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Heinrich Otto Meisner: Kaiserin Friedrich

Preußische Jahrbücher, 215. Band, 1929, S. 257-280

Ende Februar 1901 besucht der kürzlich zur Regierung gekommene Eduard VII. sein Schwester, die Kaiserin Friedrich, auf ihrem Witwensitz bei Cronberg. In seiner Begleitung befindet sich als Privatsekretär Sir Frederick Ponsonby. Der Besuch in Friedrichshof dauert drei Tage. Am Abend vor der Abreise der Gäste läßt die schon schwer leidende Fürstin Sir Frederick zu sich rufen und bitte ihn am Ende eines politischen Gesprächs, ihre "Briefe zurück nach England zu nehmen". Sie würden ihm nachts ein Uhr übergeben werden. Es dürfe jedoch niemand etwas davon erfahren, am wenigsten ihr Sohn, der deutsche Kaiser. Nähere Erklärungen werden durch das Erscheinen der Pflegerin abgeschnitten. Gespannt wartet der mit Arbeit überhäufte Sekretär auf das Ende der Geisterstunde. Schon will er das Ganze für ein Mißverständnis halten, da klopft es an die Tür und herein treten vier Männer, die der Engländer nach ihrer Kleidung für Stallknechte hält, und die vor seine Füße zwei mit schwarzem Wachstuch überzogene Kisten von Handkoffergröße niedersetzen, um dann lautlos zu verschwinden. Es gelingt mit einiger List und Mühe, am anderen Morgen die auffallende Konterbande aus dem Schlosse zu schmuggeln1) und nach England zu transportieren, wo sie Sir Frederick im eigenen Hause unter Verschluß hält. Fünf Monate darauf stirbt die Kaiserinwitwe. Eines Abends, nach Beendigung der Beisetzungsfeierlichkeiten, nimmt der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg den in Begleitung seines Königs wiederum in Deutschland weilenden Ponsonby beiseite. Man habe trotz gründlichster Nachforschungen keinerlei "Briefe oder Papiere" der Verstorbenen gefunden, sein Monarch wünsche zu wissen, ob sich dergleichen zufälligerweise im Windsorer Archiv befände. Die Frage war berechtigt, hatte doch das Kronprinzenpaar im Sommer 1887 wertvollste Korrespondenzen und Tagebücher unter der Staatstreppe zu Windsor Castle deponieren lassen, die erst nach dem Tode Kaiser Friedrichs nach Deutschland zurückgelangt waren2). Sir Frederick versprach, sich deswegen mit Lord Esher, dem "Keeper of the Archives" in Verbindung zu setzen und war, da dieser von der Szene in Cronberg nichts wußte, bald darauf in der Lage, dem Grafen Eulenburg wahrheitsgemäß, wenn auch nicht ohne eine gewisse Beimischung von Cant, zu berichten, daß das Gesuchte keinesfalls im Archiv beruhe.
Vor kurzem erschien in London ein Buch, betitelt: "Letters of the empress Frederick", herausgegeben von Sir Frederick Ponsonby3). Der Vertraute von Cronberg hat sich entschlossen, das Geheimnis der beiden in seinem Gewahrsam befindlichen Deposita nach 27 Jahren zu lüften, um gegen die "bittere und ungerechte Kritik", welche in der neuen Literatur an Victorias Persönlichkeit geübt werde, mit ihren eigenen authentischen Zeugnissen im Interesse der geschichtlichen Wahrheit zu protestieren. In den Briefen an die Mutter liegt allerdings ein Quellenmalerial vor uns, das nach Lage der Dinge4), die intimsten Aufschlüsse über Denken und Handeln der zweiten deutschen Kaiserin enthält. Was ergibt sich aus ihnen?
Schon das bis 1878 früher veröffentlichte Portefeuille ihrer Mutter, der englischen Königin, enthielt eine Reihe von Briefen Victorias, die geeignet waren, Aufsehen zu erregen5). Indem Sie nun jetzt bei Ponsonby in ihren Zusammenhang eingeordnet erscheinen und das Material für die achtziger und neunziger Jahre ganz neu hinzutritt, laßt sich die politische Rolle der Kaiserin Friedrich zum ersten Male vollständig und nicht nur im Reflex fremder Urteile überblicken. Zwei Schlagworte - ein außen- und ein innenpolitisches - umschrieben bisher das öffentliche Wesen dieser Frau: die Engländerin und die Liberale, negativ sagte man dasselbe mit den Worten: Gegensatz zu Bismarck und zu Wilhelm II. (Wie sehr, der klaffenden Cäsur von 1890 zum Trotz, beide Namen und ihre Zeitalter für Viktoria zu einer gegen sie selbst gerichteten Einheitsfront verschmolzen, lehren erst die neuen Zeugnisse mit erschütternder Deutlichkeit.) Die Lage der Persönlichkeit im Koordinatensystem jener beiden Schlagworte bleibt auch jetzt bestehen, von diesen Richtungslinien her bestimmen sich nach wie vor Anklage und Rechtfertigung ihres politischen Wollens und Wirkens. Eigentlich sollte sagen: die liberale Engländerin, denn häufig ist die außenpolitische Dominante von der innenpolitischen gar nicht getrennt zu halten, beide klingen zugleich an.
Das Land, das die noch sehr jugendliche Prinzeß mit ihrer Verheiratung betrat, war für die englische Geschäftspolitik - worüber familiäre und populäre Freudeäußerungen anläßlich des "Herzensbundes" doch nicht hinwegtäuschen - in dreifacher Weise belastet: Preußen erschien als Trabant Rußlands noch von den Zeiten Nikolais her, es war im Krimkrieg Gewehr bei Fuß geblieben, statt die Sache der Westmächte zu der seinen zu machen. Innenpolitisch stand es im gleichen Lichte moskowitischer Reaktion statt insularer Freiheit. Auch das deutsche Prestige dieses Staates, dessen Olmütz erst wenige Jahre zurücklag, war nicht groß. Jener Eindruck der Ruppigkeit (von dem Bismarck einmal seinem Busch plaudert6) stammt mit aus diesen Ansichten. Was natürlich ganz und gar nicht ausschloß, der altbewährten Kontinentaldegentheorie entsprechend, jede Gelegenheit zu benutzen, durch welche, wenn auch vielleicht erst nach längerer Zeit, die doch immerhin bebeträchtlichen Kräfte Preußens gegen das Zarenreich, Englands säkularen Gegner, eingesetzt werden konnten.
Als Gattin des preußischen Thronerben hatte also die englische Königstochter die erkannte und eifrig bejahte Aufgabe, in ihrem neuen Kreise antirussisch zu wirken, zugleich aber auch innenpolitisch eine möglichst große Annäherung an die Verhältnisse und Ideale ihres Geburtslandes herbeizuführen. "We had a mission", schreibt sie im Rückblick auf die drei Jahrzehnte ihrer Ehe. Diese "Mission" bestand darin, dem armen, durch die "antediluvianischen" Regierungsmaximen der meisten Hohenzollern7) unterdrückten Preußenvolke englische Freiheit zu verkünden, sein durch die jahrhundertalte Krankheit des Konservativismus verdorbenes Wesen am britischen Konstitutionalismus gesunden zu lassen. Diese Aufgabe wird mit dem bergeversetzenden Glauben eines Religionsstifters angepackt, der kein Kompromiß und seine Zweifel kennt, zugleich aber auch mit dem ganzen Stolz des "auserwählten Volkes", das im Besitze der einen orthodoxen Wahrheit, berufen ist, die "politischen" Heiden zu bekehren. Der im Grunde insular beschränkte Dünkel bezieht sich nicht nur auf das Privilegium politischer Erbweisheit8). Dostojewskis tiefes Wort, daß jedes Volk ein Weg zu Gott sei, blieb der englischen Prinzeß verborgen. Nach ihrer Ansicht ist England und eben nur dieses "the first people of the world"9), bei anderer Gelegenheit "a country so vast superior to all other in every" sense"10), daß die Welt nur dann zur Vollendung gelangen kann, wenn sie entsprechend der roten Farbe in den Atlanten auch innerlich "an English mind" gewinnt. Unter diesen Voraussetzungen war es etwa so, als wenn eine aufgeklärte, biIdungsstolze Großstädterin sich aufs Land verheiratet. Sie liebt ihren Mann innig, aber "die Familie" ist ihr schon weniger sympathisch, und der ganze dörfliche Betrieb in seiner urväterlichen, "rückständigen" Weise ein ewiger Anlaß zum Naserümpfen und Besserwissen. Und da die Prinzessin - sanguine by nature11) - aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube machte, dem Tadel an den preußischen Zuständen oft und gern Ausdruck verlieh, andererseits aber höchst empfindlich war und derb zuschlug, wenn irgend jemand etwas gegen ihre geliebte Heimat zu sagen wagte, so ist es nicht verwunderlich, daß sich bald genug Mißverständnisse und Konflikte häufen und allmählich jene Isolierung eintrat, unter der die mitteilungs- und resonanzbedürftige Frau mehr und mehr zu leiden hatte.
Sie ist zu klug, um die positiven Kräfte ihrer preußisch-deutschen Umwelt zu übersehen, und zu aufrichtig, um sie zu verschweigen. Schließlich war Viktoria die Tochter einer Mutter, die bei den verschiedensten Anlässen aus ihren deutschen Sympathien trotz allem "Windsorismus" kein Hehl machte, und eines Vaters, der noch viel unmittelbarer in der Ideenwelt des deutschen Nationalstaatsgedankens wurzelte. So begreift es sich, daß erst der preußische, dann der allgemeindeutsche Aufschwung, dessen dauernde Zeugin die Kronprinzessin an der Seite Friedrich Wilhelms war, einen starken Eindruck auf ihr empfängliches Gemüt machte, dem sie dann mit temperamentvoller Lebhaftigkeit - und vielleicht manchmal mit sanguinischer Steigerung - Worte lieh. Bei früherer Gelegenheit12) war von besonders auffallenden Äußerungen ihres Enthusiasmus anläßlich der Ereignisse von 1864, 1866 und 1870/71 die Rede. Mehr Verständnis für die positiven Werte preußischer Vergangenheit konnte kaum jemand zeigen, als es "die Engländerin" damals getan hat. Wie sie auf der Höhe des Siegeslaufes (nach Sedan) voll Dankbarkeit die Geister der "Zwingherrn zur Deutschheit" (um mit Fichte zu sprechen), die großen Monarchen des 18. und die großen Reformer des 19. Jahrhunderts beschwört, wie sie mit Jakob Grimm13) zutiefst erkennt, daß "unsere Armut, unsere unfreundlichen Städte, unser ernstes Leben voll mühsamer und harter Arbeit uns starr und entschlossen gemacht hat, uns gesund ist", da stört kein Mißklang die Reinheit des Tones. Nichts von jener stolzen Albionstochter, die auf den armen preußischen Adel herunterblickt, der zusammen weniger Silber habe als zwei oder drei Liverpooler Pfeffersäcke14), und noch nicht die verlogene Theorie vom Kultus der Macht als einer spezifisch preußisch-deutschen EigenSchaft! So war sie schon nach Königgrätz stolz gewesen, eine Preußin zu sein und davon überzeugt, daß "the Prussians are a superior race, as regards intelligence and humanity, education and kindheartedness"15). Aber freilich, gleich unmittelbar neben solchen Lobeserhebungen steht, in einer merkwürdigen Unkenntnis von der zwangsläufigen Wechselwirkung zwischen Führern und Geführten, zwischen Volks- und Staatsbegriff, die leidenschaftliche Verurteilung des Regierungssystems, des "stato" im Sinne der Renaissance als der "Herrschenden und ihres Anhangs". Jenes Volk, dessen tüchtige Eigenschaften hinter rauher Schale anerkannt werden, befindet sich, wenn man der Anschauung Victorias folgen will, in einem unmöglichen Vakuum, denn die staatliche Lebensluft, die es doch dauernd atmen muß, um zu existieren, ist ja verdorben. Unwillkürlich fragt man sich, wo denn die Tugenden, der Individuen herkommen wenn die Erscheinungsform ihres "contrat social", der Staat, sich durch das Gegenteil von "intelligence, humanity, education und kindheartedness" charakterisiert. Hier mündet eine Kausallinie im Denken der fürstlichen Frau, die uns nicht nur obiqen Widerspruch, sondern auch den unheilbaren Konflikt zwischen ihr und dem leitenden Staatsmann der Epoche erklärt.
Bismarck äußerte einmal16) zu dem Vorwurf, daß er im Kulturkampf und sonst seine Ansichten und Ziele gewechselt habe: "Das kann nur der tadeln, der nie leitender Minister gewesen ist. Wer das längere Zeit ist, der wird seine ursprünglichen Gedanken niemals ganz und unverändert festhalten können und durchzuführen suchen. Er steht Situationen gegenüber, die nicht immer dieselben sind - dem Leben, dem Werden -, bei denen, er sich heute so und morgen vielleicht schon anders einrichten muß. Ich konnte nicht wie eine Kanonenkuqel geradeaus laufen, sonst hätte ich mir den Kopf einqestoßen." Die Kronprinzessin ist politisch ihr ganzes Leben lang "wie eine Kanonenkugel geradeausgelaufen". Als "liberale Engländerin", d.h. im Hinblick auf die deutschen Verhältnisse als innen- und außenpolitische Doktrinärin. Hier gab es nur das "Ziel"; was ihm frommte, war gut und fromm an sich, Was ihm schadete, schädlich oder schlecht an sich. Kein Puritaner ihrer Heimat konnte radikaler sein. Nur eine Regierungsform darf für die Staaten ihrer Zeit den Anspruch auf Vollgültigkeit erheben, die englische. Nur eine Außenpolitik traf fast divinatorisch das Richtige und durfte sich deswegen auch gewisser Methoden und Hilfsmittel bedienen, welche sonst shocking sind - die englische. Viktorias Vater und verehrter Lehrer, der Prinzgemahl, liebte es, seine Gedanken in schön stilisierten und schön geschriebenen Promemorias niederzulegen. Diese Promemorias galten in der Familie, vor allem bei Frau und ältester Tochter, als Heiligtümer. Die jüngere Viktoria hat ihr Leben lang das "konstitutionelle" Programm wie ein väterliches Promemoria mit sich) herumgetragen es war ihr Evangelium, der Inhalt ihrer "Mission". Auf der doktrinär verhärteten Grundlage dieser Prinzipien baute sich ihre politische Gedankenwelt auf. Denn Prinzipien vor allem mußte für sie der Mensch haben, jede Abweichung von der Norm ("unprincipled") galt ihr als verdammenswürdiger "Opportunismus". Wie Mächte des Lichts und der Finsternis scheiden sich in Europa Fortschritt und Reaktion. Wie jene nur gute, so hat diese schlechte Eigenschaften. Die unaufhörlich in den Briefen wiederholten Schlagworte dafür find einerseits Freiheit, Humanität, Toleranz, Kosmopolitismus, Zivilisation, Schutz des Schwächeren, Grundsatztreue, Friedensliebe, fair play, dagegen auf der anderen Seite: Despotismus, Brutalität, finsteres Mittelalter, Recht des Stärkeren, Falschheit, Opportunismus und Bedrohung des Nachbarn durch den Kultus der Macht. Wie der "streng reaktionäre und ultrakonservative Geist für hundert und mehr Jahre the element of all mischief in Germany" war, so soll und wird das vom Kronprinzenpaare erstrebte liberale Regiment alle Schäden heilen und den Idealstaat verwirklichen. Es gab nur das eine oder das andere. Daß sowohl das konservative wie das liberale Element - um einmal die vereinfachende Terminologie unserer parteigeschichtlichen Frühzeit anzuwenden - in der staatlichen Dynamik notwendig waren, daß auch die liberale Weltanschauung ihre schwachen Seiten hatte und zur Kritik Anlaß bot, bis zu dieser Erkenntnis scheint die kluge Tochter des Prinzgemahls nie vorgedrungen zu sein oder sie unterdrückte aufsteigende Bedenken um der Partei willen. Denn eine einseitige Partisanin ist sie ihr Leben lang geblieben, und schon darum war der Zusammenstoß mit dem über den Parteien stehenden Staatsmanne unvermeidlich.
Auf dem Hintergrunde einer Schwarzweißmalerei, die keine Übergänge und Nüanzierungen kennt, entwickelt sich das Verhältnis der fürstlichen Frau zu dem Manne, der auch ihr Schicksal wurde, weil er der Träger der Epoche war, zu Bismarck. Eigentlich ist von einer Entwicklung nichts zu spüren, die Beziehungen liegen im vorhinein fest und werden sich, von kleinen Oberflächenschwankungen abgesehen, ein Leben lang nicht ändern. Denn der Leiter der preußisch-deutschen Politik ist ihr ja die lebendige Verkörperung, der stärkste Hort aller jener Kräfte, deren Bekämpfung bis zum Äußersten Viktoria sich zur Pflicht gemacht hat. So ging sie denn wie ihr Gemahl sofort nach der Ernennung des neuen Ministerpräsidenten in die schärfste Opposition und verharrte darin bis zu seiner Entlassung, ja bis zu seinem Tode. Diese Opposition richtet sich sowohl gegen die innere wie gegen die äußere Politik Bismarcks. Weil der "liberalen Engländerin" die harten geopolitischen Notwendigkeiten des preußisch-deutschen Staates und seine damit Verknüpfte innerpolitische Eigenart niemals recht klar geworden sind, so läuft sie immer von neuem Sturm gegen das Gesetz, nach welchem er in die Geschichte eingetreten.
Wir wissen heute - und immer neue Zeugnisse erhärten die Wahrheit -, daß die Bismarckische Lösung des deutschen Staatsproblems eine Notwendigkeit war, eine für manche Glieder des Deutschtums bitterschwere Lösung, deren Relativität, wie die aller menschlichen Dinge, nicht verborgen werden darf, aber der einzige Weg, um die historische Verspätung Deutschlands im europäischen Staatenbildungsprozeß wenigstens einigermaßen nachzuholen. Der andere Weg, aus dem genossenschaftlichen Willen heraus, der Weg der Paulskirche, hatte sich als ungangbar erwiesen. Diese Erkenntnis bedeutete für viele Deutsche ein schweres sacrifcium intellectus. Groß war die Zahl derer, welche nach den überwältigenden Proben seiner Könnerschaft Frieden mit dem genialen Staatsmanne machten, und unter ihnen befinden sich liberale Namen von allerbestem Klang. Bei manchen aber vernarbten die Wunden aus der Konfliktszeit nie, und ihre Träger konnten das Geschehene nicht vergessen. Zu diesen gehörte das Kronprinzenpaar. Es ist einer der stärksten Eindrücke der in kurzem gedruckt vorliegenden Tagebücher des preußischen Thronerben aus den sechziger Jahren, in den Abgrund des Mißtrauens zu blicken, welcher ihn von dem Wegbereiter eigener Größe trennt. Und die Frau an seiner Seite, war bei dem unheilvollen Gegensatz zeugend und empfangend zugleich. Nicht die Tatsache ihrer Kritik ist das Charakteristische - ihre Möglichkeit leugnen, hieße gleichem Dogmatismus anheimfallen wie die Kronprinzessin -, sondern die persönliche Verfärbung sachlicher Differenzpunkte und die doppelte Moral, je nachdem es sich um das Land Bismarcks oder ihre eigene Heimat handelte.
Letzteres erweist die Art, mit welcher gleich eine der ersten programmatischen Äußerungen des Ministerpräsidenten ein Leben lang gegen ihn ausgespielt wird. Bismarck hat bekanntlich, bald nach seiner Berufung, in der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses erklärt nach seiner Meinung würden die großen Fragen der Zeit nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse, sondern durch Eisen und Blut, das heißt17) durch eine starke Armee entschieden, ohne Zweifel manchen Staatsmännern des damaligen Europa aus der Seele redend, wenn diese auch so vorsichtig waren, dergleichen Gedanken lieber hinter öligen Phrasen von Freiheit und nationalem Selbstbestimmungsrecht zu verbergen. Man kann nun gewiß der Meinung sein, daß friedliche Lösungen im Leben der Völker genau so wie im Privatleben allen Gewaltarten vorzuziehen sind, und von diesem Standpunkt her das Diktum Bismarcks grundsätzlich verwerfen. Man kann aber nicht einerseits den Leiter der preußischen Politik als einen brutalen Renaissancemenschen18) und Verehrer der "raison du plus fort"19), als napoleonische Eroberungsbestie abstempeln andrerseits aber jede Prestigehandlung Albions als eine dira necessitas verteidigen und sich nach einem richtigen Brüllen des britischen Löwen und dem Donner einer britischen Breitseite förmlich sehnen20), wie es die deutsche Kronprinzessin aus englischem Hause ganz naiv tut. Die Gewaltterminologie der Jahrhunderte wird von ihr aufgeboten, um das angeblich brutale Element in Bismarcks politischem System anschaulich zu machen; auf den Gedanken, auch dieses System unter den Gesichtspunkt der "Staatsraison" zu rücken, wie selbstverständlich alle Handlungen englischer Politiker, kommt sie gar nicht. Man mag über die deutsche Flottenpolitik urteilen wie man will, jedenfalls mißt die Kaiserin Friedrich mit zweierlei Maß, wenn sie eine "unverhältnismäßig große Flotte" bei Deutschland für einen "Fehler" hält21), im englischen Falle dagegen "every penny" als "rightly spent on our army and navy" betrachtet und beide "as efficient as possible" wünscht22). Um so mehr als die unglücklich eingeklemmte Lage Deutschlands zwischen den stärksten Militärmächten Europas eine Weit stärkere Anspannung aller Defensivmittel erforderte als es England in seiner damaligen "splendid isolation" nötig hatte.
Schwerer jedoch als diese der Kronprinzessin, einem engagierten "John Bull"23) vielleicht gar nicht so zum Bewußtsein gekommene Ungerechtigkeit wiegt die persönliche Verfärbung ihrer Polemik gegen Bismarck. Man kann es mit dem geheimen Ressentiment der purpurgeborenen gegen ihre überragenden "Helfer" erklären, wenn die hohe Dame den "treuen Diener seines Herrn" wiederholt mit dem "Witze neckte", er wolle aus Deutschland eine Republik machen, um dann vielleicht selber deren Präsident zu werden24), obwohl sich unschwer ermessen läßt, welche Formen jener "Witz" angenommen haben dürfte, wenn sich im vis-à-vis nicht der Krone und Konstitution suspendierende25) "Hausmeier" befand. Ganz ernsthaft aber sind folgende Äußerungen der Kronprinzessin gemeint. Am 5. Juni 1875, nachdem Bismarck den Tag zuvor ihrem Gemahl seine Ansichten über die "Kriegsgefahr" auseinandergesetzt hat: "Für uns und viele ruhige und denkende Deutsche ist es sehr traurig und hart, ein Gegenstand des allgemeinen Mißtrauens und Argwohns zu sein, was wir natürlich sind, solange Bismarck der einzige und allmächtige Herrscher unseres Schicksals bleibt. Nur sein Wille ist hier Gesetz und von seiner guten oder schlechten Laune hängen unsere Sicherheits- und Friedenschancen ab" (!)26) - Am 20. April 1889: "Er (Bismarck) dachte niemals ernstlich daran, Kolonien zu haben und für sie zu fechten27), aber er unterstützte die mißleitete und künstliche Sansibar- und Samoabegeisterung, weil er glaubte, Sie für Wahlzwecke benutzen zu können und durch Schwenken der Landesflagge und durch Blasen der nationalen Trompete sich populär zu machen. - Am 27. September 1889 (Anfang des Jahres hatte Bismarck Salisbury ein Bündnisangebot gemacht28): "Fürst Bismarck ermutigt alles, was jetzt wie eine Höflichkeitsbezeugung gegenüber der englischen Regierung aussieht. Er wünscht seine Deutschen klar verstehen zu lassen, daß er nur einem mit dem Kaiser Friedrich symphatisierenden England feindlich gesonnen war,... einem mit dem gegenwärtiqen Regime und seiner (Bismarcks) Regierung allein sympathisierenden England... wird er sicherlich freundlich gesinnt sein29)." Und schließlich am 15. Februar 1890: "Das Kokettieren mit dem "Mob" ist stets ein Bestandteil des Bismarckschen Programms gewesen wie bei Napoleon III.30)." - Der Meister sachlicher Politik als krasser Egoist seine innere und äußere Politik von weibisch-eitlen Motiven31) abhängig machend. Bei solcher Berichterstattung kann man sich über das Echo aus Windsor nicht wundern obwohl hervorgehoben werden muß, daß die englische Königin bei anderer Gelegenheit den heftigen unb scharfen Ton ihrer Tochter zu dämpfen bemüht war. Am ungünstigsten aber wirkt das Schreiben vom 24. August 1888, in welchem sich der Satz findet: "Fürst Bismarcks Kniff (dodge) besteht immer darin, die Deutschen glauben zu machen, daß sie im Begriffe sind angegriffen, benachteiligt, insultiert zu werden, und daß ihre Interessen verraten werden, wenn er nicht da wäre, um sie zu schützen. Es gibt viele, die töricht, unwissend und kurzsichtig genug sind, um all dieses Geschwätz (trash) zu glauben, und welche ihre Rechte und Freiheiten und ihre Wohlfahrt opfern würden, wenn nur Fürst Bismarck bleibt und Sie beschützt!!! Vor was? Gegen was? Ich glaube wirklich nicht, daß sie es wissen." - Der Gründer des Reichs: "Mein Schlaf ist keine Erholung, ich träume weiter, was ich wachend denke. Neulich sah ich die Karte von Deutschland vor mir, darin tauchte ein fauler Fleck nach dem andern auf und blätterte sich ab." Der cauchemar des coalitions raubt ihm den gesunden Schlaf. - Des Reiches zweite Kaiserin aber weiß es besser. Cauchemar? "Vor was? Gegen was?" - Ein Kniff. Ein Popanz, mit dem man die deutschen Kinder hübsch artig hält. - Ist übrigens, vom Persönlichen abgesehen, der Leichtsinn dieser Worte kurz nach der drohenden Kriegsgefahr des Winters 1887 zu 1888 noch anders zu erklären als mit der Tatsache, daß in jenen Kreisen, die es am meisten anging, ein naives Sekuritätsgefühl sich nicht klargemacht hatte, wie mühsamer Kunst es bedurfte, um das Reichsgebäude zu erhalten, auf dessen Zinnen man mit stolzer Selbstverständlichkeit einherschritt?
Das "men and measures" in unmöglicher Weise vereinfachende Denken, welches die mitgeteilten Äußerungen Viktorias offenbaren, ist für ihre politische Rolle schlechthin charakteristisch. Gradlinig, weil mit Scheuklappen rechts und links versehen, wird auf das allein in Frage kommende Ziel losgesteuert; diese Gradlinigkeit kennt keine Kompromisse, nichts Relatives, kein Sowohl-als-auch, in gewissem Sinne auch keine Individualität bei Völkern, Staaten und Regierungssystemen, sondern nur die Norm, das parteipolitische a priori, das doktrinäre Schema. Neben den aus der Privatethik abgezogenen Begriffen der "honesty", "fairness" und des "plain-dealing" ist für die Tochter des Prinzgemahls "simplicity" ein Lieblingsmerkmal der Politik, wie sie sein soll32). Daß die wirkliche Politik nicht erst seit Machiavellis Tagen häufig andere Wege wandeln mußte, um sich im Rivalitätskampfe der Völker und Nationen zu behaupten, wird dieser anima candida zum ewigen Stein des Anstoßes - wenigstens wenn sie ihr außerhalb Englands begegnet. Da sie die unendlichen Schwierigkeiten, die es kostete, um Deutschland in den Kreis der "glücklichen Besitzer" einzuführen und darin zu erhalten, nie recht ermessen hat, haftet ihr Blick mit Vorliebe an den Schlacken, die "Vom Schmiedefeuer des Titanen kaum getrennt gedacht werden können"33). Fortschrittlich eine Wirklichkeit idealisierend, die es nun einmal dem Menschen, und dem Politiker zumal, nicht gestattet, seine Kinderreinheit zu bewahren, erscheint ihr die Gestalt Bismarcks zynisch und brutal34), "wie aus einem anderen Jahrhundert", seine Handlungsweise, als wenn man "ein Blatt aus dem Buche der Medici aufschlägt"35). Die Neigung zur "simplicity" verführt sie zum Schablonisieren ihrer Gegenspieler, woraus schwere Irrtümer entstehen. Wie Bismarck in ihren Augen stets der Kreuzzeitungsmann geblieben ist, als der er in die politische Arena stieg, trotz aller Vorgänge, die sie eines Besseren hätten belehren sollen36) so wirft sie auch, ganz beherrscht von der Idee eines Frontkampfes fortschrittlicher und reaktionärer Prinzipien, Junker, military party, Kartell, Kanzler und Wilhelm II. unbesehen in einen Topf. Alles, was nicht "liberal" und englisch orientiert ist, bildet den großen "Ring" des Verderbens, die "wicked clique" oder den "cercle vicieux" (wie sich die Queen verschärfend ausdrückt37), und, wenn man die unzähligen Einzelklagen über diesen Gegenstand sammelt, ergibt sich, daß eiqentlich alle maßgebenden Persönlichkeiten ihrer Umgebung diesem Lager mehr oder weniger angehören: neben dem leitenden Staatsmanne und den "Bismarckites", die "fünfzigmal schlimmer" sind als er38), neben den Militärs und der Geistlichkeit, Wilhelm I. selbst und die Kaiserin Augusta, die eigenen Söhne Wilhelm und Heinrich, die älteste Tochter Charlotte und ihr Gemahl Bernhard von Meiningen, die Schwiegertochter "Dona". Ja selbst im Kreise ehemaliger Gesinnungsgenossen vollzieht sich der "Abfall" (Fritz von Baden, Ernst von Koburg, Albert von Sachsen, Freytag). Sogar Stockmar gefällt ihr nicht mehr39). Immer einsamer wird es um die Kaiserinwitwe, auch in ihrem persönlichen Gefolge glaubt sie mit der einzigen Ausnahme: Seckendorff40) keinen wahren Freund mehr zu besitzen. Doch diese erschütternde Isolierung mahnt sie nie, das eigene Denken und Tun einmal auf seine völlige Hieb- und Stichfestigkeit nachzuprüfen; mit dem unerschütterlichen Glauben an die Richtigkeit ihres politischen Dogmas, und wenn die Welt voll Teufel wär, verschwindet sie nach Jahrzehnten vergeblichen Hoffens und Harrens und dem kurzen Intermezzo einer Majestät, deren Träger vom Tode gezeichnet war, vor der Welt immer mehr in der Cronberger "Verbannung".
Sie zweifelte nicht daran, daß, wenn ein gütigeres Geschick ihrem Gemahl und ihr selbst ein längeres und wirkliches Handeln an verantwortlicher Stelle gegönnt hätte, Deutschlands Zukunft eine andere geworden wäre. Obwohl sie nicht nur unter dem Eindruck des siegreichen Aufstieges sondern auch in der Zeit des schwierigeren Sich-Behauptens, wiederholt die "Größe" des Mannes am Steuer, den sie doch "wie Gift haßte41)", ohne ironische Gänsefüßchen anerkennt42), obwohl sie zugibt, daß sein "Genius" das Beste für Volk und Land will43), obwohl sie bisweilen - so 1876 - als eine begeisterte Verteidigerin, "an enthusiastic supporter of Bismarck" auftritt44) und die Richtigkeit und Notwendigkeit seiner auswärtigen Politik, sein Streben, den Frieden zu erhalten45), die Zwickmühle Rußland-Frankreich46), anerkennt, stets folgt doch auch nach solchen beifälligen Worten das große "Aber", wohl am plastischsten formuliert in dem Briefe vom 5. Januar 1888: "Man muß gerecht und dankbar sein; doch da Du nicht Trauben vom Dornbusch oder Feigen von Disteln ernten kannst, so kannst Du von ihm (Bismarck) nicht erwarten, was dem modernen Deutschland fehlt und wonach es dürstet, nämlich, Friede zwischen den Klassen, Rassen, Religionen und Parteien, gute und freundschaftliche Beziehungen mit seinen Nachbarn, Freiheit und Achtung des Rechts statt der Gewalt und den Schutz des Schwachen gegen den Druck des Starken47)." Ihr "Fritz" und sie selbst hätten - das spricht sie oft genug aus - dies goldene Zeitalter über Europa heraufgeführt. Denn, so naiv es klingt, "Fritz brauchte Bismarck und seine diplomatische Bande nicht, um gute Beziehungen mit anderen Mächten herzustellen. Er besaß die Freundschaft und das Vertrauen der Herrscher und die Sympathien ihrer Völker48)."
Es ist ebenso müßig, Betrachtungen anzustellen, wie die Geschichte des letzten Menschenalters aussähe, wenn auf Wilhelm I. nicht der Enkel gefolgt wäre, wie es müßig ist, unter dem gleichen Gesichtspunkt sich in England die Königin Viktoria an Stelle ihres Sohnes länger am Leben zu denken. Aber das wird gesagt werden dürfen: in der Opposition, noch dazu einer durch Jahrzehnte versteinerten, sehen sich die Dinge anders an, als an verantwortlicher Stelle - auch auf den Stufen des Thrones. Bismarck war der Ansicht, daß der Kronprinz, wenn er als ein gesunder Mensch zur Macht gelangt wäre, seine Anhänger in Erstaunen gesetzt haben würde, durch den Konservativismus seiner Regierung. "Die Herren vom Freisinn irren gar sehr, wenn sie ihn als Gesinnungsgenossen nahmen, er wäre vielleicht der reaktionärste unter allen Hohenzollern geworden49)." Schon das 1926 vollständig veröffentlichte Kriegstagebuch von 1870/71 und mehr noch die demnächst gedruckten kronprinzlichen Tagebücher machen dies Urteil nicht so abenteuerlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ganz abgesehen nun jedoch von der fehlenden Gegenprobe und den Chancen einer Besserung durch die "ausgefallene Generation" - welche Unbilligkeit häuft sich in den oben zitierten Worten der Kronprinzessin! Denn unbillig ist es, für die Erbsünde eines ganzen Volkes - den Hader der Parteien - oder für eine geschichtliche Hypothek - die konfessionelle Spaltung - das System Bismarcks verantwortlich zu machen. Unbillig ist es, über den mangelnden Schutz der Schwachen zu jammern, wenn man als geschworene Manchesterliberale jeden "Staatssozialismus" verabscheut50), den Begriff "soziale Frage" für ein "stupid word" erklärt51) und alles Heil von der "Selbsthilfe" erwartet25), deren Leistungen jenseits des Kanals in jener Zeit wirklich nicht ermunternd waren. Besonders unbillig aber ist die Erwähnung der "freundschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarn", da die Kronprinzessin doch selbst Bismarcks Bemühungen um den Frieden gekannt und anerkannt hat. Freilich, es stimmte schon, daß das neue Reich der Mitte unter den Nachbarn nicht "beliebt" (loved) war, aber daraus dem Gründer einen Vorwurf zu machen, wie es Viktoria - in fast wörtlicher Anlehnung an die Silvesterbetrachtung ihres Gatten von 187053) - tut, heißt eine historisch-politische (Gegebenheit in persönliche Schuld umdeuten. Daß der späte Eindringling in die europäische Staatengesellschaft von dieser nicht gerade mit freundlichen Blicken betrachtet wurde, ist durchaus begreiflich, war es doch für sie entschieden der bequemere Zustand, im Zentrum des Erdteils ein politisches Vakuum oder doch Minimum zu haben, wo sich die Stürme von Ost und West austoben konnten, als eine gefestigte Macht, die ihren Platz an der Sonne beanspruchte. Im übrigen: Scherte sich "the first people of the world" um "Beliebtheit"? Sie als außenpolitischer Programmpunkt gehörte auch zur Verhimmelung des "Fremden", die Bismarck am Liberalismus seiner Tage so unyympathisch war, obwohl - das charakterisierte ja eben den "opportunistischen" Realpolitiker im Gegensatz zur prinzipienstarren Kronprinzessin -, weder im Begriff noch im Wesen des konkreten Liberalismus etwas lag, das beständig seine Feindschaft zu erregen brauchte"54) und also jene geistige Strömung für ihn durchaus kein "Bolschewismus" war55).
"Sie traue mir nicht", das wurde Bismarck schon gleich nach der Ankunft der Prinzessin in Berlin (Februar 1858) durch Mitglieder des königlichen Hauses hinterbracht56). Und dieses Mißtrauen hat die Beziehungen zweier Menschen während ihres ganzen Lebens vergiftet. Denn natürlich war es beiderseitig. Wohl kamen Momente, in denen taktische Rücksichten die innere Kluft überbrückten; beide Persönlichkeiten standen auch zu hoch, um nicht die guten Seiten des anderen zu würdigen57), aber im Grunde war ihr Verhältnis irreparabel. Von Schuld zu sprechen ist in solchem Falle Torheit; es war eine Tragik, daß Deutschlands größter Staatsmann unter den vielen anderen Widerständen auch noch die zweier gekrönter Frauen zu überwinden hatte, die ihm das Leben nach Kräften erschwerten, statt seiner Persönlichkeit Anwalt und Mittler bei der monarchischen Spitze zu sein, wie die Königin Luise für Hardenberg. Wenn man aber das Maß menschlicher Schwächen abwägt, so darf der verantwortliche Leiter des Staates auch hierin weiteren Spielraum beanspruchen - wo viel Licht, ist auch Schatten - als die bei allen Qualitäten doch bescheideneren Figuren um ihn her, zumal wenn diese selbst sich seiner Größe bewußt sind. Die Frau des deutschen Kronprinzen aber hat das ihrige dazu getan, um sachlich schon schwer genug belastete Beziehungen persönlich auf das Bedenklichste zu erschweren. War es schon heikel genug, daß sie ihr stets übervolles Herz ohne jede Hemmung der Mutter ausschüttete, weil diese Mutter die Herrscherin eines fremden Landes war und sie selbst die Gemahlin des preußisch-deutschen Thronfolgers, auf diese Weise also Familiendifferenzen gar zu leicht zu Staatsaktionen werden konnten, obwohl Viktoria überzeugt war, stets beides auseinanderzuhalten58), so wurde es gradezu eine diplomatische Gefahr, wenn Sie "sachlich" über die deutschen Zustände nch Windsor berichtete. Takt und Vorsicht - das gibt selbst Sir Frederick Ponsonby zu59) - sind nie ihre starken Seiten gewesen. "Sie war an schnelle Worte gewohnt und schrieb sie nieder60)". Und so ergab sich denn, daß in ihren Briefen an die Mutter Stellen stehen, die mit dem Worte des Bismarckschen Immediatberichts vom 23, September 1888: "Indiskretionen" nicht übertrieben gekennzeichnet werden. Hierfür einige Beispiele:
Im Februar 1870 erschien der spanische Deputierte Don Eusebio Salazar von neuem in Deutschland, um als Beauftragter des Marschalls Prim in Sachen der bekannten Thronkandidatur dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollem, dem Könige Wilhelm und dem Grafen Bismarck Briefe zu überbringen. Diese Sendung war unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit in Szene gesetzt worden, und die daraufhin im Schoße der preußischen Regierung geflogenen Beratungen sollten ebenfalls "unbedingt geheim gehalten" werden61). Gleichwohl läßt der Kronprinz, der an jenen Beratungen teilgenommen hatte, durch seine Gemahlin am 12. März von der Mission Salazar und ihrem Inhalt der englischen Königin Mitteilung machen, weil, wie die Kronprinzessin62) es ausdrückt, "der König (!), Fürst (Anton) Hohenzollern, (Erbprinz) Leopold und Fritz (ihr Gemahl) privatim Deine Meinung zu wissen wünschen". Viktoria bittet die Mutter, das Ganze als "most profoundly secret" zu betrachtet und eine eventuelle Antwort in deutscher Sprache an den Kronprinzen unmittelbar zu richten, da es ihr besonders unangenehm sei, als Medium in so wichtigen und ernsten Angelegenheiten zu dienen". Die Konigin antwortete dementsprechend unter dem 16. März63). Wußte Bismarck von diesem Draht nach London und, wenn nicht, hätte er ihn gebilligt? Nach seiner Äußerung vom 9. März und der außerordentlichen Vorsicht, mit der er selbst die Verhandlungen führte64), darf man dahinter wohl ein Fragezeichen setzen. Damit aber ist das Bedenkliche dieses ganzen Verfahrens des Kronprinzenpaares trotz der Abschwächung, die in der (doch wohl kaum zu bezweifelnden) Mitwirkung des Königs liegt, vom Bismarckschen Standpunkte erwiesen65). Zumal es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Denn wie die Königin auch sonst über höchst geheime Aktionen der Bismarckschen Politik auf dem Laufenden gehalten worden ist, zeigt ihr Brief an Viktoria vom 3. November 1879, der auf Mitteilungen Von "Fritz about the alliance between Germany and Austria" antwortet und mit den bezeichnenden Worten schließt: "Fritz's Name soll nicht erwähnt werden(!), und ich bin ihm sehr dankbar für die bedeutenden Informationen (!), die er mir gegeben hat. Wenn er mehr hört, denke ich, wird er's mich wissen lassen" (Ein andermal schrieb die englische Königin, sie hasse politische Briefe66).
Aber die Kronprinzessin handelte auch ganz auf eigene Faust, hinter dem Rücken ihres Gemahls. Am 28. Januar 1871 sendet sie Auszüge aus den Feldzugsbriefen des kronprinzlichen Heerführers (wie schon früher seine Beschreibung der Schlacht von Wörth67) an ihre Mutter mit der Bitte, sie keinem Menschen zu zeigen außer Schwester Lenchen und Christian (deren Gemahl) und fügt hinzu: "have not even told Fritz that they are copied and sent to you". Natürlich ist es schwer, die richtige Grenze, zu ziehen, wo die Tochter, die ihr Herz ausschütten darf, aufhört, und wo die preußisch-deutsche Kronprinzessin, die zu schweigen wissen muß, anfängt. Aber gerade, weil diese Grenze flüssig und unsicher bleibt, weil der Briefschreiberin optima fide durcheinander gerät, was sachlich gesehen streng zu trennen wäre, muß angesichts obiger diskreter Indiskretionen die alte Streitfrage, ob durch eine ursprüngliche Unvorsichtigkeit der Kronprinzessin gewisse Nachrichten schließlich bis zu den Ohren des Marschalls Bazaine68) gedrungen sind oder nicht, nach wie vor offen bleiben69). Die Entrüstung, mit welcher die Kronprinzessin Bismarcks im übrigen ja allerdings anfechtbaren70) Immediatbericht anlaßlich der Geffckenschen Publikation aus dem Kriegstagebuch des Kronprinzen von 1870/71 aufnahm71), ist also hinsichtlich des Vorwurfs der Indiskretionen zumindest in objektiver Hinsicht fehl am Ort.
Damals nach dem Tode ihres Gemahls war die Feindschaft Viktorias gegen den Kanzler auf dem Gipfel. Anlaß bot vor allem das erneute Auftauchen der Battenbergaffäre, worüber die Briefe an die englische Kömgin zahlreiche hier nicht weiter zu erörternde Einzelheiten bringen. Bismarck wird der leidenschaftlich erregten Mutter zum ganz persönlichen Zerstörer des Glücks ihrer Tochter, obwohl nicht nur das Kaiserpaar und die Söhne Wilhelm und Heinrich, sondern vor allem auch ihr eigener über alles verehrter Gatte gegen eine Verbindung der hohenzollernschen Prinzessin mit dem ehemaligen Bulgarenfürsten waren. Hier schlügen zwei Flammen zu hoher Lohe zusammen, handelte es sich doch gleichzeitig um eine Rücksicht auf Rußland, "die Pest der Welt"72). In ihrem wilden Schmerze um den Verlust des Gemahls und damit der kaum recht gekosteten Macht sieht die Kaiseinwitwe Feinde ringsum; Regierung, Familie und Hof sind ihr ein unentwirrbarer Knäuel von Intriguen, Bosheit und menschlicher Schwäche, in einer Art Verfolgungswahn73) vermag Sie ihre Peiniger nicht mehr auseinanderzuhalten. Bismarck, Waldersee, Kessel und ihr eigener zur Regierung gelangter Sohn, werden Unterschiedslos als "Einheit" angesehen. In der Reihe der "Guten", der Märtyrer aber, neben Roggenbach, Geffcken, Morier und Sir M. Mackenzie, stehen Loë und Stosch, ohne daß die Kronprinzessin von deren Beziehungen zu der "Klique" eine Ahnung hat74)! Am 15. Februar - also mitten in der Kanzlerkrise - schreibt sie der Mutter: "Ich weiß absolut nichts von dem, was vorgeht, außer was ich in den Zeitungen lese oder von einem meiner Freunde aufschnappen kann." Und genau einen Monat später unmittelbar vor der Entlassung (mit Beziehung auf den Gegensatz zwischen Kaiser und Kanzler in der Frage des Sozialistengesetzes: "Es wäre eine seltsame Nemesis für alle seine früheren Sünden, wenn Fürst Bismarck gerade in dem Augenblicke fallen müßte, wo er im Recht ist." So reagierte die Manchesterliberale auf den am Ende merklich Verringerten "Staatssozialismus" des Kanzlers. Die Entlassung selbst findet zwar nicht ihre Billigung ("in some way a dangerous experiment"75), da "der Genius und das Prestige des Fürsten Deutschland und der Sache des Friedens noch hätten nützlich sein können". Aber als man sie Ende 1891 aus dem Kreise der Konservativen und "Bismarckites" fragt, ob sie nicht an einer Versöhnung zwischen dem Monarchen und dem Exkanzler mitwirken wolle, lacht Sie nur über solche Zumutung76) denn "I should consider it very dangerous for the monarchy to let Prince B. have anything more to say" 77) hatte doch nach ihrer Ansicht "das monarchische Prinzip in den letzten einundzwanzig Jahren (!) sehr gelitten78)." Neben solche gleichzeitige Äußerungen gehalten verliert doch der schöne Brief an Reischach79) aus Athen ("in der stillen Nacht von Tatoi"), den man gern als eine reife Selbstbesinnung "au dessus de la mêlée" begrüßen möchte, viel von seiner ursprünglichen Beweiskraft, und es ist wieder nur folgerichtig, wenn Bismarcks Tod mit völligem Stillschweigen übergangen wird. "Only a phase" - So hatte sie früher einmal geschrieben80).
* * *
"Ich bin glücklich sagen zu können, daß zwischen ihm und mir ein Band der Liebe und des Vertrauens besteht, das - ich fühle es sicher - nichts zerstören kann." So schrieb die Kronprinzessin über ihren ältesten Sohn bald nach dessen zwölften Geburtstag81). Man kennt die Größe der Täuschung. Ihr "Traum" war es, den Erstgeborenen seinem Vater und Großvater mütterlicherseits so ähnlich wie möglich zu machen82) galt doch als Ideal "der englische Prinz mit liberalen Anwandlungen, kirchlich möglichst ungläubig83), Verächter deutschen Wesens, Soldat nur im Nebenamt und daher für gewöhnlich nur in bürgerlicher Kleidung", wie Graf WaIdersee es derb, aber im Kerne richtig ausdrückt84). Waldersee meint, der Sohn sei, durch die zu deutliche Tendenz "gereizt, weniger aus Überzeugung als aus Widerspruchsgeist andere Wege gegangen." Möglich auch, daß hier allzu verwandte Naturen sich abstießen, weil die gleichen Eigenschaften zum gegenseitigen Ärgernis wurden. Jedenfalls entwickelte sich der Prinz, besonders in seiner Potsdamer Zeit Anfang der achtziger Jahre, in einer den Wünschen seiner Mutter genau entgegengesetzten Richtung. "Ich meinte", so schrieb die Queen schon 187185) "Prinzen und Prinzessinnen sollten durch und durch gütig und menschlich sein und sich nicht von anderem Fleisch und Blut fühlen als Arme, Ungebildete, Arbeiter und Bediente. Das Unter-die-Leute-Gehen, wie wir es stets taten und tun ... war von größtem Segen für die später zur Herrschaft Berufenen... Hier lernen sie gegenseitige Freundlichkeit, Geduld, Ausdauer und Gelassenheit. Die bloße Berührung mit Soldaten kann das niemals erreichen oder vielmehr: Sie erreicht das Gegenteil, denn die sind gehalten, zu gehorchen, und in ihren Reihen kann Unabhängigkeit des Charakters nicht erwartet werden." Diese Falsches mit sehr Wahrem mischende Äußerung der englischen Königin in einer pädagogischen Debatte, aus der uns leider die Ansicht der Kronprinzessin nicht vorliegt, ist wie der Auftakt zu einer späteren Lebensmelodie. - Schon gleich nach der Konfirmation des Prinzen Wilhelm beklagt sich seine Mutter über den sehr schädlichen (very hurtful) Einfluß, den der alte Kaiser bei allem warmen Interesse auf die Erziehung des Enkels ausübe86). In welchem Sinne, wird nicht gesagt, ist aber ohne weiteres klar. Mitte der achtziger Jahre vollendet die gleichzeitige Annäherung an Waldersee und den mit diesem noch nicht verfeindeten Bismarckkreis den Bruch zwischen Prinz Wilhelm und seinen Eltern. Jetzt kommt auch in Viktorias Briefe, wo bisher höchstens über die Interesselosigkeit des Sohnes an geistigen Dingen87), seine Kühle beim Abschied vor der Heirat88) gedämpfte Klage laut ward, ein scharfer Ton. Bezeichnenderweise zum ersten Male, als der junge Prinz eine diplomatische Rolle spielen soll, noch dazu Rußland gegenüber! Hier fällt das Stichwort "green", das sich von nun an ständig und in verschiedenen Synonymen. wiederholen wird, wenn von politischen Handlungen des Sohnes die Rede ist. Von dem Vorwurf, daß hinter dem Rücken der Eltern durch und über jenen verfügt werde89), ist nur ein Schritt bis zu der Feststellung, daß man ihn als "Werkzeug"90) gegen sie gebrauche.
Der Historiker überläßt es dem politischen Belletristen, mit mehr oder weniger starken Affektäußerungen einer leicht erregbaren Frau, noch dazu an privatester Stelle, seine sogenannten Seelenanalysen aufzuputzen. Um so mehr beachtet er, daß auch in Zuständen größter Gereiztheit die Mutterliebe sich nie ganz verleugnet, und sei es nur, indem sie die Schuld am Verhalten des Sohnes anderen in die Schuhe schiebt, den Großeltern, Bismarck Vater und Sohn, Waldersee und der ganzen "Klique", den Geschichtenträgern und Gebärdespähern, die natürlich auch hier am Werke waren91). So schwer sie sich durch ihren Erstgeborenen andauernd gekränkt, gedemütigt, vernachlässigt fühlt, so heftig sie ihrer Empörung Luft macht, immer wieder folgt beschwichtigend die Überlegung, daß seine Motive ja nicht bösartig seien, daß er sie nicht verletzen wolle92) - "like a child", welches den Fliegen die Flügel ausreißt, ohne von ihren Schmerzen zu wissen93). Dieses versöhnliche Abklingen ihrer Affektausbrüche ist ungemein charakteristisch. In solchen Fällen vermag sie sogar der verhaßten "Partei" Gerechtigkeit wiederfahren und bei ihr lautere Motive gelten zu lassen: they mean it patriotically (wenn es auch "toll, unrecht, gemein und grausam" ist94). Niemals aber kommt ihr der Gedanke, daß an der Entfremdung des Sohnes vielleicht das eigene Verhalten - wovon z.B. die Queen überzeugt war95) - und das des Gatten erheblichen Anteil tragen könnten. Sie tat stets ihre Pflicht96). Höchst bezeichnend für den ungebrochenen Siegeswillen ihrer "Prinzipien" trotz aller Fehlschlage und Mißerfolge jenes Wort beim Sturze des Kanzlers: "If I had him - den Kaiser - even now, a great deal could be prevented97)". Sie hielt sich also für fähig, dem Rade des Schicksals in die Speichen zu fallen, das soeben den mächtigsten Mann überrollte! "Die arme Dona ist keine Hilfe, sondern nur ein Hindernis." Diese Fortsetzung zeigt, daß auch noch andere Gefühle im Spiel waren. Denn genau so wie auf die Schwiegermutter98) war sie auf ihre Schwiegertochter99) eifersüchtig. Eifersüchtig in einem sehr unmittelbaren Sinne des Wortes. Hier ist ein Ursachenkomplex im Verhältnis Viktoria-Wilhelm, der Beachtung verdient: Sie war nur 18 Jahre älter als ihr Sohn und fühlte selber sich als Mutter zu jung100). Das potenziert Weibliche ergab eine schroffe Reaktion des Männlichen101). Dazu ein anderes, was diesem nur scheinbar widerspricht: Die Queen und mindestens ebenso die alte Kaiserin Augusta respektierten in dem Enkel stets den Träger der Majestät102); für Viktoria dagegen war und blieb er sein Leben lang "der Junge".
"If had him." Das war nun freilich beim Sturze Bismarcks nicht der Fall und sollte auch nach diesem Ereignis nicht eintreten. Die Kaiserin Friedrich rührte von sich aus keinen Finger, um den nach ihrer Meinung so nötigen Einfluß auf den jungen Kaiser zu gewinnen; bewußt hält sie sich vom Schauplatz der Ereignisse fern oder "redet vom Wetter103)", wenn sie dem Kaiserpaar begegnet. Zwar das Interesse an her Politik erlahmt nie: Caprivi und Hohenlohe, die beide gelobt werden; ihre alten konservativen Gegner, die "are playing the game of socialism as Prince Bismarck104)", des Kaisers viele, allzuviele Speeches, und auf der anderen Seite die Ereignisse der auswärtigen Politik, zuletzt noch das Friedensspiel im Haag, an dessen Ehrlichkeit Sie nicht glaubt und die "schrecklichen" Buren. - Im Anfang glomm wohl noch die leise Hoffnung auf "das Wunderbare". Doch schon Ende 1891 hatte sie geschrieben: "Für mich ist Geduld das Beste, aber Geduld without hope." Einmal bricht das Mütterliche rein und warm durch, in drei Worten: "My poor William"105).
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Hier trat doch das Mitleid in ihre Seele, die hart geworden war durch übergroßes Leid. Nicht immer konnte die jüngere Viktoria bei der Mutter Resonanz erhoffen, deren Ansichten z. B. auf künstlerischem, aber auch auf politischem Gebiete von den ihrigen abwichen; in einem aber war zwischen ihnen stets der Gleichklang vorhanden: wenn die Rede auf ihre Ehen kam. Das war der Tempel, wo jede opferte, in glücklichen Stunden des Besitzens und in den schwarzen der ewigen Trauer um das Verlorene. Darum beziehen sich die tiefsten und schönsten Stellen der Briefe auf dieses Thema. Wer die Tagebücher des Kronprinzen kennt, für den ist kein Zweifel, daß die Liebe zur Gattin der starke und echte Quellpunkt seines Lebens war. Man hat schon viel über die "Abhängigkeit" Friedrich Wilhelms, die "Überlegenheit" Viktorias geschrieben, ohne die intimstem Zeugnisse zu kennen. Wäre beides richtig in dem landläufigen Sinne, so hätte weder der Mann noch die Frau nach seinem Tode106) das schreiben können, was sie geschrieben haben. Die Gefühle Victorias offenbaren sich besonders stark in der Angst um das Leben ihres Helden; nach seinem Leidenstode steigern Sie sich zu visionärem Entzücken.
Wer die Krankheitsgeschichte allein unter dem medizinischen Gesichtspunkte der falschen oder richtigen "Behandlung" verfolgt, wird die Kronprinzessin und Kaiserin Friedrich nie Verstehen. Dreißig Jahre wartet sie mit steigender Ungeduld auf den Augenblick, wo das Szepter den schwachen Händen des Greises entfällt, Wo Machtehrgeiz und Schaffensdrang im Sinne ihres politischen Lebensdogmas endlich Befriedigung finden sollen. "Willst du denn ewig leben?" So hätte sie mit Franz Moor sprechen können. Da, kurz vor dem Ziel bedroht ein dunkles Verhängnis den Gemahl. Die Kronprinzessin fühlt es in seiner ganzen Furchtbarkeit, aber eben deshalb lehnt Sie sich mit jeder Faser ihres Wesens dagegen auf. Als Gattin, als Politikerin, als Patriotin will sie, kann sie an einen schlimmen Ausgang nicht glauben, und so klammert sie sich mit der Leidenschaftlichkeit ihrer Natur an die "Lebenslüge", die hier einen doppelten Sinn gewann. Da sie annimmt, daß eine Operation nach dem damaligen Stande der Wissenschaft sichere Heilung nicht verbürgt, so ist sie dagegen trotz Mahnung der deutschen Ärzte2) und betäubt lieber sich und "ihn" mit vagen Hoffnungen. Even in the uncertainty is an element of hope. Deshalb ist Mackenzie ihr Abgott, nicht nur weil er ein Engländer und Bergmann "a Russian"108) (!), sondern weil dieser "brutal" die Wirklichkeit sieht, wie sie ist, während jener im Nebel der "Ungewißheit" laviert, bis er sich "glücklich" festrennt. Aber selbst als die "gentle dexterous fingers109)" Sir Morells in San Remo die Möglichkeit eines malignen Charakters der Krankheit nicht mehr beiseitezuschieben vermögen, sträubt sie sich gegen die Reise nach Berlin, weil das schnellere Entscheidung bringen könnte, und verschleppt so die Sache weiter mit Trösten des aufs Tiefste über die Wahrheit erschütterten Kranken. "Du weißt", schreibt sie der Mutter, "wie empfindlich und besorgt, wie argwöhnisch und verzagt Fritz von Natur ist." Noch Mitte Februar glaubt sie nicht an Krebs110)! Und zwei Tage vor dem Tode des alten Kaisers äußert sie sich zu Mary Ponsonby in ähnlichem Sinne: "Es gibt so viele Wenns und Abers." Ja fast bis zum letzten Atemzuge des Gemahls verbeißt sie sich in ihre Prinzipien, wähnend, ihm zu dienen; wie ein treuer "Wachthund" (watch-dog) - so hatte er selbst sie genannt111). Vielleicht hat sie ein über alles geliebtes Leben verkürzt, aber wer will den Stein gegen Sie aufheben? Selbst die zur Zwangsvorstellung ausartenden, die Wirklichkeit gradezu umkehrenden Vorwürfe gegen Bergmann112) verlieren viel von ihrer Häßlichkeit im Dunkel der Tragik, die über dem Ganzen gebreitet liegt113).

Nachbemerkung

Leider ist die vorzüglich ausgestattete deutsche Ausgabe des Briefbandes ein allzu getreuer Abklatsch der englischen! In wahrhaft heroischer "Objektivität" wurde der mit insularen Subjektivismen gespickte Text Ponsonbys kommentarlos dem deutschen Publikum vorgesetzt. Man kann das als ein Kompliment an den kritischen Sinn heimlicher Leser auffassen, die keinerlei editioneller Hilfe bedürfen, um die Einseitigkeit der englischen Vorlage zu durchschauen. Insofern ist das Verfabren von gleicher Vornehmheit wie die kaiserliche Einleitung, die mit beinahe unnatürlicher Reserve der Flut mütterlicher Anklagen und Schmähreden ihren Lauf zum Ohre der Welt eröffnet. Aber wenigstens die tatsächlichen Irrtümer und Unrichtigkeiten Sir Fredericks hätten im deutschen Gewande nicht wiederkehren sollen, vor allem nicht seine falschen oder ungenauen Zitate aus deutschen Quellen, wie den Reden Bismarcks, der Aktenpublikation des Auswärtigen Amts, dem Kriegstagebuche des Kronprinzen. Hier wäre es doch ein Leichtes gewesen, den englischen Text an Hand der OriginalÜberlieferung nachzuprüfen und richtigzustellen. Während so auf der einen Seite die völlige Abhängigkeit von der englischen Vorlage bedenkliche Folgen zeitigt, hat es der Übersetzer, nach Stichproben zu urteilen, mit seiner sprachlichen Aufgabe nicht immer genau genommen, wodurch der Sinn des Originals mitunter empfindlich verändert ist.

Fußnoten

1) In der Einleitung der weiter unten genannten Ausgabe der "Letters of the Empress Frederick", der diese Erzählung entnommen ist, behauptet der Herausgeber Sir Frederick Ponsonby, die beiden ominösen Kisten seien am Morgen des 1. März vor den Augen Kaiser Wilhelms II., mit dem er in der Halle des Schlosses sich unterhielt, abtransportiert worden, ohne daß dem Monarchen irgend etwas aufgefallen wäre. Dieser Umstand erhöht ja zweifellos den Reiz der Szene, beruht aber leider auf einer Gedächtnistrübung Sir Fredericks, denn der deutsche Kaiser ist nach Ausweis der Flügeladjutantentagebücher nur am 25. und am 26. Februar in Friedrichshof gewesen, während König Eduard in der Tat bis Anfang März bei seiner Schwester weilte, und der Abtransport der beiden Kisten zusammen mit "all the luggage" der englischen Gäste nur am Tage der Abreise (also nicht etwa am 26. Februar, wo der Kaiser noch als anwesend gedacht werden könnte) erfolgt sein kann.
2) Vgl. meine Ausgabe des Kriegstagebuches Kaiser Friedrichs von 1870/71 (1926), S. XI f.
3) Macmillan and Co. (1928) 493 S., 25 Schillinge. Jetzt auch in deutscher Übersetzung (von Anton Mayer) mit einer knappen Elnleitung Kaiser Wilhelms II. im Verlag für Kulturpolitik (Berlin 1929) erschienen. 516 S. 12 M. Über beide Ausgaben vgl. die Schlußnote dieses Aufsatzes.
4) Da Viktoria anders als ihr Gemahl nach eigenem Zeugnis keine Tagebücher geführt hat, sind wir im Autobiographischen bei ihr auf die Korrespondenz beschränkt. Die Briefe an den Vater sind, da dieser früh (Ende 1861) starb, trotz vermutlich wertvollstem Inhalt für die Gesamtwürdigung Victorias weniger geeignet, die an besonders Vertraute, wie Stockmar und Gräfin Blücher, verbrannt. Aus dem engsten Kreise kommen weiter in Frage die Briefe Victorias an ihre Geschwister, welche aber doch wahrscheinlich an Zahl und Wert hinter den an die Mutter gerichteten zurücktreten. Diese könnten nur von einer einzigen Quelle übertroffen werden, den Briefen Viktorias an ihren Gemahl. Wo aber sind die? Im September 1888 hat die "correspondence with Fritz" noch existiert (Ponsonby, a.a.O. XVIIf.), sie wurde also nicht im Juli desselben Jahres den Flammen übergeben wie so viele andere wertvolle Briefe aus dem Besitz des Kaiserpaares. (Vgl. Meisner, o.a.O. IX.) Im Nachlasse Kaiser Friedrichs sind sie aber nicht, ebensowenig wie die seinigen an Viktoria. Vielleicht befinden sich beide im Besitze - Sir Fredericks. In den umfangreichen Kisten aus Schloß Cronberg, an denen 4 Mann zu schleppen hatten, vermutet man mehr als nur Viktorias anscheinend, wie der Herausgeber mitteilt, zur Durchsicht und publizistischen Vorbereitung aus England zurückerbetene "letters to the queen". Sollte übrigens Sir Frederick in der Zeit zwischen dem 1. März und dem 5. August 1901 (dem Todestage der Kaiserinwitwe) niemals Gelegenheit gehabt haben, sich über deren Wünsche hinsichtlich der ihm lediglich zum Rücktransport nach England (s.o.) übergebenen beiden Kisten näher zu informieren?
5) Vgl. meinen Aufsatz: England, Frankreich und die deutsche Einigung, Bd. 211 dieser Zeitschrift, S. 67-91.
6) Bismarck, Die Gesammelten Werke 8, 483.
7) Ponsonby S. 362. Vgl. Preuß. Jahrb. Bd. 211, 69.
8) "The wisest of all nations." (Ponsonby S. 330.)
9) Ponsonby S. 125.
10) Ponsonby S. 160.
11) Ponsonby S. 197 und 233.
12) Preuß. Jahrb. Bd. 211, S. 72, 77 f., 89.
13) "Ich möchte vieles von dem, was Deutsche überhaupt geleistet haben, gerade dem beilegen, daß sie kein reiches Volk sind: Sie arbeiten von unten herauf und brechen sich viele eigentümliche Wege, während andere Völker mehr auf einer breiten, gebahnten Heerstraße wandeln."
14) Vgl. ihre Äußerung zu Bismarck, Die Gesammelten Werke 7, S. 483
15) Ponsonby S. 65,
16) Die Gesammelten Werke 8, S. 473.
17) Bismarck, Die Gesammelten Werke I, S. 62.
18) Ponsonby S. 219.
19) Ponsonby S. 246.
20) Ponsonby S. 156.
21) Ponsonby S. 447.
22) Ponsonby S. 273.
23) Ponsonby S. 65.
24) Bismarck, Gedanken und Erinnerungen I, S. 150. Vgl. Die Gesammelten Werke 8, S. 44 und 170.
25) Ponsonby S. 191.
26) Ähnlich 1898 (Ponsonby S. 386).
27) Ein Irrtums, vgl. M.v. Hagen, Bismarcks Kolonialpolitik (1923), besonders S. 231 ff. - Deutschlands zweite Kaiserin "war stets nachdrücklich gegen deutsche Kolonien in Afrika". Nach ihrer Ansicht versteht man in Deutschland nicht, "how to manage and to govern them" (S. 446, 448, 451). Also das bekannte Schlagwort der Entente, dessen Durchsichtigkeit keiner Beleuchtung mehr bedarf.
28) Vgl. H. Rothfels, Bismarcks englische Bündnispolitik (1924), S. 116 bis 124.
29) Ponsonby S. 392.
30) Ponsonby S. 405.
31) Vgl. auch Ponsonby S. 360, Bismarck habe den Kronprinzen als "rival in prestige" gefürchtet.
32) Ponsonby S. 219.
33) H. Rothfels, Otto von Bismarck: Deutscher Staat. Ausgewählte Dokumente (1925). Einleitung S. XIX.
34) Ponsonby S. 215.
35) Ponsonby S. 219.
36) Dazu Bismarcks Äußerungen; Die Gesammelten Werke 7, S. 147, 8, S. 473f.
37) Ponsonby S. 296 f. (Gegenüber Sir Henry Ponsonby.)
38) Ponsonby S. 220.
39) Ponsonby S. 390.
40) Ponsonby S. 354.
41) Lady Salisbury an Lord Derby (Ponsonby S. 147).
42) Ponsonby S. 214.
43) Ponsonby S. 191, 216, 272.
44) Ponsonby S. 146, vgl. S. 152.
45) Ponsonby S. 147, 391, 411,
46) Ponsonby S. 190.
47) Ponsonby S. 272.
48) Wesentlich eingeschränkter und bedingter äußerte sich die Kaiserinwitwe zu diesem Gedankengang gegenüber Reischach, vgl. dessen "Unter drei Kaisern", S. 160.
49) Die Gesammelten Werke 9, S. 47, 248. Vgl. Wilhelm II., Meine Vorfahren (1929) S. 261.
50) Ponsonby S. 434, vgl. S 377.
51) Ponsonby S. 404,
52) Ponsonby S. 434,
53) Kriegstagebuch von 1870/71 (1926), S. 302f.
54) Die Gesammelten Werke 9, S. 152.
55) Wie Liberalismus und Nationalismus in der Aera Metternich; vgl. Viktor Bibl, Metternich in neuer Beleuchtung (1928), Vorwort. Die Behauptung Ponsonbys (S. 469), das Schlagwort "Die Engländerin" habe im Deutschland des 19. Jahrhunderts ebensoviel "scornful acerbity" enthalten wie der Ausdruck "Bolschewist" im heutigen England, übertreibt und verzerrt den Gegensatz
56) Bismarck. Gedanken und Erinnerungen I, S. 150.
57) Vgl. Bismarck, Die Gesammelten Werke 9 S. 24, 47, 126 usw.
58) Ponsonby S. 391.
59) Ponsonby, S. 471.
60) Vorwort zur deutschen Ausgabe S. XVIII.
61) Vgl. den Immediatbericht des Grafen Bismarck vom 9. März 1870 bei E. v. Wertheimer, Bd. 205, S. 276 dieser Zeitschrift.
62) Der Wortlaut ihres Briefes scheint dem Kronprinzen nicht vorgelegen zu haben. Vgl. das Folgende.
63) Vgl. R. Fester, Briefe Aktenstücke und Regesten zur Geschichte der hohenzollernschen Thronkandidatur in Spanien (1913) I, S. 63f.
64) Vgl, R. Fester, Neue Beiträge zur Geschichte der hohenzollernschen Thronkandidatur in Spanien (1913), S. 153f.
65) Vgl. auch Fester, a.a.O. S. 152.
66) Ponsonby S. 140.
67) Ponsonby S. 83.
68) Vielleicht auf dem Wege über den englischen Geschäftsträger in Darmstadt, wo Viktorias Schwester Alice residierte, nach England und von da nach Frankreich, wie 1889 in der "Kölnischen Zeitung" zur Sprache kam.
69) Vgl. G. Freytag, Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone (1889), S. 40 ff.
70) Vgl. meine Vorbemerkungen zum Kriegstagebuch von 1870/71 (1926), S. XVIIff.
71) Ponsonby S. 353.
72) Ponsonby S. 156.
73) Selbst Ponsonby gibt zu, daß die Kaiserinwitwe sich damals nicht in einem equable state of mind befunden habe (S. 379).
74) Vgl. H. O. Meisner, Aus dem Briefwechsel des Grafen Waldersee (1928), S. IXf., XIV.
75) Ponsonby S. 411.
76) Ponsonby S. 431.
77) Ponsonby S. 431.
78) Brief vom 7. Januar 1893 (Ponsonby S. 439).
79) A.a.O. S. 158ff. Mit den Fehlern des Origlnals übergegangen in die Übersetzung bei Ponsonby S. 442 ff.
80) Ponsonby S. 216, vgl. S. 126.
81) Ponsonby S. 120.
82) Ponsonby S. 176, 215.
83) Vgl. Bismarck, Die Gesammelten Werke 8, S. 492. Viktoria gibt den Vorwurf zurück: Ponsonby S. 246.
84) In seiner von mir, "Deutsche Revue" 1922, Juli 1921, veröffentlichten Skizze über "Kaiser und Kaiserin Friedrich".
85) Ponsonby S. 123.
86) Ponsonby S. 135.
87) Ponsonby S. 179.
88) Ponsonby S. 183.
89) Ponsonby S. 207.
90) Ponsonby S. 214, 358.
91) Ponsonby S. 374.
92) Ponsonby S. 311, 361, 381.
93) Ponsonby S. 363.
94) Ponsonby S. 264, vgl. S. 311.
95) Reischach, a.a.O. S. 194.
96) Ponsonby S. 381.
97) Ponsonby S. 410.
98) Ponsonby S. 330.
99) Ponsonby S. 401.
100) Ponsonby S. 135.
101) Vgl. Ponsonby S. 381, 422.
102) Reischach, a.a.O. S. 194. Ponsonby S. 364.
103) Ponsonby S. 404.
104) Ponsonby S. 435.
105) Ponsonby S. 433, vgl. S. 440.
106) Vgl. vor allem die Briefe vom 15. und 18. Juni.
107) Vgl. Arend Buchholtz, Ernst O. Bergmann (1911), S. 462f. Die Behauptung des Herausgebers, daß Virchows Bericht die Diagnose Mackenzies bekräftigt (corroborated) habe, entspricht nicht den Tatsachen (s. Buchholtz, a.a.O. S. 464), womit seine ganze an sich schon äußerst gewundene (vgl. S. 285) und den entscheidenden Umstand - die Beiseiteschiebung Gerhardts - außer acht lassende "Apologie" Sir Modells ins Wanken gerät.
108) Ponsonby S. 332, 334.
109) Ponsonby S. 342.
110) Ponsonby S. 276.
111) Ponsonby S. 316. Vgl. Mary J. Lyschinska, Henriette Schrader-Breymann (1922) II, S. 428.
112) Ponsonby S. 334,341,359. (Klage über die deutschen Ärzte schon 1870/71: Ponsonby S. 94.) Vgl. dagegen Buchholtz, a.a.O. S. 467ff.
113) Über die technische Seite der dieser Studie zugrunde gelegten Briefpublikation ist hier nicht zu sprechen. Wohl aber muß Verwahrung eingelegt werden gegen die unhistorsche Art, mit der sie in Szene gesetzt wurde. Man braucht sich nicht über Objektivität zu streiten; keiner von uns besitzt sie ganz. Aber was hier im Rahmen einer geschichtlichen Quellenveröffentlichung an politischer Tendenz geleistet wird, geht über das Maß der subjektiven Ansichten weit hinaus. Manchmal hat man das Gefühl, "Kriegsliteratur" zu lesen, so unverhüllt und unbelehrt durch eine heute doch allenthalben tagende Erkenntnis zeigt sich hier das psychotische Moment. Es muß einmal ausgesprochen werden, wie wir Deutschen es empfinden, wenn man uns immer wieder das Schlagwort von "Blut und Eisen" (womit dem Leser so eine Art Mordgeruch in die Nase steigen soll), als Charakteristikum der Bismarckschen Politik an den Kopf wirft. Sir Frederick entblödet sich nicht, es sogar zum Motto von "the policy of his life" zu erheben. Wenn er schon die historisch-politischen Quellen der siebziger und achtziger Jahre nicht kennt und zu sehr "John Bull" ist, um das Wesen der heimischen right or wrong, my country-Politik als solcher - und dadurch die Politik anderer Mächte - richtig einzuschätzen, dann hätten ihn eigentlich - die Briefe Victorias darüber belehren können, daß und wie der Frieden Europas, nachdem das selbstverständliche Postulat der deutschen Einheit erfüllt war, durch die überlegene und in ihrer Überlegenheit anerkannte Staatskunst Bismarcks hundert Widerständen zum Trotz bewahrt wurde. Schließlich ist doch das Great und das Greater Britain auch nicht mit der Soxlethflasche ober dem Tennisschläger "groß" und "größer" geworden! Wir empfehlen dem sehr ehrenwerten Sir, der doch infolge seiner Publikation ein gewisses Interesse an Bismarcks Persönlichkeit haben wird, einmal in den "Gesammelten Werken" nachzulesen, was der liberale Politiker Oetker schon im Jahre 1862 als seinen Eindruck von der Persönlichkeit des preußisch-deutschen Staatsmannes empfing. Wenn Ponsonby dann noch die Bibel des englischen Imperialismus, Seeleys klassische Expansion of England, nachdenklicher studiert als bisher, dann wird er uns gewiß bei seiner nächsten Publikation aus den beiden "Wachsleinwandkisten" einen Kommentar liefern, der es verschmäht, mit blöden grand mots Seelenanalyse zu treiben, und etwas tiefer in das Wesen fremder Staatsmänner und ihrer Völker eindringt. Auch ihrer Völker, denn schließlich haben wir es zehn Jahre nach dem Kriege satt, uns immer noch als die Spezifischen Verehrer der "force brutale" anschwärzen zu lassen, die den Frieden ihrer "moralischen" Nachbarn bedrohen, oder den verlogenen Phrasen, (besser sagt man's mit den Worten der Kronprinzessin:) dem "Kniff" von der seelenlosen preußischen (Ponsonby S. 70) bzw. deutschen (Ponsonby S. 137) Kriegsmaschine zur sukzessiven Welteroberung - "juggernaut-like" (Ponsonby S. 137) - in einem "wissenschaftlichen" Werke zu begegnen.

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