronprinzlichen Palais, und allen ihren Bestrebungen, Anregungen und Mitteilungen wurde aufmerksamstes Gehör und liebevollste Teilnahme geschenkt. In ungezwungenster Natürlichkeit verkehrte das Hohe Paar, wie unter alten Freunden. Auch der Salon der Frau von Schleinitz, Gemahlin des Hausministers, vereinigte besonders häufig diesen erlesenen Freundeskreis des Kronprinzenpaares.  
Glückliche Tage im Neuen Palais bei Potsdam.

Harmonisches Verhältnis des Kronprinzenpaares.

Unter der Leitung des Grafen Waldersee als Kapellmeister wurde vierstimmig gesungen; der Kronprinz strahlte dabei vor Freude. Putlitz schreibt darüber: "Er war so heiter, dabei so eingehend und offen, sehr instruiert und ebenso aufrichtig über vaterländische Geschichte redend, wie über moderne Politik und Personen. Immer zeigte sich der Kronprinz im liebenswürdigsten Lichte; sein ganzes Verhalten gab jedem unbefangenen Beobachter den Kommentar zu dem wirklich vortrefflichen Verhältnis, in dem der Kronprinz, trotz mancher brillanteren Seite der Prinzessin, doch seine klare, natürliche Stellung und seinen unverkennbaren Einfluß hat. Und die Grundredlichkeit ist das Fundament seines ganzen Wesens Man findet bei ihm viele Züge, die an den König (Wilhelm) erinnern."
Das Neue Palais bei Potsdam.
  Das Kronprinzenpaar ergänzte sich in glücklichster Weise und bei der hohen, fast heiligen Auffassung, welche Beide von der Bedeutung der Ehe hatten, war das Zusammenwirken des Kronprinzlichen Paares in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten eigentlich ganz Selbstverständlich. Das Elternpaar der Kronprinzessin Victoria, die Königin von England und der Prinzgemahl, gaben für eine solche eheliche Gemeinschaft das glänzendste Beispiel. Die Kronprinzessin wußte in Folge ihrer ausgezeichneten, vielseitigen Erziehung und Bildung auch in öffentlichen Dingen vortrefflich Bescheid, ja sie hatte sogar das schwierige Gebiet der Volkswirtschaft mit großem Eifer durchgearbeitet. Wohl dem Manne, der eine so einsichtige, kluge und unterrichtete Frau zur Seite hat; er kann sich über alle vorkommenden Fragen mit ihr aussprechen, um dann nach reiflichem Abwägen der vorgebrachten Für und Wider ein reifes Urteil fällen zu können! Da ist es nun nicht immer leicht, zu sagen und zu entscheiden, wer von Beiden die erste Anregung zu einer fruchtbaren Idee gegeben hat und wessen Ansicht schließlich durchgedrungen ist.  
Gemütsleben der Kronprinzessin Victoria. Über das Gemütsleben der Kronprinzessin Victoria sagt uns Putlitz: "Sie erzählte in reizender Weise von ihrer Heimat, klagte über die häufigen Trennungen vom Kronprinzen, anknüpfend an (eben gesungene) englische Kirchenlieder und Schottische Balladen und an ein paar sehr hübsche Albums, die ich ansehen durfte. In dem einen sind, teils in bunten Bildern, teils in Photographien, alle Zimmer vereint, in denen sie bisher von ihrer frühesten Jugend an gewohnt hat. In dem anderen sind lauter Jugenderinnerungen aus England und Schottland, immer nach den Orten eingefügt und geordnet, aus Windsor, Frogmore, Osborne, Balmoral, Buckingham-Palace, und zwar Photographien einzelner Räume, Gärten, Menschen, die Weihnachts- und Geburtstagstische ihrer Eltern sowie ihre eigenen usw. Mit rührender Treue und Pietät sind alle Andenken und Erinnerungen an ihren Vater gepflegt und gesammelt, sie spricht fast nie ohne Tränen von ihm, dessen Verlust ganz besonders für sie ein so tief eingreifender ist".  
Innige Liebe des Kronprinzen zur Kronprinzessin und zu seinen Kindern. Der Kronprinz fühlte sich aber auch überaus glücklich im Besitz einer solchen Gattin. Er sprach von ihr stets in den begeistertsten Ausdrücken und gedachte ihrer und der Kinder bei jeder Gelegenheit. Nach der Schlacht bei Königgrätz schrieb er in sein Tagebuch: "Lebhaft habe ich die Nacht von meiner Frau und den Kindern geträumt". Als Gustav Freytag am Abend des 23. August in das Zimmer des Kronprinzen trat, welcher von einem Unwohlsein befallen war, fand er ihn auf einem schmalen Feldbette ausgestreckt, vor ihm auf einem kleinen Schreibtische, so daß sein Auge darauf ruhen konnte, die Photographen der Kronprinzessin und seiner Kinder: "Er sprach sogleich von den Seinen daheim, von der Natur seiner Kinder, wie sich jedes entwickele, von dem Schmerz über die Verlorenen. Sein Auge wurde feucht und das Antlitz war durch Liebe und Schmerz verklärt, sein Wesen so warm und wohltuend, daß es auch den Hörer weich machte. Dann begann er über seine Gemahlin zu sprechen, voll von zärtlicher Hingabe. Er rühmte ihr reiches Wissen und ihren Geist, zu dem er immer aufsehen müsse, und klagte, daß eine solche Frau nicht überall nach ihrem Wert Anerkennung fände, und man empfand, wie wohl es ihm tat, von der zu reden, an die er immer dachte".
Salon im Neuen Palais bei Potsdam.
  *) Siehe das Werk: "Kaiser Friedrich der Gütige", von Müller Bohn, ferner: "Lebensbild Kaiser Friedrichs" von Ludwig Ziemssen.  

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