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Kapitel XIV: Kaiser Wilhelms Besuch in England, 1889

Die Kaiserin Friedrich und ihre Töchter kehrten aus England Ende Februar 1889 nach Deutschland zurück; ihre Heimkehr wurde für den Augenblick durch viel bessere Beziehungen zwischen ihr und ihrem ältesten Sohn gekennzeichnet, dem daran lag, eine Einladung der Königin Victoria zu einem Staatsbesuch in England während des Sommers zu erhalten. Obgleich die Königin Victoria nicht durch irgend etwas den Eindruck zu erwecken wünschte, als unterstütze sie den Kaiser gegen seine Mutter, wollte sie doch keinen Anlaß zu englischdeutschen Verstimmungen geben und sandte daher ihrem Enkel die Einladung, um die er nachgesucht hatte.

Während dieser Zeit hatte eine Veröffentlichung Ernst II., Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha, des Bruders des Prinzgemahls, Aufsehen erregt. Er hatte seine sehr freimütigen Memoiren unter dem Titel "Aus meinem Leben und aus meiner Zeit" herausgegeben. Der erste Band erschien im Jahre 1887, der zweite und der dritte folgten in den beiden nächsten Jahren. Außer der Tatsache, daß diese Bände eine lange Lobrede auf Bismarck sind, ist es schwer, den Grund für die Feindseligkeit zu finden, mit der die Kaiserin Friedrich sie betrachtete; der von ihr erhobene Vorwurf, sie enthielten Angriffe gegen die Königin Victoria, scheint völlig unberechtigt. Auch fast alles, was über den Kronprinzen gesagt wird, läßt ihn im günstigsten Licht erscheinen, so daß der Leser den Eindruck einer großen Liebe und Bewunderung des Verfassers für ihn und seine Gemahlin bekommt. Trotzdem erschienen wahrscheinlich einzelne Stellen der Kaiserin als Schmälerungen ihres verstorbenen Gemahls; jemand, der wie die Kaiserin, gewohnt war, ihn übertrieben zu verhimmeln, mag schon eine leichte Kritik als Schmähung empfunden haben.

Sie nimmt in ihrem Briefe vom 15. März 1889 an die Königin Victoria sowohl auf Kaiser Wilhelms Besuchspläne als auch auf die Memoiren des Herzogs von Sachsen-Koburg Bezug:

"Ich verstehe Deine Haltung Wilhelms Besuch gegenüber vollkommen. Ich weiß, daß Du nicht anders handeln konntest, bin aber auch sicher, daß Du meine Empfindungen verstehen wirst. Für alle meine Leiden ist mir niemals eine Genugtuung zuteil geworden. Man hat mir keine Erklärungen oder Entschuldigungen angeboten, und ich kann nicht vergessen, was vorgefallen ist.

Wie ist Deine Ansicht über Onkel Ernst? Ich bat Lenchen, Dir darüber zu schreiben. Es ist dies das zweite gemeine Pamphlet, das er gegen mich verfaßt hat, und es enthält auch versteckte Angriffe gegen Dich. Dazu kommen noch die falschen Darstellungen in seinen kürzlich herausgegebenen Erinnerungen; beide schaden viel und erwecken vor allen Dingen in meinen drei ältesten Kindern einen vollkommen falschen und nachteiligen Eindruck. Es ist zu böse von ihm. Man weiß allgemein, daß ich ihn sehr gern hatte, so denken die Leute, daß er wissen muß, was vor sich geht.

Du entsinnst Dich an die Unterredung, die Wilhelm neulich in Wien mit dem armen Rudolf hatte [der österreichische Kronprinz, der am 30. Januar Selbstmord begangen hatte]; dieser hatte Bertie vertraulich davon unterrichtet, was vollkommen beweist, was ich sage. Irgend jemand muß gefunden werden, der die Sache wieder in Ordnung bringt.

Ich dachte mir schon, daß Du gerne wissen möchtest, worauf sich die sogenannten verräterischen Briefe beziehen, die Roggenbach und Geffcken gewechselt haben. Einer meiner Freunde bekam mit großer Schwierigkeit eine der gedruckten Kopien in die Hände, die im Bundesrat, aber sonst nirgends, in Umlauf gesetzt wurden, und kopierte sie schnell. Es sind dies die Briefe, die in Abwesenheit der beiden Herren aus ihren Schubladen genommen worden sind - eine Kühnheit und Gesetzwidrigkeit, wie sie noch nicht vorgekommen sind. Bitte, bewahre sie unter meinen Papieren auf.

Wie Wilhelm und Bismarck, ohne zu erröten, an das denken können, was sie getan haben, weiß ich nicht. Aber Du siehst, welchen Dingen man jetzt in Deutschland ausgesetzt ist. Das wohlhabende Bürgertum bei uns ist feige, wer aber für sein Brot arbeiten muß und nicht als Beamter abhängig ist, knirscht mit den Zähnen über das Junkerregiment.

Die Ansicht, daß, wenn Bismarck nicht mehr da ist, seine Partei in alle Winde zerstreut werden wird, findet sich häufig. Da er keine Grundsätze hat, kann er auch nicht aufbauen. Die Partei hat einen Leiter, aber kein Programm. Sie werden ihm immer in Bewunderung überallhin folgen, aber ohne feste Einrichtungen und Grundsätze kann eine Partei nicht zusammengehalten werden, wenn der Leiter von ihr gegangen ist. Trotzdem wird das Unheil noch nicht vorbei sein, wenn er verschwindet, da er in den jüngeren Leuten, die nach ihm kommen werden, allen moralischen Sinn vollkommen verdorben hat. Wo sind die Hand und der Geist, um Bismarcks Stellung und Werk nach den Regeln des Anstandes und des gemäßigten, vernünftigen Fortschrittes zur Entwicklung wahrer Freiheit zu übernehmen? Ich sehe keine. Darum sagte auch mein Liebling: 'Ich darf ja nicht sterben; was würde aus Deutschland?'

Ich fürchte, daß ich Dich langweile, aber Du weißt, daß ich hier im Hause niemand habe, zu dem ich sprechen kann. Niemand kümmert sich um mich, niemand kennt oder versteht mich; in meinen halb schlaflosen Nächten liege ich und denke über diese traurigen Dinge nach, hoffe und bete, daß es mit Deutschland gut gehen möge, empfinde aber, daß es nicht auf dem Wege zu Sicherheit, Wohlstand und Freiheit ist - kurz, zu einem befriedigenden Zustand aller Dinge. Wie viele vortreffliche und ausgezeichnete Männer werden verfolgt und verleumdet und leiden seufzend und schweigend in Verweiflung, wie ich es tue."

Eine Woche später, am 22. März, schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Ich habe gerade Deinen lieben mit Kurier gekommenen Brief erhalten, für den ich Dir vielmals danke. Heute ist der Geburtstag des alten Kaisers Wilhelm. Ich schrieb einen langen Brief an die Kaiserin Augusta, und da ihre Antwort die wärmste ist, die ich seit Juni bekommen habe, schicke ich sie Dir, damit Du Dir vorstellen kannst, wie die anderen beschaffen sind.

Ich werde versuchen, Dich mit bestimmteren Beweisen wegen Onkel Ernst zu versehen, damit etwas getan werden kann. Er muß zum mindesten dazu gebracht werden, einzusehen, daß ein solches Benehmen unwürdig eines Gentlemans und eines Bruders unseres lieben Vaters ist. Wie außerordentlich undankbar ist er gegen Dich, gegen Fritz und gegen mich! Er rühmt sich, Wilhelm angeleitet, ihm gute Ratschläge gegeben und ihm die Augen über mich und meine Familie geöffnet zu haben!!"

Die kalte und gleichgültige Haltung ihres Sohnes hatte jetzt in der Kaiserin ein aus Entsagung und verletztem Stolz gemischtes Gefühl hervorgerufen. Sie gab der Königin Victoria am 28. März recht:

"... daß Wilhelm sich über die Beleidigungen und das Unrecht, das ich von ihm erfahren habe, nicht ganz klar ist, obgleich ich mein Bestes getan habe, um es ihm klarzumachen! Da er kein Gefühl für seine Mutter hat, kann er sich nicht wundern, wenn sie, die ihm so viel Liebe und Sorgfalt hat zuteil werden lassen, sich nur mit Schmerz erinnern kann, daß er ihr Sohn ist. Vielleicht könnten Jahre hierin einen Wechsel bringen; aber augenblicklich bin ich zu wund und habe zu viel gelitten. Er hat es in seiner Gewalt, dies zu ändern, wenn er will. Ich kann nichts tun, aber auch niemals nachgeben oder mich bei ihm einschmeicheln, sondern werde alles geduldig und stillschweigend tragen, wie ich es vom letzten Juni bis zum letzten November seiner Schwestern wegen wiederum getan habe. Er nimmt das einfach hin und denkt, daß er weiter über mich hinweggehen kann; aber darin irrt er sich. Nach meiner Ansicht ist er einfach so von sich selbst, seiner Macht, seiner Bedeutung, seinen Plänen und seiner Stellung durchdrungen, daß er sich meines Daseins gar nicht entsinnt.

Ich mißbillige mit wenigen Ausnahmen alles, was seit jenem schrecklichen Tage geschehen ist, vollständig und habe wenig Hoffnung auf eine Besserung, ich möchte so wenig wie möglich von diesen Dingen hören und so wenig wie möglich über sie nachdenken. Aber ich kann nicht aufhören, mich um das Land und sein Wohl und Wehe zu kümmern; es ist schwierig, gegen Dinge gleichgültig zu werden, die dreißig Jahre lang bis zum letzten Juni für Fritz und mich lebenswichtig waren, und die wir mit so viel Sorge beobachteten."

Die Briefe der Kaiserin an die Königin Victoria aus den nächsten Monaten haben wenig historische Wichtigkeit. Familiennachrichten und soziale Fragen überwiegen; ab und zu werden Bemerkungen über Deutschland gemacht, das, wie sie fürchtete (29. März), "eine Art von militärischem Paraguay" werden könnte und über "Wilhelm und Dona", die, wie sie am 6. April schrieb, "sehr nett und höflich waren und liebenswürdig zu sein glaubten, aber das ist auch alles!" Am 9. April berichtet sie:

"Gestern lunchte ich mit Wilhelm und Dona! Niemand weiß, welche Überwindung es mich kostet, dorthin zu gehen und zu sehen, wie unsere Bedienten und Fritzens Jäger hinter ihren Stühlen bedienen usw. Ihre neuen Zimmer sind sehr prächtig, aber es ist alles ziemlich schwer und überladen und ohne wirklichen Geschmack eingerichtet, wie ich finde.

Gestern kam Fürst Bismarck. Es war eine bittere Pille für mich, ihn nach allem, was geschehen ist, und bei allem, was noch vor sich geht, empfangen zu müssen. Er sprach viel über Rudolf und sagte, daß, gemäß Reuß' Bericht, eine Szene zwischen ihm und dem Kaiser von Österreich stattgefunden habe. Vielleicht hat Reuß unrecht, was ich für sehr wahrscheinlich halte."

Der Bericht des Prinzen Reuß kam indessen der Wahrheit über dies geheimnisvolle Ereignis sehr nahe. Es scheint, daß der Kaiser von Österreich sich einer gewissen Beziehung, die sein Thronerbe eingegangen war, auf das schärfste widersetzte, so daß der Erzherzog Rudolf beschloß, die Fesseln zu sprengen, die dem Kaiser unliebsam waren. Seine letzte Zusammenkunft mit der Dame endigte in der Tragödie von Mayerling, wo er und seine Geliebte zusammen tot aufgefunden wurden. Am 20. April schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"... Ich habe über den armen Rudolf verschiedenes gehört, was Dich vielleicht interessiert. Fürst Bismarck erzählte mir, daß die heftigen Szenen und Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und Rudolf die Ursache des Selbstmordes waren. Ich erwiderte, daß mir Zweifel darüber zu Ohren gekommen seien, worauf er sagte, daß Reuß es geschrieben habe, und es sich so verhielte. Er wollte mir, wenn ich es wünschte, den Bericht zum Lesen geben, aber ich habe abgelehnt. Ich sagte nicht, was ich dachte, daß ich nämlich dreißig Jahre lang die Erfahrung gemacht habe, wie viele Lügen Fürst Bismarcks diplomatische Agenten (mit einigen Ausnahmen) ihm geschrieben haben, und daß ich daher gewöhnlich nicht glaube, was sie berichten, außer wenn ich weiß, daß es ehrenhafte und vertrauenswürdige Männer sind. Szechenyi, der österreichische Botschafter in Berlin, den wir sehr gut kennen, erzählt mir, daß keine Szenen mit dem Kaiser stattgefunden hätten, der zu ihm gesagt habe: 'Dies ist der erste Kummer, den mein Sohn mir machte.' Ich teile Dir die Nachrichten mit und überlasse Dir das Urteil darüber, was sie wert sind. General Loë hörte aus österreichischen Quellen, daß die Katastrophe nicht erwartet wurde! Die junge Dame habe sich das Leben genommen, und Rudolf, nachdem er dies gesehen, habe geglaubt, es bleibe ihm nichts anderes mehr übrig; er habe sich mit einem Jagdgewehr getötet, indem er es auf den Boden stellte und dann den Drücker mit der Zehe abzog. Loë betrachtet, wie auch ich, den Tod des armen Rudolf als ein schreckliches Unglück. Der Kanzler, glaube ich, beklagt ihn nicht und konnte ihn nicht leiden."

Die Vorbereitungen für den Staatsbesuch Wilhelm II. in England im August 1889, den Deutschland und Großbritannien als einen Beweis der englisch-deutschen Freundschaft betrachteten, waren gut im Gange. Deutschlands junges Kolonialreich erschien jetzt von größerer nationaler Bedeutung, als Bismarck sich gedacht hatte; auf diese Dinge nimmt die Kaiserin in demselben Briefe vom 20. April Bezug, der die Mitteilungen über den Tod des Erzherzogs Rudolf enthielt:

"Ich habe Wilhelm dreimal in Berlin gesehen: einmal machten er und Dona mir nach unserer Rückkehr einen Gegenbesuch; einmal haben wir mit ihnen geluncht, und an Vickys Geburtstag haben sie mit uns zu Abend gegessen. Kein Thema von Bedeutung oder Wichtigkeit wurde berührt! Er kam zum Bahnhof, als ich abreiste, aber nur, da er selber gerade nach Wilhelmshaven fuhrt Die ganze Zeit über war er vergnügt und lustig, aber ganz gleichgültig, tat keine Frage, die sich auf mich bezog, und sprach kein einziges teilnahmsvolles Wort.

Daß sie nach Friedrichskron ziehen, ist mir ein unbeschreiblicher Schmerz. Wenn ich mir denken könnte, daß sie mit den richtigen Empfindungen dorthin gingen, wäre es etwas anderes wenn sie es wenigstens ein Jahr nach allem, was dort geschehen ist, unbewohnt gelassen hätten! Zu denken, daß das Zimmer, in dem unser Liebster die Augen schloß, nun einfach als Durchgang benutzt wird - Fremde gehen und kommen und lachen... Alle die Räume, die wir bewohnten, in denen ich so unsägliche Schmerzen gelitten habe, werden nach einem kurzen Jahr von anderen benutzt, und das Haus klingt von Geräusch, Gelächter und Fröhlichkeit wider, bevor das Jahr um ist. Das schmerzt mich bitterlich! Ich weiß, daß es töricht ist, aber ich komme nicht darüber hinweg.

Wenn Du meine Ansicht über die Politik hören willst, will ich sie Dir geben; vermutlich ist sie ganz verschieden von der, die z. B. Christian hat! Er hat hier in der Gesellschaft mit Offizieren, Hofleuten, Konservativen und Bismarckianern verkehrt. Diese sagen, daß Wilhelm sehr beliebt ist und alles vortrefflich steht. Das ist nicht mein Eindruck. Ich glaube, daß Wilhelm vollkommen blind ist und die Regierung einen Fehler über den andern macht. Herbert Bismarcks Einfluß ist der größte - sein alter Vater schmeichelt Wilhelm, wie er es bei seinem Großvater oder Vater niemals getan hat. Die schlimme Partei hat alles und die ganze Macht in ihren Händen, sie tut vollkommen, was sie will. Wilhelm gehört ganz zu ihnen. Alle ernsten, wichtigen und gut unterrichteten Leute halten den Zustand der Dinge für traurig und gefährlich; sie empfinden, daß er nicht dauern kann, daß die ernsten Fragen, die auftauchen werden, nicht nach der Weise des Fürsten Bismarck und seiner Partei behandelt werden dürfen, daß man aber nicht sagen kann, wann oder ob je der Schleier zerreißen wird, der Wilhelms Augen so vollkommen verdunkelt, und diese sich den wirklichen Tatsachen öffnen werden.

Viele - unter andern Friedberg und Fürst Radolin - flehen mich an, Berlin nicht zu verlassen; sie behaupten, daß meine bloße Anwesenheit hier ein schweigender Widerspruch gegen vieles und ein kleines Hemmnis für die bedeutet, welche jetzt Wilhelm in ihrer Richtung vorwärtstreiben! Ich teile diese Meinung nicht. Überall, wo ich Wilhelm oder dem Lande, und sei es in der geringsten Weise, von Nutzen sein kann, bin ich immer dazu bereit; aber nach aller Behandlung, die mir zuteil geworden ist, weiter hier zu leben und lächelnd alles über mich ergehen zu lassen, womit sie mich überhäufen, das Ziel ihrer Verleumdungen und Machenschaften zu bleiben: das würde mich bald töten, ich würde mich verzehren! Mein Leben würde mehr oder weniger einer Gefangenschaft gleichen. Ich täte am besten, ganz ruhig und still mich vom Berliner Hof und der Regierung fernzuhalten, bis sie gezwungen sind, die Irrtümer ihres Weges einzusehen! Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Berlin kommen. Es wäre aber viel zu früh, den nächsten Winter dort zu verbringen; Streit und Unzuträglichkeiten wären unvermeidlich.

Ich bin sicher, daß sich Wilhelm in England sehr liebenswürdig und angenehm zeigen wird - während des Jubiläums war er sehr ärgerlich, daß sein Vater und seine Mutter dort waren und er nicht die erste Rolle spielen konnte! Nun wird er, wie er denkt, alles für sich haben und kann sich gestatten, huldvoll zu sein. Fürst Bismarck ist jetzt um Englands Freundschaft sehr besorgt, da sie ihm für den Augenblick nicht nur wegen seiner Sansibar- und Samoa-Angelegenheiten, die so schändlich schlecht geleitet worden sind, zustatten kommt, sondern auch im Hinblick auf europäische Verwicklungen, die er zwar gern vermeiden möchte, die aber, wie ich glaube, sich seinem Machtbereich entziehen. Er hat einen bedauerlichen Fehler begangen, als er Österreich so geschwächt hat, daß es als Bundesgenosse beinahe nutzlos scheint. Seine Politik, die die Balkanstaaten machtlos werden läßt, ist ein harter Schlag gegen Österreich. Bulgarien unter Ferdinand ist als Stütze ein schwaches Rohr, Serbien - ohne König Milan - wird kaum dem russischen Einfluß widerstehen, während der Panslawismus sich lebhaft bemüht, Karl von Rumänien zu stürzen und sein Land zu erobern! Wenn Rußland im Osten herrscht, und die Russen ihre polnischen Regimenter mobilisiert haben (die noch nicht ganz fertig sind), wird es Österreich bestimmt angreifen, trotzdem der Zar ein solches Unternehmen nicht gerne sehen würde.

Fürst Bismarck hat Österreich durch unaufhörliche Vorstellungen, daß es Rußland in allem nachgeben müsse, geschwächt! Der arme Rudolf wußte und erkannte das gut.

Die Franzosen wünschen den Frieden wegen ihrer Weltausstellung und weil ihr neues Infanteriegewehr noch nicht ganz fertig ist Das wird im nächsten April der Fall sein, während wir in Deutschland noch nicht so weit sind. Wenn die Russen Österreich Kolonialpolitik angreifen und wir gezwungen sind, diesem zu helfen, werden die Franzosen sich die günstige Gelegenheit, uns zu überfallen, nicht entgehen lassen! Wir müßten dann Österreich aufgeben und gegen Frankreich und Rußland zugleich kämpfen! Wie furchtbar würde das sein!! Von wie großem Nutzen hätten die Bulgaren, Serben und Rumänen zur Unterstützung Österreichs sein können!! Vielleicht braucht alles das nicht zu geschehen, aber wir scheinen in dieser Richtung zu treiben. Die Wolken ballen sich, aber sie können sich auch wieder zerteilen!

Was die Kolonialpolitik betrifft, so hat sich Fürst Bismarck in seiner eigenen Falle gefangen! Er hat niemals ernstlich daran gedacht, Kolonien zu haben oder für sie zu kämpfen, aber er unterstützte den mißleiteten und künstlichen Enthusiasmus über Sansibar und Samoa, weil er glaubte, ihn zu Wahlmanövern benutzen zu können und durch das Schwenken der patriotischen Flagge und das Blasen der nationalen Trompete beliebt und in den Stand gesetzt zu werden, vom Reichstag zu erhalten, was er wünschte. Inzwischen hat nicht allein die chauvinistische Partei, sondern auch Wilhelm die Sache ganz ernst genommen und gewünscht, sie weiter zu verfolgen. Der Kanzler wagt nicht zu sagen, daß es klüger wäre, im Augenblick alle solche Unternehmungen beiseitezulassen, solange der europäische Friede nicht gesichert ist, aber ich habe keinen Zweifel, daß er so denkt."

Viele der Briefe, welche die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria geschrieben hatte, wurden nun von der Königin der vertrauten Freundin der Kaiserin, Lady Ponsonby, gezeigt. Der folgende Dankbrief Lady Ponsonbys, den Königin Victoria unter den Briefen der Kaiserin aufbewahrte, gibt eine Vorstellung davon, wie manche Leute gedankenlos den Bruch zwischen der Kaiserin und ihrem Sohn erweiterten, indem sie jedes unfreundliche Wort wiederholten, was der eine über den anderen gesagt hatte. Man kann sich kaum darüber wundern, daß die Kaiserin Angestellte in ihrem Dienst hatte, die dem Kaiser alle ihre Bemerkungen über ihn hinterbrachten, aber es ist lehrreich festzustellen, daß auch im Gefolge des Kaisers solche waren, die keine Gelegenheit vorübergehen ließen, der Kaiserin alles zu hinterbringen, was er über sie sagte. Sie konnten damit wenig gewinnen, da die Kaiserin in der Tat machtlos und ohne Freunde war; das einzige, was man daraus folgern kann, ist, daß diese Personen den Bruch offen zu halten wünschten, um jede mögliche Versöhnung zwischen Mutter und Sohn zu verhindern.

"Es scheint mir manchmal so", schrieb Lady Ponsonby an die Königin Victoria am 9. Mai 1889, "als ob es unmöglich wäre, alle Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten der Stellung der Kaiserin zu verstehen und alles, was zu überwinden wichtig ist, zu entwirren - die ernsten Angelegenheiten, die für Ihre Majestät zu schmerzlich zu übersehen sind, die trotz der tiefen Trauer und dem tragischen Leiden des letzten Jahres ihr aufgezwungen sind, von den geringeren Übeln zu trennen, die mit der Zeit möglicherweise beigelegt und erklärt werden könnten. Die Kaiserin hat in ihrer großen Freundlichkeit oft zu mir von der merkwürdigen und beinahe hoffnungslosen Verwirrung gesprochen, in der sich die Frage ihrer zukünftigen Stellung und Existenz befindet, aber wenn Ihre Majestät ruhig und unberührt von allem dem Frieden ihrer Seele so abträglichen Geschwätz ist, das man so tief bedauern muß, beurteilt die Kaiserin die ganze Lage in einer so klugen und geduldigen Art, wie man es nur erwarten kann; diese Geistesverfassung zu unterstützen, muß der innigste Wunsch ihrer Freunde sein.

Die Kaiserin ist viel zu klug, um das bittere Gefühl der Auflehnung, das ein grausames Geschick unvermeidlicherweise zuweilen im Geiste einer so begabten und zum Herrschen fähigen Frau erwecken muß, wenn sie sich beiseitegesetzt sieht, mit der gerechten Empörung zu vermischen, die durch unwürdige Behandlung hervorgerufen worden ist; ich habe Ihre Majestät oft der Ansicht Ausdruck geben hören, daß Würde und Kraft sich am besten äußerten, indem sie sich schweigend in das Unvermeidliche fügen. Ein Franzose hat gesagt: 'Die Mittelmäßigen merken nicht, wieviel Verachtung in einem gewissen Schweigen ausgedrückt wird, während geistreiche Menschen niemals darüber im Zweifel sind.'

Das Unvermeidliche: der junge Kaiser muß zuerst kommen. Er ist sicher sehr deutsch. Er ist kein Knabe, und wie recht Ihre Majestät auch wegen der falschen Politik der deutschen Regierung haben mag, so trägt es zur Vergrößerung ihrer eigenen Schwierigkeiten bei, ohne den geringsten Wechsel in der Richtung dieser Politik zu verursachen, wenn sie sich widersetzt oder auch nur zu ihren vertrautesten Freunden darüber spricht. Die bedauernswerte und tadelnswerte Art und Weise, in der der Kaiser das Gedächtnis seines Vaters und die Gefühle und Wünsche seiner Mutter behandelt, muß Seiner Majestät mehr schaden als der Kaiserin. Und wenn es möglich wäre (und wie schwierig es sein wird, muß jeder, der die liebe Kaiserin schätzt und mit ihr fühlt, im tiefsten Herzen erkennen), daß Ihre Majestät sich enthalten könnte, auf die Berichte und Worte, die ihr hinterbracht werden, die manchmal wohlmeinende, aber sichtlich übereifrige Freunde ihr zuzutragen sich beeilen, zu hören, so würde dies von großem Nutzen sein. Ich wagte einmal anzudeuten, daß, wenn es Leute gäbe, die niemals eine Gelegenheit außer acht lassen, jedes unfreundliche und ungeduldige Wort, das geeignet ist, den Bruch zwischen Mutter und Sohn zu erweitern, zu überbringen, es sehr wahrscheinlich sei, daß andere nach genau denselben Grundsätzen in der entgegengesetzten Richtung arbeiten und daß jede Silbe der Kritik, die Ihre Majestät ausspricht, ihren Weg zum Kaiser findet. Es ist wahr, daß, wie die Kaiserin bemerkte, in ihrer Umgebung kein Einfluß zu finden ist, der der verderblichen und verleumderischen Wirkung der unmittelbaren Ratgeber des Kaisers entspräche; an diesem Punkt nehmen die ungewöhnlichen Schwierigkeiten ihren Anfang. Es scheint für die menschliche Natur kaum erträglich, zu wissen, daß falsche Darstellungen und Lügen frei umlaufen, und daß man doch keine Notiz von ihnen nehmen soll. Aber sogar hier würde, wie ich denke, Stillschweigen im Laufe der Zeit eine beschämendere Zurückweisung als Wiedervergeltung bedeuten. Die Kaiserin Friedrich ist in Europa eine sehr mächtige Persönlichkeit und wird als solche meiner Meinung nach, ruhig und still, aber sehr sicher infolge ihrer starken Persönlichkeit alle Spitzen der Gesellschaft und der künstlerischen und literarischen Welt um sich versammeln, später wahrscheinlich auch der politischen Welt; aber es ist klar, daß alles, was einer aktiven oder passiven Einmischung in die Politik ähnlich sieht, dem Frieden Ihrer Majestät nicht zuträglich wäre.

Ich bin anmaßend genug, um in einem der von der Kaiserin berührten Punkte mit Ihrer Majestät nicht übereinzustimmen. Als die zwischen dem Kaiser und dem Prinzen von Wales entstandenen Schwierigkeiten aus Zeitungsberichten bekanntwurden, drückte die Öffentlichkeit ihre Meinung ziemlich frei zuungunsten des deutschen Kaisers aus. Damals bemerkte mehr als ein Deutscher zu mir: Jetzt ist der Augenblick für die Kaiserin Friedrich gekommen, eine schöne Rolle zu spielen; die Unannehmlichkeiten für ihren Sohn aus dem Wege zu räumen. Ihre Majestät sagt, daß für den Kaiser nichts leichter wäre, als einen kurzen Brief zu schreiben, der alles wieder in Ordnung brächte; wenn Ihre Majestät dazu gebracht worden wäre, diesen Vorschlag zu machen, müßte ihr Sohn erkennen, welch vornehmes Vergessen des ihr zugefügten Unrechts dieser Wunsch, die englische öffentliche Meinung zu versöhnen, zeigen würde."

Während der ersten Monate des Jahres 1889 fehlte es nicht an Zeichen, daß zwischen dem neuen Kaiser und dem Fürsten Bismarck nicht alles rosig war. Wilhelm II. war nach seinen eigenen Angaben ein ergebener Bewunderer und Schüler des eisernen Kanzlers, aber es war eine ihm peinliche Tatsache, daß, während er der angebliche Herrscher Deutschlands war, in Wirklichkeit Fürst Bismarck regierte. Das erste nach außenhin sichtbare Anzeichen eines Zwiespalts trat infolge der Behandlung zutage, die der Kanzler gewissen Fragen der industriellen Lage Deutschlands zuteil werden ließ. Anfang Mai 1889 wurden die Krupp-Werke in Essen infolge eines Streikes der westfälischen Grubenarbeiter, der um höheren Lohn und kürzere Arbeitsstunden angefangen worden war, zur Schließung gezwungen. Bismarck sorgte sofort dafür, daß Truppen aufgeboten wurden, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Folge davon war ein Zusammenstoß zwischen den Soldaten und den Bergleuten am 7. Mai, in dem drei Grubenarbeiter getötet wurden. Innerhalb einer Woche betrug die Anzahl der Streikenden hunderttausend; am 14. Mai empfing der Kaiser drei Abgeordnete der Bergarbeiter, denen er eine seiner bezeichnenden Reden hielt. In den folgenden Tagen griff der Streik auf Schlesien über, und weitere zwanzigtausend Mann legten die Arbeit nieder.

Ein Arbeitergesetz wurde nun dem deutschen Parlament vorgelegt - ein Gesetz, das Fürst Bismarck eingebracht hatte, um die Arbeiter zu zwingen, mit Unterstützung der Regierung, eine Alters- und Krankenversorgung einzugehen.

Am 18. Mai schrieb die Kaiserinwitwe an die Königin Victoria

"Der Streik der Bergwerksarbeiter ist sehr ernst! Ich war über Wilhelms Rede mehr als entsetzt. Wilhelm sagte den Leuten, daß, wenn sie sich mit den Sozialdemokraten eingelassen hätten, er sie alle über den Haufen schießen lassen würde.

Das gleicht ihm ganz. Er gebraucht grobe Worte, wenn er nur immer kann, und kommt sich dabei selbst sehr groß vor. Ich halte solche Worte im Munde eines Herrschers und noch dazu eines so jungen und unerfahrenen Mannes für sehr brutal und unpassend. Aber das ist sein Stil und der des gegenwärtigen Regimes. Mein geliebter Fritz würde eine solche Drohung niemals ausgesprochen oder geglaubt haben, durch die Ankündigung so scharfer Maßregeln irgend etwas verbessern zu können. Außerdem klingt es so kindisch! Die liberalen Mitglieder des Reichstags haben sich die größte Mühe gegeben, die Sache zwischen den Arbeitgebern und den Streikenden wieder einzurenken, und haben, wie ich glaube, bis zu einem gewissen Grad Erfolg gehabt.

Das neue Gesetz, die Alters- und Invalidenversorgung, das so schnell durchgepeitscht wurde, ist nicht gut; obgleich es eine gewaltige Verbesserung für die Arbeiter zu sein scheint, bringt es ihnen in Wahrheit keinen Vorteil, und alle, welche die Frage von Grund aus studiert haben, sind der Ansicht, daß dieses Gesetz schlecht durchdacht ist. Natürlich macht es Eindruck auf die Öffentlichkeit, die mit der Frage nicht vertraut ist, und klingt, als wäre es eine große Wohltat für die arbeitenden Klassen."

Der westfälische Kohlenstreik endete am 31. Mai mit einem Vergleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern - aber im folgenden Jahr verstärkten sich die Mißhelligkeiten in dieser Gegend.

Am 15. Juni 1889 jährte sich der Todestag des Kaisers Friedrich; alle schmerzlichen Erinnerungen fanden in einem Brief der Kaiserin Friedrich vom 14. Juni an ihre Mutter folgenden Ausdruck:

"Welch ein tödlicher Schmerz liegt in der Erinnerung an jede Einzelheit des letzten Jahres!

Ich kann mir noch nicht einmal jetzt vorstellen, daß ein solcher Kummer wie dieser über mich gekommen ist, um jeden Tag und jede Stunde meines Lebens zu verdüstern; und wenn ein Jahrestag wie der 15. Juni kommt, so können keine Worte beschreiben, was ich fühle! Die grausamen Erinnerungen, die mich verfolgen, die furchtbaren Gedanken, die mein Elend und meine Vereinsamung mir so lebhaft vor Augen führen, überwältigen mich mit beinahe unerträglichem Herzeleid. Ich denke daran, wie er Sophie küßte, ihr die Blumen gab und fröhlich und geneigt schien, an alle Kleinigkeiten des Tages zu denken.

Es ist mir kaum so, als ob seit jenen Unglückstagen schon ein Jahr vergangen wäre, und doch, wie lang und traurig sind diese zwölf Monate gewesen, wie viele Tage und Wochen des Elendes haben sie enthalten! Trotzdem muß ich dem Leben ins Auge sehen und kämpfen, da mir noch Pflichten übrigbleiben. Der Kampf scheint manchmal übermenschlich. Deine Liebe, Sorge, Sympathie und Freundlichkeit haben mich gestärkt, mir geholfen und mir Mut gegeben, ebenso wie die treue Liebe meiner wenigen wirklichen Freunde, und der Sonnenschein, den die Gegenwart meiner drei Töchter bedeutet. Es ist ein Segen, daß diese drei jungen Leben mir gehören, ich bin sehr dankbar, sie zu haben - es sind seine lieben Kinder. Ich bin dafür nicht undankbar, auch nicht für die Tatsache, daß unser geliebter Fritz trotz aller Verkleinerungsversuche und Verleumdungen im Herzen des deutschen Volkes lebt, und daß sein leuchtendes Vorbild, sein hehres Beispiel nicht vergessen werden wird. Das ist ein starker Trost für mich, den auch meine Feinde nicht zerstören können! 'Das Andenken des Gerechten bleibt ein Segen.'

Wenn ich an das erste Jahr der neuen Herrschaft denke!! Fehler über Fehler, Schnitzer nach Schnitzer. Wie viele Menschen sind verfolgt, beleidigt, falsch und ungerecht behandelt und verleumdet worden!! Kaum eine großmütige und vornehme Handlung ist zu verzeichnen. Ebenso unzertrennlich von den Erinnerungen an jene Tage im Juni in Friedrichskron ist das Gedenken daran, daß das Haus von Husaren umstellt wurde, daß den Ärzten gegen die Wünsche meines Geliebten Befehle gegeben wurden, daß Sir M. Mackenzie und die, welche mich in der Pflege unseres Engels unterstützten, brutal behandelt wurden! - Die von oben gebilligte Streitschrift Bergmanns und Gerhardts; der Verrat Kessels und Winterfelds, die falsche Herzlosigkeit des Fürsten Bismarck, die unverschämte Frechheit seines Sohnes, die Anklagen und Verleumdungen gegen mich und alle unsere Freunde - und über allem die Mißachtung von Fritzens letzten Wünschen, seines letzten Briefes und die Zunichtemachung der Hoffnungen des lieben jungen Paares! Der Geist, in dem alle Maßnahmen vorgenommen wurden und alles, was Fritz gewollt hatte, umgestoßen wurde und ungetan blieb!

Das sind Dinge, die ich nicht vergeben oder vergessen kann! Ich kann sie nur stillschweigend ertragen und mich von allen Versuchen, Genugtuung zu finden oder Vergeltung zu üben, fern halten. Die Zeit mag diese Eindrücke und auch einige der Beleidigungen, die mir mit Absicht vor den Augen Deutschlands zugefügt worden sind, mildern - sie mag eines Tages die Augen meiner drei ältesten Kinder der Tatsache öffnen, daß ihre Mutter keine Verschwörerin und keine Landesverräterin war, wie sie ihnen geschildert wurde, und an welche Schilderung zu glauben sie sich überreden ließen; aber niemals kann es die Ereignisse der ersten zwölf Regierungsmonate Wilhelms auslöschen! Es wird meine Pflicht sein, zu versuchen, eines Tages der Geschichte die Wahrheit bekanntzugeben und die Lügen des Fürsten Bismarck und der Regierung und aller derer, die um des Kanzlers Gunst buhlen, aufzudeckenl"

Königin Victorias mitfühlende Antwort verhalf der Kaiserin zu größerem Gleichmut; der folgende Brief vom 21. Juni zeigt den Einfluß der alten Königin auf ihre älteste Tochter und läßt die weisen Ratschläge erkennen, die sie ihr gab. Man kann aus den Antworten der Kaiserin schließen, daß ihre Mutter immer wieder Mäßigung empfahl und alles tat, was in ihrer Kraft stand, um zwischen der Kaiserin und ihrem Sohn freundschaftlichere Beziehungen zu schaffen.

"Du hast recht," schrieb die Kaiserin, "wenn Du sagst, ich durfte das Wort 'ich will niemals vergeben' nicht aussprechen und tatsächlich habe ich auch das Beispiel dessen, der seinen Feinden verzieh und uns das Gebet 'Vergib uns unsere Schuld' gab, immer vor meinen Augen. Es ist falsch, zu sagen, daß ich nicht vergeben könne; ich glaube nicht, eine rachsüchtige Veranlagung zu besitzen und finde es auch nicht schwierig, zu vergessen und zu vergeben, wenn ich beleidigt worden bin und Unrecht erfahren habe; aber ich finde es schwer, das Unrecht gegen die zu vergeben, welche ich liebe, gegen meinen Gatten und mein Kind und gegen meine Freunde, und ruhig das anzunehmen, was die Machthaber glauben, mir zufügen zu dürfen! Wenn man nicht 'ein Lump' ist, fühlt man die schweren Beleidigungen, denen man ausgesetzt ist, sehr deutlich und glaubt, daß sie wiedergutgemacht werden müßten und daß es nicht für jedermann notwendig sei, den Weg für einen Gegner zu ebnen, der einen überreiten will! Das Wohl beider Länder und politische Erwägungen kommen zuerst, aber der Triumph derjenigen, die sich so schamlos gegen mich benommen haben, ist hart zu ertragen. Sie haben alles erreicht, was sie wollten, werden umschmeichelt, geehrt und mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt und freuen sich des Gedankens an die Beleidigungen, die sie mir angetan haben. Trotzdem will ich mich gegen alle ihre Stiche stählen.

Ich wollte gern, daß Du über das neue in Berlin angenommene Gesetz das Richtige hören solltest, da Deine Botschaft und die 'Times' Dir nur die offizielle Ansicht mitteilen; ich habe so meine Ansichten, welche auch die unserer Freunde sind, in deutscher Sprache niedergelegt und Miß Green gebeten, sie zu übersetzen; sie hat das getan, und so schicke ich Dir jetzt das Schriftstück und bitte Dich sehr, es mir freundlichst wiederschicken zu wollen, wenn Du es gelesen hast! Vielleicht interessiert es auch Sir H. Ponsonby. Die gegenwärtige Regierung teilt gegen alles, was liberal, fortschrittlich und unabhängig ist, heftige Schläge aus, - sie will keine allmähliche ruhige, gemäßigte Entwicklung der Freiheitsidee leiden, sondern derartige Bestrebungen unmöglich machen; sie begünstigt den Sozialismus, um der Masse zu schmeicheln und so für ihren Despotismus und Cäsarismus eine Unterstützung zu finden. Es ist etwa dasselbe System, das der Kaiser Napoleon gebraucht hat und fast noch mehr das Glaubensbekenntnis, das er als Prinz hatte. Aber es ist schlecht und gefährlich. Wilhelm hat sich niemals mit diesen Fragen beschäftigt, kümmert sich auch nicht um sie, versteht sie nicht, hat keine eigene Meinung, macht aber die Ansichten Bismarcks mit außerordentlicher Hartnäckigkeit zu den seinen. Jeder, der auf die Gefahren einer solchen Politik aufmerksam macht, gilt als Verräter und Übeltäter, so daß alle, denen ihr eigenes Wohl, ihr Frieden und ihr behagliches Leben am Herzen liegt, den Mund halten! Ich schweige, weil ich doch nicht verstanden würde und mein Reden keinen Zweck hätte. Trotzdem wünsche ich, daß Du den Kurs kennenlernst, der seit kurzem in unserem armen Deutschland eingeschlagen worden ist. Mir scheint, er stammt aus völliger Blindheit und Unwissenheit - den Anhängern und Bewunderern Bismarcks aber dünkt er aus hoher Weisheit entsprungen zu sein."

Im folgenden Monat machte die Kaiserin viele Versuche, um mit ihrem Sohn Wilhelm in bessere Beziehungen zu kommen, aber die Erinnerung an ihre Erniedrigung war noch zu frisch in ihr. Am 19. Juli schrieb sie an die Königin Victoria:

"Ich möchte Dir gern noch etwas mehr über Wilhelm mitteilen, so daß Du ganz im Bilde bist. Ich habe hart mit mir selbst gekämpft und glaube jetzt in ganz ruhiger und versöhnlicher Stimmung und nicht in der Laune zu sein, die Mißhelligkeiten wieder anzufangen usw. Aber ich wünsche, daß diejenigen, die gut und freundlich zu mir sind, wissen, daß ich ganz besonders bemüht bin, meine Pflicht Wilhelm gegenüber zu tun und denjenigen keine Handhabe zu geben, die alles gegen mich zu wenden wünschen! Ich möchte nur in Frieden gelassen, nicht verfolgt und nicht immer verleumdet werden. Ich habe, wie Du weißt, keinen Ehrgeiz, irgendwelchen Einfluß zu haben oder mich in irgendeine der Handlungen des gegenwärtigen Regimes einzumischen! Ich billige sie nicht, und die gegenwärtigen Machthaber mißfallen mir; aber ich möchte so wenig wie möglich von alledem hören und sehen und vollkommen beiseite stehen. Ich kann Wilhelm viel zugute halten, da sein Sinn planmäßig gegen mich vergiftet und ihm seit Jahren erzählt worden ist, es sei das größte Unglück gewesen, daß sein Papa voller Vertrauen auf mich gehört habe, daß ich deutschfeindlich sei, gefährliche Ansichten habe usw...

In der letzten Zeit hat seine ganze Umgebung versucht, dieses Mißtrauen gegen mich zu stärken, und auch Charlotte hat leider sehr stark dazu beigetragen.

Infolgedessen sind alle meine Bemühungen, mit ihm auf besseren Fuß zu kommen, nutzlos. Das Vertrauen fehlt, er versteht mich nicht im geringsten und weiß auch nichts von mir!

Vermutlich hält er sich selbst für einen guten Sohn und bemerkt nicht, daß er mich während dieses ganzen Jahres grausam vernachlässigt und gestattet hat, mich mit ungerechten Anschuldigungen zu überhäufen. Ich kann nicht noch einmal wiederholen, was alles seit dem 15. Juni 1888 geschehen ist - Du kennst alles, was mein Herz verwundet und meine Würde beleidigt hat. Es hätte keinen Zweck, wenn Du ihm das sagen oder ihm erklären wolltest, daß ich viel Grund zur Klage habe, aber vielleicht wäre es dienlich, ihm mitzuteilen, daß in England viel Zuneigung für seine Eltern besteht und daß es nach Deiner Ansicht seine Pflicht sei, seine Mutter zu verteidigen und zu beschützen und zu versuchen, sie für das grausame Geschick, das sie zu erleiden hatte, zu entschädigen! Das könnte ihm Eindruck machen! Er ist so selbstsüchtig und so rücksichtslos gegen uns gewesen, daß er schon ganz daran gewöhnt ist; er würde sehr erstaunt sein, wenn man ihm klarmachen wollte, daß er sich schlecht gegen uns benommen und seine Regierung und Umgebung uns schimpflich behandelt habe! Die verräterische Haltung und der Mangel an Achtung für seinen Vater - die Rücksichtslosigkeit und Feindseligkeit gegen mich! Er sieht nicht ein, daß er keine besseren Freunde als seine Eltern hat; seinen Papa hat er nicht verstanden, und er hält alle Frauen für Puppen oder Idiotinnen. Seine Frau hat gegen mich weder Takt noch freundliche Gefühle und vor allen Dingen keine Dankbarkeit gezeigt, das ist alles sehr traurig, aber es verhält sich nun einmal so und ich werde darunter leiden, solange ich lebe. Ich habe mich damit abgefunden und muß damit zufrieden sein, mit ihm auf dem Fuß förmlicher Höflichkeit zu stehen, die aufrechtzuhalten ich auf das äußerste bemüht bin. Es darf nicht vergessen werden, daß alle auf mich gehäuften Anklagen niemals zurückgewiesen worden sind und ich mich nur auf das tiefste verletzt fühlen kann, bis Wilhelm nicht durch die Umstände oder irgendeinen Menschen überzeugt worden ist, sie seien Lügen, und bis er bereit ist, die mir zugefügten Beleidigungen in der einen oder anderen Weise wieder gutzumachen. Ich glaube, daß Du das für richtig halten und in meinem Falle ebenso handeln würdest.

Treitschke wurde öffentlich dafür belohnt, daß er uns schlecht behandelt hat, Puttkamer bekam den Schwarzen Adler, nachdem ihn Fritz in Ungnade entlassen hatte. Bergmann und Gerhardt erhielten Orden und Gunstbezeugungen, nachdem Fritz mit ihren Diensten völlig unzufrieden war; so könnte ich Dir eine Menge Tatsachen anführen, die alle gegen mich gerichtet sind, ob Wilhelm sie nun so gemeint hat oder nicht. Ich sage nichts von seinen Worten und Reden, denn er kann immer dem Beispiel der Bismarcks folgen und einfach leugnen, was er gesagt hat, wenn es ihm gerade so paßt! Das gehört zu ihrem System; wenn sie nach Herzenslust einen Menschen erniedrigt und beleidigt haben - weil es gerade politisch richtig erscheint -, tun sie nachher so, als hätten sie es vergessen und sind sehr erstaunt, wenn sich ihr Opfer noch daran erinnert.

Ich traf vor zwei Tagen den Fürsten Radolin, der mir sagte, Herbert Bismarck habe sich beklagt, Du wolltest nicht, daß Kessel nach England käme; es sei merkwürdig, daß Du überhaupt etwas über die Flügeladjutanten des Kaisers wüßtest oder eine Vorliebe für diesen oder jenen habest; dann kam er wieder auf General Winterfeld zu sprechen, der in Windsor so schlecht behandelt worden sei. Fürst Radolin gab ihm natürlich eine sehr gute Antwort! Bitte behalte das für Dich."

Während der mildernde Einfluß der Königin Victoria sich so in den Beziehungen zwischen der Kaiserin und ihrem Sohn bemerkbar machte, wirkte ein allmählich wachsender anderer Einfluß am deutschen Hof auf den Kaiser Wilhelm II. in beklagenswertester Weise. Seit einigen Jahren befand sich in seiner nächsten Umgebung ein preußischer Offizier von chauvinistischen Ansichten, Graf von Waldersee, der in den verschiedenen Feldzügen seit 1866 unzweifelhafte militärische Begabung gezeigt hatte. 1882 wurde er Moltkes Chef des Stabes, und als Moltke in den Ruhestand trat, folgte ihm Waldersee als Chef des Generalstabes. Nun machte sich eine wachsende Nebenbuhlerschaft zwischen Waldersee und den Bismarcks bemerkbar. Ihrem Brief vom 19. Juli fügte die Kaiserin folgende Nachschrift an:

"Du wirst von der Eifersucht zwischen den Bismarcks und dem Grafen Waldersee gehört haben - der Letztgenannte hat, wie ich von vielen Seiten hörte, einen verderblichen Einfluß auf Wilhelm, auch Hinzpeter sagte so - vermutlich ist er es, der seit Jahren Wilhelm so gegen mich aufgehetzt hat. Waldersee ist mit Bernhard und Charlotte sehr befreundet. Weder der verstorbene Kaiser Wilhelm noch Fritz konnten ihn leiden und mißtrauten ihm auf das äußerste. Er hat nicht entfernt Moltkes Begabung und ist ein sehr unzuverlässiger und wechselnder Mensch. Die Gräfin von Waldersee ist eine sehr gute Frau, aber eine leidenschaftliche Anhängerin Stöckers und eine gute Freundin Donas. Die Stöcker-Partei ist in Deutschland verhaßt, und Fürst Bismarck ist klug genug, zu wissen, daß es keinen Zweck hätte, sie offen zu unterstützen (obgleich sie aus seinen Anhängern, Konservativen usw. besteht). Daher wollte er insgeheim Puttkamer gern loswerden, der ihre größte Stütze war. Jetzt leugnet er natürlich, irgend etwas mit Puttkamers Fall zu tun zu haben, und zwar um Wilhelm zu gefallen; es wird behauptet, daß ich Vorteil aus Fritzens Schwachheit zog, um Puttkamer loszuwerden."

Am 1. August kam Kaiser Wilhelm II., begleitet von einer deutschen Flotte, in Spithead zu seinem Staatsbesuche an. Er wurde mit Ehren überhäuft: man ernannte ihn zum britischen Admiral; eine große Flottenschau wurde am, 5. August für ihn abgehalten und zwei Tage später wohnte er den Manövern in Aldershot bei. Als Antwort auf seine Ernennung zum britischen Admiral machte der Kaiser seine Großmutter, die Königin Victoria, zum Chef eines deutschen Dragoner-Regimentes (2. Garde-Dragoner). Am 8. August verließ er, sehr befriedigt von seiner Aufnahme, England.

Während dieses Besuches hatte die Königin Victoria ohne großen Erfolg versucht, ihren Enkel dazu zu bewegen, sich zu seiner Mutter besser zu stellen. Er hörte ihren Worten aufmerksam zu, kaum aber war er in Deutschland zurück, als er die alte gleichgültige und feindselige Haltung wieder einnahm. In ihrem Brief vom 24. August an die Königin Victoria gab die Kaiserin einen Überblick über die Ereignisse der letzten fünf Jahre. Demütigungen sind häufig schwerer zu tragen und verursachen größeren Kummer als wirkliches Unglück; die Kaiserin konnte die vielen Erniedrigungen, die ihr Sohn Wilhelm auf sie hatte häufen lassen, nicht vergessen, so große Mühe sie sich auch gab. Am härtesten empfand sie die Tatsache, daß es unmöglich war, ihm etwas klarzumachen. Da er von Menschen umgeben war, die nicht wagten, ihm die Wahrheit zu sagen oder die nichts davon wußten, was hinter der Szene vor sich ging, blieb er in einer Welt der Phantasie. Die einzige Persönlichkeit, die ihn hätte aufklären können, war Bismarck, aber Bismarck schwieg. Der Brief der Kaiserin von 24. August lautet folgendermaßen:

"Ich bin Dir sehr dankbar, daß Du mit Wilhelm gesprochen hast und hoffe, daß es von Nutzen sein wird, obgleich ich darüber nicht sehr optimistisch denke. Wie Du selbst sagst, hört er zuviel Unsinn über und gegen mich. Sein Sinn ist während der letzten vier oder fünf Jahre durch die Kreise, in denen er verkehrte, gegen seine Eltern vollkommen vergiftet worden; der Einfluß der Leute, mit denen er für politische Zwecke verkehrte, und der seiner Großeltern (die nichts Böses wollten) machten sich in derselben Richtung bemerkbar. Ich weiß nicht, wie dies bei der leichtgläubigen und argwöhnischen Veranlagung, die er hat - dabei fehlt ihm jedes Urteil, jede Unterscheidungskraft und Erfahrung - zu ändern ist, da das Interesse seiner Umgebung darin liegt, mir unaufhörlich zu schaden. Niemand hat mir mehr geschadet als Onkel Ernst, Herbert Bismarck, Charlotte und G. von Kessel.

Du sagst, ich solle nicht auf die Dinge hören, die mir gegen ihn vorgebracht werden. Ich habe niemand hier, der etwas gegen ihn sagte. Meine Umgebung besteht aus seinen Kreaturen; die Zuträgereien und das Spionagesystem in Berlin sind so groß, daß man nicht wagen würde, den Mund aufzumachen. Außerdem ist keiner da, der meine politische Meinung teilt, wie Du weißt. Von Fritzens und meinen Freunden bin ich völlig getrennt; jeder, den ich treffe, versucht mir klarzumachen, daß Wilhelm recht hat. Es ist überflüssig, zu erwähnen, daß sie mich nicht überzeugen, sondern oft ärgern, da ich die Ungerechtigkeit fühle, die darin liegt, mir sagen zu wollen, daß ich noch mehr hinunterschlucken und Dinge vergessen müsse; die zu beleidigend sind, um vergessen werden zu können. Ich beurteile Wilhelms Empfindungen zu mir nicht nach seinen Worten, die kein Geheimnis sind, da sie jeder kennt, sondern nach seinen Taten. Ich brauche Dir wirklich nicht zu wiederholen, wie er sich während der ganzen Jahre 1887 und 88 gegen mich benommen hat. Vom 15. Juni bis zu dem Tage, an dem der Name Friedrichskron verschwinden mußte, ist es eine Reihe von Beleidigungen... Die Feste und die offiziellen Reisen während der ersten Monate tiefster Trauer: die Angelegenheit mit Fritzens Tagebuch: der beleidigende Immediatbericht Bismarcks, der Fritz und mich vor ganz Europa als fremde Spione bezeichnete. Dann der Vorwurf, daß ich Staatspapiere beiseitegebracht hätte, dem niemals widersprochen worden ist, die prahlerische Art, in der immer auf Kaiser Wilhelm und niemals oder nur in wenigen kurzen Worten auf Fritz Bezug genommen wird. Die Aufhebung aller Befehle und Anordnungen, die Fritz für eine Neuorganisation des Hofes erlassen hatte, Puttkamers Beleihung mit dem Schwarzen Adler; Bergmanns und Gerhardts Empfang zum Diner und ihre Auszeichnung. Treitschke, der Fritzens Regierung 'eine traurige Episode' nannte, empfing Wilhelms öffentlichen, in den Zeitungen abgedruckten Dank. General Mischke und G. von Rödern einfach entlassen: diese und viele andere ähnliche Dinge, die mich beleidigt haben, mußte ich ertragen, und dagegen protestiere ich. Es ist kein Klatsch, sondern es sind Tatsachen, die von der Geschichte aufgezeichnet werden. Die Geffcken-Affäre, die Behandlung Roggenbachs, General von Loës und Stoschs, die erbrochenen Schubladen, der Diebstahl und die Veröffentlichung der Privatkorrespondenz dieser Herren, die Morier-Affäre, das alles ist ein wenig zuviel, um vergeben zu werden, bis ich nicht in den Augen des Publikums gerechtfertigt bin und Wilhelm mich eines Tages um Verzeihung bittet. Diese Beleidigungen sind noch nicht ein Jahr alt seit April hat er mich nicht besucht und mir nur zweimal geschrieben.

Ich wünsche, daß Friede herrscht und tue nichts, um ihn zu reizen oder ihm irgendwelche Schwierigkeiten zu machen; ich halte mich von einer Regierung fern, für die ich nur die tiefste Verachtung und das größte Mißfallen habe, und zwar tue ich es zum Besten des Volkes und unserer beiden Länder. Ich bin froh, wenn zwischen England und Deutschland gute Beziehungen bestehen und halte solche für einen Segen; aber ich weiß, daß die Verständigung unter Fritzens Regierung ganz anders und verläßlicher gewesen wäre, als es die Augenblickseinfälle des Fürsten Bismarcks und Wilhelms ermöglichen.

Im ganzen hoffe ich, daß der Besuch in England in vieler Beziehung gut gewirkt hat. Es wird Jahre dauern, bis ich mich weniger verwundet fühlen kann; es kann sein, daß ich späterhin keine Verstimmung mehr gegen ihn empfinde, aber ich kann ihn niemals entschuldigen und vermag weder seine Handlungen, noch seine Regierungsgrundsätze, noch seine Umgebung zu billigen.

Entschuldige diese lange Erklärung. Ich verspreche Dir, gut und nicht unversöhnlich zu sein, aber eines Tages muß ich in den Augen Deutschlands gerechtfertigt werden; die Verleumdungen, die man allgemein glaubt und die auch Wilhelm angenommen hat, müssen zurückgewiesen werden."

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