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Kapitel IV: Der Krieg von 1870

Kaum hatte Europa sich von den dänischen und österreichischen Kriegen von 1864 und 1866 erholt, als im Sommer 1870 die Sturmglocke des Krieges von neuem geläutet wurde. Bismarck verlangte nach Krieg, Napoleon III. verlangte nach Krieg. Die Geschichte lehrt uns, daß niemals die geringste Schwierigkeit bestanden hat, einen Vorwand zum Kriegführen zu finden, wenn der Kampf erwünscht scheint. Aber während Napoleon seinen Grund in der Notwendigkeit fand, seinen Thron zu stützen, glaubte Bismarck, daß die Einigung Deutschlands nur durch Krieg, durch Krieg allein erlangt werden könne. Napoleon III. glaubte, daß seine Armee schlagfertig sei, während Bismarck wußte, daß die preußische Kriegsmaschine in vollkommenster Ordnung funktionierte.

Die Schwierigkeiten der spanischen Thronfolge gaben ihnen die erwünschte Gelegenheit; jeder handelte in dem Wahn, daß er den Grund verschleiern und den anderen ins Unrecht setzen könne. Nachdem die Spanier im September 1868 unter dem Vorwand, das Land von der Korruption zu befreien, die Königin Isabella vertrieben hatten, spalteten sich ihre Meinungen hoffnungslos, als es sich darum handelte, eine neue Regierungsform zu wählen; sie zeigten sich völlig unfähig, ihre eigenen etwas schwierigen Verhältnisse zu ordnen. Bismarck wußte, daß Frankreich bei gewissen Voraussetzungen eingreifen würde oder mußte. Er handelte so, daß seine Politik der Welt als die freie Wahl eines Herrschers durch die Spanier erscheinen mußte, und ergriff die Gelegenheit für eine solche Intervention. Marschall Prim, der tatsächliche Diktator Spaniens, eine Puppe in den Händen Bismarcks, wurde ermutigt, als Thronfolger den römisch-katholischen Prinzen Leopold, ältesten Sohn des Fürsten Anton von Hohenzollern-Sigmaringen, vorzuschlagen. Nach langen Verhandlungen, die mehrere Monate dauerten, lehnte dieser deutsche Prinz ab, aber auf Bismarcks Betreiben erneuerte Marschall Prim sein Angebot. Am 12. März 1870 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria und bat sie um ihre Ansicht über die verworrene Angelegenheit.

"Ich soll Dir eine Botschaft von Fritz ausrichten; eigentlich geht die Angelegenheit mich nichts an, aber er wünscht, daß ich in seinem Namen schreibe, und daß die Sache strengstens geheim behandelt wird. General Prim hat einen Spanier mit verschiedenen Handschreiben von ihm selbst an Leopold Hohenzollern hergeschickt; er bittet ihn dringend, die spanische Krone anzunehmen, und sagt, daß er mit zwei Drittel Mehrheit der Stimmen der Cortes gewählt werden würde. Sie wollen nicht, daß man es in Frankreich erfährt, aber der König, Prinz Hohenzollern, Leopold und Fritz möchten Deine persönliche Ansicht darüber privatim erfahren...

Weder der König, noch Prinz Hohenzollern, noch Antoinette (Prinzessin Leopold), noch Leopold, noch Fritz stehen der Idee günstig gegenüber, da sie der Ansicht sind, daß es peinlich und unangenehm ist, eine Stellung anzunehmen, für die es rechtmäßige Anwärter gibt. General Prim macht die Sache äußerst dringend; dies ist der Grund, warum sie ein wenig Zeit zu haben wünschen, um in Betracht zu ziehen, ob Leopold recht hat oder nicht, wenn er ablehnt. Hier weiß noch niemand etwas davon. Willst Du mir bitte eine Antwort senden, die ich den Erwähnten zeigen kann? Vielleicht bist Du so gut und schreibst an Fritz deutsch, da es für mich außerordentlich unangenehm ist, in so wichtigen und ernsthaften Dingen vermitteln zu müssen.

Es scheint, daß die Spanier entschlossen sind, keinen Agnaten der Bourbonenfamilie zu wählen."

In den nächsten Monaten schienen sich viele Möglichkeiten zu bieten, auf dem Wege der Verhandlungen die Schwierigkeiten erfolgreich zu lösen. Am 4. Juli 1870 nahm Prinz Leopold die Ernennung an, und König Wilhelm gab seine Zustimmung.

Die Nachricht von der Hohenzollernkandidatur schlug wie eine Bombe ein und ließ ganz Europa auffahren. Kaiser Napoleon und M. Ollivier, das eigentliche Haupt des französischen Ministeriums, zögerten, bevor sie irgendeine Maßnahme ergriffen, aber der Herzog von Gramont, der französische Minister des Auswärtigen, erklärte sofort, daß diese Kandidatur nicht geduldet werden könne; die Pariser Presse stimmte in den Ruf ein, und auch die Kammer unterstützte des Herzogs von Gramont heftigen Protest. Die britische Regierung, die Königin Victoria, der König der Belgier und andere Friedensfreunde vereinigten ihre Bemühungen, um den Prinzen Leopold zu überreden, seine Kandidatur zurückzuziehen. Die Kronprinzessin, die sich gerade von der Geburt ihrer dritten Tochter, der Prinzessin Sophie, geboren am 14. Juni, erholte, war erstaunt durch den plötzlichen Wechsel im europäischen Kaleidoskop und schrieb am 6. Juli an die Königin Victoria:

"Nachdem die spanische Krone endgültig von den Hohenzollern und dem König abgelehnt worden ist, ist der Prinz noch einmal gebeten worden und scheint, da die Familie inzwischen ihre Meinung geändert hat, geneigt zu sein, sie anzunehmen - zum großen Mißfallen des Königs und der Königin, die sich in kluger Weise von der ganzen Sache fernhalten und nichts damit zu tun haben wollen, da sie, wie wir auch, fürchten, daß für Preußen Komplikationen entstehen können; es ist allzu leicht, die Hohenzollern mehr oder weniger mit uns und mit unserer Regierung zu identifizieren. Ich fürchte, daß die Hohenzollern einen schlimmen Fehler begehen, obgleich ich nicht daran zweifle, daß Leopold und Antoinette für einen solchen Posten ebenso geeignet sind wie der junge Herzog von Genua und viele der anderen, deren Namen genannt worden sind. So kann ich ihren Entschluß nur bedauern, nicht für Spanien, aber für sie und für uns. Fritz wird Dir ein kleines Memorandum über die ganze Angelegenheit durch einen Kurier schicken; er möchte, daß Du seine Ansicht über die vertrackte Affäre kennenlernst."

Gerade zu dieser Zeit fand in der Besetzung des Staatssekretärpostens im britischen Auswärtigen Amt ein Wechsel statt. Nach dem Tode Lord Clarendons wurde Lord Granville zum Staatssekretär des Äußeren ernannt. Er hatte kaum seine neuen Pflichten übernommen, als er die sehr unerwartete Erklärung abgab, daß keine Wolke den Frieden Europas verdunkle. Dabei war die erste wichtige Angelegenheit, zu deren Erledigung er mit aufgerufen wurde, die Kandidatur des Prinzen Leopold für die spanische Krone; glücklicherweise konnte er im Juli mitteilen, daß diese provokatorische Ernennung von Preußen zurückgezogen worden sei. Die Kronprinzessin vernahm die Neuigkeiten mit großer Erleichterung, da sie bereits einen neuen, unmittelbar bevorstehenden Krieg befürchtet hatte.

"Wie Du Dir denken kannst", schrieb sie an ihre Mutter am 13. Juli, "haben die Aufregungen und Spannungen der letzten Tage mich außerordentlich mitgenommen, aber Gott sei Dank scheint jetzt in der Politik eine gute Wendung eingetreten zu sein, da wir gehört haben, daß Leopold Hohenzollern aus eigenem Antriebe auf die Krone verzichtet hat - natürlich das beste, was er unter den gegebenen Umständen tun konnte. Hier predigt jeder den Frieden und wünscht ihn auch; ich habe keine einzige unkluge Äußerung als Antwort auf die beleidigende Sprache Frankreichs gehört, bei der einem wirklich die Geduld reißen kann. Aber wenn die Franzosen entschlossen sind, Streit mit uns anzufangen, da sie wissen, daß sie gut und wir gar nicht vorbereitet sind (es muß wohl ihre Ansicht sein) - so können sie keinen besseren Augenblick für sich und keinen schlechteren für uns wählen. Ich bin sicher, daß sie ihre Kühnheit noch weiter treiben und den Rhein für sich beanspruchen werden -, nur England kann dies verhindern. Es war eine große Freude in Deinem Brief vom neunten, den ich am Montag erhielt, und für den ich vielmals danke, zu lesen, daß auch Du das Verhalten Frankreichs mißbilligst. Du kannst Dir meinen Schrecken vorstellen, den ich bei dem Gedanken an einen Krieg in unserem eigenen geliebten Lande empfinde. Krieg ist zu allen Zeiten schrecklich genug - für jeden einzelnen -, aber für uns Frauen und Mütter ist seine Furchtbarkeit nicht zu beschreiben. Obgleich ich für meinen Teil keineswegs vor den Franzosen zu Kreuze kriechen möchte, vertraue ich darauf, daß das Wetter vorüberziehen wird. Fritz war sehr beunruhigt, er schrieb an den König und Bismarck und versuchte alles, was ihm möglich war, in Berlin zu tun, aber leider ist jetzt kaum jemand da - alles ist verreist, da keiner an irgendwelche Komplikationen dachte."

Indessen war die Gefahr in keiner Weise gebannt, da der Kaiser der Franzosen unklugerweise eine Garantie dafür verlangte, daß Preußen seine Beleidigung nicht wiederholen würde. Benedetti, der französische Botschafter in Berlin, drängte den König, der damals die Kur in Ems gebrauchte, ihm eine definitive Antwort zu geben. Es wurde ihm erwidert, daß, wenn auch der König den Rücktritt des Prinzen Leopold billige, er keine Garantien für die Zukunft zu geben imstande sei; etwas anderes könne er nicht sagen. Für Bismarck war ein so zahmes Ende eines internationalen Zwischenfalls, der sich so vielversprechend als politische Sackgasse gezeigt hatte, sehr enttäuschend; er entschloß sich, einen weiteren Schritt zu tun, um den Krieg unvermeidlich zu machen. Napoleon III. hatte sich hoffnungslos ins Unrecht gesetzt - ein glücklicher Umstand, der so leicht nicht wieder zu erwarten war. Bismarck "redigierte" das offizielle Telegramm aus Ems und beschrieb die Ereignisse in einer Weise, welche die öffentliche Meinung sowohl in Frankreich wie in Deutschland entflammen und den Krieg unvermeidlich machen mußte. Frankreich ging in die Falle und erklärte am 15. Juli den Krieg. Großbritannien erklärte sogleich seine Neutralität, obgleich die öffentliche Meinung im allgemeinen auf Seiten Preußens war und die meisten Menschen die Ansicht vertraten, daß Napoleon III. und die französische Regierung kein Recht hatten zu versuchen, Deutschland Vorschriften zu machen.

Die Gewißheit des Krieges bedeutete für die Kronprinzessin eine grausame Sorge, da sie, wie viele andere, Frankreich für den Angreifer hielt und die Furcht nicht loswurde, daß innerhalb einiger Monate Hessen und die Rheinprovinz von den Franzosen überrannt werden würden. Wenn man in Paris schrie "Nach Berlin!" so ertönte in der preußischen Hauptstadt der sehr viel bescheidenere Ruf "Zum Rhein!"

Während sich die öffentliche Meinung in England anfangs vollkommen auf die Seite Deutschlands stellte, wechselte in Deutschland die Meinung über England von größter Wärme zu eisiger Kälte. Später hatte Deutschland recht, wenn es sich über die britische "Neutralität" beklagte. "Wir sitzen dabei", schrieb Sir Robert Morier, "wie ein aufgeblasener Quäker, der zu fromm ist, um Krieg zu führen, sich aber vergnügt die Hände reibt über das ausgezeichnete Geschäft, das er mit Patronen und Munition macht." Es war vielleicht unvermeidlich, daß der Krieg einige Reibungen zwischen der Kronprinzessin und der englischen königlichen Familie verursachte, obgleich die Königin Victoria kein Geheimnis aus ihren Sympathien für Deutschland machte. Die Kronprinzessin nahm die deutsche Sache mit tiefer Begeisterung auf, da sie von Bismarcks Redigierung der Emser Depesche nichts wußte und glauben mußte, daß Deutschland mutwillig angegriffen worden sei; ihr Bruder, der Prinz von Wales, dagegen, der Deutschlands Verhalten Dänemark gegenüber nicht vergessen hatte, zeigte Sympathien für Frankreich. Es wurde erwählt, daß er bei einem Diner in der französischen Botschaft in London dem österreichischen Botschafter, Grafen Apponyi, seine Hoffnungen auf Preußens Niederlage und seinen Wunsch ausgedrückt habe, daß Österreich sich mit Frankreich verbünde. Die Geschichte wurde, zweifellos mit einigen Ausschmückungen, von dem preußischen Geschäftsträger in London an den Grafen von Bernstorff nach Berlin berichtet. Da sie in preußischen Hofkreisen umlief, kam sie bald der Kronprinzessin zu Ohren, die an ihre Mutter am 16. Juli 1870, vom Neuen Palais aus, schrieb:

"Du mußt mir verzeihen, wenn ich Dir völlig unzusammenhängend schreibe, aber mein Kopf ist vollkommen verwirrt Furcht, Aufregung und Trauer haben meine Nerven allzusehr angegriffen. Alle Hoffnung ist nun zu Ende, und wir haben die furchtbare Aussicht auf den schrecklichsten Krieg, den Europa jemals gesehen hat; er wird uns Elend und Ruin, vielleicht Vernichtung bringen. Du würdest Mitleid mit mir haben, wenn Du wüßtest, wie sehr ich moralisch und geistig heute leide, und trotzdem ist der einzige Weg, durch eine solche Prüfung zu gehen, einen kühlen Kopf und ein starkes Herz zu bewahren. Das letztere habe ich.

Wir sind in der schmachvollsten Weise in diesen Krieg hineingezwungen worden; das Gefühl der Entrüstung über einen Akt so schreiender Ungerechtigkeit hat in zwei Tagen hier einen solchen Grad erreicht, daß Du es kaum glauben würdest; der allgemeine Ruf zu den Waffen wird angestimmt, um einem Feinde Widerstand zu leisten, der uns mutwillig beleidigt.

Wir sind der Vorsehung dankbar, daß Du auf dem englischen Thron sitzt und daß Deine Regierung wiederum so klug und eifrig für den Frieden gewirkt und versucht hat, Frankreich zur Besinnung zu bringen. Der britische Gerechtigkeitssinn wird sich, dessen bin ich sicher, nicht von der französischen Presse blenden lassen. Bernstorff hat geschrieben, Bertie habe dem Grafen Apponyi seine Freude darüber ausgesprochen, daß die Österreicher sich mit Frankreich verbünden wollten; er hoffe, daß es uns schlecht gehen möge. Er soll dies laut bei einem Diner des französischen Botschafters geäußert haben; vielleicht ist die Sache übertrieben worden, aber natürlich wird es hier überall erzählt." Frankreich ein für allemal zu verhindern, einer andern Nation den Krieg aufzuzwingen. Denke an Hessen, an unseren schönen Rhein, denke an unsere Häfen und Seestädte! Die Ernte ist verloren, und Tausende von armen Menschen sind ohne Arbeit und Brot. Alles scheint mir wie ein schrecklicher Traum; vergib mir meine schlechte Schrift - meine Hand zittert und ich kann meine Gedanken nicht sammeln. Mir graut vor der Trennung von Fritz.

Alice und Luise von Baden müssen zu uns kommen - der König bietet Alice dies Schloß an, und ich bereite alles für den Fall vor, daß sie herkommt. Die Zukunft ist völlig undurchsichtig. Welche Leiden für uns bereit sein mögen, wissen wir nicht - aber eins wissen wir alle, daß unsere Ehre und die Sicherheit unseres Landes auf dem Spiel stehen und kein Opfer gescheut werden darf. Wir können unsere Gefühle am besten ausdrücken, wenn wir Lord Nelsons Worte ein wenig verändern und sagen: 'Deutschland erwartet, daß jedermann seine Pflicht tut' ... Was für ein trauriges Weihnachtsfest werden wir haben! Es geht mir so gut, wie ich nur erwarten kann, und ich bin eifrig bemüht, nicht einen völligen Narren aus mir zu machen, was schwer ist, da meine Nerven sehr angegriffen sind. Gerade vorhin habe ich Deinen lieben Brief vom 16. erhalten, für den ich Dir vielmals danke. Es bedeutet eine große Genugtuung für uns, daß Du auf die Franzosen wegen ihres Benehmens ärgerlich bist. Der König und alle anderen sind über Berties Ausspruch, der überall erzählt wird, entsetzt. Ich wollte, ich könnte sagen, daß er nicht wahr ist."

Darauf erwiderte die Königin Victoria am 20. Juli aus Osborne:

"Worte sind zu schwach, um alles das auszudrücken, was ich für Dich empfinde, oder was ich über meine Nachbarn denke. Wir müssen neutral bleiben, solange wir können; aber hier ist sich niemand über die Frevelhaftigkeit dieses Krieges und das nicht zu rechtfertigende Benehmen der Franzosen unklar. Öffentlich können wir nicht mehr sagen; aber das Volk und das Land fühlt vollkommen mit den Deutschen, was vordem nicht so war, und muß ich sagen, was ich empfinde? ...

Mein Herz blutet für Euch alle. Die Plötzlichkeit der Ereignisse ist so furchtbar. Sorge Dich nicht zu sehr, damit Du nicht krank wirst. Die arme Alice macht uns alle sehr ängstlich, da sie entschlossen scheint, Darmstadt nicht zu verlassen. Ich habe keinen Zweifel, daß Ihr beide sie am besten beraten werdet. Meine Gedanken sind immer bei Euch. Ich wünschte, daß Deine beiden Töchter hier in Sicherheit sein könnten. Die geteilten Interessen in königlichen Familien sind vollkommen unerträglich. Die menschliche Natur ist für so furchtbare Prüfungen nicht geschaffen, besonders die Herzen der Mütter und Frauen sind es nicht, aber ich zweifle nicht, daß Gott seine Hand über Euch halten wird. Du kannst der wärmsten Sympathien sicher sein; alle Mitglieder meines Hauses sind von tiefstem Interesse für Dich erfüllt..."

Noch vor dem Ende des ersten Monats verlor Frankreich Schlacht nach Schlacht, und der Erfolg der Deutschen ließ das Ende voraussehen. Die drei Invasionsarmeen standen unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen, in dessen Stab Moltke, Bismarck und Roon (der Kriegsminister) sich befanden. Den Oberbefehl hatte der König persönlich, die erste Armee leitete General Steinmetz, die zweite kommandierte Prinz Friedrich Karl, der Neffe des Königs, die dritte, die aus den süddeutschen Truppen und dem 5. und 11. preußischen Korps gebildet war, stand unter dem Kommando des Kronprinzen, dessen Generalstabschef sein "alter und erprobter Freund" Generalleutnant von Blumenthal war. Unter den Stabsoffizieren dieser Armee befand sich Graf Seckendorff, der später Oberhofmeister und Vertrauter, Freund und Ratgeber der Kronprinzessin wurde. Die Besorgnis der Kronprinzessin war groß; sie teilte alle ihre Ängste der Königin von England mit, der sie am 22. Juli schrieb

"Dein lieber und freundlicher Brief war ein Sonnenstrahl in der Dunkelheit dieser traurigen Zeit. Ich danke Dir von Herzen für ihn. Die Tage scheinen wie Jahre, während dies furchtbare Unglück über uns hängt - kein Tag geht vorbei, ohne daß viele Tränen vergossen werden. Heute verabschiedete ich mich von Onkel Ernst, der erst gestern aus Fiume in Berlin ankam. Wir brachen beide fast zusammen. Des liebsten Papa einziger Bruder es scheint so schrecklich! Aber daran darf man jetzt nicht denken. Unsere ganze Willenskraft, unser ganzer Mut sind nötig, um der Zukunft und dem Schlimmen, was sie bringen mag, zu begegnen. Unsere Pläne sind noch ganz unentschieden. Fritz kommandiert die Süddeutschen, die Armeen der Könige von Württemberg und Bayern, außerdem die badischen Truppen und ein preußisches Armeekorps, sein eigenes aus Stettin. Es ist eine sehr unangenehme Stellung für ihn, da die Bayern und Schwaben so untauglich und undiszipliniert sind, daß sie nur wenig nützen können - ihre Offiziere hindern mehr, als daß sie fördern. Aber der König und die Generäle konnten diese sehr schwierige Aufgabe niemandem anders als Fritz übertragen. Er sieht schlecht aus, und die Last, die auf seinen Nerven ruht, ist sehr groß; manchmal ist er ganz niedergeschlagen und vergießt bittere Tränen, im ganzen aber ist er sich klar darüber, was er will und hat das größte Vertrauen zu den Empfindungen des Volkes.

Ich habe Berties Ausspruch auf das schärfste widerrufen, und war froh es tun zu können.

Ich bin sehr beschäftigt, fühle mich aber ganz wohl, natürlich mit Ausnahme meiner Nerven, die sich von einem solchen Schlag nicht so schnell erholen können. Bitte, lies die Volkszeitung und die Kölnische Zeitung, Du wirst aus ihnen am besten alles Neue erfahren.

Der liebe Onkel Ernst schließt sich Fritz an.

Ich vertraue darauf, daß die liebe Alice später herkommt, da ich glaube, daß es besser für sie sein wird. Ich hatte noch keine Zeit, ihr zu schreiben. Die Begeisterung ist groß und imponierend. Etwas Reines und Erhabenes liegt über ihr - etwas Heiliges, Ruhiges und Ernstes, so daß mir, wenn ich unsere besten und auserlesenen jungen Männer sich um ihren greisen Herrscher scharen sehe, unser Heer wirklich 'das erhabene Heer von Märtyrern' zu sein scheint. Wie viele werden zurückkehren?

Ich habe keine Furcht und bin nicht niedergeschlagen, denn ich bin sicher, daß die Begeisterung unseren Truppen eine fast unüberwindliche Kraft geben muß. Wir sind auf alle möglichen Rückschläge und Unglücksfälle vorbereitet und werden sie mit Mut und Geduld tragen und nicht nachgeben. Könntest und willst Du mir altes Leinen, Scharpie, rauhen Hemdenstoff und Guttapercha schicken? Vielleicht könnten die Schwestern etwas sammeln und mir senden - es wird in gleicher Weise für Freund und Feind gebraucht werden, so daß es in keiner Weise Eure Neutralität beeinträchtigt.

Ich hoffe, daß ich immer von Dir hören werde und Dir schreiben kann, aber natürlich weiß ich es nicht bestimmt. Könntest Du nicht einen besonderen Kurier zwischen uns hin und hergehen lassen? Englands Stellung auf dem Kontinent und der Handel mit dem Festland werden durch seine Neutralität leiden, aber vermutlich kannst Du nichts dagegen tun. Die Franzosen haben sich wirklich zu schlecht benommen und spielen nun ein verzweifeltes Spiel...

Baby (die Prinzessin Sophie) wird Sonntag um ein Uhr getauft. Wie mich das an meinen lieben Sigie denken läßt und wie ich mich nach ihm sehne; ich zittere vor Furcht, daß in dieser Zeit einem der anderen etwas passieren könnte. Bitte, danke dem lieben Arthur, dem lieben, lieben Lenchen, Bertie und Luise für ihre freundlichen Briefe, es war ein großer Trost für mich, sie zu lesen. Wegner, Graf Eulenburg, Graf Seckendorff, M. Schleinitz und Major Mischke gehen mit Fritz. Sein Stab setzt sich aus dem Grafen Blumenthal, dem Obersten Gottberg, den Majoren Lenke und Hahnke und einer Menge Süddeutschen zusammen. Er wird wahrscheinlich Montag oder Dienstag abreisen. Ich wage nicht daran zu denken..."

Am folgenden Tage kehrte der Kronprinz in das Neue Palais zur Taufe seiner "reizenden kleinen Tochter Sophie" zurück, die am 24. "mit dem hergebrachten Zeremoniell und mit Entfaltung des größten üblichen Pomps" stattfand. Am 25. schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Die Taufe ging gut vonstatten, war aber traurig und ernst. Man sah ängstliche Gesichter und Augen voller Tränen; Kummer und eine Vorahnung alles kommenden Elendes überschatteten die Zeremonie, die ein Akt der Fröhlichkeit und Dankbarkeit hätte sein sollen.

Meine süße kleine Sophie benahm sich sehr gut und schrie nur wenig, aber Waldi und Vicky schrien dafür um so mehr und es gefiel ihnen gar nicht; sie fürchteten sich vor der Stille und den energischen Gesten des Pfarrers. Vicky schluchzte: 'Laß den Mann unserm Baby nichts tun!' Der König sagte, daß er das Kind nicht halten könne, da er sich zu schwach fühle, so daß die Königin es ihm abnehmen mußte. Es war ein allgemeines Abschiednehmen, da ich keinen von der Familie vor der Abreise mehr sehen werde. Der erste Schritt der armen kleinen Sophie in diese Welt ist nicht von guten Vorzeichen begleitet, und das Herz ihrer Mama war schwer und traurig, trotz der Schönheit des Tages, des Sonnenscheins und der Blumen.

Die allgemeine Ansicht hier ist, daß England imstande gewesen wäre, diesen furchtbaren Krieg zu verhindern, wenn es im Verein mit Rußland, Österreich und Italien zu erkennen gegeben hätte, daß es dem Angreifer den Krieg erklären würde, während doch seine Neutralität Frankreich Vorteile und uns Nachteile bringe.

Die Franzosen können englische Pferde kaufen, da sie zu Schiff England erreichen können, während wir wegen der französischen Flotte nicht dazu imstande sind. Man vermutet, daß Lord Granville ganz auf seiten des Kaisers steht. Gott weiß, wie alles enden mag.

Fritz und ich nahmen heute morgen das Abendmahl, er reist heute noch nicht ab, glaubt aber mich morgen oder übermorgen verlassen zu müssen. Ich kann es nicht ertragen, daran zu denken..."

Früh am nächsten Morgen um halb sechs verließ der Kronprinz das Neue Palais. An diesem Tage schrieb er in sein Tagebuch (Kriegstagebuch 27. Juli):

"Da meine Frau und ich uns verabredet hatten, wenn meine Abreise festgestellt wäre, keinen förmlichen Abschied voneinander zu nehmen, so hatte ich ihr gestern abend nichts von der plötzlich auf heute morgen angesetzten Abfahrt gesagt und erreichte es denn auch, ihr das wirkliche letzte Lebewohl vor dem Kriege dadurch zu ersparen, daß ich ihr nicht bestimmt den Grund meines so zeitigen Aufbruchs angab. Erst als ich bereits abgefahren war, brachte ihr meine kleine Victoria, die mich beim Abschiede schluchzend und schreiend gar nicht loslassen wollte, einige Zeilen von mir, welche den Sachverhalt mitteilten. Meine Kinder dagegen wußten, daß ich nach dem Kriegsschauplatz zog; ich mag an jene Stunde nicht zurückdenken."

Die Kronprinzessin fügte ihrem am vorhergehenden Tage (26. Juli) an die Königin Victoria geschriebenen Briefe folgende Nachschrift an:

"Ich saß gestern abend bis spät nachts auf, um Fritzens Rückkehr abzuwarten, schlief aber dann doch ein, ehe er kam. Bevor ich heute morgen aufwachte, stand er auf, und als ich fragte, wo er wäre, wurde mir mitgeteilt, daß er sich nach Berlin begeben habe. Ich fand ein Stück Papier mit einigen Worten von ihm, in denen er mir sagte, daß er zur Armee aufbräche und mir den Abschied hätte ersparen wollen. Die Absicht war gut, aber doch glaube ich, daß mir das Herz brechen will; er ist ohne Kuß oder Abschiedswort von mir gegangen, und ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehen werde. Ich weiß kaum, was ich schreibe, da mein Kopf vor Weinen schmerzt, und ich meine Tränen nicht zurückhalten kann. Mein lieber, lieber Fritz - der Himmel schütze ihn und wache über sein kostbares Leben. Wenn ich nur bei ihm sein und alle Gefahren, Anstrengungen und Sorgen mit ihm teilen könnte. Wie gern würde ich mit einem seiner Diener tauschen! ..."

Auf die Bitte der Kronprinzessin um altes Leinen und andere Verbandstoffe in ihrem Briefe vom 22. Juli, erwiderte die Königin Victoria mit verfassungsmäßiger Korrektheit, daß es schwierig sein würde, sie offenkundig zu senden, da dies in Frankreich unfreundlich aufgenommen werden könne. Am 4. August erwiderte die Kronprinzessin:

"Ich habe gerade Deinen lieben Brief vom 1. bekommen und weiß, wie schwer Deine Stellung sein muß - der Herrscherin eines konstitutionellen und neutralen Landes! Ich kann sehr gut verstehen, daß es für Dich peinlich sein würde, mir offenkundig Verbandstoffe für die Verwundeten zu schicken - obgleich ich mir denken könnte, daß Du sie ebensogut wie mir der Kaiserin von Frankreich schicken könntest, ohne parteiisch zu scheinen. Ein Verwundeter ist kein Feind mehr, sondern nur ein leidender Mensch, der jedermanns Hilfe braucht. Ich glaube, die internationale Gesellschaft, zu der wir gehören, glaubt an diesen Satz. Ich hoffe nur, daß ich nach Deinen Wünschen handle, wenn ich Dir offen schreibe, was ich höre, sehe und denke. Ich wende mich nur persönlich an Dich als an meine liebe Mama und denke gleichzeitig, daß es für Dich angenehm und von Nutzen sein wird, zu erfahren, was man auf dieser Seite des Wassers denkt, und zwar aus einer inoffiziellen Quelle. Man sieht mich argwöhnisch an, da man annimmt, daß England der feindlichen Seite zuneigt und Lord Granville sowie Cardwell als Franzosen angesehen werden. Alles dies ist natürlich sehr unangenehm für Dich, aber Deine langjährige Übung, Dein fester Wille und Deine politische Erfahrung werden Dich durch alles hindurchgeleiten. Ich hoffe und vertraue auf Deine und des geliebten England Ehre und Ruhm. Vieles, was ich in der englischen Presse lese, bestärkt mich in diesem Vertrauen. Die Franzosen haben den Krieg auf die häßlichste Weise begonnen, indem sie eine offene Stadt (Saarbrücken) beschossen und mit drei ihrer Divisionen gegen ein Bataillon Infanterie und ein Regiment Kavallerie vorgingen. Siebzig Mann und zwei Offiziere sind auf unserer Seite gefallen.

Ich habe eine verrenkte Hand (oder eher Handgelenk), so daß ich nur mit Schwierigkeit schreiben kann, und Du also mein Gekritzel entschuldigen mußt. Nun muß ich in großer Eile schließen. Ich bekam Briefe von meinem lieben Fritz aus Stuttgart, Karlsruhe und Speier. Er schreibt mir, daß die Stimmung unter den Süddeutschen sehr freundlich ist, daß er keinen Unterschied mit der in Preußen findet, sondern sich dort ganz zu Hause fühlt. Sein Empfang muß ganz außergewöhnlich gewesen sein. Bitte, lies Freiligraths prachtvolles Gedicht in der Volkszeitung von gestern."

Zwei Tage später, am 6. August, errang die vom Kronprinzen kommandierte Armee einen entscheidenden Sieg bei Wörth, der die französische Rheinarmee unter Marschall MacMahon außer Gefecht setzte. Der Sieg folgte unmittelbar auf das erste Treffen bei Weißenburg, das, wie der Kronprinz in seinem Tagebuch am 9. August notierte,

"... wohl mehr Eindruck auf die Gemüter machte, als der bald darauf wieder verkündete neue Erfolg. Wörth ist aber ein Sieg von geschichtlicher Bedeutung, denn abgesehen von seinem Gewicht als militärischem Ereignis ist wohl zu beachten, daß die Franzosen zum erstenmal seit 1815 in offener Feldschlacht geschlagen wurden.

Wie wunderbar, daß gerade mir beschieden war, das zu erleben, der ich gar nicht erwarten konnte, gleich in vorderster Reihe zum Kampf zu gelangen!"

Der Sieg von Wörth erfreute die Kronprinzessin außerordentlich; sie schrieb an die Königin Victoria am 11. August:

"Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich mich der lieben von Marie Goltz freundlich geliehenen Hand bediene, um Dir diesen Brief zu schreiben, da ich mich hingelegt habe, um ein wenig zu ruhen, was ich sehr nötig habe. Eben erhielt ich Deinen lieben Brief vom 8., für den ich mich beeile, Dir herzlichst zu danken. Ich bin gerührt und entzückt über Deine ehrliche Freude an meines geliebten Fritzens Sieg! Der Erzieher der Kinder, Leutnant O'Danne, ist gestern, von Fritz geschickt, hier angekommen und brachte mir den eingeschlossenen Brief, den ich zurückzusenden bitte. Ich bin sicher, daß die Beschreibung der Schlacht von Wörth in Fritzens eigener Handschrift Dich interessieren wird; sie ist so bescheiden und ganz wie sein eigenes liebes Selbst. Leutnant O'Danne hat an der Schlacht teilgenommen und war voller Bewunderung für Fritzens Ruhe während der langen Stunden, in denen er kommandierte, denn diese furchtbare Schlacht dauerte den ganzen Tag. Leutnant O'Danne sagt, daß es Fritz gut ginge und er natürlich außerordentlich viel zu tun hätte.

Du fragst, ob ich irgendwelche Freunde oder Bekannte verloren habe. Leider hört man jeden Tag von neuen, die gefallen sind. Ein alter Freund von Christian, Major Senff, der früher im selben Regiment wie Christian stand, ist von einer Granate in Stücke gerissen worden. Der Arme war immer voller Witz und Laune.

Gestern abend besuchte ich den alten General Esebeck und seine Frau, die ihren zweiten Sohn verloren haben; er hinterläßt eine Frau, die gerade einer Entbindung entgegengeht, und ein kleines Kind. Sie waren zwei Jahre sehr glücklich verheiratet; der Kummer der armen Mutter war herzzerreißend. Dann ist ein Schwager des Herrn von Schweinitz schwer verwundet worden, ebenso wie mein früherer Page, Leutnant Müller, General von Bose, einer unserer fähigsten Offiziere, hat eine schwere Fußverwundung.

Wir erwarten stündlich die Nachricht von einer anderen großen und furchtbaren Schlacht, wahrscheinlich in der Nähe von Metz, da die Franzosen alle ihre Kräfte zu einer großen Anstrengung zusammenzuraffen scheinen. Der zitternde Eifer, mit dem wir die Telegramme verschlingen, ist nicht zu beschreiben. Wie dankbar werden wir sein, wenn diese schreckliche Zeit vorbei ist und man wieder in Frieden leben kann.

260 verwundete Preußen kamen gestern in Berlin an, denen heute ein Zug mit verwundeten Franzosen folgte. Ich muß Dir mitteilen, und Du wirst, wie ich glaube, froh darüber sein, daß die gefangenen und verwundeten Franzosen überall mit großer Freundlichkeit und Sorgfalt aufgenommen werden.

Als ich beim Kriegsausbruch sagte, daß die Odds stark gegen uns stünden, war ich der Meinung der meisten Menschen, daß die Franzosen den Rhein überschreiten würden, ehe wir unsere Truppen sammeln könnten. Fritz erwartete niemals, daß er imstande sein würde, seine Armee aufzustellen, da er glaubte, die Franzosen würden die Pfalz, Darmstadt und Baden besetzen und die Armee am Versammeln hindern. Wie sie unsere Städte behandelt haben würden, haben wir durch ihre barbarische Beschießung und Einäscherung der offenen Stadt Saarbrücken gesehen. Wir fürchteten, daß unsere fruchtbaren Rheinprovinzen verwüstet und die Schlachten auf deutschem Boden geschlagen werden würden. Das war die angenehme Aussicht, die wir vor drei Wochen hatten. Aber ich zweifelte nie daran, daß der Erfolg auf unserer Seite sein würde, wenn wir unsere Kräfte rechtzeitig zu versammeln vermochten. Ich war gestern in Berlin und besuchte das Barackenhospital, das mit wunderbarer Schnelligkeit am Kreuzberg gebaut worden ist und sich in sehr gesunder Lage befindet. Der Bau wird von unseren besten Wissenschaftlern geleitet und wird sicher ein Erfolg sein. Man trocknet den Grund aus, gräbt Brunnen, legt eine provisorische Feldbahn, Gas und Telegraph an. 1600 Mann können in den Baracken behandelt werden. Die Kosten tragen der Staat, die Stadt und ein Komitee, dem ich angehöre. Dann fuhr ich zum Rathaus, um das Depot von Leinwand und Verbandstoffen, Bettwäsche und Kleidern zu besichtigen. Alles wird von dem eben genannten Komitee und von einer Anzahl Damen besorgt, die sich dort täglich versammeln, oder von Soldatenfrauen, die für ihre Tätigkeit bezahlt werden. Nachmittags besuchte ich meinen Victoria-Basar, der in derselben Weise tätig ist und Darmstadt wie Karlsruhe mit Hospitalleinen versorgen soll. Jedes Zeichen der Sympathie von seiten Englands wird mit Freude und Dankbarkeit aufgenommen und anerkannt. Freundliche Gaben aus Manchester und Liverpool sind dankbar angenommen und freudig begrüßt worden. Elend und Leiden sind ungeheuer und werden noch größer werden. Aber ich muß sagen, daß im ganzen Lande keine Frau ist, welcher Klasse sie auch immer angehören mag, die nicht ihr Letztes gerne hergibt, um die Leiden von Freund und Feind zu erleichtern. Es ist ein großes Liebeswerk, das manches angstvolle und schmerzende Herz tröstet, weil es die fieberischen Gedanken beschäftigt.

Ich hoffe bestimmt, die Erlaubnis zu erhalten, nach Homburg zu gehen und dort ein kleines Lazarett auf meine eigenen Kosten einzurichten. Ich habe schon eine ganze Menge Dinge dafür zusammen, und verschiedene freundliche Gaben helfen zu seiner Fertigstellung.

Ich war noch von den gestrigen Aufregungen sehr müde; Schlaf und Appetit sind nicht immer die besten, aber im ganzen geht es mir recht gut, meine süße kleine Sophie wächst und gedeiht und ist mein Trost und Vergnügen.

Die älteren Kinder verstehen nicht viel von dem, was vor sich geht, trotzdem sie es sehen und hören. Willy und Vicky zeigen jedes auf seine Weise viel Interesse an den Tagesereignissen..."

Der Sieg von Wörth brachte dem Kronprinzen eine ungezählte Menge von Glückwünschen ein. Am 19. August schrieb er in sein Tagebuch:

"Mir wird aus der Heimat ungemein viel Lob gespendet, weit mehr, als ich es verdient habe. Ist es aber nicht eine eigene Fügung, daß ich, der ich viel lieber in Werken des Friedens Anerkennung erntete, verurteilt bin; solche blutige Lorbeeren zu erringen? Möge dereinst der friedliche Teil meiner Aufgabe desto heilbringender sein! Auch aus England kommen mir Beweise von Teilnahme für meine Siege, was mich unendlich erfreut. So hat beispielsweise Lord Granville in einem Privatbriefe an meine Frau förmlich gegen den Gedanken protestiert, als ob seine Politik durch Sympathie für Frankreich geleitet würde."

In ihrem vom 4. August datierten Brief an die Königin Victoria hatte die Kronprinzessin dem "wundervollen Gedicht" Freiligraths wärmsten Beifall gespendet. Nun war sie erfreut und geschmeichelt, von der Königin Victoria, die ihr am 17. August schrieb, zu hören, daß es von Theodor Martin ins Englische übersetzt worden sei. Drei Tage später schrieb die Kronprinzessin, die noch mit ihren Lazarettpflichten beschäftigt war, folgenden Brief:

"Wie ausgezeichnet Martin Freiligraths Gedicht übersetzt hat! Der Artikel im 'Daily Telegraph', für den ich Dir sehr danke, ist wirklich sehr gut. Ich bin sehr froh in dem Gedanken, daß unsere Zeitungen Fritz die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die er verdient, und sende Dir einige Photographien der Jungen, die eben aufgenommen worden sind. Heute morgen habe ich wieder Verwundete gesehen. Fritz und die Königin sind beide dafür, daß ich nach Homburg gehe. Wenn es also der König erlaubt, werde ich bald dorthin aufbrechen...

Gestern war die Aufregung infolge der Nachrichten über die Schlacht vom 18. groß; wir erwarten mit Spannung Einzelheiten. Ich höre, daß Louis und seine Brüder gesund sind, und hoffe es von unseren übrigen Prinzen auch. Wir erwarten ängstlich neue Nachrichten aus Paris. Eine Revolution scheint dort nicht mehr so dicht bevorzustehen, aber ich bin froh, daß ich nicht in der Lage der Kaiserin bin. Auch die Lage des Kaisers muß furchtbar sein. Wie gut erinnere ich mich an die Zeit vor 15 Jahren; wer würde damals gedacht haben, daß es mit dem Kaiser ein solches Ende nehmen würde? Aber wie kann eine Regierung zum Besten der Nation geleitet werden, wenn eine derartige Korruption und Bestechungsmöglichkeit unter den Staatsbeamten herrscht, denn der Kaiser hat kaum jemand um sich, der anständig ist. Wie schlecht ihm Benedetti, Gramont, Ollivier und Leboeuf gedient haben! Es ist hauptsächlich ihr Fehler, daß er in seine jetzige Klemme geraten ist. Seitdem die Gesundheit des Kaisers zu wünschen übrigließ, ist der Ruf seines Genius im Schwinden, und er hat einen Fehler nach dem anderen gemacht. Es ist tragisch."

Alle Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die beiden französischen Armeen unter Marschall Bazaine und Marschall MacMahon. Die erste war in Metz belagert und von den Deutschen umgeben; der zweiten, zu der sich der Kaiser Napoleon begeben hatte, war etwa eine Viertel Million Mann auf den Fersen. Es hat sich häufig die Frage erhoben, welche der beiden Armeen, die französische oder die deutsche, besser bewaffnet war. Die Deutschen waren wie in den Feldzügen von 1864 und 1866 mit dem Zündnadelgewehr, die Franzosen mit dem Chassepot ausgerüstet. Die Ansicht der Kronprinzessin über diese und andere Fragen des Krieges geht aus ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 26. August hervor:

"Wir hören jeden Tag neue Unglücksbotschaften; aber es hätte keinen Zweck, wenn ich Dir die Namen all der unglücklichen Opfer nennen würde, da Du sie nicht kennst. Für uns ist das alles sehr traurig, da es unsere Freunde waren, und wir von ihren trauernden Verwandten umgeben sind. Der größte persönliche Verlust für uns ist Herr von Jasmund, Fritzens früherer Adjutant, mit dem er sehr befreundet war. Er hinterläßt seine arme kleine Frau und ein zweijähriges Kind und war ein sehr ergebener, anhänglicher, vertrauenswürdiger und ausgezeichneter Mensch. Es ist zu traurig. Langenbeck, an den Du Dich entsinnen wirst, hat auch seinen ältesten Sohn verloren. Die Gräfin Alvensleben, Mariannens Haushofmeisterin, hat beide Söhne verloren. Ich könnte Dir noch viele solche Unglücksbotschaften mitteilen! Der Zorn gegen die Franzosen wächst von Tag zu Tag, was nur natürlich ist, wenn man bedenkt, daß sie diesen Krieg über uns gebracht haben, daß wir es nicht waren, die ihn erstrebten, daß wir genötigt sind, die wertvollsten Leben unseres Landes zu opfern, um ihrer unverschämten und ungerechten Einmischung entgegenzutreten. Ich hatte heute einen neuen Beweis dafür, daß sie dies selbst fühlen. Baron Perglas, der bayrische Gesandte, erzählte mir, daß der Herzog von Gramont, den man fragte, warum er den Krieg in so unverantwortlicher Weise vom Zaune gebrochen und die Franzosen in solches Unglück gestürzt habe, erwiderte: 'Der Krieg war nicht unvermeidlich. Man hätte die Sache auf zwanzig Arten beilegen können. Aber ich fragte Leboeuf: Sind Sie bereit? Und er antwortete: Erzbereit.' Wie doppelt unrecht war es von den Ministern, den Kaiser in solches Unheil zu stoßen. Natürlich habe ich das größte Mitleid mit den Tausenden von unschuldigen Franzosen, die selbstverständlich nicht für ihre Regierung verantwortlich sind. Fritz und mir tun sie außerordentlich leid; aber in der Öffentlichkeit werden sie im allgemeinen wenig bedauert. Sie werden niemals zugeben, daß sie in schlimmer Lage sind, und erfinden immerfort die unmöglichsten Lügen. Ich hatte heute einen Brief von Fritz vom 18., und gestern kam einer seiner Diener zurück. Fritz hat den König in Pont-à-Mousson besucht und setzt jetzt seinen Marsch auf der Straße nach Paris fort. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob noch eine andere blutige Schlacht stattfinden wird oder nicht. Ich fürchte, daß es noch eine vor Paris geben wird. Auch machen die Franzosen vielleicht noch einen verzweifelten Versuch, aus Metz auszufallen. Ihre weltberühmte Armee ist ohne Zweifel sehr gut, aber ihre Mannschaften sind mit den unsrigen nicht zu vergleichen. Die Chassepots sind sehr viel besser als unsere Zündnadelgewehre und verschaffen ihnen viele Vorteile; ihre Mitrailleusen haben starke Wirkung, können aber unsere braven Soldaten nicht erschrecken...

Es geht uns gut, nur sind meine Nerven natürlich oft sehr angegriffen, wie im übrigen auch die aller anderen, vor allen Dingen, wenn ich die unglücklichen Menschen in Trauer und die Leidenden gesehen habe. Es ist sehr gut von Euch allen, daß Ihr so viel für die Verwundeten tut und Euch so für sie interessiert. Ich kann mir nicht denken, daß es jemand gibt, der ihnen nicht zu helfen wünscht. In Berlin und Potsdam geht es ihnen in der Tat sehr gut, aber überall vom Rhein her hören wir sehr anders lautende Berichte. Leider geht die liebe Marie Goltz nicht mit mir, wie sehr werde ich sie vermissen. Ihrem Gatten und ihren Brüdern geht es übrigens gut. Ich vertraue darauf, daß die neutralen Mächte uns bei der Festsetzung der Friedensbedingungen nicht in den Arm fallen werden; sie haben den Krieg nicht verhindert und uns nicht geholfen, ihn auszukämpfen, so werden sie, wie ich hoffe, uns unsere eigenen Bedingungen stellen lassen und sich nicht zugunsten des Angreifers hineinmischen. Das wäre in mehr als einer Hinsicht ein arges Mißgeschick, und wir freuen uns sehr, aus der 'Times' zu ersehen, daß es nicht wahrscheinlich ist.

Ich muß schließen, meine geliebte Mama; ich küsse Deine liebe Hand viele Male und danke Dir herzlichst für Deinen lieben Brief, den ich mit großem Vergnügen empfangen habe. An diesem lieben Tage denke ich an frühere glückliche Jahre, als ungestörter und unbewölkter Friede herrschte - niemand von uns wußte, was für Kummer, Prüfungen und Ängste uns bevorstanden. Wie hat sich die Welt seit damals verändert! Und trotzdem, bei sorgfältiger Prüfung kann man die Fäden, die zum gegenwärtigen Unglück geführt haben, weit zurück verfolgen; ich erinnere mich an viele Worte meines lieben Papas und sehe, wie recht er hatte, und wie richtig alles war, was er sagte. Der liebe Papa, ich denke an ihn mit immer größerer Sehnsucht, je weiter die Zeit fortschreitet. Warum kann er nicht hier sein, um uns zu helfen - man fühlt sich oft traurig und müde, wie er, glaube ich, auch zuweilen -, so dürfen wir ihm nicht die selige Ruhe des Gerechten mißgönnen, der seinen Lebenslauf zurückgelegt und einen guten Kampf gefochten hat, sondern wir müssen uns an ihn mit Liebe und Dankbarkeit, wenn auch schmerzenden Herzens erinnern, da er eine Lücke zurückgelassen hat, die niemals, niemals wieder in diesem Leben geschlossen werden kann.

Bitte grüße alle die lieben Geschwister, besonders Bertie und Alix herzlichst. Ich bin sicher, der liebe Bertie muß Fritz beneiden, der ein so aufreibendes, aber auch so nützliches Leben hat. Es ist mir lieber, daß er seinem Lande dient, als daß er an meiner Seite ist, obgleich der Himmel weiß, wie schrecklich es ist, so viel allein und in großer Angst sein zu müssen, wie ich es bin. Ich hoffe, daß es Dir gut geht, und daß alle diese Aufregungen Dich nicht allzusehr mitnehmen."

Inzwischen waren die Anstrengungen der Kronprinzessin um das deutsche Lazarettwesen von den Behörden wenig unterstützt und sogar mit Mißbilligung begrüßt worden.

"Meine Frau", notierte der Kronprinz am 23. August in sein Tagebuch, "begibt sich nach Homburg vor der Höhe, behufs Einrichtung einer Musterbaracke daselbst und Beaufsichtigung der im argen liegenden Lazarettanstalten am Rhein. In Berlin und Potsdam wurden alle ihre Versuche und Anerbietungen im Sinne der Krankenpflege schnöde abgewiesen."

Mit solchen Widerständen hatte die Prinzessin selbst bei so notwendigen Dingen wie der Beschaffung des Pflegepersonals für die Verwundeten zu kämpfen!

Am 1. September errang Preußen den krönenden Sieg von Sedan, wo Kaiser Napoleon und MacMahons einhundertundzwanzigtausend Mann starke Armee eingeschlossen und geschlagen wurde. Der Kaiser ergab sich am nächsten Tage und wurde nach Wilhelmshöhe bei Kassel geschickt. In Paris brach infolge der Ereignisse eine Revolution aus, welche die kaiserliche Gewalt durch eine Republik ersetzte und die Kaiserin Eugenie zwang, nach England zu fliehen. Die Nachricht überraschte und erregte die Prinzessin, die am 6. September an die Königin Victoria schrieb:

"Welch erstaunliche Nachricht! Ich konnte kaum meinen Ohren trauen, als ich sie hörte - die Aufregung und das Entzücken des Volkes kennen hier keine Grenzen.

Armer Kaiser, seine Laufbahn ist beendet, aber er hat seinen Fall sich selbst zuzuschreiben, und man kann nur Mitleid mit ihm haben, besonders da er die unglückliche Ursache von so viel Blutvergießen und so viel Leid ist, das niemals geheilt werden kann. So viele Herde und Heime sind ins Unglück gestürzt worden, so viele Herzen gebrochen, und überdies leiden so viele unselige Menschen ganz entsetzlich. Unglücklicher Kaiser, der für alles dieses verantwortlich und trotzdem ein so freundlicher und gefühlvoller Mensch ist! Er hat das Beste getan, was ihm unter diesen Umständen zu tun übrigblieb; er kann der ritterlichsten und großmütigsten Behandlung von sehen des Königs sicher sein, er hat sich freiwillig einem Gleichgestellten ergeben, was nicht so erniedrigend ist, als von der wütenden Menge vom Throne und aus dem Lande gejagt zu werden. Solch ein Schicksal ist recht tragisch, kann uns aber als gute Lehre dienen. Mögen wir alle daraus lernen, wohin uns Frivolität, Selbstüberhebung und Unmoralität führen! Die Franzosen haben auf ihre eigene Vortrefflichkeit gebaut und sich vollkommen getäuscht. Wo ist ihre Armee? Wo sind ihre Staatsmänner? Sie verachteten und haßten die Deutschen, die zu beleidigen sie für etwas ganz Gesetzmäßiges hielten. Wie hart ist ihre Strafe! Ob der Krieg zu Ende ist oder nicht, wissen wir nicht, da wir keine Briefe oder Einzelheiten seit den letzten Ereignissen erhalten haben. Aber da keine französische Armee übrig ist, sehe ich nicht ein, mit wem wir noch weiter kämpfen sollen. Unser Marsch nach Paris wird fortgesetzt; mit welchen Schwierigkeiten unsere Truppen dort zu kämpfen haben, weiß ich nicht. Es würde der Kunst wegen traurig sein, wenn die wunderbare Stadt zu leiden haben sollte. Ich vertraue darauf, daß es nicht dazu kommen wird. Wer kann wissen, ob die Republik sich dem Frieden geneigt zeigen wird? Ich fürchte, sie wird es nicht tun. Was aus der Kaiserin und dem kaiserlichen Prinzen geworden ist, haben wir nicht gehört, arme Dinger! Ich hoffe, daß sie in Sicherheit sind - vermutlich werden sie ihr geliebtes Paris niemals Wiedersehen. Wenn ich an 48 und 55 und sogar an den letzten Dezember denke, als ich den Kaiser und die Kaiserin zuletzt gesehen habe, scheint mir alles wie ein Traum. Aber selbst damals fühlte jedermann, daß das Kaiserreich auf einem Pulverfaß stand und ein Funke alles in Brand setzen würde; kein Wunder, daß bei so unfähigen Leuten wie dem Herzog von Gramont und den Herren Ollivier und Benedetti das Feuer bald ausbrach. Wäre der Kaiser noch so gewesen wie früher, hätte er die Zügel der Regierung festgehalten, so würde das alles vielleicht nicht geschehen sein, aber seine Gesundheit und seine Energie sind dahin - er ist apathisch und unfähig, seine Angelegenheiten selbst zu führen, und wie Despotismus immer stürzen muß, ist auch sein Reich zu Ende gegangen - mehr das Platzen einer Seifenblase als der Sturz eines mächtigen Monumentes, das alles unter seinen Ruinen begräbt. Wie eine Vergeltung scheint dies für das blutige Drama in Mexiko und die Behandlung der Orleans! Diese letzteren haben in Deutschland alle Sympathie seit dem greulichen Brief des Prinzen von Joinville verloren, der die Bevölkerung aufhetzt, sich selbst zu verteidigen und den Feind loszuwerden, indem sie die deutschen Soldaten kaltblütig ermorden solle! Das ist doch zu gräßlich! Stimmen aus allen Bevölkerungsklassen werden hörbar, die befürworten, daß Deutschland seine alten Provinzen Elsaß und Lothringen wiedergewinnen müsse. Ich glaube nicht, daß das gut wäre, aber ich sehe keine Möglichkeit für die Regierung, der bestimmten Forderung der deutschen Nation zu widerstehen! Heute war ich in Frankfurt, habe die Hospitäler inspiziert und verschiedene Notabilitäten besucht. Alle sind höchst patriotisch.

Wir haben jetzt nicht weniger als 120000 französische Gefangene in Deutschland! Ist das nicht wunderbar? Dazu kommen noch 5o Generäle und der Kaiser selbst, und auch jetzt wollen die Franzosen noch nicht glauben, daß sie wirklich in fairer Weise geschlagen worden sind. Sie schreiben alles dem reinen Zufall zu und leugnen jeden unserer Siege. Die liebe Alice war für einen Tag bei mir. Ich glaube, es geht ihr wirklich sehr gut; sie tut eine ganze Menge, ich hoffe, Louis wird bald in der Lage sein, zu ihr zurückzukehren. Mein Aufenthalt hier ist von einigem Nutzen und tut Gutes. Ich kann vieles in Ordnung bringen; für sie ist es eine zu schwere Arbeit, da sie für das liebe Baby zu sorgen hat. Immerhin komme ich im ganzen gut aus, wenn ich nicht zu lange in der schlechten Luft der Hospitäler verweile. Auf meine Kosten sind die großen Baracken ausgebessert worden; es war alles in einem zu schlechten Zustand, als daß es so hätte bleiben können. Die Lazarette in den Dörfern der Umgegend, die ich an einem Nachmittag besuchte, sind sehr schlecht - gewöhnlich sind die Leute sehr nett zu den Verwundeten, verstehen aber nicht mit ihnen umzugehen und sind über alle Begriffe schmutzig. Mir wird manchmal ganz übel vor Ekel; aber der einzige Weg, ein derartiges Unternehmen zu verbessern, ist, daß man es genau inspiziert.

7. September.

Während dieser letzten Tage mußte ich oft an Stellen in Shakespeares "Heinrich V." und "Richard II.", die ganz ausgezeichnet auf die gegenwärtige Lage passen, denken. Der arme General Failly, den ich kannte und der zu den anständigeren französischen Generälen gehörte, tut mir leid. Bazaine und Palikao halte ich für Schufte, aber Bazaine ist ein ausgezeichneter Soldat. An Metz und Straßburg mag man gar nicht denken, es ist zu schrecklich. Die Deutschen bedauern, daß sie Straßburg beschießen mußten, aber es war unvermeidlich. Metz kann sich nicht mehr lange halten, da die Lage innerhalb seiner Mauern zu grauenhaft sein muß. Unsere Verwundeten, die von dorther gekommen sind, sagen, daß sie sehr freundlich behandelt wurden. Der arme Lothar Hohenthal, Valeries jüngster Bruder, ist auch gefallen! Armer junger Mann, er war kaum zwanzig, sehr hübsch und vielversprechend! Ich habe ihn schon als kleinen Jungen gekannt. Es ist sehr freundlich von Dir, daß Du Deine Sympathie mit all den beraubten Familien meiner Bekanntschaft ausdrückst. Ich werde es allen mitteilen, die mir Gelegenheit dazu geben. All dies Unglück zieht die Herzen zueinander und bringt die Menschen sich näher, die in glücklichen und ruhigen Tagen aneinander vorbeigegangen wären, ohne voneinander Notiz zu nehmen. Das Gefühl, daß man zu einer großen Nation gehört, umfängt zum erstenmal die Gedanken im Norden und Süden, von hoch und niedrig - alle Partikularisten - offen gestanden eine sehr erfreuliche Erfahrung - es vereinfacht alles und gibt allen Taten einen neuen Antrieb. - Armes Deutschland, es hat seine Einigkeit und Unabhängigkeit teuer mit dem Blut seiner Söhne bezahlt. Es ist eine große Befriedigung für mich, zu sehen, wie preußisches Wesen, Disziplin, Gewohnheiten usw. geschätzt und in ihrem wahren Lichte erkannt werden und ihre Überlegenheit mit Vergnügen und Stolz anstatt mit Eifersucht, Furcht, Verachtung und Haß aufgenommen wird. Wir verdanken Friedrich dem Großen und seinem Vater, Scharnhorst, Stein und Hardenberg, was wir sind; wir sagen es mit Dankbarkeit ohne Ruhmsucht und Selbstüberhebung. Wir sind der Sympathien Englands und seiner Billigung würdig und fühlen mit Sicherheit, daß sie uns nicht mehr lange vorenthalten werden können.

Fritz schreibt, daß er viele Briefe gesehen hat, die aufgefangen worden sind - von einem französischen Offizier an den anderen, welche die furchtbarste Illustration der französischen Armee in Bezug auf Ehrlichkeit und Moralität sind. Diebstahl und Plünderung sind in unglaublicher Weise an der Tagesordnung, nicht nur unter den Turkos. Die Kaiserin tat wohl und recht daran, ihre Kronjuwelen aus eigenem Antriebe hinzugeben, bevor es eine Notwendigkeit bedeutete. Die Königin Isabella benahm sich sehr anders.

Was werden Bertie und Alix zu all diesen wunderbaren Ereignissen sagen? Wenn ich an den Kaiser und die Kaiserin denke, wie sie 1855 im Zenit ihres Ruhmes standen, und an die Zeit der Ausstellung, als die Herrscher Europas ihnen alle Höflichkeit bewiesen und sie so liebenswürdig und nett zu allen waren! Ein sonderbarer Gegensatz! Fröhliches und reizendes Paris! Unsere Armut, unsere häßlichen Städte, unsere schwere Arbeit, unser ernsthaftes Leben sind gesund für uns, sie haben uns stark und entschlossen gemacht. Es würde mich sehr betrüben, wenn wir Paris nachahmen und uns dem Vergnügen so weit hingeben sollten, daß uns keine Zeit zur Selbstprüfung und zu ernsten Gedanken übrigbliebe. Die alte Geschichte lehrt dasselbe wie die neue. Es ist eine harte und bittere Lehre für alle, die sie erst mit Hilfe einer trüben Erfahrung begreifen müssen. Der arme Kaiser hat genug Muße, sie jetzt zu studieren."

Dieser Brief spiegelt in besonderem Maße die deutsche Meinung jener Zeit wider: Den Mangel an Sympathie für Napoleon, die Möglichkeit eines schnellen Kriegsendes, und als Friedensbedingung die Rückgabe der Provinzen Elsaß und Lothringen an Deutschland. Über allem schwebte der Wunsch, daß die deutsche Einheit in bestimmter Form proklamiert würde, eine Ansicht, die der Kronprinz lebhaft im Rate des Königs vertrat. Bismarcks eigene Meinung über die Tätigkeit des Kronprinzen in dieser Periode können wir aus folgenden Auszügen ernennen.

"Die Initiative für jenen Wechsel der Kriegführung ging in der Regel nicht vom König, sondern vom Generalstab der Armee oder dem des Kronprinzen aus, der das Oberkommando führte. Daß dieser Kreis englischen Ansichten offenstand, wenn sie in freundlicher Weise vorgebracht wurden, war nur natürlich; die Kronprinzessin, Moltkes verstorbene Frau, die Gattin des Grafen Blumenthal, des Chefs des Stabes und späteren Feldmarschalls, und Frau von Gottberg, die Gattin des nächsteinflußreichen Stabsoffiziers, waren alle Engländerinnen." (Butler, Bismarck.)

Die Ansicht des Kronprinzen über Elsaß-Lothringen war sehr entschieden.

"Elsaß und vielleicht einen Teil Lothringens zu nehmen, sind die von Deutschland gebrachten Opfer wohl wert; ich würde jene Länder einfach als Reichslande, im Namen des dann hoffentlich wiederhergestellten Reiches, eventuell Bundes, selbständig verwalten lassen, ohne ihnen eine Dynastie zu geben oder sie einem regierenden Hause zu unterstellen. Ein aus Eingeborenen gebildeter Verwaltungsrat, in welchen auch preußische und süddeutsche Beamte treten könnten, sollte dann während des Übergangsstadiums aus dem französischen in das deutsche Staatsleben die Leitung in die Hand nehmen. Es kommt zunächst darauf an, Elsaß von dem großen Staatskörper Frankreich loszulösen, gleichzeitig aber auch jenes Land sofort fühlen zu lassen, daß es Mitglied eines anderen, ebenso großen Staates ward und nicht verurteilt sei, die Kleinstaaterei Deutschlands mitmachen zu müssen. Graf Bismarck scheint mir bis jetzt keine besonders wilden Pläne zu haben, vielmehr äußerte er sich noch in Reims meinen Forderungen gegenüber eher zurückhaltend."

Inzwischen war die Kronprinzessin trotz aller Widerstände bei der Schaffung besserer Lazarettverhältnisse in Homburg erfolgreich gewesen; von hier aus schrieb sie an die Königin Victoria am 17. September:

"Die Armee marschiert auf Paris. Ich hoffe und vertraue, daß dort nichts Schreckliches passieren wird. Ich glaube nicht, daß sie einen sehr heftigen Widerstand erwarten, lebe aber in der Furcht, daß in Laon etwas geschieht...

Unsere Hospitaleinrichtungen sind jetzt sehr verbessert worden; in weiteren vierzehn Tagen wird das Lazarett ganz anders aussehen, und die armen Verwundeten werden sich bedeutend wohler fühlen. Das Vorurteil von Ärzten und Patienten gegen frische Luft zu überwinden, ist wirklich fast ganz unmöglich. Wir haben keine einzige Schwester, keinen einzigen Wärter hier, nur Leute aus der Stadt, die schmutzig, unwissend und äußerst nutzlos sind, haben uns aber nach besseren Kräften umgetan, die wir bald erhalten sollen. Dr. Schröder und Dr. Doetz sind ausgezeichnet - aber die anderen Ärzte sind wirklich die reinen Unglücksraben, dumme alte Kerle - manch armer Teufel hätte gerettet werden können, wenn sie ihr Metier verstanden hätten. Professor Schillbach aus Jena ist hergekommen und hat verschiedene Operationen ausgeführt, ebenso Generalarzt Koch aus Kassel, der sich bemühte, ein wenig Ordnung in die Dinge zu bringen, da die Organisation wirklich zu trostlos war."

Der Kronprinz schrieb seine Ansieht über die Tätigkeit seiner Gemahlin in sein Tagebuch vom 10. und 11. September:

"Hauptmann von Dresky traf mit Briefen meiner Frau aus Homburg und anderen Nachrichten aus der Heimat ein. Mit inniger Freude erfahre ich von verschiedenen Seiten, daß das Erscheinen meiner Frau in den Lazaretten zu Homburg, Frankfurt und der Rheingegend richtige Würdigung findet, wie auch, daß Beamte und Ärzte ganz erstaunt über ihre Kenntnisse sich äußern. Ich konnte zwar nichts anderes erwarten, höre aber doch mit unbeschreiblicher Genugtuung die Tatsachen aussprechen, denn es ist endlich Zeit, daß meiner Frau die Anerkennung wird, die sie schon so lange verdiente. Gegenwärtig läßt sie in Homburg auf ihre Kosten eine Baracke bauen, um ihre eigenen Grundsätze zur Geltung zu bringen."

Nach der vernichtenden französischen Niederlage bei Sedan fanden die deutschen Armeen wenig Widerstand im offenen Feld, so daß sie am 19. September Paris völlig umzingelten; die Stadt bereitete sich zu hartnäckigem Widerstand vor. Inzwischen war die Kaiserin Eugenie auf ihrer Flucht in England angekommen. Die Nachricht von ihrer Ankunft erweckte in der Kronprinzessin die lebhafteste Erinnerung an ihren eigenen Besuch in Frankreich im Jahre 1855.

"Alles was Du in Deinem Briefe sagst", schrieb sie aus Homburg am 24. September, "ist sehr wahr. Der liebe Papa hatte wegen des Kaisers Napoleon vollkommen recht. Nun da er im Unglück ist, will ich nicht schlecht von ihm reden. Er hat geerntet, was er säte, er war der Verderber ganz Europas - ganz Europa lag ihm zu Füßen, war geblendet von dem Glanz seiner Hauptstadt und seiner eigenen Herrlichkeit, aber seine Politik war verderblich, unehrlich und gefährlich; trotzdem war er kein schlechter Mensch, wie der alte König von Hannover oder der verstorbene König von Neapel. Er hatte viele gute und hochherzige Dinge getan, die Kaiserin vielleicht noch mehr als er, so daß die Heftigkeit und die Wut der Pariser, die kaum imstande zu sein schienen, genug Gemeinheiten auf die Häupter des unglücklichen Paares zu häufen, uns anwidern. Die kaiserliche Regierung ist für viel Unglück verantwortlich, außer all dem Blut, das jetzt vergossen worden ist; es muß ein so schreckliches Gefühl für den Kaiser und die Kaiserin sein, daß ich sie bemitleide; außerdem scheinen sie aller Mittel beraubt zu sein (zu ihrer Ehre sei es gesagt).

Der Brief, den Du mir über die Flucht der armen Kaiserin geschrieben hast, war sehr interessant. Welche Schande, daß kein französischer Gentleman sie begleitete! Ist es nicht ein Zeichen, wie sehr die Franzosen degeneriert sind, daß sie jetzt in der Stunde der Gefahr Lügen verbreiten, an die sie glauben - ein französischer Sieg bei Toul, ein anderer vor den Mauern von Paris? Nach der Eroberung von Paris werden sie erst ihre Lage erkennen und zu vernünftigen Vorschlägen kommen; ich weiß nicht, wie der König eher an Frieden denken kann.

Eine sehr unerfreuliche Nachricht hat mich erreicht. Fritzens Briefe an mich vom 1. und 2. (ich wunderte mich immer, daß ich sie nicht erhalten habe) sind in die Hände der Franzosen gefallen, so daß ich vielleicht das Vergnügen haben werde, sie in irgendeiner gefälschten Form in den französischen Zeitungen zu sehen. Fritz ist es sehr unangenehm, da er außer anderen sehr interessanten Einzelheiten die Unterhaltung zwischen dem König und dem Kaiser wiedergegeben hat. Noch etwas anderes stört mich außerordentlich, daß nämlich der König, nachdem er erst mein Herkommen gebilligt hatte, nun ärgerlich ist und wünscht, daß ich nach Berlin zurückkehre - was ich aber nicht tun kann, da das ganze Lazarettwesen auf meinem Hiersein beruht, und gerade anfängt recht gut zu funktionieren. Ist das nicht ärgerlich und aufreizend? Jeder meiner Pläne wird vom König oder der Königin durchkreuzt; sie sind nie mit dem einverstanden, was ich tue - es ist sehr niederziehend."

Am vorhergehenden Tage, dem 23. September, hatte sich die französische Armee bei Toul ergeben und am 27. folgte Straßburg. Die Kronprinzessin war inzwischen so tätig wie immer gewesen, um die Leiden der Verwundeten zu erleichtern und den Lazarettdienst zu verbessern. Am 30. September schrieb sie an die Königin Victoria:

"Gestern abend kehrte ich von einer sehr ermüdenden Rundreise nach Wiesbaden, Biebrich, Bingen, Bingerbrück, Rüdesheim und Mainz zurück. In all diesen Städten besichtigte ich die Lazarette, eine Tätigkeit, die einem sehr auf die Nerven geht und besuchte außerdem die Behörden usw. Das Wetter war prachtvoll, der schöne Rhein sah so herrlich aus, wie nur möglich; hätte ich nicht eine solche Sorgenlast zu tragen und zugleich so viel Arbeit, würde ich mich über die Reise durch das bezaubernde Land wirklich gefreut haben. Einige Lazarette waren gut eingerichtet, aber nur sehr wenige, andere erträglich und der Rest schauderhaft, schmutzig und schlecht geleitet. Überall tut die Bevölkerung ihr möglichstes und bietet ihre ganze Geschicklichkeit und alle Mittel auf, um die Kranken und Verwundeten zu pflegen und ihnen alle Bequemlichkeit zu verschaffen, aber häufig wird alles ganz falsch gemacht und man hat dann einen sehr peinlichen Eindruck. In Mainz traf ich auf viele verwundete französische Offiziere. Dann sah ich mir die französischen Gefangenen an, 5000 in einem Lager zusammen, ein merkwürdiger Anblick. Sie waren sehr dankbar, scheinen gut verpflegt zu werden und sind froh, daß sie nicht mehr kämpfen müssen.

Ich habe Briefe von Fritz bis zum 23. Es geht ihm gut, er ist in Versailles. Paris wird ihnen noch eine Zeitlang zu schaffen machen, fürchte ich."

Vier Tage später, am 5. Oktober, notierte der Kronprinz in sein Tagebuch:

"Über die Lazaretteinrichtungen am Rhein und in Frankfurt a. M., denen meine Frau sorgsame Aufmerksamkeit schenkt, vernehme ich anerkennende Urteile. Unendlich glücklich macht es mich, von vielen Seiten die große Verehrung wiederholen zu hören, welche das stille, aber sachverständige und feste Auftreten meiner Frau überall hervorruft. Sie hat in Homburg eine wahre Musterbaracke geschaffen, die hoffentlich bald Nachahmung finden wird. Ich teilte Sr. Majestät vieles von dem, was ich hierüber erfahren, mit, ohne aber ein Wort der Anerkennung als Erwiderung zu hören."

Der letzte Satz gibt einen kleinen Begriff von dem Widerstand, der sogar in den höchsten Kreisen den menschenfreundlichen Bemühungen der Kronprinzessin entgegengesetzt wurde.

Am 27. Oktober kapitulierten nach einer Belagerung von 70 Tagen die Festung von Metz und Bazaines ganze Armee von über 170000 Mann. Es war die vierte französische Armee, die in zwei Monaten gefangen wurde; infolgedessen wurden deutsche Kräfte von 200000 Mann frei und in den Stand gesetzt, wirkungsvoll den neuen französischen Truppen entgegenzutreten, die Gambettas Energie zur Entsetzung von Paris aufzustellen vermochte. Die deutschen Siege brachten vielen Offizieren in den höheren Kommandostellen verdiente Ehren ein; der Kronprinz wurde für seine Verdienste mit der Feldmarschallswürde belohnt, eine Ehre, die auch dem Prinzen Friedrich Karl zuteil wurde. Vier Tage später, am 31. Oktober, schrieb die Kronprinzessin:

"Ich habe Dir seit der großen Neuigkeit der Kapitulation von Metz nicht mehr geschrieben. Wenn man nur hoffen könnte, daß Paris sich vor der schrecklichen Alternative einer Beschießung oder einer Hungersnot ergeben würde! Es hat keinen Sinn für die Franzosen, länger Widerstand zu leisten - dies würde Frankreich die entschwundene militärische Ehre nicht wiedergeben, sondern nur endloses und schreckliches Elend über viele Tausende von Unschuldigen bringen. Ich glaube, daß man es im allgemeinen dem General Trochu zu verdanken hat, daß sie nicht nachgeben wollen; er opfert die Einwohner seiner eigenen persönlichen Eitelkeit. Die Kaiserin ist in Wilhelmshöhe, kehrt aber, wie ich höre, heute oder morgen nach England zurück. Fritz hat den Rang eines Feldmarschalls erhalten, und Fritz-Karl auch - es ist das erstemal, daß ein Prinz dieses Hauses diesen Titel bekommen hat! Ich glaube, er ist in der Tat wohl verdient. Die Königin ist heute nach Frankfurt gefahren, um den Großherzog von Hessen und die ganze Familie zu besuchen, auch die Herzogin von Hamilton... Ich höre beinahe jeden Tag von Fritz - es geht ihm gut, aber er ist bei dem Gedanken an die Verlängerung des Krieges und die Belagerung von Paris bedrückt.

Waldy hat sich von seiner Krankheit vollkommen erholt und sieht sehr gut, wenn auch noch etwas mager, aus. Die anderen sind gesund. Wie geht es dem lieben Leopold? Ich habe so lange nichts von ihm gehört. Die drei gefangenen Marschälle werden nach Kassel gesandt - so wird wenigstens der Kaiser Gesellschaft haben. Es scheint so außerordentlich, daß wir die französische Armee gleich en gros gefangen haben!

Die 'Times' ist so interessant, daß wir immer mit Ungeduld auf ihr Kommen warten. Die Erbitterung gegen England ist noch sehr groß, und die Bevölkerung sehr ungnädig gegen alles Englische. Ich halte das für ungerecht; es macht mich sehr unglücklich. Ich kann nichts dafür, wenn ich bei solchen Gelegenheiten heftig werde und unangenehme Bemerkungen, die ich höre, mit einer Vehemenz zurückgebe, die nicht immer klug ist. Solche Reden rühren einen wilden Trotz in mir auf und bringen mich außer Fassung. Ich muß mich selbst mit dem Gedanken trösten, daß die Deutschen alle Berechtigung haben, in einer Erregung zu sein, die ihnen sonst fremd ist; sie macht sie ein wenig ungerecht, man muß bedenken, daß ihre Existenz auf dem Spiel stand beim Ausbruch des Krieges, der ihnen in so ungerechter Weise aufgezwungen worden ist. Natürlich ist dies für mich noch viel unangenehmer, als für irgendeinen anderen."

Der deutsche Zorn über Englands Neutralität wuchs weiter; eine Woche später, am 7. November, sprach die Kronprinzessin ihren Kummer über die deutsch-englische Spannung von neuem aus:

"Was Du über die Stimmung sagst, die zwischen Deutschland und England herrscht", schrieb sie an ihre Mutter, "ist nur zu wahr! Sie macht mir das Herz schwer. Man kann nur Geduld haben! Ich weiß, daß sie auf die Dauer nicht bestehen bleiben wird. Sobald in Deutschland die Leidenschaften und Nerven der Bevölkerung sich ein wenig beruhigt und die Menschen Zeit haben werden, zu untersuchen, worauf ihr eingebildeter Zorn gegen England beruht - diese Zeit haben sie jetzt nicht - werden sie erkennen, wie kindisch die Gründe und wie geringfügig die Tatsachen waren, die sie in maßloser Übertreibung so ärgerlich gemacht und außer sich gebracht haben. Ich bin fest davon überzeugt, daß sie sich ihrer Ungerechtigkeit gründlich schämen und dankbar für Englands freundliche und herzliche Sympathie sein werden, ebenso wie für seine große und glänzende Mildtätigkeit und die meisterhaften Beschreibungen unserer Taten in seiner unvergleichlichen Presse, der ersten Presse der Welt. Auch jetzt kann, wie ich sicher bin, viel getan werden, um Mißverständnisse aufzuklären und Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Es hat keinen Sinn, auf beiden Seiten Fehler zu machen, bis wir in einen ernstlichen Streit oder in eine tiefwurzelnde Abneigung hineingeraten sein werden, für die die ganze Welt zu büßen hat. Alle diejenigen, die nach Deinen eigenen gerechten und wahren Worten, wie ich, mit Herz und Seele beiden geliebten Ländern ergeben sind - der Sache der Freiheit und Kultur - deren Hauptträger sie sind - müssen jetzt durch viele bittere Augenblicke hindurchgehen. Aber der Fall ist nicht hoffnungslos. Wenn England Nachsicht mit seinem aufgeregten Bruderlande hat, das jetzt während seines Kampfes keine Zeit zur Überlegung findet, so werden, wie ich weiß, Vernunft und Zuneigung wiederkehren. Die Ursache für all den Ärger ist in Wirklichkeit diese: bei Kriegsausbruch glaubte Deutschland natürlich, da es ohne Vorbereitungen zu den Waffen greifen mußte, in der größten Gefahr zu sein und wandte sich an die Engländer, als an seine einzigen Freunde, um sie um Hilfe zu rufen. England betrachtete die Lage anders es zog vor, statt Mitspieler Zuschauer zu sein, hielt auch wahrscheinlich die Gefahr, in der Deutschland schwebte, nicht für so groß, wie die Deutschen selber - kurz es entschloß sich, neutral zu bleiben. Ein Schrei der Enttäuschung und des Ärgers stieg in Deutschland auf; das Volk sagte: 'Wenn wir vernichtet werden, so wird England die Schuld daran tragen. Es weiß und erkennt an, daß wir unfair und ungerecht angegriffen worden sind und will jetzt ruhig zusehen, wie wir zugrunde gehen, ohne einen Finger zu unserer Unterstützung zu regen. Wenn es nur seine Meinung zu unserem Nachbarn, der so plötzlich unser Feind geworden ist, laut geäußert hätte, wenn es nur seine Stimme erhoben und gedroht hätte, ihn, den Friedensstörer Europas, zu schlagen, würde Frankreich niemals den Krieg gewagt haben und alle verlorenen Leben wären gerettet worden. England hat die Fettsucht - ist zu faul um sich zu rühren und läßt uns lieber zugrunde gehen, als Frankreich ein ernstes Wort zu sagen.' Das ist der ganze Vorwurf; es wird einige Zeit brauchen, bevor das Gefühl des Ärgers nachlassen und vergehen wird und die freundlichen Anerbietungen, die

England seitdem unaufhörlich gemacht hat, anerkannt und geschätzt werden.

Nach meiner Ansicht hat Deutschland mit dem, was ihm am meisten Kummer macht, recht; seine Gefühle sind wohl zu verstehen, denn ich kann nicht umhin zu glauben, daß England den Krieg hätte verhindern können und sollen, und zwar durch eine Zurechtweisung der angreifenden Partei. Deutschland irrt sich dagegen vollkommen in der Annahme, England sei durch seine Liebe zu Frankreich und seine Eifersucht auf uns gehindert worden, Lord Granville empfinde französisch und die Neutralitätsgesetze würden zu unserem Nachteil und Frankreichs Vorteil ausgelegt; auch wurden viele geringfügigere Tatsachen gegen England vorgebracht, übertrieben und verdreht, so daß sie Trotz, Argwohn und alle möglichen unfreundlichen Gefühle erzeugten, die nun überall an ganz harmlosen und freundlich gesinnten Engländern ausgelassen werden. Das Unglück ist, daß unsere offiziellen gegenseitigen Vertreter weder geeignet sind, hier einzugreifen, noch für ihre Stellungen passen, wie Bernstorff und Lord Augustus Loftus. Jeder hat bei aller guten Gesinnung Fehler und bévues mit unglücklichen Folgen begangen. Wenn aus dem gegenwärtigen Kriege ein großes deutsches Kaiserreich hervorgeht, darf niemand von den Genannten auf seinem Posten bleiben. Ein Amt von so ungeheurer Wichtigkeit muß den besten Köpfen und Männern, die beide Länder hervorbringen können, vorbehalten bleiben, so daß auf beiden Seiten die Würdigsten repräsentieren. Ich bin sicher, daß durch nichts alles schneller eingerenkt werden könnte. Bitte entschuldige meine Offenheit.

Ich habe Dir für den netten und interessanten Brief von Mr. Haig noch nicht gedankt. Wie ganz verschieden haben Deine Kinder in den letzten drei Monaten gelebt! Stelle Dir meine und Alicens Angst, Aufregung und Tätigkeit vor - und Affie auf der anderen Seite des Weltmeeres - der nichts von dem wußte, was in der Alten Welt vor sich geht. Ich hoffe bestimmt, daß wir uns alle nächstes Jahr treffen werden."

Inzwischen beschäftigten zwei wichtige Fragen den König von Preußen und seine militärischen Ratgeber, unter denen der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl und Bismarck an erster Stelle standen. Die erste dringende Frage befaßte sich mit dem Problem, wie der Krieg auf die schnellste Weise beendigt werden könne. Die zweite, vielleicht nicht weniger wichtige Frage, berührte die Zukunft Deutschlands. Obgleich die regulären französischen Armeen entscheidend geschlagen waren, leistete Paris, das Herz Frankreichs, erfolgreichen Widerstand gegen die Belagerung, die schon seit einem Monat im Gange war. Im übrigen Frankreich waren Aushebungen unter der Führung Gambettas vorgenommen worden; die Hoffnung, daß diese Armeen sich vereinigen könnten, um die Belagerung von Paris aufzuheben, lebte im französischen Volk. Infolgedessen waren alle Bemühungen der deutschen Heeresleitung auf eine schnelle Einnahme von Paris und auf die Zerschmetterung der neuen Armeen gerichtet, sobald diese schlagfertig sein würden. Von Anfang an schien aber im deutschen Stab Uneinigkeit über die Mittel zu herrschen, mit denen Paris auf die Knie zu zwingen sei. Bismarck und viele der älteren Soldaten, wie z. B. Roon, waren für eine Beschießung. Andere, die möglicherweise an den Ruhm von Paris als Kunststadt und die Leben der innerhalb seiner Mauern eingeschlossenen Unschuldigen dachten, widersetzten sich einer Beschießung, da sie unmenschlich sei, und zogen die Waffen der Aushungerung und Krankheit vor. Die Haltung des Kronprinzen findet sich in seinem Tagebuch ausgedrückt; am 22. Oktober notiert er:

"Heute begannen die ersten Arbeiten für den Bau der Belagerungsbatterien. Wiewohl ich befohlen habe, daß die Vorbereitungen zur Belagerung mit größtem Fleiß und aller erdenklichen Umsicht ausgeführt werden, so hoffe ich doch noch immer, daß wir Paris durch den Hunger allein zwingen werden, uns seine Tore zu öffnen, und daß uns dadurch viele Menschenleben erhalten bleiben."

"Alle maßgebenden Persönlichkeiten", heißt es vier Tage später, "ich an der Spitze, sind darin einig, daß wir alles daran setzen müssen, Paris allein durch Hunger zu bezwingen; General Moltke stimmt mit mir darin völlig überein."

Nun bemühte man sich einen Waffenstillstand herbeizuführen, aber der Besuch des Herrn Thiers im deutschen Hauptquartier erwies sich als völliger Mißerfolg.

"Uns bleibt nun gar keine andere Wahl", schreibt er unterm 6. November in sein Tagebuch, "als Paris zu nehmen; doch beharre ich bei meiner Ansicht, es auszuhungern, da diese Maßregel, so grausam sie auch erscheint, doch weniger Menschenleben als eine regelrechte Belagerung und Erstürmung kosten würde."

Bismarck "wünschte zwar sehr, daß die Beschießung sogleich begonnen würde, um die Kapitulation zu beschleunigen", und wurde in diesem Wunsche von der öffentlichen Meinung in Berlin unterstützt.

Die Kronprinzessin vertrat natürlich die Ansichten ihres Gatten und schrieb am 26. November 1870 an ihre Mutter:

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 21. und für die freundlichen, zärtlichen Worte, die mir sehr wertvoll sind. Fritz schreibt aus Versailles, daß er eine Möglichkeit zur friedlichen und befriedigenden Beilegung der russischen Frage sieht. [Am 31. Oktober erklärte Rußland die Klausel des Vertrages von 1856, welche die Neutralisation des Schwarzen Meeres sicherstellte, nicht mehr anerkennen zu wollen. Die Konferenz von London, die im Jahre 1871 folgte, ratifizierte diese Aufhebung.] Was wäre das für ein Segen! Fritz wird hier getadelt, weil er nicht für Beschleunigung der Beschießung ist; er tut alles, was er kann, um sie hinauszuzögern, da er hofft, daß sie überflüssig sein wird. Moltke und Blumenthal sind seiner Ansicht, ebenso General von Falckenstein, den ich gestern sprach. Aber das Publikum wünscht die aufregenden Berichte von einer Beschießung zu hören."

In Berlin wurde jetzt der Ruf nach einem Bombardement lauter; von allen Seiten wurden Kronprinz und Kronprinzessin angegriffen, da man ihnen vorwarf, daß sie den ordnungsmäßigen Verlauf des Krieges störten. Unterm 28. November notiert der Kronprinz:

"Es scheint in Berlin zur völligen Manie zu werden, die Beschießung von Paris zu verlangen, auch höre ich, daß Gräfin Bismarck-Schönhausen aller Welt gegenüber namentlich mich als den Schuldigen, der dagegen wirkt, bezeichnet. Sie hat auch ganz recht, denn ich will vor allen Dingen nicht, daß mit dem Schießen eher begonnen werde, als bis nach Ansicht der Techniker und Sachverständigen die erforderliche Munition, deren jedes einzelne Belagerungsgeschütz für ein wirksames ununterbrochenes Bombardement bedarf, eingetroffen sein wird. Mit dem bloßen Schießen hätten wir längst beginnen können, wir würden aber dasselbe aus Munitionsmangel sehr bald wieder haben einstellen müssen und nichts weiter als eine hübsche Blamage davongetragen haben... Zu meiner großen Befriedigung vernehme ich aus der Heimat, daß General der Infanterie von Falckenstein meine Auffassung in dieser Frage teilt."

Für den Augenblick drang der Kronprinz mit seiner Ansicht durch und erst einen Monat später wurde Paris der Marter einer Beschießung unterzogen.

Aber noch eine andere schwerwiegende Frage beunruhigte die leitenden Männer Deutschlands - die Frage nach der künftigen Verfassung ihres Staates. Alle hervorragenden Lenker, unter ihnen Bismarck und der Kronprinz, waren darin einig, daß der Augenblick gekommen sei, ein neues Deutschland zu schmieden; nur einer war anderer Ansicht - und zwar derjenige, welcher der erste Kaiser des neuen Staates zu werden bestimmt war, der greise König Wilhelm. Er war als König von Preußen mit dem Status quo zufrieden. Er gab zu, daß ein einiges Deutschland größere Anforderungen zu stellen berechtigt sei, konnte sich aber keinen würdigeren Titel als den eines Königs denken, während der Kronprinz, Bismarck und die anderen die Schaffung eines Kaiserreiches mit Wilhelm an seiner Spitze befürworteten. Am 13. Oktober schrieb der Prinz in sein Tagebuch:

"Die Kaiserfrage wird von Graf Bismarck jetzt ernstlich ins Auge gefaßt; er sagte mir sogar selber, es sei im Jahre 1866 ein Fehler von ihm gewesen, diese Angelegenheit gleichgültig behandelt zu haben; doch hätte er nicht geglaubt, daß im deutschen Volke das Verlangen nach der Kaiserkrone so mächtig gewesen sei, als es sich gegenwärtig herausstellt... Graf Bismarck hegt die Besorgnis, daß mit Übertragung der deutschen Kaiserwürde auf unser Haus (die ich als erblich verlange) auch der Zuschnitt unseres Hofes verändert und dieser zur Entfaltung größeren Glanzes als bisher genötigt werden würde. Es gewährte ihm aber große Beruhigung, als ich ihm auseinandersetzte, wie meiner Meinung nach gerade dann erst recht die altbrandenburgische Einfachheit, mehr als es beim heutigen königlichen Hofe der Fall sei, beobachtet werden müsse."

Elf Tage später notierte er:

"Ich muß gerade jetzt recht viel an die Pläne denken, welche mein seliger Schwiegervater wie auch der verstorbene König der Belgier im Verein mit dem alten Baron von Stockmar für ein geeinigtes Deutschland unter monarchischer Spitze hegten. Wollte Gott, daß im Sinne jener Männer ein freier deutscher Kaiserstaat entstände, der im wahren Sinn des Wortes an der Spitze der Zivilisation schritte, der alle edlen Gedanken der modernen Welt entwickeln und zur Geltung bringen könnte, so daß von Deutschland aus die Welt humanisiert, die Sitten veredelt und die Menschen von jener frivolen französischen Richtung abgewendet würden... Wenn wir Deutschen als redliche Vorkämpfer solcher Gesinnungen erkannt wären, könnte eine Allianz mit England, Belgien, Holland, Dänemark und der Schweiz als Bollwerk gegen Rußland und Frankreich wohl erreicht werden und sich dadurch der Friede auf lange Zeit sichern lassen. Mit der Zeit würde dann auch wieder ein Einvernehmen mit Frankreich angebahnt werden und ein solches die wechselseitige Ausschöpfung der reichen Quellen auf dem Gebiete von Wissenschaft, Kunst und Gewerbe zwischen beiden Nationen herbeiführen."

Die Freude des Kronprinzen war groß, als er am 2. Dezember erfuhr, daß der jugendliche König Ludwig von Bayern auf Bismarcks Anregung hin an den König Wilhelm geschrieben und ihn gebeten hatte, den Titel eines Kaisers anzunehmen. Am nächsten Tage notierte der Prinz in seinem Tagebuch:

"Der heutige Tag, mir seit so vielen Jahren als Geburtstag meiner Schwester lieb und wert, hat eine besondere Bedeutung für unser Haus und Land dadurch erhalten, daß der König von Bayern in einem offiziellen Handschreiben an unseren König das Ansuchen stellte, die deutsche Kaiserwürde anzunehmen Der Inhalt war etwa der, daß, nachdem der Deutsche Bund hergestellt sei, es dem König Ludwig als das richtige erscheine, wenn aus demselben wieder das alte Reich mit dem Kaiser an der Spitze hervorgehe, und er, falls Se. Majestät sich dem Gedanken geneigt erweise, die deutschen Fürsten und Freien Städte, die er von diesem Schritte benachrichtigt habe, auffordern wolle, ihm die Kaiserkrone darzubieten. Se. Majestät war über den Inhalt dieses Briefes ganz außer sich vor Unwillen und wie geknickt; er scheint demnach nicht zu ahnen, daß das Konzept von hier aus nach München gegangen ist. Der König meinte, daß jene Angelegenheit gerade jetzt so zur Unzeit wie nur möglich käme, da er augenblicklich unsere Lage sehr schwarz und als eine in hohem Grade gefährdete ansähe. Graf Bismarck erwiderte, daß die Kaiserwahl nichts mit den augenblicklichen Kämpfen gemein hätte, vielmehr ein Sieg für sich und eine Folge unserer bisherigen Siege wäre, und daß, wenn wir selbst bis zur Maas zurückgeworfen würden, jene Angelegenheit von den militärischen Ereignissen getrennt und zu Recht bestehen bliebe. Der König war aber heute nicht umzustimmen und sah in 'Kaiser und Reich' eigentlich nur ein Kreuz für sich selbst wie auch für das preußische Königtum überhaupt.(!) Als wir des Königs Zimmer verlassen hatten, reichten Graf Bismarck und ich uns die Hand, ohne viel zu reden, denn wir fühlten, daß die Entscheidung eingetreten war, und daß mit dem heutigen Tage 'Kaiser und Reich' unwiderruflich wiederhergestellt seien.

Mein Vater wird für den Abend seines Lebens voraussichtlich nur die Ehren desselben genießen; mir und den Meinen aber erwächst die Aufgabe, in echt deutschem Sinn die Hand an den mächtigen Ausbau anzulegen, und zwar mit zeitgemäßen, vorurteilsfreien Grundsätzen."

Am 10. Dezember nahm der Reichstag die Worte "Kaiser" und "Kaiserreich" in den Text der neuen deutschen Verfassung auf. Das deutsche Kaiserreich war da. Welchen Anteil der Kronprinz und welchen Anteil Bismarck daran hatte, wird sicherlich einmal von der Geschichte entschieden werden; zweifellos aber war es der Kronprinz, der Bismarck zum entscheidenden Schritt überredete. Fürst Bülow gesteht in einem Buch über deutsche Politik (veröffentlicht 1913), daß der Gedanke an ein geeinigtes Deutschland ursprünglich von der liberalen Partei ausging, fügt aber hinzu, daß die konservative Partei oder vielmehr Bismarck notwendig gewesen wären, um ihn auszuführen. Aber nicht allein von liberaler Seite hatte der Kronprinz seine Ideen; der verstorbene Prinzgemahl hatte ihm oft seinen Plan für ein deutsches Kaiserreich auseinandergesetzt. Am 14. Dezember schrieb der Kronprinz in sein Tagebuch:

"Meine Gedanken weilten heute besonders lebhaft bei meinem unvergeßlichen, geliebten Schwiegervater, der uns an diesem Tage vor neun Jahren genommen ward. Hätten wir ihn behalten, vieles wäre in der Entwicklung der neueren Weltgeschichte anders gegangen, anders geworden; ihm vor allem wäre es zu gönnen gewesen, daß er die Wiederherstellung des Reiches, dessen Verwirklichung so oft der Gegenstand seiner Gespräche mit mir war, erlebt hätte. Genau entsinne ich mich namentlich eines Gesprächs auf einem Gang im Buckinghampalastgarten, bei welchem er mich besonders darauf aufmerksam machte, daß wir Preußen doch endlich den Gedanken, eine entscheidende Rolle ohne Beihilfe Deutschlands spielen zu wollen, aufgeben müßten. Sein Sinn war nicht darauf gerichtet, durch Kriegsstürme das zu erreichen, was Fürstenunverstand und -Beschränktheit der Nation vorenthielt, aber freilich konnte niemand im Jahre 1856, wo die Manteuffelschen Grundsätze blühten, sich denken, daß eine Zeit so großartiger und gewaltiger deutscher Ermannung eintreten werde, wie wir es gegenwärtig erleben. Was ein großer Geist, wie der des Verklärten, wollte und anstrebte, kann erst allmählich zur Reife kommen; sein Segen wird dem Aufbau des neuen Reiches nicht fehlen."

Inzwischen hatte sich die deutsche Heeresleitung zu einer Beschießung von Paris entschlossen, während in Berlin diese Maßnahme laut und lärmend gefordert wurde. Trotzdem hielt der Kronprinz die Ansicht aufrecht, daß "eine Beschießung, so heftig auch die Meinungen der Heimat nach der anderen Seite gingen, nicht von Nutzen sei"; er wurde bei seinem Einwand auf das wärmste vom General von Blumenthal und vom Grafen Moltke unterstützt. Am gleichen Tage, dem 14. Dezember, notierte er in seinem Tagebuch:

"In Berlin ist es jetzt an der Tagesordnung, meine Frau als die Hauptursache der aufgeschobenen Bombardierung von Paris zu verleumden und ihr nachzusagen, sie handle im Auftrage der Königin von England, was mich über die Maßen verstimmt. Gräfin Bismarck-Schönhausen und Gräfin Amélie Dönhoff, die Hofdame der verwitweten Königin Elisabeth, haben dies ganz unverhohlen ausgesprochen. Wer in Berlin kann denn beurteilen, was vor Paris zu tun ist? Haben wir die Hochweisen vielleicht wegen Weißenburg, Wörth und Sedan vorher um Rat gefragt? Und doch hat man damals unsere Leistungen sehr schön gefunden. Jetzt aber, wo die Beschießung der gründlichsten Vorbereitungen bedarf, namentlich weil man seitens des Kriegsministeriums große Unterlassungssünden begangen hat, und wo wir ferner im Angesicht einer wahren Ungeheuerlichkeit von Belagerung stehen, für die das erforderliche Material nicht vorbereitet worden ist, sollen wir mit einemmal einfach darauf losschießen, bloß weil die Laien der Meinung sind, Paris müsse dann ganz selbstverständlich sofort kapitulieren. Wenn sich doch einer jener Weisen gefälligst einmal die Mühe gäbe, mit dem Zirkel zu messen, wie weit unsere mit den schwersten Geschossen armierten Batterien zu reichen vermögen, und wenn man sich in Berlin klarmachen wollte, daß mit dem bloßen Treffen der Forts noch lange nicht die Häuser der eigentlichen Stadt Paris erreicht sind, so daß deren Einwohnerschaft vom Bombardement ganz und gar nicht berührt werden würde, dann dürfte man wohl erkennen, daß wir nicht die Tölpel sind, für die man uns zu Hause hält. Schreiten wir zu einer förmlichen Belagerung, so würde der von einer solchen unzertrennliche Sturm uns eine furchtbare Menge Menschen kosten. Das dann sich daheim erhebende Geschrei möchte ich erleben! Wir werden uns also auch nicht um eines Haares Breite von unserer Überzeugung abbringen lassen, nur um jenen Herren im bequemen, warmen Zimmer zu Hause einen Gefallen zu tun. Mögen sich jene Klugen hierher scheren, selber die Sachen in die Hand nehmen und zeigen, ob sie's besser verstehen als wir."

Dies bedeutet mit Sicherheit die völlige Widerlegung der Ansicht, daß die Kronprinzessin ihren Gemahl beherrsche. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein Soldat, wie der Kronprinz, geneigt war, seine Gattin in Dingen, die sich auf die Weiterführung des Krieges bezogen, um Rat zu fragen; alles, was er tun konnte, war, sie über die Ereignisse der vergangenen Woche zu unterrichten. Wenn der Kronprinz der Schwächling gewesen wäre, als der er oft geschildert worden ist, wäre er sehr viel leichter von den anderen Generälen, die beständig in seiner Umgebung waren, zu beeinflussen und zu beherrschen gewesen. Aber, nach allen Berichten zu schließen, verfolgte er stets seinen eigenen Weg und vertrat beständig eine Handlungsweise, die keineswegs populär in der Armee war. Die Theorie, daß er von seiner Gattin stark beeinflußt wurde, hat daher nicht die geringsten Grundlagen. Immer wenn eine Königin oder Prinzessin sich für die Politik interessiert und die Ansichten ihres Gatten wiederholt, wird gesagt, daß die Frau ihn beherrsche; in unserem Fall kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Kronprinzessin nicht nur ein höchst verständiges Interesse an der Politik nahm, sondern auch vermutlich, vielleicht ein wenig taktlos, die Ansichten wiederholte, die sie von ihrem Gatten hörte oder in seinem Tagebuch las, das er auch weiterhin sendete. Als er später krank wurde und in tausend Beziehungen auf sie angewiesen war, hatte selbstverständlich das deutsche Volk alle Entschuldigungen auf seiner Seite, wenn es die Überzeugung fußte, daß sie die Bestimmende war, aber während des Krieges von 1870/71 kann diese Verleumdung nur von Menschen erfunden worden sein, die nach einem Vorwand suchten, um die Kronprinzessin unbeliebt zu machen.

Es ist merkwürdig, daß, während in England der Königin Victoria vorgeworfen wurde, mit den Deutschen zu sympathisieren, die Kronprinzessin mit ihrer Mutter konspirieren sollte, um Paris vor der Beschießung zu schützen; es war Bismarck selbst, der in späteren Jahren zu seinem Handlanger Busch sagte (Busch, Bismarck. S. 185):

"Vielleicht darf ich den Einfluß erwähnen, der von englischen Damen gegen das Bombardement von Paris geltend gemacht wurde. Sie erinnern sich 'Schurze und Schürzen', d. h. Freimaurer und Frauen."

Inzwischen dauerte der Kampf an, und am 4. Dezember ergab sich nach einer Reihe blutiger Gefechte Orleans dem Prinzen Friedrich Karl. Zwei Tage später schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, den ich gestern erhielt. Wir zittern inzwischen voller Angst und Aufregung, da die Kämpfe jeden Tag weitergehen. Es ist von größter Wichtigkeit, daß Orleans wiedergenommen ist. Vielleicht bringt dies das grausame Blutvergießen zu einem früheren Ende. Jedermann hat die feste Überzeugung, daß die Franzosen sobald wie möglich einen neuen Krieg beginnen werden, um den Flecken von ihrer militärischen Ehre abzuwaschen. Deshalb müssen wir, wie man sagt, einen Teil Elsaß' und Lothringens nehmen, so daß, wenn sie wiederum anfangen, unsere Grenze ein besserer Schutz für uns ist, da wir niemals davor sicher sind, von den Franzosen überrannt zu werden, wenn ihre Regierung es für notwendig hält, einen neuen Streit mit uns zu beginnen. Ich teile diese Überzeugung, und finde, daß sie unter den Soldaten, Staatsmännern und der großen Menge in gleicher Weise verbreitet ist.

Die Fonds für die Verwundeten und Kranken sind nicht groß - Materialien und Geld werden dringend gebraucht!

Wie läßt sich der Bau der Wolsey-Kapelle an? Ich bin so froh, daß Dir die Albert-Halle gefällt und daß das Denkmal gut aussieht. Wie gern würde ich alles dieses wiedersehen, aber man kann jetzt keine Pläne machen! Und da unser Besuch unwillkommen und unbequem sein könnte, werden die Aussichten für mich, nach Hause zu kommen, jedes Jahr geringer. Es macht mich sehr traurig...

Der Titel eines Kaisers von Deutschland ist dem König vom König von Bayern angetragen worden. Ich glaube, daß er ihn annehmen wird, wenn ich dessen auch nicht sicher bin. Wie merkwürdig scheint mir das!"

Fünf Tage später, am 11. Dezember, schrieb sie:

"... Die immer noch andauernden Kämpfe beunruhigen uns. Die Franzosen sind entschlossen, mit dem Kriege fortzufahren und so bleibt uns nichts übrig, als das gleiche zu tun. Bezüglich Elsaß-Lothringens gibt es nur eine Meinung in ganz Deutschland, nämlich, daß wir einen Fehler begehen würden, wenn wir die Länder nicht ganz oder teilweise okkupierten, da wir uns sonst derselben schlimmen Möglichkeit aussetzen würden, die uns im Juli bedrohte - von den Franzosen angegriffen und überrannt zu werden, wann immer es ihnen gefällt, da unsere Grenzen zu schwach sind, um sie von unserem Lande fernzuhalten. Die einzige Möglichkeit für eine lange Friedenszeit, nach der Deutschland hungert und dürstet, liegt darin, die Franzosen soweit zu schwächen, daß sie nicht wünschen, noch einmal mit uns anzufangen (heute sind sie noch nicht geschwächt und geben nicht zu, daß sie geschlagen sind) und unsere Grenze so zu stärken, daß wir gegen jede Angriffsgefahr gesichert sind..."

Die Bemühungen der Kronprinzessin, den Verwundeten das Leben leichter zu machen, begannen jetzt einige Anerkennung zu finden, und der Kronprinz schrieb am 21. Dezember in sein Tagebuch:

"Erfreulicher für mich ist zu vernehmen, daß die Tätigkeit meiner Frau, als Sachverständige auf dem Gebiete der Krankenpflege, richtige Würdigung findet. So ist ein ausführlicher Bericht des konsultierenden Chirurgs der Lazarette des XI. Armeekorps, Professor Schillbach aus Jena, erschienen, der die Resultate des Homburger Lazaretts, in dem meine Frau ununterbrochen tätig war, als die besten von allen im Korpsbezirk befindlichen bezeichnet."

Wie um Deutschlands Forderung nach der Zerschmetterung Frankreichs Nachdruck zu verleihen, wurde der Befehl zur Beschießung von Paris am 30. Dezember gegeben, als Bismarck endlich der von menschlichem Empfinden diktierten Proteste des Kronprinzen Herr geworden war. Der Kronprinz schrieb infolgedessen in sein Tagebuch: "Der 4. Januar ist als Eröffnungstag dieses schlimmen Bombardements festgesetzt worden... Bismarck hat uns groß und mächtig gemacht, uns aber auch unsere Freunde, die Sympathien der Welt und unser Gewissen geraubt." Diese drastische Maßregel diente, wie der Kronprinz sagte, nur dazu, die wenigen Sympathien auszulöschen, die jetzt in England für die siegreiche deutsche Sache zu finden waren, und die Spannung zwischen den beiden Ländern zeigte sich in vielen kleinen Zwischenfällen, die zu beschwichtigen die Kronprinzessin unablässig bemüht war. Sie schrieb am 30. Dezember an die Königin Victoria:

"Es ist so freundlich von Dir, daß Du für die Deutschen in England eine Lanze brichst. Das gegenseitige Mißtrauen ist zu schrecklich. Es muß das Ziel unserer Staatsmänner sein, diese so unrechten, unnötigen und schädlichen Gefühle zu zerstreuen. Hier wird die Stimmung sehr viel besser...

Daß preußische Offiziere unhöflich zu englischen sein sollen, ist sehr unangenehm; aber ich fürchte, daß unsere lieben Landsleute ein wenig empfindlich tun und die Formen, an welche die Deutschen gewöhnt sind, nicht kennen. Ich weiß, daß die Engländer es vollkommen vernachlässigen, sich selbst vorstellen zu lassen; das mißverstehen die Preußen und halten es für eine gewollte Unhöflichkeit, die sie dann, wie sie glauben, zurückgeben müssen; zwar ist dies töricht, aber ich weiß, daß der Fall so liegt. Alles kommt aus der unvollkommenen Kenntnis der jeweiligen nationalen Eigentümlichkeiten, denn ich habe gefunden, daß Engländer und Deutsche, die viel in beiden Ländern gelebt haben, außerordentlich gut miteinander verkehren und die besten Freunde werden. Die Preußen sind wirklich sehr höflich, aber sie erwarten dies Sichvorstellen und sind beleidigt, wenn es vergessen wird. Ich glaube nicht, daß die Hälfte aller Engländer, die auf Reisen gehen, eine Idee davon hat, daß es für notwendig gehalten wird. Auf der anderen Seite wissen die Deutschen nicht, daß die Sitte in England nicht besteht; dies schafft immer kleine Unannehmlichkeiten, und wenn soviel Zündstoff in der Luft liegt, die Stimmung so gereizt ist, so wird jede Kleinigkeit stark überschätzt. Daher kommen diese ewigen Reibereien und Mißverständnisse, die mich so außerordentlich betrüben."

Einige Tage später schickte der General Kirchbach mit Zustimmung des deutschen Kaisers der Kronprinzessin einen Wandschirm, der aus dem Boudoir der Kaiserin Eugenie in St. Cloud stammte. Die Kronprinzessin wünschte dringend, daß er seiner rechtmäßigen Besitzerin, die jetzt als Flüchtling in England lebte, zurückgegeben werde, und schickte ihn sofort an die Königin Victoria. Ihr Begleitschreiben vom 4. Januar 1871 lautete:

"Ich habe Dir ein großes Paket geschickt, das einen Wandschirm enthält. Er stand im Boudoir der Kaiserin in St. Cloud. Als die französischen Granaten das Haus anzündeten, versuchten, wie Du weißt, die preußischen Soldaten, das Feuer zu löschen und die Wertgegenstände zu retten. Ein preußischer Soldat fand seinen Weg durch Rauch und Flammen und holte unter großer Lebensgefahr diesen Paravent heraus, den er dem General Kirchbach übergab (in wenigen Minuten würde er verbrannt worden sein). General Kirchbach fragte den König um die Erlaubnis und erhielt sie, mir diesen Schirm senden zu dürfen. Obgleich St. Cloud nicht das Privateigentum der Kaiserin und des Kaisers war und das Mobiliar dem Staat gehört, folglich nicht länger das ihrige ist, halte ich doch den Gegenstand und alles andere, was gerettet worden ist, nicht für eine Kriegstrophäe, sehe also nicht ein, was für ein Recht ich habe, den Wandschirm zu behalten. Überdies wünsche ich nicht, irgend etwas in meinem Besitz zu haben, das der Kaiserin gehört hat, da sie immer sehr freundlich zu mir war und mir bei verschiedenen Gelegenheiten hübsche Geschenke gemacht hat. Ich habe zu niemandem in Versailles etwas gesagt, weder zum König noch zu Fritz, da ich mit etwas, das mir geschickt worden ist, tun kann, was ich will. Aber ich möchte Dich, liebste Mama, bitten, den Wandschirm der armen Kaiserin wiederzugeben, wenn Du es für richtig hältst. Du kannst ihr seine Geschichte und wie ich zu ihm kam, erzählen. Natürlich kann ich ihn nicht als Geschenk anbieten, solange wir im Kriege sind - das würde nicht gehen; im übrigen glaube ich weiter nichts zu tun, als dem rechtmäßigen Eigentümer wiederzugeben, was ihm gehört - was aber, bitte, Deine Aufgabe ist. Ich bin sicher, daß mir so niemand etwas vorwerfen kann, während ich tue, was ich einfach für meine Pflicht halte.

Ich billige keine Kriegstrophäen, zum mindesten nicht im Besitz von Damen. Für Soldaten mögen sie rechtmäßig sein, und jede Armee der Welt betrachtet sie auch so. Vielleicht bist Du so gut und teilst mir mit, wann das Paket angekommen und wann es durch Deine freundliche Vermittlung seine Bestimmung erreicht hat..."

Die Ankunft des Wandschirmes brachte die Königin Victoria in eine mißliche Lage. Wurde der Wandschirm der Kaiserin wiedergegeben, konnte es für die Franzosen einen Beweis bedeuten, daß die Deutschen sich der Plunderei schuldig gemacht hätten; diese Ansicht wurde auch von Earl Granville unterstützt, der am 7. Januar an die Königin schrieb:

"In unserm Lande versteht man unter Kriegstrophäen Flaggen, Geschütze usw. Die Gegenstände aus Schlössern und Landhäusern, die, wie man sagt, in großer Anzahl als Geschenke aus Frankreich nach Deutschland geschickt worden sind, würden hier als geraubtes Gut bezeichnet werden. Es mag ein kleiner Unterschied sein, wenn irgend etwas aus einem dem Staate gehörigen Schloß genommen wird, das durch das Feuer französischer Geschütze zerstört wurde; aber nach der englischen Ansicht würde es besser gewesen sein, wenn der Kronprinz sich von einer Handlungsweise ferngehalten hätte, die wie eine Rechtfertigung jener Gewohnheit der deutschen Armee erscheinen kann. Es würde für Eure Majestät schwierig sein, als Geschenk anzunehmen, was nachweislich aus einem Schloß genommen ist, das einer mit Eurer Majestät im Freundschaftsbündnis befindlichen Macht gehört; ebenso peinlich aber ist es, der Kaiserin wiederzugeben, was dem französischen Staat gehört. Es wäre möglich, daß das Anerbieten zurückgewiesen wird, und die französische Umgebung des Kaisers würde die Geschichte als 'Plünderung' aufbauschen können."

Der Wandschirm wurde infolgedessen wieder eingepackt und der Kronprinzessin zurückgeschickt. Als die Kaiserin Eugenie sich mit ihrem Gatten in Chislehurst niederließ, wurde er ihr von Deutschland aus gesandt und erreichte so schließlich seine rechtmäßigen Eigentümer.

Inzwischen zog sich der Krieg immer weiter hin; Paris ertrug die größten Leiden mit heroischem Mut und widerstand immer noch allen Anstrengungen der Deutschen, es zur Übergabe zu bewegen. Der ständige Zufluß von Verwundeten nach Deutschland wurde stärker, und die Entrüstung der Kronprinzessin über die erschreckenden Zustände in einigen der Berliner, Lazarette wird aus ihrem Briefe an die Königin Victoria vom 7. Januar ersichtlich:

"Ich gehe jeden Tag in die Lazarette; und kann Dir nicht sagen, was mich dies für eine Anstrengung kostet, da ich nichts in ihnen zu tun habe und sehe, wie schlecht sie geleitet sind, ohne daß ich in der Lage bin, sie zu verbessern. Die stickige Luft ist zum Ohnmächtigwerden - der Schmutz abstoßend -, aber die Leiterinnen scheinen ganz zufrieden -, die armen Opfer sind von so rührender Anspruchslosigkeit, geduldig und dankbar in ihren unaussprechlichen Leiden. Ich bin in sehr schlechter und gedrückter Stimmung - der Gedanke an all das Unglück, Weh und Leid beider Länder lastet Tag und Nacht auf mir. Nach der Einnahme von Paris wird sich vielleicht eine Friedensmöglichkeit zeigen. Ich habe alle Hochachtung vor den Franzosen, weil sie nicht nachgeben, obgleich ich glaube, daß sie ihr Land vollends erschöpfen und ihren point d'honneur übertreiben. Nach meiner Ansicht sollten alle, die keinen Krieg wünschten, dies jetzt offen bekennen; die Folgen des Krieges sind nicht ihrer Handlungsweise entsprungen, infolgedessen sind sie auch nicht für sie verantwortlich und sollten daher versuchen, dem Unheil ein Ende zu machen. Unsere Armee braucht in diesem traurigen Kampfe jeden Nerv. Die Beschießung von Paris ist eine leidige Notwendigkeit und wird auch als solche von jedem empfunden, der an ihr beteiligt ist.

Die Zeit stellt größere Anforderungen an die Nerven, als ich beschreiben kann - unsere Empfindungen werden von allen Seiten verletzt -, die schrecklichsten Eindrücke lasten auf uns -, und der Horizont scheint hoffnungslos dunkel und traurig."

"Du kannst Dir nicht denken" - schrieb sie am 11. Januar -, "wie unsäglich traurig ich über den Krieg bin. Die Beschießung ist gar nicht auszudenken schrecklich, und doch war sie, wie ich weiß, nicht zu vermeiden. Die Franzosen hätten sich vorher überlegen müssen, was ihnen im Falle einer Niederlage alles bevorstehen konnte, als sie uns den Krieg aufzwangen!

Die Lage und die Aufgabe unserer Truppen ist zu schwer und gefährlich - die Anstrengungen und Gefahren, die sie zu erdulden haben, sind zu groß, als daß man im Volk viel Mitleid mit unseren Feinden haben könnte, da natürlich die Gefühle der Menge allzu sehr gekränkt und mitgenommen sind - durch all das viele, was sie durchzumachen hatte, durch das Fernsein von Vätern und Söhnen, und durch unsere Verluste, durch den traurigen Anblick der überfüllten Lazarette. Aber trotzdem kann ich nicht umhin, das tiefste Mitleid für unsere unglücklichen Feinde zu fühlen, obgleich ich ihnen allein die Schuld und die Verantwortung für all das unendliche, täglich wiederkehrende Unglück zuschreibe. Ich leide unter diesen Gedanken jetzt mehr als unter meiner persönlichen Angst um Fritz und unter der langen quälenden Trennung. Ich würde gern mein Teil und noch viel mehr auf mich nehmen, wenn ich die Leben der armen Kriegsopfer zu retten imstande wäre!"

"Da der Feldjäger eben angekommen ist", schrieb sie drei Tage später, "habe ich kaum eine Minute Zeit, um Deinen lieben und freundlichen Brief zu beantworten, der Balsam für meine verletzten Gefühle war. Ich kann die Trauer und Angst, die geistigen Leiden nicht beschreiben, die ich täglich bei so vielen Gelegenheiten durchzumachen habe. Die Königin und Fritz teilen meine Gefühle - ihre Empfindungen sind gerecht und erhaben -, die Zukunft lastet auf ihnen wie auf mir -, sie kennen alle Gefahren und Schwierigkeiten, die vor uns liegen! Ich hatte zwei prachtvolle Briefe von meinem lieben Fritz, die seinem gütigen vornehmen Herzen Ehre machen. Es ist wirklich schrecklich, was unsere Armee alles auszuhalten hat, der Korpsgeist ist prachtvoll und erfüllt mich mit Bewunderung und Respekt. Aber die große Menge ist aufgeregt, reizbar usw. und zeigt sich nicht gerade von der besten Seite.

Die arme Königin ist nicht so populär, wie sie es verdient! Sie hat vielleicht nicht immer eine glückliche Hand bei dem, was sie tut, und ihre Gefühle für die Franzosen und Katholiken sind ein wenig von den meinigen verschieden - Du weißt, wie sie den Leuten mißfällt. Aber sie bemüht sich, ihre Verpflichtungen bis zum Äußersten zu erfüllen, und hat eine wirklich vornehme Gesinnung, wie eine Dame, eine Königin und eine Christin sie haben muß; in diesen so harten und schweren Zeiten verdient sie Dankbarkeit, Sympathie und Respekt.

Ich sende Dir eine Gipsstatuette, die Fritz sehr ähnlich ist, bis ich eine bessere in Bronze habe. Ich bin sicher, daß es ihm viel Freude machen wird, wenn er wenigstens in effigie auf Deinem Tisch steht. Mit diesem Feldjäger habe ich keine Photos bekommen. Du fragst, warum Fritz Karl der "rote Prinz" genannt wird. Er trägt immer die Uniform der Garde- oder der Ziethenhusaren, deren Chef er ist; sie haben rote Attilas mit Silberbesatz und einen roten Kolpak.

Der Protest der Franzosen gegen die Beschießung ist meiner Ansicht nach töricht und unwürdig. Sie haben uns während zweier Monate Tag und Nacht beschossen. Warum sollten unsere Batterien nicht antworten? Sie wollten nicht hören, als England zu Beginn des Krieges vermitteln wollte, und duldeten keine Einmischung. Ich sehe nicht ein, warum sie jetzt um Hilfe schreien, nur weil sie ihre eigenen Kräfte überschätzten und Deutschlands Macht zu gering achteten. Mein Mitgefühl mit den Leiden, die sie zu erdulden haben, ist unbegrenzt, aber wie können wir als Volk da etwas helfen? Und wie ungeheuer ist außerdem der Verlust, den die Fortsetzung des Krieges uns bringt..."

Inzwischen hatten die deutschen Siege den Weg zur deutschen Einheit geebnet. Die Fürsten, an ihrer Spitze der König von Bayern, luden König Wilhelm ein, die Führerschaft in Deutschland zu übernehmen; am 18. Januar wurde er mit imponierender Feierlichkeit in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Der Wechsel des Titels wurde von der preußischen Königsfamilie keineswegs freudig begrüßt. Am 20. Januar schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria einen Brief, der zeigt, wie schwierig zeitweilig die Stellung der Prinzessin am deutschen Hofe war:

"Ich wollte Dir auf den eigenen Wunsch der Kaiserin (Königin) erzählen, daß sie absolut nichts von der Annahme des Kaisertitels oder von der Proklamation am 18. wußte. Der Kaiser ist dem ganzen Wechsel so abgeneigt, daß er eine frühere Erwähnung nicht wünschte, und niemand übernahm es, uns hier mitzuteilen, was man vorhatte. Natürlich war dies eine peinliche Lage für meine Schwiegermutter, die dem Vorgehen sehr abgeneigt war. Ich konnte sie nur sehr schwer beruhigen, und sie bat mich, zu bezeugen, daß sie von allem nichts gewußt hatte, bis zum Tage selbst. Ich gebe zu, daß es falsch ist, halte es aber nicht für merkwürdig. In Versailles steckt jedermann bis über die Ohren in militärischen Dingen, und die Angst, Ungewißheit und Verantwortung sind so groß, daß alle anderen Erwägungen vergessen oder wenigstens sehr oberflächlich behandelt zu sein scheinen.

Du sagst, daß Du über das gute Verhältnis zwischen meiner Schwiegermutter und mir froh bist; wie unerträglich mein Leben aber ist, wenn dies einmal nicht der Fall ist, weißt Du nicht. Ich bin nur zu froh, wenn sie mir erlaubt, in gutem Einvernehmen mit ihr zu sein. Niemand kennt ihre wirklich guten und großen Qualitäten besser als ich, oder ist glücklicher, sie in guter Laune zu sehen. Was ich jetzt sagen will, mag vielleicht anmaßend klingen, aber ich glaube nicht, daß die Kaiserin eine Schwiegertochter haben könnte, die besser ihre guten Eigenschaften zu schätzen wüßte - die mehr der Sache, der sie gedient hat, mit Herz und Seele ergeben wäre, die tiefer in ihre Interessen eindringen könnte oder bereitwilliger den Faden dort, wo sie ihn fallen ließ, aufnehmen und in derselben Richtung weiterarbeiten würde. Ich habe ihre Schlachten geschlagen und ihr den Weg geebnet, wo ich nur immer konnte. Ich habe nicht die geringste bittere Empfindung gegen sie, obgleich sie mir viel Leiden verursacht hat (mehr vielleicht, als Du Dir vorstellen kannst). Ich bin froh, dies zu vergessen, und erinnere mich nur an ihre besseren Stimmungen und ihre gütigen Handlungen. Ich bemitleide sie tief, weil ihr die Natur einen Charakter und ein Temperament gegeben hat, die zum Unglücklich- und Unbefriedigtsein führen mußten, wo sie auch immer war; sie hat in ihrem Leben eine Menge trauriger und bitterer Stunden durchmachen müssen. Ich will sehr glücklich und dankbar sein, wenn ich im geringsten dazu beitragen kann, ihren Lebensabend friedlicher und glücklicher zu gestalten.

Ich habe keine Minute für mich selbst frei, nicht einmal einen ruhigen Abend, da ich entweder zur Königin gehe, oder sie zu mir kommt. Ich kann dies jetzt, obgleich es ein großes Opfer ist, tun, aber wenn Fritz nach Hause kommt, werde ich dazu nicht mehr imstande sein und fürchte, sie wird es dann nicht verstehen.

Ich werde einige Auszüge aus Fritzens Briefen anfertigen, die Dir sicher gefallen werden. Der liebe Fritz, die Trennung scheint manchmal sehr hart, aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen.

Die Niederlagen des Generals Bourbaki (bei Belfort durch General von Werder) und des Generals Chanzy [bei Le Mans am 11. Januar durch Prinz Friedrich Karl] sind von großer Bedeutung. Ich hoffe, sie werden diesen schrecklichen Krieg früher beendigen."

Fünf Tage später, am 25. Januar 1871, erinnerte sich die Prinzessin mit tiefem Gefühl an ihren dreizehn Jahre zurückliegenden Hochzeitstag:

"Ich wartete bis zu diesem mir so bedeutungsvollen Tag, um Dir für Deinen lieben Brief vom 21. zu danken, wieviel muß ich heute an Dich und den lieben Papa denken! Wie sehr hänge ich an all den kostbaren Erinnerungen, an Euch beiden und Eurer Liebe - an meiner Heimat und meinen Freunden -, die so schnell in der Vergangenheit entschwinden! Damals dachte ich nicht daran, daß dieser Tag einst Fritz dort sehen würde, wo er jetzt ist, und noch dazu mit einer so schrecklichen Aufgabe betrautl Und doch bin ich stolz auf ihn und jeden Tag dankbarer, daß ich sein bin. Es gibt keinen gütigeren, reineren, vornehmeren, besseren Mann als ihn; ist das nicht das beste, was man von jemand sagen kann, und wiegt es nicht allen militärischen Ruhm doppelt, mehr als doppelt auf? Die sechs Monate dieser Trennung sind sehr hart, aber seine Liebe und Güte machen mich auch aus der Ferne glücklich; ich bin gerührt darüber, daß er jeden Tag Zeit findet, mir zu schreiben - trotz allem, was er zu tun hat! Seine Briefe sind ein großer Trost! Die schrecklichen Leiden der Franzosen erregen mein größtes Mitleid, aber natürlich leide ich am meisten bei dem Gedanken, was unsere armen Leute alles auszuhalten haben! Gelobt sei der Tag, der uns den Frieden bringt, an dem alle geistigen Fähigkeiten, alle Kräfte des Gehirns, des Herzens und der Hände zur Vertilgung der traurigen Spuren all dieser Schrecken gebraucht werden können! Ich bin sicher, daß viel getan werden kann; dies ist der Gedanke, aus dem ich zur Zeit den größten Trost schöpfe.

Das sentimentale Empfinden für Frankreich, das in England so stark hervortritt, ist zwar traurig für uns, kann aber leicht erklärt werden. Ich bin überzeugt, daß man zugeben wird, es habe mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstand zu tun; daher bin ich sicher, daß es vorübergehen wird, wenn das unglückliche Frankreich seinen Widerstand aufgibt."

Zwei Tage später feierte der älteste Sohn der Kronprinzessin seinen 13. Geburtstag. An diesem Tage gab der Kronprinz die Gedanken der Kronprinzessin wieder, als er in seinem Tagebuch notierte:

"Heute ist Wilhelms 13. Geburtstag. Möge er ein tüchtiger, rechtschaffener, treuer und wahrer Mensch, der an dem Guten und Schönen Freude hat, werden, ein echt deutscher Mann, der es einst verstehen wird, in richtiger, würdiger und zeitgemäßer Weise die von seinem Großvater und Vater für unser großes Vaterland angebahnten Wege vorurteilsfrei zum wahren Heile desselben weiterzuführen. Gottlob besteht zwischen ihm und uns, seinen Eltern, ein einfaches, natürliches, herzliches Verhältnis, dessen Erhaltung unser Streben ist, damit er uns stets als seine wahren, seine besten Freunde betrachte. Der Gedanke ist förmlich beängstigend, wenn man sich klarmacht, wieviel Hoffnungen bereits jetzt auf das Haupt dieses Kindes gesetzt werden und wieviel Verantwortung vor dem Vaterlande wir bei Leitung seiner Erziehung zu tragen haben, während äußere Familien- und Rangrücksichten, Berliner Hofleben und viele andere Dinge seine Erziehung so bedeutend erschweren. Gebe Gott, daß wir auf geeignete Weise das Niedrige, Kleinliche, Triviale von ihm fernhalten und durch richtige Führung ihn für sein schweres Amt vorbereiten können."

Es begann nun den Franzosen oder besser gesagt der Regierung in Paris zu dämmern, daß ein weiterer Widerstand hoffnungslos war, da ihre Vorräte nur noch etwa für eine Woche reichten. In Deutschland war jedermann kriegsmüde und wollte den Frieden. Die Kronprinzessin gab die Empfindungen der Mehrheit wieder, als sie am 28. Januar schrieb:

"Tausend Dank für Deinen lieben Brief, der mit dem Kurier kam. Ich habe mich sehr über Deine guten Wünsche zum 25. und zum gestrigen Geburtstag unseres lieben Willy gefreut. Er war über Deine Geschenke entzückt. Ich hatte für ihn und die anderen eine kleine Überraschung, indem ich ihnen erlaubte, ins Schauspielhaus zu gehen und ein Panorama zu sehen, das sie außerordentlich fesselte. Wir zittern und hoffen auf den Frieden. Dieser Wunsch oder besser dieses leidenschaftliche Gebet der beiden Völker muß erhört werden - es würde eine zu entsetzliche Enttäuschung bedeuten, wenn der Friede nicht käme. Wir sind alle durch die Heftigkeit unserer Empfindungen erschöpft - auf der einen Seite stehen Patriotismus und Stolz, mit denen wir auf unsere Truppen blicken, und auf der anderen das Mitleid für die armen Franzosen, der Kummer über den Tod so vieler unserer braven Soldaten und die Angst, die uns weder bei Tag noch bei Nacht verläßt um alle, die im Felde stehen.

Ich telegraphierte Dir gestern unseren Titel. Wir werden 'Kaiserliche und Königliche Hoheit, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen' genannt. Der König heißt 'Deutscher Kaiser, König von Preußen', aber gewöhnlich 'Kaiser und König'; die Kaiserin natürlich 'die Kaiserin-Königin'. Sie ist über alle Maßen von Deinen freundlichen Worten an sie und über sie an mich entzückt. Ich werde immer als 'Kaiserliche Hoheit' angesprochen (mir war der andere Titel lieber). Aber da es mich an die große politische Tatsache erinnert, daß Deutschland unter einem Oberhaupt geeint ist, bin ich stolz, ihn zu tragen. Ich schicke Dir heute die Auszüge aus Fritzens Briefen; zeige sie bitte niemandem außer Lenchen und Christian. Ich habe nicht einmal Fritz gesagt, daß ich sie abgeschrieben und an Dich gesandt habe. Den lieben Brief von Tante Clementine habe ich, wie Du wünschtest, an Alice geschickt, ohne jemand etwas davon wissen zu lassen. Du kannst ihr sicher antworten, daß, wenn die französische Regierung im letzten Juli auf die englische Regierung gehört hätte, sie niemals ihre schöne Hauptstadt den unvermeidlichen Schrecken des Krieges, einer Belagerung und Beschießung ausgesetzt gesehen hätte. Sie waren gewarnt, wollten aber nicht hören.

Du wärest sicher zufrieden mit Wilhelm, wenn Du ihn sehen würdest - er hat Berties freundliches, liebenswürdiges Wesen und kann sehr anziehend sein. Er besitzt nicht gerade glänzende Fähigkeiten, noch sonst irgendwelche Stärke des Charakters oder des Talentes, aber er ist ein lieber Junge und wird, wie ich glaube und vertraue, wenn er erwachsen ist, seinen Posten gut ausfüllen. Er hat einen ausgezeichneten Lehrer, den besten, den ich jemals gesehen oder gekannt habe, und alle Sorge, die auf Geist und Körper verwendet werden kann, wird auf ihn gehäuft. Ich wache über ihn und über jede kleinste Einzelheit seiner Erziehung, da sein Papa niemals die Zeit hatte, sich selbst mit den Kindern zu beschäftigen. Die nächsten wenigen Jahre werden besonders kritisch und wichtig für ihn sein, da sie den Übergang von der Kindheit zum Mannestum bedeuten. Ich bin glücklich, zu sagen, daß zwischen ihm und mir ein Band der Liebe und des Vertrauens besteht, das, wie ich fühle, nichts zerstören kann. Er besitzt eine sehr starke Gesundheit und wäre ein sehr hübscher Junge, hätte er nicht diesen unglückseligen lahmen Arm, der sich mehr und mehr bemerkbar macht, seinen Gesichtsausdruck in Mitleidenschaft zieht (besonders eine Seite), seine Haltung, seinen Gang und seine Figur verändert, alle seine Bewegungen linkisch macht und ihm ein Gefühl der Schüchternheit gibt, da er sich seiner vollkommenen Abhängigkeit bewußt ist, weil er nichts ohne Hilfe tun kann. Dies bedeutet eine große Schwierigkeit für seine Erziehung und ist nicht ohne Einfluß auf seinen Charakter. Für mich ist es eine unerschöpfliche Quelle der Sorge! Ich glaube, daß er sehr gut aussehen wird, wenn er erwachsen ist; schon jetzt hat ihn jeder gerne, da er lebhaft und von gesundem Menschenverstand ist. Er ist eine Mischung aus all unseren Brüdern - von seinem Vater hat er wenig, wie überhaupt von der preußischen Familie."

Der heiße Wunsch der Kronprinzessin nach Frieden wurde jetzt erfüllt. Die anhaltende Beschießung von Paris im Verein mit der Hungersnot und dem Fehlschlagen aller Entsatzbemühungen veranlaßten die Pariser zu Verhandlungen. Am 28. Januar kapitulierte Paris; ein Waffenstillstand wurde zwischen Bismarck und Jules Favre, dem französischen Minister des Auswärtigen, geschlossen. Die Kronprinzessin war erleichtert, jubelte aber keineswegs. Am 4. Februar schrieb sie an die Königin Victoria:

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, der mit Kurier kam. Ich war sicher, daß Du für den Waffenstillstand ebenso dankbar sein würdest wie wir. Fritz singt das Lob M. Jules Favres. Ich bemitleide den unglücklichen Mann, der Nachrichten zu überbringen hatte, welche die Pariser und die Kriegspartei in der Provinz auf das äußerste erzürnen müssen. Aber ich vertraue darauf, daß diese Partei an Boden verliert. Sie scheinen die Menge der Lebensmittel in Paris vollständig falsch eingeschätzt zu haben und waren infolgedessen genötigt, zu kapitulieren. Welch eine große Erleichterung ist das Bewußtsein, daß die Leiden dieser armen Menschen endlich ein Ende finden!

Wir wissen nichts über die Rückkehr des Kaisers, aber er kann seine Armee nicht verlassen, bevor über den Frieden oder (was zu schrecklich wäre und ganz unwahrscheinlich ist) eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten entschieden ist. Stelle Dir vor, daß die preußische Armee in diesen 6 Monaten 1100 Offiziere verloren hat! Ist das nicht wirklich zu schrecklich! Die Hälfte unserer Bekannten und Freunde ist gefallen. Ich werde ganz krank, wenn ich die Zeitungen lese und all die Berichte von den Zerstörungen und dem Ruin Frankreichs höre. Es ist die Vergeltung für die Art und Weise, in der die Franzosen Deutschland in den Jahren 1806 bis 1809 behandelt haben, unter deren Folgen wir noch leiden. Die Stadt Königsberg hatte noch im vorigen Jahre an der Kontribution, die ihr von Napoleon auferlegt war, zu zahlen.

Vielleicht werden der Kaiser und Fritz zur Eröffnung des Reichstages, die auf den 9. März festgesetzt ist, zurückkommen.

Ich besuche die Lazarette, sooft ich eine Stunde Zeit habe; ich habe viel Trauriges und Herzzerreißendes dort gesehen. Die Kälte verursacht so fürchterliche Beulen. Gestern hörte ich von fünf unglücklichen armen Leuten, denen in der Eisenbahn die Füße erfroren sind, die nun amputiert werden müssen. Alle diese Schrecken machen mich so elend, der Gedanke daran, was so viele arme unglückliche Menschen zu erdulden haben, bedrückt mich Tag und Nacht." Die vorgeschlagenen Friedensbedingungen waren hart. Der größere Teil von Elsaß und Lothringen, eine hohe Kriegsentschädigung und andere schwere Belastungen wurden verlangt. Vergeblich suchte der Kronprinz und sogar Bismarck zu erreichen, daß die Forderung, Metz zu übergeben, fallen gelassen wurde; Moltke und die Generale waren fest entschlossen, sie durchzusetzen. Der Geist Frankreichs sollte gebrochen werden; man glaubte dies nur durch rücksichtslose Erniedrigung erreichen zu können. Die öffentliche Meinung in England stellte sich nun vollkommen auf die Seite Frankreichs; die Kronprinzessin lehnte in ihrem Briefe vom 7. Februar 1871 die Friedensbedingungen, nachdem sie bekanntgeworden waren, als widersinnig ab

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 4. Ich kann mir nicht denken, warum mein Schreiben an Dich so lange unterwegs war! Inzwischen wirst Du erfahren haben, daß der Bericht über ungeheuerliche Friedensbedingungen dementiert worden ist; er schien von einem deutschen Zeitungskorrespondenten erfunden worden zu sein. Ich habe keinen Augenblick daran geglaubt. Zu einem solchen Zeitpunkt genügt ein Bericht dieser Art, um jedermann zum Schreien zu bringen. Niemand zweifelt an der Möglichkeit eines baldigen Friedensschlusses in Versailles, trotz Gambettas Bemühungen, das Gegenteil zu erreichen. Beide Parteien wünschen ihn zu dringend, um nicht endlich Erfolg zu haben, obgleich ich sicher bin, daß uns alle möglichen Schwierigkeiten, Gerüchte usw. noch genügend bekümmern und aufregen werden, bevor das Ende erreicht sein wird."

Die britische Regierung hatte möglicherweise dieselben Ansichten, denn die bei der feierlichen Eröffnung des Parlamentes zwei Tage später gehaltene Thronrede schien der Sympathie für Frankreich Ausdruck zu geben, ein Vorgang, der das größte Mißfallen der deutschen Kaiserin erregte. Am folgenden Tage, dem 10. Februar, schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Ich sah die Königin-Kaiserin, die über Deine Rede im Parlament sehr zornig war, meinte, daß sie den Franzosen unnötig viel Schmeichelhaftes sagte, unverhüllt ihre Sympathie mit der Sache Frankreichs ausdrückte, daß sie kein Wort über den Ursprung des Krieges enthielte und nicht einmal erwähnte, was jedermann zugegeben habe, daß Deutschland der Angegriffene und nicht der Angreifer gewesen sei, daß die Sätze über Deutschland mehr als kalt und ganz entschieden das Gegenteil von höflich gewesen wären. Die Kaiserin fügte hinzu, daß die Rede überall denselben Eindruck gemacht habe, eine sehr schlechte Stimmung erzeugen würde usw. Kurz, sie war sehr ärgerlich. Als ich ihr nicht ganz beistimmen konnte, wurden wir nicht einig. Leider ist es wahr, daß die Erregung gegen England gerade jetzt sehr groß ist. Vor 14 Tagen war es noch nicht so. Aber jetzt ist das Volk wütend über die deutschfeindliche Stimmung in England, die jeden Tag mehr zutage tritt. Man hält sie für ungerecht und unfair. Wie ich unter all dem leide, kann ich nicht sagen, da ich natürlich nicht ertragen kann, daß ein Wort gegen England gesagt wird - wenn scharfe Worte fallen, gebe ich sie und, wie ich fürchte, nicht immer sehr liebenswürdig sogleich zurück. Die öffentliche Meinung gleicht dem Meere - sie ist leicht in schäumende Wut gebracht - dann beruhigen sich die Wellen wieder allmählich, wenn der Wind zu blasen aufhört - und so wird es auch mit diesen Stürmen der Entrüstung in unseren beiden Ländern sein, denn es ist Ungerechtigkeit in den Gefühlen beider vorhanden. Ich muß gestehen, daß die Rede mich nicht in dem Sinne getroffen hat, der ihr hier beigelegt wird und kann mir denken, daß sie in England gut aufgenommen wurde, was natürlich den einzigen Maßstab für sie bedeutet."

Als Antwort auf einen weiteren Brief der Kronprinzessin, der leider fehlt, schrieb am 11. Februar 1871 die Königin Victoria, deren Liebe für ihren ältesten Enkel schon lange bekannt war:

"Ich will für heute schließen, und möchte nur auf Deine Antwort, die Du mir auf meine Betrachtungen und Hoffnungen in Bezug auf Willy gegeben hast, eingehen. Die Heftigkeit, mit der Du von der "schrecklich niederen Gesellschaft" sprichst, erweckt den Anschein, als ob ich dieses befürwortet hätte. Diese niedere Gesellschaft, von der Du erzählst, daß sie sich aus Schauspielern, Schauspielerinnen, Musikern, Barbieren (wenigstens in einem Falle) usw. zusammensetzt, bildet das gerade Gegenteil von dem, was ich empfohlen habe, denn diese Art Leute sind am stolzesten und unfreundlichsten zu den unter ihnen stehenden und zu den Armen. Was ich meinte (und ich denke dabei gerade an Euch, die Ihr in Preußen immer in einem Palast lebt und große Ideen über die ungeheure Stellung von Königen und Prinzen usw. habt) ist folgendes: daß die Prinzen und Prinzessinnen vollkommen gütig und menschlich sein müssen, daß sie nicht denken sollen, sie wären von anderem Fleisch und Blut als die Armen, die Bauern, Arbeiter und Dienstboten; daß der Verkehr mit ihnen, den wir immer pflegen und gepflogen haben, wie es jeder vornehme Gentleman und jede vornehme Lady hier tut, von ganz außerordentlich gutem Einfluß auf den Charakter derjenigen ist, die später zum Herrschen berufen sind. Von ihren Nöten und Sorgen zu hören, ihnen zu helfen, nach ihnen zu sehen und freundlich zu ihnen zu sein (wie Du und Deine Schwestern zu unserer alten Tilla zu sein gewohnt wart), tut dem Charakter von Kindern und Erwachsenen außerordentlich gut. Auf diese Weise lernt man gegeneinander gütig, geduldig, nachsichtig sein, wie sonst nirgends wo. Im Verkehr nur mit Soldaten kann man dies niemals erreichen oder vielmehr man erreicht das Gegenteil, da Militärpersonen gezwungen sind, zu gehorchen und Unabhängigkeit des Charakters in ihren Reihen nicht zu finden ist.

Die Deutschen müssen von den Engländern und besonders von den Schotten sehr verschieden sein - wenn sie tatsächlich noch nicht so weit sind, daß man sie in dieser Weise behandeln kann. Ich fürchte, sie sind es in der Tat, wie auch Dein lieber Vater mir oft bestätigt hat; die Engländer, besonders die im Süden sind in dieser Beziehung auch anders als die im Norden, die sehr viel unabhängiger in charakterlicher Beziehung und von einer Entschlossenheit sind, die sich mit wirklich vornehmem Wesen paart, das nicht ertragen kann, hochmütig behandelt zu werden. Die Deutschen besitzen diese Eigenschaften in geringerem Maße.

Dein lieber Vater hatte hierfür klares Verständnis; meine Kinder haben diese Eigenschaft ebenso wie ich und alle Menschen von Überlegung von ihm übernommen. Das ist's, was ich meinte und für einen Prinzen oder eine Prinzessin unserer Tage als sehr wichtig behauptete. Die Art und Weise, in der die Sünden und unmoralischen Handlungen der höheren Klassen übersehen, entschuldigt und verziehen werden - während die den niederen Gesellschaftsstufen angehörigen Sünder für einen Bruchteil gleicher Vergehen hart bestraft werden, genügt, um demokratische Gefühle und Rachsucht zu wecken. Ich bin sicher, daß Du mit der größten Sorgfalt über Deinen lieben Jungen wachst, aber ich denke, daß Du vielleicht ein wenig zu große Sorgfalt auf ihn verwendest, ihn zu beständig beobachtest - was gerade zu den Gefahren führen kann, die man zu vermeiden wünscht.

Es ist außerordentlich schwer, ja, es ist ein hartes Schicksal, ein Prinz zu sein. Niemand hat den Mut, einem solchen die Wahrheit zu sagen oder ihn mit der Barschheit und Grobheit zu behandeln, die für Knaben und Jünglinge unbedingt notwendig sind.

Daß Deine lieben Jungen sich ganz nach Deinen Wünschen entwickeln, gute Menschen und Christen und von allen geliebt und bewundert werden, das ist mein heißestes Gebet."

Dieser und der folgende Brief beziehen sich auf andere Briefe, die leider verlorengegangen sind.

Auf diesen Brief antwortete die Kronprinzessin am 15. Februar:

"Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben langen und interessanten Brief, den ich vorgestern bekam; es tut mir leid, daß ich ihn nicht so ausführlich beantworten kann, wie ich gerne möchte. Es scheint mir nicht so, als ob ich Deinen ersten Brief mißverstanden hätte. Meine Ansichten sind auch die Deinen, obgleich ich mich vermutlich anders ausdrücke. Du wünschst dieselben Ergebnisse wie ich. Aber meine Kinder halten sich immerhin häufiger außerhalb des Schlosses auf als Du denkst. Wir befinden uns viel öfter in der Stadt, als Du und der liebe Papa es gewohnt waren. Unser Gut und die Villa in Bornstedt, wohin die Kinder jeden Tag mit mir gehen, geben ihnen genug Gelegenheit, andere Häuser zu besuchen, obgleich deren Bewohner nicht immer so nett und einfach sind, wie man wünschen möchte. Der deutsche Bauer ist kein sehr freundliches Wesen, bezeichnend für ihn sind vielmehr ein gewisser Trotz und seine Härte. Das Landleben gibt tausend Möglichkeiten für einen natürlichen Verkehr mit den Bewohnern der Weiler und Dörfer, den die Stadtbewohner natürlich entbehren müssen. Die Kinder interessieren sich für unsere kleine Schule; je unabhängiger wir werden, desto eher können wir dafür sorgen, daß unseren Kindern alles zuteil wird, was gesund, natürlich und gut für ihr Wesen und ihren Charakter ist. Ich möchte hoffen, Du ersiehst aus meinen Worten, daß ich wohl verstanden habe, was Du meintest."

Inzwischen verstärkte sich der geheime Gegensatz zwischen England und Deutschland, und die Stellung der Kronprinzessin wurde noch schwieriger. Dazu kam, daß nun, nachdem die britische öffentliche Meinung antideutsch geworden war, die mit Frankreich Sympathisierenden nicht zögerten, der Königin Victoria und ihrer Familie einen Neutralitätsbruch vorzuwerfen, der darin bestehen sollte, daß sie der deutschen Königsfamilie Glückwünsche geschickt hatten. Diese Vorwürfe wurden so ernsthaft gemacht, daß sie im Unterhaus vorgebracht wurden, aber Gladstone goß Öl auf die erregten Wogen, und die Angelegenheit wurde vorläufig fallen gelassen.

Die Kronprinzessin bewies das größte Verständnis für die schwierige Rolle, die ihre Mutter zu spielen hatte, und sah die Verstimmung zwischen England und Deutschland mit größtem Bedauern wachsen. Am 4. März schrieb sie:

"Tausend Dank für Deinen lieben und freundlichen Brief, der mit dem Kurier ankam. Ich bin sicher, daß es Dir, die so großmütig, gütig und gerecht ist, Sorge macht, an die in England gegen Deutschland wachsende Verstimmung zu denken. Aber es hat keinen Zweck, die Augen Tatsachen gegenüber zu verschließen, und dies ist eine, an der ich nicht zweifle. Sie macht Deine Stellung oft schwer, dessen bin ich sicher; aber ich kann verstehen, wie Deine Lage ist; Du darfst Dich niemals von Deinem Volke trennen lassen - dem ersten Volk der Welt, wie ich Dir sagen kann; diese Überzeugung wird jeden Tag stärker in mir. Wie sehr ich unter der Abneigung der beiden Nationen gelitten habe, kann ich Dir nicht sagen! Wie unfreundlich und ungerecht werde ich manchmal behandelt! Und wie viele Tränen habe ich vergossen! Aber man muß lernen, die Dinge philosophisch zu betrachten. Völker gleichen in vieler Beziehung den Einzelwesen. Man weiß, was ein Streit zwischen Freunden oder Verwandten bedeutet. Man kann die kleinen oder großen Gründe, die zu ihm geführt haben, verfolgen und vermag ihre Wirkungen an der Aufregung der Gemüter zu erkennen. Die Zeit heilt aber auch das. Da wir nun endlich Frieden haben, werden die Nachrichten von unseren Taten in Frankreich die Engländer nicht länger aus dem Häuschen bringen und ihr Mitleid für die sehr unglücklichen, aber an ihrem Unglück selbst schuldigen Franzosen immer wieder aufs neue erwecken.

Der Friede wird auch der Haltung der Neutralen, die gewiß sehr schwer war, ein Ende machen; und obgleich ich bedauerte, daß England neutral geblieben ist, glaube ich doch, daß die Regierung sich ganz vorzüglich benommen hat. Deutschland war zwar empört über die Haltung der englischen Regierung; da dieser Grund aber jetzt aus der Welt geschafft ist, bin ich sicher, daß es sich bald beruhigen wird. Wenn ärgerliche Worte, Vorwürfe und Sticheleien, die wie ein Federball hin und her geworfen werden, Unfrieden und bösen Willen stiften, so müssen freundliche Worte und Taten und die auf vernünftige Weise ausgedrückten Empfindungen verständiger Menschen die alte Freundschaft zwischen Deutschland und England wiederherstellen. Graf Bismarck bleibt nicht ewig im Amt, er wird so schnell vergessen sein wie der arme Kaiser Napoleon, an den sich kaum noch jemand erinnert..."

Vierzehn Tage später kehrte der siegreiche Kronprinz nach Berlin zurück - und wiederum war die kronprinzliche Familie vollzählig vereint. Der Glücksbecher der Kronprinzessin war voll: ihre Tätigkeit in den Lazaretten war endlich bis zu einem gewissen Grade anerkannt worden, ihr Gatte war ruhmbedeckt aus schwerem Kampfe heimgekehrt, ihre Familie schien zu blühen und zu gedeihen, und Deutschland hatte seinen Platz in der ersten Linie der Großmächte eingenommen. Zum drittenmal in sieben Jahren war ein Krieg glücklich beendet worden; jedesmal war Macht- und Gebietszuwachs der Lohn gewesen. Deutschland war im Festrausch, und die Kronprinzessin befand sich, ohne es selbst zu ahnen, auf der Höhe ihrer Laufbahn. Am 28. März 1871 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Vielen Dank für Deinen lieben Brief, den ich gestern erhalten habe. Aus Luises Telegramm ersehe ich, daß der Kaiser Napoleon Dich besucht hat [Napoleon war aus der Gefangenschaft entlassen worden und hatte zum drittenmal während seiner Laufbahn seinen Wohnsitz in England aufgeschlagen]. Der Besuch muß für Euch beide peinlich gewesen sein! Wir haben von verschiedenen gut unterrichteten Seiten gehört, daß er seit der furchtbaren Revolution in Paris große Hoffnungen darauf setzt, seinen Thron wieder einnehmen zu können. Ich wundere mich darüber, daß er nicht zu stolz ist, um einen solchen Gedanken zu fassen, nach alledem was man öffentlich in Frankreich über seine Regierungszeit geschrieben hat...

Wir sind durch die unaufhörlich einander folgenden Feste vollständig ermüdet; vermutlich wird beim Einzug der Truppen und der Enthüllung des Denkmals Friedrich Wilhelms alles von vorn anfangen. Wie der Kaiser und die Kaiserin durchhalten und auch noch Vergnügen an allem finden können, verstehe ich nicht - andere Sterbliche wären längst vollkommen erschöpft. Die Verhältnisse in Frankreich machen es noch nicht möglich, den Zeitpunkt für die Rückkehr der Truppen zu bestimmen; die meisten denken an Mitte Mai."

Auch nach dem Frieden von Frankfurt legte sich die deutschfeindliche Stimmung in England nicht; als es bekannt wurde, daß ein Denkmal König Friedrich Wilhelms III. am 16. Juni in Berlin mit allem Prunk bei Gelegenheit des Einzugs der siegreichen deutschen Armee, ohne daß der englische Botschafter sich dazu einfand (Lord Augustus Loftus war auf Urlaub in Baden), enthüllt werden sollte, telegraphierte die Kronprinzessin an Lord Granville, den Staatssekretär des Auswärtigen, ob dieser Akt der Geringschätzung nicht vermieden werden könne. Lord Granvilles Antwort vom 14. Juni lautete:

"Ich hatte heute die Ehre, Eurer Königlichen Hoheit Telegramm zu erhalten und freue mich, die Gelegenheit zu haben, Eurer Königlichen Hoheit einige Zeilen schreiben zu dürfen.

Unsere auswärtigen Bevollmächtigten haben bestimmte Vorschriften, um bei Siegesfeiern nach europäischen Kriegen, in denen unser Land neutral war, keine Fehler zu machen.

Ich fürchte, daß, wenn unser Botschafter in einem Augenblick, in dem, wie gegenwärtig, die Begeisterung des deutschen Volkes nach den glorreichen und außerordentlichen Erfolgen des letzten Jahres seine höchste Höhe erreicht hat, sich in Berlin befände und die Regeln, die bei früheren Gelegenheiten festgesetzt worden sind, beobachten würde, sein Benehmen bei denen, die mit unseren Vorschriften nicht vertraut sind, keine wohlwollende Beurteilung finden würde. Da Lord A. Loftus zwei Monate Urlaub genommen hat, ist es vollkommen natürlich, daß er sich nicht auf seinem Posten befindet. Die Botschaft wird illuminiert werden; außerdem habe ich die Erlaubnis der Königin erhalten, in einem Briefe Mr. Petre anzuweisen, den Kaiser auf das wärmste im Namen Ihrer Majestät zur Enthüllung des Denkmals Friedrich Wilhelms III. zu beglückwünschen..."

Am 16. Juni wurde das Standbild nach einem Vorbeimarsch der siegreich heimkehrenden Truppen und der Überreichung des Feldmarschallstabes an den Kronprinzen feierlich enthüllt; die Abwesenheit des englischen Botschafters wurde viel bemerkt. Königin Victoria war jetzt sehr bemüht, das gute Verhältnis zwischen der Kronprinzessin und ihrem Bruder, dem Prinzen von Wales, dessen Zuneigung zu Frankreich während des Krieges viel Ärgernis in Berlin erregt hatte, wiederherzustellen. Zu diesem Zweck lud die Königin den Kronprinzen mit seiner ganzen Familie im Juli nach London ein; eine vollkommene Aussöhnung erfolgte, da der Prinz von Wales ihnen gegenüber seine alte Herzlichkeit zeigte. Anfangs wohnte das kronprinzliche Paar (vom 3. bis zum 13. Juli) in der deutschen Botschaft, wo der Prinz von Wales sie oft besuchte. In vieler Beziehung stimmten die vier völlig miteinander überein, besonders in ihrem gemeinsamen "horror" vor Bismarck, dessen prinzipienlose "treibende Kraft", wie der Kronprinz klagte, "allmächtig" sei. Der Kronprinz kehrte am 13. nach Deutschland zurück, während die Prinzessin in England blieb, um den Sommer und den frühen Herbst mit der Königin in Osborne oder Balmoral zu verbringen. An beiden Orten hatte sie viele Gelegenheiten, die alten herzlichen Beziehungen zu ihrem Bruder zu erneuern, die der Krieg in gewisser Weise unterbrochen hatte.

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