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Kapitel XV: Der Sturz des Fürsten Bismarck

Die Unstimmigkeiten zwischen Kaiser Wilhelm und 1889 dem Fürsten Bismarck vom Mai 1889 verstärkten sich während der nächsten Monate bedeutend; bei Jahresschluß wurde es klar, daß eine neue Kanzlerkrisis früher oder später unvermeidlich war. An dem harten Kampf um Macht und Herrschaft, der folgte, nahm die Kaiserin Friedrich nicht teil, obgleich sein Ausgang ihr eigenes Geschick und ihre Lage stark beeinflussen mußte. In keinem ihrer Briefe nimmt sie auf ihn Bezug oder stellt sich auf die eine oder andere Seite der Kämpfenden; während dieser Zeit schrieb sie an ihre Mutter hauptsächlich über andere Dinge.

Besonderen Anteil nahm sie an einer etwas merkwürdigen Heiratsgeschichte. Im Jahre 1888 hatte Bismarck den Grafen Paul von Hatzfeldt-Wildenburg zum deutschen Botschafter in London ernannt, der vor Jahren Helene, die Tochter des Mr. Charles Moulton aus New York, geheiratet hatte. 1886 waren sie geschieden worden. In den folgenden Jahren freundete sich indessen die Tochter des Grafen und der Gräfin Hatzfeldt, Helene, mit dem Prinzen Max zu Hohenlohe-Öhringen an, dessen Wunsch, sie zu heiraten, durch die Tatsache behindert wurde, daß er den gesellschaftlichen Makel vermeiden wollte, der damals der Tochter geschiedener Eltern anhaftete. Infolgedessen wollten Graf und Gräfin Hatzfeldt sich wieder verheiraten; dem standen aber gesetzliche und andere Schwierigkeiten im Wege, nicht zum wenigsten die Ansicht des Fürsten Bismarck. Die Kaiserin Friedrich, die in dieser Angelegenheit die Hilfe der Königin Victoria gesucht hatte, schrieb am 13. September 1889 an ihre Mutter:

"Ich habe Paul Hatzfeldt vorgestern gesehen; er war Dir sehr dankbar und sprach mit Tränen in den Augen. Es wird in einer oder zwei Wochen alles in Ordnung sein, er wird dann wenigstens ein Heim haben und seine Kinder können von ihrem Haus und ihren Eltern sprechen, ohne zu erröten.

Fürst Bismarck und sein Sohn haben bei alledem eine höchst peinliche Rolle gespielt und wollen jetzt Wilhelm vorreden, daß sie niemals Schwierigkeiten gemacht hätten, während das Gegenteil wahr ist; ein Versprechen, ein gegebenes Wort, heißt nichts für sie und soll auch niemals gehalten werden. Ich weiß das und habe es am eigenen Leibe in 25 Jahren erfahren. Lügen werden als ganz belanglos betrachtet. Auf jeden Fall scheinen sie den beiden Herren ganz gut zu bekommen, während diejenigen, die genug Gentlemen waren, sie zu glauben, als ihre Opfer gefallen sind. Fritz Holstein und Arnim liegen in ihren Gräbern. Sandro ist zur Verzweiflung gebracht worden, Keudell starb beinahe, Roggenbach kann kaum über alles hinwegkommen, und Geffckens Stellung ist vernichtet worden. Hatzfeldt wäre zu dieser Liste hinzugekommen, aber das Schicksal hat es im letzten Augenblick anders bestimmt. Wenn Wilhelm Menschen wie den Grafen Hatzfeldt, Keudell und den Fürsten Radolin um sich hätte, würde er nicht in einer Phantasiewelt leben, wie er es tut, aber das Netz, das ihn umgibt, ist so unauflöslich geknüpft, daß es keinen Sinn hat, ihm die Wahrheit zu sagen. Man muß Geduld haben - vielleicht ist es später möglich. Hatzfeldt darf nie allein mit ihm sein. Keiner meiner Freunde hat Zutritt zu ihm, während unsere erklärten Feinde und die, welche sich am schlechtesten gegen uns benommen haben, seine Umgebung bilden. Unter diesen Umständen sind mein Leben und meine Stellung sehr unangenehm und peinlich. Aber ich weiß, daß es im Augenblick nicht anders sein kann und bin entschlossen, es mit so viel Ruhe, Geduld und Philosophie zu tragen, wie ich kann. Jede Vorstellung, jeder Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit oder ein Hinweis auf ihr besseres Gefühl würde sie nur veranlassen, sich an ihrem Einschüchterungsfeldzuge gegen mich noch mehr zu freuen. Ich bin machtlos, während sie die Waffe der Staatsgewalt schwingen und ihre Macht in jeder Weise mißbrauchen können ..."

Vierzehn Tage später, am 27. September, schrieb die Kaiserin an ihre Mutter:

"Als ich Hatzfeldt in Homburg sah, teilte er mir mit, daß seine Ziviltrauung stattfinden würde, sobald er die schriftliche förmliche Zustimmung vom Auswärtigen Amt oder vom Kanzler habe (ich weiß nicht, wen von beiden er meinte); er hoffe, dieses Aktenstück in zehn Tagen oder zwei Wochen zu erhalten; diese Zeit muß jetzt verstrichen sein. Gestern erwähnte jemand, daß die Ziviltrauung des Grafen Hatzfeldt am 22. stattgefunden habe, aber ich weiß nicht, ob dies sich so verhält; ich neige zum Zweifel.

Was Sir Edward Malet meint, weiß ich nicht, aber ich bin sicher, daß, wenn es noch irgendwelche Zweifel in der Lage gibt, es das beste sein würde, wenn Sir Edward sie privatim mit dem Grafen Hatzfeldt bespräche. Daß eine Falle immer zu befürchten ist, habe ich lange gewußt, und wie ich glaube, auch immer gesagt, aber Hatzfeldt ist so vorsichtig und klug und so schlau, so ruhig und überlegt, daß ich mir vorstellen kann, er würde nicht in die Fallen geraten, die man ihm immer stellt. Du hast keine Vorstellung von der Doppelzüngigkeit, der Unglaubwürdigkeit und Grundsatzlosigkeit des Fürsten Bismarck, seines Sohnes und ihrer Bande von Angestellten im Auswärtigen Amt.

Die Anzahl der Personen, die dazu gebraucht werden, das Gewebe ihrer Lügen und Machenschaften zu spinnen und ihre Wünsche, Pläne und Absichten auszuführen, ist nicht zu nennen. Wilhelm ist vor drei Jahren in ihre Kreise gezogen worden, ohne die für solche Dinge notwendige Erfahrung oder Einsicht zu besitzen. Du entsinnst Dich, wie er in seiner Begeisterung für Fürst Bismarcks 'System' sich selbst gegen seine Eltern mißbrauchen ließ. Er vertraut diesen Leuten, mit denen allen Kessel gut Freund ist; sie wissen, wie man Wilhelm behandeln muß, so daß keiner, weder Hatzfeldt noch sonst jemand, Wilhelms Hilfe und Unterstützung gegen irgendeine vielleicht geplante Schurkerei haben würde. Ich bin in genau der gleichen Lage! Fürst Bismarck griff mich heftig vor ganz Europa in seiner bezahlten Presse an, er verleumdete unseres geliebten Fritz Andenken, und seine ganze Partei folgte ihm bedingungslos. Wilhelm versuchte niemals, dem Einhalt zu gebieten oder uns zu verteidigen, veranlaßte niemals, daß die Wahrheit ans Licht käme, und so hatten ihre Lügen Erfolg!! Roggenbach, Geffcken, Loë Morier, Stosch, Sir M. Mackenzie beweisen alle dasselbe, nämlich daß wir ohne alle Hilfe sind; alles, was diese Partei tun oder sagen will, kann sie kraft ihrer Macht vollbringen! Sie haben nun aus Wilhelms Empfang in England das gemacht, was sie konnten - es überrascht mich nicht, da ich es vorher wußte. Sie sagen, daß kein Herrscher jemals vorher so gefeiert worden ist, daß es nicht der Wahrheit entspräche, irgend etwas in Deutschland seit dem März 1888 sei jemals von der öffentlichen Meinung in England oder von Dir mißbilligt worden; dieses sei alles Zettelung und eine gehässige Erfindung von mir gewesen; der Kaiser habe genügend Gelegenheit gehabt, sich selbst davon zu überzeugen!

Ich kann nicht sagen, daß dies einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hätte, da ich darauf nach den Worten, dem frohlockenden und verächtlichen Ton des Fürsten Bismarck und seines Sohnes vorbereitet war.

Ich bin vollkommen vereinsamt; mein Leben kann sich augenblicklich nur darauf beschränken: zu lernen, es mit Tapferkeit zu ertragen. Niemand ist da, der mich verteidigen oder unterstützen oder mir helfen könnte, niemanden kann ich um Genugtuung für alle Leiden bitten, weil alles, was ich tue, planmäßig getadelt und verurteilt wird.

Der gütige Hatzfeldt, mit dem ich auch sprach, sagte sehr richtig, daß nichts zu machen sei und Erklärungen, Rechtfertigungsversuche nutzlos schienen - da das über Wilhelm geworfene Netz sich als zu stark erweise, würde es ihm nicht gestattet, die Wahrheit zu vernehmen, selbst wenn er sie hören könnte; es sei ihm unmöglich, alle die geschickten Machenschaften zu durchschauen, die angestellt werden, um ihm eine gewisse Überzeugung beizubringen. Die Verhältnisse können sich ändern, Menschen können sterben oder verschwinden, andere durch einen glücklichen Zufall sein Ohr gewinnen, dann wird vielleicht eine Zeit kommen, in der mir Gerechtigkeit widerfährt. Dann werde ich vielleicht aufgehört haben, mich darum zu sorgen oder zu leben. Hatzfeldt hofft, betet und denkt immer, daß Du mit der Zeit Einfluß auf Wilhelm gewinnen könntest; vielleicht würde es, wie ich denke, auch Bertie gelingen. Aber leider verstärken die Empfindungen, die Bertie, trotzdem er die Geschichte vom letzten Jahre vollkommen überwunden hat, aussprechen mußte, ihren Mut und lassen sie weniger Furcht vor Beleidigungen haben - sie glauben, daß sie tun können, was sie wollen, um es später zu erklären, und sind überzeugt, daß jeder ihre Erläuterungen annehmen muß! Glaube mir, daß die gegenwärtigen Machthaber sich nur denen gegenüber gut benehmen, vor denen sie eine gewisse Angst haben! Zu allen, die sie nicht fürchten, sind sie unverschämt! Rußland wird mit der größten Rücksicht und Mäßigung behandelt.

Solange die beiden Bismarcks, Waldersee und Kessel den hauptsächlichsten Einfluß ausüben, ist es leicht, zu sehen, daß ich nur eine schreckliche Zeit haben kann. Sogar Stockmar und Lyncker, die in ihrer Weise anständige Menschen sind, deren Partei ich immer ergriffen habe, mögen mich nicht; Du weißt wie sich Charlotte und Bernhard gegen mich gestellt haben, da sie vom König von Sachsen, Fritz von Baden und sogar von der Kaiserin Augusta darin bestärkt worden sind, obgleich die letztgenannte persönlich immer sehr nett zu mir ist! So ist die Lage, ich kann es nicht ändern. In Privatfamilien könnte so etwas kaum vorkommen! Ich hätte mich mit all meinen Sorgen und Verfolgungen an Dich oder an meine Brüder und Schwestern wenden, sie um Hilfe bitten und ersuchen können, mit mir zu kämpfen! In meiner Stellung kann ich so aber nicht handeln. England muß tun, als wisse es nichts von den Angelegenheiten des deutschen Hofes, und darauf halten, daß die Beziehungen zwischen den beiden großen Ländern nicht durch Familienangelegenheiten gestört oder verschlechtert werden. Aus politischen Gründen und aus Höflichkeit können meine Brüder, englische Prinzen, gegen den deutschen Kaiser nicht so offen sein, wie wenn er ein beliebiger Mensch wäre.

Meine ungeschützte Lage ist natürlich dem Fürsten Bismarck sehr angenehm; er und seine Partei ziehen aus ihr soviel Vorteile, wie sie nur können. Unsere Freunde sind niemals blinde Parteigänger seiner Regierung gewesen; die Schläge, die er ihnen austeilt, treffen mich. Ich beklage mich nicht und hoffe, daß ich Dich mit alledem nicht allzusehr langweile. Ich dachte, daß Du vielleicht von mir hören wolltest, wie ich die Lage beurteile.

Ich will Dir ein anderes Mal erzählen, was ich von den politischen Vorgängen denke; ich kann mich nicht entsinnen, daß die Aussichten je so dunkel waren wie jetzt, weil gar keine Hoffnung besteht. Bismarcks Pläne und Politik werden nicht mit seinem Weggang verschwinden, da sich Wilhelm darauf festgelegt hat; aber ich hoffe bestimmt, daß, wenn Fürst Bismarck stirbt, seine unheilvollen Maßnahmen mit mehr Erfolg bekämpft werden können, da sein Ansehen nicht länger da ist, um alle anderen niederzuhalten, Für die auswärtige Politik wäre sein Tod kein Vorteil, da sein Name immer noch Deutschlands Feinde in Schach hält; und weil er in seinem hohen Alter entschlossen ist, einen Krieg zu verhindern, ist er vorsichtig und versteht es, schlau alles zu vermeiden, was Mißhelligkeiten schaffen könnte. Waldersee, und erst recht Wilhelm sind unklug und gedankenlos. Wir könnten in endlose gefährliche Unternehmungen gestürzt werden (Besuch Elsaß-Lothringens mit dem König von Italien, Kolonialunternehmungen in Afrika usw.), so daß vielleicht Fürst Bismarcks Bleiben in seiner Stellung in gewisser Weise gut ist, obgleich es die Gefahren der inneren Politik um das Zehnfache vermehrt! Despotismus und Chauvinismus sowie die reaktionäre Bewegung müssen alle diejenigen zur Verzweiflung bringen, deren Handlungen nicht nur durch Selbstsucht bestimmt sind.

Die enormen Geldopfer, die das Volk für die Armee bringen muß, schaffen in den Massen eine tiefgehende Unzufriedenheit, von der Wilhelm nichts weiß; Bismarck kümmert sich nicht im geringsten darum."

Im weiteren Verlauf ihres Briefes spielt sie auf einen Besuch in Dänemark an:

"Die Königin von Dänemark war sehr freundlich und liebenswürdig - sie betet die Russen an. Der König war wie immer reizend. Friedrichs ältester Sohn ist ein sehr netter, frischer Junge... Die liebe Alix [später als Gemahlin König Eduards VII., Königin Alexandra von England] war mit ihren beiden süßen Mädchen der Mittelpunkt des Ganzen. Der liebe Tino [Konstantin von Griechenland] und Georg [später Statthalter von Kreta] sind sehr kluge und nette junge Männer. Alix von Griechenland war süß und lieb, aber wachsbleich, so schrecklich blutarm. Sie und Paul scheinen sehr glücklich. Der Lärm, den sie alle machten, und die wilden Spiele, die sie aufführten, waren einfach unbeschreiblich... Ein oder zweimal mußte ich laut lachen, wenn sie alle Huckepack spielten und herumtobten. Es war ein ganz neues und originelles Schauspiel, manchmal allerdings sehr töricht; sie schienen glücklicher und unterhielten sich besser als Kinder von fünf oder sechs Jahren. Tino und Georg sind stark wie zwei junge Herkulesse. Ich wundere mich nur, daß sie sich nicht Arme oder Beine gebrochen haben. Auch das Mobiliar der Königin von Dänemark muß ungewöhnlich stark sein - nur die Sprungfedern eines Sofas mußten, glaube ich, von Zeit zu Zeit erneuert werden ..."

Endlich schloß die Kaiserin ihren langen Brief mit einer scharfsinnigen Auslassung, die sich mit Bismarcks Haltung gegen England während dieser Zeit beschäftigt:

"Hatzfeldt", schrieb sie, "wird eifersüchtig überwacht; man würde sich freuen, ihm einen Streich zu spielen, wenn man es könnte. Aber er ist immer auf der Hut.

Um es einfach auszudrücken, was ich vorhin sagte: Fürst Bismarck unterstützt jetzt alles, was wie eine Verbeugung gegen die englische Regierung aussieht. Er möchte seinen Deutschen klarmachen, daß er nur einem England feindlich gesinnt war, das mit dem Kaiser Friedrich sympathisierte und andere Beziehungen pflegte als die von ihm eingefädelten, vorgeschlagenen und gebilligten. Das England, das mit dem gegenwärtigen Regime und nur mit seiner Regierung sympathisiert, ist das, mit dem er in jeder Beziehung auf freundschaftlichem Fuße zu stehen wünscht!! Das war der Sinn des Sturmes, den er im April 1888, im Juni und Juli dieses traurigen Jahres entfesselte und der Hintergrund des Feldzuges gegen Morier, Ich glaube, daß er zu Lord Salisbury und auch zu Lord Rosebery großes Vertrauen hat. Den letzteren hält er für einen reinen Bismarckianer und hat damit vielleicht gar nicht unrecht! Ich beneide Lord Salisbury nicht, aber sicher ist sein Weg der Verständigung mit Bismarck bewunderungswürdig, und er zeigt viel Geduld, Takt und Scharfsinn.

Fritz sah in Hatzfeldt immer seinen zukünftigen Minister des Äußeren; er ist auch bestimmt der einzige, der nach meiner Ansicht dem Kanzler auf diesem Felde seiner Tätigkeit folgen könnte; aber ich sehe natürlich keine Möglichkeit für seine Wahl. Wenn Bismarck sich jemals zurückzieht, so folgt ihm bestimmt sein gräßlicher Sohn; es wird sehr schlimm sein."

Einige Wochen später verheirateten sich Graf und Gräfin Hatzfeldt aufs neue; in den ersten Monaten des Jahres 1890 hatten sie die Genugtuung, daß ihre Tochter Prinzessin Max von Hohenlohe wurde.

Am 27. Oktober 1889 fand eine andere Heirat statt, nämlich die der Prinzessin Sophie mit dem Prinzen Konstantin, dem Herzog von Sparta. Die Kaiserin Friedrich, die Herrscher von Deutschland, Dänemark und Griechenland, der Prinz und die Prinzessin von Wales und der Zarewitsch von Rußland waren bei den Hochzeitsfeierlichkeiten in Athen zugegen, von wo aus die Kaiserin am selben Tage an die Königin Victoria schrieb:

"Inmitten all des Getriebes und Lärmes muß ich Dir ein paar Worte schreiben, um Dir mitzuteilen, daß die Hochzeit vorbei und alles sehr gut gegangen ist. Tino und seine kleine Frau sind in ihrem neuen Haus, das nicht groß, sondern ein gut Teil kleiner als Osborne-Cottage, aber hell und freundlich und bequem ist etwa wie eine kleine französische Villa; es erinnert mich sehr an unsere Villa Zirio in San Remo. Meine geliebte Sophie sah so süß und ernst und ruhig aus, mein kleines Lamm, und ich fühlte mich während des Gottesdienstes recht elend, da ich an meinen geliebten Fritz dachte und mir überlegte, wie gern er sein Kind gesehen hätte und wie wir einander getröstet hätten, nun, da wir von ihr scheiden müssen. Ihr Kleid und der Kranz standen ihr sehr gut. Ihr Hals und ihr Nacken sahen weiß und hübsch aus, und der Kranz schmiegte sich schön fest um ihren Kopf. Das Kleid war von weißem Atlas mit einem Einsatz aus Silberstoff und garniert mit Spitzen, gestickten Lilien und Girlanden von Orangenblüten und Myrten. Die Schleppe war aus weißem Atlas mit Silberstickerei in Genueser Ornamenten des 16. Jahrhunderts. Die einzige Unannehmlichkeit war, daß der Schleier fehlte. Wahrscheinlich hatte man ihn in Berlin vergessen. Sie mußte einen einfachen aus Tüll tragen. Um den Hals trug sie eine Perlenkette und im Haar ein paar Diamantnadeln, um den Schleier festzuhalten. Die Zeremonie in der griechischen Kirche war sehr lang, kam mir aber feierlich und eindrucksvoll vor; die Kirche ist schön, obgleich sie modern ist. Die Bischöfe mit ihren runden Mitren und langen Bärten sahen sehr gut aus, auch waren alle Anordnungen auf das beste getroffen. Der König selbst hatte alles bestimmt. Das Wetter war prachtvoll, wie an Deinem Jubiläumstag, und nicht zu heiß; es wehte ein angenehmes Lüftchen. Wir fuhren mit unseren tief ausgeschnittenen Kleidern in offenen Wagen, ich mit dem lieben Bertie, was mir eine große Freude bedeutete. Oft dachte ich Deiner und des lieben Papas und meiner Hochzeit, als ich dann das liebe junge Paar vor dem Altar stehen sah. Beide hielten brennende Kerzen und mußten dreimal rund um den Altar gehen (wie Du weißt). Der protestantische Gottesdienst war sehr kurz, aber in der kleinen Kapelle hier sehr hübsch. Der Kaplan des Königs und Kögel hielten ihn ab. Der erstere vermählte das junge Paar und der zweite gab ihnen den Segen und sprach ein Gebet; zwei kurze Choräle wurden gesungen, dann gingen wir in das obere Stockwerk zum Familienfrühstück. Ich fühlte mich sehr traurig, versuchte aber, tapfer zu sein. Die Königin von Dänemark und die liebe Olga waren sehr gut zu mir. Nach dem Frühstück erschien Sophie in einem sehr hübschen weiß und goldenen Kleid mit Haube und fuhr dann durch die Stadt. Die arme Moretta und Mossy konnten sich nicht länger halten und schluchzten bitterlich. Olga, der König und ich eilten zu Fuß nach Sophiens und Tinos Hause, um sie dort zu empfangen. Olga segnete sie und gab ihnen ein Bild des Herrn, um es zu küssen (wie es hier Sitte ist), dann verließen wir sie in ihrem neuen Heim, wo sie nun bis zum Galadiner sich ausruhten, zu dem sie wieder erschienen. Sophiens Schleppe wurde von Dita Perponcher, Mlle. de Perpignan und Mlle. Soutso, ihrer neuen Hofdame, getragen.

Victoria von Wales war nicht wohl und konnte nicht zum Diner erscheinen, aber sie war auf, kam, um Sophie zu sehen, und wohnte dem Gottesdienst in der protestantischen Kapelle bei. Olga ist gerade jetzt sehr schön und hat das Gesicht einer Madonna. Die Königin von Dänemark ist zu bewundern, daß sie imstande ist, all die Anstrengungen auszuhalten. Mein liebes Kleeblatt, mein Trio, wie Du sie zu nennen pflegtest, ist nun zersprengt; ich fühle das mit bitterem Schmerz. Wahrscheinlich wird nun eine nach der anderen von mir gehen, aber es wird schwer sein, wenn der Tag kommt. Sehe ich meine liebe Moretta an und denke daran, was hätte sein können und sein müssen, fühle ich einen heftigen Stich, besonders wenn ich Sophie mit ihrem Tino sehe. Tino war entzückt über Deine reizenden Fruchtkörbe und wird Dir selbst sobald wie möglich danken."

Die Kaiserin verbrachte den Rest ihrer Erholungszeit in Italien, aber selbst damals wandte sich ihr Geist wieder und wieder den tragischen Ereignissen des vorhergehenden Jahres zu. Selbst wenn sie gewünscht hätte, sie zu vergessen, wäre es schwierig gewesen, da der Strom von Aufsätzen und Schmähschriften, die sich mit der Krankheit und dem Tod Kaiser Friedrichs beschäftigten, nicht aufhörte. Besonders eines dieser Erzeugnisse verursachte ihr viel Aufregung. Gegen Ende des Jahres veröffentlichte der berühmte deutsche Schriftsteller Gustav Freytag einen Band Erinnerungen unter dem Titel "Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone". Die Kaiserin hatte Freytags Bekanntschaft in den ersten Jahren ihrer Ehe gemacht; er war ein treuer Freund ihres Gatten gewesen. Auch ihr Onkel, Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, war ein guter Freund und Patron des begabten Romanschriftstellers. Nun zeichnete Freytag in seinen Erinnerungen ein Bild des toten Kaisers, das die Kaiserin betrüben mußte. Freytag stellte als Tatsache hin, daß der Kaiser Friedrich, als Kronprinz fremden Einflüssen unterworfen, ganz unter der Herrschaft seiner britischen Gemahlin gestanden habe; es wurde angedeutet, daß mit Hilfe der Kronprinzessin, der Prinzessin Alice und anderer Mitglieder der englischen Königsfamilie wichtige deutsche militärische Geheimnisse während des Deutsch-Französischen Krieges die französischen Kommandostellen erreicht hätten. Die in diesem Bande veröffentlichten Briefe der Kronprinzessin und die Veröffentlichung des Kriegstagebuches des Kaisers Friedrich im Jahre 1922 genügen, um diese grundlosen Verdächtigungen zu entkräften; damals aber wurden sie von den meisten Deutschen als wahr hingenommen, und weder Bismarck noch Kaiser Wilhelm taten irgendeinen Schritt, um die vorsichtig versteckten Angriffe zurückzuweisen. Freytag wurde sogar in hohen Kreisen wegen seines verleumderischen Werkes auf das wärmste gelobt. Am 14. Dezember 1889 schrieb die Kaiserin aus Neapel an ihre Mutter:

"... Es ist wirklich bezeichnend, daß der arme Geffcken, dessen Veröffentlichung taktlos und töricht war, aber den Zweck verfolgte, dem Volke Fritzens wahre Persönlichkeit zu zeigen, gefangengesetzt wurde und alle unsere Freunde unter Verfolgungen zu leiden hatten. Natürlich war das nicht Geffckens Sache, aber die Absicht war gut. Freytags Schrift ist in 'anschwärzendem' Sinne abgefaßt, um der Welt klarzumachen, daß Fritz überschätzt wurde und ich eine Gefahr für Deutschland bedeutete. Dafür ist Freytag mit Lob überhäuft worden und bleibt natürlich ganz unbehelligt, weil diese Auffassung der Regierung paßt - der Regierung meines eigenen Sohnes. Onkel Ernst beglückwünschte Freytag und lud ihn zum Diner bei seinem Gesandten ein; er ist ganz entzückt von dem Buch.

Es gab einen Direktor des Gothaer Museums, einen Dr. Aldenhoven, von dem wir immer eine hohe Meinung hatten. Ex war mit Fritz Holstein und der armen Fanny Reventlow gut bekannt. Er ist ein ehrlicher Liberaler und einer der wenigen anständigen Menschen in Onkels Diensten. Der alte Seebach mochte ihn auch gern. Jetzt ist Aldenhoven zurückgetreten, weil Onkel Ernst ihm mitgeteilt hat, daß es ihn (Onkel) in Wilhelms Augen bloßstelle, wenn ein Liberaler (Deutsch-Freisinniger) in seinen Diensten bliebe. Ist es nicht ekelhaft, zu sehen, wie der Onkel Bismarck, Wilhelm usw. den Hof macht? Er sollte zu stolz und unabhängig sein, aber ich fürchte, daß Onkel jetzt jeder Unwürdigkeit fähig ist..."

Einige Tage später hatte die Kaiserin eine heftige Erschütterung zu bestehen. Unter den Briefen des Kaisers Friedrich, die am Tage nach seinem Tode aus Friedrichskron weggenommen waren, befand sich ein an die Kaiserin adressierter, versiegelter Brief, der seine Wünsche hinsichtlich des Leichenbegängnisses und anderer Dinge enthielt. Achtzehn Monate lang war ihr dieser Brief infolge eines "Versehens" vorenthalten worden, so daß die Kaiserin erst am 17. Dezember 1889 dies innerliche, ergreifende Schreiben erhielt. Drei Tage später teilte sie der Königin Victoria von Neapel aus mit:

"Ich glaube, daß Du mit mir fühlen wirst, liebe Mama, wenn ich Dir erzähle, was für eine Erschütterung ich vor drei Tagen erlitt, die mich entsetzlich mitgenommen hat. Ich erhielt einen Brief von Wilhelms Hofmarschall, Herrn von Lyncker, der früher unserem Gefolge angehörte, und öffnete ganz unbefangen den Umschlag. Es entfiel ihm ein versiegelter Brief an mich in meines lieben Fritzens Handschrift. Dieser Brief an mich enthielt seine Wünsche, Anweisungen und Befehle hinsichtlich seines Leichenbegängnisses und alles anderen, was geschehen und nicht geschehen sollte, und was er ganz ausdrücklich verbot. Er bittet mich, darauf zu achten, daß diese Dinge auch ausgeführt würden. Diesen Brief hat Lyncker die ganze Zeit über in einem Kasten gehabt, den zu öffnen und zu durchsuchen er vergaß; jetzt hat er ihn zufällig untersucht. Er hat mich ganz krank gemacht und an jene schrecklichen Tage erinnert, als man ablehnte, auf meine Bitten zu hören, die lieben, heiligen, kostbaren Überreste meines Lieblings ungestört zu lassen. Wie roh und grausam sich die gegen mich benahmen, die ich nicht nennen will! Vielleicht hätten sie es nicht gewagt, wenn ich in der Lage gewesen wäre, ihnen diesen Brief zu zeigen, obgleich Wilhelm andere Briefe, die seines Vaters Wünsche ausdrückten, unbeachtet ließ und obgleich sie alles zu wagen schienen, was schmachvoll und schlecht war.

Ich hatte immer die sichere Empfindung, daß Fritz einige Anweisungen hinterlassen haben mußte, sie waren aber, wie Du weißt, nicht zu finden - erst jetzt nach einundeinemhalben Jahre fanden sie sich im Kasten von Wilhelms Hofmarschall!

Ich bin seither nicht mehr imstande gewesen, richtig zu schlafen, so aufgeregt bin ich noch. Lyncker ist sehr bestürzt. Ich bin sicher, er tat es nicht absichtlich, es war wirklich ein Versehen, Zufall und reine Nachlässigkeit, aber es verursacht mir viel Schmerz. Ich schrieb ihm, daß ich ihm deswegen nicht zürne. Aber das Unrecht, das ich erlitten, und mein Leid erwachen in meinem Gedächtnis mit einer Lebhaftigkeit, die mir tödlichen Schmerz zufügt."

Die Veröffentlichung der Erinnerungen Freytags verursachte ein Wiederaufflammen des bitteren Streites über die Handlungen und Gedanken des Kaisers Friedrich; ein Doktor Harmening trat als Verteidiger des toten Kaisers auf den Plan. Unglücklicherweise gab er dem Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha Gelegenheit, ihn wegen verleumderischer Behauptungen zu belangen, so daß der Doktor zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Harmenings Schrift war als Antwort auf eine Arbeit erschienen, in der die Verkleinerung des toten Kaisers einen weiteren Grad erreicht hatte; die Kaiserin glaubte, mit Recht oder Unrecht, daß diese unwürdige Veröffentlichung auf ihren bismarckfreundlichen Onkel, den Herzog Ernst, zurückzuführen sei. Am 24. Dezember 1889 schrieb die Kaiserin aus Neapel an die Königin Victoria:

"Etwas anderes, das mich sehr traurig berührt hat, ist, daß der Mann (ein Dr. Harmening, den ich persönlich nicht kenne) den Prozeß verloren hat, den Onkel Ernst wegen Verleumdung gegen ihn angestrengt hat. Es ist sehr schade. Onkel war sehr schlau und von geschickten Rechtsanwälten unterstützt. Die Folge ist, daß Onkel, der als Verfasser der schuftigen Schrift bestimmt in Frage kommt, frei ausgeht, während der Mann, der tapfer Fritz, Dich und mich verteidigt und in männlichem Ton gesprochen hat, für sechs Monate ins Gefängnis muß und die Kosten zu bezahlen hat. Onkel betrachtet dies als neuen Triumph. Alle unsere Freunde in Deutschland bedauern es tief. Ich schicke Dir einen Zeitungsausschnitt, der über den Prozeß berichtet. Onkel, der Leuten, die ich kenne, eingestanden hat, daß das scheußliche Machwerk von ihm sei, findet sich jetzt vor der öffentlichen Empörung gesichert, da er zu vermeiden wußte, daß seine Verfasserschaft bewiesen wurde.

Dieses Ergebnis ist sehr bedauerlich und ungerecht, aber es ist jetzt überall wohlbekannt, daß er der Verfasser ist, und daß Dr. Harmening, wie das Unglück es wollte, nur nicht imstande war, es zu beweisen. Ich könnte es, wenn ich wollte, aber natürlich kann und will ich so etwas nicht gegen Papas eigenen Bruder unternehmen, auch aus Rücksicht auf Alfred - abgesehen davon, daß ich nicht einen solchen Skandal zu erregen wünsche. Onkel, dem das alles bekannt ist, läßt den Mann, der nur die Wahrheit gesprochen hat, wegen Verleumdung verurteilen."

Vierzehn Tage später kehrte die Kaiserin zum Leichenbegängnis der Kaiserin Augusta, die plötzlich am 7. Januar gestorben war, nach Berlin zurück. Am 11. Januar schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Ich hätte Dir gestern schreiben sollen, aber ich war so erschlagen von der Reise, daß ich zu nervös und aufgeregt war und meine Augen zu wund waren, so daß Du mich hoffentlich entschuldigen wirst. Wir mußten Rom an einem wunderschönen, warmen, wolkenlosen Tage verlassen; die Stadt war in ihrer ragenden Schönheit so wundervoll. Der König, die Königin und viele Freunde, die zu verlassen mir leid tat, waren am Bahnhof. Die Abreise erinnerte mich in grausamer Weise an die von San Remo. Wilhelm war hier am Bahnhof, und ich ließ mich von ihm nach Hause begleiten - die Leere, Verlassenheit und Stille in allen Zimmern machte mir das Herz schwer. Ich zog mich nur um und ging dann ins Schloß und in die Kapelle, wo die arme Kaiserin in ihrem Sarge lag, der wie ein Bett aussah, ganz von Blumen bedeckt. Man hätte denken können, sie wollte gerade zu einem Fest gehen; ihr Gesicht war ruhig und friedlich und sah jünger aus. Sie schien keine Falte zu haben; die Augen, die einen so durchdringend anzublicken pflegten, waren geschlossen; dies gab ihr einen freundlicheren Ausdruck, als ich ihn jemals im Leben an ihr gesehen habe. Ihr falsches Haar lag in Locken um ihre Stirn, die Linie der Augenbrauen und Wimpern war sorgfältig wie im Leben gemalt - ein goldener Myrtenkranz lag um ihren Kopf, und ein breiter Tüllschleier, der sehr gut aufgemacht war, schloß sich um ihr Haupt, ihren Nacken und ihre Schultern und verbarg ihr Kinn; ihre Hände waren gefaltet, daran Armbänder und ihr Ehering. Das Kleid mit goldener Schleppe und Hermelinbesatz, das sie zur Feier ihrer goldenen Hochzeit getragen hatte, war sehr gut um ihren Körper und über ihre Füße gelegt und ausgebreitet und floß weit über die vor dem Sarg befindlichen Stufen herab. Sie sah wirklich prachtvoll und wie eine ganz junge Frau aus. Ich hatte die Empfindung, daß sie sich gefreut hätte, wenn sie sich selber hätte sehen können. Sie war 'die Kaiserin' selbst im Tode und mit all dem steifen Prunk und aller Feierlichkeit umgeben, die sie so sehr liebte. Ich glaube, daß etwas unbeschreiblich Rührendes über dem letzten Schlafe und dem Ausdruck, den er manchmal verleiht, liegt, nur an Einen mich zu erinnern, kann ich nicht ertragen; das Gedächtnis an ihn tötet mich beinahe, und das war mein Engel - ihr Sohn. Gestern abend um 9 Uhr war ich wieder dort (aber ohne die Kinder), um Abschied zu nehmen und einem kurzen Gottesdienst beizuwohnen, ehe der Sarg geschlossen wurde. Die Schloßkapelle war erstickend heiß und voller Lichter. Eine Anzahl der Familienmitglieder war da; ich fühlte mich einsam und hilflos unter ihnen und zwischen diesen Hofbeamten. Niemand führte mich die Treppe hinauf oder herunter; man fühlt sich so beiseitegesetzt und vergessen, daß es mir zu allem meinem Schmerz ein unbeschreibliches Gefühl der Bitterkeit verursacht. Dona meint es wahrscheinlich ganz gut, aber ihr großartiges herablassendes Gehabe bedrückt mich sehr... Wie all das auf Fritz gewirkt haben würde! Er hätte seiner armen Mutter Tod auf das tiefste empfunden. Sein gütiges und zärtliches Herz spendete mehr Liebe, als es empfangen hat."

Die Kaiserin Friedrich hoffte jetzt, daß sie endlich wieder von einigem Nutzen sein könne. Sie war besonders bemüht, sich für das Rote Kreuz und im Hospitalwesen zu betätigen, das seit 1871 unter der Leitung der Kaiserin Augusta gestanden hatte. Aber auch hierin wurde sie wieder enttäuscht, denn der Kaiser übersah sie in aller Ruhe und machte seine Gemahlin, die Kaiserin, zur Schützerin verschiedener Gesellschaften, an denen die Kaiserin Augusta so viel Anteil gezeigt hatte. Am 13. Januar schrieb die Kaiserin Friedrich:

"Ich wollte Dir erzählen, was mich wieder so tief beleidigt hat. Die Kaiserin Augusta stand an der Spitze der Roten-Kreuz-Gesellschaft und des Vaterländischen Frauenvereins. Es sind dies große Verbände, die von außerordentlichem Nutzen sein können, wenn sie gut und wirksam geleitet werden. Seit 1870 war es Fritzens größter Wunsch und seine Absicht, daß ich der Kaiserin Augusta in dieser Eigenschaft folgen solle, wenn sie sich zur Erfüllung ihrer Pflichten zu müde fühlen sollte usw., oder im Falle ihres Todes. Ich habe mich jahrelang mühsam darauf vorbereitet, wie General von Bronsart, Prof. v. Esmarch, der Herzog von Ratibor, Wegner und andere Dir erzählen können. Als mein Unglück kam, freute sich jeder, der nicht mein ausgesprochener Gegner war, bei dem Gedanken, daß dieses Arbeitsfeld und eine so nützliche Beschäftigung mir überlassen bliebe, da alles andere, Luisenorden, Stiftsstellen usw., an Dona übergegangen war, die alle die sozialen Pflichten, Empfänge usw. hat. Ich schrieb darüber letztes Jahr an Luise von Baden und bat auch den Grafen Seckendorff, mit Knesebeck zu sprechen. Ich war es, die der Kaiserin Augusta 1864, 1866 und 1870/71 bei der Pflege der Kranken und Verwundeten half; seit dieser Zeit habe ich mich unaufhörlich mit diesen Dingen beschäftigt. Als ich neulich morgens ankam, sprach ich mit Wilhelm und sagte, daß ich jetzt bereit sei, die beiden Gesellschaften zu übernehmen. Natürlich erwähnte ich weder das Augusta-Hospital noch das Augusta-Stift, da ich mir dachte, daß Dona das Patronat dieser Anstalten habe. Er antwortete: 'Du brauchst Dich nicht darum zu kümmern, meine Frau hat mit der Kaiserin Augusta vor einem Jahr verabredet, daß sie ihren Platz einnehmen und auch Knesebeck in ihrem Dienst beschäftigen solle.'

Also hielten es meine Schwiegertochter und meine Schwiegermutter für richtig, mich zu übersehen und zu schneiden; sie verhinderten, daß ich ein Werk fortführen solle, das natürlich mit der Zeit sehr wichtig werden und mir einen gewissen Einfluß sichern könnte. Die Herren und Damen meines Gefolges sind darüber so gekränkt und bekümmert, daß sie die Tatsache kaum glauben wollten. Du siehst, liebste Mama, wie ich behandelt werde, und wieviel Wilhelms Versicherungen wert sind, wenn er behauptet, alles tun zu wollen, um mir eine Freude zu machen. Es wird lange dauern, bis ich das überwunden habe. Bitte, sprich aber nicht darüber, da die Sache einmal geschehen ist. Die Stöcker-Partei, in deren Hände all dies jetzt übergeht, wird mehr oder weniger frohlocken und sich über die neue mir angetane Demütigung freuen. Die Sache ist geschehen, und zwar in der beleidigendsten Art und Weise; es hat keinen Sinn, ein Wort darüber zu verlieren; es macht es nur für mich unmöglich, in 'Wohltätigkeit' mit Dona zusammenzuarbeiten - das würde ich verweigern. Ich habe etwas Erfahrung, zwar nicht so viel, wie ich gerne haben möchte, aber, wie ich ohne Eitelkeit glauben darf, sicherlich mehr Bildung und Wissen als Dona, so daß es zum Schaden der Wohlfahrt des Volkes sein wird, wenn man diese Gesellschaften daran hindert, sich so zu entwickeln, wie sie es sonst tun könnten. Im Kriegsfalle, den der Himmel verhindern möge, würde ich einfach nichts zu sagen haben, sondern unter Donas Befehlen stehen - was ich bestimmt nicht ertragen würde. Bitte entschuldige, daß ich Dich mit diesen meinen Angelegenheiten behellige - sie sind natürlich sehr unbedeutend, wenn man sie mit größeren und allgemeiner in Frage kommenden vergleicht; aber ich glaube, daß es Dir leid tun wird, daß ich den Kummer dieser Enttäuschung und dieser Behandlung von seiten meiner Schwiegermutter und meiner Kinder erleiden muß. Die arme Kaiserin ist von uns gegangen; ich hege keine Empfindungen gegen sie, die unfreundlich oder nicht recht wären; im Gegenteil empfinde ich es stark, daß sie Fritzens Mutter war, und daß er um sie sehr tief getrauert haben würde; aber nachdem ich über dreißig Jahre ihre Schwiegertochter gewesen bin, bin ich der Ansicht, daß ein Beweis ihres Vertrauens oder ihrer Zuneigung nach alldem, was ich durchgemacht habe, versöhnend gewesen wäre, und daß er mir auch Wilhelms und Donas wegen gutgetan hätte."

Es wurde immer klarer, daß manche Elemente in Deutschland immer unzufriedener mit dem diktatorischen und selbstherrlichen Regiment des Kaisers und des Fürsten Bismarck wurden, besonders seit die Presse schlechte Behandlung erfuhr. Endlich wurde diesen Empfindungen im Reichstag durch den Prinzen Heinrich Carolath Ausdruck gegeben, der im Januar 1890 sich zum Sprecher des wachsenden Unwillens machte. Am 26. und 31. Januar schrieb die Kaiserin Friedrich an ihre Mutter:

"Ich schicke Dir einen Auszug aus einer Zeitung, die eine Rede des Prinzen Carolath im Reichstag enthält; Fritz war immer sehr freundlich zu ihm. Er hat den Mut, wie Du lesen wirst, einen Zustand zu beanstanden, in dem es erlaubt ist, während man der Presse in jeder Beziehung einen Maulkorb anlegt, Angriffe auf Fritz und mich und Dich auszusprechen, wie sie in Onkel Ernsts häßlichem Pamphlet enthalten sind. Wer gegen die Lügen in solchen Pamphleten Verwahrung einlegt, wird eingesperrt, da er Onkel Ernst verleumdet hat. Es ist sehr ehrenhaft vom Prinzen Carolath, so gesprochen zu haben; es wird ihm den Zorn der Regierung und des Hofes zuziehen, aber alle anständigen und unvoreingenommenen Leute werden ihm Beifall spenden.

Ich schicke Dir (schrieb sie am 31. Januar) beifolgenden Artikel über Prinz Carolaths ausgezeichnete Rede und Onkel Ernsts schmähliches Pamphlet. Die Sache ist noch nicht zu Ende, da Onkel Tempeltey veranlaßt hat, zu leugnen, daß er (Onkel) es jemals geschrieben habe. Er hat sich erst damit gebrüstet, es getan zu haben, und ich habe Dir schon im Jahre 1887 von der unheilvollen Wirkung des ersten Pamphletes erzählt, und daß meine drei ältesten Kinder jedes Wort glaubten, das Wilhelm damals gesagt hat. Es streute Mißtrauen gegen den Vater und mich in Wilhelms Seele - das wurde von Bismarcks Partei und falschen ehrgeizigen Menschen genährt und verwirrte Wilhelms Gedanken so, daß es ihn zu allen seinen Taten in den Jahren 1887/88 geführt hat. Es wird Jahre dauern, bis aller Unsinn und alle Lügen aus seinem Kopf schwinden und er Menschen und Dinge in ihrem wahren Licht erblicken kann, da er niemand hat, der einen guten und klugen Einfluß auf ihn ausüben könnte und ihm genügend maßgebend scheint, ihn von allen Mißverständnissen zu überzeugen, deren Opfer er war, und unter denen er immer noch leidet. Solange Fürst Bismarck lebt und Herbert und Herr von Kessel bei ihm bleiben und er ihnen glaubt, würde natürlich jeder Versuch, ihn aufzuklären, hoffnungslos bleiben müssen. Sie haben Waffen, gegen die ein einfacher Außenseiter nicht kämpfen kann; und außerdem ist es ihnen von der größten Wichtigkeit, daß sie nicht in ihrem wahren Lichte gezeigt werden.

Man muß Geduld haben und schweigen lernen. Vielleicht wird eines Tages die Wahrheit ans Licht kommen; aber jede Überstürzung würde alles verderben...

Onkel Ernst ist für vieles verantwortlich. Sein Benehmen gegen Dich, Fritz und mich ist einfach schamlos. Es ist zu betrüblich, da wir alle gut zu ihm gewesen sind und ihn wirklich liebgehabt haben; ich habe niemals geglaubt, daß er ein schlechtes Herz habe, obgleich ich immer wußte, daß er sehr gewissen- und grundsatzlos war und eine Einbildungskraft besaß, die ihm die merkwürdigsten Streiche spielte..."

Inzwischen suchte Bismarck, der geschworene Gegner des Sozialismus, eine Ergänzung des Sozialisten-Unterdrückungsgesetzes von 1878 durchzubringen, die den Sozialismus dadurch endgültig zu bekämpfen trachtete, daß die Bestimmungen des Gesetzes auf unbegrenzte Zeit ausgedehnt werden sollten. Dies verursachte eine scharfe Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und Kaiser Wilhelm, der zum Ausdruck brachte, er wünsche nicht, die arbeitenden Klassen dauernd zu hemmen, sondern wolle, wie Friedrich der Große "ein König der Enterbten" sein. Trotz des Kaisers Widerstand wurde im Oktober 1889 ein Ergänzungsentwurf zum Gesetz vorgelegt, aber am 25. Januar 1890 abgelehnt; das Parlament wurde vom Kaiser aufgelöst. Wenige Tage später, am 4. Februar, erließ der Kaiser zwei Botschaften, in denen er dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen empfahl; zu diesem Zwecke schlug er die Zusammenarbeit von England, Frankreich, Belgien und der Schweiz vor. Am 15. Februar schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria aus Berlin:

"Ich weiß gar nicht, was vor sich geht - mit Ausnahme dessen, was ich in den Zeitungen lese oder von einem meiner Freunde zufällig höre. Wenn ich Wilhelm besuche, was sehr selten vorkommt, sprechen wir vom Wetter, so daß ich jetzt weniger von allen Ereignissen in Berlin weiß, als zu der Zeit, da ich als Mädchen von siebzehn Jahren hierherkam!! Natürlich ist das unvermeidlich, in Anbetracht alles dessen, was hier vor zwei Jahren geschehen ist.

Das Spiel mit dem Staats-Sozialismus ist mir immer sehr gefährlich erschienen! Mein geliebter Fritz war sehr gegen die Annahme des Sozialistengesetzes! Er sah voraus, was die liberale Partei immer vorausgesehen hatte und was sich jetzt ereignet hat; d. h. daß es nur das Wachstum des Sozialismus begünstige und die Sozialisten lehren würde, sich insgeheim zu einer Partei zusammenzuschließen. Das ist jetzt geschehen. Ihre Anzahl hat sich seit dem letzten Jahre mit außerordentlicher Geschwindigkeit vermehrt. Alle die Bergarbeiter, die letztes Jahr an Wilhelm eine Abordnung schickten, sind inzwischen der Partei beigetreten. Jahrelang haben Bismarck und seine Partei Wilhelm daran gehindert, mit anderen Augen als mit ihren zu sehen. Er (Wilhelm) ist vollkommen unwissend, da er niemals mit Politik oder diesen Fragen, die so ernst sind, sich eingehend beschäftigt hat! Er kennt kaum einen einzigen Politiker. Von den Liberalen in Deutschland kennt er keinen einzigen!!! Es ist ihm immer eingeschärft worden, alle unsere Freunde zu vermeiden, und jetzt ist niemand da, der ihm die Wahrheit sagen könnte. Er fragt niemals danach, was sein Vater gedacht hat und getan haben würde, sondern nimmt die Ratschläge der merkwürdigsten und unzuständigsten Leute an, die er zufällig trifft und die reine Dilettanten sind.

Wie wahr ist das Sprichwort: 'Narren laufen dorthin, wo Engel sich fürchten zu gehen.' Der neue Staatsrat ist aus den sonderbarsten Bestandteilen, die gar nicht zueinander passen, zusammengesetzt und enthält kein einziges Mitglied der liberalen Partei!! Männer, die ihr Leben unter den Arbeitern verbracht haben und die ganze Entwicklung der sogenannten 'sozialen Frage' (ein so törichtes Wort) während der letzten dreißig Jahre beobachteten, die keine Klasseninteressen vertreten, nichts für sich selbst wollen, sondern nur Wilhelm vor der Gefahr, und zwar um seines Vaters willen, zu retten wünschen, werden übersehen! Sie haben kein Mittel, sich ihm zu nähern oder ihm ihre Ansichten vorzutragen und ihm so ein rechtzeitiges Wort der Warnung zukommen zu lassen. Fürst Bismarck, dessen Schuld die gegenwärtige Lage ist, erkennt natürlich die Übereiltheit, mit der alles geschieht, und billigt sie nicht. Er spricht oft nach rechts und links vom Rücktritt! Wahrscheinlich rechnet er damit, daß Wilhelm in eine außerordentlich schwierige Lage kommen wird und daß man ihn dann anflehen werde, alle Maßnahmen, die er für richtig hält, auszuführen. Er ist so klug, daß er aus den Fehlern anderer außerordentlich gut das Beste für sich herauszuschlagen versteht, auch aus denen seines Herrschers. Wilhelm ist so unreif, daß er Fehler macht, die einem den Atem benehmen. Mit sich selbst ist er vollkommen zufrieden, und die Schmeichelei, mit der er dauernd überhäuft wird, läßt ihn sich vollends als Genie fühlen!! Es macht mich sehr unglücklich, mein eigenes Kind von Gefahren umringt und Hals über Kopf in Dinge stürzen zu sehen, deren Lauf er nicht versteht! Er hört auf Hinzpeter, wenn es sich um christlichen Sozialismus handelt. Hinzpeters Gedanken hören sich sehr gut an, sind aber leider zu schulmeisterlich und weltfremd, als daß sie die einzigen sein könnten, die zum Ziele führen. Außerdem ist Hinzpeter kein Politiker von Beruf. Er ist außerordentlich gütig und hilfsbereit den Armen gegenüber, aber seine Auffassung der Frage ist sehr einseitig. Wilhelm hört auch auf einen Grafen Douglas (einen großen Esel) und Geheimrat von Heyden, einen liebenswürdigen Mann, einen Maler, der vor dreißig Jahren Bergwerksbeamter war. Wie das alles enden wird, weiß ich nicht! Ich halte den Erlaß für sehr unverfassungsmäßig; außerdem ist er nicht gegengezeichnet. Niemand weiß, was er daraus machen soll. Alle, die wie ich die ungesunde Entwicklung der deutschen Politik in den letzten zwanzig Jahren verfolgt haben, können über die ungeheure Verwirrung, in der sie sich jetzt befindet, nicht erstaunt sein, da ein junger, ganz unerfahrener, völlig unwissender Mann die Leitung hat, der in sehr selbstherrlicher Weise über große Macht verfügt und keine klugen Leute um sich hat. Mit dem 'Mob' zu liebäugeln, unabhängigen Männern aber den Mund zu verbieten, war immer ein Teil der Richtlinien des Fürsten Bismarck, wie es auch zu denen des Kaisers Napoleon III. gehörte. Wenn indessen dieser merkwürdige Staatsrat ein wenig Gutes schafft, muß man sich freuen, aber ich fürchte, daß Deutschland unruhigen und stürmischen Tagen entgegengeht! ..."

Die Reichstagswahlen im Anfang des Jahres 1890 hatten eine Vermehrung der Sozialisten im deutschen Parlament zur Folge. Inzwischen hatten England, Frankreich, Belgien und die Schweiz die Vorschläge Kaiser Wilhelms betreffs einer zwischenstaatlichen Zusammenarbeit in der Arbeiterfrage in Erwägung gezogen, und über eine Arbeiterkonferenz wurde verhandelt. Am 19. Februar schrieb die Kaiserin:

"Ist es nicht ziemlich schwierig, zu wissen, was man mit dieser 'internationalen Arbeiterkonferenz' anfangen soll? Ich halte es für sehr unklug und schlecht beraten, mit einem unvölkischen Plan aufzutreten, ohne sich vorher vertraulich vergewissert zu haben, ob die einzelnen Regierungen es passend oder möglich finden, die Vorschläge anzunehmen! Wohl besteht die Arbeiterfrage in jedem Lande gleichmäßig, aber unter sehr verschiedenen Bedingungen. Eine Konferenz oder ein Kongreß dieser Art ist sehr verschieden von einer 'Post- und Telegraphen-' oder 'Finanz'konferenz oder von einem wissenschaftlichen Kongreß. Man muß ein großes Ansehen auf diesem Gebiete genießen oder eine ungeheure Erfahrung besitzen, um einen solchen Schritt zur Lösung dieser Frage vorzuschlagen. Sie aufzurühren, ohne zu einem sehr schlagenden, wichtigen und befriedigenden Ergebnis zu kommen, ist das Schlimmste, was man tun kann. Es erregt Erwartungen, die zur Enttäuschung verurteilt sind, und regt die Massen auf, anstatt sie zu beruhigen; gerade das muß aber vermieden werden, da es zu Kämpfen - zu Zwangsmaßregeln - vielleicht zu Gewalttaten und dann zu einem Rückschlag führen muß. Fürst Bismarck sieht das wahrscheinlich ein - wünscht er es oder nicht? Wird es ihm und seiner Partei am Ende Vorteil bringen oder nicht? Ich kann es Dir nicht sagen! Ich glaube, daß der Kardinal Manning einen großen Fehler begeht, wenn er Wilhelms Schritt in solchem Maße lobt. Wie anders würde Fritz zu Werke gegangen sein und diese heiklen, gefährlichen Fragen behandelt haben. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Mut und Tollkühnheit. Wieviel Studium und Kenntnis, Erfahrung und Klugheit und gute Ratschläge sind für große Umgestaltungen notwendig! Warum versammelt man nicht die besten Köpfe Europas, um diese Fragen außeramtlich und vertraulich zu besprechen - wie z. B. Sir L. Mallet, de Laveleye, Anatole Leroy-Beaulieu und viele andere? Die Frage würde allmählich reifen, und man könnte durch Befragung der deutschen Liberalen, die am meisten von allen wissen, zu einer Entschließung kommen, die Wilhelms Regierung dann dem Reichstag vorlegen könnte. So, fürchte ich, wird es nur viel Verwirrung und wenig Wirkung geben. Die Verbindung zwischen wirtschaftlichen Fragen und der Arbeiterfrage ist zu innig, als daß man die eine ohne die andere lösen könnte. Nach meiner Ansicht würden Lord Brassey und Lord Armstrong zugeben, daß Fürst Bismarcks Schutzzollpolitik, die Wilhelm so bewundert, ohne sie zu verstehen, den Grund vieler der Übel bildet, unter denen wir zu leiden haben die hohen Nahrungsmittelpreise usw., die für die Arbeiterklassen furchtbar sind, machen natürlich niedrige Löhne noch schlimmer und infolgedessen wird die Zahl der Arbeitsstunden zu hoch. Aber das Gebiet ist zu groß, als daß man es mit einigen Worten abtun könnte. Fritz und ich haben es unaufhörlich studiert, daher ist es nichts Neues für mich! 'Sieh zu, bevor Du springst!' möchte ich in großen Buchstaben über Wilhelms Arbeitstisch schreiben, obgleich es, wie ich fürchte, nicht viel Nutzen haben würde.

20. Februar.

Gestern besuchten mich Fürst Bismarck und seine Frau. Er sprach lange über Wilhelms neuesten Streich. Er erwähnte auch, daß er bald zurücktreten wolle, da er mit so plötzlichen Neuerungen, die in einer solchen Eile und auf den Rat von, nach seiner Ansicht, unzuständigen Leuten ausgeführt würden, nicht Schritt halten könne. Ich glaube sagen zu können, daß er in dieser Hinsicht meint, was er sagt, nehme aber nicht an, daß sein Rücktritt genehmigt werden würde. Ich glaube, daß er vollkommen aufrichtig mit Wilhelm war und versuchte, so gut er konnte, ihn von einem Wagnis zurückzuhalten, das er nicht nur für eine große Gefahr hält, sondern von dem er sich auch keinen Erfolg versprechen kann. Da er erkannte, daß Wilhelm es unbedingt versuchen wollte, besonders auf Anraten Hinzpeters, der Wilhelm erzählte, er würde sich damit volkstümlich machen und ein großer Mann werden usw., und da ein Graf Douglas (ein ganz törichter Mensch), ein Herr von Berlepsch (den Fürst Bismarck infolgedessen sofort als Minister vorschlug) und der Maler G. von Heyden dasselbe taten, verdichtete Fürst Bismarck, wie er sagte, seine Bemühungen darauf, den Schritt so harmlos ausfallen zu lassen, wie es ihm möglich war; er schrieb den Erlaß von neuem und bat, daß alles auf die Diplomatie Bezügliche aus dem in Aussicht genommenen zwischenstaatlichen Kongreß - oder der Konferenz - weggelassen werden solle. Soweit handelte Fürst Bismarck nach meiner Ansicht sehr klug und sehr pflichttreu gegen Wilhelm; ich konnte ihm nur recht geben! Natürlich sprach er über keine politischen Grundsätze; mit diesen hätte ich nicht übereinstimmen können, wie Du weißt. Aber ich bin sicher, daß der Rat, den er Wilhelm gegeben hat, in diesem Falle klug, verständig und nützlich war; es tut mir sehr leid, daß er nicht angenommen worden ist.

Ich fand den Fürsten Bismarck bemerkenswert kräftig und wohl aussehend; er neigte dazu, die Dinge sehr gleichmütig aufzufassen. Er hat Wilhelm sehr gern, während er Fritz nie leiden konnte. (Das ist nur natürlich.) Aber wahrscheinlich fühlt er sich angesichts des großen Selbstvertrauens, der Unbefangenheit, mit der Wilhelm seinen Willen ausführt und Verantwortlichkeiten übernimmt, und auch den merkwürdigen Leuten gegenüber, die bei Wilhelm Zutritt und Gehör finden, sehr unbehaglich.

Bitte, betrachte das alles als vertraulich. Ich sehe alle diese Dinge als vollkommen Fernstehender und unbeteiligter Beobachter.

21. Februar.

Seitdem ich das letzte geschrieben habe, ist mir der Tod des armen Sir L. Mallet zu Ohren gekommen. Ich bin sehr, sehr traurig, er war ein so vornehmer Mensch! ...

Ich habe gerade mit Kurier Deinen lieben Brief bekommen, für den ich Dir vielmals danke. Natürlich ist alles, was zum Besten und wirklichen Nutzen der arbeitenden Klassen geschieht, ein Schritt zum Besseren, den jedermann mit Freude begrüßen sollte. Aber Wilhelm hat sich niemals im geringsten um die Armen oder um die Arbeiter gekümmert und weiß gar nichts von ihnen, sonst würde er mehr Leute um Rat gefragt und versucht haben, bessere Belehrung zu erhalten; auch hätte er versucht, den Schritt, den er unternommen hat, sorgfältig vorzubereiten. Mir gegenüber hat er politische Angelegenheiten seit dem Jahre 1888 nicht erwähnt. Ganz bestimmt werde ich ihm gegenüber keine Bemerkung machen oder meine Meinung anbieten, wenn sie nicht gewünscht wird, nachdem ich derartig behandelt worden bin und so viel Beleidigungen und Rücksichtslosigkeiten habe hinunterschlucken müssen! Ich würde niemals verstanden oder angehört werden. Daher könnte ich nichts Gutes tun! Vielleicht wird die Zeit einst kommen, aber ganz bestimmt ist sie noch nicht da.

Er fragt nicht um Rat und kümmert sich auch nicht darum, was seine Eltern über diese Dinge gedacht haben - sondern glaubt, daß er mit höchster Weisheit begabt ist und man ihn infolgedessen allein handeln lassen muß. Vielleicht wird er um so eher dazu kommen, die Verhältnisse so zu sehen, wie sie liegen; dann will ich mich ganz bestimmt nicht weigern, ihm nach Kräften zu dienen. Es wäre aber ein großer Fehler meinerseits und ein Mangel an rechtem Stolz, wenn ich den Anstoß geben wollte - und Selbstbewußtsein ist das letzte, an dem man hängt, wenn einem alles andere genommen worden ist. Du kannst Dir keine Vorstellung von der grenzenlosen Schmeichelei machen, mit der er überhäuft wird. Seine Mutter ist die einzige, die sich nicht dazu hergibt infolgedessen wird sie natürlich als unangenehmer Mensch angesehen. Viele möchten mich, das letzte Überbleibsel von Fritzens Herrschaft und Erbin seiner Gedanken, loswerden, so daß ich nur vor ihren Anklagen, Verfolgungen, Machenschaften, ihrer ewigen Hetzerei und Klatscherei im Schloß sicher sein kann, wenn ich vollkommen ruhig und duldsam bleibe.

Indessen habe ich den Eindruck, daß es im ganzen besser und nicht schlimmer geworden ist; sie sind weniger eifrig darauf bedacht, mich zu verfolgen, als sie es waren, aber der Boden hier ist vollständig unerträglich - persönlicher Ehrgeiz, Trotz, Eifersucht und Umtriebe herrschen und werden mit noch größerer Unverschämtheit als früher bezeigt. Ich glaube, daß jedermann dies empfindet! Da sie aber bemerken, daß ich nichts will und mich nicht um sogenannten Einfluß bemühe, nicht neugierig bin, ihre Angelegenheiten und Geheimnisse zu kennen, da sie außerdem wissen, daß sie mich nicht in Schrecken setzen oder durch ihre schamlosen Verleumdungen vertreiben können, sind sie es ziemlich müde geworden, Steine auf mich zu werfen, halten mich für harmlos und ohne Bedeutung, so daß natürlich Wilhelm und Dona weniger argwöhnisch und in Verteidigungsstellung oder auf der Suche nach Beleidigungen sind, die wirklich ganz unerträglich waren.

Wenn wir uns treffen, sind wir ganz freundlich zueinander; niemand bemerkt die Wunden und die Stiche in meinem Herzen, noch wie tief ich alles Unrecht fühle, das Fritz und ich gelitten haben."

Vierzehn Tage später, am 7. März, schrieb sie:

"Es ist sehr schade, daß die 'Times' so überflüssige und voreingenommene Bemerkungen über unsere Wahlen macht! Die Freisinnigen sind keine Republikaner oder Demokraten - sie sind etwa so wie die englischen Whigs -,sie wollen eine konstitutionelle Regierung -, so wenig staatliche Einmischung wie möglich -, Freihandel, keinen Sozialismus, keine gesetzlichen Unterdrückungen, keine Verfolgungen von Juden oder Katholiken. Natürlich murren sie zuweilen gegen die Militärvorlage und bekämpfen die Zölle auf Weizen, Brot, Tee und Kaffee. Fürst Bismarck haßt sie ganz besonders; infolgedessen werden sie in jeder möglichen Weise verleumdet. Ich sehe nicht ein, warum die 'Times' sich für ein so unehrliches Verhalten einsetzen sollte. Die Kölnische Zeitung brachte am 4. d. M. einen Artikel, der ungefähr der widerlichste war, den ich je gelesen habe. Ich fürchte sehr, daß er durch Bismarcks Umgebung eingeblasen war.

Ich bin besorgt, daß der arme Willy sich alles sehr leicht vorstellt und glaubt, daß er nur seine Wünsche zu äußern braucht usw. - eine ziemlich kindische Vorstellung. Er ist sehr gewalttätig und selbstherrlich in allen seinen Absichten; man kann aber heutzutage auf solche Weise nicht mehr gut regieren."

Der Weg eines Selbstherrschers ist mit Schwierigkeiten besät; aber selbst wenn es ihm gelingt, sie zu zertreten, kann er niemals mit oder unter einem anderen Selbstherrscher arbeiten. Der Kaiser hatte von Bismarck die Geheimnisse der selbstherrlichen Regierung gelernt, und begann selbstherrliche Ansprüche zu machen. Das unvermeidliche Ergebnis war, daß sie sich wegen der sozialen Frage immer mehr in den Haaren lagen. Am 15. März schrieb die Kaiserin:

"Heute kommen die Abgesandten mit ihrem seltsamen Auftrag an. Wie sehr muß ich eine Verfassung wie die britische loben, wenn ich einen jungen, ganz unwissenden und unerfahrenen Mann den Alleinherrscher spielen sehe, ohne daß ihn jemand daran hindert, Gefahr zu laufen oder Unglück zu erleiden. Es wäre eine merkwürdige Vergeltung, wenn nach allen seinen vielen Sünden Fürst Bismarck gerade dann stürzen müßte, wenn er im Recht ist; kein älterer Mann oder Verwandter ist da, der Wilhelm einen kleinen zeitgemäßen Rat erteilen, ihn warnen oder ihm in politischen, wichtigen Dingen oder in Familien- und Hofangelegenheiten einen freundlichen Wink geben könnte. Wenn wir Wilhelm die letzten vier Jahre für uns selbst gehabt hätten, oder wenn ich ihn wenigstens jetzt beeinflussen könnte, so wäre es möglich. vieles zu verhindern, und er würde nicht so blind und unwissend sein. Leider muß ich sagen, daß die arme Dona keine Hilfe, sondern ein Hindernis bedeutet. Ihr Stolz ist so groß, sie glaubt alles besser zu wissen, weil sie die Kaiserin ist; sie befindet sich immer in der Verteidigung und ist ganz lächerlich anspruchsvoll. Die Schmeichelei, mit der beide überhäuft werden, genügt, um jeder Frau den Kopf zu verdrehen; es ist kein Wunder, daß der ihrige verdreht ist. Sie fragen mich niemals auch nur das kleinste; sie laden mich lediglich zu ihren Familiendiners ein, wie sie es mit jeder Tante oder jedem Vetter auch machen würden. Kein einziger kluger, seines Weges sicherer Ratgeber ist um sie, sondern nur einige anständige und wohlmeinende Leute, andere, die gefährliche Ränkeschmiede sind, aber kein einziger bedeutender Mann und keine hervorragende Frau.

Ich bin ganz aus allem herausgerissen und weiß nur sehr wenig von dem, was im Schloß vor sich geht. Ich treffe Wilhelm und Dona nur bei Familiendiners, in Gesellschaft der anderen; natürlich sind das für mich peinliche Gelegenheiten, aber ich versuche die Stunde einigermaßen angenehm vorübergehen zu lassen und alle meine bitteren Gedanken und Empfindungen zu verstecken.

Dona freut sich ihrer Stellung auf das äußerste; ihr ganzes Gesicht drückt die innigste Befriedigung aus. Sie ist davon überzeugt, daß alles, was Wilhelm und sie tun, denken und sagen, vollkommen ist; ganz bestimmt muß das ein Zustand höchster Glückseligkeit sein. Sie mischt sich in alles, was die Familie tut, jede Kleinigkeit wird ihr hinterbracht; sie befiehlt und bestimmt in einer für die anderen sehr verletzenden Weise, da es von einer so jungen Person ausgeht."

Drei Tage später, am 18. März 1890, trat Fürst Bismarck plötzlich zurück; der Kaiser ernannte den General Leo von Caprivi an seiner Stelle zum Reichskanzler. Inzwischen hatte die Königin Victoria den Brief der Kaiserin Friedrich vom fünfzehnten erhalten und in ihrer Antwort gefragt, warum sie Donas Heirat mit ihrem Sohn Wilhelm so sehr gewünscht habe. Am 22. März antwortete die Kaiserin:

"... Du fragst: warum ich Wilhelms Heirat so sehr wünschte und so hart kämpfte, um sie zu erreichen? Weil unter den jungen Prinzessinnen, die ich kannte (da man es nicht für ratsam hielt, daß er eine Cousine heiraten sollte), Dona mir am geeignetsten schien, eine ausgezeichnete Frau und Mutter zu werden. Wir schätzten und achteten ihren Vater sehr, der großes Vertrauen zu uns hatte; wir waren sehr vertraut mit ihm. Dann hoffte und glaubte ich, daß sie dankbar und anhänglich sein und mir Vertrauen entgegenbringen würde - in diesem Punkt sind allerdings meine Hoffnungen gänzlich enttäuscht worden! Sie hat vollkommen vergessen oder will sich nicht erinnern, oder versteht in der Tat nicht, was sie mir schuldet. Sie hat ein starkes Pflichtgefühl, aber sie scheint ihre Pflichten mir gegenüber nicht zu kennen! Sie ist eine ausgezeichnete Frau und eine ihren Kindern sehr ergebene, wenn auch nicht kluge Mutter! Ich bin froh, daß sie so glücklich ist daß sie und Wilhelm und die Kinder alle wohlauf sind usw. Natürlich bin ich für all das dankbar. Aber für mich selbst, für meinen Trost in meiner Einsamkeit und Sorge sind sie als Hilfe leider nicht vorhanden! Das mag sich mit der Zeit ändern, aber ich bezweifle es sehr. Es ist jetzt nicht der Augenblick, ihnen die Augen über all das zu öffnen, was ich zu erleiden hatte, was sie geflissentlich unbeachtet lassen. Wenn andere Leute um sie wären und ihnen das ganze schändliche Betragen gegen mich in den Jahren 1887 bis 1889 erklären würden, ihnen sagten, wie unwahr alle gegen mich gerichteten Anklagen gewesen sind, würde es ihnen bestimmt leid tun; dann würden ihre Empfindungen wechseln, und ihr Benehmen gegen mich wäre anders - dann könnte ich ihnen auch alles verzeihen, obgleich ich niemals imstande wäre, es zu vergessen.

Ich kann der Art und Weise nicht zustimmen, in der Fürst Bismarcks Rücktritt sich zugetragen hat, und halte es für einen ziemlich gefährlichen Versuch, für ebenso gefährlich, wie die Aufrollung der sogenannten sozialen Frage in diesem Augenblick. Ich fürchte, daß nichts Gutes daraus entstehen wird. Es macht sehr viel Freude, den Gewaltherrscher zu spielen und viel von sich her zu machen. General Caprivi ist ein Soldat, von dem Fritz viel hielt; Fritz hatte immer gehofft, ihn eines Tages zum Kriegsminister zu machen! Er ist ein anständiger, gerader, ehrenhafter Mann von großer Willenskraft, ein wenig widerspenstigem und entschlossenem Willen, der keinen Zugeständnissen zugänglich und ziemlich heftig ist. Ich glaube nicht, daß er das geringste Verständnis für Politik haben könnte, aber er ist nicht fähig, irgend etwas zu sagen, was er nicht wirklich meint; auch steht er Hinterhältigkeiten jeder Art völlig fern!

Bismarcks Weise war vollkommen korrupt und schlecht - aber das ist nicht der Grund, warum Wilhelm den Wechsel wollte; denn nicht einmal dies durchschaut er. Das Genie und das Ansehen des Fürsten Bismarck hätten für Deutschland in bezug auf den Frieden noch sehr nützlich und dienlich sein können, besonders mit einem so unerfahrenen und unklugen Herrscher an der Spitze; ich fürchte, daß Bismarck in dieser Hinsicht noch sehr vermißt werden wird, wie ich auch die Besorgnis hege, daß die Verbindung, die ihn ersetzen soll, nicht stark genug sein kann. Wilhelm bildet sich ein, daß er alles selbst tun kann - Du weißt, daß er es nicht kann -; ein wenig Bescheidenheit und Selbsterkenntnis würden ihm zeigen, daß er nicht das Genie oder der Friedrich der Große ist, der zu sein er sich einbildet - so wird er wohl leider in schwierige Lagen kommen. Wenn Fürst Bismarck zurücktreten mußte, so hätte ihn ein Ministerium mit dem Fürsten Chlodwig Hohenlohe als Kanzler, Hatzfeldt als Minister des Äußeren, Caprivi als Kriegsminister und einem Liberalen als Minister des Inneren ersetzen können; dann hätten wir nichts zu fürchten und brauchten nicht Fürst Bismarcks Rücktritt als Unglück anzusehen. Kluge, erfahrene und vermittelnde Männer würden das Vertrauen Deutschlands und Europas und mit der Zeit, wie ich sicher bin, auch den besten Einfluß auf Wilhelm gehabt haben; die Schranke, die zwischen ihm und mir aufgerichtet ist, wäre bald niedergerissen worden, alle hervorragenden Männer Deutschlands, die jetzt durch die Machenschaften des Bismarcksystems zurückgehalten worden sind, würden allmählich in den Vordergrund getreten sein, ihre Meinungen hätten Gehör gefunden, wären geprüft worden - kurz, ein Zeitalter des Friedens und der Beständigkeit hätte begonnen, wie sie Fritzens Herrschaft bedeutet haben würde! Jetzt sehe ich nichts als Verwirrung - plötzliche, nicht genügend überlegte Entscheidungen, die mit einer ganz bismarckischen Verachtung für die Empfindungen des Volkes ausgeführt werden, aber ohne den Blick des Meisters, den Bismarck oft hatte! Was bei ihm fehlerhaft war, und was jetzt richtig durchgeführt werden müßte, kann Wilhelm nicht erkennen; niemand ist da, der es ihm zu sagen vermöchte, da alle, die ihn beraten könnten, ferngehalten oder mit Absicht in Wilhelms Augen schlecht gemacht worden sind: Du kannst Dir vorstellen, daß ich über den Zustand der Dinge nicht gerade glücklich und erfreut bin..."

Drei Tage später, am 25. März 1890, schrieb die Kaiserin:

"Fürst und Fürstin Bismarck kamen und verabschiedeten sich; General Caprivi stattete mir einen langen Besuch ab. Er kam mir sehr vernünftig vor, ich hoffe nur, daß er Erfolg hat; aber er ist ein sehr gewissenhafter und vollkommen ernsthafter Mann; wenn Wilhelm glaubt (wie er manchmal sagt) nur Leute gebrauchen zu können, die ihm gehorchen und seine Befehle ausführen, wird Caprivi es, wie ich fürchte, sehr schwer, wenn nicht ganz unmöglich finden, die Pflichten seines Amtes zu erfüllen, die in den Augen des Volkes mit einer ungeheuren Verantwortlichkeit verbunden sind. Wilhelm ist ein selbstherrlicher Mensch durch und durch und hat einige sehr merkwürdige Vorstellungen über diesen Punkt. Fürst Bismarck erzählte mir viel Wertvolles. Er beklagte sich nicht geradezu, aber ich hatte den Eindruck, er empfinde es sehr schmerzlich, daß er nicht mit der seinem Alter und seiner Stellung gebühren den Rücksicht behandelt worden ist. Wir schieden freundschaftlich und friedlich; ich bin froh darüber, da es mir leid getan hätte - ich hatte zuviel in den langen Jahren seiner Herrschaft zu leiden wenn ich in irgendeiner Weise rachsüchtig erschienen wäre, was ich wirklich nicht bin. Viele empfinden den bevorstehenden Rück tritt seines Sohnes als eine Befreiung. Vermutlich war der General Verdy du Vernois das Hauptwerkzeug, um den Fürsten Bismarck loszuwerden ..."

Der Sturz des Fürsten Bismarck brachte keine der politischen oder sozialen Änderungen mit sich, auf welche die Kaiserin Friedrich gehofft hatte. Am 29. März schrieb sie an die Königin Victoria:

"... Die Verwirrung scheint mir außerordentlich, und der Zustand der Dinge höchst bedrohlich und unbefriedigend zu sein. Ein Wechsel in den Beziehungen, die unter Fürst Bismarcks Verwaltung als die bedauerlichsten anzusehen waren, ist nicht zu spüren, da ich höre, daß Wilhelm Herbert Bismarck möglichst bald zurückhaben möchte. Es würde ein sehr großer Fehler sein. Das einzig Gute, das ich in all dem sehen kann, ist, daß ein so anständiger Mann wie General Caprivi die Angelegenheiten leitet, aber ich bezweifle sehr, ob er bleiben will oder kann.

Ich glaube, die Konferenz hat ganz gut gearbeitet; wie das Ergebnis sein, und wieviel von diesem Ergebnis zur tatsächlichen Ausführung gelangen wird, ist eine andere Frage, auf die man, nach meiner Ansicht, keine sehr günstige Antwort zu geben vermag..."

Es bleibt offen, ob die Kaiserin recht hatte mit ihrer Ansicht, daß ihr Sohn sich die Dienste des jüngeren Bismarck als Minister des Auswärtigen sichern wollte, jedenfalls trat Graf Herbert am 1. April zurück. Er wurde in seinem Amte von Baron Marschall von Bieberstein ersetzt. Eine Woche später, am 8. April, schrieb die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria:

"Ich kann Dir nicht viel von dem erzählen, was hier in politischer Beziehung vorgeht, aber ich sehe mit Besorgnis in die Zukunft. Alles muß in Eile geschehen und erstaunlich wirken! und aus einer Quelle kommen oder wenigstens zu kommen scheinen! Ich glaube, ein Ministerium Jules Verne mit Lord Randolph Churchill und Lord C. Beresford als beständigen Mitgliedern, mit General Boulanger und einigen Afrikareisenden (der arme Gordon Cumming, wenn er am Leben wäre) und natürlich Richard Wagner, wenn er noch lebte, würde etwa dem allerhöchsten Geschmack am besten entsprechen; ohne Zweifel würden wir einige in ihrer Neuheit und Originalität höchst erfrischende und verblüffende Erscheinungsformen erleben, auch würden Abenteuer aller Art nicht auf sich warten lassen. Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ich bin neugierig, wie lange Caprivi bleiben und was er zu tun imstande sein wird! Er ist sein sehr beständiger, anständiger und entschlossener, sehr konservativer und sehr soldatischer Mann!

Der neue Minister des Auswärtigen hat nicht einmal seinen Namen in mein Empfangsbuch eingeschrieben, noch hat Herbert Bismarck mir seine Entlassung mitgeteilt, oder sich verabschiedet, was um so unhöflicher ist, als er Fritzens Minister war, aber ich bin von Herzen froh, daß ich ihn nicht zu sehen oder mit ihm zu sprechen brauchte! ...

Es scheint mir (fügte sie in einer Nachschrift bei), daß der deutsche Kaiser sich in eine Art Zaren verwandelt und Deutschland mit Ukasen regiert werden wird."

Bismarck war gestürzt, und Wilhelm II. jetzt Alleinherrscher; aber das Ereignis brachte die Kaiserin Friedrich nicht in eine Stellung zurück, in der sie ihrem Wahlvaterlande von Nutzen sein konnte, sondern hatte nur die Wirkung, sie, mit Ausnahme eines kurzen und vorübergehenden Auftrags, in den tiefsten Hintergrund der deutschen Politik und sozialen Angelegenheiten zu versetzen.

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