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Kapitel X: San Remo

Das kronprinzliche Paar war kaum 24 Stunden in der Villa Zirio in San Remo, als im Befinden des Patienten von Dr. Hovell ein sehr deutlicher Wechsel festgestellt wurde. Die Kronprinzessin telegraphierte sofort an Sir Morell Mackenzie, der am 6. November ankam und von da ab seinen Patienten nicht mehr verließ. Mackenzie mußte jetzt schließlich erkennen, daß die Krankheit ernsthafteren Charakter habe, als er geglaubt hatte; als ihn der Kronprinz fragte, ob die Krankheit Krebs wäre, antwortete er: "Es tut mit sehr leid, es sagen zu müssen, Sir, aber es sieht sehr danach aus; es ist aber unmöglich, der Sache gewiß zu sein." An diesem Tage schrieb die unglückliche Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"... Ich muß mich entsetzlich beeilen, um den Brief noch fortzubekommen und kann Dir nur sagen, daß in den letzten wenigen Tagen Dr. Hovell eine neue Schwellung an einer neuen Stelle entdeckt hat, deren Aussehen ihm nicht gefiel, so daß er wünschte, Sir Morell Mackenzie möchte sie so bald als möglich untersuchen. Sir Morell kam heute morgen an und ist mit dem Aussehen der Stelle nicht zufrieden; sie hat einen bösartigen Charakter und zeigt Eigenschaften, die ihm nicht gefallen. Er will indessen keine bestimmte Meinung äußern und ist auch nicht ganz sicher, daß die Sache wirklich so schlimm ist! Ich kann jetzt nicht mehr sagen, außer daß es mich sehr unglücklich macht. Die Ärzte haben Fritz ihre Besorgnis mitgeteilt, natürlich hat ihn dies sehr bedrückt. Wir haben dem Kaiserpaar, unseren drei ältesten Kindern und dem Fürsten Bismarck aus reiner Klugheit und Gewissenhaftigkeit davon Mitteilung gemacht. Die beiden andern Ärzte (Professor von Schrötter aus Wien und Dr. Krause aus Berlin) werden sich mit Mackenzie besprechen. Zur Beunruhigung liegt noch kein Grund vor, wenngleich man sich natürlich sehr unbehaglich fühlen muß. Alles ging so gut! Seine Stimme war fast ganz zurückgekehrt. Natürlich ist sie jetzt wieder verschwunden. Fritz hat zuzeiten arge Schmerzen im ganzen Halse, nicht an der besonderen Stelle! Der plötzliche Wechsel in seinem Befinden hat uns sehr niedergedrückt.

Sein Allgemeinbefinden ist so gut wie möglich, nur an diesen beiden letzten Tagen sah er angegriffen und ängstlich aus, der arme Liebe. Es ist wirklich eine harte Prüfung."

Die Konsultationen und Untersuchungen, die jetzt zwischen Sir Morell Mackenzie, Prof. von Schrötter, Dr. Krause und Dr. Moritz Schmidt, der vom Kaiser geschickt worden war, stattfanden, zerstörten den letzten Hoffnungsschimmer. Der Krebs hatte sein königliches Opfer in seinem Griff. Als Ergebnis der Beratung wurde dem Kronprinzen die völlige Herausnahme des Kehlkopfes oder die Linderungsoperation der Tracheotomie zur Wahl gestellt. Er entschied sich zugunsten der letzteren. Zwei Tage später schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter:

"Ich hätte Dir vorher schreiben sollen, aber ich war wirklich so betrübt und zerquält, daß es ein wirrer Brief geworden wäre. Vielen Dank für Deine beiden lieben Telegramme! Jede kleinste Zeile von Dir im Brief oder Telegramm ist mir ein Trost...

Die Ärzte sind angekommen und haben ihre Konsilien gehalten. Sie haben mir ihr Protokoll vorgelesen, es klang in der Tat grausam. Obgleich ich kaum etwas anderes erwartete, gaben mir die gräßlichen Tatsachen dieses Schicksalsspruches, als ich sie vorgelesen hörte, einen furchtbaren Schlag! Natürlich wollte ich vor ihnen nicht zusammenbrechen. Es wird Dir und dem Kaiser geschickt werden. Mein Liebling hat ein Geschick vor sich, an das ich kaum zu denken wage! Wie ich jemals die Kraft aufbringen soll, es zu tragen, weiß ich nicht. Ich kann nicht oft genug wiederholen, wie klug und gütig, wie zartfühlend überlegt und scharfsinnig Sir M. Mackenzie ist - er ist wirklich ein wahrer Trost und eine große Hilfe. - Er ist immer ruhig und gefaßt - ebenso Dr. Hovell, ich hätte nicht gewußt, was ich ohne sie anfangen sollte.

Morgen will ich mehr schreiben - laß mich für heute schließen. Wilhelm ist eben, nicht auf unseren Wunsch, angekommen und gerade jetzt ziemlich im Wege."

Am folgenden Tage, dem 10. November, schrieb der britische Militärattaché in Berlin, Oberst Leopold Swaine, an Sir Henry Ponsonby, den Sekretär der Königin, aus Berlin:

"Die Nachrichten über den Kronprinzen sind zu schrecklich; wir geben alle Hoffnung auf seine Genesung auf.

Dazu kommt noch das Gerücht, daß die Kaiserin nicht wohl ist; Hofbeamte verbreiten die Nachricht, daß Ihre Majestät im Sterben liegt. Aber ich konnte keine vertrauenswürdigen Berichte darüber bekommen.

Es scheint, daß der Kaiser sich wieder erholt, obgleich er noch schwach ist, und er scheint keineswegs so niedergedrückt durch die Nachrichten aus San Remo, wie wir alle. Er sieht die Lage mit größerer Hoffnung an.

Ich sehe mit großer Besorgnis in die Zukunft, wenn der Kronprinz von uns genommen wird. Wie Sie wissen, bewundere ich die Fähigkeiten des Prinzen Wilhelm außerordentlich, aber ich glaube, daß auch die besten Freunde Seiner Königlichen Hoheit zugeben werden, daß er noch zu unerfahren ist und kaum erwarten kann, das volle Vertrauen, das seinem Vater natürlich entgegengebracht würde, von den älteren deutschen Fürsten, wie dem König von Sachsen oder dem Regenten von Bayern zu erhalten.

Der Kaiser kann nicht sehr viel länger leben und der immer leidende Fürst Bismarck ist auch ein alter Mann. Solange des letzteren Leben währt, wird sich Prinz Wilhelm ganz seinen Ratschlägen fügen. Würde er aber sterben, sähe sich der junge Prinz der Aufgabe gegenüber, einen Reichskanzler zu wählen. Könnte ihn eine solche Frage nicht in jedem Augenblick in den schärfsten Gegensatz zu den erfahrenen Köpfen der deutschen Königreiche und Fürstentümer bringen, die das geeinte Deutschland bilden? Es ist ein sehr bedrohlicher Augenblick."

Am folgenden Tage, dem 11. November, schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Sir Morell Mackenzie teilt mir mit, daß er an Dich geschrieben hat. Ich will also nur einige Zeilen anfügen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was wir durchgemacht haben!! Die Angst um Fritz war in Berlin so groß, daß man aufs neue die furchtbare Operation beschloß; wir verdanken es Sir Morell Mackenzie und seiner ruhigen, geschickten und klugen Behandlungsweise allein, daß wir nicht mit Gewalt nach Berlin geschleift worden sind, um uns diese Operation aufzwingen zu lassen. Bitte sprich darüber mit niemand als mit der Familie! Ich hoffe, Du wirst Sir Morell sehen, wenn Du zurück in Windsor bist und Dir alles von ihm erzählen lassen! Fritz ist ganz glücklich und hoffnungsvoll; die Niedergeschlagenheit und Angst haben ihn verlassen, aber oh! was es für mich bedeutet, kann ich nicht sagen. Trotzdem kann und will ich die Hoffnung nicht aufgeben. Die merkwürdigsten Fehler werden gemacht und das Übel mag aufgehalten werden oder zu wachsen aufhören, wenigstens eine Zeitlang, oder auch ganz gut werden, obgleich ich dies nicht für wahrscheinlich halte. Ich muß Prof. Schrötter die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er die sehr schwierige und undankbare Aufgabe, meinem armen Liebling das Ergebnis der Beratung mitzuteilen, außerordentlich gut gelöst hat. Um die Wahrheit zu sagen: ich glaube nicht, daß Fritz die volle Bedeutung seiner Worte verstand. Er sprach von den Operationen, die ausgeführt und vorgeschlagen werden könnten, machte sie aber weder dringlich, noch empfahl er sie! Die anderen waren alle damit einverstanden und sind abgereist, nur Krause ist hiergeblieben. Ich war heute morgen in einer furchtbaren Angst, daß die Herren ihre Meinung zu offen ausdrücken und Fritz einen entsetzlichen Chok geben könnten; ich blieb also im Zimmer, aber es ging alles gut vorüber. Ich hoffe, daß wir nun eine kurze Zeit Ruhe haben und in Frieden gelassen werden, damit wir unseren lieben Kranken pflegen können, wie es das beste für ihn ist. Ich hoffe, die Erregung wird abebben und wir dann weniger mit Briefen und Telegrammen belästigt werden, die unaufhörlich einlaufen. Aber die Bürde von Schrecken und Angst, die auf mir liegt, wird bleiben - sie ist fast unerträglich."

Am folgenden Tage, dem 12. November 1887, veröffentlichte die deutsche offizielle Presse, daß "die Krankheit auf das Bestehen eines bösartigen neuen Gewächses von krebsartigem Charakter zurückzuführen ist". Am nächsten Tage berief der Kaiser Bergmann, Gerhardt, Tobold, Schrötter, Leuthold, Moritz Schmidt, Krause und Landgraf nach Berlin, um ihnen zwei Fragen zu stellen: erstens, ob, trotz der Weigerung des Kronprinzen, die radikale Operation der Kehlkopfentfernung anzuraten sei; die Antwort lautete, daß der Wille des Patienten im Hinblick auf die Gefahr der Operation entscheidend sei und kein weiterer Versuch zu seiner Umstellung gemacht werden solle. Zweitens, warum die Operation, die im Mai und Juni nicht ausgeführt worden war, nochmals zu so später Zeit empfohlen würde. Die Antwort lautete, daß "die Verantwortlichkeit für die Nichtausführung der Operation bis zu so später Zeit bei dem Arzt läge, der eine Verschlimmerung der Krankheit nicht nur übersehen, sondern sogar geleugnet habe". Die Beratung endigte mit der allgemeinen Überzeugung, daß das Leben des Kronprinzen am sichersten verlängert würde, wenn man keinen Versuch mache, entweder den ganzen oder nur den erkrankten Teil des Kehlkopfes zu entfernen. Nachdem der Kronprinz von diesem Bericht Kenntnis genommen hatte, entschied er, daß die Operation nicht ausgeführt werden solle. Am folgenden Tage schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria (13. November 1887):

"... Morgen früh reist Sir Morell Mackenzie ab; ich komme mir vor wie ein Schiff, das vom Anker abgetrieben worden ist. Glücklicherweise bleibt Dr. Krause hier, den ich gerne habe und der sehr nett zu sein scheint. Sir Morell muß später wiederkommen. Wir haben gehört, daß in Berlin ein wahrer Sturm erregter Kritik ausgebrochen ist. Es ist sehr unfair und ungerecht! Du wirst von Sir Morell nach seiner Rückkehr eine ganze Menge hören, obgleich seine Nachrichten ziemlich veraltet sein werden, wenn Du aus Schottland zurückkehrst; immerhin wirst Du erfahren, was wir durchgemacht haben.

Fritz hat gut geschlafen, hat guten Appetit und fühlt sich ganz leidlich. Wir müssen beten, daß sein Zustand so lange als möglich so bleibt. Der entsetzliche Schrecken darüber, wie er leiden muß, macht mich zeitweilig ganz toll. Dann hoffe und vertraue ich wieder, daß er nicht leidet.

Das Wetter ist prachtvoll; ich hoffe, daß er bald wieder die Erlaubnis zum Ausgehen bekommen wird, da er so gerne spazierengeht oder fährt."

Die ganze Welt verfolgte nun die merkwürdige Lage, daß beide, ein Kaiser und sein Thronerbe, an der Schwelle des Todes standen, mit Anteil. Kaiser Wilhelm I. ging langsam seinem natürlichen Ende entgegen - sein Sohn ergriffen von einer tödlichen Krankheit. Der furchtbare Wettlauf mit dem Tode hatte begonnen. Die deutsche Presse war außer sich. Schnell wurde die Schlußfolgerung gezogen, daß das Leben des Kronprinzen dem Fehler eines Arztes - eines englischen Arztes - geopfert worden sei, der, wie man versicherte, von der Kronprinzessin berufen worden sei. Deutsche Ärzte, welche die richtige Diagnose gestellt hätten, seien absichtlich zugunsten eines unfähigen Fremden beiseitegeschoben worden. Prinz Wilhelm zögerte nicht, die Meinung Berlins wiederzugeben und kam mit Dr. Schmidt nach San Remo. Am 15. November schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Meinem geliebten Fritz geht es gut, was die zeitweilige Schwellung und Entzündung des Halses (Ödem) betrifft. Diese ist ziemlich verschwunden - er braucht nicht länger den ganzen Tag Eis zu schlucken und Tag und Nacht Eisbeutel um den Hals zu haben und in seinem Ankleidezimmer zu schlafen. Aber er darf nicht herunterkommen und nicht ausgehen. Ich nehme die Mahlzeiten allein mit ihm und sitze den ganzen Tag in seinem Zimmer, wenn ich nicht ausgehe. Er ist ganz vergnügt und fühlt sich behaglich, beschäftigt sich mit Lesen und Schreiben und schläft sehr gut. Er hat versprochen, die Berichte über sich selbst in den Zeitungen nicht zu lesen und hat sein Versprechen gehalten.

Du fragst mich, wie Willy sich benahm, als er hier war. Er war so roh, unangenehm und frech wie nur möglich, als er ankam. Aber ich habe ihm mit, wie ich fürchte, beträchtlicher Heftigkeit den Standpunkt klargemacht, so daß er ganz nett und höflich und liebenswürdig geworden ist - wenigstens ganz natürlich, so daß wir sehr gut miteinander auskamen. Er sagte anfangs, daß er nicht mit mir spazierengehen wolle, 'da er zu viel zu tun habe - er müsse mit den Ärzten sprechen'. Ich erwiderte ihm, daß die Ärzte mir und nicht ihm zu berichten hätten, worauf er antwortete, er habe Befehl vom Kaiser, auf der richtigen Behandlung zu bestehen, darauf zu achten, daß die Ärzte nicht beeinflußt würden und dem Kaiser über seinen Papa zu berichten! Ich meinte, das sei nicht nötig, da wir dem Kaiser selber Nachricht gäben. Er sprach vor anderen und drehte mir dabei halb den Rücken zu, so daß ich ihm sagte, ich würde seinem Vater davon Mitteilung machen, wie er sich benähme, und ihn bitten, ihm das Haus zu verbieten - und verließ das Zimmer. Darauf sandte er mir sofort den Grafen Radolinsky nach, um mir zu sagen, daß er nicht hätte unhöflich sein wollen, und mich bäte, Fritz nichts zu sagen, 'aber es sei seine Pflicht, darauf zu achten, daß des Kaisers Befehle ausgeführt würden'. Ich erwiderte sofort, daß ich ihm nichts nachtrüge, aber keine Einmischung dulde; so ging alles gut aus, und wir hatten viele nette kleine Spaziergänge und Gespräche zusammen. Er war auch ganz freundlich zu Sir Morell usw.... Wilhelm kam mit der Absicht, auf der schrecklichen Operation zu bestehen und brachte darum Dr. Schmidt, ohne daß wir es wußten, mit sich, da man fürchtete, daß die anderen Ärzte die Operation nicht empfehlen würden und Schmidt einen Druck auf sie ausüben und uns zu diesem Zweck nach Berlin bringen sollte! Das würde Fritz einfach getötet haben! Wilhelm ist natürlich viel zu jung und unerfahren, um all das zu verstehen. Er ist bloß in Berlin dazu gebracht worden und glaubte, er müsse seinen Papa vor meiner schlechten Behandlung bewahren!! Wenn ihm nicht in Berlin aller mögliche Unsinn in den Kopf gesetzt wird, ist er ganz nett und friedlich, und wir freuen uns dann auch, ihn hier zu haben; ich kann nur nicht vertragen, wenn er mir Vorschriften machen will - der Kopf auf meinen Schultern ist genau so gut wie seiner. Wenn es nicht so wäre, würde ich die erste sein, die ihm nachgäbe...

Nun lebe wohl, geliebteste Mama - wenn Du an Fritz schreibst, hoffe ich, daß Du es so fröhlich tust, wie Du nur kannst. Briefe in melancholischem Ton, wie er deren viele erhält, drücken ihn nieder. Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß man ihn für krank hält, oder daß er so erscheint."

Die Spannung zwischen Mutter und Sohn wurde mit der Zeit nicht geringer. Auch war die Kronprinzessin nicht damit einverstanden, daß Dr. Bramann, Professor Bergmanns Assistent, nach San Remo geschickt wurde, um die Tracheotomie auszuführen, wenn die Operation plötzlich notwendig werden sollte. Am 16. November schrieb sie an die Königin Victoria:

"Obgleich ich heute morgen an Dich geschrieben habe, möchte ich Dir noch ein paar Zeilen schicken, um Dir für Deinen lieben Brief vom 12. zu danken, den ich gerade erhalten habe. Alle Deine lieben Worte rühren und erfreuen mich sehr, Deine Liebe ist ein wahrer Trost und eine Hilfe für mich! Ich kann Dir nicht sagen, wie dankbar ich für sie bin. Fritz läßt Dich vielmals grüßen und Dir für Deine Freundlichkeit danken...

Wir haben heute neue Unannehmlichkeiten aus Berlin erfahren: Graf Stollberg telegraphiert, daß der Kaiser einen Arzt, Bergmanns Assistenten, mit der Weisung bei uns zu bleiben, hergeschickt habe. Wir hatten zweimal widersprochen und abgelehnt und gesagt, daß, wenn ein Arzt notwendig wäre, wir es Bergmann wissen lassen würden. Trotzdem zwingen sie uns diesen Menschen auf. Sie quälen uns unausgesetzt, und die Presse hört nicht auf, wegen Fritz zu streiten und zu kämpfen! Politische Fragen, nationale Empfindungen und Vorurteile werden mit dem allem vermischt, so daß man wirklich wütend gemacht wird, aber die aufrichtige Zuneigung, die uns von so vielen Seiten zuteil wird, ist außerordentlich rührend, und wir sind von tiefer Dankbarkeit dafür erfüllt."

Auf diesen Brief antwortete die Königin Victoria am 18. November:

"Du hast allen Grund, ärgerlich und entrüstet über die Aufregung, die schamlose Öffentlichkeit und die häßlichen Argumente zu sein, mit denen unseres geliebten Fritz' Krankheit behandelt wird. Aber auf der anderen Seite muß man die große Besorgnis einer Nation um ihren geliebten, edlen und heldenhaften Prinzen berücksichtigen.

Natürlich werde ich Sir M. Mackenzie sofort nach seiner Rückkehr empfangen und dann alles von ihm hören. Trotzdem hoffe ich, daß der liebe Fritz die Möglickeiten kennt und weiß, daß er allein bestimmt hat, es soll nicht operiert werden, denn sonst würde die Verantwortlichkeit derer, die positiv anders entschieden hätten, zu furchtbar sein. Die deutschen Ärzte und, wie ich glaube, auch viele in England, sehen die Operation nicht für so gefährlich an; es gibt viele Beispiele für ihre erfolgreiche Ausführung, denn auf diese Weise kann die Krankheit vollkommen beseitigt werden. Manche Leute glauben auch, daß Sir M. Mackenzies diagnostische Fähigkeit seiner großen Geschicklichkeit bei inneren Operationen nicht ganz ebenbürtig ist. Ich halte es für meine Pflicht, aus Liebe zu Euch beiden, offen zu sagen, was mir richtig scheint, denn das kostbare Leben unseres geliebten Fritz ist so wichtig und wertvoll, daß nichts übersehen werden darf. Natürlich weiß ich noch gar nichts über den genauen Stand der Tatsachen und schreibe Dir daher nur, da ich weiß, daß Du es gern hast, wenn ich ganz offen zu Dir bin."

Dieser Brief kreuzte sich mit einem der Kronprinzessin, den sie am selben Tage geschrieben hatte; sie trägt ihrer Mutter all ihre Befürchtungen und Hoffnungen vor:

"Ich erhielt Deinen lieben Brief vom 14. gestern abend. Vielen herzlichen Dank dafür! Aber ich müßte mir selbst Vorwürfe machen, wenn Du Dich ermüden oder zuviel von Deiner kostbaren Zeit opfern würdest, um mir zu schreiben. Also bitte, schreibe nicht öfter an mich als gewöhnlich. Ich weiß, wie besetzt Deine Zeit ist, und obgleich Du sicher sein kannst, daß Deine Briefe für mich einen großen Trost und eine große Freude bedeuten, würde ich doch darunter leiden, wenn Du mehr an mich schreiben würdest, als es auf jeden Fall für Dich bequem ist. Unserem lieben Kranken geht es weiter gut! Die Einmischungen, die Angriffe, die Ratschläge hageln aus Berlin weiter auf uns hernieder, d. h. auf mich, weil wir Fritz so wenig wie möglich damit beunruhigen! Die Zeitungen sind voller Lügen, und trotzdem wissen wir nicht, ob es ratsam ist, ihnen zu widersprechen. Meistenteils sind es gehässige Anspielungen. Du weißt, daß es eine Partei gibt, die gegenwärtig sogar an unserem Hof ihre Vertreter hat, und die zweifellos in guter Absicht, aber mit einem bedauernswerten Mangel an gesundem Menschenverstand und an Wissen von medizinischen Dingen behauptet, daß ich der Grund alles Unglücks bin - die Operation im Mai verhindert, Sir M. Mackenzie Fritz aufgezwungen und jeden anderen ferngehalten habe! Sie sagen auch, daß diese furchtbare Operation Fritz geheilt oder getötet haben würde, und daß ich beide Möglichkeiten unterbunden hätte. Sie befürchten einen Krieg oder europäische Verwicklungen und glauben, daß Wilhelm besser wäre als ein Kaiser, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, denken also vielleicht auch, daß sie mich loswerden können, worüber sie sehr froh wären, da sie den Kaiser und Wilhelm für viel bessere Werkzeuge halten. Das ist alles so töricht und falsch und lächerlich, daß es kaum den Widerspruch lohnt. Solange aber noch ein Atemzug in mir ist, will ich darauf halten, daß für Fritz das Richtige zur Verlängerung seines Lebens, zu seiner Bequemlichkeit und seinem Glück getan wird. Viele sind ärgerlich auf mich, da ich vor Fritz fröhlich und unbefangen erscheine und mich bemühe, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben und ihn den Sorgen und dem Nachdenken über traurige Dinge entziehen will! Nach ihrer Ansicht versuche ich, ihm den Ernst der Lage zu verheimlichen, da er wissen müsse, in welcher Gefahr er schwebe. Das ist durchaus nicht wahr, da er sich augenblicklich, Gott sei Dank, nicht in unmittelbarer Gefahr befindet. Ferner behaupten sie, daß ich ihn mit falschen Hoffnungen aufrecht halte, was auch nicht wahr ist, da ich sorgfältig vermeide, über die Zukunft zu sprechen, um ihm nicht meine wahre Ansicht mitteilen zu müssen. Als Sir Morell ihm das erstemal in der freundlichsten, gütigsten Weise mitteilte, daß er fürchte, das Gewächs möge ein bösartiges sein, erschütterte es Fritz so entsetzlich, daß er bittere Tränen vergoß in einem herzzerreißenden Jammer! 'Daß ich eine so schreckliche, ekelhafte Krankheit haben muß! und für euch alle zum Ekel und eine Last sein muß! Ich hatte gehofft, meinem Lande nützen zu können. Warum ist der Himmel so grausam gegen mich? Was habe ich getan, um so geschlagen und verdammt zu sein? Was wird aus Dir werden? Ich kann Dir nichts hinterlassen! Wer wird Morettas Sache verfechten?' Ich tat alles, um ihn zu trösten und zu beruhigen, erzählte ihm,alles, was ihn trösten und stärken konnte, aber nichts Unwahres. Ich sagte ihm, daß wir die Zukunft in Gottes Hand lassen und uns nicht ängstigen, sondern die Krankheit, so gut wir es könnten, bekämpfen müßten, indem wir froh und hoffnungsvoll wären, für seine Gesundheit sorgten usw ....

Darauf war er ganz beruhigt und getröstet, und was die anderen Ärzte später zu ihm sagten, machte ihm keinen Eindruck. Er hörte sie ganz ruhig an, wurde sich aber nicht ganz klar darüber, was sie meinten. Natürlich wissen das nur sehr wenig Menschen, Sir Morell, Dr. Hovell und Moretta. Selbstverständlich dürfen es die anderen nicht wissen, da sie ihm sonst sofort sagen würden: 'Oh, es geht Ihnen viel schlechter, als Sie wissen. Ihre Frau verbirgt es vor Ihnen. Da es keine Hoffnung mehr für Sie gibt, täten Sie besser daran, alle Hoffnung aufzugeben, jemals der Nachfolger Ihres Vaters zu werden. Sie sollten nach Berlin zurückgehen und sich der Operation unterziehen.' Selbst gute und wohlmeinende Menschen haben keinen Herzenstakt und bemühen sich nicht, einem andern einen Augenblick der Angst und Verzweiflung zu ersparen. Du weißt, wie empfindlich und ängstlich, wie argwöhnisch und verzagt Fritz von Natur aus ist. Um so falscher und in der Tat gefährlich (abgesehen von der Grausamkeit) ist es, zu wünschen, daß er das Schlimmste denken soll. Wir würden ihn überhaupt nicht weiterbekommen, wenn das der Fall wäre.

Wie lange uns Gott unseren Liebling noch lassen wird, wissen wir nicht, aber dieser Gedanke soll, obgleich er jede Minute meines Lebens verbittert, keine Düsternis über ihn werfen, wenn ich es verhindern kann. Selbst in der Ungewißheit liegt noch Hoffnung; wenn sie auch nur gering ist, so genügt sie doch, um ihm in unbestimmter Weise vorgehalten zu werden; dies ermuntert und stärkt ihn und macht ihn willig, die Wünsche der Ärzte auszuführen, was er nicht tun würde, wenn er von der Nutzlosigkeit des Ganzen überzeugt wäre.

Dem Kaiser geht es wieder wunderbar gut, über die Kaiserin höre ich sehr widersprechende Nachrichten, so daß ich in der Tat nicht weiß..."

Die andauernde Abwesenheit des Kronprinzen von Berlin wurde jetzt von gewissen Elementen am deutschen Hofe übelgenommen, und die Besorgnisse der Kronprinzessin schienen nur allzu gerechtfertigt, als der Kaiser am 17. November, für den Fall seiner Erkrankung, seine Machtbefugnis auf den Prinzen Wilhelm übertrug. Vier Tage später war ihr zweiter Sohn, Prinz Heinrich, in San Remo angekommen; das durch seinen Besuch verursachte Unheil kann aus dem folgenden Brief der Kronprinzessin, vom 21. November, ersehen werden:

"In Berlin haben sie den größten Fehler begangen. Der Kaiser hat bestimmt, daß Wilhelm an seiner Statt die Staatspapiere unterzeichnen soll, wenn er selbst sich dazu nicht imstande fühlt. Es ist ein gegen die Regel verstoßendes und außerordentlich rücksichtsloses Vorgehen, dies zu tun, ohne Fritz um Rat gefragt zu haben. Vor zwei Tagen kam eine von Bismarck unterzeichnete Benachrichtigung über diese Tatsache, nicht einmal von seiner Hand geschrieben. Fritz war an diesem Tage sehr aufgeregt und ärgerlich darüber, daß auf Befehl des Kaisers ein Assistent Bergmanns hierhergeschickt worden ist - ohne daß Fritz es wünschte und gegen meinen geschriebenen und telegraphierten Widerspruch. Der Doktor wollte nicht, daß er sich noch mehr aufregte, so tat ich dies Papier beiseite und gab es ihm nicht! Heinrich kommt an, zieht ein Papier, oder vielmehr einen Brief von Wilhelm aus seiner Tasche, in dem dieser sagt, daß er zum 'Stellvertreter des Kaisers' bestimmt sei, und gibt ihn Fritz, der sehr gekränkt, ärgerlich und erregt war, viel sprach (was sehr schlecht für ihn ist), sagte, er wollte sofort nach Berlin kommen usw.... Es dauerte lange, bis er beruhigt werden konnte.

Glücklicherweise fühlt sich der liebe Fritz heute gut und behaglich, mit Ausnahme der von außen kommenden Unannehmlichkeiten. Er sendet Dir seine zärtlichste Liebe.

Ich habe heute nicht gewagt, an die Zukunft zu denken. Ich lasse sie in Gottes Hand und will nicht wissen, was uns bevorsteht..."

Andere Briefe der Kronprinzessin an ihre Mutter während der sechs übrigen Wochen des Jahres 1887 sind meist in derselben Tonart gehalten. Hauptsächlich geben sie Nachricht über die Schwankungen im Befinden des Kronprinzen - einen Tag war die Kronprinzessin voller Hoffnung und am nächsten tief bedrückt. Allen Bemühungen, Mackenzie, Hovell und Krause durch andere Ärzte zu ersetzen, stellte sie den heftigsten Widerstand entgegen. Am 2. Dezember schrieb sie:

"Du kannst Dir nicht denken, mit welcher Heimtücke dem deutschen Publikum die Dinge dargestellt worden sind, um es gegen Sir Morell Mackenzie, gegen mich, Dr. Krause und Dr. Hovell aufzureizen... Auf diesem Boden sind die politischen Intrigen gewachsen. General von Winterfeld, der unser größter Trost und unsere beste Stütze in Baveno war, gab sofort alles auf, verlor den Kopf und unternahm es, den ganzen Hof und die Militärpartei in Berlin in Aufregung zu bringen. Er telegraphierte immer wieder die beunruhigendsten Dinge und schuf in Berlin die Panik, die durch die Heftigkeit des Generals von Albedyll und seiner Freunde, die natürlich erschreckt waren, vermehrt wurde; sie glauben, Fritz würde in wenigen Monaten von uns genommen werden und bombardierten uns beständig mit Vorschlägen, die wir nicht ausführen konnten. Winterfeld und die ganze Partei in Berlin wünschten, daß wir augenblicklich packen, nach Hause reisen und Fritz in die Hände von Gerhardt, Bergmann und Tobold geben sollten - sie wollten uns die Operation aufzwingen! Ich brauche kaum zu sagen, daß die Reise eine heftige Entzündung hervorgerufen und aller Wahrscheinlichkeit nach die Operation Fritz das Leben gekostet haben würde.

Es war meine Pflicht, dagegen zu kämpfen! Jetzt will dieselbe Partei nicht zugeben, daß es Fritz verhältnismäßig gut geht. Sie hatten alle ihre Berechnungen auf die Tatsache gegründet, daß Fritz seinem Vater nicht folgen oder gezwungen sein würde, sofort eine Regentschaft einzurichten, die alle Macht in Wilhelms Hände legen sollte. Danach trafen sie ihre Anordnungen; ich habe bis jetzt noch keine Nachricht, wie Bismarcks Haltung ist, ob er der Partei glaubt und mit ihr geht oder nicht. Das ist unsere wahre Lage. Sie halten es für patriotisch und glauben, daß es für das Land das beste sei. Dabei ist es in der Tat töricht und falsch, boshaft und grausam und steht bestimmt nicht im Einklang mit den Empfindungen des deutschen Volkes, das uns täglich neue Beweise des Vertrauens, der Sympathie und der loyalen Ergebenheit zukommen läßt.

Ich muß alle diese Ungerechtigkeit, Undankbarkeit und Torheit eine Zeitlang ertragen, die Zukunft wird zeigen, wer recht hatte."

Bismarcks Haltung während dieser Zeit zeigte wohlwollendes Interesse, und die Kronprinzessin schrieb am 8. Dezember mit Freude von einem höflichen und netten Brief, den sie von ihm erhalten habe.

"Heinrich ist jetzt sehr nett und liebenswürdig", fährt die Kronprinzessin in ihrem Brief fort, "ich habe aber niemals mit ihm über die Krankheit seines Vaters oder die Ärzte oder die Art und Weise gesprochen, in welcher die Leute in Berlin sich benehmen, da ich nicht noch einmal so mit mir reden lassen will. In allen anderen Angelegenheiten hat er sich jetzt beträchtlich beruhigt und macht sich angenehm. Er ist immer nett, wenn er eine Zeitlang bei uns gewesen ist, aber nicht, wenn er von anderen aufgehetzt und sein Kopf in Berlin mit Unsinn vollgestopft worden ist."

Sechs Tage später schrieb Lady Ponsonby an die Königin Victoria:

"Wir dinierten gestern abend in der Villa Zirio, und ich bat, nicht neben dem Kronprinzen zu sitzen. Er ist so sehr gütig und freundlich, und es ist beinahe unmöglich, ihn am Sprechen zu verhindern. Wenn man versucht, dies zu vermeiden, indem man selber redet, will er antworten. Ist man still, will er eine Unterhaltung beginnen; so überließ ich voller Trauer meinen Platz einem anderen; als Baron Roggenbach gegangen war (mit dem er eine lange Unterhaltung hatte), war der Kronprinz augenscheinlich bewogen worden, schweigsamer zu sein, und spielte Billard, anstatt sich zu unterhalten.

Die Kronprinzessin hatte Kopfschmerzen und eine leichte Erkältung. Natürlich wechselt ihre Stimmung je nach Lage der Dinge. Es ist vollkommen unerträglich, daß sie nicht das Einfachste tun kann, ohne daß es sofort in Berlin bekannt wird. Ich darf wohl annehmen, daß Ihre Kaiserliche Hoheit Eurer Majestät von dem Telegramm erzählt hat, das sie offen an die Herzogin von Montpensier geschickt hat, auf das, bevor die Antwort eintraf, die Kronprinzessin eine Mitteilung aus Berlin bekam, die besagte, man wünsche nicht, daß Ihre Kaiserliche Hoheit die Orléans' träfe... Prinzeß Victoria ist für ihre Mutter ein großer Trost und besitzt augenscheinlich einen festen Charakter. Trotzdem ist die Kronprinzessin sehr, sehr einsam; es bekümmert mich oft, wenn ich daran denke..."

Lady Ponsonbys Erwähnung der Beziehungen, welche die Kronprinzessin mit der Herzogin von Montpensier verbanden, bezogen sich auf eine andere Spannung, die zwischen der Kronprinzessin und den Machthabern in Berlin bestand. Die Kronprinzessin hatte mit den Orléans' immer auf gutem Fuß gestanden; als sie hörte, daß der Herzog und die Herzogin von Montpensier in Cannes seien (wo der Bruder der Kronprinzessin Prinz Leopold im Jahre 1884 gestorben war), beschloß sie, ihnen entweder einen kurzen Besuch abzustatten oder sie nach San Remo einzuladen. Sobald die Nachricht von diesem Plane nach Berlin kam, verbot Bismarck sofort einen solchen Austausch von Höflichkeiten; am i2. Januar schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Stelle Dir vor, daß es mir verboten worden ist, den Herzog und die Herzogin von Montpensier, Marguérite und Chignite, zu besuchen oder sie hierher einzuladen. Sie baten alle so recht herzlich, uns hier besuchen zu dürfen!! Es macht mich wütend, daß ich nun Entschuldigungen suchen muß und unhöflich erscheine, da ich sie erst so gerne sehen wollte! Daher kann ich nicht nach Cannes und möchte doch so gerne das Haus sehen, in dem unser lieber Leopold sein Leben aushauchte, und die Kirche, die zu seinem Gedächtnis erbaut worden ist! Es ist wirklich zu schlimm und sehr lächerlich; außerdem wünsche ich, daß alle erfahren, es sei nicht unser Fehler. Es ist Bismarcks neustes Steckenpferd. Ich kann durchaus nicht begreifen, wie es jemand schaden könnte, wenn ich unsere Verwandten und Freunde sehe, die immer so freundlich, höflich und angenehm sind. Es scheint mir so kleinlich. Vermutlich soll die französische Regierung sich nicht einbilden, daß Deutschland die geringste Neigung für die Orléans' oder ihre Sache hat sondern im Gegenteil hofft, daß sie niemals auf den Thron zurückkehren werden. Fürst Bismarck ist überzeugt, daß sie eine große Gefahr für den Frieden und Deutschland bedeuten, was ich nicht glauben kann! Nach seiner Überzeugung würde Rußland sofort ein Bündnis mit ihnen schließen und Krieg mit Deutschland anfangen, wenn sie zur Macht kämen, während des Zaren Widerwillen gegen eine Republik ihn gegenwärtig davon zurückhält, sich mit Frankreich zu verbünden. Ich kann in dieser Republik keinerlei Bürgschaft für den Frieden erblicken."

Weihnachten 1887 ging mit dem üblichen Austausch guter Wünsche zwischen der Kronprinzessin und ihrer Mutter vorüber; ihr letzter Brief an die Königin Victoria im Jahre 1887 gibt Zeugnis von der immer breiter werdenden Kluft zwischen der Prinzessin und ihrem Sohn Wilhelm. Am 28. Dezember schrieb sie:

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, den Du am Weihnachtsabend geschrieben hast. Dieses ist mein letztes Schreiben in diesem Jahr, Deinem Jubiläumsjahr, das niemals vergessen werden wird, und das so viel Glück, aber auch so viel Sorgen gebracht hat. Nicht ohne die übliche Ungewißheit beginnt das neue Jahr - aber ich habe immer noch Hoffnung, da Sir Morell Mackenzie dieses Mal zufriedener ist, als er früher war und den Befund von Fritzens Hals mit größerer Beruhigung betrachtet als vor einer Woche. Du wirst seine Ansichten so sehr viel besser von ihm selber hören, daß ich ihm alle Einzelheiten überlassen kann. Sein Besuch war sehr nützlich und ein großer Trost.

Ich habe mich über den Times-Korrespondenten in Berlin ziemlich amüsiert, der sagte, daß die 'Stadtmission' in Berlin zur Ausbreitung des evangelischen Kirchenlebens und der christlichen Mildtätigkeit diene. Sie ist keineswegs so harmlos; ihre Mitglieder sind im Gegenteil die heftigsten Feinde aller meiner mildtätigen Unternehmungen. (Ich habe immer die heftigen Sektierer, Antisemiten und Antikatholiken vermieden, da ich sie für unduldsam und hartherzig halte.) Wilhelm und ganz besonders Dona haben immer die entgegengesetzte Clique begünstigt - alle, die begeisterte Bismarckianer, Konservative usw. sind. Daher war ich gar nicht erstaunt, daß Dona und Wilhelm dieser Versammlung beiwohnten und der letztere eine sehr törichte Rede hielt; sie hat indessen in der liberalen und Bourgeois-Welt Berlins große Entrüstung hervorgerufen und Wilhelm noch unbeliebter gemacht, als er bei der Menge der Bevölkerung schon war. Wir haben ihm nichts darüber gesagt, da wir die Sache nicht für der Rede wert hielten. Er muß seine eigenen Erfahrungen machen, da er nicht auf uns hört. Die Menschen, die dreißig Jahre lang gegen Fritz und besonders gegen mich unfreundlich gewesen sind, sind dieselben, die jetzt Wilhelm nachlaufen und ihn und Dona vollkommen in der Tasche haben, dieselben Leute oder dieselbe Clique, die meine Schwiegereltern zu verfolgen pflegten, solange sie Prinz und Prinzessin von Preußen waren, und die nur ergebene Bewunderer des Kaisers geworden sind, seitdem er alle seine alten Grundsätze und seine alten Freunde hat fallen lassen, Bismarck im Jahre 1863 berief und die reaktionäre Ära begann. Sie hoffen und wünschen, daß Wilhelm den Regierungsstil fortsetzen wird, den, wie sie fürchten, Fritz, wenn er jemals Kaiser wird, sofort ändern wird. Wilhelm weiß das alles! Die Hofgeistlichkeit in Berlin besteht aus den verderblichsten Elementen, falschen, ehrgeizigen, engherzigen und servilen Leuten, die von dem gebildeten und unabhängigen Bürgertum in keiner Weise geliebt werden. Es ist traurig, daß die Kinder nicht auf der Seite ihrer Eltern stehen! Fritz und ich halten loyal und treu zu all den alten Freunden des Kaisers, zu Schleinitz, Usedom, Hatzfeldt, Portalès, Arnim, Camphausen, Bonin, Fürst Hohenlohe, die alle ausgezeichnete, tolerante, höfliche Weltmänner von hohen Grundsätzen sind. Bismarck fegte sie alle weg, und dann begann die Herrschaft von 'Blut und Eisen' - die Grundsätze des 'Opportunismus' wurden eingeführt, und wir zogen zurückhaltendes Stillschweigen vor. Wir konnten nicht billigen, was alles geschah, aber Menschen, die dem Kaiserpaar zu schaden versuchten oder scharfe Kritik an seinem Verhalten übten, hätten wir niemals aufnehmen können!! Vieles wird sich ändern, wenn wir jemals die Gelegenheit haben werden, offen zu sprechen und zu vermitteln. Das hohe Alter des Kaisers muß in weitestgehender Weise beim Verhalten dieser Partei in Rechnung gezogen werden, aber ich darf Dich nicht mit diesen Dingen langweilen, die nur von geringerem Interesse für Dich sein können."

Das neue Jahr brachte der Kronprinzessin wenig Freude. Es hatte kaum begonnen, als man feststellen mußte, daß die rechte Seite des Kehlkopfes von dem Gewächs angegriffen worden war. Am 5. Januar schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter:

"Fritz ist in den letzten Tagen ein wenig heiserer, und die rechte Seite (die bis jetzt noch nicht angegriffen war) zeigt Spuren der Entzündung und eine kleine Schwellung. Es ist sehr lästig, aber nur, was man bei einem Zustand chronischer Affektion wie bei seinem erwarten muß; trotzdem hatte ich immer noch gehofft, daß wir ihm entgehen könnten, und habe Dr. Hovell beauftragt, Dr.Reid davon Mitteilung zu machen.

Fritzens Krankheit hat uns wiederum empfinden lassen, was für ein Segen es wäre, wenn die Regierung des allgewaltigen Bismarck nicht ewig dauern würde und andere Grundsätze, Gedanken, und ein neuer Geist in die deutsche Regierung einzögen. Bismarck ist ein großer Mann, ein Genie und eine Macht, tut alles, was er kann und hat viel für sein Land geleistet. Man muß gerecht und dankbar sein, aber da man vom Dornbusch keine Trauben und von Disteln keine Feigen ernten kann, so darf man auch von ihm nicht das erwarten, nach dem das moderne Deutschland hungert und dürstet: d. h. Friede zwischen seinen Gesellschaftsklassen, Rassen, Religionen, Parteien, gute und freundliche Beziehungen mit seinen Nachbarn, Freiheit und Achtung vor dem Recht anstatt der Gewalt, den Schutz der Schwachen gegen die Unterdrückung der Starken..."

Januar und Februar verbrachte der hohe Kranke an der Seite seiner Gattin noch in San Remo. Jede Woche wechselte der Krankheitszustand derartig, daß die Prinzessin zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankte. Sie freute sich indessen, am 8. Januar notieren zu können, daß "der Kaiser freundlich über Morell Mackenzie gesprochen hat, worüber ich sehr froh bin". Anfang Februar wurde bestimmt, da die Krankheit nun als Perichondritis (Knorpelhautentzündung) festgestellt worden war, eine Kanüle in den Hals des Patienten einzuführen, um die Atmung leichter zu gestalten. Am 8. Februar schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Ich bin ganz elend, weil Fritz so unter Atembeschwerden leidet und diese furchtbare Tracheotomie über unseren Köpfen hängt: natürlich bin ich sehr dankbar, daß Virchows Bericht so gut ausgefallen ist, aber ich muß sagen, daß ich ein wenig die Empfindung habe, als wären wir 'aus der Bratpfanne ins Feuer geraten', da man weder sagen kann, wie lang andauernd oder wie schlimm diese Perichondritis sein wird, noch ob Fritzens Körperkraft ihr standhalten kann. Seine Geduld geht allmählich auf die Neige und sein Gemüt ist stark umdüstert - es ist schwer, seinen Mut aufrechtzuhalten. Er weiß, wie notwendig er seinem Land ist und möchte gern geheilt und gesund werden. Die Nächte und Tage und Wochen zehren mich auf, aber wir sehen noch keinen Weg, der aus dem Dunkel führt. Diese ganze Ungewißheit ist sehr schwer zu ertragen, aber man muß alles mit möglichstem Gleichmut dulden."

Fünf Tage früher, am 3. Februar 1888, veröffentlichte Bismarck aus eigenem Ermessen den Text eines Verteidigungsvertrages gegen Rußland, den Deutschland und Österreich am 7. Oktober 1879 geschlossen hatten; er war bis zu diesem Zeitpunkt geheimgehalten worden. Als die Kronprinzessin diese Nachricht erhielt, schrieb sie am 9. Februar an die Königin Victoria:

"Ich würde gerne hören, was Lord Salisbury über die Veröffentlichung des Allianz-Vertrages zwischen Deutschland und Österreich zu sagen hat. Ich glaube, daß alles im Interesse des Friedens geschehen ist."

An diesem Tage, am 9. Februar, wurde die lange hinausgeschobene Operation der Tracheotomie erfolgreich von Dr. Bramann ausgeführt. Die Kronprinzessin schrieb an die Königin Victoria:

"Heute war ein schrecklicher Tag der Angst und der Not. Gott sei Dank ist die Operation gut vorübergegangen - der liebe Fritz liegt in leichtem Schlaf, während ich an seinem Bette sitze. Natürlich kann er nicht sprechen. Er atmet jetzt ganz gut, aber das Geräusch, das die Luft in der Kanüle verursacht, ist natürlich schrecklich. Erst heute morgen wurde ihm mitgeteilt, daß die Operation ausgeführt werden solle und er gab seine Zustimmung. Auf Bergmann wurde nicht gewartet! Dr. Bramann führte sie sehr gut aus - Sir Morell, Dr. Hovell, Krause und Schrader waren anwesend - im Nebenzimmer weilten Moretta, Ludwig und ich. Ich gestehe, daß ich in schrecklicher Angst war, wie Du Dir vorstellen kannst. Ich fühlte mich ungeheuer erleichtert, als alles vorüber war. Mein armer Liebling benahm sich gut und geduldig und machte kein Aufhebens von der Sache; ich tat mein Bestes, es ihm gleich zu tun. Alle Vorbereitungen mußten in großer Eile getroffen werden. Sein Bett steht in seinem Wohnzimmer. Er hatte keine Schmerzen, wie ich glaube, da er unter Chloroform lag. Heinrich und Charlotte waren heute sehr nett zu mir und Louis sehr freundlich. Ich bin von all der Angst ziemlich herunter, hoffe aber, daß nun alles gut werden wird."

Die Nachricht von der Operation erregte in Berlin das größte Aufsehen; das Gerücht verbreitete sich bald, daß der Kronprinz im Sterben liege, wenn nicht schon tot sei! Die Kronprinzessin konnte aber immer noch nicht glauben, daß die Krankheit Krebs sei, wie es aus ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 12. Februar hervorgeht:

"Fritz hat eine gute Nacht verbracht. Gestern abend kam Prof. Bergmann an und mit ihm Graf Radolinsky. Der letztere sagte sofort, daß er nicht erwartet habe, Fritz am Leben zu finden, und daß ganz Berlin im Zustande höchster und wildester Erregung sei. Jedermann wisse, daß es Krebs und Fritz unwiderruflich verloren sei; niemand in Berlin glaube an eine Gesundung, er werde bereits als zur Vergangenheit gehörig angesehen! Dieser Unsinn allein möge Dir die Ansichten der Kreise zeigen, in denen Radolinsky verkehrt. Wir haben Sir Morell ersucht, seine Meinung in einem kurzen Schriftsatz niederzulegen und auch Virchows letzte Ergebnisse zu veröffentlichen, da jedermann in Berlin und auch meine drei ältesten Kinder fest überzeugt sind, daß nach Virchows Ausspruch als Endergebnis seiner Untersuchungen Krebs vorläge. Die Gräfin Brühl schneidet mich beinahe, und Fritzens zwei Kammerherren machen die längsten und steifsten Gesichter. Das heißt, daß sie nicht an einen günstigen Verlauf glauben, sondern an der Meinung festhalten, daß alles auf die schlimmste Weise ausgehe! Bergmann (der gar nichts von Fritzens Hals wissen kann, was er nicht durch Hörensagen erfahren hat) meint, daß es Krebs ist; da er als der erste Berliner Arzt gilt, glauben ihm natürlich viele Deutsche; sie können nicht wissen oder nicht verstehen, daß er sich nur auf seine Vermutungen stützen kann!

Ich hatte gestern einen ziemlich stürmischen Abend mit diesen lieben Leuten, die scheinbar alle außer Rand und Band geraten, wenn gerade die größte Ruhe, Sammlung, Sicherheit und Überlegung geboten ist. Sie meinen es sehr gut, sind aber ungewöhnlich unangenehm im Verkehr."

In den nächsten Wochen trat kein großer Wechsel ein, weder im Zustand des Kranken, noch in den Hoffnungen seiner Gattin, daß alles gut verlaufen und der Kronprinz genesen würde; auch änderte sich die Stimmung der Berliner Partei nicht. Am 20. Februar meinte die Kronprinzessin: "Fritz geht es wirklich heute etwas besser... so bin ich ein wenig beruhigt und glaube, daß der Höhepunkt überschritten ist und die Besserung beginnt." Über die Aufregung in Berlin fügte sie hinzu: "Wenn es Fritz wirklich besser geht und die Aufregungen abebben, wird alles viel leichter sein. Das ganze Gerede in Berlin und hier ist völlig lächerlich. Die Hauptsache ist Fritzens Gesundheit; möge es Gott gefallen, daß alle die pessimistischen Ansichten jetzt ganz überflüssig sind." Der "feindlichen und unfreundlichen Opposition" entschloß sie sich, Blindheit entgegenzusetzen, "wie Lord Nelson... es ist am besten, törichte Dinge, die uns nur ärgern können, gar nicht zu sehen".

Eine Woche später fand eine neue Beratung der Ärzte statt. Mackenzie, Bergmann, Schröder und Professor Kußmaul aus Straßburg waren zugegen, und es war leider unvermeidlich, daß ihre auseinander gehenden Ansichten aufeinanderstießen. Am 26. Februar schrieb die Kronprinzessin:

"Ich habe einen sehr schmerzlichen Tag hinter mir; wie ich voraussah, ließen sie den armen alten Prof. Kußmaul aus Straßburg nur kommen, um ihre Ansicht zu stützen. Er ist nicht Spezialist und kann mit dem Kehlkopfspiegel nichts sehen, trotzdem versuchte er, Fritzens Hals zu untersuchen, was, wie ich Dir versichern kann, sehr grotesk war. Er sah nichts, glaubte aber eine ganze Menge zu sehen und beschrieb in ganz phantastischer Weise, was er erblickte! Das Hauptergebnis war folgendes: Er erklärt, daß Fritz absolut nichts an der Lunge hätte. Ich sagte Bergmann, daß, wenn Sir M. Mackenzie andre Kanülen einlegen und den Hals behandeln dürfe, die Blutung aufhören würde und daß Fritz, wenn er besser schliefe, wieder mehr essen und ein anderer Mensch werden würde. Bergmann sagte: 'Ach, wenn das nur möglich wäre, aber er wird sich niemals von dem Zustande erholen, in dem er jetzt ist. Es kann nur sehr schnell schlimmer werden!' Ich ersuchte den Herrn Professor, ein wenig zu warten und sich Fritz in vierzehn Tagen noch einmal anzusehen. Er stimmte dem mit einem mitleidigen ungläubigen Lächeln zu! Kußmaul sagte, daß Krebs ohne jeden Zweifel vorläge und so gut erkennbar sei, daß er keine anderen Beweise brauche. Auf all das kann Sir Morell nur erwidern: 'Der erste Pathologe der Welt hat nichts Derartiges gefunden. Was ich vom Kehlkopf sehe, läßt das Gegenteil vermuten - beides zusammen macht es mir unmöglich, zu bestätigen, daß Krebs vorliegt. Es ist möglich, daß Krebs vorhanden ist, aber ich habe keinen überzeugenden Beweis dafür. Ich weiß mehr vom Hals als diese Herren, von denen der eine ein berühmter Chirurg, der andere ein praktischer Arzt ist, der hauptsächlich Magenbeschwerden behandelt, und Virchows mikroskopische Untersuchung scheint mir vertrauenswürdiger, als die Diagnose Bergmanns, Bramanns, Krauses und Schröders!' Es ist sehr unangenehm, daß Fritz seinen Appetit so vollkommen verloren hat und sehr traurig, daß die Tracheotomie bestimmt nicht gut angeschlagen hat. Die letzten drei Wochen haben große Anforderungen an Fritzens Kraft gestellt, so daß ich mich nicht wundern kann, wenn er elend ist und blaß und krank aussieht, der arme Liebling! Kußmaul und Bergmann beabsichtigen, bald abzureisen, und ich hoffe, Fritz wird dann allmählich seine üblichen Gewohnheiten wieder aufnehmen. Aber die Blutungen und der Auswurf sind sehr quälend und machen ihn sehr abhängig, da der Arzt Tag und Nacht im Zimmer sein muß, um die Kanüle zu bedienen."

Zehn Tage später schrieb sie an Königin Victoria:

"Ich hätte Dir schon für Deinen lieben Brief vom 1. danken müssen und habe nun schon einen vom 3., für den ich Dir ebenfalls zu danken habe. Ich war in diesen letzten zwei oder drei Tagen so bedrückt, daß ich Dir keinen fröhlichen Brief hätte schreiben können. Du wirst gehört haben, daß Prof. Waldeyer aus Berlin, den ich nicht gesehen hatte und nicht kenne, behauptet, unzweifelhafte Beweise für Krebs gefunden zu haben, d. h. eine unglaubliche Menge von 'Nestzellen'. Das überzeugt Bergmann, Bramann, Schröder und Krause, da es bestätigt, was Kußmaul sagte. Mich kann es durchaus nicht bekehren, obgleich es die Meinung der anderen Seite bestärkt... Die Unannehmlichkeiten des Blutens und der Kanüle dauern an, aber sehr viel weniger, seitdem Sir Morell die Röhren geändert hat. Die letzte Nacht war die beste, die Fritz seit langem gehabt hat, weniger Husten und weniger Blutung. Er aß gestern besser und fühlt sich jetzt wirklich nicht krank und elend. Bergmann hat Willy gesagt, daß sein Papa noch sechs Monate zu leben habe! Mit diesem Gedanken ist Wilhelm abgereist; natürlich ist das Unsinn, aufs Geratewohl als Vermutung ausgesprochen. Zwischen Willy und uns war diesmal alles harmonisch. Er hat uns gestern morgen verlassen. Kein Wort des Mitgefühls oder der Liebe äußerte er, und ich war unglücklich, zu sehen, wie hochmütig er geworden ist, und wie entsetzlich er posiert! Ohne Zweifel ist dies die Folge davon, daß man ihm so oft gesagt hat, in weniger als einem Jahr würde er Kaiser sein. Sein Besuch brachte aber keine Verstimmung, und er mischte sich auch dieses Mal nicht in unsere Angelegenheiten.

Ich bin aufgeregt, ängstlich und unglücklich über all das; der Gedanke, daß man ärgerlich auf mich ist, weil ich mich weigere, die Hoffnung aufzugeben und nicht nach Deutschland zurückeile, weil ich weiß, wie gefährlich dies für meinen geliebten Fritz wäre, ist hart. Niemand bedenkt das. Sie wollen nur sagen können, daß er in Deutschland ist. Ich behaupte, daß wir noch bis Mitte April warten müssen, dann können wir langsam heimfahren!

Der Kaiser ist in den letzten paar Tagen nicht wohl gewesen, aber außer Bett und geht seinen Geschäften wie gewöhnlich nach."

Am nächsten Tage, dem 7. März, schrieb die Kronprinzessin an Lady Ponsonby:

"Ich habe Ihnen schon so lange schreiben wollen, aber keine Minute Zeit dazu gehabt. Natürlich kennen Sie alles, was ich von hier in meinen Briefen an die Königin mitgeteilt habe. Ich glaube, daß das Allgemeinbefinden meines lieben Gatten sich in den letzten Tagen sehr gehoben hat; obgleich das furchtbare Bluten andauert und die Nächte sehr gestört sind. Sein Appetit ist wirklich viel besser, auch sieht er viel frischer aus. Wir sind wegen des Kaisers, der heute nachmittag schwächer als sonst gewesen sein soll, ziemlich besorgt. Der Himmel möge geben, daß wir nicht plötzlich nach Deutschland müssen, wo es jetzt entsetzlich kalt ist. Der Kronprinz hat sich noch nicht genügend erholt, um Anstrengungen und Verantwortlichkeiten gewachsen zu sein, die er plötzlich übernehmen müßte; meine Angst würde, wie Sie sich vorstellen können, verzehnfacht werden.

Das ist kein sehr fröhlicher Brief, aber ich bin wirklich durch alle Sorgen und Ängste vollkommen erdrückt und sehne mich nach einem Hoffnungs- und Lichtstrahl in all dieser Finsternis."

Der Satz, der sich mit dem Kaiser beschäftigt, sprach die Vorahnung eines langerwarteten Ereignisses aus. Der folgende Tag brachte die Nachricht, daß das Ende des neunzigjährigen Monarchen nahe sei. Die Kronprinzessin sah diesem Ereignis ohne Erhebung oder Freude entgegen. Jeder Stolz, jede Genugtuung, die sie hätte empfinden können, da der Tod des Kaisers ihr die Kaiserinwürde verlieh, wurde vollkommen durch die fürchterliche Gewißheit aufgehoben, daß "Fritz den Sonnenschein und die Wärme San Remos mit dem Winterwetter und der Geschäftigkeit Berlins vertauschen müßte". Sie schrieb am 8. März an ihre Mutter:

"Wie Du weißt, sind die Nachrichten über den Kaiser so, daß sie uns zwingen, uns auf alle Möglichkeiten vorzubereiten. Ich denke mit Schrecken an die Reise nach Berlin, die unvermeidlich ist, wenn der Wechsel wirklich stattfindet! Fritz muß dort sein, um die Verantwortlichkeiten seiner Stellung auf sich zu nehmen. Aber nur mit Kummer kann ich an die Gefahren der Reise und die Schmerzlichkeit der ganzen Lage denken; er selbst empfindet es sehr bitter in dem Augenblick, in dem er seine physischen Kräfte, alle seine Stärke und Energie am meisten braucht, fühlt er sich als Invalide, der die Folgen einer Operation zu überwinden hat und noch sehr anfällig und empfindlich ist! Trotzdem wird er seine Pflicht erfüllen, so gut er kann, und ich werde ihm helfen, so gut ich kann. Er leidet sehr bei dem Gedanken, daß sein Vater vielleicht von dieser Welt genommen wird, ohne daß er ihm ein letztes Lebewohl sagen oder ihn um seinen Segen bitten oder seiner Mutter durch seine Anwesenheit ein Trost sein könnte! All das ist sehr traurig, aber ich bin dankbar, daß Fritz in seinem gegenwärtigen Gesundheitszustande davor bewahrt sein wird, allen traurigen und schmerzlichen Szenen und Einzelheiten, die ihn zu sehr erschüttern würden, beizuwohnen. Wir werden am Sonnabendmorgen abreisen und ohne Aufenthalt durchfahren, aber nicht nach unserem Hause. Ich könnte es nicht darauf ankommen lassen, ihn dort mitten in der Menge ganz als Gefangenen wohnen zu lassen. Wir werden nach Charlottenburg gehen und dort in Bernhards und Charlottes Zimmern wohnen, während sie in unser Stadthaus ziehen sollen. Wir werden dort wenigstens einen Schein von ruhiger Zurückgezogenheit empfinden und nicht so überlaufen sein.

Wir packen jetzt alles, um bereit zu sein, zusammen abzureisen. Es scheint mir zu traurig, den lieben Ort, die Sonne, die See und die Blumen zu verlassen. Sechs weitere Wochen würden Fritz ganz gesund gemacht haben, so daß er bald seine Spaziergänge und Ausfahrten hätte beginnen können, die ihm so gut getan haben würden. Jetzt weiß ich nicht, was wir beginnen würden, wenn Schlaf und Appetit fehlen. Es ist alles wie ein fürchterlicher Traum! Ich werde es sehr vermissen, Dich nicht sehen zu können, was mir das Herz bricht. Wir haben so viel zu tun und zu bedenken, anzuordnen, zu schreiben und zu telegraphieren, daß ich hier schließen muß, geliebteste Mama. Ich weiß, daß Dein Herz und Deine Gedanken in dieser Zeit der Trauer und Sorge bei uns sind."

Losgelöst von nationalen Vorurteilen, ärztlicher Eifersüchtelei und politischen vorgefaßten Meinungen, verläuft die Krankheitsgeschichte des Kronprinzen etwa folgendermaßen: Als der Kronprinz zuerst Symptome des Halsleidens zeigte, wurden nach und nach die ersten Ärzte und Chirurgen berufen. Unter ihnen waren einige der hervorragendsten Fachleute: wahrscheinlich waren fähigere Männer in ganz Europa nicht zu finden, aber keiner von ihnen war ein Spezialist für Halskrankheiten. Diese deutschen Ärzte kamen übereinstimmend zu dem Schluß, daß die Krankheit Krebs sei, aber sie konnten nichts beweisen. Das war damals, unter Berücksichtigung der medizinischen Unkenntnis auf diesem großen Gebiet, eine ziemlich zuverlässige Ansicht, die in den meisten Fällen richtig sein würde. Dann aber wurde Mackenzie berufen; es sind gewichtige Beweise dafür vorhanden, daß er nicht von der englischgeborenen Kronprinzessin berufen wurde, der man ein Vorurteil gegen die deutschen Ärzte nachsagte, sondern infolge Eingreifens des Fürsten Bismarck und auf Anraten eines der deutschen Ärzte, dem die anderen zustimmten. Mackenzie erkannte nach seiner Ankunft, daß diese Schwellung, an welcher der Kronprinz litt, nicht unbedingt Krebs bedeuten müsse. Dreimal entfernte er kleine Teile des erkrankten Kehlkopfes, die er dem Professor Virchow, einem Pathologen von europäischem Rufe, vorlegte. Virchow erklärte nach sorgfältigster Untersuchung der drei Fragmente, daß keine Spur von Krebs zu finden sei.

Mackenzie weigerte sich also, den Befund von Krebs anzuerkennen, bis ein Beweis dafür vorläge, und es muß zugegeben werden, daß er an der unbestimmten Diagnose so lange festhielt, wie es irgend möglich war. Die Tatsache aber bleibt bestehen, daß, obgleich den deutschen Ärzten durch die Ereignisse recht gegeben wurde, sie sich nur auf Vermutungen stützten, während Mackenzie seine Ansicht auf einer wissenschaftlichen Analyse aufbaute, die, wie sich zeigte, ihn irregeführt hatte.

Die Kronprinzessin, die von Virchows Berichten entzückt war, sang dann Mackenzies Lob und machte taktlose Bemerkungen, die natürlicherweise die deutschen Ärzte verstimmten.

Die Streitfrage hörte bald auf, eine rein medizinische zu sein; sie wurde zur nationalen, ob die englischen Ärzte [denn Dr. Hovell hatte jetzt die Behandlung des Kronprinzen übernommen] oder die deutschen recht hätten. Die Kronprinzessin nahm die Partei des englischen Spezialisten, das ganze deutsche Volk unterstützte die deutschen Ärzte, während der Kaiser und Bismarck sich neutral verhielten.

Erst nach der Ankunft des Kronprinzen in San Remo wurde es zweifellos, daß die Krankheit Krebs sei; einer der englischen Ärzte, Dr. Mark Hovell, schlug Alarm. Ganz Deutschland zog nun überstürzt den Schluß, daß Mackenzie ein Quacksalber sei und die Kronprinzessin absichtlich das Leben ihres Gatten ihren eigenen Zwecken geopfert habe, während sowohl Mackenzie wie der Königin Victoria der Vorwurf gemacht wurde, sich in unzulässiger Weise in eine rein deutsche Frage gemischt zu haben.

Falsche historische Überlieferungen sind schwer zu verbessern: man muß sich aber die Empfindungen der Kronprinzessin vorstellen damals, als die ungenauen und schiefen Darstellungen in der deutschen Presse erschienen und sie infolge ihrer Stellung nicht in der Lage war, in eine Polemik einzutreten und den Fall so darzustellen, wie sie ihn kannte.

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