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Kapitel III: Der Krieg gegen Österreich

Der Krieg gegen Dänemark war nur eine Sprosse auf Bismarcks hoher Leiter gewesen, die zu Preußens Vergrößerung und zur deutschen Einheit führen sollte. Damals waren die Rechte der kleinen Nationen noch ein unbekanntes Gebiet, aber auch wenn die Verteidigung der Schwachen gegen die Starken ein europäischer Grundsatz gewesen wäre, ist es zweifelhaft, ob die Rücksicht gegen die kleineren Länder in Bismarcks Theorien Platz gefunden hätte. Zwei Jahre lang hatte das Bündnis mit Österreich seine Dienste getan. Die Königin Victoria verlieh der Meinung Ausdruck, daß es eine "heilige Pflicht" sei, Preußens Prestige zu stärken - eine Ansicht, die von der Kronprinzessin auf das wärmste unterstützt wurde. Aber ein Krieg zwischen Preußen und Österreich bedeutete jetzt einen Krieg innerhalb des engsten Familienkreises. Ihr Vetter, der König von Hannover, und viele andere ihrer deutschen Verwandten standen auf Österreichs Seite, während der Kronprinz Friedrich, bei welcher Partei auch immer seine Verwandten sein mochten, an der Spitze des preußischen Heeres gegen die deutschen Verwandten seiner Gemahlin kämpfen mußte.

Bismarck hatte keine Lust, die Kronprinzessin oder ihre Mutter, die Königin Victoria, für sich zu gewinnen, da mehrere Ereignisse von geringerer Wichtigkeit im vorhergehenden Jahre geeignet waren, den Bruch zwischen ihnen zu erweitern. Zu Beginn des Jahres wurde es klar, daß Prinz Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, der jüngere Bruder des Herzogs Friedrich, dessen Ansprüche auf die Herzogtümer von Schleswig und Holstein, obgleich sie vom Kronprinzen und der Prinzessin unterstützt wurden, von Bismarck verächtlich beiseitegeschoben worden waren, die Hand der Prinzessin Helene, Königin Victorias Tochter, zu gewinnen strebte. Am Ende des dänischen Krieges hatte Bismarck die Kraft seiner eisernen Faust gezeigt, indem er den Herzog Friedrich und den Prinzen Christian ihrer Besitzungen und ihrer Stellungen im Heere und in der Gesellschaft beraubt hatte. Es war klar, daß diejenigen, die es wagten, dem eisernen Kanzler entgegenzutreten, die Folgen zu tragen hatten.

Königin Victoria hatte sich indessen den klaren Blick bewahrt; als es bekannt wurde, daß Prinz Christian ihre 1865 Tochter bewunderte, schrieb sie Anfang April 1865 an die Kronprinzessin, um sie nach ihrer Meinung über den Prinzen zu fragen. Die Kronprinzessin antwortete am 18. April:

"Du fragst mich wegen Christian. Er ist, wie Du weißt, unser Hausfreund, der kommt und geht, wann er will, mit uns spazierengeht, frühstückt und zu Mittag ißt, wenn er hier ist, und wir allein sind. Er ist der beste Mensch von der Welt; nicht so begabt wie Fritz Augustenburg, aber ganz bestimmt durchaus nicht dumm. Wenn er will, kann er sehr amüsant sein; wir haben ihn sehr gern. Er ist fast ganz kahl und sieht nicht aus wie Fritz, sondern eher wie sein Vater und seine älteste Schwester, hat aber eine viel bessere Figur als sein Bruder und eine ganz militärische 'Tournüre'. Er ist auch nicht so distinguiert wie Fritz, von dem ich, was seinen Charakter und seinen Verstand anbetrifft, die höchste Meinung habe.

Christian hat Kinder sehr gern und spricht englisch; ich schicke Dir eine Photographie, die er mir gegeben hat. Er hat nicht so schöne Augen wie sein Bruder, aber Mund und Kinn sind besser geformt. Er spricht genau so wie die andern auch.

Seine Stellung hier ist weder leicht noch angenehm; aber er kommt ganz gut durch."

Da diese günstige Meinung der Kronprinzessin durch eine ihrer Hofdamen, Gräfin Blücher, die, wie die Königin Victoria an König Leopold schrieb, dem Plane sehr geneigt war, unterstützt wurde, begann die Königin von England sich sogleich zu überlegen, "wie er allmählich verwirklicht werden könnte".

Im Sommer 1865 reiste Königin Victoria nach Koburg, um dort am 26. August ein Standbild des Prinzgemahls zu enthüllen, und forderte den Prinzen von Wales, den Kronprinzen und die Kronprinzessin auf, ebenfalls hinzukommen. Außerdem wohnten vierundzwanzig nahe Verwandte der Königin, meistens Deutsche, der Feier bei; unter den Besuchern befand sich, wie sie schrieb, der "außerordentlich liebenswürdige, ruhige und distinguierte" Prinz Christian. Königin Victoria benutzte die Gelegenheit, um ihre Einwilligung zu seiner Verlobung mit der Prinzessin Helene bekanntzugeben. Bismarck war wütend, da dies einen Vorwurf gegen die Behandlung bedeutete, die er dem Herzog Friedrich und dem Prinzen Christian hatte angedeihen lassen. Die Tatsache, daß die Königin Victoria unter diesen Umständen ihre Einwilligung zu einer Verlobung veröffentlichte, die augenscheinlich die preußische Empfindlichkeit verletzen mußte, wurde von ihm als eine Demonstration des Hohnes nicht nur von ihrer Seite, sondern auch von Seiten des Kronprinzen und der Kronprinzessin ausgelegt; er hat sie schwer vergessen.

Im folgenden Jahre verstärkte sich die Spannung zwischen Preußen und Österreich. Der Krieg gegen Dänemark hatte die gemeinsame Besetzung der Herzogtümer Schleswig und Holstein durch Preußen und Österreich zur Folge gehabt: nun sah Bismarck Österreich als 1866 hinderlich an, und zu Beginn des Jahres 1866 war es klar, daß der Ausbruch eines Krieges zwischen den bisherigen Alliierten auf des Messers Schneide stand.

"Wir stehen noch", schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter am 4. April 1866, "mitten zwischen Frieden und Krieg; kein Tag vergeht ohne einen kleinen Zwischenfall, der die Situation günstig beeinflussen könnte, und keiner verstreicht, ohne daß der böse Mann mit der größten Geschicklichkeit seinen Gegenzug tut, alles Gute verdirbt und die Situation zum Kriege treibt, indem er alles dreht und wendet, bis es seinen Absichten entspricht.

Sooft wir ein wenig Hoffnung schöpfen und Mittel sehen, aus den Schwierigkeiten herauszukommen, hören wir kurz darauf, daß diese unbrauchbar gemacht worden sind. Es werden so viele Unwahrheiten in die Welt gesetzt, daß man völlig starr ist, wenn man sie hört; aber das Netz ist kunstvoll geknüpft, und der König von Preußen gerät trotz aller seiner Klugheit mehr und mehr in seine Maschen..."

Es war, wie die preußische Kronprinzessin sagte Bismarck hatte die Lage so kompliziert, daß der Krieg unvermeidlich wurde. Trotzdem wurde nicht nur von der Kronprinzessin, sondern auch von der Königin Victoria der Versuch gemacht, einen Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Die Königin von England versuchte den Krieg zu verhindern und die preußische Angriffslust durch einen Appell an den König von Preußen am 10. April zu dämpfen. Im Mai schrieb sie wieder, um diesmal durch den Kronprinzen eine europäische Konferenz vorzuschlagen. Einige Tage später, am 19. Mai, schrieb die Kronprinzessin traurig an die Königin:

"Ich habe kaum den Mut, Dir zu schreiben, da ich nichts anderes tun kann, als bei demselben unglückseligen Thema zu verweilen. Fritz hat dem König Deinen Brief gegeben, der aber nichts über ihn geäußert hat. Fritz glaubt nicht, daß der König Deinen Vorschlag annehmen wird; er ist der Meinung, daß der Kongreß nur Lösungen vorschlagen könne, denen weder Preußen noch Österreich zuzustimmen bereit seien. Ich verzweifle nicht, glaube aber, daß die Friedensaussichten jeden Tag geringer werden. Der Himmel helfe uns! Es ist eine sehr elende, trostlose Zeit.

Unsere Taufe [die Prinzessin Victoria war am 12. April 1866 geboren worden] wird traurig werden; am Tage darauf muß mein Fritz uns verlassen und zu seinen Truppen stoßen, da er das Kommando der schlesischen Armee übernimmt. Wann und wo ich ihn wiedersehen werde, weiß ich nicht. Was ich fühle, kann ich Dir nicht sagen. Ich glaube, mein Herz wird brechen. Alles ist ungewiß, Verderben und Unglück jeder Art vorauszusehen.

Wir hören den ganzen Tag nur von Krieg und Kriegsvorbereitungen. Das Kommando, das Fritz bekommen hat, ist sehr schön und ehrenvoll, aber auch außerordentlich schwierig; er wird fast nur Polen unter sich haben, die, wie Du weißt, nicht so angenehm wie Deutsche sind. Er hat viel mit der Formierung seines Stabes zu tun und ist so glücklich gewesen, einige sehr befähigte Offiziere bekommen zu haben..."

Im Juni brach der Krieg aus; es folgte jener kurze, glänzende, sieben Wochen dauernde Feldzug, der mit der Erniedrigung Österreichs endete und Preußen die Hegemonie in Deutschland verschaffte. Der Kummer der Kronprinzessin, die ihren Gatten gegen einen anderen und augenscheinlich viel schlimmeren Feind als die Dänen ins Feld ziehen sah, wurde durch den Verlust ihres jüngsten Sohnes, des Prinzen Sigismund, der am 18. Juni im Alter von einundzwanzig Monaten starb, vertieft. Am 19. Juni schrieb sie an die Königin Victoria:

"Dein leidvolles Kind wendet sich in seinem Kummer an Dich, da es sicher ist, Mitgefühl bei einem zärtlichen Herzen zu finden, dem Kummer wohlvertraut ist. Die Hand der Vorsehung lastet schwer auf mir, und ich habe diese entsetzliche Heimsuchung allein, ohne meinen armen Fritz zu tragen. Mein kleiner Liebling, der mir gnädig eine kurze Zeit lang gegeben war, um mein Stolz, meine Freude, meine Hoffnung zu sein, ist von mir gegangen, dorthin, wo meine leidenschaftliche Liebe ihm nicht folgen, von wo ihn meine Sehnsucht nicht zurückrufen kann. Erspare es mir, Dir zu erzählen, wie, wann und wo mein Herz zerrissen und gebrochen wurde. Laß mich Dir nur versichern, daß ich nicht trotze oder aufbegehre - Gottes Wille geschehe!

Was ich leide, kann niemand wissen, denn nur wenige ahnen, wie ich das Kind geliebt habe. Es war mein eigenes glückliches Geheimnis; der laute Ruf tödlicher Qual, der aus der Tiefe meiner Seele steigt, dringt allein zum Himmel empor.

Ich möchte, daß Du alles weißt, da Du so gütig bist, liebste Mama, und wünschen wirst, alle Einzelheiten dieser letzten schrecklichen Tage erfahren zu wollen, aber ich kann sie nicht beschreiben. Ich bin jetzt ruhig, um Fritzens und meiner Kleinen willen, aber, oh, wie bitter ist dieser Kelch..."

Königin Victorias mitfühlende Antwort hatte den Brief der Prinzessin vom 26. Juni 1866 zur Folge:

"Tausend Dank für Deine lieben Zeilen und die Gedichte, sie haben mich tief berührt und beruhigt. In Augenblicken der tiefsten Trauer, wenn es unmöglich scheint, wirklich zu begreifen, was geschehen ist, oder wie man nach dem allem noch leben soll, wenden sich unsere Gedanken natürlich zu denen, die ebenfalls durch solches Leid gegangen sind, ist man dankbar für freundliche und mitfühlende Worte. So wandten sich meine Gedanken zu Dir. Unser Leid kann nicht verglichen werden, es ist zu verschieden, aber jedes Herz kennt seine eigene Bitterkeit. Ein kleines Kind mag anderen kein so großer Verlust dünken - aber Gott allein weiß, wie ich leide. Wie habe ich den Kleinen geliebt! Vom ersten Augenblick seiner Geburt an bedeutete er mehr für mich als seine Brüder und Schwestern; er war so hübsch, so lieb, so froh und glücklich - wie stolz war ich auf meinen kleinen Sohn; und gerade dieser teuerste Schatz ist mir genommen worden! Das Leid scheint größer, als daß ich es tragen kann. Ihn so furchtbar leiden und sterben zu sehen, seinen letzten jämmerlichen Schrei zu hören, war eine Qual, die ich nicht beschreiben kann; sie verfolgt mich Tag und Nacht! In den letzten wenigen Monaten hatte sich mein kleiner Sigie so prachtvoll geistig und körperlich entwickelt, er war so klug, viel klüger als die anderen, und ich hoffte, er würde wie sein Papa werden. Fritz und ich vergötterten ihn - er hatte ein so liebes, süßes Wesen und gewinnende, reizende Manieren; er war wie ein Sonnenstrählchen im Hause.

Nun muß ich sein kleines leeres Bett sehen, seine Kleider, seine Spielsachen, die herumliegen, muß ihn in jeder Stunde vermissen und sehne mich so tief und bitterlich, ihn noch einmal an mein Herz zu drücken - es ist ein grausames Leid! Mein Kind, mein Kind - das ist alles, was ich sagen kann. Ich soll es nie wiedersehen! Ich weiß, daß Schmerz und Sünde ihm erspart worden sind, ich weiß, daß sein Leben ebenso hell und glücklich war, wie es kurz gewesen ist, ich habe das Bewußtsein, nichts unterlassen zu haben, was ihm Freude und Bequemlichkeit verschaffen konnte, ich hadre nicht mit dem Schicksal und verschließe mich nicht dem Trost, den Gott in seiner Gnade gewährt, aber ich werde bis zu meinem Tode um ihn trauern.

Ich danke Dir dafür, daß Du am Donnerstag meiner gedacht hast, es war erschütternd und schrecklich, aber nur für die Nerven und die Phantasie; der Schlag war gefallen - und was ist alles andere im Vergleich zu ihm? Zwei Tage lang konnte ich keine Träne vergießen -, während der Trauerfeier waren meine Augen die einzig trockenen. Ich konnte nicht weinen! Dabei war mein armer Fritz nicht zugegen, er befindet sich auf einem so schwierigen und gefährlichen Posten. Für ihn ist es ein wahrer Segen, daß seine Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt sein müssen. Ich will nicht schwach werden, sondern meine Pflicht tun und nichts vernachlässigen - Tätigkeit und Beschäftigung sind die einzigen Dinge, die meinem Sinn das Gleichgewicht erhalten, ohne meine Trauer betäuben oder mein leeres Herz füllen zu können. Keine, keine Zeit wird das vermögen, das süße kleine Gesicht wird immer um mich sein, und meine Sehnsucht wird niemals schlafen. Aber ich habe viele und heilige Pflichten, für die ich lebe: sie will ich bis zum Ende meiner Kräfte erfüllen - für die anderen lieben Kinder, für meinen armen lieben Fritz!

Wie sich unsere Zukunft gestalten wird, ist jetzt sehr ungewiß; wenn ich früher an ihr zweifelte, so glaubte ich, daß irdische Güter nicht von Wichtigkeit wären - solange unser Familienkreis vollzählig war, und ich mit Stolz und Dankbarkeit auf unsere fünf Kleinen blickte..."

Vier Tage später schrieb die Prinzessin vom Neuen Palais aus:

"Du hast mir drei so liebe, freundlich tröstende und erleichternde Briefe geschrieben - vielen, vielen Dank für alle. Wenn ich jemals Deine Briefe mit ängstlicher Ungeduld erwartete, so jetzt, da alles um mich von heftiger Erregung über die schrecklichen Ereignisse ergriffen ist und ich allein fühle, daß, was auch geschehen mag, nichts meinen Kummer mildern kann. Mein geliebter kleiner Junge lebt immer in meinen Gedanken und stumpft meinen Sinn gegen andere Dinge ab. Ein kleines Kind ist für die übrige Welt kein Verlust. Niemand vermißt es, aber für mich ist es ein Teil meiner selbst, eine meiner Hauptinteressen im Leben. Das Hinscheiden meines kleinen Sigie hat Düsternis über dies Haus und über mein ganzes Leben gebracht, das niemals wieder ganz froh sein kann. Mein lieber, lieber kleiner Junge - das sage ich den ganzen Tag vor mich hin. Gestern packte ich alle seine Kleider zusammen, die ich während des Winters mit soviel Freude für ihn genäht hatte; er sah sehr süß und niedlich in ihnen aus; morgen verlassen wir dieses Haus, in dem ich seit Victorias Geburt gelebt habe - und es erscheint mir seltsam, daß ich einen meiner Kleinen hier lassen muß.

Mein Fritz schreibt mir sehr oft, er war in einer Schlacht - der Himmel möge ihn schützen. Alle Welt stimmt in seinem Lob überein; natürlich ist das eine große Wohltat für mich. Sein Herz ist schwer und traurig, aber er stellt seine Pflicht über alles - er ist so gut - oh, wann werde ich ihn wiedersehen und wenn es soweit ist, wie wird es sein, wenn wir uns treffen? Was haben wir alles durchgemacht, seit wir uns getrennt haben! Ich weiß, daß Du an uns denkst und mit Deinen Kindern fühlst, liebste Mama; das ist sehr tröstlich für uns. Ich kann nichts über den Krieg sagen - Du weißt, was ich denke, und mein Kopf ist jetzt zu schwach, um einen Gedanken in vernünftige Form zu kleiden. Ich weiß, daß Du es nicht für unnatürlich halten wirst, daß meine Gefühle auf der Seite meines Landes und meines Gatten sind, obgleich man natürlich nur verzweifelt darüber sein kann, Deutsche als Feinde betrachten und ihre Vernichtung wünschen zu müssen... Ich kann Dir nicht beschreiben, welche Verwirrung der Gefühle wir durchmachen müssen - aber alles übertönt meines Lieblings Todesschrei, und die Tränen, die ich für alle armen Gefallenen, Verwundeten und deren betroffene Familien vergieße, fließen über sein kleines Grab..."

Die Prinzessin schob ihre eigenen Sorgen beiseite und wandte ihre ganze Energie dem dringenden und notwendigen Werk der Kriegshospitalshilfe zu; in ihrem Brief vom 5. Juli bat sie ihre Mutter, den Leidenden einige in den Lazaretten notwendige Utensilien zu schicken:

"Was wirst Du", schrieb sie aus Heringsdorf, "zu all dem sagen, was vor sich geht? Wie furchtbar sind diese Menschenverluste... Ich arbeite hart, um alles Notwendige für die Hospitale zusammenzukratzen, aber es ist trotz aller Anstrengungen unmöglich, alles zu bekommen, was so dringend und unendlich notwendig ist. Wenn Du mir etwas schicken kannst, wäre ich sehr froh - in unseren Lazaretten werden Österreicher, Sachsen und Preußen zusammen gepflegt - was Du also schicken kannst, wird allen armen Opfern des Krieges zugute kommen. Der Himmel möge geben, daß er bald zu Ende ist. Schwämme und altes Leinen werden am dringendsten gebraucht.

Ich bin so überlastet mit Schreiben, daß es mir noch nicht möglich gewesen ist, Beileidsbriefe zu beantworten; meine ganze Zeit ist der Tätigkeit gewidmet, die für Fritz von irgendwelchem Nutzen sein kann. Ich bin dankbar, sagen zu können, daß es ihm gut geht, aber das Bewußtsein, daß sein kostbares Leben der Gefahr ausgesetzt ist, erfüllt mich mit zitternder Angst. Er schreibt mir oft und ganz prachtvolle Briefe.

Meine Kleinen sind gut auf dem Posten und senden Dir ihre Liebe. - Die kleine Victoria ist dick und gesund. Bitte, sage unserem guten Lenchen alle meine zärtlichsten und besten Wünsche - sie weiß, wie ich über sie denke und wie wahrhaft ich sie liebe bitte, wünsche ihr in meinem Namen alles Glück."

Der glänzende Siegeszug, in dem die gut ausgebildete preußische Armee ihre österreichischen Gegner zu Boden warf, brachte dem Kronprinzen den Ruhm, die Schlachten von Nachod (27. Juni), Skalitz (28. Juni) und Schweinsschädel (29. Juni) gewonnen zu haben; am 3. Juli folgte die Schlacht von Sadowa oder Königgrätz, welche die vollkommene Niederlage der Österreicher besiegelte.

"... Was wirst Du", schrieb die Kronprinzessin am 9. Juli 1866, "zu all diesen furchtbaren Schlachten sagen? Macht es Dir nicht ein wenig Freude, daß es unser Fritz allein ist, der alle diese Siege errungen hat? Du weißt, wie sehr ich bemüht war, ebenso wie Fritz, die Schrecken dieses Krieges zu vermeiden. Aber da es nun soweit ist, bin ich dankbar, daß unsere Sache unter Fritzens Leitung die Oberhand gewonnen hat.

Du glaubst nicht, wie bescheiden er ist. Niemals sucht er Lob, sondern tut immer seine Pflicht. Die Soldaten beten ihn an; mir ist gesagt worden, daß, wann immer er sich sehen läßt, ein Sturm der Begeisterung unter ihnen losbricht. Er führt ein schrecklich hartes Leben, ohne sich jemals zu beklagen. Aber die körperliche Ermüdung, unter der er leidet, da er selten ins Bett kommt und manchmal 13 Stunden zu Pferde sitzt, ist nichts, wie er sagt, im Vergleich zu dem quälenden Verantwortungsgefühl, ein so gefahrvolles Unternehmen zu leiten, zu all den heftigen Erschütterungen des Kampfes und den furchtbaren Eindrücken, die aus den Schrecken des Schlachtfeldes gewonnen werden. Ich kann mir vorstellen, welchen Nervenshock ein so gütiger Mann wie er erleiden muß.

Du weißt, daß ich nicht blind oder voreingenommen bin, aber ich muß sagen, daß ich von dem größten Respekt und der größten Bewunderung für unsere Truppen erfüllt bin. Ich glaube, daß sie sich wundervoll benehmen, und hoffe, daß Du einige unserer Zeitungen lesen wirst, um einen Begriff davon zu bekommen, was sie durchgemacht haben."

Eine Woche später erzählt sie einige Einzelheiten des Krieges, die ihr von Augenzeugen mitgeteilt worden waren. So stolz die Prinzessin auch auf die Tüchtigkeit der preußischen Truppen war, eines konnte sie nicht vergessen: daß Bismarck den Krieg erzwungen hatte.

"Vieles", schrieb sie am 16. Juli, "wird Dich, wie ich glaube, interessieren - bitte schicke die Briefe zurück, wenn Du sie gelesen hast. Luise, Arthur, Major Elphinstone, Mr. Sahl und Fräulein Bauer werden sie vielleicht auch gern sehen. Ich möchte nicht, daß Bertie sie zu Gesicht bekommt oder daß sie noch weiter herumgegeben werden, da sie nicht für andere geschrieben sind, sondern nur das enthalten, was natürlicherweise ein preußischer Offizier seiner Frau mitteilt.

Du weißt, daß ich den Krieg als einen Fehler betrachte, der durch den unkontrollierten Einfluß eines prinzipienlosen Mannes gemacht worden ist - daß mir die armen Österreicher im allgemeinen gar nicht unangenehm sind und ich infolgedessen wirklich ganz unparteiisch zu sprechen in der Lage bin. Ich versichere Dich, daß, wenn das übrige Europa die Einzelheiten dieses Krieges kennen würde, wenn das Licht, in dem unsere Offiziere und Mannschaften wie unser ganzes Volk sich gezeigt haben, allgemein bekannt würde, das preußische Volk in aller Augen hochgeachtet dastehen müßte; ich fühle, daß ich jetzt ebenso stolz bin, Preußin zu sein, wie Engländerin. - Das ist sehr viel gesagt, da Du weißt, was für ein John Bull' ich bin und wie hoch ich meine Heimat schätze. Ich muß sagen, daß die Preußen eine höherstehende Rasse sind, soweit Intelligenz und Menschlichkeit, Erziehung und Herzensgüte in Frage kommen; deswegen hasse ich diejenigen um so mehr, die infolge ihrer schlechten Regierungstätigkeit und Verwaltung die Nation der Sympathien berauben, die ihr gebühren. Meine Liebe ist nicht blind, aber ehrlich, denn ich achte und bewundere ihre hochzuschätzenden, guten Eigenschaften.

Ich weiß sehr gut, daß sie unliebenswürdig sein und sich geschmacklos benehmen können (über den Geschmack läßt sich nicht streiten), daß sie ihre kleinen Absonderlichkeiten besitzen, aber im Herzen prächtige Menschen sind. Dagegen begehen die so reizenden und liebenswürdigen Österreicher barbarische Grausamkeiten, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Fritz sagt, daß er es niemals geglaubt hätte, wenn er nicht Augenzeuge gewesen wäre. Es ist ihre schlechte Erziehung und ihre Religion, wie ich glaube. Möge der Krieg bald vorüber sein, er ist so schrecklich. Ich habe viele Bekannte verloren! Ich sende Dir ein Photo von Miß Victoria, das nicht sehr günstig ist, aber sie ist ein so niedliches kleines Ding und so lebhaft - sie kräht und lacht und springt, fängt bereits an aufrechtzusitzen und trägt kurze Röcke. Wenn ich nicht immer an unseren Verlust denken müßte, würde ich mich so sehr an ihr freuen und stolz auf sie sein... Heinrich und Willy sind sehr gute Jungen und machen mir nicht viel zu schaffen. Sie sind sehr glücklich hier."

Einige Tage später schien der Friede zwischen den kriegführenden Mächten nahegerückt, aber die Kronprinzessin war nicht allzu optimistisch.

"... Der Friede", schrieb sie am 27. Juli, "scheint aufs neue zweifelhaft, und ich zittere vor dem Gedanken, daß der Krieg wieder aufgenommen werden könnte, da ich sicher bin, daß wieder so schreckliche Schlachten geschlagen werden würden, wie am Tage von Königgrätz. Wie bedauere ich den armen Onkel Alexander - Gesandter zu sein, wenn alles so gefährlich aussieht. Ich bin sicher, daß es nicht sein Fehler ist.

Der Krieg mit den kleinen Staaten scheint trauriger als der mit Österreich. Er ist härter für unsere Gefühle als alle anderen Konflikte. Wir haben niemand anderem als Bismarck für all das zu danken. Wenn Deutschland geeinigt, mächtig, frei und glücklich aus dieser Schwierigkeit hervorgeht, wird man mit der Zeit die Wunden vergessen, unter denen wir jetzt leiden, aber niemals wird dies den Krieg in meinen Augen gerechtfertigt erscheinen lassen! Ich freue mich als Preußin an den Heldentaten unserer Truppen - aber diese Freude wird durch die Furcht gedämpft, daß sie ihr Blut umsonst vergossen haben. Wie kann ich befriedigende Erfolge für Deutschland oder für uns erhoffen, solange solch ein Mann mit solchen Grundsätzen an der Spitze der Regierung steht! Infolge der Cholera und der Schlachten sind viele arme Familien in Kummer und Leid gestürzt worden. Es ist so traurig! Kein Herz kann mehr mit den anderen fühlen als meines, das so schwer und traurig ist!"

Der Feldzug bewies, wie der dänische Krieg, die soldatischen Fähigkeiten des Kronprinzen; mit großer Erleichterung und gerechtem Stolz begrüßte ihn die Kronprinzessin bei seiner Rückkehr. Am 10. August schrieb sie an ihre Mutter aus Heringsdorf:

"Am Tage, nachdem ich Dir geschrieben hatte, kam mein lieber Fritz zurück. Ich fuhr mit den Kindern in den Wald und traf ihn dort. Wir waren beide sehr erschüttert; unsere Gefühle waren recht gemischter Natur, wie Du Dir leicht vorstellen kannst. Er sieht gut aus, ist nur ein wenig dünner und vielleicht etwas älter geworden; jedenfalls lassen ihn sein Bart und sein ernster Ausdruck so erscheinen. Er hat viel durchgemacht, aber er ist so bescheiden, wie alle wahrhaft guten und rechtgesinnten Männer es sein müssen... trotz allem, was er getan hat...

Er hat einen Brief von Onkel Georg wegen des Königs von Hannover bekommen; der Großherzog von Oldenburg kommt heute hierher, um denselben Wunsch auszusprechen. In dieser traurigen Zeit muß man imstande sein, seine Gefühle für die Verwandten vollkommen von den politischen Notwendigkeiten zu trennen, oder man würde endlos von einer Seite zur anderen gerissen werden, wenn uns Hoffnungen, Wünsche und Verlangen von denjenigen vorgetragen werden, die wir nicht zu kränken wünschen; auch dies ist eine der Kriegsfolgen. Nichts kann oder wird jemals Fritzens Grundsätze eines gesunden Liberalismus und seine Gerechtigkeit erschüttern. Aber Du weißt aus Erfahrung, daß man in der Richtung fortschreiten muß, die durch die gesamte politische Lage bestimmt wird. Alle, die sich jetzt in so schwierigen Lagen befinden, konnten recht gut voraussehen, welcher Gefahr sie sich aussetzten; es ist ihnen vorher gesagt worden, was sie zu erwarten hatten; sie wählten die österreichische Partei und teilen nun das traurige Schicksal, das die geschlagene Macht auf ihre Verbündeten überträgt. Denjenigen, die sich auf unsere Seite gestellt haben oder neutral geblieben sind, ist nichts passiert, z. B. Onkel Ernst, dem Herzog von Anhalt, den Großherzögen von Mecklenburg usw... Sie alle [d. h. die Staaten, welche mit Österreich gingen] glaubten an die unwahre Behauptung Österreichs über die Stärke der eigenen Kräfte und wollten nicht sehen, daß Preußen wahrscheinlich siegreich sein würde; so haben sich die armen Leute den eigenen Hals gebrochen. Oh, wie grausam ist es, wenn sich Herz und Kopf so gegenüberstehen!

Eine liberale, deutschfühlende, vernünftige preußische Regierung würde all dies vermieden haben! Aber da man den Konflikt nicht à l'amiable entscheiden konnte, da Ströme von Blut geflossen sind und das Schwert den Kampf entschieden hat, muß der Sieger seine eigenen Bedingungen stellen, die hart für viele sein müssen.

Ich kann und will nicht vergessen, daß ich Preußin bin, aber als solche weiß ich, daß es sehr schwer ist, Dir oder irgendeinem anderen Nichtdeutschen begreiflich zu machen, wie unser Fall liegt. Wir haben ungeheure Opfer gebracht, und die Nation erwartet, daß sie nicht umsonst gewesen sind..."

Zwölf Tage später, am 22. August, wurde der Friedensvertrag in Prag unterzeichnet, und am 24, Juli 1867 wurden Schleswig und Holstein formell dem preußischen Königreich einverleibt. Eine der Friedensbedingungen bildete indessen aufs neue einen Grund tiefer Verstimmung zwischen der Kronprinzessin und Bismarck. Als Strafe für die Beteiligung Hannovers am Kriege auf österreichischer Seite wurde dieser Staat im September 1856 von Preußen annektiert; achtzehn Monate später wurde ein Teil des Privateigentums des Königs von Hannover beschlagnahmt.

In den folgenden Jahren wendete die Prinzessin trotz der mannigfachen Betätigungen im Staatsdienst den größten Teil ihrer Zeit der Erziehung ihrer Söhne zu; mit vielem Interesse muß sie Briefe, wie den des Lehrers der Knaben, Mr. Thomas Dealtry, vom 30. April 1870 gelesen haben, der sich mit den Fortschritten der Prinzen beschäftigt:

"Da die Stunden, welche ich den Prinzen Wilhelm und Heinrich von Preußen gebe, sich ihrem Ende zuneigen, erlaube ich mir Eurer Königlichen Hoheit den Eindruck wiederzugeben, den ich von Ihren Königlichen Söhnen empfangen habe und die dankbare Empfindung zu beschreiben, die mir die Leitung ihrer Studien verursacht hat.

Nach den vielen Gelegenheiten, die ich hatte, ihren Charakter und ihre Anlagen zu beobachten, kann ich ehrlich sagen, daß man selten anziehendere und mehr versprechende Knaben treffen wird.

Prinz Wilhelm hat mit mir außer englischer Geschichte das meiste von Sir Walter Scotts und Macaulays poetischen Werken, Bischof Hebers 'Palästina' und viele seiner kleineren Gedichte, sowie ausgewählte Stellen aus Tennyson und anderen englischen Autoren gelesen. Viele Stücke hat er auswendig gelernt. Seine Königliche Hoheit haben, wie ich glaube, in der befriedigendsten Weise seine Kenntnis der englischen Sprache vervollkommnet, und haben wirkliche Liebe zur englischen Literatur gezeigt. Prinz Wilhelms Interesse für seine Studien hat viel zu der Freude beigetragen, welche mir die mit ihm verbrachten Stunden gewährt haben. Seine Aussprache und sein Akzent bedürfen noch der Verbesserung.

Seine Hochherzigkeit und seine vielseitige Begabung haben mich oft in Erstaunen gesetzt. Beide Prinzen besitzen eine bemerkenswerte Vornehmheit der Gedanken und Gefühle; Prinz Heinrich ist soweit vorgeschritten, wie man es von einem Knaben seines Alters erwarten kann.

Ich glaube nicht, daß sie besser erzogen sein könnten, als sie es sind, und glaube, daß ihre Fortschritte und ihre wachsende Intelligenz den rastlosen und aufmerksamen Bemühungen seines ausgezeichneten Erziehers alle Ehre machen werden."

Ein wenig später, am 28. Mai 1870, schrieb die Prinzessin aus Bornstedt an die Königin Victoria über ihren ältesten Sohn:

"Leider ist der Arm nicht besser geworden, und Wilhelm fängt an, sich bei jeder körperlichen Übung viel kleineren Jungen unterlegen zu fühlen - er kann nicht schnell laufen, weil er kein Gleichgewicht hat, er kann nicht reiten, klettern oder sein Essen schneiden usw... Ich wundere mich, daß er trotz allem ein so angenehmes Temperament hat. Sein Lehrer denkt, daß er alles viel schwerer empfinden und viel unglücklicher sein wird, wenn er älter geworden ist und sich von allem, was andere erfreut, ausgeschlossen sieht, besonders, da er lebenslustig und gesund ist. Es bedeutet eine harte Prüfung für ihn und uns; natürlich ist nichts vernachlässigt worden, was für ihn getan werden konnte, aber leider ist dies sehr wenig. Wenn wir wieder das Glück haben, nach England zu kommen, müssen ihn Mr. Paget und die ersten Chirurgen sehen, obgleich ich glaube, daß auch dies wenig Zweck haben wird. Wir haben Langenbecks Urteil, der einer der besten Chirurgen unserer Tage ist."

Jeder nur mögliche Weg wurde von der Kronprinzessin beschritten, um ihrem ältesten Sohn den vollen Gebrauch seines verletzten Armes zu ermöglichen, aber alles erwies sich als wirkungslos. Von Zeit zu Zeit schwankte sie zwischen Furcht und Hoffnung. Sie wünschte leidenschaftlich, daß eine neue Behandlung ihn heilen möge, und wurde dann wieder durch den Fehlschlag aller dieser aufeinanderfolgenden Versuche in Verzweiflung gestürzt.

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