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Gustav Leinhaas

Kapitel VIII. Die hochbedeutsame Tätigkeit der Kronprinzessin Victoria, späteren Kaiserin Friedrich, auf den Gebieten der deutschen Volkswohlfahrt, des Erziehungswesens, der Gesundheitspflege und der Frauenfrage.

Allgemeine Grundsätze. Die Milderung der schroffen Klassengegensätze, persönliches Nähertreten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, rücksichtsvolles Benehmen der Menschen untereinander, dies alles erschien dem Kronprinzenpaare unerläßlich, um ein Zusammengehen aller Stände zur Lösung der großen sozialen Fragen herbeizuführen. Jede Überhebung eines vom Glücke mehr Begünstigten über einen anderen war Beiden verhaßt. Auch in ihrer bescheidenen Lebensführung gaben der Kronprinz und seine erlauchte Gemahlin dem deutschen Volke ein schönes Vorbild. Beide hüteten sich vor jeder Verschwendung.  
  Weder in Deutschland noch in anderen Ländern konnte irgend etwas Bedeutendes auf sozialem oder pädagogischem Gebiete geschehen, was nicht dem Kronprinzen oder der Kronprinzessin zur Kenntnis gekommen und von ihnen darauf geprüft worden wäre, ob und wie es sich einführen oder fördern ließe. Vieles entsprang auch persönlicher Kombination und Überlegung.  
  So verdanken der gewerbliche und der Fortbildungs-Unterricht, die Knaben-Handarbeit, die höhere Sowie die auf Hebung der Erwerbsfähigkeit gerichtete Frauenbildung, die Volkserziehung, die Ausbildung in der Krankenpflege, die hauswirtschaftliche Frauenbildung, die Ferienkolonien und vieles andere dem Hohen Paare rege geistige Förderung. Der bei der Gelegenheit der silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares gestiftete Friedrich-Wilhelm-Victoria-Fonds lieferte dann auch reichliche materielle Mittel für alle diese Zwecke.  
  Besonders die Kronprinzessin war es, welche sich im einzelnen mit den der Erziehung der Frauenwelt dienenden Ideen und deren Ausführung beschäftigte. Ihr Hoher Gemahl nahm natürlich an ihrem genialen Schaffen und liebevollen Wirken stets lebendigen Anteil, sobald es seine Zeit nur irgend gestattete; oft besuchten Beide Schulen und nahmen an den Schluß-Prüfungen teil. Gar Mancher wird es zu seinen schönsten Erinnerungen zählen, daß ihn sein Kaiser selbst examiniert hat. In den Lehrlings-Ausstellungen waren die Kronprinzlichen Herrschaften regelmäßige Besucher und sachverständige Kritiker.  
Pestalozzi-Fröbelhaus. Das höchste Interesse wendete das Kronprinzenpaar dem unter dem Protektorate der Kaiserin Friedrich stehenden Pestalozzi-Fröbel-Hause in Berlin zu. Dies Erziehungshaus wurde 1873 gegründet, erhielt später ein würdiges Heim, zu dem Frau Wenzel-Heckmann in Berlin die Mittel stiftete, und umfaßt einen großen Volks-Kindergarten, eine Knaben-Arbeitsschule, eine Mädchen-Strick- und Haushaltungsklasse, einen Mittagstisch für arme Kinder, ferner ein Seminar zur Ausbildung Pestalozzi-Fröbelscher Erzieherinnen, eine Kochschule, das Victoria-Mädchenheim und ein billiges Pensionat für die auswärtigen Schülerinnen der Anstalt. Den ärmeren Zöglingen des Pestalozzi-Fröbel-Hauses wurden Reinigungsbäder, Fürsorge in Krankheitsfällen durch Armen-Krankenpflegerinnen und andere Wohltaten zuteil.  
  Für eine Bildermappe des Pestalozzi-Fröbel-Hauses zu Berlin, welche für die Columbische Aufstellung in Chicago bestimmt war, schrieb die Kronprinzessin Victoria die nachstehende Einleitung und verschiedene Beischriften.  
  Die Einleitung lautet:
"In dieser Mappe sind zahlreiche, von kunstvoller Hand entworfene Bilder vereinigt, welche bescheidene, einfache Szenen aus dem Pestalozzi-Fröbel-Hause in Berlin darstellen. Der Künstler hat in ihnen den Reiz des Malerischen zu entdecken und so wiederzugeben verstanden, daß diejenigen, die wahre Liebe zu Kindern haben, denen Kinder-Seelen und Kinder-Gestalten ans Herz gewachsen sind, ein warmes Interesse empfinden müssen." Und dann heißt es weiter:
"Frohe, glückliche und heilbringende Stunden verlebt die Kinderwelt an den Stätten, welche man mit Recht "Kindergarten" nennt. Ergänzend tritt er der Familie zur Seite. Den größten Segen spendet er aber da, wo die Familie ihre erziehliche Pflicht nicht erfüllen kann, also vorzugsweise in den ärmeren Klassen des Volkes. Hier kann er weit über sein nächstes Ziel hinaus wirken, indem er die weibliche Jugend zur Mitarbeit an den großen Aufgaben der Volkserziehung vorbereitet und eine Stätte gemeinsamer Arbeit der Frauen der besitzenden KIassen mit ihren bedrängten Schwestern auf demjenigen Gebiete bildet, welches bei allen Frauen das tiefste, innigste Interesse findet, auf dem Gebiete der Pflege und Erziehung ihrer Kinder. Diesen Gedanken immer wieder anzuregen und nahe zu bringen - sind diese Bilder bestimmt
Möge die Columbische Ausstellung, welcher die Mappe gewidmet ist, dazu beitragen, die segenbringende Einrichtung des Kindergartens weiter zu verbreiten und ihr in allen Teilen der Welt neue Freunde und besonders Freundinnen zu gewinnen, welche aus inniger Liebe für die Kinderwelt und die Volkswohlfahrt - an ihrer Ausbildung und Blüte mitwirken.
Victoria,
verwitwete Kaiserin und Königin Friedrich des Deutschen Reiches und von Preußen."
 
   
  Die Kronprinzessin besuchte das Pestalozzi-Fröbel-Haus häufig, gab neue Anregungen und direkte Unterstützungen und schuf Rat und Hilfe jeder Art. Am 13. April 1882, als in den schönen Konferenzsälen des Anhalter Bahnhofes das hundertjährige Geburtsfest Fröbels gefeiert wurde, beteiligten sich die Kronprinzlichen Herrschaften bis zum Schlusse daran. Auch die Weihnachtsfeiern dieses segensreichen Institutes in den Jahren 1882 und 1885 beehrten sie mit ihrer Gegenwart bis zur Bewirtung der Kinder.  
  Bei solchen Gelegenheiten verkehrte das Kronprinzliche Paar mit denkbar größter Leutseligkeit und herzgewinnender Freundlichkeit mit den den ärmsten Schichten der Bevölkerung angehörigen Kindern und Eltern; sie scherzten mit den Kindern, welche oft gar keine Ahnung hatten, wer sich mit ihnen beschäftigte, teilten ihnen Zuckerwerk zu, nahmen sie wohl gar auf den Arm und ließen sich von ihnen vorplaudern.  
  Der rege persönliche Verkehr, den die Kronprinzessin mit der Nichte Fröbels, Henriette Schrader, und deren Schülerin Hedwig Heyl unterhielt, gab die Anregung zur methodischen Durcharbeit der hauswirtschaftlichen Materie. Die Hohe Frau wohnte dem hauswirtschaftlichen Unterricht der Arbeiterkinder der Heylschen Fabrik bei und fand, daß dieser sehr gründlich erteilte, praktische Unterricht auch für die Töchter höherer Stände ebenso notwendig sei.  
  Die ursprüngliche Idee, im Pestalozzi-Fröbel-Haus Kochunterricht für Volksschulkinder einzuführen, wurde zugunsten einer Kochschule für erwachsene Mädchen zurückgestellt. Die Frau Kronprinzessin interessierte sich lebhaft für die Ausbildung der ersten Kochlehrerinnen im Hause von Hedwig Heyl und viele praktische Anregungen der mit offenen Augen weitgereisten Frau, welche über ein glänzendes Gedächtnis verfügte, sind heute Allgemeingut des hauswirtschaftlichen Unterrichts in Deutschland geworden.  
  Als im Jahre 1884 die KochschuIe im Pestalozzi-Fröbel-Hause eingerichtet wurde, war die erste Schülerin Prinzessin Victoria (jetzt Prinzessin Adolph von Schaumburg-Lippe); nicht selten nahm sie die von ihr zubereiteten Speisen mit nach Haus und der Kronprinz verfehlte nicht, gelegentlich seine Befriedigung über die kochkünstlerischen Leistungen seiner Tochter auszusprechen.  
  Vielfach bemühte sich die Kronprinzessin, die maßgebenden Behörden für die Einführung des Haushaltungsunterrichts in den Volksschulen zu interessieren. Sie erreichte einen fakultativen Unterricht als Auszeichnung für Einzelne in der Kochschule des Pestalozzi-Fröbel-Hauses.  
  Während seiner kurzen Regierung hatte Kaiser Friedrich sein besonderes Interesse für die Fröbel'sche Erziehungsmethode noch dadurch betätigt, daß er, auf Anregung seiner Hohen Gemahlin, der in Hamburg lebenden Witwe Fröbels eine namhafte Pension bewilligte.  
Fürsorge für die ländliche Bevölkerung. Auch der ländlichen Bevölkerung wandte das Kronprinzliche paar seine liebevolle Fürsorge zu. In Bornstedt bei Potsdam, dem Lieblingsaufenthalte der Hohen Herrschaften in der Sommerszeit, hatte die Kronprinzessin ein Kinderheim geschaffen, in welchem die Kleinen der Dorfbewohner leibliche und geistige Pflege fanden, während die Mütter der Feldarbeit nachgingen. Eine Schülerin aus dem Pestalozzi-Fröbel-Hause ward dorthin zur Leitung des Kindergartens und zur Einführung der Fröbel'schen Methode in das Kinderheim berufen. Auch der Bau von Arbeiterwohnungen, Fürsorge für Kirche und Schule gingen aus dem einmütigen Wirken des hohen Paares für die Bornstedter Bevölkerung hervor.  
Victoria-Schule. In der Victoria-Schule, nach der Kronprinzessin benannt, wurde der erste Turnunterricht für Mädchen eingeführt. Nachdem die Hohe Frau dort dem ersten Mädchen-Schauturnen beigewohnt hatte, wurde der Turnunterricht seit 1877 in allen Mädchenschulen obligatorisch.  
Verein für häusliche Gesundheitspflege. Eine Schöpfung der Kronprinzessin, welcher auch ihr Hoher Gemahl seine besondere Teilnahme zuwandte, war die Gründung des Vereins für häusliche Gesundheitspflege im Jahre 1875. Derselbe beschäftigt sich mit Ausbildung von wissenschaftlich gebildeten Krankenpflegerinnen, mit Ferienkolonien, Versorgung der ärmeren Klassen mit guter Milch und Bädern zu sehr mäßigen Preisen, mit häuslicher Armen-Krankenpflege, Förderung der Reinlichkeit und gesundheitlicher Lebensweise. Von der zur silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares dargebrachten Geldspende wurden 170000 Mark dem Verein für häusliche Gesundheitspflege und die bei derselben Gelegenheit von der Stadt Berlin überreichten 120000 Mark für ein Krankenpflegerinnen-Heim (Victoria-Haus für Krankenpflege) bestimmt.  
  Ludwig Ziemssen berichtet darüber: "Der Berliner Verein für häusliche Gesundheitspflege war nach Stadtbezirken organisiert. Familien, die sich in bedrängter, von Krankheit doppelt erschwerter Lage befanden, erhielten Zusprache, Pflege, Rat und Zuwendungen aller Art, um sie vor Verfall und völligem Untergang zu bewahren und um sie wieder geordneten Verhältnissen zuzuführen. Die Damen der Comité's erweckten den Ordnungssinn der armen Mädchen durch Aufnahme derselben in die von kundiger Hand geleiteten Flickschulen; Polikliniken unter Leitung tüchtiger Ärzte stehen für Hilfesuchende aus ärmeren Ständen stets offen und aus angesammelten Depots werden zahlreiche, der Gesundheitspflege dienliche Gegenstände willig und reichlich gespendet. Unter immer wacher Anteilnahme der Kronprinzessin an den Bestrebungen dieses Vereins wurden zwei dem Vereine zugeordnete neue Institute ins Leben gerufen, das "Victoriahaus für Krankenpflege" und die "Ferien-Kolonien."  
Victoria-Haus für Krankenpflege. Das Victoriahaus für Krankenpflege, die eigenste Schöpfung der Kronprinzessin Victoria, mit eigenen Mitteln begründet, war ihr besonderer Stolz. Aus kleinsten Anfängen entwickelte es sich zu seiner heutigen Bedeutung und ist zu einer unendlichen Wohltat für die Krankenwelt geworden. Die Zahl der Victoriaschwestern, es waren ursprünglich nur 3, hat sich seitdem mehr als verhundertfacht.  
  Die Victoria-Schwestern erhielten eine gründliche Hospitalausbildung und wirkten besonders in armen, kinderreichen Familien höchst segensreich. Es wurde durch diese Anstalt für Frauen und Töchter der gebildeten Stände ein geistig befriedigender und materiell lohnender Beruf geschaffen, sie hatten dort zugleich ein Heim und eine sichere Versorgung im Alter. Die ganze Einrichtung des Victoriahauses in der Landsberger Allee in Berlin, selbst die Einrichtung der einzelnen Zimmer der Schwestern, waren nach genauen Angaben der Hohen Protektorin geschaffen worden; auch der Dienst im Hause war nach ihren Vorschriften genau geregelt. Unzählige Male erschien die Hohe Frau dortselbst, um sich an der Fortentwicklung dieses segensreichen Instituts zu erfreuen.  
Ferienkolonien. Das größte Interesse wandte die Kronprinzessin den Ferienkolonien zu. Dieselben wurden 1880 begründet, um besonders schwächlichen und kränklichen Kindern die Segnungen reiner guter Luft und guter Pflege während der Ferien zu Teil werden zu lassen. Den deutschen Seebädern wurde für den Aufenthalt der Kinder der Vorzug gegeben. Welche unendliche Wohltat ging von diesen ausgezeichneten Einrichtungen für die Volkswohlfahrt aus, welche ganz wesentlich der Tatkraft und dem warmen Herzen der Kaiserin Friedrich zu danken waren!  
  Zu Gunsten dieser Ferienkolonien wurde im Berliner Ausstellungspark ein großes Fest veranstaltet, welches reichen Ertrag  
Bazar im Rathause Am Ende des Jahres 1885 wurde zum Besten des Vereins für Volkserziehung und des Vereins für häusliche Gesundheitspflege auf besondere Anregung und unter Mithilfe der Kronprinzessin in den Festsälen des Rathauses ein Bazar veranstaltet. Die ganze Kronprinzliche Familie nahm den lebhaftesten Anteil an demselben. Nicht nur bei der Eröffnung und beim Schlusse erschienen die Hohen Herrschaften, sondern sie verweilten jeden Tag während der Dauer des Bazars mehrere Male in den schön geschmückten Räumen und hatten für alle Beteiligten, sowie für viele Besucher des Bazars ein leutseliges Wort, einen freundlichen Blick. Dieser Bazar brachte einen Ertrag von 20000 Mark.  
Teestunden bei der Kaiserin. Häufig versammelte die Hohe Frau hervorragende Frauen zur Teestunde, in der in ungezwungener Unterhaltung die langsam in Fluß kommende Frauenfrage beraten und besprochen wurde. Die Kronprinzessin belehrte sich selbst hierbei, gab aber auch oft persönliche Anregungen.  
  Besonders lag der Kronprinzessin die Förderung höherer Bildung und besserer Erwerbsmöglichkeit des weiblichen Geschlechtes am Herzen. Dies wurde das besondere Arbeitsgebiet des Letteģ-ereins. Der Notstand der mittellosen Töchter besserer Stände rief nach Abhilfe, und so wurde unter der Einwirkung und unter dem Protektorat der Kronprinzessin ein "Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes" begründet. Ein Handels- und Gewerbe-Institut für erwachsene Töchter wurde geschaffen, ferner eine Vermittlung von Lehrgelegenheit für gewerbliche Beschäftigung, Arbeits-Nachweis und vieles andere mehr.  
Lette-Verein. Die Präsidentin des Lette-Vereins in Berlin, Frau Schepeler-Lette, teilte unter anderem Folgendes darüber mit: "Beide Kronprinzliche Herrschaften ließen dem Lette-Verein bei jeglicher Gelegenheit mündlich und schriftlich Huld- und Gnadenbeweise in reichem Maße zu teil werden. Am 3. Dezember 1873 wohnten die Kronprinzlichen Herrschaften als Protektoren des Lette-Vereins der feierlichen Eröffnung des Lette-Vereinshauses bei und blieben während der ganzen Feier bei uns. Beide Herrschaften hatten durch beträchtliche Beiträge den Hauskauf gefördert. Im November 1874 beteiligten sich die Kronprinzlichen Herrschaften persönlich auf das eifrigste bei einem großen Bazar im Prinzessinnenpalais zur Beschaffung der noch fehlenden Mittel zum Ankauf und Ausbau eines eigenen Hauses für den Lette-Verein.  
Feuer im Lette-Vereins-Haus. Am 7. Februar 1884 war im Kronprinzenpalais durch die Feuerwehr Mittelfeuer im Lette-Haus gemeldet; die Herrschaften saßen beim Essen, etwa Abends 6 1/2 Uhr; im Augenblick sprang der Kronprinz auf und obgleich ihn seine Hohe Gemahlin und Prinzessin Victoria begleiten wollten, nahm er sich kaum soviel Zeit, den Mantel umzuwerfen und traf wenige Minuten nach der Feuerwehr bei uns ein. Der Kronprinz blieb, bis jegliche Gefahr vorüber war."  
Heimathaus für Töchter höherer Stände. Ein weiteres Institut von segensreicher Wirkung wurde von der Kronprinzessin angeregt: "Das Heimathaus für Töchter höherer Stände". Dasselbe sollte unbemittelten Töchtern höherer Beamten ein Heim gewähren bis zur Erlangung eines selbständigen Berufes. Hieran angeschlossen war eine Gewerbe- und Handelsschule, wo die Pensionärinnen den nötigen Unterricht erhielten. Auch Handarbeitslehrerinnen wurden dort ausgebildet.  
Feierabendhaus. Auch ein Feierabendhaus für dienstunfähige Lehrerinnen wurde von der Kronprinzessin begründet.  
Victoria-Fortbildungsschule für Mädchen. Die Victoria-Fortbildungsschule für Mädchen in Berlin war hauptsächlich für die Töchter aus den arbeitenden Klassen bestimmt und stand unter ihrer besonderen Obhut. Die in der Schule erworbenen Kenntnisse sollten dort noch vertieft werden. Durch die hochgebildeten Leiterinnen dieser Anstalt wurde die Gesittung der jungen Mädchen außerordentlich gehoben und ihr ganzes Wesen einer idealeren Auffassung des Lebens zugeführt welche sie über die Bescheidenheit ihrer Lebensverhältnisse hinwegsetzte  
Heimstätten für genesende Arbeiter und Arbeiterinnen. Als der erhabene Dulder schon von seinem schweren Leiden ergriffen war, gründete er im Bunde mit der Kronprinzessin Heimstätten für genesende Arbeiter und Arbeiterinnen.  
  Das Kronprinzliche Paar betätigte aber auch sein Wohlwollen gegen die Mitmenschen sonst noch bei jeder sich darbietenden Gelegenheit. Mit ihrer idealen Auffassung der sozialen Pflichten verband sich eine große praktische Begabung, die dazu erforderlichen Kräfte zu organisieren. Beide waren ein Mittelpunkt und ein Hort aller Volkswohlbestrebungen.  
Beschaffung gesunder Wohnungen für den Arbeiterstand. Der Gedanke, gesunde und zweckmäßige Wohnräume für den Arbeiterstand zu schaffen, lag dem Kronprinzen und seiner Hohen Gemahlin ganz besonders am Herzen, und daß sich für diese so hochwichtige Sache in Deutschland verhältnismäßig wenig Teilnahme zeigte, kümmerte sie sehr.  
Entwicklung der Genossenschaften. Auch an der Entwicklung der Genossenschaften nahm das Kronprinzliche Paar den regsten Anteil. So wurde der Begründer derselben in Deutschland, Schulze-Delitzsch, in den Jahren 1878-1882 von ihnen häufig empfangen.  
Deutscher Fischerei-Verein. 1868 wurde ein Deutscher Fischerei-Verein gebildet, um die Fleischnahrungsmittel zu vermehren. Die Flüsse und Seen sollten wieder so fischreich werden, wie zur Zeit Karls des Großen; der unerschöpfliche Reichtum der Meeresgründe sollte durch die Eisenbahnen der ganzen Nation nutzbar gemacht werden, hieß es damals. Und das Kronprinzenpaar vernahm solche Absichten mit größter Befriedigung und höchstem Interesse.  
Hilfsverein für Ostpreußen. Georg von Bunsen gedenkt in einem Bericht auch noch zweier anderer Schöpfungen des Kronprinzenpaares im selben Jahre 1868. Erstens des Hilfsvereins für Oftpreußen, welcher dank des persönlichen Eintretens der Hohen Herrschaften für denselben einen sehr großen Erfolg hatte. Die vom Hungertyphus heimgesuchten Gegenden Ostpreußens wurden von jeder Not befreit; auch wurde eine kräftige Anregung gegeben zum Ergreifen neuer Nebenerwerbszweige durch die ärmere Landbevölkerung. Der Hilfsverein hatte eine Zeit lang 16000 Spindeln in Bewegung; die Waisenhäuser erhielten Unterstützungen.  
Hilfsverein für die von der Sturmflut Geschädigten. Ferner wurde ein Hilfsverein für die von der Sturmflut an den Ostseeküsten geschädigte Bevölkerung gegründet.  
  Am 19. April 1883 wurde über die Verwendung des zur Erinnerung an die silberne Hochzeit der Kronprinzlichen Herrschaften gesammelten Ehrengeschenke beraten. Der Kronprinz hatte mit seiner Gemahlin nach sorgfältigster Erwägung folgende Bestimmungen getroffen. Es wurden bedacht: "Der Verein für häusliche Gesundheitspflege, die Arbeiter- und Ackerbaukolonien nach dem System Wilhelmsdorf bei BieIefeld und das Victoriahospital zu Kreuznach. Ferner die Ferienkolonien für Schulkinder, die Vereine für die Beschäftigung entlassener Strafgefangener, der Verein gegen Trunksucht, der Verein für Kinderheilstätten an der See, das Friedrich-Stift zu Berlin (Gitschinerstraße), die Diakonissen-Krankenanstalt Bethanien (Oberschlesien) und das Barmherzigen-Stift zu Pilchowitz, Kreis Oybnik."  
  Man sieht hieraus, welch warmes Herz die Kronprinzlichen Herrschaften für die Bedürfnisse aller Schichten des Volkes hatten.  
  Einmal äußerte die Kaiserin zu mir: "Ich habe 42 Wohltätigkeitsinstitute unter mir, welche von mir unterstützt werden, und 37 Bazare habe ich in den letzten Jahren mit Gaben bedacht."  
  Die bloße Aufzählung und Aneinanderreihung der dem Volkswohl und der Volksbildung dienenden Anstalten, welche das Kronprinzenpaar begründet und angeregt hatte, ist schon wahrhaft erhebend. Aber die unendlich vielgestaltige Liebes- und Werktätigkeit des Hohen Paares im Dienste der deutschen Volkswohlfahrt ist damit noch lange nicht erschöpft. Diese unermüdliche, nie versagende, gewissenhafte Arbeit, aus reiner Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit vollbracht, muß die Staunen und Achtung gebietende Bewunderung jedes unbefangenen Beurteilers erwecken. Keine Schwierigkeit, kein Undank, kein Versagen, kein Mißlingen konnte das Kronprinzenpaar von seinem klar vorgezeichneten Wege abbringen, überall segensreich im Sinne des Fortschritts zu wirken. Keine Treppe war zu eng und zu steil, wenn es galt, arme Kranke zu besuchen oder übernommene Ehrenpflichten zu erfüllen, wie Schulprüfungen und dgl., keine Behausung zu armselig, um dort Not zu stillen. Höfische und gesellschaftliche Verpflichtungen mußten vielfach bei diesem Samariterwerk zurücktreten.  
Gründung des Reichsgesundheitsamtes. Ganz besonders und zwar mit Recht stolz war die Kaiserin Friedrich darauf, daß sie die erste Anregung zur Gründung des Reichsgesundheitsamtes gegeben hatte, welches von so ungeheurer Bedeutung geworden ist.  
  Auch in Cronberg, in ihrem Schlosse Friedrichshof, ruhten die großartigen Bestrebungen der Kaiserin Friedrich für die Wohlfahrt des Volkes und für alle gemeinnützigen Bestrebungen niemals.  
Victoria-Pensionat in Crontal bei Cronberg. Die Kaiserin Friedrich hatte im Jahre 1894 in dem von ihr gegründeten und unter der ausgezeichneten Leitung von Frl. von Griesheim stehenden Victoriapensionat in Crontal bei Cronberg (jetzt Dornholzhausen bei Bad Homburg v. d. H.), Volkswirtschaftslehre, Gesundheitslehre, Kinderpflege, Pädagogik und Psychologie eingeführt als äfür die Erzieherinnen und Mütter des künftigen Geschlechtes unentbehrlich". Auch mußten dort die Schülerinnen, welche das 16. Lebensjahr überschritten hatten, gründlich Hauswirtschaftslehre (Kochen und Hausarbeit) lernen. Und wie wunderbar verstand es die Kaiserin Friedrich, den Kindern klar zu machen, daß die vornehme Frau dies alles können müsse und dabei doch die vornehme Frau und die Gefährtin des Mannes sein könne! Diese Ideen der Kaiserin wurden auch bei der Reform des Mädchenschulwesens im Jahre 1908 vom Ministerium für die der zehnklassigen höheren Mädchenschule angegliederte "Frauenschule" oder das "Oberlyzeum" zur Durchführung gebracht.  
Bazar in Frankfurt a. M. Zum Besten eines neuen Krankenhauses in Cronberg und zugleich für einen Künstlerfonds der Frankfurter Künstler wurde in Frankfurt a. M. ein großer Bazar, der drei Tage dauerte, veranstaltet. Die Kaiserin nahm mit ihren Töchtern den denkbar regsten Anteil daran. Da sich ganz Frankfurt dafür interessierte, an der Spitze die alten Patrizierfamilien, so kamen damals über 130000 Mark ein, welche zusammen mit der reichen Unterstützung, welche Ihre Majestät gewährte, ausreichte, ein nach den neuesten Prinzipien eingerichtetes Krankenhaus zu schaffen, das noch heute unter der Leitung des Leibarztes der Hochseligen Kaiserin, des Sanitätsrates Dr. Spielhagen, steht.  
  Es sei hier der großen Zahl hervorragender deutscher Ärzte gedacht, mit denen die Kaiserin Friedrich bei ihrer unermüdlichen, vielseitigen Tätigkeit auf dem weiten Gebiete der Krankenpflege so oft und bei so vielen Gelegenheiten zusammengearbeitet hat und für welche sie stets die größte Hochachtung empfand. Viele unter ihnen haben der Kaiserin Friedrich gern bekundet, daß sie mit großer Sachlichkeit, Gründlichkeit und hohem sittlichen Ernst an alle Aufgaben heranging und bei ihren zahllosen Krankenbesuchen stets tiefinnerIiches Interesse zeigte.  
Mitarbeiterinnen der Kaiserin Friedrich. Der Kronprinzessin Victoria standen bei diesem umfassenden Liebes- und Samariterwerke im Dienste der Volkswohlfahrt zunächst die Damen ihres hohen Gefolges zur Seite: die Oberhofmeisterin Fürstin Hatzfeld, die Palastdame Gräfin Brühl und die beiden unermüdlich tätigen, von höchster Pflichttreue erfüllten Hofdamen Gräfin Perponcher und Fräulein von Faber du Faur; außerdem aber ein ganzer Stab von hervorragenden, angesehenen und gleichgesinnten Frauen. Jede von ihnen war auf einem besonderen Gebiete tätig. Unter ihnen sind vor allem zu nennen:  
  Frau Anna von Helmholtz und nach ihrem Tode deren Tochter, Frau Ellen von Siemens, welche besonders für das Victoriahaus wirkten.  
  Frau Hedwig Heyl und Frau Henriette Schrader, eine Nichte Fröbels, waren vornehmlich in hauswirtschaftlichen Fragen maßgebend und standen zu der Kaiserin Friedrich in ganz besonderen Freundschaftsbeziehungen.  
  Frau Ulrike Henschke hatte sich dem weiblichen Fortbildungsunterricht gewidmet, und es entstand unter ihrer Leitung das Victoria-Fortbildungsinstitut. Die Kronprinzessin schuf in diesem viele Freistellen und sorgte auch für eine Unterstützung von Seiten der Stadt Berlin durch Überlassen geeigneter Unterrichtsräume.  
  Fräulein Helene Lange führte Frauenrealkurse nach englischem Vorbild in Berlin ein, an denen die Hohe Frau regelmäßig teilnahm.  
  Miß Georgina Archer, eine Lehrerin der Prinzessinnen-Töchter, gründete im Jahre 1869 das Victoria-Lyzeum zur Erweiterung der wissenschaftlichen Bildung der Frauen aus besseren Ständen, wenn möglich als Vorbereitung für das Universitätsstudium der Frau, unter dem Protektorate der Kronprinzessin Victoria, welche es sich zur Aufgabe machte, ausgezeichnete Lehrkräfte für diese Anstalt heranzuziehen. Hier hörte die Hohe Frau mit gespanntem Interesse Wilh. von Hoffmanns Vorträge über Chemie, Julius Lessings Vorträge über Kunstgewerbe und manche andere.  
  Eines der größten Denkmäler, welches sich die Kaiserin Friedrich selbst gesetzt hat, ist das von ihr angeregte und dank der unermüdlichen Tätigkeit des Professors Adolf Baginsky und des Geheimrats Virchow entstandene Kaiserin Friedrich-Kinder-Krankenhaus in Berlin. Hierzu bewilligte die Kaiserin Friedrich eine halbe Million Mark aus ihrem Silberhochzeitsfonds; denn die Kinderwelt in Freud und Leid, die Kleinkinder-Erziehung und alles, was damit zusammenhängt, wie auch die Ausbildung mütterlicher Erzieherinnen war das Gebiet, an dem ihr ganzes Herz mit Vorliebe hing.  
  Wir wollen zum Schlusse dieses bedeutungsvollen Kapitels noch einige Urteile unabhängiger, werktätiger Frauen im Dienste der Volkswohlfahrt und des Erziehungswesens über die Bedeutung der Kaiserin Friedrich hören.  
  Frau Helene Lange sagte bei der Eröffnung der Realkurse am 10. Oktober 1889: "Wir wissen alle, wer die intellektuelle Urheberin der meisten Schöpfungen gewesen, die nach dieser Richtung hin ins Leben traten. Wir wissen, in wessen Hand alle Fäden zusammenliesen und noch zusammenlaufen, die auf dem Webstuhl der Zeit ineinandergewirkt werden für unser Geschlecht und die auch ihren Teil bilden an der Gottheit lebendigem Kleid. Ich habe nicht gelernt, eine andere Sprache, als die des Herzens zu reden, und die Formen der Höfe sind mir fremd, aber ich habe gelernt, mich vor echter Größe zu beugen und in diesem Sinne bringe ich meine Huldigung der Hoben Frau dar."  
  Frl. v. Griesheim, die Leiterin des Victoria-Pensionates in Dornholzhausen bei Bad Homburg, schrieb mir vor kurzem: "Jeder, der die Kaiserin Friedrich näher kannte, muß die Partei dieser so wunderbaren, in ihrer Größe vielleicht oft schwer zu verstehenden Frau nehmen. Sie war eine der herrlichsten Frauen, die nicht nur Deutschland, sondern die Welt besessen hat."  
  Und so konnte die Kaiserin Friedrich stolz zurückblicken auf das gewaltige Werk, welches sie für ihre neue Heimat, erst für Preußen, dann für ganz Deutschland geschaffen hatte. Hier liegt der klare Beweis zutage, daß sie ihr neues Vaterland von ganzem Herzen geliebt hat, denn sie hat ihr ganzes Können, ihre ganze Begabung in den Dienst der deutschen Volkswohlfahrt gestellt, wie kaum eine Fürstin je zuvor.  

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