Hoch Vorwärts

Einführung

Die Umstände, unter denen die Briefe der Kaiserin Friedrich in meinen Besitz gelangten, sind so außergewöhnlich, ja dramatisch, daß ich mich nicht zu entschuldigen brauche, wenn ich sie mit allen Einzelheiten erzähle.

Bald nach König Edwards Thronbesteigung im Jahre 1901 tauchten über den Gesundheitszustand der Kaiserin Friedrich beunruhigende Gerüchte auf; da sie die Lieblingsschwester des Königs war, entschloß er sich, eine Woche bei ihr in Friedrichshof bei Kronberg zuzubringen. Er nahm Sir Francis Laking, seinen Leibarzt, und mich als Kammerherrn und Privatsekretär mit. Die deutschen Ärzte, die die Kaiserin behandelten, fühlten sich durch den Umstand, daß Sir Francis Laking sich im Gefolge des Königs befand, verletzt. Sie glaubten mit Recht, daß ärztliche Hilfe der Kaiserin nicht mehr nützen könnte. Aber auch die Umgebung des Kaisers sah in der Heranziehung des englischen Arztes einen Vorwurf gegen die deutsche ärztliche Wissenschaft. Der König hatte wohl gehofft, Sir Francis Laking könne die furchtbaren Leiden seiner Schwester vielleicht mildern durch größere Dosen von Betäubungsmitteln, als die deutschen Ärzte sie gewöhnlich zu geben bereit sind.

Wir waren schon drei Tage in Friedrichshof, als mir mitgeteilt wurde, die Kaiserin wünsche mich abends um sechs Uhr zu sehen. Zur bestimmten Stunde stieg ich die Treppen hinauf und wurde in ihr Wohnzimmer geführt, wo sie, von Kissen gestützt, in einem Stuhl saß; sie sah aus, als ob sie nach schrecklichen Qualen eben der Folter entronnen wäre. Die Pflegerin machte mir ein Zeichen, mich zu setzen, und flüsterte mir ins Ohr, daß die Kaiserin eine Morphiumspritze bekommen habe und sich bald erholen würde. Ich nahm Platz und kam mir angesichts so furchtbaren Leidens sehr hilflos vor; ich wartete. Plötzlich öffnete die Kaiserin die Augen und begann zu sprechen. Sie fragte mich, wie mir Friedrichshof gefiele, was ich über das Schloß dächte, ob ich all ihre Kunstschätze gesehen hätte. Der Eindruck, mit einer Sterbenden zu sprechen, verschwand, und mir wurde plötzlich klar, daß diese Frau noch sehr lebendig und geistig rege war. Wir sprachen vom südafrikanischen Krieg, und daß man eine ganz falsche Vorstellung davon in Europa habe; dann kamen wir auf die politische Lage in England, und sie betonte die Stellung des Königs als konstitutionellen Monarchen, wobei sie ihrer Bewunderung für die englische Staatsverfassung Ausdruck gab. Nach einer Viertelstunde jedoch schien die lebhafte Unterhaltung und das überstürzte Fragen sie zu ermüden, sie schloß die Augen. Ich blieb still sitzen, da ich nicht wußte, ob ich gehen dürfte. In diesem Augenblick trat die Wärterin herein und sagte, ich sei schon über zwanzig Minuten da und müsse die Kranke nun verlassen. "Nur noch ein paar Minuten" erwiderte die Kaiserin; die Pflegerin war offenbar einverstanden, denn sie ließ uns wieder allein. Nach einer Weile öffnete die Kaiserin wieder die Augen und sagte: "Ich möchte Sie um einen Dienst bitten. Ich wünsche, daß Sie meine Briefe an sich nehmen und nach England zurückschaffen." Als ich ihr meine Bereitwilligkeit aussprach, die Briefe unter meine Obhut zu nehmen, schien sie erfreut und fuhr ein wenig träumerisch fort: "Ich werde sie Ihnen heute nacht um ein Uhr senden und weiß, daß ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen kann. Niemand darf wissen, daß Sie die Briefe mitgenommen haben; auf keinen Fall darf Willi sie bekommen oder jemals erfahren, daß sie in Ihrem Besitz sind."

Unser Gespräch wurde von neuem durch den Eintritt der Pflegerin unterbrochen, die meinte, die Kaiserin habe gesagt: "Nur noch ein paar Minuten", während ich bereits über eine halbe Stunde bei ihr gewesen sei. Diesmal mußte ich wirklich gehen. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und dachte darüber nach, ob die Kaiserin auch alles gesagt habe, was sie über die Angelegenheit hatte äußern wollen.

Ich dinierte wie gewöhnlich mit König Edward. Gleichzeitig waren der deutsche Kaiser zugegen, die Herzogin von Sparta (später Königin der Hellenen), die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, beides Töchter der Kaiserin, Gräfin Perponcher, Graf Eulenburg, General von Kessel, General von Scholl, Vizeadmiral von Müller, Graf Hohenau und die deutschen Ärzte Renvers und Spielhagen. Nach Tisch unterhielt man sich noch bis elf Uhr, dann ging alles zu Bett. Ich begab mich in mein Schlafzimmer und begann zu arbeiten. Da ich viel zu tun hatte, verging die Zeit schnell.

Es war die erste Reise, die König Edward seit seiner Thronbesteigung unternommen hatte. Bisher hatte während seiner Besuche im Auslande ein Kammerherr zur Erledigung der Korrespondenz usw. genügt; und auch jetzt noch glaubte er, daß er als König die Zahl seiner Kammerherren nicht zu vergrößern brauchte. Aber später fand er doch, daß seine Stellung ganz anders und die Arbeit wirklich zu groß geworden war, um von einem einzelnen bewältigt zu werden. Außer der offiziellen Kurierpost und den Briefen des Foreign Office, dem Chiffrieren und Dechiffrieren von Telegrammen, handelte es sich um die Bestellung der Extrazüge, die Instruktionen für die königliche Jacht und die Kreuzereskorte, um die Befehle für die Ehrenwachen und eine Menge anderer Kleinigkeiten, die mit jeder Reise auf dem Kontinent verknüpft waren. Für mich verdoppelten sich die Schwierigkeiten, da ich den König immer auf seinen Spaziergängen begleiten mußte, und oft war er den ganzen Nachmittag unterwegs. Ich hatte damals auch keinen Stenographen und war infolgedessen jede Nacht bis etwa um zwei Uhr mit Schreiben beschäftigt.

Die Schloßuhr schlug eins; ich war voller Erwartung, aber Totenstille herrschte. Schon glaubte ich, daß entweder ein Mißverständnis vorläge oder irgendein unvorhergesehenes Hindernis die Ablieferung der Briefe verzögert habe. Da vernahm ich ein leises Klopfen an der Tür; ich rief: "Herein", und vier Männer trugen zwei mit schwarzem Wachstuch überzogene Kisten von Koffergröße in das Zimmer. Sie waren mit völlig neuen Stricken umwunden; auf jeder Kiste klebte ein weißes Schild ohne jede Aufschrift. Die Männer trugen blaue Tuchhosen und lange Reitstiefel, woraus ich schloß, daß es keine vertrauten Diener, sondern Stallknechte waren, die nicht wußten, was die Kisten enthielten. Sie stellten die beiden Kisten hin und zogen sich schweigend zurück.

Es begann mir jetzt zu dämmern, daß ich keine leichte Aufgabe übernommen hatte, ich mußte reiflich überlegen, wie ich so große Kisten nach England befördern konnte, ohne daß irgendein Verdacht wegen ihres Inhaltes aufkam. Ich hatte mir, vielleicht mit Recht, vorgestellt, daß die Kaiserin mit dem Wort "Briefe" ein Paket gemeint habe, das ich ohne Schwierigkeit in einem meiner Koffer hätte unterbringen können.

Aber diese großen verschnürten Kisten waren etwas ganz anderes, und es war ein schwieriges Problem, sie nach England zu bringen Jeder Versuch, sie zu verstecken oder durchzuschmuggeln, mußte verderblich sein, da das ganze Schloß voller Geheimpolizei steckte. Aber wie sollte man das plötzliche Vorhandensein dieser wie vom Himmel gefallenen Kisten erklären? Ich schrieb also auf das Schild der einen Kiste: "Vorsicht! Bücher!" und auf das der anderen: "Vorsicht! Porzellan!" und meine Privatadresse. Ich hatte mich nämlich kurz entschlossen, sie ohne jeden Versuch des Verheimlichens neben meine leeren Koffer auf den Korridor zu stellen.

Am nächsten Morgen wunderte sich mein Diener über den gewichtigen Zuwachs meines Gepäcks, aber ich erklärte so nebenbei, es seien Sachen, die ich in Homburg gekauft hätte, sie könnten ruhig auf dem Korridor stehenbleiben. Vielleicht war das sehr töricht, denn als mich gleich darauf Mr. Fehr, der Kurier König Edwards, besuchte, sagte er, die Dienerschaft hätte strengen Befehl, alles, was in das Schloß käme, zuerst dem Chef der Kaiserlichen Polizei persönlich vorzuzeigen; trotz dieser Vorsichtsmaßregel hätten zwei Kisten mit Sachen aus Homburg mich erreichen können, ohne daß jemand etwas davon wüßte! Das war sehr peinlich, und ich fühlte, wie ungeschickt ich gewesen. Ich sagte ihm, Zollbeamte seien schon schlimm genug, er solle nicht hier noch vor der Abreise die Aufmerksamkeit erregen, sonst bekäme ich meine Sachen niemals nach England. "Beim Zollamt brauche ich Ihre Hilfe, nicht hier", sagte ich in gekränktem Ton, so glaubte er, die Kisten enthielten irgend etwas Zollpflichtiges, und ich erbäte seine Hilfe, um sie durch den Zoll zu schmuggeln; darauf wurde er sehr vertraulich und meinte, ich könne mich bestimmt auf ihn verlassen So blieben die Kisten mit meinem anderen Gepäck zusammen stehen, sichtbar für jeden, der den Korridor passierte.

Am 1. März 1901 verließen wir Friedrichshof, um nach London zurückzukehren. Soldaten der Garnison brachten das Gepäck die Treppen hinunter. Währenddessen sprach ich in der Halle mit dem Kaiser und konnte so den Zug der Soldaten beobachten, die Koffer, Taschen, Depeschenbeutel usw. vorbeitrugen. Als die beiden schwarzen Kisten kamen, sahen sie so anders aus als das übrige Gepäck, daß ich bei dem Gedanken nervös wurde, es könne vielleicht jemand zu wissen wünschen, was sie enthielten. Aber niemand schien sie zu beachten, und der Kaiser redete immer weiter. Als sie aus der Halle verschwanden, atmete ich auf, aber nicht für lange, denn unglücklicherweise waren sie zuletzt auf den Gepäckwagen geladen worden, der gerade unter den Fenstern der großen Halle stand, und mit dem Leinwandverdeck schien etwas in Unordnung zu sein. Die anderen Gepäckwagen waren schon verdeckt, aber gerade dieser blieb offen, und die beiden Kisten mit ihren neuen Stricken und Schildern sahen mich an. Der Kaiser aber sprach über ein Thema, das ihn fesselte, immer weiter, und natürlich hörten alle, auch ich, aufmerksam zu. Zu meiner großen Erleichterung wurde endlich die Leinwandhülle über das Gepäck gezogen, und wenige Minuten später hörte ich den Wagen davonrumpeln.

[Anmerkung: Nach Recherchen von H.O. Meisner kann sich die Episode nicht wie hier geschildert zugetragen haben, da sich Wilhelm am Abreisetag Edwards VII. nicht in Kronberg aufhielt.]

Nach meiner Ankunft in England ließ ich mir die beiden Kisten in meine Privatwohnung nach Cell Farm in Old-Windsor kommen und schloß sie ein. Am 5. August 1901 starb die Kaiserin Friedrich in Friedrichshof. Das Leichenbegängnis fand am 13. statt. Es war eine sehr ausgedehnte Feier, die mit einem Gottesdienst in der kleinen Kirche zu Kronberg begann; dann wurde der Leichnam mit der Eisenbahn nach Potsdam gebracht, wo ein Schlußgottesdienst gehalten wurde. König Edward hatte zu dieser Reise den Oberhofmeister Lord Clarendon, Admiral Sir John Fullerton, Generalmajor Sir Stanley Clarke, the Honourable Sidney Greville und mich selbst als Privatsekretär mitgenommen. Eines Abends nach dem Diner nahm mich Graf Eulenburg, der Chef der kaiserlichen Hofhaltung, beiseite und bat mich um eine vertrauliche Unterredung. Er erzählte mir, daß nach dem Tode der Kaiserin Friedrich weder Briefe noch irgendwelche Aufzeichnungen gefunden worden seien, obgleich eine genaue Durchsuchung des Schlosses stattgefunden habe; der Kaiser bäte mich daher, ohne übrigens der Sache allzuviel Gewicht beizulegen, festzustellen, ob diese Briefe vielleicht in den Archiven zu Windsor sich befänden. Wie gründlich Kronberg durchsucht worden war, kann man sich vorstellen, wenn man hört, daß Sir Arthur Davidson, der sich zufällig damals in Homburg aufhielt und nach Friedrichshof hinübergefahren war, mir später erzählte, das ganze Grundstück sei von Kavallerie und das Schloß selbst von besonderen Polizeimannschaften umstellt gewesen, während geübte Geheimpolizisten jeden Raum auf das genaueste durchsuchten.

Ich erwiderte Eulenburg, dies ließe sich ohne Schwierigkeit feststellen, und ich wolle sofort an Lord Esher, den Archivdirektor, schreiben. Dies tat ich auch, obgleich ich ja genau wußte, daß Lord Esher von dem Dasein dieser Briefe keine Ahnung hatte. Ich erhielt umgehend die Antwort, daß sich die Briefe bestimmt nicht im Archiv befänden. Diese Nachricht gab ich an den Grafen Eulenburg weiter, der sich kurz für die Mühe, der ich mich unterzogen hätte, bedankte.

Einige Jahre später hatte ich noch einmal eine Unterredung mit ihm über dasselbe Thema; er schien damals den Verdacht zu haben, daß ich mit dem Verschwinden der Briefe in irgendeinem Zusammenhang stände. Er stellte mir über meinen damaligen Besuch in Friedrichshof verschiedene Fragen, die ich alle wahrheitsgemäß beantworten konnte, aber ich war mit bewußt, daß diese Fragen nur das Vorgefecht für einen scharfen Angriff bildeten. Glücklicherweise wurden wir unterbrochen, bevor er der Sache auf den Grund gehen konnte, so daß ich von einem weiteren peinlichen Verhör verschont blieb. So sind die Briefe während der letzten siebenundzwanzig Jahre ungestört in meinem Besitz geblieben. Während dieser ganzen Zeit beschäftigte mich der Gedanke, was die Kaiserin mit ihnen beabsichtigt hatte. Offenbar sollte ich sie nicht verbrennen, denn das hätte sie leicht selbst tun können, wenn sie es gewollt hätte. Da ich den besten Willen hatte, den Wunsch der sterbenden Frau auszuführen, wollte ich sicher sein, daß ich ihn richtig auslegte. Aber niemand konnte mich in dieser Angelegenheit aufklären, denn die Kaiserin hatte keinem ihre Absichten mitgeteilt. Unzweifelhaft sind ihr ihre Briefe an die Königin Victoria aus England nach Friedrichshof geschickt worden; es fragte sich also, warum sie sich diese Briefe kommen ließ, als sie bereits wußte, daß ihre Tage gezählt waren. Die Annahme, sie wollte die Schreiben zum Zweck einer Veröffentlichung durchsehen, wird durch die Tatsache bekräftigt, daß in manchen Briefen ganze Seiten durchstrichen und unleserlich gemacht sind. Das muß sie selbst getan haben, und in diesem Fall scheint es klar, daß sie gewisse Stellen der Briefe nicht veröffentlicht zu sehen wünschte. Die Tatsache, daß sie sich die Briefe kommen ließ, sie durchsah, Stellen strich und schließlich die Rücksendung nach England veranlaßte, scheint zu beweisen, daß sie eine Veröffentlichung ins Auge gefaßt hat.

Als sie davon überzeugt war, daß die Zeit nahe sei, zu der die Briefe fortgeschickt werden müßten, wenn sie ihre Vernichtung verhindern wollte, glaubte sie nichts Besseres tun zu können, als sie mir anzuvertrauen. Ich war nicht nur ihr Patenkind und der Sohn eines ihrer besten Freunde, ich hatte auch die außergewöhnliche Möglichkeit, die Kisten mit mir nach England zu nehmen.

Merkwürdig ist, daß sie ihrem Bruder, dem König Edward, ihre Absicht nicht mitgeteilt und ihm keinen Wink darüber gegeben hat. Vermutlich wußte König Edward, daß ihr ihre Briefe an die Königin Victoria zurückgeschickt waren; wenn sie also die Briefe nur zur Aufnahme in das Archiv hätte zurücksenden wollen, so wäre es das Natürlichste gewesen, sie ihrem Bruder anzuvertrauen. Daß sie es nicht tat, deutet darauf hin, daß sie mehr damit anfangen wollte, und zwar etwas, das, wie sie fürchtete nicht seine Zustimmung finden würde. Ob sie gehofft hatte, mich noch einmal sprechen zu können, um mir ihre Absichten zu erklären, oder ob sie es damals schon getan haben würde, wenn uns die Pflegerin nicht gestört hätte, diese Fragen können niemals entschieden werden.

Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß sie nach der Veröffentlichung von Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" und anderen Memoirenwerken unter der Kritik, die an ihr geübt wurde, litt und der Darstellung widersprechen wollte, die ihr Anteil an der deutschen Politik gefunden hatte. Sie wollte selbst zu dieser Frage gehört werden. So begann sie eine Anzahl Briefe herauszusuchen und für die Veröffentlichung vorzubereiten, indem sie hie und da Stellen strich, die zu rücksichtslos waren oder deren Unrichtigkeit sich im Laufe der Zeit herausgestellt hatte. Ihre furchtbare Krankheit machte die vollständige Ausführung dieser Arbeit unmöglich; sie war nur imstande, einige Abschnitte zu streichen. Als sie ihr Ende nahe fühlte, entschloß sie sich, mir ihre Absicht mitzuteilen; irgend etwas aber hinderte sie, mehr zu tun, als mir die Briefe übergeben zu lassen. Wenn ich die Briefe nur dem König aushändigen oder sie wieder in die Archive hätte zurückbringen sollen, so würde sie mir dies gleich gesagt oder sicher mit ihrem Bruder darüber gesprochen haben, den sie während seines Besuches täglich sah.

Als ich die mir anvertrauten Briefe durchsah, fand ich ein Schreiben oder Memorandum, das, wenige Monate nach dem Tode Kaiser Friedrichs geschrieben (wahrscheinlich am 13. September 1888), für die Königin Victoria bestimmt war:

Memorandum

über eine Materialsammlung für eine Lebensbeschreibung von Fritz

Da ich niemals ein Tagebuch geführt habe, bestehen die einzigen Dokumente über unsere dreißigjährige Ehe in den Briefen an meine liebe Mama und in dem Briefwechsel mit Fritz. Die liebe Mama würde mir einen unendlichen Dienst erweisen, wenn sie gestattete, daß eine verschwiegene, vertrauenswürdige Persönlichkeit unter der Leitung von Sir Th. Martin Auszüge aus meinen Briefen an sie anfertigte, welche die politischen Ereignisse, Hofangelegenheiten, unser Leben hier usw. betreffen, damit ich später aus diesen Auszügen eine Auswahl treffen und sie übersetzen lassen kann. Wenn meine liebe Mama erlauben würde, daß dies bald geschieht, würde es mir von großem Nutzen sein. Meine Briefe an Stockmar sind alle verbrannt, auch die an die Gräfin Blücher. Ich darf die Sache nicht ruhen lassen, ich kann ja jederzeit sterben, und die Wahrheit, die man systematisch unterdrückt und verdreht hat, muß auf irgendeine Weise an das Tageslicht kommen, ganz gleich, ob bei meinen Lebzeiten oder später. Ich glaube, daß mein Gedächtnis durch den schweren Schicksalsschlag, der mich getroffen hat, und durch die Trauer, die ich empfinde und die die Grundfesten meines Daseins erschüttert, stark gelitten hat.

Ich kann mich jetzt noch an Dinge erinnern, an die ich mich später vielleicht nicht mehr zu erinnern vermag. Mindestens muß ich mit der Sichtung des Materials jetzt beginnen. Ich würde sehr dankbar sein, wenn die liebe Mama mir dabei behilflich wäre."

Das scheint die Vermutung zu bestätigen, daß die Kaiserin die Veröffentlichung über ihre Auffassung der Geschehnisse wünschte und daß sie sogar die Möglichkeit ins Auge faßte, sie bereits bei Lebzeiten vorzunehmen.

Nach ihrem Tode im Jahre 1901 sagte ich mir aber, daß zum damaligen Zeitpunkt eine Veröffentlichung dieser Briefe nicht in ihrem Interesse gelegen hätte. Selbst wenn ich annahm, daß sie mir zu diesem Zweck übergeben worden waren, war mir doch dieser Wunsch nicht mit solcher Klarheit ausgedrückt worden, daß eine sofortige Veröffentlichung gerechtfertigt gewesen wäre. So sind denn diese Briefe während der letzten siebenundzwanzig Jahre nicht angerührt worden, und nur die häufigen Erwähnungen der Kaiserin Friedrich und die an ihr geübte Kritik in neuen Veröffentlichungen ließen mich die Frage prüfen, welche Pflicht mir in dieser Hinsicht oblag. Die Kritiken sind so bitter und so ungerecht gewesen, daß ich schon um der historischen Wahrheit willen, ganz zu schweigen vom Andenken an die Kaiserin Friedrich, mich entschloß, jetzt diese Briefe zu veröffentlichen.

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