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Kapitel XVII: Die letzten Jahre

Kaiser Wilhelms Wahl eines neuen Kanzlers, des Fürsten Hohenlohe, erregte die lebhafte Anteilnahme der Kaiserin Friedrich. Er war erst drei Monate Kanzler gewesen, als sie am 4. Januar. 1895 an die Königin Victoria schrieb:

"Ich sah den Fürsten Hohenlohe kürzlich, er schien mir ganz der Rechte, den großen Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat, mit der größten Ruhe zu begegnen. Wilhelms Plötzlichkeit ist nicht die kleinste davon. Wilhelm versteht nicht, Dinge richtig zu machen, sondern spricht und telegraphiert mit der größten Bestimmtheit und der größten Gleichgültigkeit, wo er besser nichts sagen oder seine eigene Meinung langsam bilden und selten ausdrücken sollte. Es macht mich so unglücklich zu sehen, wie Wilhelms Unbeliebtheit hier in der Stadt, in der Armee, in den Provinzen, unter den arbeitenden Klassen usw. wächst. Natürlich ist das Volk oft sehr ungerecht, aber ich fürchte, seine großen Unklugheiten, die er immerfort begeht, bilden die Ursache. Ich kann nichts sagen und nichts tun. Ich wünschte, ich könnte hoffen, daß in dieser Hinsicht eine Besserung eintritt - seine ganze Umgebung ist zu minderwertig, um ihm die Augen zu öffnen und ihm zu helfen, ein Urteil zu bilden. Ich glaube, Fürst Hohenlohes ruhige, verbindliche und würdige Art wird allmählich einen Einfluß auf ihn gewinnen. Er ist klug und geduldig und besitzt viel Takt und Erfahrung..."

Aber auch Hohenlohe war nicht stark genug, um den Kaiser daran zu hindern, immer wieder neue aufreizende Reden zu halten, wie die zur Eröffnung des neuen Reichstagsgebäudes in Berlin am 5. Dezember 1894. Drei Tage später schrieb die Kaiserin an ihre Mutter:

"Im Reichstag hat es gleich einen kleinen Aufruhr gegeben. Die Sozialisten weigerten sich, aufzustehen, als dem Kaiser drei Hochs ausgebracht werden sollten. Ich hoffe, daß der Grund, den sie angaben, Wilhelm zu Ohren kommen wird; ich war in der Tat sehr wütend über sie. Sie sagten, sie könnten einem Mann kein Hoch ausbringen, der seine Soldaten in einer Rede ermahnt hätte, auf die Bevölkerung zu schießen, wenn er es befehle. Das ist natürlich nur eine Ausrede von seiten der Sozialisten, aber sie zeigt das Unheil, das diese unglückseligen Reden anrichten, und beweist, daß das Volk sie nicht vergißt. Es ist ganz überflüssig für einen Herrscher, anwesend zu sein, wenn die Rekruten den Fahneneid leisten, und sie dann feierlich anzureden. Die deutsche Presse (der konservative Teil) ist jetzt ganz ohne Grund sehr englandfeindlich - es ist zu dumm. Ihre Eitelkeit und ihre Eifersucht auf England sind vorsätzlich vom Fürsten Bismarck für seine eigenen Zwecke aufgestachelt worden, so daß jetzt nach seinem Weggang der Teil des Publikums, den er, wenn es ihm gefiel, zu erregen gewohnt war, auffährt, sowie geschrien wird und ihr Patriotismus in den lächerlichsten und ungerechtesten Angriffen gegen Englands Raubgier, Doppelzüngigkeit usw. losbricht; die Lügen, die sie verbreiten, der Unsinn, den sie glauben, sind wirklich unglaublich. Die einzige Möglichkeit ist, sie mit Verachtung zu behandeln, aber die klügeren Leute und alle Liberalen bedauern sie sehr und halten sie für töricht."

Die Beziehungen zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck besserten sich jetzt außerordentlich; bei Gelegenheit des achtzigsten Geburtstages des Kanzlers schenkte ihm der Kaiser am 26. März 1895 in des Exkanzlers Haus in Friedrichsruh einen Ehrendegen.

Trotzdem war es schwierig für den Exkanzler, seine Meinung über die Wendung, welche die deutsche Politik seit 1890 genommen hatte, zu ändern; er urteilte auch fernerhin mit großer Freimütigkeit über die politische Lage. Am a r. Dezember 1895 schrieb die Kaiserin aus Berlin:

"Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß die Dinge hier nicht gut gehen. Herr von Köller besitzt W.s Ohr, und W. ist sehr ärgerlich auf den Fürsten Hohenlohe, weil er auf K.s Entlassung bestanden hat. Wenn W. nur wüßte, welchen Dienst ihm Fürst Hohenlohe erwiesen hat! Herr von K. war einfach entsetzlich; es war nicht möglich, die Zwangsmaßnahmen gegen die Sozialisten und die Presse weiterzutreiben, mit ewigen Verhaftungen und Anklagen wegen Majestätsbeleidigungen zu arbeiten; all das hat große Mißstimmung geschaffen und W. noch unbeliebter gemacht. Leider sieht er die Gefahr nicht - er ist so schlecht unterrichtet und versteht seine Lage nicht; er benimmt sich mehr und mehr wie ein Selbstherrscher, was hier in Deutschland eine Unmöglichkeit bedeutet. Wenn es nicht wegen des Fürsten Hohenlohe wäre, der so klug und freundlich, vorsichtig und duldsam ist und so gut mit den Menschen umzugehen versteht, ein so ausgeglichenes Wesen hat und so außerordentlich selbstlos und ohne Ehrgeiz ist, obgleich er nicht zu den Liberalen gehört, würden noch viel mehr schreckliche Fehler gemacht werden. Die gräßlichen Junker, die das Jahr 1848 verschuldet haben und später die Oberhand über meinen Schwiegervater gewannen, scheinen jetzt allmächtig. Der rückschrittlichste Unsinn wird gepredigt und ausgeführt. Die Frömmelei nimmt überhand und wird von den Hofkreisen aus verbreitet. Es ist wirklich bitter, all diesen Fehlern still zusehen zu müssen. Ich habe den Besuch in Friedrichsruh sehr bedauert, obgleich ich hoffe, daß er nicht ein Zeichen für das ist, was viele erwarten, nämlich ein Ministerium Graf Waldersee und Herbert Bismarck anstatt des lieben Fürsten Hohenlohe. Es würde das Schlimmste für Deutschland sein, aber die Hofpartei, Köller usw., arbeiten an diesem Plan."

Die Ereignisse auf dem Balkan begannen aufs neue Aufmerksamkeit zu erregen. In Bulgarien bemühte sich der Fürst Ferdinand, die türkische Oberhoheit abzuschütteln, und hoffte augenscheinlich, sein Vorhaben durchsetzen zu können, indem er den russischen Einfluß förderte.

"... Ich muß sagen", schrieb die Kaiserin am 4. Januar 1895, "daß ich entsetzt bin, wenn ich lese, was Ferdinand in Bulgarien tut. Er scheint um jeden Preis von Rußland und den anderen Mächten anerkannt werden zu wollen und glaubt, Rußlands Gunst durch alles mögliche Entgegenkommen gegenüber der russophilen Partei erreichen zu können, das ebenso gefährlich wie unwürdig ist und ihm Rußlands Gunst nicht einbringen, dafür aber Bulgarien schaden wird."

Wenige Monate später, im Juli dieses Jahres, wurde Stambuloff, der von 1887-1894 allmächtiger bulgarischer Premierminister gewesen war, von den Mazedoniern in Sofia ermordet. Am 20. Juli schrieb die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria:

"Die Ermordung des armen Stambuloff ist empörend und sehr schlimm für Ferdinand. Die deutschen Zeitungen behandeln ihn sehr streng, sogar, wie ich glaube, allzu hart. Wenn er klug wäre, würde er sofort nach Sofia zurückeilen, eine strenge Untersuchung einleiten und die Mörder vor Gericht bringen (auch wenn sie im Sold des russischen panslawistischen Komitees stehen sollten). Ferdinand scheint weiter mit Rußland liebäugeln zu wollen - in der Hoffnung, anerkannt zu werden, was ihm niemals glücken wird. Mir scheint der Zustand im Osten gerade jetzt sehr unbehaglich zu sein. Die armenischen Greuel, die Lauheit und Mattherzigkeit der Großmächte in ihren Bemühungen, den Sultan zum Einschreiten zu veranlassen! Die Zeichen des Aufruhrs in Mazedonien sind auch sehr beunruhigend. Ich weiß nicht, wieweit die slawische Bevölkerung von russischen Panslawisten ermutigt, aufgehetzt und bezahlt wird, um sich zu erheben. Wenn die slawische Bevölkerung, die Bulgaren usw., versuchen, das türkische Joch abzuschütteln, kannst Du sicher sein, daß die ganze griechische Bevölkerung in Epirus, Thessalien und Kreta dasselbe tun wird - keine Regierung kann sie in Ruhe halten, da dies Ziel ihnen seit Generationen vorschwebt und sie von nichts anderem geträumt und an nichts anderes gedacht haben. Am wenigsten Kraft hätte die griechische Regierung dazu, obgleich sie sich die größte Mühe geben wird. Dann würde der Osten in Flammen stehen, und die europäischen Großmächte, die nicht einer Meinung sind, könnten gegeneinander aufgestachelt oder würden es sogar wahrscheinlich werden; der Gedanke daran ist furchtbar und seine Folgen unberechenbar.

Weißt Du, daß vor einigen Jahren Fürst Lobanoff [der im März 1895 zum russischen Minister des Äußeren ernannt wurde] einen Plan ausgearbeitet hat, um Bulgarien wieder in Ordnung zu bringen (im russischen Sinne), d. h. es für Rußland wiederzugewinnen? Er unterbreitete ihn dem verstorbenen Kaiser, aber er wurde als nicht zeitgemäß beiseitegelegt, und ich fürchte, daß Fürst Lobanoff jetzt, da er im Amt ist, die Zeit für gekommen hält, um den Plan auszuführen. Weiß Lord Salisbury dies? Es ist so schlimm, daß die türkische Regierung und ihre innere Politik immer schlechter werden; alle diejenigen, welche die Türkei unterstützen, sollten, wenn möglich, darauf bestehen, daß einige der schlimmsten Mißbräuche abgestellt werden, was aber natürlich sehr schwierig ist. Die ganze gräßliche Balkanfrage kriecht wieder heran. Man fragt sich, wie man sie behandeln soll. Seit dem Krimkrieg hat sich so viel verändert, und die Lage ist nicht mehr die gleiche. Ich bin sicher, daß es Dich auch beschäftigt.

Wenn man eine Enkelin in Rußland, eine in Griechenland und eine in Rumänien hat, muß man sich bei dem Gedanken beunruhigt fühlen, daß ein allgemeiner Brand ausbrechen kann - der Osten ist ein Pulverfaß, und in diesem Augenblick fliegen genug Funken in der Luft herum ...

Es herrscht die Ansicht, der Sultan setze mehr Vertrauen auf Rußland als auf irgendeine andere Macht - es ist sehr seltsam."

In den wenigen Jahren, welche die Kaiserin Friedrich noch zu leben hatte, besserten sich die Beziehungen zu ihrem Sohne und wurden freundlich. Indessen war es sehr betrüblich für sie, daß die deutsch-englischen Beziehungen, die in den letzten zehn Jahren so gut gewesen waren, sich jetzt immer mehr spannten.

"Was ich überhaupt tun kann, um Schärfen zu mildern," schrieb 1897 die Kaiserin aus England im Jahre 1897 an Baron Reischach, "wo solche hervortreten und ich sie wahrnehme, liegt mir selbstverständlich am Herzen, aber irgendwie auf eine Presse einwirken zu können,ist natürlich für mich in beiden Ländern gänzlich unmöglich. In der anständigen Presse, die ich hier zu sehen bekomme, z. B. Times, Globe, Standard, Daily Telegraph und anderen, habe ich nichts gesehen, was verletzen könnte. Die nicht anständige Presse kommt mir gottlob nicht zu Gesicht, und man kann sie nur verächtlich beiseite lassen. Es wäre bedauerlich, wenn der Kaiser sie vorzugsweise beachten sollte; denn es würde ihm ein schiefes Licht der öffentlichen Meinung geben. Wenn man von allen unschönen Übertreibungen absieht, bleibt leider ein Gefühl des Mißtrauens übrig, das der Kaiser aber sich ganz allein selbst zuzuschreiben hat. Denn das Maß der Zuneigung, das er genoß, war ein ganz seltenes und ein Trumpf in der Hand, mit dem er für Deutschland manche unschätzbaren Vorteile hätte erlangen können. Nur die Zeit kann über alles Geschehene Gras wachsen lassen und ein gegenseitiges Vertrauen wiederherstellen. Dies halte ich aber auch für schwer, solange der Ton der gesamten deutschen Presse so ist, wie jetzt seit zwölf Monaten, wo in Schimpfen, Schmähen und giftigen Tönen alles erschöpft worden ist, was nur auszudenken über England. Man sagt hier sehr wenig darüber, vor mir wird das Thema kaum jemals erörtert. Aber die Wirkung wird sein, daß England, zur Überzeugung kommend, daß Deutschland grundsätzlich uns feind sein will, nicht nur der Kaiser allein, mehr und mehr in die Arme von Rußland und Frankreich getrieben wird, was alle Politik auf den Kopf stellt, die ich mein ganzes Leben lang als die heilsamste vor Augen gehabt, als wünschenswertes Ziel, daß die beiden germanischen Völker und protestantischen Staaten zusammenhalten und zusammenwirken. Diese schöne Hoffnung ist allerdings jetzt vorläufig zunichte geworden, möchte sie dereinst wieder auferstehen. Der Schaden, den Deutschland sich selbst zufügt, ist jedenfalls noch größer als der, den es England zufügt. Diese Tatsache weiß man wohl kaum ganz in Berlin zu würdigen. Wie gesagt, man merkt hier von irgendeiner Verstimmung im täglichen Leben nichts. Die Königin rühmt stets, daß der Kaiser nie eine Gelegenheit vorübergehen läßt, um freundlich, höflich und aufmerksam zu sein. Er sei außerordentlich liebenswürdig und teilnehmend bei dem Tode des alten Admirals Sir Alexander Milne gewesen, und wie Sie wissen, liebt meine Mutter ihren Enkel sehr."

Deutschlands Entschluß, seine junge Flotte weiter auszubauen und im allgemeinen seine Rüstungen zu vermehren, trug viel zu der Spannung zwischen Deutschland und England bei. Es war daher ein Ereignis von ungeheurer Wichtigkeit, als im Sommer 1898 der Graf Murawieff auf Veranlassung des Kaisers von Rußland eine Konferenz der Großmächte zur Erhaltung des Friedens durch teilweise Abrüstung vorschlug. Am 31. August 1898 schrieb die Kaiserin Friedrich an die Königin Victoria:

"Ich möchte noch ein Wort über den russischen Vorschlag und das, was man darüber hört, sagen. Viele Menschen sind entzückt, nehmen ihn ernst und sagen: 'Was für ein Segen! Endlich ist etwas in der auswärtigen Politik geschehen, zu dem sich die vernünftigen Leute gegenseitig beglückwünschen können'. Natürlich haben die Nationen, keine so sehr wie die deutsche, unter der furchtbaren Last der wachsenden Rüstungen gelitten und sind in ihrer Entwicklung gehemmt. Ohne Zweifel ist infolgedessen der Sozialismus gewachsen, da das Land nicht so reich geworden ist, wie es möglich gewesen wäre, wenn das Geld für andere Zwecke gebraucht würde. Andere denken daran, welche unmittelbare Wirkung dieser Vorschlag haben könnte; der Abrüstungsgedanke, der von den Friedensgesellschaften und friedfertigen aber einflußlosen Menschen oder von demokratischen Elementen unterstützt wurde, tritt in einen neuen Abschnitt, da er von einem Kaiser und einer Regierung aufgenommen worden ist. Einige Zeitungen fragen, warum ein solcher Vorschlag nicht von der Königin von England gekommen sei, da sie die einzige wäre, von deren Seite er natürlich erschiene. Meiner Ansicht nach deutet die Plötzlichkeit des Vorschlages, die so wenig im Einklang mit der russischen Vergangenheit, mit ihrem anerkannten nationalen Programm und den neuerlichen russischen politischen Bewegungen steht, auf eine aufgetauchte Furcht. Die Ansicht war verbreitet, daß die einzige Schranke gegen die russisch-asiatischen Eroberungspläne ein Krieg mit England oder ein Bündnis zwischen England und Deutschland oder England und Amerika und Japan sei. Diesen Streich wünschte Murawieff abzuwehren und hat dies ohne Frage in sehr geschickter Weise getan. Der Vorschlag bringt Niki in den Vordergrund, verleiht Rußland Einfluß und Macht und stellt es für den Augenblick in den Mittelpunkt der europäischen Politik. Kann es beim Wort genommen werden? Ich glaube, daß die Russen nur zu ihrem eigenen Vorteil handeln und viel schlauer sind als die westlichen Mächte. Vielleicht fanden sie auch das Bündnis mit Frankreich hier und da ziemlich hinderlich und wünschen sich davon zu befreien.

Bestimmt hat Rußland seit vielen Jahren die endgültige Auseinandersetzung mit England um die Vorherrschaft in Asien vorbereitet. Kaum ein Russe verbirgt dies vor jemandem, außer vor einem Engländer. Erst neulich haben sie Schiffe und Schiffsausrüstungen für 190 Millionen Mark bestellt. Rußland kann England im Augenblick noch nicht bekämpfen und fürchtet, daß die Ereignisse in China es in die Gefahr eines Krieges mit England bringen könnten, bevor die Rüstungen beendet sind. Daher muß es jede solche Gefahr vermeiden, bis seine Flotte in der Ostsee und im Stillen Ozean vermehrt und erneuert ist, bis die mandschurischen und sibirischen Eisenbahnen gebaut sind und es imstande ist, seine Truppen schnell an die verschiedenen wichtigen Punkte zu werfen.

Rußland merkt, daß es in England infolge seines Vormarsches in China Verdacht und Widerstand erregt hat und fürchtet, England könne vorbereitet sein, ihm militärisch entgegenzutreten. Diese Gefahr wird durch die Friedenskundgebung abgewendet und die Verantwortlichkeit für feindselige Handlungen auf Rußlands Gegner, auf England, abgewälzt. Das ist sicher sehr geschickt, scheint mir aber eine List zu sein, da die Russen wissen müssen, daß, wenn ein Kongreß zusammentritt, die Verhandlungen kein Resultat haben werden; aber sie haben dann Zeit gewonnen, während andere sie verloren. Murawieff, dieser schlaue Fuchs, hat ohne Zweifel Nikis Phantasie angeregt, der so vornehm denkend, gutherzig und wohlmeinend ist und es ohne Zweifel mit seinem Vorschlag ernst meint. Ich bin neugierig, was Du zu alldem sagen wirst. Entsinnst Du Dich, als Wilhelm den zwischenstaatlichen Kongreß für soziale Erneuerung, die Arbeiterfrage und die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter vorschlug? Ich sagte, daß der Kongreß nichts erreichen würde, nutzlos sei und niemals ernst genommen werden würde. Daß ich die allgemeine Begeisterung nicht teilen könne, weil man, wenn man ein Erneuerer sein will, sich auch als ein solcher fühlen, die ganze Frage genau kennen und ein durchaus freiheitlich gesinnter, wohlwollender Mensch sein müsse. Ich hatte recht. Nicht viel später wurden die Reden, die sieh mit dem Erschießen von Demokraten beschäftigten, bei allen Gelegenheiten gehalten, und der Kongreß blieb wirkungslos.

Niki ist vollkommen gegen eine Verfassung oder Freiheit für Rußland, das weiß ich; er würde niemals die Zugeständnisse machen, die der Kaiser Alexander II. fertig geschrieben in seinem Schreibtisch liegen hatte. Sie bedurften nur noch seiner Unterschrift, als er den Nihilistenbomben zum Opfer fiel. Die Gefängnisse in Sibirien sind so schrecklich wie nur je. Die Polizei hat alle Macht, und das Volk findet keine Unterstützung - die Unterdrückung in den baltischen Provinzen ist dieselbe wie unter Alexander III. Daher erscheint eine Friedensära kaum mit der Unterdrückung und den Leiden eines noch selbstherrlich regierten Volkes in Übereinstimmung zu stehen, obgleich der Zar ein guter, freundlicher und liebenswürdiger Mann ist, der seinen Untertanen gerne helfen möchte, reinen Herzens und vornehm in seinen Absichten, wahr und aufrecht, ein Mann, der sich bei allen, die ihn kennen, durch sein ungeziertes, einfaches und reizendes Wesen beliebt macht; so bescheiden und ruhig, von so gewinnendem Ausdruck ist er."

Die Kaiserin hatte mit ihrer Voraussage recht, daß kein greifbares Ergebnis aus dem russischen Vorschlag hervorgehen sollte. Bei der Friedenskonferenz in London im Jahre 1899 blieben die Abrüstungsvorschläge ohne Unterschrift, obgleich ein dauerndes Schiedsgericht im Haag eingerichtet wurde.

In den drei letzten Lebensjahren der Kaiserin beschäftigten sie zwei Hauptsachen: die Schicksale ihrer verschiedenen Familienmitglieder und die Kriege, die England im Sudan und in Südafrika führte. Bis zum Jahre 1898 hatte sich die Kaiserin einer ungewöhnlich guten Gesundheit erfreut, hatte aber in diesem Jahre einen Reitunfall und wurde im folgenden Jahre das Opfer derselben Krankheit, an der ihr Gatte gelitten hatte. Am 6. September 1898, vier Tage nach der Schlacht von Omdurman und dem Hissen der englischen Flagge in Chartum, schrieb die Kaiserin an die Königin Victoria:

"Ich hätte Dir gestern geschrieben, um Dir noch einmal für Dein Telegramm zu danken und Dir zu sagen, wie ehrlich ich mich über den Erfolg unserer Waffen und die, wie ich hoffe, bevorstehende Beendigung des ägyptischen Krieges gefreut habe. Ich wollte Dir meine besten Glückwünsche darbringen, wurde aber daran gehindert. Tatsache ist, daß ich einen Unfall erlitten habe, der sehr schlimm hätte auslaufen können, aber glücklicherweise kam ich mit einer leichten Verletzung meiner rechten Hand davon. Ich ritt mit Mossy und Frau von Reischach aus, als mein Pferd vor einer Dampfdreschmaschine in einem Feld erschrak und heftig scheute. Ich versuchte es zu beruhigen, der Groom stieg ab, um es an der Maschine vorbeizuführen, aber es ging rückwärts und drehte sich schnell zur Seite, wobei ich glücklicherweise nach der rechten Seite abgeworfen wurde, während mein Kleid im Sattelhorn hängenblieb, was die Wucht des Falles brach; es war indessen sehr gefährlich, da mein Kopf und meine Schultern auf dem Boden, beinahe unter den Hufen des Pferdes lagen. Indessen konnte ich aufstehen und ging einen Teil des Weges nach Hause zu Fuß; erst abends fühlte ich mich zittrig und steif. Ob es ein Schlag oder ein Tritt auf meine rechte Hand war, weiß ich nicht, aber sie tat außerordentlich weh. Ich ging sofort zu meinem Arzt, der mir verordnete, die Hand in Eis zu legen, was ich auch tat, so daß die Schwellung bald nachließ. Ich kann sie zum Schreiben, aber nicht für andere Dinge gebrauchen. Es war mein Lieblingspferd, ein Vollblut, das im allgemeinen leicht zu reiten ist; aber ich bemerkte auf der Straße, daß etwas mit ihm los war, als es die Maschine hörte, blieb es stehen, schnaufte und ich hatte Mühe, es vorwärtszubringen, dann sprang und bockte es und bäumte sich schließlich, wie ich Dir erzählte. Ich bin gut davongekommen - glücklicherweise nichts von Bedeutung - und fühle mich heute ganz wohl, außer einigem Kopfschmerz. Außerdem schäme ich mich, daß mir das geschehen ist."

Zwei Monate später besuchte die Kaiserin England zum letztenmal; sie wohnte mit der Königin Victoria in Balmoral und bei Lord Rosebery in Dalmeny-Park. Nach ihrer Ankunft aus Balmoral in diesem Hause schrieb sie an ihre Mutter am 31. Oktober 1898:

"Ich war sehr traurig, das liebe Balmoral mit seinen tausend Reizen, lieben und wertvollen Erinnerungen verlassen zu müssen. Ich habe die Zeit dort sehr genossen und bin Dir dankbar, daß Du mir erlaubtest zu kommen und daß Du so gütig zu mir warst. Die Reise verlief sehr gut. Ich bewunderte die Straße nach Ballater mehr denn je; eine Menge goldener Birken schien den Abhängen der Hügel einen prachtvollen Glanz zu verleihen. In Aberdeen konnte ich den Sirdar einen Augenblick sehen, bevor er nach Balmoral aufbrach - wir machten nach dem Lunch im Hotel eine kurze Fahrt zum Hafen, bevor der Zug abging. Die an der Küste entlangführende Linie ist sehr fesselnd, besonders das Überschreiten der Tay- und Forth-Brücken. Es war fast dunkel, und der Mond stieg auf, als wir durch diesen schönen alten Park fuhren."

Im Mai des folgenden Jahres feierte die Königin Victoria ihren achtzigsten Geburtstag; der Brief, den die Kaiserin Friedrich bei dieser Gelegenheit an ihre Mutter schrieb, beweist in hervorragendem Maße die Liebe und Wertschätzung, die zwischen den beiden bestand. Der Brief vom 22. Mai 1899 lautet:

"Da ich leider an Deinem lieben Geburtstage nicht bei Dir sein kann, sollen diese Zeilen Dir wenigstens etwas von dem bringen, was ich Dir so gerne selbst sagen würde.

Sie können die Dankbarkeit, Liebe und Verehrung nicht ausdrücken, die mein Herz erfüllen und alle traurigen Gedanken bannen, noch können sie die herzlichsten und zärtlichsten guten Wünsche und Segnungen aussprechen, die ich für Dich fühle.

Achtzig Jahre der Gnade und Ehre, der Nützlichkeit und Güte, der Prüfungen und Trauer, voller Glück und Freude, wie sie nur wenigen gegeben sind, wenn auch Unruhen und Ängste, die von der einzigartigen Stellung einer Herrscherin und Mutter unzertrennlich sind, Dir nicht erspart geblieben sind. Das ist gewiß ein Grund für uns, Gott zu loben und ihm für so viele Gnaden zu danken und ihn zu bitten, daß frohe und friedliche Jahre den Rest Deines Lebens krönen mögen. Ich weiß, daß der Gedanke an alle die, welche Deinen Geburtstag gerne mit Dir gefeiert hätten, wenn sie noch unter uns weilten, Dich nicht verlassen und daß ihr teures Andenken mit all der Zuneigung, die sie immer unvergeßlich in unserem lieben Vaterhause von Dir empfingen, Dir ins Gedächtnis zurückgerufen wird. Ich vereinige mich mit meinen Schwestern in der Gabe eines Kandelabers für das indische Zimmer und schicke Dir außerdem ein kleines Medaillon, das Du, wie ich hoffe, an ein Armband oder eine Uhrkette hängen wirst.

Möge der Tag schön und das liebe Windsor nicht zu anstrengend für Dich sein.

Ich will Dir heute keinen längeren Brief schreiben, da ich die Flut der Schreiben kenne, die morgen ankommen werden und weiß, wie viele Dir bei ihrer Beantwortung helfen müssen!

Lebe wohl, liebste geliebte Mama - noch einmal laß mich Dir sagen, von wie tiefer Dankbarkeit ich nicht nur für die vergangene Liebe und Freundlichkeit, sondern für all die zärtliche Teilnahme erfüllt bin, die mir so oft ein Trost gewesen ist."

Gegen Ende des Jahres 1899 erregten die verschiedenen Schwankungen des Südafrikanischen Krieges, der im Oktober ausbrach, aufs lebhafteste die Kaiserin, die natürlich auf einen britischen Erfolg hoffte. Sie verfolgte eifrig jede Schlacht und las die täglichen Beschreibungen jedes Gefechtes in der 'Times' und im 'Daily Telegraph', um den englischen Standpunkt kennenzulernen; die Deutschen hatten von Anfang an eine sehr feindselige Stellung gegen England eingenommen und sich auf die Seite der Buren gestellt. Die deutsche Presse hallte von Erzählungen britischer Grausamkeit wider, die bei halbgebildeten Leuten Glauben fanden, und veröffentlichte beißende Kritiken der britischen Kriegskunst. Da die Kaiserin diesen Machenschaften nicht öffentlich entgegentreten konnte, schrieb sie unzählige Briefe an ihre Freunde, in denen sie den britischen Standpunkt vertrat. Am 20. Oktober 1899 wurde die erste Schlacht des Krieges bei Glencoe oder Dundee geschlagen, in der sechs Geschütze der Buren erbeutet wurden. General Sir William Symons, der britische Befehlshaber, wurde indessen im Gefecht tödlich verwundet. Der Sieg erfreute die Kaiserin, die am 24. Oktober an Königin Victoria schrieb:

"Dein gestriges Telegramm hat mir viel Freude gemacht. Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu dem brillanten Erfolg. Leider scheint er teuer erkauft, und tapfere wertvolle Leben sind verloren worden. Du nennst den Ort Dundee, während die Zeitungen die Schlacht Glencoe nennen. Ich weiß, daß die beiden Orte einander ganz nahe liegen, und daß das Lager von Glencoe der am meisten bedrohte Platz war. Wie prachtvoll müssen sich unsere Truppen benommen haben - all das gespreizte und wilde Wesen dieser scheußlichen Buren und all ihre Wut hat ihnen keinen Nutzen gebracht. An Zahl müssen sie bedeutend überlegen gewesen sein. Ich hoffe nur, daß Cecil Rhodes nicht in Gefahr ist, da sie geschworen haben, ihn zu morden und Kimberley anzugreifen. Es tut mir außerordentlich leid, zu hören, daß der arme General Symons tödlich verwundet worden ist. Besteht wirklich keine Hoffnung auf seine Genesung? Armer Mann! Nach so viel Tapferkeit und seiner ausgezeichneten Truppenführung und seinen meisterhaften Anordnungen scheint es so traurig. Es ist ein Vergnügen, die italienischen und österreichischen Zeitungen im Gegensatz zu den französischen, russischen und deutschen zu lesen.

Ich kann mir nicht helfen, daß ich doch hoffe, Du wirst im Frühjahr nach Italien und nicht nach Frankreich gehen. Die Franzosen benehmen sich wirklich zu häßlich. Ich bin neugierig, wie es mit Wilhelms Besuch werden wird. Sein törichtes Telegramm an Krüger ist für ein gut Teil verantwortlich, und es ist mir eine große Genugtuung, daß die deutsche Regierung in gewisser Weise an ihren eigenen Worten zu knabbern haben wird - nach diesem Telegramm verdient sie, jede nur vorstellbare Schwierigkeit zu haben, damit sie sich ihrer Torheit bewußt wird."

Eine Woche später, am 2. November 1899, schrieb die Kaiserin aus Trient:

"Die traurigen Nachrichten der Niederlage von Ladysmith haben mich sehr unglücklich gemacht, und ich kann mir vorstellen, wie sie Dich bedrücken und welche Besorgnis sie Dir und jedermann in England verursachen müssen. Unsere Kräfte waren an dieser Stelle in der Tat zu schwach, um einer solch gewaltigen Übermacht widerstehen zu können. Meine einzige Hoffnung ist, daß wir in der Lage sein werden, den scheußlichen Buren irgendwo anders eine entscheidende Niederlage beizubringen und daß unser Enderfolg nicht zweifelhaft ist. Wenn nur ein Teil unserer Flotte in der Delagoa-Bai läge und Verstärkung von anderer Seite Ladysmith erreichen könnte. Die Buren erhalten soviel gute Ratschläge von deutscher, französischer, russischer und holländischer Seite, daß sie ganz gut wissen, was sie am besten tun und wo unsere schwächsten Stellen sind. Du glaubst nicht, wie schmerzlich ich es empfinde, von Dir fern zu sein.

Mein Arzt kam gestern an, heute beginne ich mit einer elektrischen Massagekur gegen diesen greulichen Hexenschuß, der noch gar nicht besser geworden ist. Der ununterbrochene Schmerz macht mich sehr müde, und meine Hilflosigkeit geht mir auf die Nerven. Mein einziger Trost dafür, daß ich jetzt nicht bei Dir bin, besteht darin, daß ich in meinem gegenwärtigen Zustand in Deinem Hause nur hinderlich wäre."

Die Krankheit der Kaiserin, welche die deutschen Ärzte vorsichtig für einen Hexenschuß erklärten, war indessen etwas sehr viel Ernsteres, und am 7. November 1899 schrieb die Kaiserin Friedrich an Königin Victoria:

"Ich leide entsetzlich bei Nacht an Rückenschmerzen, wenn ich liege oder im Stuhl sitze. Ich kann ein wenig gehen und ausfahren, so daß ich viel in der frischen Luft sein kann, aber ich bin in allen meinen Bewegungen sehr gehemmt.

Es ist ein wahrer Segen, daß Sir G. White in Ladysmith auszuhalten scheint und die Eisenbahnverbindung mit der Küste noch nicht unterbrochen ist, so daß für die Verwundeten gut gesorgt werden kann und neue Truppen am Kap ankommen. Gott gebe, daß alles trotz den schrecklichen Schwierigkeiten einen guten Ausgang nehmen möge."

Diese Briefe sind typisch für die Korrespondenz der Kaiserin mit ihrer Mutter während der folgenden Monate. Britische Erfolge erhoben sie, Niederlagen drückten sie nieder. Sie wünschte dringend, daß Deutschland eine unzweifelhafte Neutralität bewahren und das sicher vorhandene burenfreundliche Empfinden in verschiedenen Teilen des Reiches in Schach halten sollte. Ende 1899 war die Kaiserin, die sich in Italien aufhielt, gezwungen, den größten Teil des Tages im Bett zuzubringen; ihre erzwungene Untätigkeit sprach sich darin aus, daß die Briefe an ihre Mutter häufiger wurden, als sie es gewesen waren. Ein typischer Brief aus dieser Zeit ist der folgende vom 1. Januar 1900:

"Meine ersten Worte heute morgen und mein Motto für das Jahrhundert: 'Gott segne die Königin.' Niemals ist dieses Gebet mit mehr Andacht und Hingebung aus dankbarem Herzen emporgestiegen.

Ich scheide nicht gern auch nur von einem eingebildeten Stück kostbarer Vergangenheit und beginne ungern einen neuen Abschnitt der unbekannten Zukunft, obgleich wir eben dies jeden Tag unseres Lebens tun, nur ohne so feierliche Gedanken, wie wir beim Eintritt in ein neues Jahr und diesmal sogar in ein neues Jahrhundert empfinden.

Ich bin mit meinen Gedanken den ganzen Tag bei Dir und würde so gern mit Dir über die vielen fesselnden und besorgniserregenden Dinge sprechen, die auf uns gehäuft sind. Ich hoffe, die Nachrichten aus Südafrika klingen beruhigender. Wilhelm schrieb mir eine Karte und sagte, er hoffe, daß der Friede bald geschlossen und dies unnütze Blutvergießen aufhören würde. Ich kann mich dieser so geäußerten Empfindung nicht anschließen. Der Himmel weiß, daß jeder Tropfen kostbaren britischen Blutes zuviel ist, aber wir dürfen nicht dazu gebracht werden, einen Kampf aufzugeben, der unvermeidlich war und uns im ungünstigsten Augenblick aufgedrängt wurde. Ich würde das für sehr beklagenswert und verderblich halten, für einen Fehler, der nur unsere Feinde ermutigen und freuen würde, da sie auf das lebhafteste bemüht sind, uns zu schaden; unsere Freunde würde er traurig und unglücklich machen.

Nach meiner Meinung wird England aus diesem Kampf, den es als Teil seiner Mission unternehmen mußte, die darin besteht, Gesittung zu verbreiten und zu befestigen, stärker hervorgehen, als es war. Es wird seine Freunde und Feinde erkennen und die Mängel in seiner Bewaffnung einsehen, die es dann abstellen wird. Das Weltreich wird durch die gemeinsam überstandene Gefahr fester zusammengeschweißt werden. England wird seine Stärke zeigen und zweifellos dem Sturm standhalten.

Ich kann ein wenig im Armstuhl und auf dem Sofa sitzen. Die Schmerzen sind noch sehr heftig. Morgen wird mich Prof. Renvers besuchen, der jetzt versucht, den sehr heftigen und unangenehmen Anfall zu heilen, der mir viel Schmerzen bereitet."

Trotz ihren immer stärker werdenden Leiden war die Kaiserin noch einmal in der Lage, ihren Fuß dem Sinne nach auf britischen Boden zu setzen, da das englische Kriegsschiff "Cäsar" in Spezia landete. Am 25. Februar schrieb die Kaiserin an ihre Mutter:

"Natürlich mußt Du sehr besorgt über den Kampf zwischen Lord Roberts und dem General Cronje sein. Ich zittere in dem Gedanken an all das Blutvergießen und weiß doch, daß eine Entscheidung erst nach ein oder zwei weiteren Schlachten fallen kann. Wenn Cronje geschlagen ist, müssen Ladysmith entsetzt, Jouberts Kräfte unschädlich gemacht, Bloemfontein genommen und Pretoria erreicht werden. Ich bin in fieberhafter Erwartung ...

Ich hoffe, daß ich einige Punkte der reizenden Umgebung sehen kann, wo die Straßen nicht zu schlecht sind, und man nicht lange fahren muß. Ich würde gerne einige Skizzen machen, denn es gibt hier entzückende Orte an der Küste, Felsen und waldige Hügel, die viel wilder sind als die an der anderen Seite der Riviera. Die Dörfer sind fast ganz unberührt und sehr malerisch. Ein wunderschönes Kriegsschiff, der 'Cäsar', lag im Hafen von Spezia; ich ging an Bord. Irgendwie bekam ich es fertig und war in der Tat glücklich, wieder einmal auf einem britischen Schiff zu sein. Natürlich konnte ich es mir nicht ganz ansehen, sondern ruhte mich in der schönen Admiralskabine aus."

Zwei Tage später schrieb sie:

"Ich will Dir nur schnell einen Glückwunsch schreiben, um Dir zu sagen, wie sehr ich mich über die wichtige und ausgezeichnete Nachricht von Cronjes Übergabe mit 7000 Mann an Lord Roberts freue.

Ich kann Dir nicht sagen, wie dankbar ich um Deinetwillen, Lord Roberts und Lord Kitcheners - der Armee im allgemeinen und ganz England wegen bin. Sicher ist damit zum Teil wenigstens eine große Last von Deinem Herzen fortgenommen, jetzt wünscht man nur, daß Ladysmith und Mafeking entsetzt, General Joubert geschlagen, Bloemfontein und Pretoria genommen würden und der Krieg zu Ende ginge. Ich wünsche Sir R. Buller viel Glück und dem armen Lord Methuen auch. Es wäre ausgezeichnet, wenn die Entscheidung vor der Eröffnung der Pariser Ausstellung fiele. Unser Erfolg wäre eine bittere Pille für die Franzosen, Russen und Deutschen, die ihnen nicht schmecken, aber nichts schaden, sondern nur Gutes tun würde..."

Die Entsetzung von Ladysmith erweckte in der Kaiserin die gleiche Freude, und als am Geburtstag Königin Victorias die Entsetzung von Mafeking bestätigt wurde, schrieb die Kaiserin am 24. Mai 1900 aus Kronberg:

"Laß mich Dir wiederum von ganzem Herzen Segen zu diesem uns so teuren Tage wünschen und Dir sagen, daß meine Gedanken mit manchem heißen Gebet bei Dir sind. Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 21., den ich gestern erhielt, und die zwei Telegramme - das eine, das die Nachricht von der Entsetzung Mafekings amtlich bestätigt, das andere teilte mir mit, daß Du gesund im lieben Balmoral angekommen seist, wo Du, wie ich hoffe, Deinen Geburtstag so friedlich und behaglich wie möglich verleben wirst; ein wenig Ruhe wird Dir nach so vielen Anstrengungen gut tun. Es ist sehr verdrießlich, daß die Buren Laings Nek wiedergenommen haben, uns in Natal beunruhigen und Sir R. Buller viel zu schaffen machen, ohne Zweifel in der Hoffnung, dadurch Lord Roberts Vormarsch zu hindern. Wie ausgezeichnet hat Oberst Baden-Powell in Mafeking gewirkt - er verdient alles nur mögliche Lob. Ich fürchte, daß der Krieg noch nicht zu Ende sein, sondern uns noch viel zu schaffen machen wird, aber ich habe das Vertrauen, daß alles gut geht und befriedigend enden wird, daß wir nicht nachgeben werden, keine unangebrachte Großmütigkeit und Milde walten lassen, und daß das Schicksal den alten Heuchler Krüger erwischen wird, trotzdem er schlauer als viele Füchse zusammen ist, ebenso wie den Ränkeschmied Leyds, dessen Lügen immer noch nicht nachlassen..."

In ihrem Briefe an ihre Mutter vom 4. Juli 1900 erwähnt die Kaiserin zum letztenmal ihren Sohn, den Kaiser Wilhelm, der sie wieder durch eine öffentliche Rede verletzt hatte.

"... Der liebe Wilhelm", schrieb. sie, "hat wieder eine neue Rede mit vielem Gedröhn losgelassen. Ich wünschte, die deutsche Regierung gäbe die Politik der fortwährenden Feuerwerke, aufsehenerregender Überraschungen usw. auf, da die Eitelkeit und Einbildung des Publikums und ihr übertriebenes Nationalgefühl dadurch bis zu einem vollkommen lächerlichen Grade aufgestachelt werden ...

Ich bin wieder auf, habe aber große Schmerzen... Es kann aber nichts getan werden, so muß ich es ertragen..."

Der letzte Brief der Kaiserin an ihre Mutter wurde am 5. Oktober 1900 geschrieben:

"... Ich habe", schrieb sie durch die Hand ihrer Tochter Charlotte, "so sehr gelitten, da aber keine Gefahr besteht, so wirst Du Dich, wie ich hoffe, keinen Augenblick meinetwegen beunruhigen. Ich werde für einige Tage nicht in der Lage sein, mein Bett zu verlassen, und die Anfälle, die mich im Rücken, in den Gliedern und Knochen überfallen, sind so häufig, daß es schwierig ist, eine schmerzfreie Stunde zum Schreiben zu finden..."

Die folgenden Monate brachten der Kaiserin keine Erholung von ihrer schrecklichen Krankheit. Es schien, als ob die letzten Monate der Kaiserin durch furchtbares Leiden gezeichnet werden sollten. Aber diese Leiden wurden durch die zarte Fürsorge und Rücksichtnahme, die ihr von einigen Freundinnen und vielen ihrer Verwandten gezeigt wurde, gemildert. Von den letzteren war der teilnehmendste ihr ältester Bruder, der Prinz von Wales, der seine Schwester in Kronberg häufig besuchte. Der älteste Sohn der Kaiserin befand sich nicht weit davon auf dem Schloß in Wilhelmshöhe. Er schien die Besorgnis des Prinzen von Wales für das Befinden der Kranken zu teilen, da sein Benehmen gegen seine Mutter und seinen Onkel immer ungewöhnlich freundlich war.

Der letzte schwere Schlag, den das Schicksal für die Kaiserin in Bereitschaft hielt, war der Tod ihrer Mutter am 22. Januar 1901. Während des ganzen Lebens der Kaiserin war ihre Mutter ihr eine niemals versagende Stütze gewesen, deren zärtliche Liebe die Kaiserin durch alle schwierigen Abschnitte ihres Lebens begleitet hatte.

Das Ende der Kaiserin war nun nicht mehr fern. Am 24. Juli 1901 schrieb Kaiser Wilhelm an seinen Onkel, den nunmehrigen König Edward VII., daß er am 15. Juli die Kaiserin besucht und sie zwar niedergeschlagen, aber fähig gefunden habe, Briefe zu schreiben und an allem, was in der Welt und in der Politik vorging, ebensosehr Anteil zu nehmen wie an Literatur und Kunst. Der Kaiser glaubte nicht, daß es ihr schlechter gehe als beim letzten Besuch des Königs und daß vor dem Winter eine entscheidende Wendung eintreten könnte. Bald darauf aber, am 5. August, starb die Kaiserin. Nach ihrem eigenen Wunsche wurde sie an der Seite ihres Gatten beigesetzt, den sie so sehr geliebt hatte und der ihr das größte Glück, das sie erfahren, gebracht.

Mit der Kaiserin Friedrich verschwand eine der tragischsten Gestalten aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts von der europäischen Bühne. Es ist schwer, rückblickend zu versuchen, Tadel und Lob für die Ereignisse ihres Lebens, die so vielen Streit verursachten, richtig zu verteilen. Sicher ist, daß in jeder zusammenfassenden Betrachtung ihr eigenartig verwickelter Charakter berücksichtigt werden muß. Als Tochter ihrer Mutter war sie natürlich von frühester Jugend an stolz auf ihre britische Geburt. Als sie aber heiratete, um in Deutschland zu leben, hätte sich keine Frau gründlicher in das Leben und die Empfindungen des deutschen Volkes versenken können, als sie es tat. Sie sprach vollendet deutsch und hatte keine Schwierigkeit, den deutschen Standpunkt zu verstehen. Ihr Stolz auf die deutsche Armee, ihre Liebe zum deutschen Volke, ihr heißer Wunsch, daß Deutschland die Oberleitung in allem haben sollte, waren Züge ihres Charakters, die sie eigentlich allen Deutschen hätten lieb machen müssen. Obgleich sie an einen der größten Helden Deutschlands verheiratet, eine Gattin ohne jeden Tadel, eine warmherzige Freundin und eine mildtätige Fürstin war, wurde sie dennoch nicht volkstümlich; der Hauptgrund bestand darin, daß sie in deutschen Augen "die Engländerin" blieb, eine Bezeichnung, die im Deutschland des 19. Jahrhunderts ebensoviel verächtliche Bitterkeit in sich schloß, wie der Ausdruck "Bolschewist" im heutigen England. Eine wahre Erkenntnis ihres Wesens ist vielleicht in den Worten enthalten, die ihr Sohn, der Kaiser Wilhelm, in seinem Buch von ihr sagt: "Sie war in England sehr deutsch und in Deutschland sehr englisch." Das war der Hauptgrund ihrer Unbeliebtheit.

Ein anderer Stein des Anstoßes war, daß sie sich angeblich trotz ihres Geschlechts in Politik mischte; dies war ein Grund für den Bannfluch eines Bismarck und der Junker, die schon längst übereingekommen waren, "Kinder, Kirche und Küche" als die einzigen berechtigten Aufgaben für Frauen anzusehen. Dann war sie liberal; in jenen Tagen zeigten, trotzdem die deutsche Bildungsschicht größtenteils der liberalen Partei angehörte, die regierenden Familien und fast die ganze Aristokratie jedem die kalte Schulter, der auch nur im geringsten des Liberalismus verdächtig erschien. Es war Bismarck gelungen, die liberale Partei durchaus unbeliebt zu machen; daher wagten nur Persönlichkeiten von starkem Charakter, sich als Liberale zu bekennen. Sowohl der Kaiser Friedrich wie die Kaiserin zögerten keinen Augenblick als Kronprinz und Kronprinzessin sich zum Liberalismus zu bekennen; wenn nun auch solche Anschauungen ihm, dem großen Feldherrn, zugute gehalten wurden, gab es keine Duldung für sie als Frau, obgleich die Grundsätze, die man damals für liberal hielt, sehr verschieden von der Bedeutung des Wortes waren, die man ihm heute gibt. Der Liberalismus der Mitte des letzten Jahrhunderts war eine Schule politischen Denkens, die glaubte, daß Fortschritt durch die Mittel einer demokratischen Volksvertretung, wie sie England hatte, erreicht werden könne. Deutschland war im Gegensatz dazu damals ein selbstherrlich regierter Staat, in dem Kanzler und Kaiser die höchste Macht hatten. Hätte man öffentlich an den liberalen Anschauungen der Kronprinzessin Kritik geübt oder sie verurteilt, weil sie sich als Frau um Politik kümmerte, so hätte das zu gefährlichen Rückschlägen und unvorhergesehenen Ergebnissen führen können. Daher war die sicherste Anklage gegen sie, daß sie als Engländerin gegen Deutschland arbeite; das brachte alle patriotischen Deutschen zusammen, gleichgültig, wie ihre innerpolitischen Ansichten sein mochten, und schuf ein Gefühl des Mißtrauens gegen die Kaiserin. Es wurde ferner gesagt, um die liberalen Ansichten des Kronprinzen in verständlicher Weise zu erklären, daß er ganz unter dem Einfluß seiner Frau gestanden habe. Aus diesen Gründen wuchs die Unbeliebtheit der Kronprinzessin, die leider nicht den für ihre schwierige Lage nötigen Takt besaß. Sie war klug und begabt, und wünschte ganz besonders ihrem Wahlvaterlande dienen zu können, aber sie war so erzogen worden, daß sie sich stets mit völliger Offenheit auszudrücken pflegte und niemals zögerte, ihre Ansicht, manchmal mit taktloser Ehrlichkeit, auszusprechen.

Das erschütterndste Ereignis im Leben der Kaiserin war natürlich der Tod ihres Gatten und die beklagenswerten Streitigkeiten, die ihn umgaben.

Seit dem Tode der Kaiserin Friedrich ist der Hauptvorwurf, der ihr gemacht wird, daß sie ihren ältesten Sohn allzu streng behandelt habe. Aber kann jemand, der die in diesem Bande gesammelten Briefe gelesen hat, zu einem anderen Schlusse kommen, als daß in der Hauptsache die Unstimmigkeiten der Handlungsweise des Kaisers zuzuschreiben sind? Bis weit in sein Jünglingsalter hinein gab es keinen Schatten zwischen ihnen. In der Tat waren die Beziehungen zwischen den beiden die besten, bis der Kaiser das elterliche Haus verließ und in die Hände der von Bismarck und Waldersee angeführten Junkerpartei geriet, einer Partei, die zwar Deutschland zur Weltmacht führte, aber schließlich von seiner Höhe herabstürzte. Sobald der künftige Kaiser von dieser mächtigen Gemeinschaft eingefangen war, schwand seine Liebe für seine Mutter; die Folge war eine kühle Gleichgültigkeit gegen sie. Als er den Thron bestieg, war er entschlossen, zu verhindern, daß seine Mutter sich jemals um politische Dinge irgendwelcher Art kümmere. Sie hatte nicht nur fortgeschrittene liberale Überzeugungen, die seiner selbstherrlichen Natur widersprachen, sondern er konnte auch niemals vergessen, daß Bismarck eine "Unterrock-Regierung" verachtete. Infolgedessen war er nicht gewillt, jemals auch nur scheinbar unter dem Einfluß seiner Mutter zu stehen; ob freundlichere Maßnahmen von seiner Seite nicht dieselbe Wirkung gehabt hätten, ist schwer zu sagen, aber er war entschlossen, sie an jeder tätigen Teilnahme am politischen und sozialen Leben zu hindern. Das Tragische der ganzen Sache liegt darin, daß sie ihn wirklich liebte. Wären ihre Empfindungen nicht so stark gewesen, so hätte sein Benehmen sie niemals so heftig verletzt, aber sie liebte ihn und war ihm für die gelegentlichen Zeichen seiner Zuneigung sehr dankbar.

Vielleicht unterschätzte die Kaiserin Friedrich die schwierige Lage ihrer Freunde und sogar ihrer Familienmitglieder. Viele gaben ihr recht; aber dies öffentlich auszusprechen hieß den Zorn des Kaisers und Bismarcks auf sich ziehen. Daher war das sicherste, zu schweigen. Alle, die sich wirklich ihrer Sache annahmen, wie Geffcken, Roggenbach und andere, wurden bis zur Vernichtung ihrer Lebensstellung verfolgt. Man kann sich kaum wundern, daß, als sie aufhörte mitzuzählen, kaum jemand es wagte, vorzutreten und sie zu verteidigen.

Die Kaiserin Friedrich litt unter dem Unglück, zu früh geboren zu sein, und auch, so seltsam es klingen mag, zu lange gelebt zu haben. Bis zum Jahre 1871 war ihr Leben eine bemerkenswerte Reihe von Erfolgen gewesen. Geburt und Kindheit waren glücklich. In ihrer Ehe war sie über alles Maß begünstigt, und die Kriege 1864, 1866 und 1870-1871 krönten ihren Gatten mit wohlerworbenem Lorbeer. Ihre Vereinigung war von acht Kindern gesegnet, die 1872 mit Ausnahme Sigismunds alle lebten. In diesem Jahre hatte die Prinzessin den Gipfel menschlicher Glückseligkeit erreicht, später fiel Schlag auf Schlag auf sie nieder. Erst kam der Verlust ihres geliebten Sohnes Waldemar im Jahre 1879; das nächste Jahrzehnt sah die Aussicht auf den Thron und zu gleicher Zeit die Krankheit und den Tod ihres Gatten. Dann folgte die allmähliche Entfremdung von ihrem ältesten Sohne, der immer wachsende Ring ihrer Feinde, und endlich sehen wir die verlassene Witwe in einer Zurückgezogenheit, die ihr kaum einen treuen Freund gelassen hatte. Verleumdung und Tadel haben sie noch über das Grab hinaus verfolgt. Sie war eine Kassandra, auf die niemand hören wollte, eine Andromache, für die niemand Mitgefühl hatte. Hätte man ihre liberalen Ratschläge befolgt, wäre vielleicht das künftige Unglück vermieden worden. Es ist ein Hohn des Schicksals, daß diejenigen, die sie im Leben und im Tode beleidigten, dieselben waren, deren herrschsüchtige und militaristische Ansichten das Deutschland, das sie liebte, an den Rand des Abgrundes führten. Es liegt in der Natur einer Tragödie, daß man darüber nachdenkt, was alles hätte geschehen können. Hätten die Ratschläge, die sie gab, die ihr die Mißbilligung der Zeitgenossen zuzogen, genügt, um das Unheil abzuwenden, würde Deutschland von seinem späteren Unglück verschont geblieben sein?

Verleumdet, verlassen, mit Mißtrauen betrachtet und sogar verhaßt war sie in Deutschland während ihrer Lebenszeit und noch ein Vierteljahrhundert nachher. Nun ist die Zeit gekommen, in der jenes große Land erkennen wird, daß es in der Kaiserin Friedrich eine Herrscherin besaß, die trotz ihrer Fehler, trotz einiger durch die Beschränktheit aller menschlichen Tugenden bedingten Unzuträglichkeiten immer bemüht war, ihre Kräfte der politischen und sittlichen Führerschaft Deutschlands auf dem Festland zu weihen.

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