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Kapitel XIII: Das Kriegstagebuch Kaiser Friedrichs

Die Kaiserin Friedrich wünschte nicht, daß sie oder ihr Gatte dauernd den Schimpf einer abfälligen Beurteilung, die von den leitenden Stellen in Berlin bestimmt wurde, trügen. Sie hatte bereits einige Schritte in dieser Richtung versucht. Im vergangenen Jahre hatte der Kaiser Friedrich, bei seinem Besuche in England anläßlich des Jubiläums der Königin, drei Kisten Papiere mit sich genommen, um sie in Windsor-Castle sicherer Hut zu übergeben.

Vier oder fünf Monate später entschloß sich der Kaiser (damals Kronprinz), das Manuskript seines Tagebuches aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nach England zu schicken. Der Kronprinz und die Kronprinzessin waren damals in San Remo von Bedienten und Beamten im Solde des Fürsten Bismarck umgeben; sie waren sich darüber klar, daß bei Versuchen, Dokumente auf dem gewöhnlichen Wege abzuschicken, diese lediglich in die Hände des Kanzlers fallen würden. Da die Kronprinzessin nicht wußte, wie sie es am besten machen könnte, zog sie Dr. Hovell ins Vertrauen, und dieser kluge und erfinderische Mann entdeckte ein Mittel, durch das die Spione Bismarcks und des Prinzen Wilhelm ausgeschaltet wurden. Mehrere Tage lang wurden die drei Bände des Tagebuches augenfällig auf den Tisch des Hauptsalons der Villa Zirio gelegt, damit jeder sie sehen, in ihnen lesen und sie in die Hand nehmen könne, wenn er wollte. Eines Nachts wurde Dr. Hovell plötzlich dringend zu einem Kranken nach England gerufen. Er weckte nur seinen eigenen Diener und packte schnell all seine Sachen. Im letzten Augenblick nahm er beim Durchschreiten des Salons die drei Bände des Tagebuches an sich und eilte aus dem Hause, um seinen sagenhaften Patienten zu besuchen. Am nächsten Morgen schrie man Zeter und Mordio. Man wußte, daß Dr. Hovell mindestens zwei oder drei Tage brauche, um England zu erreichen; Agenten wurden angewiesen, jeden möglichen Reiseweg nach England auf das schärfste zu überwachen; ihre Anweisungen gingen dahin, daß Dr. Hovells Gepäck auf jeden Fall verlorengehen müsse und später, natürlich ohne das Tagebuch, wiedergefunden werden sollte. Jeder Hafen und jeder wichtige Eisenbahnkreuzungspunkt auf den Wegen nach England wurde überwacht, aber Dr. Hovells Spur war nicht zu finden.

Am dritten Tage kehrte Dr. Hovell nach San Remo zurück; seine Ankunft wurde pflichtgemäß nach Berlin gemeldet, aber die beunruhigende Nachricht beigefügt, daß das Tagebuch nicht zur Stelle sei. Tatsächlich befand es sich schon in England! Der schlaue Doktor, der wußte, daß alle Wege nach England vom Augenblick seiner Abreise aus San Remo an sorgfältig überwacht werden würden, machte sich sofort auf den Weg nach Berlin da ihn die Beauftragten Bismarcks dort am wenigsten erwarten würden und die Reiselinie über Berlin wahrscheinlich nicht unter Aufsicht stand. Er kam in den frühen Morgenstunden an und begab sich sofort in die englische Botschaft, wo natürlich noch niemand auf war. Als ihm gesagt wurde, daß er noch eine oder zwei Stunden warten müsse, bevor er irgendeine maßgebende Person sehen könne, antwortete er, daß er sofort mit dem Botschafter sprechen müsse, da sein Auftrag keine Verzögerung zuließe. Sein Verlangen war so dringlich, daß Sir Edward selbst sofort geweckt wurde und im Schlafrock herunterkam, um ihn zu empfangen. Der englische Botschafter erfaßte die Situation sogleich und begriff die Notwendigkeit sofortigen Handelns. Er schickte einen Spezialkurier mit dem Tagebuch nach London, während Dr. Hovell nach San Remo zurückkehrte.

Es mag merkwürdig erscheinen, daß Privatpapiere des Herrscherhauses eines Landes dem königlichen Archiv eines anderen übersandt werden. Aber, wie die Kronprinzessin in ihr eigenes Tagebuch schrieb, "konnte der Kronprinz sie in Berlin nicht für sicher halten und glaubte, daß seine Papiere 'in Mamas Obhut' besser aufgehoben seien als 'in unserem Hause in Berlin'". Es bestand die wohlbegründete Besorgnis, daß alle Papiere oder Aufzeichnungen des Kaisers Friedrich plötzlich mit Beschlag belegt und vernichtet werden könnten, ein Vorgang, der sich bereits ereignet hatte; die Kaiserin wünschte nun den in Windsor befindlichen Aufzeichnungen einige andere hinzuzufügen.

"Die Arbeit", schrieb sie am 14. September 1888, "Auszüge aus meinen Briefen an Dich zu machen, wird außerordentlich groß sein. Vielleicht könntest Du jemand finden, der Dir zu helfen vermag, da Sir Th. Martin allein nicht ausreicht? Fritz führte ein Tagebuch, ich führe es nicht. Seine Aufzeichnungen sind mir jetzt sehr wertvoll. Eines Tages soll die Welt ein wahres Bild von ihm und seinen Leiden haben, aber jetzt ist es noch viel zu früh. Ich kann immer noch kaum glauben, daß mein armer Liebling von dieser furchtbaren Krankheit aus seinem Hause und aus seiner täglichen Arbeit gerissen und entführt worden ist, trotzdem er eine starke und widerstandsfähige Natur hatte."

Ungefähr zu dieser Zeit bat die verwitwete Kaiserin im Zusammenhang mit einem Dekret des neuen Kaisers Wilhelm II., das die Öffnung und Durchsicht des schriftlichen Nachlasses Kaiser Friedrichs betraf, die Königin Victoria, ihr aus Windsor die drei Kisten zurückzuschicken, die im verflossenen Jahre dort niedergelegt worden waren. Diese wurden von deutschen Kronbeamten, die zu diesem Zwecke ausgesucht waren, einer genauen Durchsicht unterzogen; eine Auswahl der Papiere wurde dem Berliner Hausarchiv übergeben, darunter die vier einander folgenden handschriftlichen Ausgaben des Tagebuchs Kaiser Friedrichs aus dem Deutsch-Französischen Kriege von 1870/71

Viele Jahre früher, 1873, war einem der vertrautesten Ratgeber Kaiser Friedrichs, Professor Heinrich Geffcken, einem deutschen Diplomaten und Juristen, das Tagebuch zugänglich gewesen. Nun bereitete im August 1888 Geffcken eine Reihe von Auszügen zur Veröffentlichung in der Presse vor; es waren alles in allem weniger als zwanzig Seiten, die in der an 120. September erschienenen Oktobernummer der "Deutschen Rundschau" der Welt übergeben wurden. Die Publikation erregte das größte Aufsehen wegen der Freimütigkeit des Schreibers und der Art und Weise, in der er zeigte, wie Bismarck sich selbst fälschlich Verdienste um die Schaffung des deutschen Kaiserreiches zugeschrieben hatte, die dem Kronprinzen gebührten. Einige Tage nach der Veröffentlichung schrieb die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria:

"Das Marmorpalais und Berlin sind wegen der Veröffentlichung von Fritzens Tagebuch wütend und aufgeregt. Es paßt natürlich den 'Machthabern von heute' durchaus nicht. Wilhelm war wütend, und nannte es 'Hochverrat' und Diebstahl von Staatspapieren! Natürlich ist dies Unsinn. Ich war über die Veröffentlichung sehr erstaunt und verärgert, da sie außerordentlich töricht und taktlos ist. Selbstverständlich ist alles wahr und alle Teile des Publikums, die unbeeinflußt und Fritz ergeben sind, scheinen entzückt, besonders die liberale Presse, von der ich Dir eine kleine Probe schicke. Natürlich ist die Rolle, die Fritz im Januar 1871 in Versailles spielte, dem Publikum nicht bekannt! Man glaubt, daß das deutsche Kaiserreich von Kaiser Wilhelm und Bismarck ins Leben gerufen worden ist, während es Fritz war, der es getan hat! Daher wirkt dies wie eine Offenbarung! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es in die 'Rundschau' gekommen ist. Fritz hat einige Abschriften faksimilieren lassen, die er seinen näheren Freunden gegeben hat. (Ich glaube, Du hast auch eine bekommen?) Eine dieser Kopien muß der Person bekannt gewesen sein, die den Artikel in der 'Rundschau' geschrieben hat. Jedermann glaubt nun, daß ich dahinterstecke und Fürst Bismarck einen Streich gespielt habe, um mich zu rächen usw. Natürlich ist dies alles böswillige Lüge, um seine Anhänger, Wilhelm usw. gegen mich aufzuhetzen!

Der Artikel ist augenscheinlich von jemand mit den besten Absichten verfaßt worden, erinnerte mich aber an die Geschichte von 'Meyer' in Windsor im Jahre 1848, der ein Gedicht mit der Unterschrift 'A' veröffentlichte, so daß jedermann glaubte, der liebe Papa habe es geschrieben! Erinnerst Du Dich? Man hat mir geraten, ein Dementi in die Zeitungen zu setzen, welches widerlegt, daß ich irgend etwas mit der Veröffentlichung zu tun habe, was ich ablehnte! Man hat mir auch geraten, im selben Sinne dem Fürsten Bismarck zu schreiben, was ich ebenfalls ablehnte, aber ich habe ihm sagen lassen, daß ich nicht verstünde, wer den Artikel veröffentlicht haben könne, und daß es mir als ein Mangel an Takt und Urteil erschiene, solche Dinge, die privaten und persönlichen Charakter trügen, zu drucken, solange die in dem Buch mit Namen genannten Persönlichkeiten noch am Leben sind.

Ich füge einen anderen Bericht über Fritzens Krankheit, der gut und anständig lautet, bei.

Das Wetter ist hier sehr schön; ich bin trauriger als je, niedergedrückt, betrübt und abgehetzt. Die Summe, die ich nach Fritzens Willen haben sollte, um mir ein Haus zu kaufen, und die sie mir im Juni so gut wie versprochen hatten, werde ich nicht bekommen. Das Hausministerium behauptet, die Krone könne sie nicht aufbringen. Wilhelm sprach nicht einmal sein Bedauern aus und schien es für ganz natürlich zu halten. Einerseits bin ich ganz froh, da es mir lieber ist, dem herrschenden System so wenig wie möglich verpflichtet zu sein; Unabhängigkeit ist eine große Sache."

Zwei Tage später, am 26. September 1888, schrieb sie:

"Die schlimmen Leidenschaften sind alle lebendig (die der Regierung und der Bismarck-Partei), und ihre Heftigkeit ist unbeschreiblich. Die Veröffentlichung versetzt sie in höchste Wut. Woher sie stammt, was sie bedeutet, weiß ich nicht. Ich besitze unter meinen Papieren nichts Derartiges, und trotzdem ist jedes Wort wahr und die Tatsachen sind richtig, - der Stil scheint völlig fritzisch zu sein, es sind seine Worte und Meinungen, aber niemals habe ich sie in dieser Form zusammengestellt gesehen!

Ein Ausbruch des Entzückens von seiten des Publikums ist von Wilhelm mit einem Wutausbruch beantwortet worden, der mir gegenüber seinen Papa bitter kritisierte und sagte, wie dieser nur so törichte Dinge hätte niederschreiben können usw. Ich dachte mir nur, wie tief Wilhelm zu bemitleiden ist, daß er seinen Vater so wenig versteht. Die üble 'Post', ein Regierungsblatt, zieht einen Vergleich zwischen Fritz und dem Kaiser Josef von Österreich, sagt, daß letzterer keinen Erfolg gehabt habe, und zieht die Schlußfolgerung, es sei für Deutschland ein Segen gewesen, daß Fritz nicht länger regiert habe, da seine Grundsätze unbedingt zum Mißerfolge hätten führen müssen!! Dies ist die Sprache, dies sind die Gefühle, die man in Regierungs- und Hofkreisen, in der Gesellschaft und Berliner Militärzirkeln während dreißig Jahren, besonders aber während der beiden letzten Jahre, gehabt hat; mit ihnen sind unsere drei ältesten Kinder durchtränkt worden. Von Natur aus verstehen sie gar nichts von Politik und kümmern sich auch nicht darum; sie wiederholen nur das allgemeine Geschrei der Kreise, in denen sie verkehren, und unterstützen Wilhelms rauhe und heftige Anlage. Sie waren so vollkommen in den Händen der Clique, daß Fritz es für unmöglich hielt, ihnen sein volles Vertrauen zu schenken, da sie nichts verschweigen konnten, und es für andere leicht war, ihnen die Würmer aus der Nase zu ziehen. Wir warteten auf eine Zeit, wenn die 'Autorität' - der sich Wilhelm und Heinrich stets gerne beugten - von ihm allein repräsentiert werden würde; sie würden dann vielleicht mehr geneigt gewesen sein, die Ansichten ihres Vaters zu verstehen, und es wäre nicht länger gefährlich gewesen, sie aufzuklären! Leider ist diese Zeit nie gekommen, und die goldene Möglichkeit, die jungen Leute zu beeinflussen, ist uns aus den Händen gerissen worden. Mögen sie niemals durch schlimme Erfahrungen die Wahrheit dessen erkennen müssen, was ihr Vater und ihre Mutter ihnen so gerne gesagt hätten.

Die Veröffentlichung ist keine Fälschung - aber wie sie herausgekommen ist, kann ich unmöglich sagen. G. von Normann ist tot, ebenso wie Krug, der oft für Fritz kopiert hat. Sie ist von einem Freund in die Zeitschrift gesetzt worden, der Fritzens Andenken ehren wollte, was ihm auch gelungen ist, der aber nicht bedachte, daß in diesen Sätzen vieles geeignet scheint, meine Feinde zu erbittern und mich noch größeren Unfreundlichkeiten auszusetzen, als ich jetzt schon erdulden muß.

Ich schicke Dir einen greulichen Artikel aus der 'Post' und zwei nette aus einer liberalen Zeitung und sende Dir auch die Originalpublikation in der 'Rundschau', falls Du sie noch nicht haben solltest! ...

Ich bin wirklich gesegnet, daß ich eine so freundliche und liebe Mutter habe, der ich alle meine bitteren Sorgen vortragen und von meinen vielen Prüfungen sprechen kann; ich bin für diese Gnade aufrichtig dankbar."

Nach vieler Überlegung entschied Bismarck, der beste Weg, den Enthüllungen des Tagebuches entgegenzutreten, sei, es als eine Fälschung zu behandeln. "Wie Sie aus dem, was Sie gelesen haben, ersehen werden", erzählte er Busch damals, "müssen wir es erst als Fälschung behandeln, ein Standpunkt, von dem aus viel gesagt werden kann. Wenn es dann durch das Erscheinen des Originals als echt erwiesen ist, kann man es auf andere Weise behandeln." Busch fragte dann den Kanzler, ob er mit dem Kaiser über die Sache gesprochen habe, und er bejahte mit den Worten: "Er war wütend und wünscht, daß strenge Maßnahmen gegen die Publikation ergriffen werden." Aus diesen Worten geht hervor, daß sowohl der Kanzler wie der neue Kaiser die Echtheit des Tagebuches anerkannten, aber die Welt hatte noch zu lernen, daß ihnen beiden, und besonders Bismarck, alle Waffen recht waren, wenn es darauf ankam, das Ansehen oder den Ruhm des toten Kaisers oder seiner überlebenden Gattin zu mindern. Am 27. September schrieb die Kaiserin, die im Begriff war, ihr geliebtes Friedrichskron für immer zu verlassen, an die Königin Victoria:

"Das Tagebuch ist vollkommen und ganz echt, Wort für Wort, und ich weiß jetzt, wo sich das Original befindet. Es ist in den Archiven des Hausministeriums und war unter den Papieren, die ich aufgegeben habe! Natürlich war es nicht meine Absicht, es aufzugeben; ich glaubte, es sei rein militärisch und hatte es nicht gelesen. Einerseits bin ich jetzt besorgt, daß, wenn Wilhelm hört, wo es ist, er es verbrennen lassen wird, weil Bismarck ihm offiziell gesagt hat, es sei 'apokryph', andererseits gibt es keinen besseren Beweis für meine Feinde, daß ich mit der Publikation nichts zu tun habe. Aber wer hat sie besorgt? und wem konnte Fritz das Manuskript jemals borgen?? Das weiß ich nicht... Die konservative Partei hier ist der Ansicht, es sei Bismarcks größte Tat, die Echtheit des Tagebuches geleugnet zu haben. Vielleicht tat er es in gutem Glauben...

Friedrichskron zu verlassen ist mir ein tödlicher Schmerz. Ich glaube überall meines Lieblings Stimme zu hören, ihn zu sehen und seine Nähe zu empfinden, als ob er hier sei oder bald käme. In einem anderen Hause kann es niemals das gleiche sein, und trotzdem kann ich hier nicht so weiter leben, wie ich es tat. Ich bin elender, als ich sagen kann."

Der neue Kaiser bekam jetzt schnell einen Namen wegen seiner Vorliebe für Prunkaufzüge und militärische Schaustellungen; die schnelle Folge seiner Reisen an die Höfe von St. Petersburg, Wien und Rom während der ersten Jahre seiner Regierung veranlaßte den Berliner Witz, die drei deutschen Kaiser als: "der greise Kaiser, der weise Kaiser und der Reisekaiser" einander gegenüberzustellen. Am 28. September schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Du kannst Dir vorstellen, wie mich der Gedanke an Wilhelms erneute Reisen an so viele Höfe und an alle die Empfänge in Italien kränkt - ein Land, das wir sehr geliebt haben und aus dem er sich nichts macht. Seit unserem schrecklichen Verlust hat er nicht zwei Tage einer ruhigen Trauer oder einer auch nur geringen Sorge um seine Mutter geopfert. Es herrscht ein unaufhörlicher Trubel von Besuchen, Empfängen, Diners, Reisen, Paraden, Manövern, Jagden und Gesellschaften. Natürlich verletzt dies meine Gefühle, und ich muß mich daran gewöhnen, jemand zu sein, an den sich das gegenwärtige Regime nicht weiter erinnert; ich finde das recht hart.

Es ist zu schrecklich, Friedrichskron verlassen zu müssen! ... Es scheint mir sehr schmerzlich, nicht mehr in Fritzens Wohnzimmer oder Ankleidezimmer, die noch so sind, wie sie immer waren, gehen und niemals wieder den Raum betreten zu können, in dem er seine Augen für immer schloß. Aber viele Witwen haben dasselbe durchgemacht. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß er es gerne gesehen hätte, wenn ich in dem Hause geblieben wäre, das ihm so lieb war, und die geheiligte Stätte seines Todes bewacht hätte, aber ich weiß, daß es nicht sein kann... Vielleicht ist es unvernünftig und töricht, sich so zu beklagen, aber ich kann mich nicht losreißen von dem, was unser Haus dreißig Jahre lang gewesen ist, ohne bittersten Schmerz.

Ich hoffe, daß das Haus bei Kronberg mir in einigen Tagen sicher ist, dann werde ich den Architekten und den Gärtner kommen lassen, und ich hoffe, es Dir eines Tages zeigen zu können. Es wird aber noch zwei Jahre dauern, bis ich es beziehen kann."

Inzwischen hatte Bismarck nach genauen Nachforschungen erfahren, daß Professor Geffcken für die Veröffentlichung der Auszüge aus dem Kriegstagebuch Kaiser Friedrichs verantwortlich war. Er entschloß sich nun zuzugeben, daß das Tagebuch echt sei, bestimmte indessen, daß der unglückliche Professor wegen "Landesverrates" unter Anklage gestellt werden sollte! Am 29. September (dem Jahrestag ihres Verlöbnisses) schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Heute vor 32 Jahren war unser Verlobungstag. Wie der Gedanke mich schmerzt! Ich sehne mich nach ihm, nach seinen freundlichen Worten und Blicken, nach einem Kuß!! Es ist alles vorüber und vorbei, Tag für Tag fühle ich mich einsamer und ungeschützter. Ich habe niemand, auf den ich mich stützen könnte, und muß alle Schwierigkeiten allein überwinden. Gestern hätte ich am liebsten meinem Leben ein Ende gemacht! Ich danke Dir vielmals für Deinen lieben durch Kurier empfangenen Brief und für das Schreiben Sir Theodore Martins. Du kannst Dir vorstellen, wie empört ich über den Ton bin, in dem die Regierung und Bismarcks Zeitungen von Fritz und seinem Tagebuch zu sprechen wagen. Es ist nicht überarbeitet, jedes Wort ist von ihm und in seiner eigenen lieben Schreibweise verfaßt. Natürlich hätte es nicht jetzt und nicht ohne meine Erlaubnis veröffentlicht werden dürfen. Indessen ist dies in guter Absicht geschehen, und das Publikum ist entzückt. Natürlich sind die Tatsachen, die mir lange bekannt waren und nun ans Licht kommen, der Regierung und der Bismarckpartei sehr unangenehm; die Ansichten, die Fritz so einfach und bescheiden vorbringt, schmecken ihnen natürlich bitter wie Galle, da es gerade die Regierungsgrundsätze sind, die sie stets mit Füßen getreten und zwanzig Jahre lang geschmäht und beschimpft haben, indem sie jeden, der sie zu teilen wagte, verleumdeten und verfolgten. Nun versucht diese Partei, auf Fritzens Worte und seinen Charakter Zweifel, Verachtung und Lächerlichkeit zu häufen, was mich ganz wild vor Wut macht! Mich können sie angreifen und überrennen, soviel sie wollen. Ich habe nichts zu verlieren, dafür haben sie gesorgt, aber daß sie es wagen, ihn, der sich nicht länger verteidigen kann, anzugreifen, ist gemein, feige, undankbar und scheußlich.

Ich möchte das Tagebuch zurückhaben, da ich fürchte, Wilhelm und Bismarck werden Befehl geben, es zu verbrennen; dabei ist es solch eine wertvolle und kostbare Aufzählung der Tatsachen, die sich wirklich ereignet haben. Wenn sie es tun sollten, so sehe ich keine Möglichkeit, jemals wieder mit ihnen auf friedlichen Fuß zu kommen!

Es ist wirklich fast zuviel für mich zu tragen. Ich habe nichts dagegen, daß die Wahrheit in England bekannt wird.

Ich habe dieses Tagebuch nicht veröffentlicht und habe auch nichts damit zu tun! Ich fürchte, daß es Dr. Geffcken getan hat - es war unklug und taktlos, aber ich will für jedes Wort eintreten, das darin gesagt ist. Mischke, Blumenthal, Stosch und viele andere können die unbedingte Wahrheit seines Inhaltes bezeugen. Aber ich werde sie bestimmt nicht bitten, dies zu tun, da sie und alle unsere Freunde der Regierung verdächtig sind und wie Arnim behandelt werden könnten. Mein Gott, es ist alles so traurig und schwierig! Mein Schicksal ist, mit Füßen getreten und mißhandelt zu werden, da sie nichts von mir zu fürchten haben und ich niemals irgendwo Hilfe finden werde...

Dies sind die letzten Zeilen, die ich Dir aus unserem lieben Hause schreiben kann, das so heilige Erinnerungen für mich birgt, in dem seine Wiege und sein Sarg standen, in dem er seine lieben Augen dieser Welt geöffnet, in dem er sie geschlossen hat, er, dessen Seele rein wie die eines Kindes war. Diese Seite meines Lebensbuches wird hier geschlossen, und unter bitteren Tränen beginne ich eine neue.

Ich habe die Nachricht erhalten, daß der Ankauf der Villa Reiß abgeschlossen und sie nun also mein geworden ist! Ich bin nicht einmal sehr froh darüber. Vielleicht werde ich später einmal wieder Interesse daran haben, aber gerade jetzt bin ich zu jämmerlich und elend; es kommt mir vor, als könnte ich mich niemals mehr unter der Last der Trauer, die mich erdrückt, aufrichten ..."

Drei Tage später, am 2. Oktober, schrieb sie:

"Ohne Zweifel war es töricht, das Tagebuch zu veröffentlichen, und gewiß war der gewählte Augenblick nicht glücklich. Ich weiß nicht, wie der arme alte Geffcken dazu gekommen ist, aber Du weißt, daß er eine gute Seele ist, nichts Böses will und Fritz ergeben war! Bismarcks Benehmen und die ganze Art, in der die Angelegenheit behandelt worden ist, sind einfach schimpflich, viel, viel schlimmer als der Vertrauensbruch und die Taktlosigkeit, die in der Veröffentlichung des Tagebuchs liegen! Geffcken ist verhaftet worden! Es wird eine ungeheure Sensation werden, und die Regierung außerordentlich unbeliebt machen, wenn auch leider nicht so, wie sie es verdiente. Es ist ganz unglaublich, wie die Berliner sich diese Willkürakte eines hochmütigen Despotismus gefallen lassen! Die 'Partei' jubelt und triumphiert natürlich. Brutalität in jeder Art und Form bewundern sie, üben sie aus und beten sie an.

Die Liebe zu Fritz ist im Volke sehr stark, und alle rechtlich denkenden Menschen lesen mit Empörung, was Bismarck in seinem Bericht geschrieben hat, und empfinden, daß auch ich beleidigt worden bin."

Der aus der Veröffentlichung der Tagebuchauszüge entstandene Skandal und der folgende bittere Streit schienen sich jetzt ihrem Höhepunkt zu nähern. Noch einmal hatte die Kaiserin den Schmerz, viele von denen, die sie für ihre Freunde gehalten hatte, auf der Gegenseite zu sehen. Sogar von den engsten Angehörigen ihrer Familie standen einzelne im feindlichen Lager. Aber es muß zugegeben werden, daß sie damals die schwierige Lage, in der sie sich befanden, kaum richtig einzuschätzen vermochte. Sie kannten die intimen Einzelheiten des Streites nicht und liefen Gefahr, nicht allein den allgewaltigen Bismarck, sondern auch Kaiser Wilhelm II. zu beleidigen, wenn sie die Partei der Kaiserin ergriffen. Diese schrieb am 11. Oktober an die Königin Victoria:

"Ohne Zweifel bauscht Bismarck den Fehler, den Geffcken durch die Veröffentlichung des Tagebuches begangen hat, nur deshalb so sehr auf, um alle, die ein Wort der Wahrheit verlauten lassen und ihre Stimmen für Fritz und mich erheben wollen, auf das schärfste treffen und vergewaltigen zu können. Bismarck fürchtet, daß irgend etwas über die Regentschaft, welche die 'Partei' so gerne erringen wollte, herauskommen könne; er macht den ganzen Skandal zur Einschüchterung der Presse nur aus Angst vor Enthüllungen, die ihm unangenehm sein könnten! Alles muß geschehen, um Wilhelm zu erhöhen, weil er Bismarcks Piedestal ist, zu dem sich Fritz niemals erniedrigt haben würde. Fritz muß also in den Augen des Volkes heruntergesetzt und ich, als Fritzens Witwe, verleumdet, angeklagt, beschimpft werden, da die Liebe, die das Volk für ihn hegte, noch zu warm für mich brennt! Mir soll der Boden unter den Füßen weggezogen und ich soll gezwungen werden, den Platz zu räumen oder ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung zu bleiben. Das ist nicht sehr angenehm zu ertragen! Unabhängige Menschen schweigen, da sie gezwungen werden, ihren Mund zu halten. Die ganze Maschinerie der Presse ist in Bismarcks Händen - allein in Berlin hat die Regierung 33000 Beamte; alle diese haben nur die Meinung, die er ihnen befiehlt! Willkür, Tyrannei und Despotismus sind am Ruder; es ist in der Tat sehr traurig. Wann wird eine Reaktion gegen diesen unerträglichen Zustand kommen, und wie wird sie beschaffen sein?

Wilhelm duldet, daß sein Vater und ich beleidigt und angegriffen werden, ja, er billigt es sogar! Ich versuche, geduldig und ergeben zu sein, erinnere mich, daß Schweigen das Würdigste bleibt. Fritz von Baden, Luise und die Kaiserin Augusta sind auf Bismarcks Seite, besonders Fritz von Baden hat seine politischen Ansichten vollkommen geändert und segelt in Wilhelms Fahrwasser, was auch nur in seinem Interesse ist. Luise ist die einzige, die wenigstens Mitgefühl hat und meine Lage versteht. Charlotte hat die ganze Zeit über weder Takt noch Mitgefühl gezeigt. Sie schmeichelt jetzt Wilhelm und ist nach Rom gereist, um seiner Ankunft usw. beizuwohnen, was im Hinblick auf unsere Trauer mein Empfinden sehr verletzt hat! Wilhelms erste Handlung in Wien war, Professor Schrötter zu empfangen, der - wie Du weißt - sich Fritz gegenüber nicht gut benommen hat.

Ich erfahre, daß alle offiziösen Zeitungen bereits ihre Artikel gegen Sir M. Mackenzie auf Befehl der Wilhelmstraße fertig haben.

Du weißt nicht, was ich alles zu erdulden gehabt habe. Der gute kleine Dr. Delbrück sagte gestern, daß, wenn unser lieber Waldi am Leben geblieben und jetzt 21 Jahre wäre, er alle, sogar den Kanzler selbst, herausfordern würde, wenn seine Eltern verächtlich behandelt werden würden. Ich bin sicher, daß er dies getan hätte, er war so aufrecht und voller Zuneigung. Wenn ich meine Söhne an der Seite unserer Feinde sehe, kann ich mir vorstellen, was Cäsar empfand, als Brutus ihn erstach."

Am folgenden Tage schrieb sie:

"Du kannst ganz sicher sein, daß ich geduldig alle Verfolgungen ertragen und mich nicht wehren werde! Ich muß zugeben, daß ich sehr geneigt war, Fürst Bismarck wegen Beleidigung zu verklagen, aber es schickt sich nicht, in tiefer Trauer vor die Öffentlichkeit zu treten, und vielleicht würde der Staatsanwalt die Anklageerhebung abgelehnt haben. Das wäre dann nur eine neue Beleidigung für mich gewesen.

Was soll ich denken und empfinden, wenn ich sehe, daß mein eigener Sohn die dem Gedächtnis seines Vaters und dem Rufe seiner Mutter zugefügten Beleidigungen billigt und unterstützt. Er ist entweder zu bequem und gleichgültig, oder er versteht nichts, oder er will das vierte Gebot brechen, oder er ist so ahnungslos und in seinen Vorurteilen so blind, daß er nicht einsieht, wie entwürdigend die Rolle ist, die er spielt oder die man ihn spielen läßt. Er hat unter dem Einfluß Bismarcks eine lange und gute Vorbereitung durchgemacht, so daß sein Sinn für Recht und Unrecht, für Dankbarkeit, Ritterlichkeit, Achtung, Kindesliebe und Mitleid mit allen Unglücklichen vollkommen zerstört worden ist. Es brach beinahe Fritzens Herz, als er sah, wie sich die Meinungen seiner Söhne verändert, ihr Urteil und ihre Ansichten zum Schlimmen verkehrt hatten. Sie waren jung und leicht beeinflußbar - und ihre Großeltern trugen viel zu diesem Ergebnis bei! ...

Man hat mich gebeten, die Villa Liegnitz in Potsdam aufzugeben, da sie für Wilhelms Kammerherren gebraucht würde. Nun besitze ich in Potsdam nichts mehr, außer meinem kleinen Bornstedt, d. h. ein paar kleine Zimmer dort. Ich kann im Stadtschloß zu Potsdam übernachten, muß aber jedesmal um die Erlaubnis fragen, was ich natürlich vermeiden will. Jede Rücksicht auf mich und auf meine Empfindungen wird so vollkommen vernachlässigt, daß es, je weniger ich in Berührung mit dem Hof komme, desto besser ist, besonders, da ich nicht versprechen kann, gegenüber solchen Herausforderungen immer meine Selbstbeherrschung zu bewahren, und ich ihnen nicht die Genugtuung verschaffen möchte, zu sehen, wie sehr sie mich quälen."

Während der Streit über das Tagebuch noch tobte, führte eine andere Veröffentlichung eine weitere Verbitterung zwischen der Kaiserin und denen herbei, die jede mögliche Gelegenheit ergriffen, um sie und ihren toten Gatten zu beschimpfen.

Am 15. Oktober wurde ein kleiner Band von Sir Morell Mackenzie unter dem Titel: "Die tödliche Krankheit Friedrichs des Edlen", sein Bericht über die Krankheit und den Tod des Kaisers, veröffentlicht. Wenn er sich lediglich an die medizinischen Tatsachen gehalten hätte, würde der sich ergebende Streit nicht so heftig geworden sein; aber er bemühte sich zu beweisen, daß die deutschen Ärzte unzuständig gewesen seien und durch ihre schlechte Behandlung den Tod des Kranken beschleunigt hätten.

Am 20. Oktober schrieb die Kaiserin:

"Ich habe mich während dieser letzten Tage sehr unglücklich gefühlt. Wenn die Zeit fortschreitet, ist es sehr schwer, die immerwährende Sehnsucht, die an meinem Herzen nagt, geduldig zu ertragen, und doch kann ich nichts dazu tun, damit sie aufhört. Eine Fülle von Unannehmlichkeiten wegen Geffcken und Sir Morells Buch bekümmern mich nach wie vor. Einige meiner besten Freunde sind der Ansicht, daß es die Absicht der Bismarck und die Regierung unterstützenden Partei, und vielleicht sogar die Bismarcks selbst sei, mich derartig zur Verzweiflung zu bringen, daß ich das Land voller Widerwillen verlasse und niemals zurückkehre. Sie suchen jeden Tag nach einem neuen Vorwurf und sind bestrebt, mich ins Unrecht zu setzen. Du hast den häßlichen Ton und die Verleumdungen in Bismarcks Immediatbericht gesehen. Einige Leute meinen, daß ich mir dies nicht gefallen lassen dürfte, sondern ihn und Wilhelm deswegen zur Rechenschaft ziehen sollte! Das würde indessen nicht von Nutzen sein. Bismarck würde lachen und höflich, oder mit einem neuen Pack Lügen, antworten, und die offiziöse Presse würde aufs neue aufgehetzt werden. Wilhelm liest keine Briefe - wenn sie ihm unangenehm sind, wirft er sie beiseite! Er sieht und fühlt nicht, was für seine Eltern beleidigend oder ungerecht gegen sie ist, und hält es nicht für nötig, sich darüber Gedanken zu machen; - das einzige, worauf er Wert legt, ist in gutem Einvernehmen mit dem Kanzler zu sein, und mit so wenig Mühe wie möglich tun zu können, was er will. Sich um seine Mama zu kümmern - daran denkt er nicht im Traume. Da Fürst Bismarck und Herbert dies sehr gut wissen, werden sie immer unverschämter; sie fühlen genau, daß sie vollkommen straflos gegen meinen lieben Fritz und mich sagen, schreiben und drucken lassen können, was ihnen gefällt! Ich habe niemand hier, der mich verteidigen, der mir einen Rat geben könnte!! Die beiden einzigen Männer, auf die ich mich sollte verlassen können, sind der Minister Friedberg und der Hausminister, aber sie sind Staatsdiener, Wilhelms und Bismarcks Beamte und haben weder das Interesse noch den Mut, mich zu verteidigen, wenn mir Unrecht getan wird.

Ich habe nur mein Gerechtigkeitsgefühl, mein gutes Gewissen und die Liebe weiter Kreise des Volkes und der Liberalen, auf die ich mich stützen kann - sonst nichts! Trotzdem werde ich mich nicht aus Deutschland vertreiben, noch die im Stich lassen, die an meines geliebten Fritz' Gedächtnis und Grundsätzen hängen.

Die Mitglieder meines Hausstandes sind mit alleiniger Ausnahme des Grafen Seckendorff alle im anderen Lager, obgleich sie sehr freundlich zu mir sind und die Gräfin Brühl alles tut, was sie kann, um mir ihre Teilnahme zu beweisen. Trotzdem kann ich all diese wichtigen Dinge niemals vor ihnen erwähnen. Sie halten alles, was Hof und Regierung tun, für richtig und nehmen vor allem auf Bismarck Rücksicht!"

Die Kaiserin Friedrich hatte glücklicherweise unter ihrem Hofstaat eine Anzahl sehr kluger und hochsinniger Menschen; obgleich sie ihr ergeben waren und für all ihre Schwierigkeiten das größte Verständnis hatten, verschloß ihre Liebe zur Kaiserin sie nicht der Erkenntnis, daß diese in den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt war, oft eine Geringschätzung vermutete, die gar nicht beabsichtigt war. Wie es die Pflicht treuer Freunde ist, zögerten sie nicht, das offen auszusprechen, obgleich es oft schwierig gewesen sein mag, damit den Eindruck zu vermeiden, als ob sie nicht ganz auf ihrer Seite ständen.

Da war die Gräfin von Brühl, die viele Jahre bei ihr gewesen war, ihr Sekretär Graf von Seckendorff, ein bedeutender Kunstkenner, der sich seit dem Deutsch-Französischen Kriege in ihrer Begleitung befunden hatte; Gräfin Perponcher-Sedlnitzy, die, obgleich erst nach dem Tode Kaiser Friedrichs ernannt, ihre beständige Gefährtin und Freundin war, und Freiherr Hugo von Reischach, ein sehr geschickter, als einer der besten Pferdekenner in Europa bekannter Mann. Er sollte einmal deutscher Botschafter in London werden, blieb aber der Kaiserin bis zu ihrem Tode treu und wurde später Oberstallmeister Kaiser Wilhelms II.; in dieser Stellung brachte er den Königlichen Marstall auf eine in Deutschland bis dahin unbekannte Höhe.

Der Verkauf von Morell Mackenzies Buch wurde nun zeitweilig in Deutschland verboten, und Mackenzie sorgte dafür, daß als Erwiderung der Verkauf des Berichtes der deutschen Ärzte in England unterbunden wurde. Kaiser Wilhelm II. hatte während dieser Zeit die Meinung vertreten, daß sowohl die Veröffentlichung der Tagebuchauszüge wie auch das Buch Sir Morell Mackenzies auf die Kaiserin zurückzuführen sei und schien diese seine Auffassung den Angaben seiner Mutter vorzuziehen. Die Kaiserin hatte daher guten Grund, am 30. Oktober an die Königin Victoria zu schreiben:

"Hier ist der Stand der Dinge sehr unbefriedigend; irgend etwas Neues, Schmerzliches, Unangenehmes und Ernstes ereignet sich jeden Tag. W. hielt eine sehr unkluge und ungehörige Rede an den Oberbürgermeister und den Stadtrat, als sie ihn zu seiner Rückkehr beglückwünschten. Er war sehr grob zu ihnen, was einen peinlichen Eindruck hervorrief. Da er noch nicht zu mir gekommen ist, habe ich ihm endlich geschrieben, daß ich ihn zu sehen wünsche; ich will versuchen, mit ihm über alle diese verschiedenen

Angelegenheiten zu sprechen. Man sagt, daß er wütend auf mich ist und mir mißtraut, da er nicht von dem Gedanken abzubringen sei, ich hätte die Veröffentlichung des Kriegstagebuchs veranlaßt und irgendwelchen Leuten in England gestattet, Einblick darein zu nehmen! Man kann ihm alles einreden, außer der Wahrheit!! Je phantastischer und unwahrscheinlicher etwas ist, um so lieber glaubt er es. Anstatt den schlimmen Menschen seiner Umgebung, die sich ein Vergnügen daraus machen, mich herabzusetzen und ihn gegen mich aufzuhetzen, mißtraut er seiner eigenen Mama! Es ist wirklich zu hart für mich. Es ist in den letzten zwei, drei Jahren immer schlimmer geworden, aber damals lebte sein Papa noch, und er wagte nicht, es so weit kommen zu lassen wie jetzt. General von Kessel nimmt jetzt mit einer Falschheit und Kühnheit, die ich ihm kaum zugetraut hätte, auf seinen Diensteid, daß die Chiffre (die er damals in seiner Tischschublade fand) nicht dort gewesen sei, als er zuletzt nachsah, und gibt der Vermutung Ausdruck, daß sie von einem Mitglied meines Hauses hineingelegt worden sei!! Ist das nicht zu schlimm? Er war sorglos, vergeßlich und unordentlich; die ganze Zeit über dachte ich, daß sie sich unter seinen Sachen befinden müßte, und sagte auch, daß sie eines Tages sicher zum Vorschein kommen würde; aber Wilhelm zog die törichte und übereilte Geschichte vor, von der ich Dir geschrieben habe; K. verbreitete sie überall. Jetzt will er nicht zugeben, daß es sein Fehler war, und erfindet dies, um Tadel und Verdacht auf andere zu lenken.

Einige Briefe unseres lieben Roggenbach wurden unter Geffckens Papieren gefunden. Als alte Freunde korrespondierten sie miteinander! Roggenbach ist jetzt in Bonn. Während seines dortigen Aufenthaltes ist die Polizei auf höheren Befehl in sein Haus in Schopfheim im Großherzogtum Baden eingedrungen, hat seinen Schreibtisch erbrochen und all seine Papiere durchstöbert!! Solche Dinge erlaubt und billigt Wilhelm gegen die vertrautesten und ältesten Freunde seines Vaters!!!

Auf Bismarcks Befehl führt die Polizei eine Liste aller derjenigen, die mit Fritz oder mir befreundet waren, mit uns verkehrten oder in irgendeiner Weise mit uns verbunden waren. Herren und Damen stehen darauf, sogar die unschuldige Frau von Stockmar, und wir erfahren, daß bei allen unseren Freunden Haussuchung gehalten werden soll. Warum und weshalb, kann niemand sagen, denn abgesehen davon, daß es Schimpf und Schande bedeutet, ist es ganz außerordentlich dumm. Fürst Bismarck wünscht Schrecken zu verbreiten und zu zeigen, daß alle, die mit dem Kaiser Friedrich oder mir befreundet waren, vor der Öffentlichkeit als gefährliche Intriganten und Feinde Deutschlands sowie des Kaisertums hingestellt und vielleicht sogar verhaftet werden!"

Inzwischen war Geffcken wegen Landesverrates angeklagt worden, aber der Prozeß wurde bald fallen gelassen. Bismarck ergriff indessen jetzt die Gelegenheit, dem jungen Kaiser einen Bericht vorzulegen, in dem er die Richtigkeit einer Reihe von Behauptungen des Tagebuches in Zweifel zog, einen giftigen Angriff auf den Verfasser unternahm und sich bemühte, in jeder Weise den Ruf Kaiser Friedrichs zu verkleinern sowie seinen politischen Liberalismus an den Pranger zu stellen und herabzusetzen.

Nun wurde allgemein die Veröffentlichung des gesamten Tagebuches verlangt, aber der verstorbene Kaiser hatte die strenge Weisung hinterlassen, daß es nicht vor 1922 veröffentlicht werden dürfte. Am 2. November 1888 schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Fürst Bismarck hat die Veröffentlichung eines Pamphletes angeordnet, um allen Behauptungen Fritzens in seinem Tagebuch zu widersprechen. Er wünscht dem deutschen Volke klarzumachen, daß Du und unsere Familie immer die gefährlichsten Feinde Deutschlands waren, und daß Fritz unter meinem verderblichen und gefährlichen Einfluß sich zum Werkzeug dieser Politik hergegeben hat.

Fürst Bismarck, seine Clique, die Regierung und mit wenigen Ausnahmen auch die Gesellschaft sind in der Bemühung einig, des geliebten Fritz' Andenken herabzusetzen, während dieses vom Volke hochgehalten wird; sie wollen beweisen, daß er eine Gefahr für Deutschland gewesen sei, dessen Belange er nicht genug vertreten habe, und daß seine liberalen Anschauungen, seine Anhänger und seine Freunde den Staat ruiniert haben würden. Ich müsse als Fritzens Witwe und als Deine Tochter für verdächtig in den Augen der Öffentlichkeit gelten. Alles, was ich selbst jetzt in meinem einsamen und zurückgezogenen Leben tue, wird durchgehechelt, falsch dargestellt usw. Wie weit dieser Unsinn getrieben wird, mag die Tatsache zeigen, daß Bernhard [Prinz Bernhard von Sachsen-Meiningen, ihr Schwiegersohn) die Hoffnung geäußert hat, man würde mich nicht nach England lassen, da ich nur gegen die deutsche Regierung zu wühlen beabsichtige! Es ist nicht weiter überraschend, da er immer ein verrückter Chauvinist war, aber es ist nicht nett von einem Schwiegersohn, dem ich viel Liebe und Freundlichkeit gezeigt habe, und der auch dem geliebten Fritz ergebener war als seine eigenen Söhne. Es zeigt nur, wie das Geschwätz und die ungehinderten Anstrengungen dieser Clique das Urteil der Leute selbst gegen ihre besseren Einsichten verblenden. Ich kann jetzt nichts weiter tun, als alles ertragen; ich teile das Schicksal unserer Freunde, der besten, erfahrensten, klügsten Vaterlandsfreunde, die unsere Stütze und Hilfe gewesen wären. Krieg bis aufs Messer mit den unerhörtesten und ungerechtesten Mitteln gegen sie alle ist geplant.

Für Fürst Bismarck ist es jetzt eine Machtprobe, alle Verpflichtungen und Fesseln, die ihn hindern könnten, abzuwerfen, und zu diesen gehört das Andenken an Fritz und meine Person! Ich muß niedergerannt und vernichtet werden, da ich ein Rest jenes Gebäudes von Hoffnungen und Plänen bin, das er ein für allemal zu zerstören wünscht! Er fürchtet, daß Wilhelm eines Tages unter meinen Einfluß geraten könne; daher muß dies beizeiten dadurch verhindert werden, daß er mich als Gefahr für den Staat und Feindin der Regierung darstellt.

Es ist nicht nur für mich sehr traurig, sondern auch für das arme Deutschland, das Fritz so liebte.

Wenn dieser tolle Tanz noch weitergeht und ich kein Mittel finde, das ihm ein Ende macht, wird es innere Unruhen von ziemlicher Ausbreitung und Dauer geben. Der Satz, den man immer und immer wieder im Volke hört, heißt: 'Wir meinen es sehr gut, aber wir lassen uns nicht knechten.'

Die Stadt Berlin ist sehr unabhängig; nachdem sie so rührende Beweise ihrer Königstreue gegeben und große Opfer gebracht hat, um sie zu beweisen, d. h. große Summen für die Ausschmückung der Stadt anläßlich des Leichenbegängnisses des Kaisers ausgegeben, nachdem sie mir ein so schönes Geschenk gemacht hat (NB. Wilhelm ist darüber wütend und sagt, daß seine Erlaubnis hätte eingeholt werden müssen), außerdem jetzt Wilhelm einen sehr schönen und teuren Brunnen, den er bewunderte und der vor seinen Fenstern aufgestellt werden soll, geschenkt hat, werden sich die Berliner eine so schlechte Behandlung nicht gefallen lassen, wie sie sie neulich durch Wilhelm erfahren haben.

Bismarck besitzt kein besseres Werkzeug als Wilhelm. Er hat ihn durch seinen Sohn Herbert zwei Jahre lang bearbeiten lassen. Alle anderen Stimmen und Meinungen werden ausgeschaltet. W. liest nur die für ihn zurechtgemachten Zeitungen, versteht nichts und kümmert sich nicht um alle die schwierigen und verwickelten Fragen der inneren Regierung; er ist völlig unwissend in bezug auf soziale, industrielle, landwirtschaftliche, kommerzielle und finanzielle Fragen, da er sich nur mit militärischen Dingen beschäftigt, ein wenig in der äußeren Politik herumpfuscht und dauernd gefeiert sein, herumreisen, Diners und Empfänge geben will. Bismarck wünscht ihm den Kopf vollkommen zu verdrehen. Seine Eitelkeit und sein Stolz sollen noch größer werden als sie schon sind. Dann wird er natürlich auf jeden schlimmen Vorschlag hereinfallen. Es ist traurig, daß ich das als Mutter sagen muß, aber es ist nicht überraschend. Die Kamarilla um Kaiser Wilhelm und die Kaiserin Augusta (die es beide gut meinten und glaubten, daß sie recht hätten) hat das erreicht, ohne daß wir es hindern konnten. Fritz sah das alles, und es brach sein Herz; ich bin sicher, daß Kummer und Sorge ihn für seine Krankheit empfänglich gemacht haben, die dann durch Gerhardts und Bergmanns rohe Behandlung verschlimmert wurde! Oh, was ist das alles für eine Tragödie!

Natürlich muß es unser Bestreben sein, zu sorgen, daß die Beziehungen zwischen England und Deutschland trotz Fürst Bismarcks Falschheit und Wilhelms Torheit nicht leiden. Du und der liebe Bertie, ich und Deine Minister werden alles tun, um ein gutes Einvernehmen zu erhalten, aber ich hoffe, daß in England die Verhältnisse nicht unbekannt sind, daß alle Sorgen und Leiden Deiner Tochter ebenso wie deren Quellen und Gründe zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden.

England hat unter Lord Salisbury eine Geduld, Vorsicht und Höflichkeit gegen die deutsche Regierung bewiesen, die wirklich bewundernswert sind. Die englische Presse ist anständig und zurückhaltend in ihrer Einschätzung der gegenwärtigen Lage gewesen. Hätte sie unseren geliebten Toten mit Liebe und Verehrung behandelt, würde dies nur den Ärger und das Mißtrauen der Regierung erregt haben. Du und die Deinigen haben den deutschen Hof immer mit Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Großmut behandelt; Du weißt, daß das deutsche unbeeinflußte Publikum Dich und den lieben Papa verehrt und bewundert, und Du hast gesehen, wie gut man Dich im Frühjahr aufgenommen hat.

Die B.-Partei hält sich an folgenden Satz: 'Wir wollen England zeigen, daß wir es nicht brauchen - wir müssen die Verbindung zwischen der englischen Königsfamilie und Deutschland zerstören.'

Du weißt, daß ich nicht von blindem Hasse oder Vorurteilen gegen Fürst Bismarck beeinflußt bin, daß ich mein möglichstes getan habe, um mit ihm auf gutem Fuße zu stehen und so höflich zu sein, als ich konnte. Ich habe ihm immer volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und auch seine Partei ergriffen, wenn ich glaubte, daß er mißverstanden wurde oder seine Absichten verdächtigt wurden, obgleich sie gut und anständig waren.

Fritz und ich waren stets bemüht, daß Regierung und Minister im besten Einvernehmen arbeiten, die beiden Nationen einander verstehen, in ihren gemeinsamen Zielen und Interessen übereinstimmen und Hand in Hand gehen sollten, indem sie sich in der Verbreitung wahrer Kultur, von Zivilisation und Fortschritt unterstützten! Wir hofften, daß die Bande der Liebe und des Vertrauens zwischen den so eng durch geheiligte Beziehungen verbundenen regierenden Familien immer stärker und stärker werden würden. Fritz sah sich nicht nur als den Vertreter seiner Familienüberlieferung, sondern auch als den Verfechter der Gedanken meines geliebten Vaters an; er liebte Dich und Bertie von Jahr zu Jahr immer mehr!

Fritz brauchte weder Bismarck noch seine Diplomatenbande, um gute Beziehungen mit anderen Mächten aufrechtzuerhalten. Er besaß die Freundschaft der Herrscher und die Zuneigung ihrer Völker. Das war immer ein bitterer Trank für Bismarck, der einen Nebenbuhler an Ansehen fürchtete und Fritzens Aufträge hätte ausführen müssen, wenn dieser gesund gewesen wäre und ihm seinen Willen hätte aufzwingen können. Bismarck war ganz freundlich und zugänglich, als Du hier warst, weil er glaubte, daß Fritzens Leben noch um ein Jahr verlängert werden könne. Aber in dem Augenblick, als er am 11. und 13. Juni sah, daß dies nicht der Fall sein würde, wandte er sich gegen uns und suchte sich von allem zu befreien, was ihm nur die geringste Unannehmlichkeit zu bereiten imstande wäre! Sein Schüler, der gegenwärtige Herrscher, ist völlig gewissenlos und hat nicht die geringsten Hemmungen, so fahren sie fort, nach rechts und links zu hauen, jedermann in der Runde zu beleidigen (mit Ausnahme von Rußland) und versuchen alles zu vernichten, was nur im geringsten liberal, unabhängig oder weltbürgerlich ist. Leider übertreibe ich nicht, sondern berichte nur Tatsachen, die zu verbergen zwecklos ist. Es hat keinen Sinn, mit der jüngeren Generation darüber zu reden oder zu rechten. Wir älteren, die wir ruhigere Köpfe und längere Erfahrung haben, müssen ein kluges und würdiges Stillschweigen bewahren, bis die Zeit gekommen ist, in der unsere Worte Wirkung haben werden. Ich werde nicht von Gefühlen der Rache oder Bitterkeit getrieben, sondern kann mir erlauben, denen, 'die sich gegen uns versündigen, zu vergeben'. Aber es bekümmert mich in meinem tiefen, unaussprechlichen Gram, zu sehen, wie schlecht und niedrig vieles ist. Es gibt so viel Falschheit, grausame Ungerechtigkeit, unbekümmerte Torheit und Unwissenheit. Ich kann nur beiseite stehen und Gott bitten, sich meiner drei Töchter, dieses Landes und aller anständigen Menschen im allgemeinen zu erbarmen.

Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 30., der mir ein großer Trost war. Ich hatte einen lieben Brief von Bertie! Natürlich hatte ich keine Ahnung davon, was in Wien vorgegangen ist. [Der Prinz von Wales und Kaiser Wilhelm II. sollten Anfang Oktober 1888 nach Wien kommen; am 15. August schrieb der Prinz seinem Neffen, daß er sich freuen würde, ihn unter des österreichischen Kaisers Dach zu begrüßen. Wilhelm II. antwortete nicht direkt, sondern gab dem Kaiser Franz Joseph sofort zu verstehen, daß keine anderen königlichen Gäste den Glanz seines eigenen Aufenthaltes in Wien verdunkeln sollten. Der Prinz von Wales vermied taktvoll jede Mißstimmung, indem er dem König und der Königin von Rumänien in Sinaja einen Besuch abstattete, während der deutsche Kaiser in Wien war.] Ich schäme mich und bin ärgerlich. Jeder Mangel an Achtung, Dankbarkeit oder Höflichkeit gegenüber Bertie von seiten eines meiner Söhne beleidigt mich tief, da er allen meinen Kindern der freundlichste Onkel war. Hier wurde Bertie vorgeworfen, er habe Wien verlassen, um Wilhelm nicht zu treffen und sei ihm gegenüber absichtlich unhöflich gewesen. Natürlich wußte ich, daß dies nicht der Fall sein konnte, war aber weit davon entfernt zu erraten, daß die Schuld auf der anderen Seite lag! Ich bin auf das äußerste empört und empfinde den Vorfall schmerzlicher als irgendeine mir angetane Taktlosigkeit, an die ich leider gewöhnt bin.

Bitte entschuldige diesen ungewöhnlich langen Brief. Wenn Du es für gut und wünschenswert hältst, zeige ihn bitte dem lieben Bertie.

Wilhelm glaubt, daß jede öffentliche Erwähnung seines Vaters oder meines Namens eine Beleidigung für ihn bedeute. Soweit haben sie ihn aufgestachelt und solchen Unsinn in seinem Kopf aufgehäuft, indem sie Schmeichelei mit Anklagen gegen seine Verwandten mischten; er schluckt alles, weil er so grün und argwöhnisch und vorurteilsvoll ist."

Dieser Brief der Kaiserin Friedrich kränkte und bekümmerte ihre Mutter, die Königin Victoria, die sich ihrem 70. Geburtstag näherte; die alte Königin bemühte sich, Mittel zu finden, nicht nur ihren Sohn, den Prinzen von Wales, sondern auch ihre Tochter mit dem neuen Kaiser zu versöhnen. Auf ihren Brief vom sechsten kam vier Tage später die folgende Antwort:

"Ich dachte mir, daß Du über alles, was hier vor sich gegangen ist, bekümmert und gekränkt sein würdest. Es ist in der Tat schrecklich für mich. Wilhelm will mich ja nicht so verletzen und verwunden, wie er es tut. Das kann ich wohl sagen, aber das macht die Sache in keiner Weise leichter für mich. Er hat selbst so wenig Gefühl, daß er nicht weiß, daß andere Leute welches haben, und daß ein Mangel an Achtung, Höflichkeit, Rücksichtnahme und Anständigkeit von seiner Seite eine Beleidigung ist, die man heftig empfindet. Andere unangenehme Dinge außer denen, die ich Dir mitteilte, sind vorgekommen, aber ich hoffe, daß es dem Hausminister, der sehr ruhig und auf Frieden und Eintracht bedacht ist, gelingen wird, alles wieder beizulegen; ich habe gestern mit ihm zwei Stunden lang gesprochen.

Es war sehr freundlich von Dir und Bertie, alles was in Wien geschehen war, von mir fern zu halten; ich hoffe, daß Sir Edward Malet weiß, auf wessen Seite das Recht war und auch Berties Empfindungen kennt, so daß er imstande sein wird, diesen, wenn möglich, Ausdruck zu verleihen. Ich schäme mich, wenn ich bedenke, wie wenig Wilhelm sich benehmen kann, und ärgere mich über die Leute, die dieses autokratische Betragen, diesen vollkommenen Mangel an Rücksicht auf andere, bewundern! Er ist leider in seinem Urteil und seinen Ansichten völlig von seiner Umgebung abhängig, und ich kenne diese zu gut, um zu hoffen, daß im Augenblick da etwas besser werden könnte. Er wird als der wahre Vertreter der Ansichten seines Großvaters und der Politik des Fürsten Bismarck angesehen und fühlt sich in diesem Gedanken sehr erhaben. Immer mehr Schmeichelei wird über ihn ausgegossen, so daß er niemals daran zweifelt, alles was er tue oder denke, sei vollkommen; auch im Einfluß seiner Frau kann ich kein mäßigendes Gegengewicht entdecken. Sie ist mit dem gegenwärtigen Zustand vollkommen zufrieden, unterstützt ihn, und befindet sich sehr wohl. Er denkt keinen Augenblick daran, daß er alle Volkstümlichkeit, die er in andern als den offiziellen Kreisen besitzt, nur der Tatsache verdankt, daß er seines lieben Vaters Sohn ist und daß man hofft, der Umstand, daß er mein Sohn und Dein und Papas Enkel ist, könne dazu beitragen, die vorsintflutlichen, selbstherrscherischen Gedanken der meisten Hohenzollern durch einen größeren, menschlicheren, liberalen, duldsamen und gemäßigten Geist zu ersetzen. Viele bilden sich ein, daß dies der Fall sein wird und muß! Ich tue das leider nicht; er ist zu hartnäckig, auch sind die Leute, die ihn in der richtigen Weise beeinflussen könnten, ihm entweder völlig unbekannt oder sie haben keine Mittel, sich ihm zu nähern; seine ganze Denkungsart ist so vollkommen verschieden, daß er niemals etwas lesen, verstehen oder durcharbeiten würde, das geeignet ist, ihm die Augen zu öffnen. Er ist niemals gereist und hat keinen bedeutenden Mann zum Freund - wie wir, wie ich glücklicherweise sagen kann, deren viele besaßen. Mein Einfluß ist geflissentlich und auf sehr geschickte Weise zerstört und hinfällig gemacht worden! Fritzens Bitten wurden planmäßig beiseitegeschoben.

Die Worte, mit denen der alte Kaiser Wilhelm Herbert Bismarck mitteilte, daß unser Sohn im Auswärtigen Amte angestellt werden solle, lauteten: 'Damit seine junge Seele vor Irrtümern bewahrt bleibe.' Ich habe es von Herberts eigenen Lippen. Die 'Irrtümer' waren die Wünsche und Ansichten seines Vaters und seiner Mutter - ihr Haus und ihre Freunde. Leider hatte der alte Kaiser Wilhelm damit Erfolg - leider! armes, unglückliches Deutschland! - und niemand war ihm behilflicher als die Kaiserin Augusta, zu zerstören, was sie einst für richtig gehalten hatte! Wir wollten weiter nichts, als was sie durch endlose Bemühungen bei ihrem eigenen Sohn zu erreichen bemüht gewesen war. Sie wollte, daß er weniger Vorurteile und einen 'freieren weiteren Blick' als seine übrige Familie hätte und tat ihm damit einen außerordentlichen Dienst. Aber in ihren späteren Jahren hat sie sich vollkommen gewandelt und alles getan, was sie konnte, um unsern Einfluß auf Wilhelm zunichte zu machen. Hierin wurde sie von ihrer Tochter und dem ganzen Hofstaat Kaiser Wilhelms unterstützt. Ich habe mich oft darüber bei Dir beklagt! Es gelang ihnen - und all unsere Leiden sind nur die Früchte dieses Strebens, das Fritz so sehr bekümmert und gequält hat.

P. S. Eine sehr merkwürdige Tatsache ist, daß Graf Münster, der Friedrichsruh gestern verlassen hat, den Fürsten Bismarck sehr milde gestimmt und entschlossen fand, keinen Krieg gegen Frankreich zu führen. Über Wilhelm sagte er: 'Der Kaiser ist wie ein Ballon, wenn man ihn nicht fest am Strick hielte, ginge er wer weiß wohin.' Die Fürstin Bismarck meinte: 'Die Kaiserin Friedrich tut mir in der Seele weh. Sie wird doch zu schlecht und zu hart behandelt.' Entweder weiß sie nicht, daß die ganze Gegnerschaft von ihren eigenen Leuten ausgeht, oder sie halten dies geflissentlich von ihr fern! Wilhelm sagte zu mir: 'Alles was mein ausgezeichneter Kessel sagt, glaube ich unbesehen.' Dies zeigt hinlänglich, wie schlecht der Einfluß ist - Lyncker hat einen ebenso verderblichen - nicht weil er falsch, aber weil er borniert, heftig, grob, immer für scharfe Mittel eingenommen und außerordentlich schroff ist, während Kessel falsch, gefährlich und geradezu ein Unheilstifter ist. Wilhelm muß noch lernen, daß man nicht so einfach über die Empfindungen, Rechte und Ansichten anderer Menschen hinwegreiten kann, ohne sie aufsässig zu machen und ohne zu erreichen, daß sie sich einer solchen Behandlung widersetzen! Er gleicht in der Tat einem Kinde, das einer Fliege die Beine und Flügel ausreißt und nicht daran denkt, daß er der Fliege weh tut oder daß es von Wichtigkeit ist. Ich kann mir nicht denken, daß er das geringste Verständnis dafür hat, wie ich beleidigt worden bin, wie man mir Unrecht getan hat und was ich alles durchgemacht habe. Seine Umgebung erzählt ihm anhaltend Klatsch und Verleumdungen und vergiftet seinen Sinn gegen mich und alle Freunde seines Vaters; er ist so leichtgläubig, daß er alles glaubt ohne danach zu fragen, ob es wahr ist oder nicht. Es ist mir sehr peinlich, so deutlich meine Meinung sagen zu müssen und ihm klarzumachen, daß ich mir die Dinge, die sie mir anzutun suchten, nicht gefallen lassen werde und durch die vollkommene Mißachtung aller meiner Empfindungen auf das tiefste verwundet bin."

Neun Tage später verließen die Kaiserin Friedrich und ihre jüngsten Töchter Deutschland, um England oder die "Heimat", als welche sie es alle betrachteten, zu besuchen. Ein dreißigjähriger Aufenthalt in Deutschland hatte in der Kaiserin die glühende Liebe zu ihrem Geburtsland, die immer eine ihrer Haupteigenschaften war, nicht töten können.

Kaiser Wilhelm begleitete sie in Berlin auf den Bahnhof und schien jetzt bemüht zu sein, sein früheres Benehmen wieder gutzumachen. Wenige Tage nach der Abreise der Kaiserin schrieb der britische Militärattaché in Berlin, Oberst Leopold Swaine, an Sir Henry Ponsonby, den Privatsekretär der Königin Victoria:

"Obgleich es Sonntag war, mußte ich den General von Waldersee dienstlich aufsuchen; am Schluß unserer Unterredung machte der General die Bemerkung, er sei sehr froh, daß die Kaiserin Friedrich nach England gereist sei, da er hoffe, daß nicht allein die Zeit der Abwesenheit Ihrer Majestät von Berlin dazu helfe, vielen der jüngsten Vorkommnisse unangenehmer Natur zwischen ihr und dem Kaiser die Schärfe zu nehmen, sondern daß auch der Einfluß der Königin, während des Aufenthaltes der Kaiserin in England, ein günstiges Ergebnis haben würde. Auf diesen Einfluß legte er das größte Gewicht, denn man hatte nach den zwei Tagen des Besuches der Königin in Charlottenburg bemerkt, daß ihre Einwirkung sehr wohltätig gewesen war.

Der General sagte weiter, daß er letzte Woche eine Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe; Seine Majestät habe sein größtes Bedauern ausgesprochen, daß die Beziehungen zwischen seiner Mutter und ihm selbst so gespannt seien. Er habe zum Ausdruck gebracht, er wünsche von Herzen, daß diese sich besserten, es beständen aber einige Punkte, in denen er unmöglich nachgeben könne; so hoffe er, daß der Aufenthalt Ihrer Majestät in England die Mißhelligkeiten für immer beendigen und zu aller Besten dauernd werde verschwinden lassen.

Er meinte, der Kaiser sei jung und daher leichter verletzt als ein älterer Mann, wenn man einmal vergäße, daß er Kaiser und daher das Familienoberhaupt sei; in Angelegenheiten, die das Land angingen, behandle man ihn häufig als Sohn, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß er auch Kaiser sei. Er führt die Kaiserin Augusta als Beispiel an, die, wie er sagte, niemals Berlin verließe, um nach Koblenz oder irgendwo anders hinzugehen, ohne vorher dem jungen Kaiser davon Mitteilung zu machen und damit zu zeigen, daß sie ihn als Familienoberhaupt ansähe.

Das alles scheint, wenn ich so sagen darf, eine törichte Eitelkeit zu sein. Wenn aber mit diesen kleinen Aufmerksamkeiten ein guter Erfolg zu erzielen und eine freundlichere Annäherung zu erreichen ist, so lohnt es sich, ihre Anwendung zu versuchen.

Ich weiß, daß die Kaiserin Friedrich den Grafen Waldersee nicht liebt und ihn als einen der schlechtesten Ratgeber des Kaisers ansieht, aber ich kann mit vollständiger Sicherheit behaupten, daß er an diesem Morgen im besten Sinne und mit dem größten Bedauern von ihr sprach; ich glaube, daß er sein Bestes tut, um die zwischen Mutter und Sohn bestehenden Schwierigkeiten zu vermindern. Er selbst beklagte das ganze Geschwätz auf das bitterste, machte aber die Umstände dafür verantwortlich.

Der Kaiser brachte die Kaiserin Friedrich heute morgen auf die Bahn; nach außen, hin konnte man sich keinen liebevolleren Abschied vorstellen."

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