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Kapitel XI: Die Regierungszeit des Kaisers Friedrich

Am 9. März 1888 starb der einundneunzigjährige Wilhelm I.; damit begann die kurze, neunundneunzig Tage währende, Regierungszeit des Kaisers und der Kaiserin Friedrich. Der neue Kaiser, der im siebenundfünfzigsten Jahre stand, zeigte sichtbare Spuren seiner schrecklichen Krankheit, war aber immer noch eine überragende Gestalt und geistig regsam. In der Villa Zirio empfing er die Nachricht vom Tode seines Vaters; unmittelbar darauf versammelte sich der Hofstaat des neuen Monarchen im Salon der Villa. Ein wenig später traten der neue Kaiser und die Kaiserin ein, und der Kaiser unterschrieb an einem kleinen Tisch die Proklamation seiner Thronbesteigung als Friedrich III. Seine nächste Handlung war, seine Gattin mit dem Bande des Schwarzen Adler-Ordens zu bekleiden, des höchsten Ordens, den er zu verleihen hatte. Dann begrüßte er Dr. Morell Mackenzie und schrieb für ihn die Worte auf: "Ich danke Ihnen, daß Sie mein Leben so weit verlängert haben, daß ich imstande bin, den heroischen Mut meiner Gattin zu belohnen." Wie oft müssen sie darüber gesprochen haben, was sie bei der Thronbesteigung tun würden, während sie sich immer den Glanz Berlins als Hintergrund der Szene vorstellten! Hier aber waren sie im Salon einer italienischen Villa nur eine kleine Gesellschaft mit ihrem Gefolge. Es war alles ziemlich traurig, aber der unbezwingliche Mut des Kaisers und die Liebe seiner Gattin machten die Zeremonie eindrucksvoll.

Es war wichtig, daß das neue Kaiserpaar sogleich nach Berlin reiste. Die Entscheidung wurde vom Kaiser getroffen, und innerhalb 24 Stunden waren sie unterwegs. Die Kaiserin ist mit Vorwürfen überhäuft worden, weil sie den Kaiser nach Berlin zurückbrachte; die Entscheidung aber war von seiner Seite gefallen. Er hatte immer die Pflicht der Bequemlichkeit vorangestellt und war nicht der Mann, abzudanken oder den gestellten Anforderungen auszuweichen, selbst nicht am Rande des Grabes. Vor ihrer Abreise aus San Remo schrieb die Kaiserin am 9. März an die Königin Victoria:

"Die traurige Nachricht vom Tode des lieben Kaisers ist eben gekommen! Fritz ist tief erschüttert, empfindet die Abwesenheit von seinem Posten sehr schwer und ist entschlossen, abzureisen, ohne Rücksicht auf die Gefahr, komme, was da wolle. Ich kann Dir nicht sagen, wie nervös und besorgt ich bin, trotzdem ich sicher fühle, daß er recht hat! Ich weiß, daß Deine Gedanken bei uns sind. Die Reise fürchte ich weniger als die Ankunft Sir Morell hat sich die größte Mühe gegeben, alle nur denkbaren Vorsichtsmaßregeln anzuwenden; den Rest müssen wir in Gottes Hand lassen. Gott sei Dank hatte der Kaiser ein ruhiges, friedliches und schmerzloses Ende. Welch eine lange und wunderbare Laufbahn liegt hinter ihm! Der Gedanke ist so hart, daß mein armer Fritz seinem Vater als ein kranker und hinfälliger Mann folgt!! Wieviel Gutes hätte er tun können! Wird er genügend Zeit haben? Ich bete darum und hoffe, daß er zum Segen seines Volkes und Europas am Leben erhalten bleibt. Verzeihe, wenn ich hier schließe - wir sind mit Packen und allen möglichen dringenden Dingen zu sehr beschäftigt."

Die Reise ging schnell vonstatten, und am Abend des 11. März kam die kaiserliche Reisegesellschaft in Berlin an. Der Kaiser nahm sofort die Zügel der Regierung in die Hand, obgleich der Wechsel vom warmen, sonnigen, gleichmäßigen Klima San Remos zu der Kälte und Nässe Berlins ihm großes Ungemach bereiten mußte. Darüber hinaus war der Wechsel von der ruhigen, gesunden Muße San Remos zu der geschäftigen Aufgeregtheit des deutschen Hofes, an dem alles drunter und drüber ging, so unvermittelt, daß auch die Konstitution des gesündesten Mannes darunter gelitten hätte.

Zwei Tage einer solchen übersteigerten Energie genügten, um den Kaiser wieder bettlägerig zu machen; seine unglückliche Gattin schrieb am 13. März an die Königin Victoria:

"Wie kann ich Dir genug für Deinen lieben Brief vom 10. danken, der so freundlich und lieb und mir so wertvoll war. Ich wollte, ich könnte Dir Deine lieben Hände dafür küssen. Ich weiß, daß Du mir verzeihen wirst, wenn ich heute nicht so schreibe, wie ich möchte. Es kommt mir alles wie ein Traum vor. Ich bin mit Geschäften aller Art, wichtigen und unwichtigen Dingen überhäuft. Ich bin nicht in meinem eigenen Hause und kann meine Sachen noch nicht finden. Mein Herz ist zerrissen, furcht- und angstgequält, und doch bin ich bei dem Gedanken froh, daß mein geliebter Fritz sich endlich zu Hause fühlen kann, obgleich auch dies, wie Du verstehen wirst, schmerzlich ist.

Die Reise bedeutete eine große Gefahr und eine große Ermüdung; sie hat ihm geschadet, aber ich hoffe und vertraue darauf, daß in wenigen Tagen ihre Wirkungen überwunden sein werden. Die Nacht war nicht gut. Natürlich ist der Wechsel aus dem Leben eines Kranken zu einem Leben voller Geschäftigkeit und Aufregungen viel stärker, als daß er ihn im Augenblick aushalten könnte. Ich tue, was ich kann, um ihm behilflich zu sein, aber die Schwierigkeiten sind außerordentlich. Ich werde Dir sobald wie möglich schreiben und alles erzählen, fühle mich aber jetzt entsetzlich müde und kann nicht schlafen! Der liebe Fritz mußte heute im Bett bleiben, da die Ärzte heute morgen gar nicht zufrieden waren. Ich hoffe, die nächste Nacht wird besser sein!

Der arme Kaiser sah in seinem Sarg wie ein ruhiger Schläfer aus und trotzdem war der Anblick des Todes für mich gerade jetzt entsetzlich, da mein Herz von so vielen Befürchtungen erfüllt ist! Ich kann nicht mehr sagen. Die Kaiserin kam mir sehr ruhig und gefaßt vor, sah auch besser und stärker und ein wenig voller aus als das letztemal. Luise und Fritz von Baden sind wundervoll ruhig und gesammelt.

Alles andere muß ich bis zum nächstenmal aufschieben - Fragen, Briefe, Telegramme, Besuche stürmen auf mich ein, während ich alle meine Zeit für Fritz aufsparen möchte."

In manchen Kreisen wurde die Thronbesteigung des Kaisers Friedrich als ein Ende der Macht Bismarcks angesehen. Die Gegnerschaft des Kaiserpaares zu manchen Maßnahmen der Bismarckschen Politik war weit und breit bekannt. Man erwartete, daß eine der ersten Handlungen des neuen Herrschers die Ersetzung des Kanzlers durch einen Mann sein würde, der mit den liberalen Ideen des Kaisers und der Kaiserin mehr übereinstimmte. Aber zwischen Bismarck und dem Kaiserpaar bestand trotz zutage tretender Meinungsverschiedenheiten eine tiefe und gegenseitige Hochschätzung. Wie Bismarck selbst sagte: "Aber auch bei ihr (der Kaiserin) bestand die Überzeugung (wie beim Kaiser), daß meine Beibehaltung bei dem Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege." Eine der ersten Handlungen des neuen Kaisers war, Bismarck einen Brief zu schreiben und ihn aufzufordern, sein Kanzleramt weiter zu verwalten. Die Botschaft, datiert 12. März, lautet (Reichsanzeiger Nr. 70 v. 12. III. 1888) folgendermaßen:

"Mein lieber Fürst!
Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters zu wenden. Sie sind der treue und mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen Seiner Politik die Form gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat.

Ihnen bin Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Dank verpflichtet.

Sie haben daher ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.

Die Verfassungs- und Rechts-Ordnungen des Reiches und Preußens müssen vor allem in der Ehrfurcht und in den Sitten der Nation sich befestigen. Es sind daher die Erschütterungen möglichst zu vermeiden, welche häufiger Wechsel der Staatseinrichtungen und Gesetze veranlaßt.

Die Förderung der Aufgaben der Reichsregierung muß die festen Grundlagen unberührt lassen, auf denen bisher der preußische Staat sicher geruht hat.

Im Reiche sind die verfassungsmäßigen Rechte aller verbündeten Regierungen ebenso gewissenhaft zu achten, wie die des Reichstags; aber von Beiden ist eine gleiche Achtung der Rechte des Kaisers zu erheischen. Dabei ist im Auge zu behalten, daß diese gegenseitigen Rechte nur zur Hebung der öffentlichen Wohlfahrt dienen sollen, welche das oberste Gesetz bleibt, und daß neu hervortretenden, unzweifelhaften nationalen Bedürfnissen stets in vollem Maße Genüge geleistet werden muß.

Die notwendige und sicherste Bürgschaft für ungestörte Förderung dieser Aufgaben sehe ich in der ungeschwächten Erhaltung der Wehrkraft des Landes, Meines bewährten Heeres und der aufblühenden Marine, der durch Gewinnung überseeischer Besitzungen ernste Pflichten erwachsen sind. Beide müssen jederzeit auf der Höhe der Ausbildung und der Vollendung der Organisation erhalten werden, welche deren Ruhm begründet hat und welche deren fernere Leistungsfähigkeit sichert.

Ich bin entschlossen, im Reiche und in Preußen die Regierung in gewissenhafter Beobachtung der Bestimmungen von Reichs- und Landesverfassung zu führen. Dieselben sind von Meinen Vorfahren auf dem Throne in weiser Erkenntnis der unabweisbaren Beschlüsse und zu lösenden schwierigen Aufgaben des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens begründet worden und müssen allseitig geachtet werden, um ihre Kraft und segensreiche Wirkung betätigen zu können.

Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner alle Meine Untertanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Ein Jeglicher unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe - haben doch Alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt.

Einig mit den Anschauungen Meines Kaiserlichen Herrn Vaters, werde Ich warm alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet sind, das wirtschaftliche Gedeihen der verschiedenen Gesellschaftsklassen zu heben, widerstreitende Interessen derselben zu versöhnen und unvermeidliche Mißstände nach Kräften zu mildern, ohne doch die Erwartung hervorzurufen, als ob es möglich sei, durch Eingreifen des Staats allen Übeln der Gesellschaft ein Ende zu machen.

Mit den sozialen Fragen enge verbunden erachte Ich die der Erziehung der heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege. Muß einerseits eine höhere Bildung immer weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden, so ist doch zu vermeiden, daß durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen, daß Lebensansprüche geweckt werden, denen die wirtschaftlichen Kräfte der Nation nicht genügen können, oder daß durch einseitige Erstrebung vermehrten Wissens die erziehliche Aufgabe unberücksichtigt bleibe.

Nur ein auf der gesunden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte aufwachsendes Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen, die Gefahren zu überwinden, welche in einer Zeit rascher wirtschaftlicher Bewegung durch die Beispiele hochgesteigerter Lebensführung Einzelner, für die Gesamtheit erwachsen. Es ist Mein Wille, daß keine Gelegenheit versäumt werde, in dem öffentlichen Dienste dahin einzuwirken, daß der Versuchung zu unverhältnismäßigem Aufwande entgegengetreten werde.

Jedem Vorschlage finanzieller Reformen ist Meine vorurteilsfreie Erwägung im Voraus gesichert, wenn nicht in Preußen alt bewährte Sparsamkeit die Auflegung neuer Lasten umgehen und eine Erleichterung bisheriger Anforderungen herbeiführen läßt.

Die größeren und kleineren Verbänden im Staate verliehene Selbstverwaltung halte Ich für ersprießlich. Dagegen stelle Ich es zur Prüfung: ob nicht das diesen Verbänden gewährte Recht der Steuer-Auflagen, welches von ihnen ohne hinreichende Rücksicht auf die gleichzeitig von Reich und Staat ausgehende Belastung geübt wird, den Einzelnen unverhältnismäßig beschweren kann.

In gleicher Weise wird zu erwägen sein, ob nicht in der Gliederung der Behörden eine vereinfachende Änderung zulässig erscheint, in welcher die Verminderung der Zahl der Angestellten eine Erhöhung ihrer Bezüge ermöglichen würde.

Gelingt es, die Grundlagen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens kräftig zu erhalten, so wird es Mir zu besonderer Genugtuung gereichen, die Blüte, welche Deutsche Kunst und Wissenschaft in so reichem Maße zeigt, zu voller Entfaltung zu bringen.

Zur Verwirklichung dieser Meiner Absichten rechne Ich auf Ihre so oft bewiesene Hingebung und auf die Unterstützung Ihrer reichen Erfahrung.

Möge es Mir beschieden sein, dergestalt unter einmütigem Zusammenwirken der Reichsorgane, der hingebenden Thätigkeit der Volksvertretung, wie aller Behörden, und durch vertrauensvolle Mitarbeit sämmtlicher Klassen der Bevölkerung Deutschland und Preußen zu neuen Ehren in friedlicher Entwicklung zu führen.

Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großtaten, werde Ich zufrieden sein, wenn dereinst von Meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei Meinem Volke wohltätig, Meinem Lande nützlich und dem Reiche zum Segen geworden.

Berlin, den 12. März 1888.
Ihr wohlgeneigter Friedrich III." Die neue Kaiserin konnte sich nicht vorstellen, daß ihr Gatte nur noch wenige Monate zu leben haben solle. Andererseits waren viele deutsche Ärzte, ebenso wie viele hohe Staatsbeamte, davon überzeugt, daß der Kaiser bereits vom Tode gezeichnet sei. Die Folge davon war ein Zusammenstoß zwischen der Partei des Kaisers und denjenigen, welche die Ersetzung eines stimmlosen Herrschers durch einen jungen und, wie es hieß, sehr fähigen Prinzen kaum erwarten konnten.

Die Kaiserin war kaum drei Tage in Berlin, als diese Intrigen zu ihrer Kenntnis kamen; am 15. März schrieb sie an ihre Mutter aus Charlottenburg:

"Ich glaube, Fritzens Proklamation und sein Brief an Fürst Bismarck haben den richtigen Eindruck gemacht; wahrscheinlich war Bismarck überrascht, als er all diese zur Veröffentlichung fertigen Papiere in Fritzens eigener Handschrift erhielt!

Augenscheinlich spannen sich alle Arten von Intrigen an, ehe wir zurückkamen. Einige sind über unsere Rückkehr froh, andere nicht; die meisten glaubten, Fritz würde nur zur Abdankung nach Hause kommen! Alle haben die Überzeugung, daß die gegenwärtige Regierung nur wenige Monate dauern werde, und dies hat alle möglichen Folgen! Die meisten von denen, welche Fritz gesehen haben, finden ihn viel besser aussehend und weniger verändert, als sie erwarteten ..."

Die Beziehungen der Kaiserin zu dem eisernen Kanzler waren nach der Thronbesteigung besser als jemals vorher. Die Kaiserin fand ihn "höflich und nett", während der Kanzler einsah, daß er die Kaiserin versöhnen müsse. Am 16. März 1888 fand in Berlin das feierliche Leichenbegängnis des verstorbenen Kaisers statt. Der neue Kaiser, der dem Trauerzuge fernbleiben mußte, sah ihn vom Fenster seines Schlosses aus an. Der Prinz von Wales war als Stellvertreter der Königin Victoria zu den Bestattungsfeierlichkeiten erschienen; seine Gegenwart erleichterte der Kaiserin Friedrich vieles. An diesem Tage schrieb sie der Königin Victoria aus Charlottenburg:

"Der schwere Tag ist endlich vorüber, und ich bin sehr froh, daß Fritz alle die schmerzlichen Erregungen so gut überstanden hat. Es war so hart für ihn. Meine Gedanken wanderten während der Feier im Dom zu Dir und unserer geliebten Großmutter, die gerade vor 27 Jahren von uns genommen wurde. Alles ging gut, es gab keine Schwierigkeit, außer dem bitterkalten Wetter scharfer Frost und tiefer Schnee! Das Publikum benahm sich achtungsvoll und schweigend, es gab keine großen Massenansammlungen. Den Gottesdienst hielt ich für ziemlich herkömmlich, steif und kalt; der Gesang war sehr gut. Man kann in der deutschen Kirche kaum von Gottesdienst sprechen, da er nur aus einer Ansprache und einem der Lage angepaßten Gebet besteht; beide fand ich für die Gelegenheit nicht gerade glücklich gewählt. Der Leichenwagen war sehr einfach! Wegen des kalten Wetters konnte Fritz das Zimmer nicht verlassen, so daß ich im traurigen Augenblick nicht bei ihm sein konnte. Als der Leichenwagen an seinem Fenster vorbeikam, brach er beinahe zusammen und war - wie Du Dir vorstellen kannst - von seinen Gefühlen vollständig überwältigt. Gleich nachher kamen wir zu ihm; er war wieder gefaßt und ruht sich jetzt ein wenig im Bett aus. Er hatte eine bessere Nacht und fühlt sich nicht unbehaglich. Gestern empfing er viel zuviel Besuch und hat sich zu sehr ermüdet - heute hat er sich dagegen ganz ruhig gehalten.

Den lieben Bertie hier zu haben, war ein großer Trost, obgleich ich leider nicht viel von ihm gesehen habe. Es ist eine unglaubliche Menge zu tun, wie Du Dir vorstellen kannst; alles ist sehr schwer und verwickelt. Ich glaube, wir werden im allgemeinen nur als vorüberhuschende Schatten angesehen, die bald in der Wirklichkeit durch Wilhelms Gestalt ersetzt werden sollen. Ich kann mich irren, aber es kommt mir so vor, als ob die Partei, die sich uns so lange widersetzt und uns so schlecht behandelt hat, es kaum der Mühe für wert hält, ihre Haltung sichtbar zu ändern - da sie mit einer ganz anderen Zukunft rechnet.

Es ist ein unschätzbarer Segen, von einer zwangvollen Tyrannei befreit zu sein, die man im Namen des armen Kaisers über uns ausgeübt hat, da jetzt das Richtige für Fritzens Gesundheit getan werden kann! Wenn es nur nicht zu spät ist! Zu spät! Der furchtbare Gedanke verfolgt mich Tag und Nacht. Ja, wir sind jetzt unsere eigenen Herren, aber sind wir nicht dazu bestimmt, die Arbeit ungetan zu lassen, die wir so lange und sorgfältig vorbereitet haben? Werden wir die Möglichkeit haben, das Richtige zu tun? Wird uns Zeit gelassen werden, nützliche Maßnahmen, nötige Reformen durchzuführen? Jeder wohlmeinende Deutsche legt sich diese Frage mit bitterem Schmerze vor! Es ist hart und grausam! Ich hoffe und lebe - von einem Tag zum andern. 'Genug, daß jeder Tag birgt eigne Plage, drum laßt das Morgen sorgen für sich selbst.' Um so mehr wollen wir bemüht sein, das Beste, Klügste und Sicherste zu tun! Vorsicht und Klugheit sind jetzt notwendig, während doch frische und kräftige Erneuerung vieler verbrauchter und veralteter Dinge wünschenswert gewesen wäre. Sicher empfindest und weißt Du das alles. Fürst Bismarck war höflich und nett und fühlt sich, glaube ich, ganz wohl."

Mitte April 1888 besuchte die Königin Victoria in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Battenberg, gefolgt von der verwitweten Lady Churchill, der Hon. Harriet Phipps, Sir Henry Ponsonby und Major Bigge (später Lord Stamfordham), ihre Tochter und ihren sterbenden Schwiegersohn in Charlottenburg. Gerade vor ihrer Ankunft war Berlin voll von Gerüchten über einen Rücktritt Bismarcks. Die Wünsche des Kaisers und des Kanzlers standen in diesem Augenblick in scharfem Gegensatz, der sich wiederum auf die Zukunft der zweiundzwanzigjährigen Prinzeß Victoria, der zweiten Tochter des Kaiserpaares, bezog. Die Eltern begünstigten immer noch eine anscheinende Liebesheirat und man glaubte allgemein, daß die Prinzessin in Kürze sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg verloben würde - wenn sie nicht schon mit ihm verlobt war.

Während Prinz Alexander noch auf dem bulgarischen Thron saß, war die beabsichtigte Verlobung nur durch den bestimmten Widerspruch Bismarcks verhindert worden. Vielleicht hatte Bismarck vorausgesehen, daß Fürst Alexanders Herrschaft in Sofia nur kurz sein würde und war von dem freundlichen Wunsch geleitet worden, eine Hohenzollernprinzessin vor der Verbindung mit einem Fürsten zu bewahren, dessen Schicksal sehr ungewiß schien. Was auch immer damals seine Motive gewesen sein mögen, seine Gründe während der Krisis von 1888 scheinen nur aus Erwägungen politischer Zweckmäßigkeit hervorgegangen zu sein. In Sofia bestand noch eine Partei, welche die Rückkehr des Fürsten Alexander freudig begrüßt haben würde. Bismarck sah ein, daß eine Heirat des Prinzen die Hoffnungen dieser Partei stärken und möglicherweise Verwicklungen und Deutschland in Gegensatz zu Rußland bringen würde. Die Rücktrittsgerüchte schienen den Reiseplan der Königin Victoria nicht zu berühren oder Ihre Majestät zögern zu lassen, auf dem Rückweg von Florenz Berlin zu besuchen; es war ihr indessen eine Erleichterung, folgende Nachricht von der Kaiserin am 5. April zu erhalten:

"Bitte sei nicht ängstlich. Kanzlerkrise ist eine Erfindung. Wir haben uns nie besser vertragen und verstanden. Dein Besuch soll unter keinen Umständen aufgegeben werden."

Vier Tage später, am 9. April, sandte die Königin Victoria folgende Nachricht an Lord Salisbury:

"Königin hat von Kaiserin Victoria erfahren, daß sie lange Unterredung mit Bismarck am 6. hatte, die vollkommen befriedigend verlief; sie bittet Königin auf törichte Zeitungsartikel nicht zu achten."

Dies schien mit anderen Berichten über Bismarcks Haltung einigermaßen in Widerspruch zu stehen, denn am 8. April schickte Lord Salisbury folgende chiffrierte Depesche an die Königin Victoria:

"Ich habe mehrere Privattelegramme von Sir E. Malet bekommen, die zeigen, daß Fürst Bismarck wegen der beabsichtigten Heirat einen seiner Wutanfälle hat.

Er zeigt sich gegen Eure Majestät schlecht gelaunt; in solchen Zeiten kennt er keine Skrupel und wird wahrscheinlich versuchen, Eure Majestät persönlich für die üblen Folgen seiner eigenen Leidenschaftlichkeit verantwortlich zu machen. Er hat einen außerordentlich verderblichen Einfluß auf die Presse und kann Gerüchte leicht in Umlauf setzen. Ich möchte Eurer Majestät den bescheidenen Rat geben, nichts zu unternehmen, was die Gegensätze verstärken könnte. Die Zeitungen sagen, daß Eure Majestät nach Potsdam oder Berlin reist. Ich möchte mir erlauben, ehrerbietigst zu bemerken, daß ein Besuch zur jetzigen Zeit Eure Majestät den größten Mißdeutungen und vielleicht einigen respektlosen Demonstrationen aussetzen würde. Der deutsche Reichskanzler befindet sich nach Berichten seines Sohnes im Zustand äußerster Erbitterung..."

Die Königin war indessen sehr ärgerlich über die Art, in der ihre Tochter behandelt wurde und schickte an Sir Henry Ponsonby am 9. April folgende Weisung:

"Vielleicht wird Sir Henry so gut sein, an Lord Salisbury über das unerhörte Benehmen des Prinzen Wilhelm und über den schrecklichen Kreis von Leuten zu schreiben, der den unglücklichen Kaiser und die Kaiserin umgibt, und der Bismarcks Benehmen wirklich illoyal, schlecht und äußerst töricht erscheinen läßt! Die Königin legt den Brief der Kaiserin bei, um Sir Henry in den Stand zu setzen, Sätze daraus zu zitieren. Rußland braucht sich wirklich um die Heirat des Prinzen Alexander nicht zu kümmern, außer die Russen geben die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit seiner Rückkehr nach Bulgarien zu! Es ist für uns anständige und ehrliche Engländer unmöglich zu verstehen, wie Bismarck und noch mehr Wilhelm ein so doppeltes Spiel spielen können. Gott sei Dank! Wir sind Engländer! Die Königin wird auch durch Kurier an Lord Salisbury schreiben. Die Königin ist sehr beunruhigt und bekümmert, aber die Drohung, die von Rußland ausgeht, scheint der Königin unverschämt und über alle Maßen frech."

Inzwischen verursachte die Überzeugung, daß Prinz Alexander sich unter Billigung der Kaiserin mit der Prinzessin Victoria verlobt habe, eine häusliche und politische Krisis in Berlin. Bismarck erklärte, dies sei ein verbrecherischer Anschlag der Kaiserin, um Deutschland mit Prinz Alexanders Feind, dem Zaren, zu veruneinigen, und fand sich durch den Kronprinzen Wilhelm in seiner Haltung kräftig unterstützt.

Die Königin Victoria hielt die Lage für ziemlich rätselhaft; am 7. April schrieb ihr Privatsekretär, Sir Henry Ponsonby an Sir Edward Malet, der nach Lord Ampthills Tod im Jahre 1884 englischer Botschafter in Berlin geworden war:

"Reuter erklärt die Prinzessin Victoria für verlobt. Ich versicherte mich, daß die Königin, ebenso wie Prinz und Prinzessin Heinrich von Battenberg sich dem widersetzen. Ich habe die Erlaubnis, Ihnen dieses mitzuteilen, aber es scheint nicht wünschenswert, es der Kaiserin zu wiederholen."

Nach der Ankunft der Königin in Charlottenburg am 24. April ergriff Bismarck die günstige Gelegenheit, um ihr seine Ansicht über die geplante Heirat darzulegen; er suchte in taktvoller Weise durch den englischen Botschafter zu erfahren, wann die Königin ihn empfangen könne. Am 24. April schrieb Sir E. Malet an Sir Henry Ponsonby:

"Ich habe mit Fürst Bismarck gesprochen; er wird der Königin morgen um 12 Uhr seine Aufwartung machen.

Wenn Ihre Majestät auch den Grafen Bismarck für einen Augenblick empfangen könnte, würde dies meiner Ansicht nach nützlich sein. Er ist in seinen Ansichten sehr englisch und würde durch eine solche Aufmerksamkeit von Seiten der Königin sehr erfreut werden."

Am folgenden Tage, dem 25. April, fand die Unterredung zwischen der Königin und dem Kanzler statt. Beide stimmten darin überein, daß die Heirat mit dem Battenberger ein Fehler sein würde; als die Kaiserin ihre Mutter auf seiten der Opposition fand, gab sie nach. Bismarck hatte gesiegt und der Preis war, wie die Kaiserin bitter dachte, das Glück ihrer Tochter. Bucher schreibt in seinem Bericht über die Unterredung:

"... Die Königin Victoria hat sich in Charlottenburg ganz vernünftig aufgeführt. Sie hat die Haltung des Chefs gegenüber dem Battenberger Heiratsplane als in der Ordnung bezeichnet, und sie hat ihrer Tochter zugeredet, sich zu ändern: es sei ja schön von ihr, daß sie ihr Vaterland nicht vergessen habe und ihm zu nützen suche, wo sie könne; sie bedürfe aber auch der Liebe der Deutschen und möchte danach streben. Schließlich hat sie auch den Kronprinzen Wilhelm mit seiner Mutter wieder versöhnt."

Busch berichtet, daß er in einer späteren Unterredung dem Kanzler von Buchers Bericht erzählte "über das verständige Auftreten der Königin von England in Charlottenburg. Er (Bismarck) bestätigte ihn, indem er hinzufügte, er habe bei der Besprechung mit ihr die Ermahnungen, die sie an ihre Tochter gerichtet habe, zum Teil veranlaßt".

Aber eine richtigere Darstellung des Besuches findet sich in zwei Briefen Sir E. Malets an Lord Salisbury vom 28. April. Im ersten sagt er:

"Ohne Zweifel ist der Besuch der Königin in Berlin ein politischer Erfolg gewesen.

Die Umstände, unter denen die Reise Ihrer Majestät unternommen wurde, hatten die unklare Auffassung aufkommen lassen, es möge für Ihre Majestät klüger sein, nicht zu kommen. Der Teil der Presse, der als Sprachrohr der Regierung fremden Einfluß in inneren Angelegenheiten Deutschlands behauptet hatte, war völlig falsch unterrichtet in Bezug auf die Haltung, die Ihre Majestät gegenüber der geplanten Verlobung der Prinzessin Victoria von Preußen mit dem Prinzen Alexander von Battenberg eingenommen hat Obgleich nun zwar die irrigen Behauptungen offiziös widerrufen waren, versiegte der Strom verletzender Artikel, den man entfesselt hatte, nicht sofort; so bestand die Befürchtung, die Begrüßung Ihrer Majestät bei der Ankunft würde nicht herzlich sein und es könnten die Beziehungen zwischen England und Deutschland, die durch Entstellungen der Presse schon an sich etwas gelockert wären, noch weiter verschlechtert werden. Deshalb kann ich mit außerordentlicher Genugtuung mitteilen, daß das Gegenteil eingetreten ist. Der Bruch - wenn einer bestand - ist geheilt, nicht erweitert worden. Der herzliche Willkomm, mit dem Ihre Majestät von der dichten Menge während ihrer Fahrt durch Berlin begrüßt wurde, bewies, wie wenig Wirkung das Gift der Presse auf die Bevölkerung hat, so daß das Ergebnis des Besuches günstig ist und er von großem und, wie zu hoffen, dauerndem Nutzen gewesen ist Ich kann sagen, daß diese Meinung von vielen geteilt wird, mit denen ich gesprochen habe, ohne etwa zugeben zu müssen, daß bei ihrer Ansicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Man glaubt, daß die persönlichen Begegnungen der Königin mit der Kaiserin Augusta, dem Kronprinzen und dem Fürsten Bismarck von größtem Wert waren, weil sie die fleißiggewebten Spinnennetze zerrissen und die Spinnen, deren es unglücklicherweise zuviele gab, gezwungen hat, sich in ihre Löcher zurückzuziehen.

Fürst Bismarck hatte seine große Genugtuung, die er durch seine Unterredung mit der Königin gewonnen hat, offen ausgesprochen und gesagt, daß, wenn Englands Haltung mit dem Ton und dem Charakter der von Ihrer Majestät vertretenen Ansichten übereinstimmte, die Gefahr eines europäischen Krieges so gut wie beseitigt sei.

Die dankbaren Ausführungen über die Königin, die in der gestrigen Abendausgabe der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erschienen - ich habe die Ehre, eine Nummer mit Übersetzung einzulegen -, sind ein passender Epilog zu dem königlichen Besuche, der so glücklich geendigt und gezeigt hat, daß guter Wille und herzliche Beziehungen zwischen England und Deutschland wieder an der Tagesordnung sind."

Der zweite Brief lautete:

"Ehe Sie dieser Brief erreicht, werden Sie alles über den Besuch der Königin von Ihrer Majestät selbst und dem Herzog von Rutland gehört haben. Zweifellos hat er viel Gutes getan und bewirkt, daß die bösen Geister des Streites und der Verleumdung für jetzt fliehen mußten. Prinz Wilhelm (der gegenwärtige Kronprinz) sprach in warmen Ausdrücken über den Besuch zu mir und schien entzückt zu sein, Gelegenheit gehabt zu haben, sich mit Ihrer Majestät zu unterhalten. Er erzählte mir auch, daß der Kanzler von seiner Unterredung mit der Königin sehr befriedigt sei und daß er zu Ihrer Majestät gesagt habe, ihre Reise durch Italien, Österreich und Deutschland gliche dem Rondegange eines Offiziers, der die Posten inspiziert und dafür sorgt, daß sie ihre Pflicht tun; die Reise wäre von dem besten Einfluß auf die Stärkung des Dreibundes gewesen. Im Zusammenhange damit möchte ich bemerken, daß auf dieser Seite der lebhafte Wunsch, um nicht zu sagen, das Bedürfnis besteht, wieder dorthin zu kommen, wo wir vor Ausbruch der 'Kanzlerkrisis' waren und unser Vertrauen zu wanken begann.

Beim Diner im Schloß, als der Kanzler der Königin und der Kaiserin gegenüber saß, tat er augenscheinlich sein Bestes, um liebenswürdig und angenehm zu sein. Beim Dessert wählte er einen großen Bonbon, der mit einer Photographie der Kaiserin geschmückt war. Es amüsierte mich zu sehen, wie er die Aufmerksamkeit der Kaiserin mit einigen geschickten Worten darauf lenkte, seinen Rock aufknöpfte und die Photographie an seinem Herzen barg. Kurz, für den Außenstehenden scheint eine allgemeine Beruhigung gereizter Gefühle eingetreten zu sein.

Die Königin sah ausgezeichnet aus und war - wie ich glaube und hoffe - von dem Verlauf des Besuches sehr befriedigt."

Am späten Abend des 25. April verließ die Königin Victoria Berlin, um sich über Leipzig und Dresden nach England zu begeben. Der britische Gesandte in Dresden, Sir G. Strachey, schrieb am 25. April an Sir Henry Ponsonby:

"Es tat mir sehr leid, daß die Königin Leipzig in der Nacht passierte. Diese Stadt, welche hyperbismarckianisch (hauptsächlich nationalliberal), und Dresden, das ultrakonservativ ist, haben der Kaiserin und der Königin ein Maximum an Haß entgegengebracht. Die Leipziger Nationalliberalen 'Grenzboten', etwa nicht ganz unserem 'Fortnightly' entsprechend, sind oft von Bismarck benutzt worden; sie veröffentlichten neulich gegen die beiden königlichen Damen eine lange Abhandlung, in der die Frechheit und das Gift der preußischen 'Reptilien' noch übertroffen wurde. Die Torheit und Gemeinheit ähnlicher Schmierereien übersteigen alles Denkbare. Die freisinnige Partei in Sachsen ist schwach, so daß ihre Stimme in der Wüste verhallt; aber sie hat den Kaiser, die Kaiserin und die Königin mit großem Mut und mit Ausdauer verteidigt; ihr Dresdener Organ überhäuft alle drei jeden Tag mit den größten Lobsprüchen. Wie in Berlin, so sind auch hier die Radikalen (die auf demselben politischen Niveau stehen wie unsere Tories) bewunderungswürdig loyal, während die Bismarckiten sich wie die Anarchisten benehmen.

Augenblicklich scheint es so, als ob die Reptilienpresse einen Wink erhalten hätte, einen Frontwechsel vorzubereiten. Einer der Berliner Bande hat die Kühnheit, von 'des Reichskanzlers rührender und ergebener Liebe für seinen allerhöchsten Herrn' zu sprechen, was vielleicht andeutet, daß Bismarck eine Gesundung des Kaisers für möglich hält.

Bei dem großen offiziellen Diner an des Königs Geburtstag fand ich, daß alle politischen Größen in der Ansicht übereinstimmten, daß Bismarck der moralische, vielleicht auch der tatsächliche Urheber der ganzen Hetze war, und obgleich die Mehrheit der Anwesenden 'Totengräber' waren, war doch keiner durch die sehr undiplomatische Sprache, in denen ich meinen Gefühlen gegen ihn Luft machte, beleidigt."

Königin Victoria kam am 27. April in England an und empfing zwei Tage später folgenden Brief von der Kaiserin:

"Es kommt mir alles wie ein Traum vor! Dein Besuch, den ich mir so heiß wünschte, und auf den ich lange hoffte, ist vorübergegangen wie ein Blitzstrahl! Aber nicht, ohne besonders in meinem Herzen viel Trost und Dankbarkeit zurückgelassen zu haben!

Ich bin wirklich dankbar, daß Du hergekommen bist, und daß die Freude und die Aufregung dem liebsten Fritz nicht geschadet haben! Leider war zu vieles da, was Deinen Besuch schrecklich traurig machen mußte. Aber trotzdem ist es gut, nicht nur die heiteren, sondern auch die dunklen Stunden des Lebens mit denen zu teilen, die man liebhat!! Warum diese dunklen Stunden uns auferlegt werden, können wir niemals wissen oder verstehen! Unsere Ideen über Gerechtigkeit, Gnade usw. sind zu begrenzt und zu menschlich, um uns die Gründe erkennen zu lassen, welche unwandelbar die Welt durch denselben mächtigen Willen lenken, der sie geschaffen hat; daher müssen wir unser persönliches Unglück und Unheil hinnehmen als gut, gerecht und notwendig für das Ganze, von dem wir nur ein kleinstes Teilchen sind; nur unsere Seele windet sich und schreit in Bitterkeit auf - solange wir leben, hoffen, arbeiten, uns sehnen, denken und in die Zukunft blicken! Die größte Hilfe ist die Güte und Liebe unserer Liebsten; es ist der Balsam, den der Himmel den Leidenden schenkt, und der wenigstens nicht vielen versagt bleibt. Ich bin in Wahrheit für diesen kostbaren Schatz dankbar. Deine mütterliche Liebe und Fürsorge hat mir gutgetan und mein trauriges Herz erfrischt!

Ich bin mit schwerem Herzen in Deine leeren Zimmer zurückgegangen; ich stellte mir vor, wie Du in der kalten Winternacht nach Vlissingen fuhrst und gestern auf die liebe Yacht gingst, die wahrscheinlich ziemlich schwankte, und heute morgen in Windsor in Deinen eigenen bequemen und schönen Zimmern angekommen bist!

Dein Besuch hat hier viel Befriedigung hervorgerufen, ich habe keine einzige Äußerung gehört, die das Gegenteil besagt hätte. Fritz hat wirklich weniger Fieber gehabt - und ganz ordentlich gegessen (wenigstens verhältnismäßig) und heute eine ganze Menge geschlafen. Der Husten trat nicht sehr häufig auf. Ich hoffe, daß die Eindrücke, die Du mitgenommen hast, nicht nur schmerzlich waren."

Lord Salisbury faßte die Wirkung des Besuches und Bismarcks Haltung geschickt zusammen, als er am 30. April an die Königin Victoria schrieb

"Lord Salisbury legt respektvoll, wie es seine ergebenste Pflicht ist, Eurer Majestät Memorandum, das er mit dem tiefsten Interesse gelesen hat, in Eurer Majestät Hände zurück. Es scheint, daß Fürst Bismarck, wie auch aus seiner Unterredung mit dem Herzog von Rutland hervorgeht, von Eurer Majestät Besuch in Berlin und seinem Empfang außerordentlich befriedigt gewesen ist; dies läßt hoffen, daß sein Benehmen gegen die Kaiserin loyal sein werde, wenn dunkle Tage kommen sollten. Es läßt aber Fürst Bismarcks ungewöhnliche Sprache mit Hinsicht auf Eurer Majestät vermutete Haltung und die Absichten des Kaisers und der Kaiserin wegen der Heirat um so geheimnisvoller erscheinen. Trotzdem war der Fürst während des Besuches bei Eurer Majestät in seiner gewöhnlichen Stimmung. Augenscheinlich haben die beiden bemerkenswerten Besprechungen mit Sir E. Malet stattgefunden, als der Fürst unter einer seelischen Aufregung und Verstimmung litt, die bald vorbeigegangen ist. Der besorgniserregende Zwischenfall ist so gut ausgegangen, wie man nur erwarten konnte."

Inzwischen hatte sich die Gesundheit des Kaisers Friedrich in keiner Weise gebessert; seine Krankheit hatte sich durch die Ungeschicklichkeit Professor Bergmanns in einer Weise verschlimmert, daß man an einem der Wendepunkte des Verlaufes stand. Am Morgen des 12. April wurde der Kaiser von einem heftigen Hustenanfall gepackt, den leichte Veränderungen in der Lage der Kanüle behoben. Um acht Uhr kam Sir Morell Mackenzie; nach Besprechung mit den Doktoren Krause und Wegner wurde beschlossen, die Wirkung einer kürzeren Röhre zu erproben. Diese erwies sich indessen als nicht befriedigend, und Mackenzie entschloß sich, eine Kanüle neuer Form zu versuchen; er lud Professor Bergmann ein, der Auswechslung beizuwohnen. Bergmann kam um fünf Uhr nachmittags; er, Mackenzie und Hovell betraten das Zimmer des Kaisers, wo sie ihn schreibend fanden. Bergmann zog nun die kürzere Kanüle heraus und setzte die neue ein, aber mit einer so unglücklichen Wirkung, daß die Röhre von neuem entfernt werden mußte, und ein mit heftiger Blutung verbundener starker Hustenanfall folgte. Wiederum versuchte Bergmann die Einführung, aber wiederum mußte die Röhre zurückgezogen werden; ihre Entfernung war von erneutem Husten und erneuter Blutung gefolgt. Nun ließ Bergmann seinen Assistenten, Dr. Bramann, der draußen im Wagen wartete, holen. Als dieser kam, überließ Bergmann die Aufgabe sofort seinem Assistenten, der mit der größten Sorgfalt eine Kanüle von mittlerer Größe in den Hals einführte. Aber erst nach Stunden hörten Husten und Blutung auf.

Bergmanns Ungeschicklichkeit wurde vom Kaiser niemals vergessen; ein Mitleid erregender Beweis der Qualen des Kaisers, die er infolge dieser Ungeschicklichkeit zu erdulden hatte, geht aus einem der letzten Sätze hervor, die der Kaiser aufzeichnete. Am 12. Juni kritzelte der Kaiser als Antwort auf eine Bemerkung über seine Medizin, oder eine Frage in dieser Hinsicht, mit Bleistift auf ein Stückchen Papier: "Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl im Kehlkopf." Als Antwort auf eine andere Frage schrieb der Kaiser: "Dasselbe versuchte Hovell, ehe Bergmann mich so mißhandelte."

Die Folge dieses unglücklichen Zwischenfalles war, daß Professor Bergmann sich am 30. April von dem Fall zurückzog. Sein Rücktritt verursachte weitere beißende Angriffe in der deutschen Presse gegen Sir Morell Mackenzie und die Kaiserin, die am 9. Mai an die Königin Victoria schrieb:

"Ich bedauere die fortwährenden Streitigkeiten in den Zeitungen auf das äußerste. Sicher ist so etwas niemals vorher geschehen!! Wir sind in dieser Beziehung besonders unglücklich gewesen. Der Parteigeist schlägt hohe Wellen und ist unter Fürst Bismarcks hochfahrender Herrschaft sehr bitter geworden. Darum werden die sogenannten nationalen Belange mit all diesen Dingen vermischt!

Der arme Sir Morell Mackenzie ist wirklich völlig zermürbt durch die fortwährende Angst um Fritz und daß er ihn betreuen muß. Ich glaube, daß seine Gesundheit und seine Nerven ernstlich angegriffen sind, was ihn vielleicht weniger ruhig auf die Angriffe der Presse sehen läßt. Prof. Bergmann hat sich gegen uns und ihn schlecht benommen und war in diesem Falle auch als Arzt sehr erfolglos. Aber ich will mich nicht über ihn beklagen oder ihm Vorwürfe machen. Er geht jeden Tag zu Wilhelm! Bergmann ist also auch eins seiner Werkzeuge geworden. Die Zeitungen begannen über Fritzens Fall zu schreiben, lange ehe Sir Morell berufen wurde. Schon damals gab es heftige Streitigkeiten, so daß man Sir M. gegen seinen Willen herkommen ließ. Immerhin hoffe und vertraue ich, daß jetzt nicht mehr darüber gesprochen und die Sache verlaufen wird... Es ist für das Land sehr schlecht und für uns sehr hart."

Die Wünsche der Kaiserin wurden berücksichtigt, und im Augenblick unternahm man nichts, was geeignet war, die deutsche öffentliche Meinung weiter zu erregen.

Nun schien eine neue Krisis zwischen der Kaiserin und ihrem ältesten Sohne zu drohen. "Wilhelm", schrieb sie am 12. Mai an ihre Mutter, "hält sich schon ganz für den Kaiser - und zwar für einen absoluten und autokratischen. Ich persönlich kam gut mit ihm aus, weil ich alle wichtigen Gesprächsthemen vermied!" Sechs Tage später schrieb sie

"Fritz geht es Gott sei Dank ganz gut, nur der schreckliche Husten quält ihn oft - schon sehr lästig und ermüdend am Tage, um so mehr bei Nacht.

Wilhelm lud Bergmann so demonstrativ wie möglich zum Diner ein, was mit Rücksicht auf sein merkwürdiges Benehmen zum mindesten nicht sehr geschmackvoll zu sein scheint.

Für alle, die in unserem Hause nicht ganz ehrlich gegen uns sind, war Bergmann ein passendes Werkzeug, und wir sind dankbar, jetzt jemand anders zu haben. Wir treffen jetzt unter den Ärzten nicht auf Schwierigkeiten, auch hätten wir mit Langenbeck oder Wilms - die wir so gut kennen und so gern hatten - niemals welche gehabt! Natürlich tat Bergmann, was er konnte und hatte die besten Absichten, aber er war nicht der richtige Mann, ebensowenig wie Schröder und Bramann, obgleich ich sie nicht tadeln will.

Wir hatten mit Prof. Gerhardt und besonders mit dem unangenehmen Landgraf, der Wegner und so viele andere mißleitete, eine sehr unglückliche Hand! Nun sind alle diese Schwierigkeiten vorüber - wenn es auch die mit der feindlichen Partei wären, hätten wir wirklich ein leichteres Leben und eine angenehmere Stellung."

Prinz Wilhelm tat wirklich alles, um seine Eltern zu bekümmern, obgleich die Kaiserin sich bemühte, seine beleidigenden Handlungen in den Augen seiner Großmutter zu entschuldigen, da sie nicht glaubte, daß er sich seines kränkenden Verhaltens immer bewußt war. So schrieb die Kaiserin am 19. Mai an ihre Mutter:

"Was ich über Wilhelm sagte, ist keineswegs übertrieben. Ich erzähle Dir nicht ein Drittel von dem, was vorgekommen, damit Du, die Du nicht hier bist, nicht glaubst, daß ich mich beklage. Er ist in einem 'Ring', einer Koterie, deren Hauptbestreben es ist, Fritz in jeder Beziehung lahm zu legen. Wilhelm ist sich dessen nicht bewußt. Die Dinge müssen ertragen werden, bis Fritz stark genug ist, sie selbst abzustellen. Du hast keine Vorstellung von den Quälereien und Besorgnissen, den Unruhen und Schwierigkeiten, die ich zu erdulden habe. Ich will Dich nicht mit ihrer Aufzählung quälen, da Du vielleicht die beteiligten Personen, die Verwicklungen usw. nicht kennst, es würde vielleicht sogar schwer für Dich sein, alles zu verstehen."

Fünf Tage später, am 24. Mai, fand die Hochzeit des zweiten Sohnes der Kaiserin, des Prinzen Heinrich, mit Prinzessin Irene von Hessen in Charlottenburg statt. Es war ein glücklicher und fröhlicher Tag mitten in Krankheit und Verzweiflung. Eine Woche später wurde der augenscheinlich in den letzten Zügen liegende Kaiser mit einem Boot von Charlottenburg nach dem Neuen Palais gebracht. Im Neuen Palais war er geboren worden, hier hatte er die glücklichsten Tage mit der Kaiserin verbracht, und um dies zu betonen, änderte er jetzt den Namen in "Friedrichskron" um.

So krank er war, raffte sich der Kaiser dennoch auf, um sich mit einer Angelegenheit zu beschäftigen, die ihn verstimmte. Der Minister des Innern, Puttkamer, ein typischer Bismarckianer, war einer der Clique, die daran festhielt, daß ein Kaiser, der nicht sprechen könne, auch nicht regieren dürfe; er war verantwortlich für die offizielle Ankündigung des Todes des alten Kaisers, die keine Anspielung auf den neuen Kaiser enthielt. Kaiser Friedrich hatte dies stillschweigend ertragen. Als er aber im Juni ein Gesetz unterzeichnen sollte, das die Lebensdauer des Reichstages um zwei Jahre verlängerte, stellte er die Bedingung, daß der Minister, der die Beeinflussungen bei den deutschen Wahlen begünstigt hatte, zurücktreten müsse. Am 7. Juni war Puttkamers Rücktritt sicher.

Während des Puttkamer-Falles wurde Dr. Hovell durch den Tod seines Vaters nach England zurückgerufen. Am 8. Juni schrieb die Kaiserin voller Sympathie für den unermüdlichen Arzt an die Königin Victoria:

"Es ist sehr unangenehm, daß unser unschätzbarer kleiner Dr. Hovell gerade jetzt abwesend ist! Man fühlt sich so unbedingt sicher, wenn er die ganze Nacht wacht. Er hat seinen Vater verloren, wie ich Dir geschrieben habe, und ist in England. Ich fürchte sehr, daß Sir Morell eines Tages zusammenbrechen wird - er hat den ganzen Tag lang auf den Füßen zu sein und wird zuweilen dreimal in zehn Minuten durch das Klingelzeichen gerufen!

Wir waren in mancher Hinsicht sehr ängstlich und besorgt um Fritz. Das Wetter war kalt und naß, und es ging ihm in mehr als einer Beziehung nicht so, wie es sollte - Sir M. wird Dir Einzelheiten mitteilen - trotzdem hat er eine Menge erledigt. Wir hatten viel Unruhe und Unannehmlichkeiten - die Minister tun manches, womit Fritz nicht einverstanden ist; wenn er sich aber widersetzt, gibt es über alles mögliche Ministerkrisen, so daß man sehr vorsichtig sein muß. Es ist sehr schwierig! Wenn wir alle Spione und Verräter loswerden und Fritz mit vertrauenswürdigen Männern und ehrlichen Anhängern umgeben könnten, wäre dies eine Möglichkeit, die Macht der Ministerien auszugleichen. Es ist ein sehr schwieriges Spiel, das Richtige zu tun, das Falsche zu vermeiden und sich trotzdem mit Bismarck nicht zu veruneinigen, und doch muß es getan werden. Fritz ist nach vielen Schwierigkeiten Puttkamer mit einiger Diplomatie losgeworden, was ich für einen großen Fortschritt halte. Er wird alles mögliche ausführen können, wenn er den schon in San Remo so geschickt aufgebauten Wall des Widerstandes, an dem Wilhelm so beteiligt ist, durchbrechen kann. Wilhelm würde, dessen bin ich sicher, uns gegenüber ganz andere Saiten aufziehen, wenn die Einflüsse der Leute unschädlich gemacht würden, die ihn jetzt für ihre Zwecke gegen uns benutzen. Er würde dann sehr viel lenkbarer und vernünftiger sein. Du kannst Dir nicht denken, wie hart und schwer mein Leben ist. Wenn ich glauben könnte, daß wir noch ein Jahr vor uns haben! Wieviel könnte getan werden, aber das ist so unsicher! Und dann? Ich kann an all das kaum denken, mein Herz bricht beinahe.

Hier ist der Gegensatz zu dem Leben, das wir zu führen pflegten, sehr groß - da drehte sich alles nur um Fritz - und trotzdem darf man nicht daran denken, sondern muß dankbar sein, daß er noch da ist! Was wird im nächsten Jahre sein?!!

Die Clique ist natürlich wütend auf mich, da ihre einzige Absicht ist, mich ganz zu isolieren und zu verhindern, daß ich etwas über Fritz sage, die Kinder gegen mich aufzuhetzen, es mir unmöglich zu machen, mit dem Fürsten Bismarck oder Wilhelm auf guten Fuß zu kommen und mich im Lande durch Erfindung von Lügen und Verleumdungen unpopulär zu machen. Dies begann schon im letzten Jahre, weil die Leute es für an der Zeit hielten, da der Kaiser alt und Fritz krank war. Ich kümmere mich gar nicht um sie, und sie haben mich nicht, wie sie es hofften, in Furcht setzen können. Fortwährend erhalte ich Beweise von Liebe, Mitgefühl, Anhänglichkeit und Vertrauen aus anderen Kreisen, so daß sie in ihren Versuchen, mich zu verletzen, ziemlich gehemmt sind, und was wäre, wenn sie Erfolg hätten? Wenn Fritz stirbt, so ist es mir vollkommen gleichgültig, was aus mir wird. Ich suche die Liebe dieser Leute nicht und verachte ihren Haß. Fritz und ich werden eines Tages durch den Lauf der Ereignisse mehr als gerächt sein, wenn diese Menschen zur Herrschaft kommen ...

Das Volk ist jetzt geduldig, weil es weiß, daß sein Kaiser auf seiner Seite steht und für seine Wünsche und Bestrebungen kämpfen würde, wenn sein Wille nicht durch die Regierung und die Kartellclique, die aus seiner Krankheit Nutzen ziehen, in Schach gehalten würde; Kaiser Wilhelm stand ganz auf ihrer Seite und hatte keinen Willen, außer dem, allen Fortschritt aufzuhalten.

Es ist ein merkwürdiger Zustand! Ich bin traurig und müde, aber nicht niedergeschlagen und werde bis zum letzten kämpfen. Nicht durch Gewalt oder durch offene Auflehnung kann ich etwas gewinnen, sondern nur durch die größte Vorsicht und Behutsamkeit."

Der Puttkamer-Fall diente indessen nur dazu, die wachsenden Schwierigkeiten zwischen Bismarck und der Kaiserin zu betonen. Puttkamers Rücktritt wurde am elften im Reichsanzeiger veröffentlicht - ein Ereignis, das Bismarck zu einem Diner veranlaßte, bei dem Puttkamer der Ehrengast war.

Alle wußten, daß die Tage des Kaisers gezählt waren. Die Kaiserin schrieb vereinsamt, freudlos und gebrochenen Herzens am 12. Juni an ihre Mutter:

"Ich habe nicht das Herz zu schreiben - ich fühle mich nicht imstande dazu, und trotzdem möchte ich Dich nicht ohne Nachricht lassen. Es steht nicht gut hier, ich habe nicht mehr viel Hoffnung, weiß aber nicht, wie lange uns der, der uns so teuer ist, noch gelassen werden wird; vielleicht noch einige Zeit, aber es kann nicht mehr lange dauern. Bitte schlage keinen Alarm, es würde unsere Stellung noch zehnmal peinlicher machen und erschwerte es uns, das Beste für ihn zu tun, ihn so glücklich zu machen und bei so guter Laune zu erhalten, wie es in unseren Kräften steht, ohne unverschämte Einmischungen und ohne all die brutale Herzlosigkeit, die ich mir gefallen lassen mußte, als Fritz nach dem 12. April so krank war - mein einziger und sehnlicher Wunsch! Ich bin zu elend, zu unglücklich, um mehr zu schreiben. Du hast den Dezember 1861 durchgemacht und wirst mich gut verstehen."

Am nächsten Tag schrieb sie:

"Meine Tage und Nächte gehen vorüber, ich weiß nicht wie! Ich verlasse Fritzens Zimmer oder das Nebenzimmer kaum, gehe nur zum Schlafen hinauf... Sir Morells wundervoller Geschicklichkeit ist es gelungen, ihm mit einer Guttapercha-Röhre Nahrung einzuflößen, so daß er nun genug zu sich nehmen kann, aber was heißt es für mich, meinen armen Liebling so verändert zu sehen! Er ist ein wahres Skelett und sein schönes, dichtes Haar ist ganz dünn geworden. Sein armer Hals bietet einen so schrecklichen Anblick, daß ich es kaum über mich gewinnen kann, hinzusehen, wenn er verbunden wird usw. Ich muß oft forteilen, um meine Tränen zu verbergen. Es ist sehr schwer, die Luft im Zimmer rein zu halten. So ist es eine große Erleichterung, daß das Wetter den Aufenthalt auf der Terrasse gestattet. Es ist so bitter, die Umgebung unseres schönen Heimes zu sehen und zu wissen, daß meine drei lieben Töchter es mit all seinen schönen und traurigen Erinnerungen für immer verlassen müssen. Es war die lange und langsame Arbeit von Jahren, es instand zu setzen - nicht für uns, um unser Leben darin zu beschließen; aber das sind Erwägungen von geringerer Wichtigkeit.

Du weißt nicht, wie ich in tausenderlei Beziehungen zu leiden habe...

Du fragst mich, was Du für mich tun kannst!! Das ist zu freundlich und lieb von Dir, aber ich weiß jetzt nichts; später wird es eine ganze Menge geben, und ich werde Dich oft um Rat fragen. Ich komme mir vor wie ein Wrack, wie ein sinkendes Schiff, so zerbrochen und niedergeschlagen, so wehen Herzens, als ob ich aus tausend Wunden blutete. Das Schreiben macht meine Tränen fließen, aber auch das Denken und die Unterhaltung mit Freunden! Langweilige harte Arbeit ist die einzige, die ich tun kann, und selbst bei ihr scheint mir das Gedächtnis manchmal zu schwinden, und zuzeiten kann ich mich nur noch meiner Qual entsinnen!!"

Zwei Tage später, am 15. Juni 1888, starb der Kaiser Friedrich um elf Uhr. Am Abend dieses Tages schrieb die unglückliche Kaiserin ihrer Mutter:

"Am 14. Dezember 1861 fandest Du in Deinem überwältigenden Kummer Zeit und Kraft, um mir zu schreiben; so muß auch ich Dir aus tödlichem Kummer, halb wahnsinnig vor Schmerz, ein paar Worte senden! Ich kann Dir nicht sagen, was für Stunden ich durchgemacht habe, welche Bilder meinen Sinn quälen, welche Empfindungen mein Herz bewegen. Oh, sie werden mich immer verfolgen. Die Qual ist zu schrecklich, wenn zwei Leben, die eins geworden sind, so auseinandergerissen werden; und ich muß bleiben und mich erinnern, wie er von mir ging! Ach, der Blick seiner lieben Augen, ihr trauriger Ausdruck, als er sie für immer schloß, die Kälte und die Stille, die folgten, als seine Seele entflohen war. Ach! Mein Gatte, mein Liebling, mein Fritz!! Der Gute, Freundliche, Zärtliche, Tapfere, Geduldige, Vornehme, so furchtbar Geprüfte, ist nun seinem Volk, seiner Frau, seinen Töchtern, die ihn so sehr brauchten, genommen worden. Seine milde und gerechte Regierung sollte nicht sein. Verzeihe mir, wenn ich unzusammenhängenden Unsinn schreibe, aber es ist fast zu schwer zu ertragen. Gott sei Dank leidet sein gütiges Herz nicht das, was das meinige zu tragen hat!!! Ich habe meinen Abschied von ihm genommen und einen letzten Blick auf ihn geworfen. Ich bin seine Witwe, nicht mehr sein Weib. Wie soll ich das tragen! Du hast es ertragen, und ich werde es auch. Du hattest Dein Volk, Deine großen Pflichten, für die Du leben konntest. Ich habe meine drei lieben Töchter - er hing so an ihnen -, die mein Trost sind. Wenn sie mich nicht mehr brauchen, so steht meine Zeit zu Deiner Verfügung, wenn Du mich jemals um Dich haben willst! Ich versuchte, ihm zu helfen mit aller Macht und allem Können, ihm nützlich zu sein, ihm alle Aufregungen, Unannehmlichkeiten und Mühen zu ersparen. Ich glaube, daß es mir einigermaßen gelungen ist. Ich sagte immer, daß ich sein Wachhund sei!! Nun sind alle Kämpfe vorüber, und ich muß meinen Weg allein weiter stolpern! Ich will, so gut es geht, vor der Welt verschwinden und mich bestimmt nicht irgendwo in den Vordergrund drängen! Die, welche ihn wirklich liebten, werden um seinetwillen freundlich zu mir sein!

Ich muß hier schließen, ich fühle mich krank, wund und zerbrochen, aber nicht müde; oh nein, es ist mir so, als ob ich nie wieder schlafen könnte."

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