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Kapitel II: Frühe Jahre in Preussen

Das Land, das Prinzessin Friedrich zu ihrer Heimat gewählt hatte, war im Jahre 1858 kein europäischer Staat ersten Ranges: Preußen konnte in bezug auf Macht, Reichtum oder Sicherheit nicht mit dem Geburtslande der Prinzessin verglichen werden. Während der napoleonischen Kriege hatte das Königreich, zu einem Schatten seines früheren Selbst zusammengeschrumpft und hinter die Elbe zurückgedrängt, von den Franzosen eine unwürdige Behandlung zu erleiden, die selbst jetzt noch nicht ganz vergessen war. Das Ende der Kämpfe mit Frankreich fand Preußen indessen erneuert und von einem starken Nationalgefühl erhoben; sein Gebiet war durch die Gewinnung des Großherzogtums Posen, des schwedischen Pommern, des nördlichen Teiles von Sachsen, der Herzogtümer Westfalen und Berg sowie der Rheingegend zwischen Aachen und Mainz bedeutend vergrößert worden. Aber selbst nach dieser Einverleibung betrug die Einwohnerzahl Preußens nicht mehr als etwa siebzehn Millionen.

Der erste Schritt zur deutschen Einheit wurde ein paar Jahre später getan, als Preußen den Zollverein gründete, dem 1842 alle deutschen Staaten außer Mecklenburg, Hannover und Österreich beitraten. Preußens Einfluß wuchs durch diesen staatsmännischen Schritt bedeutend, und Friedrich Wilhelm IV., der im Jahre 1840 den Thron bestieg, machte Berlin zu einem Mittelpunkt wissenschaftlicher Schulung. Seine übersteigerten Ansichten über die königliche Macht führten indessen zur Revolution von 1848 und der Vorbereitung einer neuen Verfassung, die das französische Präfektensystem mit dem preußischen Feudalismus zu vereinigen strebte.

Preußen wurde nun immer reaktionärer - während England sich in immer stärkerem Maße liberalen und fortschrittlichen Ideen zuwandte. Außerdem schloß Deutschland - oder was man damals darunter verstand - eine außerordentlich große Zahl kleiner, machtloser Fürstentümer, Herzogtümer und anderer Staaten in sich; alle besaßen eine Herrscher-Familie, deren Armut häufig nur von ihrem Stolz übertroffen wurde. Zwei Herzogtümer lagen an der Grenze Preußens und Dänemarks; sie bildeten einen immer größer werdenden Konfliktstoff. Diese beiden Herzogtümer, Schleswig und Holstein, hatten jahrhundertelang als unteilbar gegolten; indessen war der König von Dänemark Herzog von Schleswig und Holstein, während die Bevölkerung zum großen Teil aus Deutschen bestand und Holstein auch Mitglied des Deutschen Bundes war. Die Bemühungen, diese Provinzen zu Dänemark zu schlagen, führten zu einer Revolution, in der Preußen erfolgreich auf der Seite der Insurgenten kämpfte; das Ergebnis war indessen nur der sieben Monate währende Waffenstillstand von Malmö, der nicht ratifiziert wurde.

Zur Zeit der Hochzeit der Princess Royal gab es daher drei wichtige Fragen in Preußen: die erste betraf die Führung der deutschen Staaten, die zweite beschäftigte sich mit dem Problem, ob Preußen seinen alten Traditionen treu bleiben oder einen liberalen Kurs, ähnlich dem in England befolgten, einschlagen solle; die dritte endlich befaßte sich mit der Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Von Anfang an war es klar, daß in der zweiten Frage die Prinzessin ihren Einfluß zugunsten der fortschrittlichen liberalen Elemente einsetzen würde. Der deutsche Hof, dem die Prinzessin jetzt als führendes Mitglied angehörte, ähnelte dem englischen Hof ganz und gar nicht, da dieser während der damaligen Zeit lustig und jung war. Die Königin Victoria war noch nicht vom Verlust ihres Gatten niedergedrückt, der Hof noch nicht in langjährige Trauer gestürzt. Im Gegensatz dazu zeigte sich der preußische Hof an Regeln gebunden, steif und langweilig; das Leben war eintönig, die Schlösser waren düster und veraltet, die Zeremonien endlos. Der vornehme und weise Regent von Preußen, in der Geschichte als Wilhelm der Erste bekannt, begann sich alt zu fühlen - diese Empfindung fand ihren Widerhall überall am Hofe. In seiner Gemahlin, der damaligen Prinzessin von Preußen, späteren Kaiserin Augusta, fand die Prinzessin Friedrich während vieler Jahre eine treue Freundin und Verbündete, die in geistigem Sinne mehr in das achtzehnte als in das neunzehnte Jahrhundert gehörte. Prinzessin Augusta sprach französisch [1) Die Tatsache, daß Jules Laforgue, der französische Dichter, zu ihrem Vorleser ernannt wurde, zeigt, daß sie literarischen Geschmack besaß.] ebenso gut wie deutsch; unter ihren nächsten Freunden befanden sich viele Katholiken. Als junge Frau war sie voller Herzenswärme gewesen, aber sie hatte bald jene große Weisheit erkannt, die ihrer Schwiegertochter niemals ganz klargeworden ist, daß Umsicht und Vorsicht am preußischen Hofe wichtige Eigenschaften bedeuteten; so kümmerte sie sich fast gar nicht um Staatsangelegenheiten.

Während des Krimkrieges war Prinzessin Augusta proenglisch gewesen, trotzdem der ganze preußische Hof prorussisch empfunden hatte - eine Tatsache, die sie natürlich der Königin Victoria näherbrachte, ihre preußischen Verwandten aber mit Argwohn und Ärger erfüllte. Als die Prinzessin Friedrich in Berlin als junge Frau des vermutlichen Thronfolgers ankam, war der Krimkrieg schon vergessen, und die freundliche Einfachheit und der jugendliche Reiz der Prinzessin brachten alle Kritik, zum mindesten für eine gewisse Zeit, zum Schweigen.

Die Prinzessin Friedrich verbrachte den ersten Winter im Alten Schloß, das eine beträchtliche Zeit unbewohnt gewesen und in vieler Hinsicht die victorianische Lebenshaltung, die englische Hygiene und die britische Behaglichkeit vermissen ließ. Für das junge Paar wurde eine Reihe reich ausgestatteter, aber dunkler und unfreundlicher Räume hergerichtet; die Prinzessin, so erzogen, sich schnell allem Praktischen zuzuwenden und an ersprießlicher Tätigkeit Freude zu finden, fand ihre Verbesserungsvorschläge ständig mit dem Bemerken abgewiesen, daß im Alten Schloß nichts getan, nicht einmal ein Badezimmer eingerichtet werden könne, ohne daß der geisteskranke König seine Einwilligung dazu gäbe.

Die Prinzessin fühlte sich in diesen traurigen und spukhaften Zimmern nur wenig behaglich und empfand die enggezogene Etikette des preußischen Hofes als unerträgliche Beschränkung. "Zu Hause", wie sie bald sehr unklugerweise von England zu reden begann, war sie von Kindheit an daran gewöhnt gewesen, alle Gedanken frei auszusprechen und sicher zu sein, nicht mißverstanden zu werden; nun schien ihre gewohnte Ehrlichkeit und Offenheit den deutschen Verwandten Anlaß zur Kritik zu geben. Unglücklicherweise wurde ihre Unfähigkeit, ihre englische Einstellung zu unterdrücken, mit dem Verlauf der Jahre nicht behoben. Kleinigkeiten gingen ihr auf die Nerven: deutsche Stiefel, der Mangel an Badezimmern, die dünnen Silberteller und der Überfluß an langweiliger Etikette. Obgleich sie den besten Willen hatte, das Vaterland ihres Gatten liebzugewinnen und ihre Vorurteile zu überwinden, behielt sie stets ihre Zuneigung zu England. In einem Brief aus Potsdam vom Jahre 1871 sagt sie:

"Sie können sich nicht vorstellen, wie langweilig, melancholisch und sonderbar mir hier alles vorkommt, da ich von Ihnen allen und meinem geliebten England getrennt bin. Jedesmal, wenn ich dort hinkomme, fühle ich, wie meine Anhänglichkeit an dieses kostbare Stückchen Erde stärker und stärker wird... Der Abschied von ihm und die Rückkehr hierher verursachen mir jedesmal eine so heftige Gemütserregung, daß ich immer ein wenig Zeit und vernünftige Überlegung brauche, um über sie hinwegzukommen."

Zu alledem konnte sie den starren preußischen Geist der reaktionären Partei nicht verstehen; schon früh bemerkte man, daß "die Begegnung mit einem Tory oder einem Reaktionär ihr das Mark in den Knochen gefrieren ließe".

Einige Monate später richteten der Prinz und die Prinzessin sich eine einfachere Wohnung nach englischem Geschmack im Schloß zu Babelsberg ein; in der neuen Umgebung fühlte sich die Prinzessin sehr viel glücklicher. Das kleine Schloß lag am Abhang eines waldigen Hügels, etwa drei Meilen von Potsdam entfernt, sah über die Fläche eines schönen Sees hinweg und gestattete eine reizende Aussicht über das umgebende Land. "Alles", schrieb die Königin anläßlich ihres ersten Besuches, "ist sehr klein; das Schlößchen ist ein gotisches Bijou, voller Möbel, Blumen, die sie sehr hübsch zu arrangieren verstehen, Lampen und Gemälde. Außerdem finden sich eine Menge unregelmäßiger Erker, Türme und Treppen."

Anfang Juni besuchte Prinz Albert seine Tochter und seinen Schwiegersohn in Babelsberg; er schrieb an die Königin Victoria: "Die Beziehungen zwischen dem jungen Paare sind so herzlich wie nur möglich. Ich habe mit ihnen, einzeln und zusammen, gesprochen; unsere Unterhaltungen haben mich im höchsten Maße befriedigt."

Zwei Monate später statteten die Königin Victoria und der Prinzgemahl ihrer Tochter einen längeren Besuch ab, den die Königin als ganz privat und inoffiziell bezeichnete; es begleitete sie aber Lord Malmesbury, der Staatssekretär des Auswärtigen in Lord Derbys neugebildetem Ministerium, dessen Vorgänger Lord Clarendon, und Lord Granville, der Staatsratspräsident unter Palmerstons Regierung gewesen war. Die Königin Victoria freute sich, Feldmarschall Wrangel zu treffen, der damals 76 Jahre alt war und bei Leipzig im Jahre 1813 seinem Regiment die Fahne vorangetragen hatte. 1848 hatte er als Oberbefehlshaber die Berliner Nationalversammlung gewaltsam gesprengt. "Er war ganz erfüllt von Vicky", schrieb die Königin, "und von dieser Heirat; er meinte, sie sei ein Engel."

Am 20. November 1858 zogen Prinz und Prinzessin Friedrich von Babelsberg in das Palais Unter den Linden, das von nun an ihr Berliner Wohnsitz werden sollte. Die Prinzessin Friedrich war von ihrem neuen Heim entzückt; aber wie es auch mit dem Alten Schloß der Fall gewesen war, mußte das Palais erst den modernen Anforderungen an Bequemlichkeit angepaßt werden. Es war immer noch schwer, die Zustimmung des alten und launischen Königs zu erlangen, der am anderen Tage widerrief, was er am vorigen versprochen hatte. Endlich wurde seine Zustimmung zu den unbedingt notwendigen und dringenden Neuerungen erreicht, und die Prinzessin verbrachte mit der Neueinrichtung ihres Hauses viele glückliche Tage.

Die ersten Jahre am preußischen Hof wurden in der ruhigen Zurückgezogenheit des eigenen Heimes verlebt, die allerdings manchmal durch die Beteiligung an den öffentlichen Veranstaltungen unterbrochen wurde; manchmal wurde ihr viel Zeit mit solchen Dingen weggenommen. Sogar militärische Übungen, bei denen sie zu Pferde erschien, gehörten in den Bereich ihrer Tätigkeit; im November 1858 schrieb die Herzogin von Manchester, die selbst Hannoveranerin von Geburt war und später den Herzog von Devonshire heiratete, voller Zufriedenheit an die Königin Victoria:

"Obgleich Eure Majestät erst kürzlich die Princess Royal gesehen haben, kann ich mich nicht enthalten, an Eure Majestät zu schreiben, da ich sicher bin, daß sich Eure Majestät freuen werden zu hören, wie außerordentlich gut Ihre Königliche Hoheit während der Rheinmanöver aussah, und wie beliebt sie nicht allein bei allen ihren Bekannten, sondern auch bei denen ist, die sie nur vom Sehen oder Hörensagen kennen. Die Engländer konnten stolz darauf sein, wie von der Princess Royal gesprochen und wie außerordentlich hoch sie geschätzt wird. Für eine so junge Frau ist ihre Stellung sehr schmeichelhaft, und da die Liebenswürdigkeit der Prinzessin und ihr freundliches, unaffektiertes Wesen in kurzer Zeit ihr die Herzen aller anwesenden Offiziere und Fremden gewonnen haben, wundert man sich nicht über das Lob, das die Preußen Ihrer Königlichen Hoheit in reichem Maße spenden. Die königliche Familie ist groß und in ihren politischen und sozialen Ansichten manchmal so verschieden eingestellt, daß es für die Princess Royal zu Anfang sehr schwer gewesen sein maß, sich mit ihr auf guten Fuß zu stellen; man kann daher die hochsinnigen Grundsätze, den großen Takt, das klare Urteil und die Klugheit Ihrer Königlichen Hoheit nicht hoch genug schätzen.

Eure Majestät würden sich köstlich amüsiert haben, wenn Eure Majestät gehört hätten, wie der General Wrangel mit sehr lauter Stimme erzählte, daß seine Soldaten entzückt gewesen seien, die Prinzessin zu Pferde zu sehen, und daß diese größtes Interesse für sie an den Tag legten; am meisten habe sie gefreut, daß Ihre Königliche Hoheit ohne Schleier ritt. Eine merkwürdige Bemerkung für Soldaten! Der König von Preußen sieht sehr gut aus, aber die Königin scheint mir sehr verändert. Ihre Majestät ist sehr blaß und müde, um ihren Mund liegt ein schmerzlicher Zug... Beide Majestäten waren sehr freundlich, und der Herzog erzählte mir von der großen Gastfreundlichkeit, mit der sie aufgenommen wurden. Jedermann, hoch und niedrig, wetteiferte in Höflichkeit gegen die Fremden, hauptsächlich gegen die Engländer, so daß, wir uns in der Tat der Angriffe schämten, welche die 'Times' immer gegen Preußen richtet, und die in allen preußischen Zeitungen gedruckt und infolgedessen überall gelesen werden..."

Ein freudiges, häusliches Ereignis fand am 27. Januar 1859 statt, als dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich 1859 ein Sohn und Erbe geboren wurde. Die Freude war groß, denn im normalen Verlauf der Geschichte mußte der Knabe als Nachfolger seines Großonkels, Großvaters und Vaters König von Preußen werden.

Einige Zeit schwebten allerdings Mutter und Kind in unmittelbarer Gefahr; wie Prinz Albert an König Leopold schrieb: "der arme Fritz und der Prinz und die Prinzessin müssen eine schreckliche Zeit der Angst durchgemacht haben, da sie nicht auf die Geburt eines lebenden Kindes hoffen konnten". Erst am dritten Tage bemerkte man, daß der linke Arm des Kindes gelähmt, die Schulter verletzt und die umliegende Muskelpartie stark angeschwollen war. Die ärztliche Wissenschaft befand sich noch in einem so elementaren Zustand, daß kein Arzt sich an die Wiederherstellung des Gliedes wagen wollte, das infolgedessen schwach und beinahe, wenn nicht ganz, unbrauchbar blieb. Die Prinzessin übertrug auf dieses erstgeborene Kind ihre ganze mütterliche Sorge und schrieb vierzehn Tage später, am 12. Februar, ihrer Mutter:

"Ich bediene mich der lieben Gräfin Blücher Hand, mit Wegners (des Arztes) Erlaubnis, um Deinen lieben, eben angekommenen Brief zu beantworten. Ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, Dir meine Gedanken mitteilen und Dir endlich für alle Zärtlichkeit und Liebe danken zu können, die Du mir die ganze Zeit über bewiesen hast. Wie tief mich dies alles berührt, ermutigt und entzückt hat, wie dankbar ich Dir und Papa bin, brauche ich nicht zu sagen. Deine Briefe bedeuteten mir ein großes Glück; ich danke Dir tausendmal für alles. Wie innig habe ich am 10. an Dich gedacht und gewünscht, Dir selbst schreiben zu können! Fritz hat Dir aber, wie ich hoffe, alle meine Wünsche übermittelt... Ich fürchte, ich kann heute nicht mehr diktieren, liebe Mama, und will Dir also nur mitteilen, daß es Deinem kleinen Enkel sehr gut geht."

Eine andere Erwähnung ihres "außerordentlich lebhaften" Sohnes findet sich in dem Brief, den die Prinzessin Friedrich an die Königin Victoria am 28. Februar schrieb:

"Dein Enkel ist außerordentlich lebhaft und scheint, wenn er wach ist, nur zufrieden, läßt man ihn die ganze Zeit in der Luft herumtanzen. Er kratzt sich im Gesicht, zerreißt seine Mützen und gibt alle möglichen sonderbaren kleinen Geräusche von sich. Ich bin so dankbar und glücklich, daß es ein Junge ist. Ich sehnte mich mehr nach einem Knaben, als ich beschreiben kann. Mein ganzes Herz hing an dem Gedanken, und also erwartete ich, daß ich ein Mädchen bekäme. Ich kann nicht sagen, daß er jetzt jemandem ähnlich sieht, obgleich er mich dann und wann an Bertie und an Leopold erinnert, was, wie ich fürchte, Dir nicht gerade gefallen wird. Ich bin sehr stolz auf ihn und stolz darauf, Mama zu sein..."

Der kleine Prinz wurde eine Woche später getauft. Die Königin Victoria war, wie sie an ihren "liebsten Onkel", den König der Belgier, schrieb, tief betrübt, der Taufe ihres ersten Enkels nicht beiwohnen zu können, und erboste sich über das "törichte Gesetz in Preußen, das unbedingt eine so frühe Taufe des Kindes verlange". Am 5. März, dem Tage der Taufe; schrieb Lady Bloomfield, die Gattin des britischen Gesandten in Berlin an die Königin Victoria:

"Ich komme gerade von der Taufe Seiner Königlichen Hoheit Friedrich Wilhelm Victor Albert zurück und will keine Zeit verlieren, um Eurer Majestät in ein paar Zeilen mitzuteilen, daß alles so gut vonstatten ging, wie man es sich nur wünschen kann. Ich hatte einen sehr günstigen Platz bei der Tür der Kapelle, in der sich nur die Mitglieder der königlichen Familie aufhielten; das liebe Baby sah sehr hübsch aus und schrie nicht ein einziges Mal. Es schien sich sehr für die Orden des Prinzregenten zu interessieren und bewegte seine kleinen Hände, als ob es mit ihnen spielen wollte. Die Rede des Hofpredigers Straus war nicht zu lang und der Gelegenheit außerordentlich gut angepaßt; nach der Zeremonie war ich sehr glücklich, daß mir endlich erlaubt wurde, die Hand der lieben Prinzessin zu küssen. Ich hatte große Sehnsucht, sie, und sei es auch nur für eine Minute, zu sehen. Ihre Königliche Hoheit sieht gut aus; sie ist nicht dünn im Gesicht und schien ein wenig errötet und nervös; ihre Stimme ist noch etwas schwach, so daß sie bestimmt noch beträchtlicher Schonung bedarf, doch glaube ich nicht, daß die Anstrengung des heutigen Tages zuviel für sie gewesen ist. Sie saß dicht neben des Kindes Korbwiege. Ich hätte so sehr gewünscht, daß Eure Majestät hätten zugegen sein können. Während dieser ganzen interessanten Zeit habe ich so oft gefühlt, wie schwer es Eure Majestät empfinden müssen, abwesend zu sein, aber Gott sei Dank ist alles gut abgelaufen, und ich hoffe, daß nach nicht langer Zeit Eure Majestät das Glück haben werden, die liebe Prinzessin in vollkommener Gesundheit und Kraft wiederzusehen. Ich habe keinen Zweifel, daß Ihre Königliche Hoheit sich sehr viel schneller erholen wird, wenn sie erst wieder ausgehen kann..."

Nach der Geburt des Prinzen siedelte die Familie in das Neue Palais nach Potsdam über, wo Prinz Friedrich zur Welt gekommen war; es sollte für viele Jahre das glückliche Heim der Prinzessin werden.

Im Sommer dieses Jahres reisten Prinz und Prinzessin Friedrich nach England, um ihre freie Zeit mit der königlichen Familie in Osborne zu verbringen. Der älteste Bruder der Prinzessin, der Prinz von Wales, war damals beinahe achtzehn Jahre; man hielt es allgemein für hohe Zeit, daß eine passende Prinzessin für ihn gefunden würde. Die Prinzessin Friedrich war anfangs der Meinung, daß es in der ganzen Welt keine Frau gäbe, die gut genug sei, um ihres Bruders Gattin zu werden; aber sie änderte ihre Ansicht, als die Schönheit und außerordentliche Anmut der Prinzessin Alexandra, der Tochter des Prinzen Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (später König Christian IX. von Dänemark) ihr von ihrer Hofdame Gräfin von Hohenthal gerühmt wurde. Es wurde schnell vereinbart, daß die Prinzessin Friedrich die Prinzessin Alexandra inoffiziell in Strelitz treffen solle; so erfolgte denn im Schloß eines beiderseitigen Großvetters, des Großherzogs von MecklenburgStrelitz, eine Zusammenkunft.

Die Prinzessin Friedrich erklärte sich von der "entzückendsten Person der ganzen Welt" vollkommen bezaubert, sie sei, wie sie ihrer Mutter schrieb, die beste Anwärterin für ihres Bruders Hand. Für den Augenblick konnte indessen der Plan noch nicht verwirklicht werden, da man dem Prinzen das Recht der eigenen Wahl zubilligte. Die Prinzessin Friedrich kehrte mit dem Bewußtsein nach Berlin zurück, alles getan zu haben, was in ihren Kräften stand, um eine ideale Ehe zustande zu bringen.

Unter den Freunden der Prinzessin in Deutschland befand sich damals ein Engländer mit Namen Robert Morier, der verschiedene diplomatische Posten an deutschen Höfen innegehabt und sich eine unübertreffliche Vertrautheit mit der deutschen Politik erworben hatte. Prinz Albert schätzte seinen Charakter und seine Fähigkeiten im Jahre 1858 sehr hoch; als die Prinzessin heiratete, hatte er alles getan, was in seiner Macht stand, um Morier einen Posten als Attaché an der britischen Botschaft in Berlin zu verschaffen. Morier besaß in allerhöchstem Maße die Gabe, sich klar und treffend auszudrücken; seine Offenheit gewann ihm schnell die Achtung der Prinzessin.

Morier hatte auch eine Gönnerin in der Prinzessin von Preußen, der Schwiegermutter der Prinzessin Friedrich. Diese hatte Lord Clarendon gegenüber den Wunsch geäußert, man möchte den jungen Mann doch nach Berlin senden, da er ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter von Nutzen sein könnte. Ein Sohn des gefürchteten Baron Stockmar, bekanntlich Vertrauter des Prinz-Gemahls, der junge Ernst von Stockmar, der gerade Privatsekretär der Prinzessin Friedrich geworden war, war zudem ein intimer Freund Moriers.

Mit Moriers Anstellung begann eine lebenslange vertraute Freundschaft zwischen ihm, dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich. Er wurde und blieb einer der zuverlässigsten Freunde und Ratgeber des Paares, was ohne Zweifel seiner diplomatischen Karriere geschadet hat. Wahrscheinlich hatte Morier, eine bemerkenswert starke und eigenwillige Persönlichkeit, sofort Eifersucht, Mißtrauen und Argwohn erregt; man beschuldigte ihn sogar, durch die Prinzessin den Prinzen Friedrich in unzulässiger Weise beeinflußt zu haben. Als viele Jahre später Sir Robert Morier für den Botschafterposten in Berlin vorgeschlagen wurde, lehnte ihn, als einzigen Namen der überhaupt nicht in Frage käme, der damals allmächtige Bismarck ab.

Im Juni 1859 brach der Krieg zwischen Österreich und den verbündeten französischen und sardinischen Armeen aus; zum erstenmal erlebte es die Prinzessin Friedrich, daß ihr Gatte sich zum Kriege rüstete. Der Prinzregent erklärte zwar die Neutralität Preußens, befahl aber vorsichtigerweise die Mobilisation der preußischen Armee, und der Generalmajor Prinz Friedrich Wilhelm übernahm das Kommando über die erste Garde-Infanterie-Division. Glücklicherweise folgte der schnellen Niederlage der Österreicher bei Solferino bereits im Juli der Friede von Villafranca; die preußische Armee wurde wieder auf Friedensstärke gebracht. Österreichs Niederlage aber rührte aufs neue die Frage nach der deutschen Hegemonie auf. Im November 1859 besuchte die Prinzessin wiederum mit ihrem Gatten England. "Vicky", schrieb ihr Vater an die Herzoginmutter von Koburg, "hat sich in der letzten Zeit außerordentlich entwickelt und ist doch noch wie ein Kind!" "Sie sprach", berichtete ihre alte Erzieherin Lady Sarah Lyttelton, "viel von ihrem Baby."

Das Jahr 1860 brachte der Familie der Prinzessin weiteren Zuwachs. Im Juli wurde ihre älteste Tochter, Prinzessin Charlotte, geboren. Ende September trafen die Königin Victoria und Prinz Albert die Prinzessin Friedrich in Koburg; bei diesem Besuche sah die Königin Victoria zuerst ihren ältesten Enkel. Am 25. September schreibt sie:

"Unser lieber Enkel wurde gebracht. So ein niedlicher kleiner Kerl! Er kam an Mrs. Hobbs', seiner Amme, Hand, herein, trug ein weißes Kleid mit schwarzen Schleifen und war so nett. Er ist ein hübsches dickes Kind, mit einer wundervollen weißen, weichen Haut, gutgebauten Schultern und Gliedern und einem sehr lieben Gesicht, wie Vicky und Fritz und auch Luise von Baden. Er hat Fritzens Augen, Vickys Mund und sehr helles lockiges Haar. Wir waren so glücklich, ihn endlich zu sehen."

Dies war der Anfang einer langen Freundschaft zwischen Großmutter und Enkel; die Königin Victoria erwähnt in ihren Briefen beständig den Enkel, den sie den "lieben kleinen Wilhelm", "ein reizendes Kind" nennt, wobei sie hinzufügt, daß er "ein lieber kleiner Junge", "sehr intelligent und niedlich, gut und liebevoll" sei.

Bei der Einrichtung der Zimmer für die zwei Kinder folgte die Prinzessin Friedrich, wie zu erwarten war, lieber englischen als deutschen Grundsätzen; aber ihr Verhalten wurde von den Preußen der konservativen Partei, die jeder Neuerung abhold waren, mit Mißbilligung betrachtet. Die Abneigung der preußischen Aristokratie gegen alles Englische wurde vielleicht nur von der Abneigung eines gewissen Kreises der englischen Presse gegen alles Preußische übertroffen. Der Prinzgemahl, der von einem einigen Deutschland unter Führung Preußens und einer sich daraus ergebenden Friedensgarantie für England träumte, fühlte sich durch die Angriffe der "Times" gegen Preußen und alles Preußische ernstlich verletzt. Ein Artikel in der "Saturday Review", den er seiner Tochter zum Lesen empfahl, meinte: "Der einzige Grund, den die 'Times' für ihre Abneigung gegen Preußen angibt, ist das persönliche Band, das den preußischen und englischen Hof verknüpft; die britische Unabhängigkeit erfordere also, alles, was vom Hofe ausginge, mit eifersüchtigstem Argwohn zu betrachten." Dasselbe Argument hätte man ebenso für die preußische Antipathie anführen können. Natürlich beeinflußte diese Gegnerschaft auch äußerlich die Stellung der Prinzessin in Preußen; sie fand, daß aus zwei Gründen ihre Beliebtheit mehr und mehr abnahm, erstens, weil sie Engländerin war und ihre Nationalität nicht vergessen konnte, und zweitens, weil die englischen Ansichten über Politik und Hygiene auch die ihren waren.

Inzwischen fuhr der Prinzgemahl trotz mancher politischer und anderer Widerwärtigkeiten, sowie einer heftigen, plötzlichen Erkrankung fort, seine Tochter in der Regierungskunst zu unterrichten; zahlreich und lang waren die Briefe, die er seiner geliebten Schülerin und Tochter schrieb. Allerdings trugen seine liberalen Ideen vielleicht dazu bei, die Stellung der Prinzessin noch mehr zu erschweren; denn als ideale Frau in Preußen galt diejenige, die sich, ihrer geistigen Minderwertigkeit bewußt, mit "Küche, Kinderstube, Krankenstube und Kirche und sonst nichts" begnügte. Wurde diese Ansicht schon auf Frauen nicht öffentlicher Stellung angewendet, so wurde es um so mehr für die Pflicht einer Prinzessin aus königlichem Hause gehalten, sich von jeder aktiven Beteiligung an politischen Dingen fernzuhalten. Es ist merkwürdig, daß der Prinzgemahl trotz seiner Kenntnis der preußischen Tradition sich darüber nicht klar war; möglicherweise glaubte er seine Tochter, infolge ihrer außergewöhnlichen Begabung, von den üblichen Beschränkungen und Grenzen ihres Standes frei. Überdies war er vermutlich bemüht, aus ihr seinem Schwiegersohn für die zu erwartenden aufgeregten Zeiten eine Gefährtin heranzubilden, die ihn in der richtigen Koburgischen Weise beeinflussen könne. Was auch immer der Grund für seine Handlungsweise gewesen sein mag, jedenfalls fuhr der Prinz bis zu seinem Lebensende fort, die Kenntnisse seiner Tochter zu erweitern und sie in ihrer Anteilnahme an öffentlichen Angelegenheiten zu bestärken.

Die Prinzessin erwiderte diese inhaltsreichen väterlichen Briefe mit solchen von gleicher Länge. Im Dezember 1860 empfing der Prinzgemahl ein langes und kluges Memorandum über die Vorteile eines Ministerverantwortlichkeitsgesetzes, das die Besorgnisse hoher Kreise des preußischen Hofes gegen eine so empfehlenswerte Maßnahme beseitigen sollte. Dieses Memorandum war das Werk der Prinzessin Friedrich; man kann sich leicht vorstellen, was für ein Entrüstungssturm sich erhoben hätte, wenn es durch irgendeinen Zufall oder eine Indiskretion durchgesickert wäre, daß die Prinzessin ein derartiges Schriftstück verfaßt habe.

Die verflossenen Monate hatten die Stellung der Prinzessin nur wenig verändern können. Nun aber erschien ein Ereignis am Horizont, das wohl geeignet war, ihr größeren Einfluß zu verleihen. Am Ende des Jahres 1860 wurde es klar, daß der geistesgestörte König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ernstlich erkrankt war; um die 1861 Jahreswende trat eine plötzliche und kritische Wendung zum Schlimmeren ein, der sein Ableben unmittelbar folgte. Die Tatsache erschütterte die Prinzessin Friedrich Wilhelm aufs tiefste; zum erstenmal sah sie den Tod. Nachdem man einen Tag und eine Nacht fast ununterbrochen am Sterbelager des Königs gewacht hatte, wurde die Prinzessin um ein Uhr morgens am 2. Januar geweckt; aber bevor sie das Zimmer des Königs erreichen konnte, war sein Leben entflohen. An diesem Tage schrieb die Prinzessin aus Potsdam an die Königin Victoria:

"Endlich finde ich einen Augenblick für mich selbst, um in Ruhe meine Gedanken zu sammeln und Dir von diesen zwei letzten, schrecklichen Tagen zu berichten. Mein Kopf ist so verwirrt, daß ich kaum weiß, wo ich bin - ob ich träume oder wache, was heute ist, und was gestern war! Das Langerwartete ist endlich eingetreten! Alle Verwirrung, Unruhe, Aufregung, Lärm usw. geht für mich in diesem einen Gedanken unter.

Zum erstenmal habe ich den Tod gesehen! Er hat auf mich einen Eindruck gemacht, den ich niemals vergessen werde, solange ich lebe - ich fühle mich so krank, konfus und erschüttert durch alle Erfahrungen der letzten achtundvierzig Stunden, daß Du mir verzeihen mußt, wenn ich unzusammenhängend und unklar schreibe! Aber ich will mit Montagabend anfangen (es scheint mir ein Jahr her zu sein). Um dreiviertel acht abends am Montag, den 31., brachte ich den lieben Affie Prinz Alfred, später Herzog von Edinburghs zum Bahnhof und verabschiedete mich schweren Herzens von ihm. Du weißt, wie sehr ich diesen Jungen liebe - nichts hätte mir mehr Freude machen können als sein lieber langerwarteter Besuch. Um neun Uhr gingen Fritz und ich zum Tee zum Prinzregenten; wir vier waren allein. Die Prinzessin war in ziemlich schlechter Stimmung und fühlte sich unwohl. Der Prinz schien bedrückt, während ich nur an Affie dachte, und wie lieb er ist; als wir noch beim Tee saßen, erhielten wir schlechte Nachrichten aus Sanssouci, erfuhren aber nichts, was uns besonders ängstlich gemacht hätte. Fritz und ich gingen nach Hause und zu Bett, da wir nicht in der Stimmung waren, bis um zwölf Uhr aufzusitzen. Ungefähr um halb zwei hörten wir, wie an die Tür geklopft wurde, und meine Zofe brachte ein Telegramm, das besagte, der König sei aufgegeben, und ein Billett des Prinzregenten, des Inhaltes, er ginge unverzüglich hin. Wir standen in größter Eile auf; wie ich mich angezogen habe, weiß ich nicht. Ich nahm, was ich gerade fand, und hatte keine Zeit, mir mein Haar zu machen. Dann stürzten wir die Treppe hinunter und hinaus, denn wir hatten keine Zeit, auf den Wagen oder einen Diener oder sonst etwas zu warten - es war eine herrliche Nacht, aber 12 Grad Kälte (Raumur). Ich dünkte mir wie im Traum, als ich mich um zwei Uhr nachts allein mit Fritz auf der Straße befand. Wir gingen zu Prinzregentens und fuhren dann mit ihnen zum Bahnhof. Im Zuge waren wir vier ganz allein und begaben uns nach der Ankunft in Sanssouci sogleich in das Zimmer, wo der König lag - die Stille des Todes schwebte über dem Raum -, nur das Feuer und eine verhüllte Lampe gaben schwaches Licht. Wir näherten uns dem Bett und blieben an seinem Fußende stehen, während wir nicht wagten, einander anzusehen oder ein Wort zu sagen. Die Königin saß in einem Armstuhl am Kopfende des Bettes; sie hatte ihren Arm unter das Haupt des Königs gelegt; ihr Kopf ruhte auf demselben Kissen, wie der des Königs - mit der anderen Hand wischte sie ihm beständig den Schweiß von der Stirn. Man hätte eine Nadel fallen hören können, so still war es, nur das Feuer knisterte, und der Todesatem rasselte -, dieser furchtbare Ton, der einem ans Herz greift und deutlich erzählt, daß hier ein Leben verebbt. Das Rasseln in der Kehle dauerte etwa noch eine Stunde länger, dann lag der König bewegungslos - die Ärzte neigten ihre Köpfe, um zu hören, ob er noch atmete -, und wir standen, während wir uns nicht zu rühren wagten, und beobachteten den Todeskampf. Dann und wann atmete der König sehr schnell und laut, öffnete aber niemals die Augen - er war sehr rot im Gesicht, und der kalte Schweiß strömte von seiner Stirne. Niemals habe ich eine so entsetzliche Zeit durchgemacht; die arme Königin zu sehen, die dort neben dem Bette saß, brach mir fast das Herz - es schlug jetzt drei, vier, fünf, sechs, sieben, und immer noch standen wir dort -, ein Mitglied der königlichen Familie nach dem anderen kam herein und blieb, ohne sich zu bewegen, im Zimmer stehen, während nur Schluchzen die Stille unterbrach. Es ist furchtbar, einen Menschen sterben zu sehen. Ich kann die Gedanken und Gefühle, die mich in diesen Stunden zu überwältigen drohten, nicht beschreiben. Sie haben mich mehr erschüttert als irgend etwas in meiner ganzen Vergangenheit! Der Morgen dämmerte, und die Lampen wurden weggenommen. Wie traurig war dieser Neujahrsmorgen! Wir gingen alle in das nächste Zimmer, denn ich kann Dich versichern, daß Angst, Wachen, Stehen und Weinen uns fast gänzlich erschöpft hatten. Die Prinzessin schlief auf einem Stuhl ein, ich auf einem Sofa, die übrigen gingen im Zimmer umher, während sie einander fragten: 'Wie lange wird es noch dauern?' Um Mittag gingen Marianne und ich allein in das Zimmer, da wir dableiben wollten; wir traten näher, küßten der Königin die Hand, knieten nieder und küßten auch die des Königs - sie war noch ganz warm. Wir blieben dort und warteten bis um fünf und aßen etwas; ich fühlte mich so krank, schwach und unwohl, daß Fritz mich zu Bett schickte. Um ein Uhr morgens stand ich auf, zog mich an und hörte, daß der König nur noch einige Minuten zu leben habe. Aber als ich den Wagen bekam, vernahm ich, es sei alles vorüber. Ich fuhr nach Sanssouci und sah den König und die Königin. Möge Gott sie segnen und bewahren, möge ihre Regierung eine lange, glückliche und gesegnete sein! Dann betrat ich das Zimmer, in dem der tote König lag, und konnte mich kaum von seiner Seite losreißen. Es war so schön, auf die ruhige, friedvolle Gestalt zu blicken, die endlich nach all ihren Leiden Ruhe gefunden hatte, heimgegangen endlich aus dieser Welt - so ruhig und friedvoll sah er aus -, wie ein schlafendes Kind -,jeden Moment erwartete ich, ihn sich bewegen oder atmen zu sehen -, sein Mund und seine Augen waren geschlossen, sie trugen einen süßen und glücklichen Ausdruck -, seine Hände lagen auf der Decke. Ich küßte sie beide zum letztenmal - nun waren sie ganz kalt. Fritz und ich blieben eine Zeitlang stehen und sahen ihn an; ich konnte mich kaum zu der Überzeugung bringen, daß dies nun wirklich der Tod war, vor dem ich so oft angstvoll geschaudert hatte - hier war nichts Schreckliches oder Furchtbares -, nur himmlische Ruhe und himmlischer Friede. Ich fühlte, wie gut er mir tat, und war vollkommen getröstet. 'Tod, wo ist dein Stachel, Grab, wo ist dein Sieg?' Er war ein gerechter und guter Mann mit einem liebevollen Herzen voller Freundlichkeit; nun ist er von uns gegangen, um nach der langen Prüfung, die er mit so vieler Geduld ertragen hat, Ruhe zu finden. Ich fürchte den Tod nicht mehr, und wenn mich diese Empfindung wieder einmal überkommen sollte, will ich an den feierlichen und stärkenden Anblick denken und sicher sein, daß der Tod nur ein Übergang zum Besseren bedeutet. Wir gingen nach Hause und zu Bett; um zehn Uhr kamen wir zurück. Ich blieb einige Zeit bei der armen Königin, die in ihrem Kummer ruhig, resigniert und ergreifend ist. Sie weint nicht, sieht aber aus, als ob ihr Herz gebrochen sei. Zu mir sagte sie: 'Ich bin zu nichts mehr nutz auf der Welt, ich habe keinen Beruf länger, Pflichten zu erfüllen; nur für ihn habe ich gelebt!' Dann war sie sehr gütig zu mir, freundlicher, als sie es jemals gewesen war, sagte, ich sei wie ihr eigenes Kind und ein Trost für sie. Ich sah den Leichnam heute morgen noch einmal, er ist unverändert, nur die Farbe ist anders geworden und die Hände haben sich versteift. Das Leichenbegängnis wird am Sonnabend sein; bis dahin wird der König aufgebahrt werden. Sein Wunsch war, daß er vor dem Altar der Friedenskirche, sein Herz im Mausoleum zu Charlottenburg beigesetzt werde."

Wenn man bedenkt, daß die Schreiberin dieses Briefes erst zwanzig Jahre alt war, so ist ihre packende Schilderung und die einfache ungekünstelte Lebendigkeit, mit der sie die Szene im Sterbezimmer wiedergibt, bewundernswert. Außerdem aber zeigt der Brief, mit welch würdiger Ruhe die Prinzessin das Leben betrachtete. Ihre Zuneigung zu der verwitweten Königin Elisabeth war tief, und ihr Kummer brachte sie vielleicht einander näher, als irgend etwas anderes auf der Welt vermocht hätte.

Zwei Monate später, im März 1861, beraubte der unerwartete Tod der Herzogin von Kent die Prinzessin einer Großmutter, mit der sie viele glückliche Ereignisse ihrer Kindheit und Mädchenzeit verbunden hatten. Die Prinzessin fuhr sogleich nach Empfang der Nachricht nach England, allerdings nicht ganz mit Zustimmung ihres Schwiegervaters. Aber der Prinzgemahl, der den Verwandten seiner Tochter gegenüber immer den außerordentlichsten Takt bewies, schrieb dem König: "Ihr Aufenthalt war uns Trost und Entzücken in unserer Trauer; wir sind aufrichtig dankbar, daß sie kommen durfte."

Sieben Monate später wurden der neue König von Preußen, Wilhelm I. und seine Gemahlin, die Königin Augusta, in Königsberg mit größtem Gepränge gekrönt. Am folgenden Tage, dem 19. Oktober 1861, gab die jetzige Kronprinzessin in einem Briefe an ihre Mutter eine sehr lebendige und anschauliche Schilderung der Zeremonie, in der auch der Humor zu seinem Rechte kommt. Die Tatsache, daß der gewählte Tag der Geburtstag ihres Gatten war, erfüllte sie mit größter Freude.

"Ich würde Dir gern die gestrige Zeremonie beschreiben, kann aber kaum Worte finden, um Dir zu sagen, wie schön und ergreifend es war - in der Tat ein prachtvoller Anblick. Der König sah so gut und vornehm mit der Krone auf dem Haupte aus, sie schien wie für ihn geschaffen. Auch die Königin bot einen prachtvollen Anblick und vollführte alles, was sie zu tun hatte, mit vollkommener Grazie, sie sah sehr vornehm aus... Der Augenblick, in dem der König der Königin die Krone aufsetzte, war so rührend, daß kaum ein Auge in der Kirche trocken blieb. Der Schloßhof wirkte auf das beste, nach meiner Ansicht wenigstens - fünf Orchester spielten 'Heil Dir im Siegerkranz', Fahnen wurden überall geschwungen, dazu ertönten so laute Hochrufe, daß die Musik beinahe nicht zu hören war; dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung, der Himmel war wolkenlos, und alle die Uniformen und der Schmuck der Damen glänzten im hellen Sonnenlicht. Ich werde es niemals vergessen, es war so sehr schön.

Daß der Geburtstag meines lieben Fritz für diesen Tag gewählt worden ist, macht mich sehr glücklich - er befand sich in heftiger Erregung, wie Du Dir denken kannst, genau wie wir anderen alle auch...

Der Anblick war wirklich prachtvoll, die Kapelle selbst entzückend mit viel Gold geschmückt, überall hing rotgoldener Samt, Teppich, Altar, Thron und Baldachin waren von gleicher Farbe die Ritter vom Schwarzen Adler in rotsamtenen Mänteln, die vier jungen Ehrendamen der Königin alle in Weiß und Gold, die zwei Palastdamen in Scharlachrot und Gold, der Oberhofmeister in gold und weißem Brokat mit grünem Samt, Marianne und Addy in Rot und Gold, sowie Rot und Silber. Ich trug Gold mit Hermelin und weißem Atlas, von meinen Damen war die eine in blauem, die andere in rotem Samt, und Gräfin Schulenburg mit den beiden Oberhofmeisterinnen der anderen Prinzessinnen in violettem Samt mit Gold. All diese Farben zusammen sahen prachtvoll aus, während die Sonne durch die hohen Fenster hereinschien, oder vielmehr hereinfloß, und alles mit ganz zauberhaften Tönen färbte. Die Musik war sehr gut, die Choräle wurden so laut und kräftig gesungen, daß es uns in der Tat ergriff. Der König wurde mit unendlicher Begeisterung begrüßt, wo er sich sehen ließ - auch die Königin - und sogar ich...

König und Königin waren gestern sehr freundlich zu mir; der König gab mir eine Locke seines Haares in einem reizenden kleinen Medaillon und machte mich, denke Dir nur, zum Chef des zweiten Husarenregiments - was in Deinen Ohren höchst erstaunlich, töricht und unglaubwürdig klingen dürfte. Ich lachte zuerst herzlich, da ich das Ganze für einen Scherz hielt - es scheint eine für Damen merkwürdige Ehre, aber die Regimenter haben besonders gerne Damen als Chefs. Die Königin und die Königinwitwe haben Regimenter, aber ich bin, glaube ich, die erste Prinzessin, der eine solche Ehre zuteil wird...

Halb Europa ist hier; man sieht die merkwürdigsten Zusammenstellungen und hat die Empfindung, eine Familie vor sich zu sehen, die zwangsweise in einen gemeinsamen Käfig gesperrt ist, um 'glückliche Familie' zu spielen. Der italienische Gesandte saß neben dem Kardinal Geißel, der französische gegenüber dem Erzherzog; der Großfürst Nikolaus ist hier - er ist sehr nett. Ebenso sah man die Kronprinzen von Württemberg und Sachsen, Prinz Luitpold von Bayern, Prinz Karl von Hessen (der unter so vielen Menschen vor Furcht und Schüchternheit beinahe gestorben ist), Heinrich, Prinz Elimar von Oldenburg, den Prinzen Friedrich der Niederlande und das großherzogliche Paar von Weimar; alle wünschen, Dir und Papa besonders empfohlen zu werden.

Der König und die Königin waren zu Lord Clarendon sehr freundlich; sie machten einen betonten Unterschied zwischen der Herzlichkeit, mit der sie ihn, und der steifen Förmlichkeit, mit der sie die anderen Gesandten empfingen. Ich glaube, daß ihm alles, was er gesehen, gefallen hat. Der König hat der Königin den hohen Orden vom Schwarzen Adler in Diamanten verliehen. Ich schreibe Dir alle diese Einzelheiten auf die Gefahr hin, daß sie Dich nicht interessieren, besonders da ich ja - wie Du weißt nur wenig Talent für Beschreibungen besitze...

Das Staatsdiner gestern abend bot ebenfalls einen sehr prächtigen Anblick. Wir wurden von unseren Kammerherren und Pagen bedient, dem König warteten die Oberhofchargen auf, unsere Damen standen hinter unseren Stühlen - nachdem die ersten zwei Gänge serviert waren, verlangte der König zu trinken und gab damit das Signal für die Damen und Herren, den Saal zu verlassen und selbst zum Diner zu gehen, während die Ehrenpagen uns das ganze Essen über wirklich ganz ausgezeichnet bedienten, die armen Jungens - man muß bedenken, daß es keine leichte Aufgabe für sie war...

Fritz wollte Dir für Deine lieben Briefe selbst danken, aber er ist in der Universität, wo sie ihn zum Rector magnificentissimus gewählt haben und er eine Rede halten muß. Wir haben alle unsere Kronprinzessin Diener, Wagen und Pferde hier - jeden Tag - dreihundert Diener in Livree, zusammen mit den anderen Lakaien in Livree vierhundert. Alle Fahnen und Standarten der ganzen Armee sind da, ebenso alle Obersten. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für ein Lärm und Durcheinander hier bei jeder Gelegenheit herrscht. Kürzlich ist ein Mann in der Menge zu Tode gedrückt worden, es war ganz schrecklich..."

Lord Clarendon, der britischer Spezialgesandter gelegentlich der Krönung war, schrieb am Tage nach der Festlichkeit an die Königin Victoria:

"Die Art, in der die Princess Royal dem König ihre Ehrfurcht erwies, gab der ganzen Zeremonie das Gesicht. Lord Clarendon fehlen die Worte, um Eurer Majestät die ausgesuchte Grazie und die tiefe Bewegung zu schildern, mit der Ihre Königliche Hoheit ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit auszudrücken verstanden. Manch anderer, jüngerer oder älterer als Lord Clarendon selbst, auch wenn er kein gleich lebhaftes Interesse wie dieser an der Princess Royal haben mochte, war außerstande, seine Bewegung bei diesem Schauspiel zu unterdrücken, das so rührend schien, weil es so natürlich und ehrlich war... Wenn," fügte Lord Clarendon hinzu, "Seine Majestät den Geist, das Urteil und die Voraussicht der Princess Royal hätte, würde nichts zu fürchten sein, sondern das Beispiel und der Einfluß Preußens würden bald in wunderbarer Weise ausgebreitet werden. Lord Clarendon hatte die Ehre, eine lange Unterhaltung mit Ihrer Königlichen Hoheit führen zu dürfen und ist mehr als einmal über die staatsmännischen und umfassenden Ansichten erstaunt gewesen, die sie über die innere und äußere Politik Preußens sowie über die Pflichten eines konstitutionellen Königs zu äußern wußte."

Aus Lord Clarendons Brief an die Königin Victoria können wir schließen, daß die Kronprinzessin über den Stand der Dinge in Berlin äußerst besorgt war. Der neue König erblickte in jedem Symptom, das Widerstand gegen seinen Willen verriet, Demokratie und revolutionäre Gesinnung. Seine Minister waren lediglich Handlanger, die seine königlichen Befehle auszuführen hatten. Keinen von ihnen fragte er jemals um Rat, und keiner von ihnen hätte jemals den moralischen Mut besessen, ihm einen zu geben. Er dachte nicht daran, die Beschränkungen, die ihm eine verfassungsmäßige Regierungsform auferlegte, auf sich zu nehmen und die tatsächliche Einführung einer solchen zuzulassen, obgleich er immer gewissenhaft seinen Eid halten würde. So wenigstens beurteilte Lord Clarendon die Lage, als nach einer Audienz bei der Kronprinzessin darüber gesprochen wurde.

Am 21. November 1861 feierte die Prinzessin ihren einundzwanzigsten Geburtstag; ihr Vater schrieb ihr in einem der überhaupt letzten Briefe, die er an sie gerichtet hat, folgendes

"Möge Dein Leben, das auf das schönste begonnen hat, sich fernerhin zum Nutzen anderer und zu Deiner eigenen Zufriedenheit entwickeln. Wirkliche innere Glückseligkeit ist nur in dem Bewußtsein zu finden, daß alle unsere Bemühungen systematisch auf ein gutes und nützliches Ende gerichtet sind. Erfolg hängt von dem Segen ab, den der allmächtige Gott unseren Bemühungen zu geben für richtig hält. Möge er Dir nicht fehlen, möge Dein äußeres Leben von Stürmen unberührt bleiben, die ein trauriges Herz so häufig mit zitternder Furcht nahen sieht. Mit Ausnahme der Grundlage einer guten Gesundheit kann man nichts anderes als feststehend betrachten. Darum sieh zu, daß Du Dich jetzt schonst, damit Du in der Zukunft imstande sein wirst, noch mehr zu leisten."

Die Kronprinzessin hatte kaum ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, als sie aus England die traurig Nachricht von der Krankheit ihres Vaters, des Prinzgemahls, erhielt. Nach einem kurzen Besuch in Cambridge bekam der Prinz Typhus und starb nach wenigen Tagen. Die Kronprinzessin und ihr zweiter Bruder Alfred, der damals in der Marine diente, waren die einzigen Kinder, die dem Sterbelager ihres geliebten Vaters fernblieben die Prinzessin fühlte den Verlust besonders schmerzlich, denn der Prinz war ihr Führer, Philosoph, Mentor und Freund gewesen. Er hatte ihr liberale Grundsätze eingeprägt und ihr die Grundlage für ihren weiten Gesichtskreis und ihren Lerneifer gegeben. Der Schicksalsschlag fiel lähmend auf Mutter und Tochter - es ist in der Tat schwer zu sagen, welche von beiden die größere Verzweiflung, das größere Gefühl der Vereinsamung empfand. Zwischen der Prinzessin und ihrem Vater hatten, sich Fäden gesponnen, die stärker waren als die natürliche Zuneigung zwischen Eltern und Kindern; er hatte mit Bedacht ihren Geist und ihren Geschmack gebildet und war so der einzige Ratgeber geworden, zu dem sie, wie sie fühlte, in jeder Notlage flüchten und immer seines hilfreichen Verständnisses und seiner Sympathie sicher sein konnte. Kurze Zeit nach ihrer Hochzeit sprach sie in einem Briefe an den Prinzen von Wales von ihrem Vater als dem Meister und Leiter, der immer respektiert werden müsse: "Du weißt nicht", sagte sie, "wie man sich nach einem Worte von ihm sehnt, wenn man nicht bei ihm ist."

Auch ließ die Prinzessin nicht, wie viele andere Töchter, durch ihre Heirat dieses Band schwächer werden; sie glaubte sogar, daß die räumliche Entfernung zwischen ihnen sie ihrem Vater, wenn es möglich war, noch näherbrachte. Für ihre Mutter hegte die Prinzessin die zärtlichsten Empfindungen und eine sehr kindliche Zuneigung; sie schrieb ihr jeden Tag, manchmal zweimal, aber obgleich sie mit ihrem Vater nur einmal in der Woche brieflich verkehrte, erörterte sie mit ihm ihre mannigfachen Interessen für Politik, Literatur und Wissenschaft, Kunst und Philosophie. Es dürfte schwer sein, in der Geschichte ein ergreifenderes und schöneres Beispiel geistiger Verbindung zwischen Vater und Tochter zu finden.

Die Erschütterung, die der Kummer ihr verursachte, schien das Band, das sie an ihr Geburtsland und das Wahlland ihres Vaters fesselte, noch stärker zu gestalten - eine Tatsache, die in Berlin scharfer Kritik unterzogen wurde. Sie fuhr, sooft sie konnte, nach England, das heißt, sooft ihr Schwiegervater bewogen werden konnte, seine Erlaubnis zur Reise zu geben. Die Sympathie, welche die Kronprinzessin für die liberalen Ansichten ihres Vaters fand, wurde von denen genährt, die für gewöhnlich "die Koburger" genannt wurden, also von dem jungen Stockmar, Bunsen und anderen liberalen Deutschen. Die Tatsache, daß sie Koburger und nicht Preußen waren, lähmte ihren Einfluß auf den König von Preußen und seinen Minister.

Infolge der Thronbesteigung Wilhelms I. mußte es der Kronprinzessin möglich erscheinen, daß einige der Hoffnungen und Wünsche für ein tätigeres und nützlicheres öffentliches Leben in Erfüllung gehen könnten. Kronprinz und Kronprinzessin bewunderten die englische konstitutionelle Regierung auf das höchste, und wenn auch der Prinz häufig die Prinzessin um ihre Meinung befragte, wurden seine Handlungen doch durch seinen eigenen weiten Gesichtskreis und seine geistigen Fähigkeiten bestimmt. Er war neun Jahre älter als sie; sein Charakter und seine Ansichten waren lange vor ihrer Heirat geformt worden. Beide schätzten gegenseitig ihre bestimmenden Eigenschaften, jeder trug zur Erweiterung der Kenntnisse des anderen bei; man kann ihre politischen Beziehungen zueinander nicht besser beschreiben, als wenn man sagt, daß sie sich gegenseitig beeinflußten, aber keiner den anderen beherrschte. Kunst und Wohnungsschmuck blieben das eigenste Gebiet der Prinzessin, wie die militärischen Angelegenheiten das des Prinzen.

Die Ansicht, daß die Herrschaft des neuen Königs nur ein oder zwei Jahre dauern würde, war weitverbreitet, da er 63 Jahre zählte und selbst glaubte, daß sein Lebenswerk vollendet sei. Aber auch dann, wenn die ihm zugemessene Frist nach ein oder zwei Jahren abgelaufen gewesen wäre, hätte eine einzige seiner Regierungshandlungen dieser Zeit ihren Einfluß auf die Gesamtgeschichte Europas gehabt und für eine gewisse Zeit jeden Fortschritt liberaler Ideen verhindert. Im Jahre 1862 entstand zwischen dem neugekrönten König und seinem Parlament ein heftiger Streit über seinen Entschluß, eine große Summe für die Neuorganisation der Armee auszugeben; um sich den schweren, daraus entstandenen Verlegenheiten zu entziehen, berief der König Herrn von Bismarck, den preußischen Gesandten in Paris, nach Berlin und verlieh ihm im September dis höchste Stellung, indem er ihn zum Ministerpräsidenten und Minister des Auswärtigen machte. Bismarck legte die politischen Grundsätze, die er sein Leben lang verfolgt hat, dar in der Ansprache an den Preußischen Landtag vom 30. September, mit der er seine lange Herrschaft antrat: "Durch große parlamentarische Resolutionen oder Reden können die brennenden Tagesfragen nicht entschieden werden, wie man irrtümlicherweise in den Jahren 1848 und 1849 glaubte, sondern nur durch Blut und Eisen." Achtunddreißig Jahre lang blieb Bismarck diesem Machtprinzip als Grundlage des Regierens treu, und der größere Teil seiner Landsleute nahm diese seine Überzeugung von ganzem Herzen als die eigene an.

Natürlich betrachteten der Kronprinz und die Prinzessin ein solches Ereignis mit Mißfallen, sie wurden aber durch die Drohung des Königs, abzudanken, und durch die von dem jungen Stockmar, der Sekretär der Kronprinzessin war, ausgesprochene Ansicht entwaffnet, daß sie nicht in einen Parteistreit eingreifen dürften.

Der neue Ministerpräsident war damals noch nicht 50 Jahre alt. In seinem Charakter traten drei Züge vor allen anderen hervor - Stolz, Furchtlosigkeit und Verschwiegenheit. Er besaß damals noch nicht die zynische Menschenverachtung und den grimmigen Ausdruck, der sich in seinem entschlossenen Kinn und den drohenden Augen zeigen und in seinen späteren Bildnissen zutage treten sollten. Mit den Abgeordneten und der Presse verkehrte er in strengem Tone und ging rücksichtslos über jeden Widerstand hinweg, indem er seine Feinde ohne Rücksicht auf die Verfassung mit Schärfe behandelte. Es war unvermeidlich, daß weder der Kronprinz noch die Kronprinzessin, welche die konstitutionellen Lehren des Prinzgemahls tief in sich aufgenommen hatten, mit diesem rücksichtslosen Vorkämpfer des Preußentums übereinstimmen konnten; vom ersten Tage an gab es Zwistigkeiten und Reibereien sowie verdeckte und offene Feindseligkeiten. Bismarck sah auch die Prinzessin wie alle anderen Frauen in politischen Dingen als quantité négligeable an, während die Prinzessin, deren Ansichten ihrer Zeit weit vorausgeeilt waren, jede Form einer autokratischen Regierung ablehnte. Bismarcks eigene Ansicht über die Kronprinzessin ist in seinen Erinnerungen zu finden:

"Schon bald nach ihrer Ankunft in Deutschland, im Februar 1858, konnte ich durch Mitglieder des königlichen Hauses und aus eigenen Wahrnehmungen die Überzeugung gewinnen, daß die Prinzessin gegen mich persönlich voreingenommen war. Überraschend war mir dabei nicht die Tatsache, wohl aber die Form, wie ihr damaliges Vorurteil gegen mich im engen Familienkreise zum Ausdruck gekommen war: sie traue mir nicht. Auf Abneigung wegen meiner angeblich anti-englischen Gesinnung und wegen meines Ungehorsams gegen englische Einflüsse war ich gefaßt; daß die Frau Prinzessin sich aber in der Folgezeit bei der Beurteilung meiner Persönlichkeit von weitergehenden Verleumdungen beeinflussen ließ, mußte ich vermuten, als sie in einem Gespräche, das sie mit mir, ihrem Tischnachbar, nach dem 1866er Kriege führte, in halb scherzendem Tone sagte: ich hätte den Ehrgeiz, König zu werden oder wenigstens Präsident einer Republik. Ich antwortete in demselben halb scherzenden Tone, ich sei für meine Person zum Republikaner verdorben, in den royalistischen Traditionen der Familie aufgewachsen und bedürfe zu meinem irdischen Behagen einer monarchischen Einrichtung, dankte aber Gott, daß ich nicht dazu berufen sei, wie ein König auf dem Präsentierteller zu leben, sondern bis an mein Ende ein getreuer Untertan des Königs zu sein. Daß diese meine Überzeugung aber allgemein erblich sein würde, ließe sich nicht verbürgen, nicht weil die Royalisten ausgehn würden, sondern vielleicht die Könige. Pour faire un civet, il faut un lièvre, et pour faire une monarchie, il faut un roi. [Für ein Hasenpfeffer muß man einen Hasen haben, für eine Monarchie einen Monarchen.] Ich könnte nicht dafür gutsagen, daß in Ermangelung eines solchen die nächste Generation nicht republikanisch werden könne. Indem ich mich so äußerte, war ich nicht frei von Sorge in dem Gedanken an einen Thronwechsel ohne Übergang der monarchischen Traditionen auf den Nachfolger. Die Prinzessin vermied indessen jede ernsthafte Wendung und blieb in dem scherzenden Tone, liebenswürdig und unterhaltend wie immer; sie machte mir mehr den Eindruck, daß sie einen politischen Gegner necken wollte.

In den ersten Jahren meines Ministeriums habe ich noch öfter bei ähnlichen Tischgesprächen beobachtet, daß es der Prinzessin Vergnügen machte, meine patriotische Empfindlichkeit durch scherzhafte Kritik von Personen und Zuständen zu reizen."

Diese Stelle (welche ohne Zweifel Bismarcks wahre Meinung widerspiegelt) gibt ein lebhaftes Bild dieser zwei bemerkenswerten Persönlichkeiten, die einander voll Aufmerksamkeit wie zwei geübte Fechter betrachteten. jeder wußte die Begabung des anderen wohl zu schätzen; welche Fehler Bismarck auch immer begangen haben mag, die Fähigkeiten der Kronprinzessin hat er niemals unterschätzt. Diese kritische Periode der preußischen Geschichte ließ Berlin für alle diejenigen wenig angenehm erscheinen, die sich weigerten, Bismarcks starke Medizin zu schlucken; so nahmen der Kronprinz und die Kronprinzessin eine Einladung des Prinzen von Wales an, ihn auf einer Reise durch das Mittelmeer und Italien zu begleiten. Von Koburg aus begab sich die Gesellschaft auf die bequemste Weise durch Süddeutschland und die Schweiz nach Marseille, wo sie sich auf der königlichen Jacht "Osborne" einschifften. Sizilien, Tunis, Malta und Neapel wurden nacheinander besucht. Ein Aufenthalt von einigen Tagen in Rom im November schloß die Reise ab; das kronprinzliche Paar kehrte im Dezember nach einer Abwesenheit von drei Monaten in die Heimat zurück. Die Kronprinzessin genoß diese Zeit in höchstem Maße; die wichtigste Folge war, daß sie jene tiefe Liebe für Italien und die italienische Kunst faßte, die einen ihrer stärksten Charakterzüge bildete.

Gegen Ende dieser Reise hielten sich der Kronprinz und die Kronprinzessin im Dezember kurze Zeit in Wien auf. Der amerikanische Historiker John Lothrop Motley, der damals Österreich bereiste, schildert in sehr reizender Weise ein Interview mit der Kronprinzessin, die ihn zu treffen gewünscht hatte: "Sie ist ziemlich 'petite', hat ein frisches junges Gesicht mit hübschen Zügen, schöne Zähne, ein freies und angenehmes Lächeln und ein interessiertes, ernsthaftes Wesen. Nichts kann einfacher oder natürlicher sein als ihr Stil, der, sozusagen, aus guter Herkunft stammende vollendete Lebensart bedeutet."

Inzwischen war ein zweiter Sohn, Prinz Heinrich, am 14. August 1862 geboren worden, der bestimmt war, Deutschlands "Matrosenprinz" zu werden.

Man hätte erwarten können, daß die Vergrößerung der kronprinzlichen Familie ein wenig jene Feindseligkeit abgeschwächt haben würde, mit der die Prinzessin von einigen Kreisen in Preußen angesehen wurde. Merkwürdigerweise wurde aber gerade wegen der Geburt der Kinder die Gegnerschaft noch größer: da zwei von ihnen Knaben waren, stärkte dies natürlich die Stellung der Prinzessin, und ihre Gegner fürchteten, die jungen Prinzen würden mehr in englischem als in preußischem Sinne erzogen werden. Bismarck, der jetzt fest im Sattel saß, ließ bald klar erkennen, daß er durch die Verfassung von 1850 sich nicht von seinem Wege abbringen lassen würde; er überredete Wilhelm I., ohne Parlament zu regieren und einer Auslegung der preußischen Verfassung beizustimmen, die es ihm ermöglichte, der Presse einen Maulkorb anzulegen. Diesem autokratischen Akt waren sowohl der Kronprinz wie die Kronprinzessin abgeneigt, und sie beschlossen daher, öffentlich zu erklären, daß sie mit einer derartig falschen Auslegung nicht übereinstimmten. Daraus ergab sich eine ernste Entfremdung zwischen dem König und seinem Sohn. Am 5. Juni 1863 schrieb der Kronprinz an seinen Vater und setzte ihm seine Ansichten auseinander; am gleichen Tage hielt er in Danzig, wo er sich anläßlich einer militärischen Reise aufhielt, eine öffentliche Rede an den Oberbürgermeister von Winter, in der er erklärte, daß er im Gegensatz zur Politik seines Vaters stehe. König Wilhelms sofortige Antwort bestand in der Forderung einer öffentlichen Zurücknahme; er drohte, den Prinzen seiner Ämter und Würden zu entkleiden. Der Kronprinz lehnte in seiner Antwort vom 7. Juni ab, irgend etwas zurückzunehmen, bot an, seine militärischen und anderen Stellen niederzulegen, und bat um die Erlaubnis, sich mit seiner Familie an einen Platz zurückziehen zu dürfen, wo er von jedem Verdacht, sich in politische Angelegenheiten zu mischen, völlig frei wäre. Der Bruch zwischen Vater und Sohn schien vollkommen, so daß die Kronprinzessin am 8. Juni der Königin Victoria mit Bestürzung schrieb:

"Ich erzählte Dir am fünften, daß Fritz zweimal an den König geschrieben hat, einmal um ihn vor den Folgen zu warnen, die aus einer falschen Auslegung der Verfassung, mit deren Hilfe eine Knebelung der Presse möglich würde, entstehen müßten. Der König beharrte auf seinem Standpunkt und antwortete Fritz mit einem sehr ärgerlichen Brief, Fritz sandte am vierten seinen Protest an Bismarck und sprach den Wunsch aus, sofort eine Antwort zu erhalten. Bismarck hat nicht geantwortet.

Wie ich Dir mitteilte, schrieb Fritz am fünften an den König. Am selben Tage teilte Herr von Winter, der Oberbürgermeister von Danzig, ein guter Freund von uns, ein würdiger, ausgezeichneter Mann und überzeugter Liberaler, Fritz mit, daß er im Rathaus öffentlich zu ihm sprechen wolle und bat Fritz, ihm zu antworten.

Ich tat, was ich konnte, um Fritz zu bewegen, dies zu tun, da ich wußte, wie notwendig es war, daß er seinen Empfindungen öffentlich Ausdruck verleihen und erklären solle, daß er keinen Anteil an den letzten Regierungsverfügungen habe. Er tat dies in sehr sanften und gemäßigten Ausdrücken - Du hast ohne Zweifel die Zeitungen gesehen. Darauf antwortete der König mit einem wütenden Brief, in dem er Fritz wie ein kleines Kind behandelte, ihm befahl, sofort in den Zeitungen seine Danziger Worte zurückzunehmen, ihm Ungehorsam vorwarf usw. und ihm ankündigte, daß er ihm, falls er noch ein einziges solches Wort spräche, unverzüglich seine Stellungen in der Armee und in der Regierung entziehen würde.

Fritz saß letzte Nacht bis ein Uhr auf und schrieb seine Antwort, die Hauptmann von Loucadou heute morgen nach Berlin mitgenommen hat. Fritz sagt in ihr, daß er aufs tiefste betrübt sei, seinem Vater so viel Kummer zu bereiten, daß er aber die in Danzig zu Winter gesprochenen Worte nicht zurücknehmen könne; daß er immer gehofft habe, die königliche Regierung würde nicht in einer Weise vorgehen, die ihn in direkte Opposition zum König zwänge; da es aber nun soweit gekommen sei, wolle er bei seiner Meinung bleiben. Er fühle, daß es für ihn unter diesen Umständen unmöglich sei, ein militärisches oder ziviles Amt fürderhin zu verwalten; so lege er seine Stellungen dem Könige zu Füßen; da er glaube, daß seine Gegenwart dem König unangenehm sei, bitte er ihn, ihm einen Ort zu nennen oder uns zu erlauben, einen auszusuchen, an dem er in völliger Zurückgezogenheit und ohne Einmischung in die Politik leben könne.

Was hierauf erfolgen wird, weiß Gott allein. Fritz hat seine Pflicht getan und sich nichts vorzuwerfen, aber er befindet sich in einem sehr kläglichen seelischen Zustand und ist infolgedessen gar nicht wohl. Ich hoffe, daß Du seine Handlungsweise Deinen Ministern und allen unseren Freunden in England mitteilen wirst. Wir fühlen uns sehr einsam, da wir keine Seele haben, die wir um Rat fragen können. Aber Fritzens Pflicht ist ihm so klar und einfach vorgezeichnet, daß wir keine Erklärungen und keinen Rat brauchen.

Wie unglücklich ich bin, ihn so bedrückt zu sehen, kann ich gar nicht sagen; aber ich werde, wie es meine Pflicht ist, an seiner Seite stehen und ihm immer den Rat geben, trotz allen Königen und Kaisern der ganzen Welt das zu tun, was er für richtig erkannt hat.

Ein Jahr des Stillschweigens und der Selbstverleugnung hat Fritz keine anderen Früchte gebracht, als daß er für einen hilflosen Schwächling gehalten wird. Die Konservativen glauben, daß er in Dunckers Hand ist und daß dieser ihm jeden Schritt diktiert, den er tut. Die Liberalen dagegen sind überzeugt, daß er nicht von ganzem Herzen zu ihnen gehört und die wenigen, die anders denken, bilden sich ein, daß er nicht den Mut hat, es öffentlich zu bekennen. Er hat ihnen jetzt eine Möglichkeit gegeben, seine Überzeugung zu beurteilen und will infolgedessen jetzt wieder passiv sein und schweigen, bis bessere Tage kommen. Das Benehmen der Regierung und die Art, in der sie Fritz behandelt hat, erweckt in mir mein tiefstes Gefühl für Unabhängigkeit. Gott sei Dank, daß ich in England geboren bin, wo die Menschen keine Sklaven und zu gut sind, um zu erlauben, daß mit ihnen oder anderen in einer derartigen Weise umgegangen wird.

Ich hoffe, unser Volk hier wird bald beweisen, daß wir von den gleichen Ahnen stammen, und den Kampf für seine eigene gesetzliche Unabhängigkeit aufnehmen, die es lange genug vernachlässigt hatte."

Die Königin Victoria folgte dem Wunsche ihrer Tochter und teilte einigen ihrer Minister die Vorkommnisse in Preußen mit. Der Brief der Kronprinzessin wurde dem Lord Russell von General Grey gezeigt, der Privatsekretär der Königin war. Lord Russell glaubte, daß "nichts vernünftiger sein könne, als die vom Kronprinzen eingenommene Haltung - die Hoffnung auf guten Ausgang läge nur in seiner Festigkeit. Allerdings sei nicht zu fürchten, daß er nachgäbe, solange die Prinzessin an seiner Seite stünde".

Das war der englische Standpunkt; der preußische dagegen vertrat die Ansicht, daß Kronprinz und Kronprinzessin sich um Dinge gekümmert hätten, die außerhalb ihres Wirkungskreises lägen; infolgedessen verloren sie ihre Volkstümlichkeit vollends. Andeutungen über den Briefwechsel zwischen dem Kronprinzen und König Wilhelm wurden in den "Times", darauf in den "Grenzboten" (durch Gustav Freytag) und in der "Süddeutschen Zeitung" (durch Busch, auf Freytags Verlangen) veröffentlicht. Am 21. Juni schrieb die Kronprinzessin an Königin Victoria:

"Der Feldjäger ist eben angekommen und hat Deinen lieben Brief, sowie den des Generals Grey, gebracht. Erlaube mir beide gemeinsam zu beantworten.

Wir sind infolge der geistigen Ermüdung, Angst und Aufregung der letzten qualvollen Zeit ziemlich erschöpft. Gestern fühlte ich mich ganz krank und noch heute bin ich etwas konfus. Damit Du sehen kannst, was Fritz getan, gesagt und geschrieben hat, schicke ich Dir alle Zeitungen. Er hat getan, was er konnte. Zum erstenmal in seinem Leben hat er seinem Vater entschiedenen Widerstand geleistet. Seine Rede in Danzig sollte in klarer und unzweideutiger Sprache seinen Hörern mitteilen, daß er nichts mit der ungesetzmäßigen Handlungsweise der Regierung zu tun habe - daß er nicht einmal wußte, daß eine solche in Betracht gezogen wurde! Die Wirkung auf die fünfzig oder sechzig, die seine Worte vernahmen, war genau die gewünschte. Aber ich weiß, daß es genug Leute geben wird, die ihm nicht zustimmen. Die Konservativen sind im Zustande äußerster Entrüstung und heftigen Alarmes! Der König ist sehr ärgerlich! Wir befinden uns in dieser kritischen Lage ohne Sekretär, ohne eine einzige Persönlichkeit, die uns einen Rat geben, für uns schreiben, oder uns helfen könnte. Was wir auch immer tun mögen, wird auf die eine oder andere Weise falsch ausgelegt.

Wenn Du alle Zeitungen gelesen haben wirst, mußt Du verstanden haben, daß Fritz nicht mehr tun konnte, als er getan hat. Mein letzter Brief wird viel von dem geklärt haben, was vorgefallen ist. Wir sind von Spionen umgeben, die alle unsere Schritte beobachten, sie sogleich nach Berlin berichten, und zwar natürlich so, daß allem, was wir auch tun, entgegengewirkt wird.

Die freisinnigen Zeitungen sind verboten, so wissen wir nicht einmal, was vor sich geht. Fritzens Rede ist von Zeitungen in Frankfurt am Main außerordentlich gelobt worden. Was einen Besuch bei Dir betrifft, liebe Mama, so bist Du sehr gütig, mich einzuladen. Gegenwärtig können wir nichts entscheiden, da wir noch keine Antwort vom König bekommen haben; unser Geschick ist noch nicht entschieden. Wenn wir das Land verlassen müssen, so kann ich Dir gar nicht sagen, wie dankbar wir sein würden, wieder mit Dir zusammenkommen zu können, und zwar in Deinem gesegneten Lande des Friedens und der Glückseligkeit.

Nun leb wohl, liebste Mama, ich küsse Deine Hände. Bestimmt wirst Du während all dieser unruhigen Zeit an mich denken. Ich habe nichts gegen irgendwelche Schwierigkeiten, solange sie für Fritz gut endigen, ja, ich erfreue mich sogar an einem tüchtigen Gefecht außerordentlich, wenn es dazu kommen sollte. Fritz fühlt seinen Mut in jeder Notlage wachsen; nur der Gedanke an seinen Vater nimmt ihm seine Kraft. 'Denke, daß es Dein Vater wäre', sagte er zu mir, 'möchtest Du ihm ungehorsam sein und ihn unglücklich machen?'"

In einer Nachschrift fügt die Kronprinzessin hinzu:

"... Der König nimmt Fritzens Abdankung nicht an und wünscht, daß wir unsere Reise fortsetzen, obgleich er Fritz verboten hat, noch etwas in der Öffentlichkeit zu sagen. Wir werden infolgedessen unseren Reiseplan ausführen und hier in Königsberg bis zum i. Juli bleiben, um dann nach der Insel Rügen zu gehen. Am ersten August hoffe ich Dich, liebe Mama, für einen oder zwei Tage zu sehen. Im September sind die Manöver und ein statistischer Kongreß, den Fritz eröffnen soll; daher wird, wie ich fürchte, Schottland unmöglich sein. Lieber Gott! Was für eine traurige Zeit müssen wir jetzt durchmachen, ohne Aussicht auf Hilfe oder Unterstützung. Dabei sind wir von Leuten umgeben, die entschlossen sind, eine unübersteigbare Schranke vor allen unseren liberalen Plänen aufzurichten, und uns das Leben aus dem Leibe quälen! Bitte, schicke die eingeschlossenen Papiere, sobald wie möglich, zurück. Wenn wir die übrigen Zeitungen wiederbekommen haben, wird sie Fritz Dir senden.

Herr von Bismarck hat nicht einmal Fritzens Brief beantwortet, und der König hat ihm verboten, ihn den anderen Ministern zu zeigen."

Bismarck glaubte, daß die Prinzessin an der Veröffentlichung der Briefe schuld sei, und Busch zitiert ein aus Gastein am i. August datiertes Memorandum, das, vermutlich von Bismarck diktiert, diese Ansicht zum Ausdruck bringt. "Entweder", heißt es dort, "hat sie sich selbst zu eigenen Ansichten über eine Regierungsform durchgerungen, die für Preußen sehr nützlich wäre, oder sie ist den starken Einflüssen der englisch-koburgischen Partei erlegen. Wie dem auch immer sein mag, es steht fest, daß sie sich auf einem Wege der Opposition gegen die amtierende Regierung festgelegt und Vorteil aus dem Danziger Zwischenfall gezogen hat, um die Erregung, die dieser in den höchsten Kreisen hervorgerufen, zu benutzen, ihren Gatten mehr und mehr durch diese Enthüllungen in den Vordergrund zu schieben und die öffentliche Meinung mit den Gedankengängen des Prinzen vertraut zu machen. Sie tut all dieses nur aus Besorgnis um die Zukunft ihres Gemahls." Das Memorandum stellt ferner fest, daß die Kronprinzessin auf das tatkräftigste von der Königin Augusta unterstützt würde, die auf ihre eigene Stellung im Lande äußerst bedacht sei. "Sie haben sich vom Präsidenten Camphausen ein Memorandum über die innere Lage in Preußen verfassen lassen, das die jetzige Regierung angreift und dem König vorgelegt wurde. Der König bemerkt in einer Randnote, daß die in dem Memorandum empfohlenen Prinzipien zur Revolution führen würden. Der Gesandtschaftsrat Meyer ist Augustas Werkzeug und ohne Frage mit der englisch-koburgischen Partei im Einverständnis. Die Teilnahme Professor Dunckers und die des Barons Stockmar scheint weniger gewiß." Das Memorandum ist von einem Kommentar in Bismarcks Handschrift begleitet, in dem die vom Kronprinzen ausgesprochenen Ansichten Punkt für Punkt widerlegt werden. Im Verlaufe seiner Kritik sagt der Schreiber unter anderem folgendes: "Der Anspruch, daß eine Warnung seiner Königlichen Hoheit königliche Entscheidungen bestimmen sollte, die erst nach gründlichster Überlegung gefaßt wurden, legt seiner eigenen Stellung und Erfahrung eine unangemessene Wichtigkeit im Verhältnis zu der seines Fürsten und Vaters bei. Niemand könnte glauben, daß seine Königliche Hoheit an diesen Vorgängen, bei denen es sich um Einsatz der persönlichen Autorität handelt, irgendwelchen Anteil hat, da ja jedermann weiß, daß der Prinz keine Stimme im Ministerium besitzt..."

Eine Woche später, am 30. Juni 1863, schrieb der Kronprinz an Bismarck:

"Aus Ihrem Schreiben vom 10. Juni d. Js. habe ich ersehen, daß Sie meinen Protest gegen den Preß-Einschränkungs-Erlaß, den ich am 3ten Juni aus Graudenz absendete, dem Staats-Ministerium amtlich mitzuteilen, auf Befehl Sr. Majestät des Königs unterlassen.

Ich kann mir freilich denken, daß es Ihnen nicht unerwünscht sei, einen Vorgang, der, wie Sie selbst anerkennen, in seinen Folgen allgemeine Bedeutung erlangen könnte, als eine bloße persönliche Angelegenheit zu behandeln. Es würde zu nichts fruchten, wenn ich auf jener Mitteilung bestände, die ohnehin, wie ich aus Ihren Worten schließen darf, in nicht amtlicher weise, doch stattgefunden haben wird. Es liegt mir aber daran, mich Ihnen gegenüber deutlich in Bezug auf die Alternative auszusprechen, welche Sie mir stellen: dem Ministerium die Aufgabe, die es sich vorgesetzt, zu erleichtern oder zu erschweren.

Ich kann sie Ihnen nicht erleichtern, denn ich befinde mich allerdings in prinzipiellem Gegensatz zu demselben.

Loyale Handhabung der Gesetze und Verfassung, Achtung und Wohlwollen gegen ein leicht zu führendes, intelligentes und tüchtiges Volk - das sind die Prinzipien, von denen meiner Meinung nach jede Regierung in ihrem Verfahren gegen das Land geleitet sein muß. Ich vermag die in der Verordnung vom 2. Juni cr. ausgeprägte Politik mit diesen Prinzipien nicht in Einklang zu bringen.

Sie suchen mir zwar die Verfassungsmäßigkeit jenes Erlasses nachzuweisen und Sie versichern, Sie und Ihre Collegen seien Ihrer Eide eingedenk. Ich aber meine, daß eine Regierung ein stärkeres Fundament bedürfe als mindestens höchst zweifelhafte Auslegungen, die dem gesunden Menschenverstande des Volkess nicht einleuchten. Sie selbst berufen sich darauf, daß auch Ihre Gegner die Ehrlichkeit Ihrer Überzeugungen achten. Ich lasse diese Behauptung unerörtert ('Wenig höflich', bemerkt Bismarck in Bleistift), aber wenn Sie dem Urteil Ihrer Gegner einigen Wert beimessen, so müßte doch der Umstand Ihnen Bedenken einflößen, daß die entschiedene Mehrheit der gebildeten Klassen unseres Volkes die Verfassungsmäßigkeit des Inhalts der fraglichen Verordnung verneint. Daß dies geschehen würde, wußte das Ministerium vorher. Es wußte ebenso vorher, daß der Landtag den Inhalt jenes Erlasses niemals vorher genehmigt haben würde, machte dem Landtage keine Vorlage, schloß ihn, und publizierte wenige Tage darauf die Verordnung auf Grund von Artikel 63 der Verfassung.

Wenn das Land in diesem Verfahren eine loyale Handhabung der Verfassung nicht erkennt, so möchte ich fragen, was hat das Ministerium getan, um die öffentliche Meinung zu seiner Ansicht zu bekehren? Es hat kein anderes Mittel gefunden, sich mit der öffentlichen Meinung auseinanderzusetzen, als ihr Schweigen aufzuerlegen.

Es ist überflüssig, ein Wort darüber zu verlieren, wie sich die Verordnung zu der Achtung und dem Wohlwollen verhält, die einem willigen, loyalen Volk gebühren, das aber, weil die Regierung seine Stimme nicht hören will, zur Rolle der Stummen verurteilt wird.

Und welches sind die Erfolge, die Sie sich von dieser Politik versprechen? Beruhigung der Gemüter, Herstellung des Friedens?

Glauben Sie durch neue Kränkungen des Rechtsgefühls die Gemüter beruhigen zu können?

Aber freilich, Sie erwarten einen günstigeren Erfolg neuer Wahlen. Mir scheint es gegen die menschliche Natur zu sein, einen Umschwung von Stimmungen zu hoffen, welche durch das Verfahren der Regierung nur fortwährend gesteigert und gereizt werden.

Ich will Ihnen sagen, welchen Erfolg Ihrer Politik ich vorhersehe:

Sie werden solange an der Verfassung deuteln, bis dieselbe ihren Wert in den Augen des Volks verliert ('vielleicht', kommentiert Bismarck). Sie werden dadurch einerseits anarchistische Bestrebungen, die über die Verfassung hinausgehen, wachrufen. Sie werden andererseits, mögen Sie es wollen oder nicht, von einer gewagten Interpretation zur anderen, bis zu dem Anraten des nackten unverschleierten Verfassungsbruchs getrieben werden.

Diejenigen, welche Seine Majestät den König, meinen aller gnädigsten Herrn Vater, auf solche Wege führen, betrachte ich als die allergefährlichsten Ratgeber für Krone und Vaterland." ("Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort", urteilt Bismarck.)

An diesen Brief fügte der Kronprinz noch folgenden Nachsatz an:

"Ich habe schon vor dem 1. Juni d. J. von dem Recht, den Sitzungen des Staatsministeriums beizuwohnen, nur sehr eingeschränkten Gebrauch gemacht. Sie werden es nach meinen vorstehend ausgesprochenen Überzeugungen begreiflich finden, daß ich seine Majestät den König bitten werde, mich fortan während der Dauer des jetzigen Ministeriums der Teilnahme an jenen Sitzungen gänzlich enthalten zu dürfen.

Ein fortgesetztes öffentliches und persönliches Aussprechen des Gegensatzes, in dem ich mich zum Ministerium befinde ('Absalom!' bemerkt Bismarck in Bleistift), würde weder meiner Stellung noch meiner Neigung entsprechen. Ich werde mir jedoch in allen sonstigen Beziehungen für die Äußerung meiner Meinung keinen Zwang auflegen, und das Ministerium darf darauf rechnen, daß es lediglich von demselben und seinen weiteren Schritten abhängen wird, ob ich trotz meines innersten Widerstrebens mich werde gezwungen sehen, ein ferneres öffentliches Auftreten nicht zu scheuen, wenn es von der Pflicht geboten erscheint." ("Nur anfangen!" schreibt Bismarck.)

Zwischen dem Kronprinzen und Bismarck herrschte nun offene Feindschaft; die Kronprinzessin stand natürlich bei diesem Streite auf der Seite ihres Gemahls. Drei Monate später teilte der Kronprinz seinem Vater den Inhalt seines Briefes an Bismarck mit und schrieb am 3. September an den Ministerpräsidenten:

"Ich habe Sr. M. die Ansichten heute mitgeteilt, welche ich Ihnen in meinem Schreiben aus Putbus (rectius Stettin) auseinandersetzte und die ich Sie bat, nicht eher dem Könige zu eröffnen, als bis ich selber dies getan. Ein folgenschwerer Entschluß ward gestern im conseil gefaßt; in Gegenwart der Minister wollte ich Sr. M. nichts erwidern; heut ist es geschehen; ich habe meine Bedenken geäußert, habe meine schweren Befürchtungen für die Zukunft dargelegt. Der König weiß nunmehr, daß ich der entschiedene Gegner des Ministeriums bin."

An den Schluß des Briefes kritzelte Bismarck augenscheinlich als Teil einer geplanten Antwort: "Ich hoffe nur, daß Eure Königliche Hoheit eines Tages so treue Diener finden werden, wie ich einer Ihres Vaters bin. Allerdings beabsichtige ich nicht, dazu zu gehören."

Die Kronprinzessin war nun über fünf Jahre in Preußen gewesen, die ihr viel Glück gebracht hatten, obgleich die kleinen Nadelstiche nicht fehlten, denen niemand entgehen kann. Dieser Kampf zwischen ihrem Gatten und Bismarck war das erste Anzeichen offener Feindseligkeit. Sowohl der Kronprinz wie die Kronprinzessin waren bei ihrem Widerstand gegen den König Wilhelm von den edelsten Motiven geleitet worden: aber Bismarck war Sieger geblieben. Zwei erste Ratgeber waren zuviel, und der Kronprinz war in dramatischer Weise gebeten worden, beiseite zu treten. Weder er noch die Kronprinzessin konnten dies jemals vergessen - aber auch Bismarck vermochte es nicht. Er erinnerte sich noch lange daran, daß er es hier mit einem Gegner zu tun gehabt hatte, der es wagte, seine Entscheidungen in den geheimen Sitzungen mit dem König in Frage zu ziehen.

In der Folge gab es also am preußischen Hofe zwei Hauptparteien. An der Spitze der reaktionären allpreußischen Partei stand Bismarck, den der König schirmte; an der Spitze der liberalen anglo-koburgischen Partei, wie Bismarck sie verächtlich nannte, befanden sich der Kronprinz von Preußen und seine englisch geborene Gemahlin.

Die Mißbilligung, welche die preußische Partei .den Ansichten des Kronprinzen und der Kronprinzessin entgegenbrachte, trat zutage, als im folgenden Monat der Kronprinz in Begleitung seiner Gemahlin sich auf eine lange militärische Inspektionsreise durch Preußen und Pommern begab. In einigen der Städte, die sie besuchten, hielten sich die Stadtbehörden sichtlich von jeder feierlichen Begrüßung fern. Augenscheinlich wurde die Haltung der offiziellen Persönlichkeiten in Preußen von einflußreicher Seite unterstützt. Die Folge war ein langer Besuch am englischen Hofe im September 1863, der bis zum Dezember dauerte. Die Prinzessin fühlte sich in England zu Hause; man begann darüber zu reden, wie unverständlich es sei, daß die preußische Kronprinzessin ein anderes Land demjenigen vorzog, das sie zur Heimat gewählt hatte. Inzwischen war die Königin Victoria in Koburg gewesen; dort hatte sie lange mit Robert Morier, dem Freunde der Kronprinzessin, gesprochen. Bismarck achtete genau auf alle diese Vorgänge und schürte sorgfältig die wachsende Mißbilligung des vermeintlichen englischen Einflusses auf die Angelegenheiten Preußens.

Gerade bevor die Königin Victoria sich nach Koburg begab, hatte Österreich versucht, die Lösung der deutschen Frage durch den Entwurf eines Schemas für die Reform der Bundesverfassung in die Hand zu nehmen; Kaiser Franz Joseph lud die Fürsten und die freien Städte Deutschlands zu einer Konferenz für den August nach Frankfurt ein, auf der die Reorganisation des Deutschen Bundes besprochen werden sollte. König Wilhelm war geneigt, diesen Vorschlag anzunehmen, aber Bismarck war anderer Meinung und bestand auf völliger Gleichberechtigung mit Österreich in den Bundesangelegenheiten. Eine weitere Aufforderung des Kaisers, welcher vorschlug, der König solle den Kronprinzen zum Fürstenkongreß schicken, wurde ebenfalls abgelehnt.

Trotzdem fand der Kongreß statt; er fiel gerade in die Zeit des Koburger Aufenthaltes der Königin Victoria.

Infolgedessen wurde in dieser Stadt eine Art von Familienrat abgehalten, dem die Königin von England präsidierte; der Kronprinz und die Kronprinzessin gehörten zu seinen hervorragendsten Mitgliedern. Der Kongreß verlief infolge der Abwesenheit König Wilhelms ergebnislos, und auch die gutgemeinten Bemühungen der Königin Victoria, die sowohl mit König Wilhelm wie mit Kaiser Franz Joseph zusammentraf, konnten sie nicht zu einem Einverständnis bringen. Erst vor einem Jahre hatte Bismarck den furchtbaren Satz, daß die deutsche Frage nur durch "Blut und Eisen" gelöst werden könne, ausgesprochen; nun sollte die Gelegenheit nicht lange auf sich warten lassen, die grimmige Politik dieses Wortes zu versuchen. In weniger als einem Jahr brach der Krieg gegen Dänemark wegen der Herzogtümer Schleswig und Holstein aus, und nach weiteren vier Jahren entbrannte der Kampf mit Österreich um die Führerschaft in Deutschland.

Die Ursachen des Krieges mit Dänemark haben häufig Gelegenheit zum Streit unter Historikern gegeben; es genügt für unsere Zwecke, wenn wir die Ereignisse berichten, die dem Ausbruch der Feindseligkeiten vorausgingen.

Am 30. März war eine Verordnung des dänischen Königs erschienen, die Holstein eine neue Regierungsform verlieh, es aber vollkommen von Schleswig trennte, das unter dem dänischen Rigsraad blieb; beiden Herzogtümern wurden vermehrte finanzielle Lasten auferlegt. Dann folgte im späten Herbst die Einverleibung des Herzogtums Schleswig in das Königreich Dänemark. Der Gesetzentwurf, der diese Tatsache festlegen sollte, wurde am 11. November angenommen, erhielt aber niemals die Unterschrift des Königs Friedrich VII., der zwei Tage später starb. Ihm folgte sein Neffe, König Christian IX., der Vater der Prinzessin Alexandra von Wales. Drei Tage nach seiner Thronbesteigung ratifizierte König Christian widerstrebend das neue Gesetz.

Die Lage wurde durch die Tatsache erschwert, daß es einen dritten Anwärter auf das Herzogtum Schleswig (und das Herzogtum Holstein) in der Person des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg gab, der in der Familie als Fritz Augustenburg bekannt war; unter seinen Parteigängern befanden sich der Kronprinz und die Kronprinzessin, der König von Hannover, der Herzog von Koburg und die Häupter einiger kleiner deutscher Staaten. Die Königin Victoria unterstützte die deutschen Bestrebungen und die Ansprüche des Erbprinzen von Augustenburg, während Mitglieder ihrer eigenen wie auch der preußischen und dänischen Königsfamilien sich leidenschaftlich in verschiedenen Lagern befanden. Die Frage hatte die einschneidendsten Wirkungen auf die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der drei königlichen Familien. Das englische Königshaus war innig mit Dänemark und Preußen verbunden, da zwei Töchter der Königin Victoria deutsche Prinzen geheiratet hatten, während ihr ältester Sohn, der Prinz von Wales, sich im März 1863 mit der Prinzessin Alexandra von Dänemark vermählt hatte. Am 5. Januar 1864 schrieb die Kronprinzessin an die Königin 1864 Victoria:

"Über die Politik kann ich nichts sagen - nur das eine, das Dich freuen wird: der König ist viel freundlicher zu Fritz, und die Königin ist mit ihm sehr zufrieden.

Meine Gedanken und Wünsche sind mit Fritz Augustenburg, der einen schwierigen Kurs steuert, obgleich es der richtige ist. Aber ich habe alles Mitgefühl mit dem armen König Christian, der bei seinem freundlichen Sinn und guten Herzen seine Lage doppelt unangenehm empfinden muß. Ich hoffe, daß die liebe Alix nicht allzusehr von alledem beunruhigt wird. König Christian hat sich seine peinliche Lage selbst zuzuschreiben - warum hat er einen Platz eingenommen, der ihm Rechtens nicht gebührt? Er könnte jetzt in aller Ruhe und in Frieden leben..."

Bismarck ließ sich die für ihn günstige Lage nicht entgehen und richtete am 16. Januar 1864 ein Ultimatum an König Christian, das die Räumung Schleswigs innerhalb von 24 Stunden verlangte. Die Folge war der Krieg.

Mit dem Ausbruch des Kampfes wurde die Kronprinzessin Gegnerin ihres Bruders und ihrer Schwägerin, des Prinzen und der Prinzessin von Wales, die natürlich die dänischen Interessen vertraten, und des Königs und der Königin von Preußen, die natürlich Bismarck unterstützten.

Als König Christian Bismarcks Forderung, Schleswig aufzugeben, nicht nachkam, marschierten preußische und österreichische Truppen in das Herzogtum ein. Der tapfere aber aussichtslose Widerstand der Dänen löste außerordentliche Sympathien in England aus; Lord Palmerston, der Premierminister, und Lord Russell, der Sekretär des Auswärtigen Amtes, gaben nur die öffentliche Meinung wieder, wenn sie in verächtlichen Ausdrücken von dem brutalen Angriff der Alliierten sprachen. Indessen beschränkte sich die Regierung auf Drohungen, da Königin Victoria auf strikte Neutralität hielt.

Die Lage war nun für den Kronprinzen und die Kronprinzessin doppelt schwierig. Während sie Fritz Augustenburg für den rechtmäßigen Anwärter hielten, forderte die Staatsräson die Erklärung ihrer unbedingten Zustimmung zu der preußischen Politik, und zwar zum unverhohlenen Mißfallen des Prinzen und der Prinzessin von Wales. Der Kronprinz war als Generalleutnant der preußischen Armee natürlich zum aktiven Dienst einberufen worden; diese Tatsache erregte neue Bitterkeit zwischen der Kronprinzessin und ihrem Bruder. "Vicky hat sich wenig träumen lassen", schrieb der König der Belgier an die Königin Victoria mehrere Monate später (am 15. Juni 1864), "daß sie durch die Wahl einer reizenden dänischen Prinzessin als Gattin ihres Bruders England so viele Schwierigkeiten bereiten, und diese vielleicht die Ursache für einen volkstümlichen Krieg gegen Preußen werden würde."

Am 21. Januar marschierten die deutschen Truppen unter dem Feldmarschall Wrangel in Holstein ein; am 5. Februar gaben die Dänen ihre Verteidigungslinie, die Danewerke, auf, um ihre Armeen zu retten. Der Wechsel in der Haltung der Kronprinzessin wird aus ihrem Briefe vom 8. Februar an die Königin Victoria deutlich:

"Der Verlauf, den der Feldzug nimmt, hat uns alle sehr erstaunt, da wir glaubten, daß die Eroberung der Danewerke sehr schwierig sein würde und niemand daran dachte, die Dänen könnten ihre Stellung aufgeben.

Ich hoffe und bete, daß der Krieg für unsere braven Truppen ehrenvoll enden und alle Erfolge zeitigen möge, welche Deutschland erwartet. Du sagst, liebe Mama, daß Du froh bist, nicht das Blut so vieler Unschuldiger auf Deinem Gewissen zu haben. Wir haben dafür niemand anderem zu danken als Lord Palmerston und dem Kaiser Nikolaus. Wenn sie sich nicht in Dinge gemischt hätten, die sie im Jahre 1848 gar nichts angingen, wären diese Folgen nicht eingetreten...

Man kann keinem Engländer zum Vorwurf machen, daß er die Schleswig-Holsteinsche Frage nicht versteht, nachdem die beiden deutschen Großmächte sie derartig verwirrt haben; trotzdem bleibt sie für uns Deutsche vollkommen einfach und durchsichtig. Für ihre Lösung sind wir gern bereit, jedes Opfer zu bringen."

Die folgenden Wochen sahen den unaufhaltsamen Vormarsch der preußischen und österreichischen Truppen, der im März und April durch den Angriff auf das Dorf und die Schanzen von Düppel oder Dybböl gekrönt wurde. Die heftigen Kommentare in der britischen Presse, die sich mit dem Vorgehen der Alliierten befaßten, drängten die Meinung der Kronprinzessin in noch bestimmtere Richtung, besonders als die Beschießung von Sonderburg, einer auf der Insel Alsen gelegenen und durch den Brückenkopf von Düppel gedeckten Stadt, als brutal und grausam bezeichnet wurde.

"Wenn das Bombardement von Sonderburg," schrieb die Kronprinzessin am 13. April an Königin Victoria, "die englische Meinung gegen uns aufgebracht hat, so können die dümmsten, ungerechtesten, gröbsten und heftigsten Angriffe in der 'Times' und im Parlament nur den Zorn oder vielmehr die Verachtung bestärken, welche die Deutschen in allerdings maßlosen Ausdrücken äußern; man fühlt diese Verachtung allgemein für Englands Stellung in der dänischen Frage.

Sogar die Franzosen sehen das ein und verteidigen uns in der 'Presse' vom 10. gegen die völlig kindischen und unwürdigen Angriffe, die gegen uns gerichtet werden. Ich kann in der Beschießung Sonderburgs nichts Unmenschliches oder Unrechtes sehen - sie war notwendig und, wie wir hoffen, von Nutzen. Was würde Lord Russen sagen, wenn wir uns immerfort darum kümmern würden, was in Japan los ist - wo Admiral Cooper wegen der von ihm angeordneten Beschießungen keine großen Skrupel zeigte.

Ich stimme mit Mr. Bernal Osborne völlig überein, der in seiner ganz ausgezeichneten Rede, abgedruckt in der 'Times' vom 9., die ewigen überflüssigen Fragen, die man uns hier und in Wien vorlegt, 'hysterisches Gefasel' nennt. Die fortwährende Einmischung Englands in die Angelegenheiten anderer Völker wirkt im Ausland so lächerlich, daß sie schon beinahe nicht mehr stört. Für ein englisch empfindendes Herz aber ist es kein angenehmer Anblick, wenn die Würde des eigenen Landes derartig beeinträchtigt und mit Füßen getreten, sein Einfluß so vollkommen verloren wird.

Der hochpathetische, philanthropische und tugendhafte Ton, in dem alle diese Angriffe gegen Preußen gemacht werden, hat etwas vollkommen Lächerliches an sich. Die Engländer würden es auch nicht ertragen, wollte man ihnen, wenn sie in einen Krieg verwickelt sind, in pompösem Stil vorschreiben, wie sie sich zu benehmen hätten; ich bin sicher, daß sie eine solche Einmischung nicht dulden würden. Warum sollten wir es also tun?"

Im Mai wurde ein Waffenstillstand geschlossen, aber die Feindseligkeiten flammten im Juni wieder auf. Die Dänen waren indessen nicht in der Verfassung, den Kampf fortzusetzen, und baten schnell um Frieden. Der Friedensvertrag verbürgte Preußen und Österreich die gemeinsame Besetzung der beiden Herzogtümer. Am 26. Mai schrieb die Kronprinzessin:

"Ich fange wirklich an zu glauben, daß die politischen Verhältnisse sich zum Bessern wenden, und zweifle nicht daran, daß alles einen guten Ausgang nimmt! Welch ein Segen! Jeder Mensch ist hier auf England wütend; aber der König läßt keine Gelegenheit vorübergehen, auszusprechen, wie sehr verpflichtet und wie dankbar er Dir für Deine Bemühungen ist, den Frieden aufrechtzuerhalten usw., denn er fühlt, daß dies ohne Dich nicht möglich gewesen wäre. Ich hoffe und vertraue, daß der Friede auf einer Basis geschlossen werden wird, die für immer einen neuen Ausbruch von Feindseligkeiten wegen der Herzogtümer verhindern und den Ländern wie ihrem Herzog ihre gesetzmäßigen Rechte verschaffen wird.

Nur etwas quält mich sehr: das ist die Animosität, die zwischen unseren beiden Ländern herrscht; sie ist so gefährlich und verursacht so viel Kummer! Sie wird von törichten Kleinigkeiten genährt, die gut zu vermeiden wären. Preußen hat sich seit einiger Zeit sehr unpopulär gemacht, und zwar infolge der illiberalen Regierung des Königs, aber die Stimmung gegen uns in England ist trotzdem außerordentlich ungerecht! Nun, da der liebe Papa nicht länger auf Erden weilt, lebe ich in der fortwährenden Angst, daß die Bande, welche unsere beiden Länder zu ihrem gegenseitigen Vorteil verbinden, so gelockert werden, daß sie in einiger Zeit ganz zerreißen! Es kommt sehr viel darauf an, wer hier Botschafter ist. Sir A. Buchanan, ein ausgezeichneter Mann, den ich persönlich ehre und achte, ist für den Posten ganz ungeeignet und hat seine Stellung sehr verschlechtert. Er kann kein Deutsch und versteht nichts von den deutschen Angelegenheiten; auch weiß er nichts von dem Standpunkt, den Preußen verschiedenen Fragen gegenüber einnimmt. Er hört nicht auf die, welche etwas von diesen Dingen wissen, und ist daher fortwährend falsch unterrichtet; er stellt alles vollkommen unrichtig dar, wie ich aus dem Blaubuch ersehen habe. Außerdem ist er sehr unbeliebt und hat gar keinen Einfluß. Seine Informationen bezieht er aus trüben Quellen, von andern törichten Diplomaten, die absolut nichts verstehen, wie z. B. der brasilianische Gesandte. Sir Andrew ist ein Tory und haßt alles Liberale. Infolgedessen mißversteht er die Lage unserer politischen Parteien völlig; die Konservativen in England können nicht mit der Kreuzzeitungspartei verglichen werden - es besteht da ein ungeheurer Unterschied. Merkwürdigerweise hat Sir A. trotz aller schlechten Behandlung, die ihm durch Bismarck zuteil geworden ist, eine heimliche Liebe für ihn."

Nach dem Ende des dänischen Krieges schien es, als ob die unterbrochenen guten Beziehungen zwischen der Prinzessin Friedrich und ihrem Bruder, dem Prinzen von Wales, erneuert werden könnten. Aber das einmal entstandene Mißtrauen hielt noch einige Monate lang an. im Oktober besuchten der Prinz und die Prinzessin von Wales, nach einem Aufenthalt in Dänemark, Deutschland und hatten in Köln ein kurzes Zusammentreffen mit dem Kronprinzen (der gerade von den Schlachtfeldern kam), und der Prinzessin. Die Familienzwistigkeiten brachen aufs neue aus.

"Ich kann Ihnen versichern," schrieb der Prinz von Wales am 7. November an Lord Spencer, "daß es nicht angenehm war, ihn (den Kronprinzen) und seinen Adjutanten immer in preußischer Uniform herumlaufen und beständig mit einem höchst Anstoß erregenden Ordensband prunken zu sehen, das er für seine 'tapferen Taten'??? gegen die unglücklichen Dänen bekommen hatte."

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