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Kapitel I: Geburt, Erziehung und Heirat

Die Kaiserin Friedrich erblickte im Buckinghampalast am 21. November 1840 das Licht der Welt. Obgleich es natürlich eine Enttäuschung bedeutete, daß der Königin Victoria und dem Prinzen Albert als erstes Kind eine Tochter und kein Sohn geboren wurde, atmete das britische Volk dennoch erleichtert auf, da die Möglichkeit einer Thronfolge der Cumberlands in weitere Ferne gerückt schien. Bisher war der nächste Thronanwärter der unpopuläre Herzog Ernst von Cumberland gewesen, der "Hannöversche Oger", wie er genannt wurde, dessen abstoßende Gesichtszüge, durch ein schiefstehendes Auge betont, dessen nachtragender, schlechter Charakter, dessen reaktionäre politische Ansichten, dessen ausschweifendes Privatleben ihn bei der großen Menge des Volkes verhaßt wie gefürchtet machten.

Die Geburt der königlichen Prinzessin wurde in den illustrierten Zeitungen mit einem Hagel von freundlichen, wenn auch nicht immer sehr gewählten Karikaturen begrüßt, wie es damals Sitte war. Die kleine Tochter Victoria Adelaide Marie Luise, nun die nächste zur Thronfolge, wurde im Buckinghampalast am 10. Februar 1841 getauft. Paten waren Prinz Alberts Bruder, der Herzog Ernst von Sachsen-Koburg (infolge seiner Abwesenheit durch den Herzog von Wellington vertreten), Leopold, König der Belgier (der Vater der unglücklichen Prinzessin Charlotte), Adelaide, die Königinwitwe, Herzogin von Kent, die Herzogin von Gloucester and der Herzog von Sussex.

Am 9. November 1841 wurde die britische Thronfolge durch die Geburt des Prinzen Albert Edward noch sicherer; im Laufe der Zeit folgten ihm die Prinzessin Alice (1843) and noch sechs Kinder der Königin Victoria und des Prinzen Albert.

Sehr bald begann Prinz Albert, der als jüngerer Sohn des Herzoglichen Hauses von Sachsen-Koburg die beste Erziehung genossen hatte, sich mit der Ausbildung der Kinder zu beschäftigen; besondere Aufmerksamkeit widmete er der Entwicklung der beiden Ältesten, der "Königlichen Prinzessin" (Princess Royal) und des Prinzen von Wales. Es ist interessant, die Ergebnisse seines Systems in dam Fall der königlichen Prinzessin mit dem des Prinzen von Wales (später Edward VII.) zu vergleichen, da die erste völlig in seiner Methode aufging, während der Prinz sich hin and wieder in Auflehnung gegen die endlose Folge von Büchern, Vorträgen and Lektionen befand.

Schon als Kind begann die Princess Royal, die mit den 1845 Kosenamen "Pussy" and "Vicky" genannt wurde, die bezeichnenden Eigentümlichkeiten ihres Wesens auszubilden, die den Schlüssel zum Verständnis ihrer Persönlichkeit bilden. Sie war erst drei Jahre alt, als Print Albert dam Vertrauten der Familie, Baron Stockmar, schrieb: "Pussy ist schon eine richtige kleine Persönlichkeit. Sie spricht mit großer Geläufigkeit in ausgewählten Sätzen englisch and französisch." Indessen war Deutsch die Sprache, die sie im Verkehr mit ihren Eltern gebrauchte. Schnell, geschickt, eigenwillig and munter, ließ sie ihre Brüder and Schwestern beim Lernen weit hinter sich zurück, während sie im Kinderzimmer und im Schulraum den jüngeren gegenüber die überlegene Art gereifterer Jahre annahm. Scharfe Beobachter hielten sie für überreizt and sogar für altklug, aber die Schnelligkeit des Denkens bildete keine vorübergehende Erscheinung, sondern blieb der Prinzessin bis an ihr Ende treu. Die geistige Disziplin, welche ihr der Vater durch frühe Ubungen aufgezwungen hatte - ebenso wie seinem ältesten Sohn - verschaffte ihr die Gaben der Sammlung and Einfühlung, die sie niemals verloren hat.

Die junge Prinzessin war kaum dem Kindesalter entwachsen, als bereits Gerüchte über eine ins Auge zu fassende Heirat in Umlauf gesetzt warden. Einer der ersten, der einen vernünftigen Vorschlag in dieser Hinsicht zu machen hatte, war Leopold I., König der Belgier, Königin Victorias Onkel, Ratgeber und Freund, dem sie rückhaltlos vertraute. Indessen machte die Tatsache, daß ein junger deutscher Prinz bereits den Entschluß gefaßt hatte, die Prinzessin zu gewinnen, König Leopolds Betrachtungen über die Vorteile, die aus gewissen Verbindungen zu ziehen seien, überflüssig.

In Märchen geschieht es häufig, daß Prinz and Prinzessin benachbarter Reiche sich treffen and ineinander verlieben, ohne daß ihm nachträglich entzückten Eltern etwas davon wissen, aber daß ein Roman dieser Art im victorianischen England sich wirklich ereignet haben sollte ist schwer zu glauben. Der etwas gestelzte and künstliche Romantizismus der fünfziger Jahre läßt ein so reizendes Idyll kaum erwarten. Im Jahre 1851 traf die Prinzessin zuerst ihren künftigen Gatten, den Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, als ganz Europa von den Wundern der großen Ausstellung im Hydepark widerhallte, eines Friedenswerkes, das ironisch genug ein kriegerisches Jahrzehnt einleiten sollte. Der junge Prinz war von seinem Vater, dam späteren König Wilhelm I. von Preußen nach England geschickt worden, um Triumph und Krönung des tatkräftigen Idealismus Prinz Alberts zu studieren; er weilte als Gast der Königin Victoria in London. Der schlanke und breitschultrige Mann von schöner Gestalt schien der Rechte, um das Herz eines jungen Mädchens zu erobern; dazu kam eine gewisse Herbheit, die durch eine einsame Erziehung verursacht, der jungen Prinzessin wohl als ein weiterer Reiz erschien. Friedrich Wilhelm war damals kaum zwanzig und hatte wenig von der Welt gesehen; er befand sich in Begleitung seiner etwas älteren Schwester, der Prinzessin Luise von Preußen, die ihm sehr zugetan war. Als diese junge deutsche Prinzessin sich mit der Prinzessin Victoria gut angefreundet hatte und fast immer mit ihr zusammen war, ergab es sich von selbst, daß die drei jungen Leute sich häufig ihrer gemeinsamen Gesellschaft erfreuen konnten. Die Jugend der Princess Royal bewahrte sie vor einer Überwachung, die in jenen Tagen sich jedem Gedanken an eine Selbstbestimmung in Herzenssachen auf das schärfste widersetzt haben würde.

Ende August 1855 besuchten Königin Victoria und Prinz Albert den Kaiser der Franzosen, Napoleon III., und erwiderten damit die Staatsvisite, die dieser ihnen im April dieses Jahres abgestattet hatte. Die Königin und ihr Gemahl nahmen die Prinzessin Victoria, die damals fünfzehn Jahre zählte und den Prinzen von Wales mit sich; der Besuch machte einen bleibenden Eindruck auf die junge Prinzessin. Die englische Königsfamilie wurde mit der größten Pracht empfangen; die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Paris wurden ihr gezeigt; ihr kaiserlicher Wirt, der damals auf der Höhe seiner Macht und Volkstümlichkeit stand, war unermüdlich aufmerksam und höflich gegen seine Gäste. "Die Kinder benahmen sich ausgezeichnet und hatten den größten Erfolg", schrieb die Königin Victoria am 1. September an Baron Stockmar, "Napoleons Güte, seine verständige Freundlichkeit gegen die Kinder waren groß; sie haben ihn außerordentlich liebgewonnen." "Leur séjour en France", schrieb sie dem Kaiser am 29. August, "a été la plus heureuse époque de leur vie, et ils ne cessent d'en parler." Die jugendliche Prinzessin hat die Wunder jenes Besuches niemals vergessen als fünfzehn Jahre später das Unglück den Kaiser zur Flucht zwang, erinnerte sie sich lebhaft der Glückseligkeit ihres Pariser Aufenthaltes.

Prinzessin Augusta von Preußen, die Mutter des Prinzen Friedrich, zog zuerst die Möglichkeit einer Heirat mit ihrem Sohne in Betracht; als sie aber einen Besuch in England mit der Absicht vorschlug, die Sache zu besprechen, zeigte sich ihr Schwager, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der von seiner russenfreundlichen Gemahlin beeinflußt war, dem Plane nicht gerade wohlgesinnt, so daß er für den Augenblick nicht ausgeführt wurde. Damals war der Krimkrieg auf seiner Höhe und die russischen Sympathien des preußischen Hofes ließen eine Verbindung mit England durch Heirat nicht tunlich erscheinen.

Drei Wochen nach ihrer Rückkehr aus Frankreich begrüßten Königin Victoria und Prinz Albert den Prinzen Friedrich Wilhelm in Balmoral; der Entschluß, die Prinzessin Victoria zu heiraten, war durch den Widerstand des preußischen Hofes in dem Prinzen nur verstärkt worden. Nachdem Prinz Friedrich seine Eltern für seine Wünsche gewonnen hatte, entschied er sich, sein Glück zu versuchen. Trotz den hohen Anforderungen, die der Prinzgemahl ohne Zweifel an einen idealen Schwiegersohn stellte, konnte er in dem jungen deutschen Prinzen wenig Fehler finden, so daß die einzige Gegnerschaft von der Seite der Königin kam, die der allzu großen Jugend ihrer Tochter wegen einen Aufschub für geboten hielt. Ihr vernünftiger Rat schien die Oberhand gewonnen zu haben, als Prinz Friedrich sich weigerte, nach Hause zurückzukehren, ohne daß man sich verständigt habe; auf seine Bitten gab die Königin Victoria schließlich nach und erlaubte ihm, sich um ihre Tochter zu bewerben. Am folgenden Tage, dem 21. September 1855, schrieb Prinz Albert an den Earl von Clarendon:

"Ich will Ihnen im strengsten Vertrauen mitteilen, daß Prinz Friedrich Wilhelm uns gestern seinen Wunsch bezüglich einer Ehe mit der Princess Royal mit voller Einwilligung seiner Eltern wie auch des Königs von Preußen unterbreitet hat. Wir haben, soweit wir persönlich beteiligt sind, den Antrag angenommen, aber die Bedingung gestellt, daß unser Kind erst nach seiner Konfirmation, die im nächsten Frühjahr stattfinden wird, etwas davon erfahren solle. Dann mag er es ihr selbst mitteilen und von ihren Lippen die Antwort empfangen, welche nur dann von Wert ist, wenn sie von der Hauptperson gegeben wird. Eine Heirat ist vor Vollendung des siebzehnten Lebensjahres der Prinzessin nicht möglich, d. h. also erst nach zwei Jahren. Die Königin ermächtigt mich, Ihnen zu sagen, daß Sie Lord Palmerston von dem Ereignis Kenntnis geben mögen; wir bitten aber, daß es unter den gegenwärtigen Umständen streng geheim gehalten wird. Was die Leute sagen werden, kann uns gleichgültig sein."

Am folgenden Tage schrieb die Königin Victoria an den König der Belgier:

"Mein lieber Onkel - ich benutze die Gelegenheit, um Dir mit. Deinem eigenen Kurier, und zwar Dir ganz allein, eine Nachricht zukommen zu lassen, die ich Deinen Kindern gegenüber nicht zu erwähnen bitte. Unsere Wünsche in bezug auf eine künftige Heirat Vickys haben sich in der angenehmsten und befriedigendsten Weise erfüllt.

Am Donnerstag, dem 20., sagte Fritz Wilhelm nach dem Frühstück, daß er dringend wünsche, mit uns über eine Angelegenheit zu sprechen, die, wie er wüßte, seine Eltern uns niemals unterbreiten würden - und zwar, daß er wünsche, in unsere Familie einzutreten; dies sei schon lange sein Ziel gewesen, er habe die völlige Zustimmung nicht nur seiner Eltern, sondern auch des Königs. Da er Vicky so allerliebst fände, könne er seinen Antrag nicht länger hinausschieben. Ich habe wenig - oder eigentlich gar keinen - Zweifel, daß sie ihn mit Freude annehmen wird. Er ist ein lieber, ausgezeichneter, entzückender junger Mann, dem wir unser liebes Kind mit vollkommenem Vertrauen übergeben werden. Es erfüllt uns mit der größten Genugtuung, daß er wirklich ganz bezaubert von Vicky ist."

Neun Tage später notierte die Königin Victoria in ihrem Tagebuch:

"Unsere liebe Victoria hat sich heute mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen verlobt, der seit dem vierzehnten bei uns zu Besuch ist. Er hatte schon am zwanzigsten zu uns von seinen Wünschen gesprochen; wir waren aber wegen Victorias großer Jugend noch im ungewissen, ob er bereits mit ihr selbst sprechen oder bis zu seiner nächsten Anwesenheit warten solle. Wir merkten indessen, daß es besser sei, wenn er es gleich täte; während unseres heutigen Nachmittagsrittes nach Craigna-Ban pflückte er einen Stengel weißen Heidekrautes (das Emblem des Glückes), den er ihr gab. Dies ermöglichte ihm eine Anspielung auf seine Hoffnungen und Wünsche, als wir Glen Girnoch hinunterritten, so daß alles zum glücklichen Ende kam."

In diesen Briefen ist von den Gefühlen der Prinzessin nicht die Rede, aber die Vermutung scheint nahezuliegen, daß sie weit davon entfernt war, die Annäherung des preußischen Prinzen zurückzuweisen, sondern eine Quelle reinsten Glückes darin fand. Die Verlobung wurde geheimgehalten; trotzdem aber begann man von der Tatsache bald zu sprechen, so daß am 20. März 1856 Mr. Cobden an einen Freund schrieb:

"... Es ist die allgemeine Ansicht, daß der junge Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen unsere Princess Royal heiraten soll. Vor einigen Tagen dinierte ich im tête-à-tête mit Mr. Buchanan, dem amerikanischen Gesandten, der am Tage vorher an der Tafel der Königin neben der Princess Royal gesessen hatte. Er war völlig begeistert von ihr und sagte, 'sie sei das reizendste Mädchen, das er jemals getroffen habe, voller Leben und Geist, Scherz und Witz, mit einem ausgezeichneten Kopf, und einem Herzen, so groß wie ein Berg' - das waren seine Worte. Ein anderer meiner Freunde, Oberst Fitzmayer, speiste in der letzten Woche bei der Königin; bei der Beschreibung der Tischgesellschaft sagt er, daß, wenn die Princess Royal lächle, 'man glaube, es fiele ein neues helles Licht über die Szene'. - Ich denke also, daß besagter Prinz ein glücklicher Bursche ist und hoffe, daß er auch ein guter Gatte sein wird. Wird er es nicht, so werde ich dies, obgleich ich ein friedlicher Mensch bin, als einen Casus belli betrachten."

Victorianische Vorsicht hielt es indessen für besser, daß von der Verlobung nicht gesprochen würde, bis die Prinzessin konfirmiert wäre. Die Zeremonie war für ihren siebzehnten Geburtstag festgesetzt, fand aber sechs Monate früher, am 20. März 1856, statt; einen Monat später, am 29. April, nach Beendigung des Krimkrieges, wurde die freudige Nachricht veröffentlicht, daß die Hochzeit des Prinzen Friedrich Wilhelm mit der Princess Royal in kurzer Zeit stattfinden solle.

Im Frühjahr dieses Jahres stattete Prinz Friedrich, oder "Fritz", wie er im Familienkreise genannt wurde, seiner Braut einen langen Besuch ab. "Der einzige Eindruck, den man damals von ihm hatte", bemerkt ein scharfer Beobachter, "war der eines ganz fidelen, netten Leutnants mit großen Händen und Füßen, der aber in keiner Weise hervorragend begabt schien." Die Königin Victoria übernahm selbst die Rolle einer aufmerksamen Beschützerin, eine Beschäftigung, die sie nach einem Schreiben an König Leopold sehr langweilig fand, aber auf sich nahm, da sie glaubte, eine Pflicht erfüllen zu müssen. "Jeder freie Augenblick, den Vicky hat", schrieb sie am 3. Juni, "(und den ich habe, da ich das Liebespaar chaperonieren muß, was mir viel von meiner kostbaren Zeit wegnimmt), ist ihrem Bräutigam gewidmet, der so in sie verliebt ist, daß er, auch wenn er mit ihr ausfährt oder spazierengeht, nicht zufrieden scheint, sondern behauptet, er habe sie nicht gesehen, wenn er sie nicht eine Stunde für sich allein haben kann; dann muß ich natürlich die Chaperonne spielen."

Zu dieser Zeit hatte sich Preußen von den Napoleonischen Kriegen vollkommen erholt und machte in Ansehen und Handel stetige Fortschritte; es begann bereits ein wenig jenen hochfliegenden Nationalstolz zu fühlen, der nach dem dänischen und dem französischen Kriege der nächsten Jahrzehnte einen so außerordentlichen Einfluß gewinnen sollte. Der Vorschlag wurde gemacht, den Erben der Hohenzollernkrone in Berlin zu vermählen. Schnell wie der Gegenschlag eines Rapiers kam als Antwort ein Brief der Königin Victoria an Lord Clarendon (25. Oktober 1857):

"Es wäre gut, wenn Lord Clarendon dem Lord Bloomfield 1857 [dem britischen Gesandten in Berlin mitteilen wollte, daß keine Möglichkeit besteht, die Frage, ob die Princess Royal in Berlin vermählt werden kann, zu behandeln. Die Königin würde niemals ihre Zustimmung geben, und zwar sowohl aus öffentlichen wie aus privaten Gründen; die Annahme, daß es für den Kronprinzen von Preußen zuviel sei, nach England zu kommen, um die Princess Royal von Großbritannien zu heiraten, ist, gelinde gesagt, einfach lächerlich. Die Königin fühlt sich bemüßigt, zu erklären, daß niemals von Seiten des Prinzen Friedrich Wilhelm der geringste Zweifel darüber bestanden hat, wo die Hochzeit stattfinden solle; sie glaubt, daß alles dieses nur leeres Gerede der Berliner ist... Was auch immer die Gepflogenheit der preußischen Prinzen sein möge - man heiratet nicht jeden Tag die älteste Tochter der Königin von England. Die Frage muß infolgedessen als erledigt und geschlossen angesehen werden."

Gegen diese Entscheidung gab es keinen Widerspruch, 1858 so daß drei Monate später, am 25. Januar 1858, die Hochzeit der Princess Royal in der Königlichen Kapelle des St. James' Palace stattfand. Die Prinzessin zeigte, wie Lady Sarah Lyttleton berichtet, "keine Spur von bräutlicher Scheu"; sie wurde als Gattin des Prinzen Friedrich Wilhelm die zukünftige Teilhaberin des preußischen Thrones.

Die Flitterwochen bestanden nach der Gepflogenheit der königlichen Familie nur in zwei kurzen Tagen in Windsor. 36 Jahre später rief die Prinzessin dem Bischof Boyd Carpenter die Gefühle ins Gedächtnis zurück, die sie damals gehabt hatte. "Ich erinnere mich", sagte sie, als sie sich in dem roten Brokatsalon umsah, dessen Fenster auf den "Long Walk" hinausgehen, "wie wir hier gesessen haben - zwei junge unschuldige Leute, die fast zu schüchtern waren, miteinander zu sprechen."

Acht Tage nach der Hochzeit verließen Prinz und Prinzessin Friedrich von Preußen London, um sich nach ihrem neuen Heim in Berlin zu begeben. Die Trennung von Vater und Mutter bewegte die Prinzessin tief; sie war außerordentlich traurig darüber, England verlassen zu müssen. "Sie hat", schrieb Königin Victoria am 12. Januar 1858 an den König der Belgier, "seit dem Januar 1857 eine unaufhörliche Folge von Gemütserregungen und Abschieden durchgemacht, die für jeden Menschen sehr angreifend sind, besonders aber für ein so junges Mädchen mit so ungewöhnlich tiefen Empfindungen." Einen Monat später, am 9. Februar, schrieb sie: "Die Trennung war schrecklich, und dem armen Kind brach beinah das Herz, als sie von ihrem geliebten Papa, den sie vergöttert, Abschied nehmen mußte." Der Prinzgemahl [Dem Prinzen Albert war am 25. Juni 1857 der Titel "Prince Consort" (Prinzgemahl) verliehen worden.] war nicht weniger ergriffen; er verlor nicht nur sein geliebtestes Kind, sondern auch eine Schülerin, die ihn anbetete, und eine Gefährtin. Zwischen Vater und Tochter hatte sich eine stets wachsende geistige Sympathie herausgebildet, da der Prinzgemahl der Prinzessin nicht allein seine Lebensanschauung, sondern auch seinen politischen Liberalismus übermittelt hatte - eine Mitgift, die sich in späteren Jahren für die Prinzessin als einigermaßen peinlich erweisen sollte.

Die Jugend der Prinzessin, ihre Klugheit, ihr Charme, die romantischen Begebenheiten ihrer Verlobung, vereinigt mit der unzweifelhaften Volkstümlichkeit ihre Gatten, fanden lauten Ausdruck in den lärmenden Willkommensgrüßen der Berliner Menge, die sie überall während der folgenden Wochen empfingen. Ihr Wesen war ungewöhnlich ruhig und beherrscht; sie schien in der Lage zu sein, stets das richtige Wort zu finden, und bemühte sich, dem Vaterland ihres Gatten volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Trotzdem war das Gefühl gegen die "englische Heirat" in der preußischen Gesellschaft und besonders bei Hofe so stark ausgeprägt, daß Lord und Lady Bloomfield es vermieden, mit der Jungverheirateten Prinzessin zusammenzutreffen, um das preußische Königspaar nicht zu verletzen.

Einen oder zwei Monate später schrieb Bismarck, der damals preußischer Delegierter auf dem Bundestag zu Frankfurt war, prophetisch an den General von Gerlach (8. April 1858):

"Sie fragen mich in Ihrem Briefe, was ich zu der Englischen Heirat sage. Ich muß beide Worte trennen, um meine Meinung zu sagen; das Englische darin gefällt mir nicht, die Heirat mag aber ganz gut sein; denn die Prinzessin hat das Lob einer Dame von Geist und Herz, und eine der ersten Bedingungen, um seine Schuldigkeit in der Welt tun zu können, sei es als König oder als Untertan, ist die, in seiner Häuslichkeit von alle dem frei zu sein, was das Gegenteil von Geist und Herz bei der Frau bildet, und was die Folgen dieses Gegenteils notwendig sind. Gelingt es daher der Prinzessin, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, so wird sie ein Segen für das Land sein. Fürstliche Heiraten geben im Allgemeinen dem Hause, aus welchem die Braut kommt, Einfluß in dem andern, in welches sie tritt; nicht umgekehrt. Es ist dies um so mehr der Fall, wenn das Vaterland der Frau mächtiger und in seinem Nationalgefühl entwickelter ist als das ihres Mannes. Bleibt also unsere künftige Königin auf dem Preußischen Throne auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von Englischen Einflußbestrebungen umgeben, ohne daß wir und die mannichfachen anderen zukünftigen Schwiegersöhne of Her Gracious Majesty irgend welche Beachtung in England finden, außer wenn die Opposition in Presse und Parlament unsere Königsfamilie und unser Land schlecht macht. Bei uns dagegen wird Britischer Einfluß in der stupiden Bewunderung des Deutschen Michels für Lords und Guineen, in der Anglomanie von Kammern, Zeitungen, Sportsmen, Landwirten und Gerichtspräsidenten den fruchtbarsten Boden finden. Jeder Berliner fühlt sich jetzt schon gehoben, wenn ein wirklicher Englischer Jockey von Hart oder Lichtwald ihn anredet und ihm Gelegenheit giebt, the Queen's english zu radebrechen; Wie wird das erst werden, wenn die erste Frau im Lande eine Engländerin ist."

Gräfin Walpurga von Hohenthal, die eine der Hofdamen der Prinzessin wurde und später Sir Augustus Paget, britischen Gesandten in Rom und Wien, heiratete, entwirft in ihrem Buch "Szenen und Erinnerungen" ein reizendes Bild ihrer königlichen Herrin zur Zeit ihrer Hochzeit:

"Die Prinzessin erschien außerordentlich jung; die ganze kindliche Rundlichkeit war noch an ihr und ließ sie kleiner erscheinen, als sie wirklich war. Sie war in einer Weise gekleidet, die auf dem Kontinent lange nicht mehr Mode ist, nämlich in ein pflaumenfarbiges seidenes Kleid, das auf dem Rücken geschlossen wurde. Ihr Haar war aus der Stirn gekämmt. Am meisten berührten mich ihre Augen; die Iris schimmerte grün wie die See an einem sonnigen Tage, und das Weiße hatte einen besonderen Glanz, der zugleich mit ihrem Lächeln, das kleine und schöne Zähne zeigte, alle bezauberte, die sich ihr nahten. Die Nase war ungewöhnlich klein und leicht nach oben gewandt; ihr Teint war nicht allzu zart, erweckte aber den Eindruck völliger Gesundheit und Kraft. Der Fehler des Gesichtes lag in der Viereckigkeit der unteren Züge; um das Kinn war sogar ein Zug von Entschlossenheit sichtbar. Die außerordentlich liebenswürdigen, manchmal sogar schüchternen Manieren der Prinzessin hinderten indessen, daß man ihn sogleich bemerkte. Ihre Stimme war entzückend und verlor sich niemals in zu hohen Tönen, sondern verlieh dem leichten fremdländischen Akzent, mit dem die Prinzessin sowohl englisch wie deutsch sprach, einen besonderen Reiz."

Sie stellte bereits eine völlig lebendige und fesselnde Persönlichkeit dar; die mit ihrer Stellung verbundenen Beschränkungen, denen sie sich unterziehen mußte, hatten ihre geistige Entwicklung nicht zu hindern und ihre natürliche Begeisterung, ihre unerschöpfliche Energie nicht zu verringern vermocht. Im Gegenteil befürchtete man sogar, daß ihre vielfältigen Interessen und Beschäftigungen in einen schwer heilbaren Dilettantismus ausarten könnten. Indessen war eine solche Entwicklung an der Seite eines Gatten wie Friedrich nicht möglich, da sein Einfluß sie auf die Gebiete der Volkswohlfahrt und die Frage der Übertragung künstlerischer Grundsätze auf industrielle Erzeugnisse zu führen wußte.

Allmählich wurde die Begeisterung geringer; Preußen gewöhnte sich an seine neue Prinzessin und die Prinzessin begann sich in Preußen heimisch zu fühlen. Bald aber sollte sich die erste Wolke bemerkbar machen, die ihr Glück zu verdunkeln drohte. Die aristokratischen, despotischen Einrichtungen Preußens waren der demokratischen Tradition, die in England seit der Annahme des ersten Reformgesetzes vom Jahre 1832 die Regel war, völlig entgegengesetzt; die jugendliche Prinzessin hoffte, ihrem Gemahl behilflich sein zu können, den Weg zu demokratischen Reformen nach englischem Muster zu finden.

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