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Kapitel VI: Die Kronprinzessin und ihre Familie

Wie dringlich auch immer die Staatsangelegenheiten, wie dramatisch und spannend die Ereignisse sein mögen, die eine Nation durchzumachen hat, das Hauptinteresse einer Frau und Mutter bilden die Familienangelegenheiten; die Kronprinzessin bildete keine Ausnahme von dieser Regel. Sie zeigte nicht nur ihrem Gatten und ihren Kindern die größte Liebe, sondern bewies ihren Brüdern, Schwestern und deren Kindern ein Gefühl von gleicher Tiefe. Ihre Briefe sind voll zärtlicher Bemerkungen über diesen oder jenen Verwandten, und nichts interessierte sie mehr als die Liebesangelegenheiten oder die Heiraten ihrer zahlreichen Nichten und Neffen. Sie begrüßte ihre Brüder, den Prinzen von Wales und den Herzog von Connaught, bei der Gelegenheit einer Doppelhochzeit in der deutschen Kaiserfamilie, im Februar 1878, mit ganz besonderer Freude in Berlin. Die erste Vermählung war die der zweiten Tochter des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, des Neffen des Kaisers, mit Friedrich August, dem Erbgroßherzog von Oldenburg. Noch mehr aber interessierte die Kronprinzessin und ihre Geschwister die Heirat der ältesten Tochter des Kronprinzenpaares, der Prinzessin Charlotte von Preußen, mit dem Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen. Die Doppelhochzeit wurde am 18. Februar 1878 mit einem ermüdenden Zeremoniell gefeiert, das mehr als sechs Stunden dauerte.

"Der Kaiser," schrieb der Prinz von Wales an die Königin Victoria am 20. Februar, "sieht ausgezeichnet aus; in einigen Tagen wird er 82 Jahre. Vicky und Fritz blühen auf. Man kann unmöglich zwei nettere Jungen als Wilhelm und Heinrich finden; sie sind beständig mit uns zusammen, denn Fritz und Vicky haben zuviel zu tun. Die liebe kleine Charlotte sah am Hochzeitstage reizend aus, wie eine frische kleine Rose."

Am selben Tage schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter:

"Ich fange zwar meinen Brief heute morgen an, kann ihn aber wahrscheinlich erst morgen früh beendigen! Ich habe eben Deinen lieben Brief, für den ich Dir vielmals danke, ebenso wie das prachtvolle Medaillon erhalten, das, besonders als Zeichen, daß Du heute in Gedanken bei uns bist, mir so sehr wertvoll ist. Ich fühle mich, wie Du Dir vorstellen kannst, sehr gedrückt und versuche nicht, an all das zu denken. Charlotte ist ganz sorglos und sehr glücklich; sie freut sich besonders, Bertie und Arthur zu sehen. Wie entzückend ist das Medaillon und der Engel darauf, wie reizend, ihre beiden Photos darin zu haben. Das freundliche und reizende Geschenk macht mir soviel Freude. Du fragtest gestern telegraphisch an, ob das junge Paar heute abend nach Potsdam fährt. Das ist unmöglich und würde zu ermüdend für sie sein, da die Hochzeit so spät abends stattfindet und die Feste morgen beginnen und bis Sonnabend dauern; so werden sie im Schloß bleiben, wo ein sehr hübsches Appartement für sie vorbereitet ist, das ich so behaglich wie möglich zu machen versucht habe. Gestern sind eine Menge Leute angekommen; auch der Heiratsvertrag ist unterzeichnet worden. Das andere Brautpaar sieht gar nicht gut aus. Elisabeth ist dünn und blaß und empfindet die Trennung von Zuhause sehr schmerzlich, obgleich ihr Heim höchst unwohnlich war. Der Gedanke, nach Oldenburg zu gehen, scheint sie sehr traurig zu stimmen. Ich glaube, daß es eine sehr häßliche und düstere Stadt ist. Auch sind weder der Großherzog noch die Großherzogin besonders anziehend."

Diesem Briefe fügte die Kronprinzessin am nächsten Morgen eine lange Nachschrift an, die folgendermaßen lautet:

"Ich bin aufgestanden, geliebte Mama, um meinen Brief an Dich zu beendigen. Als ich letzte Nacht um zwölf Uhr in mein Zimmer kam, fühlte ich mich so bedrückt und elend, daß ich doch nur Unsinn geschrieben hätte. Wie sehr Deine lieben Telegramme mich rührten, kann ich nicht sagen. Ich wußte, daß Du in Gedanken bei uns sein würdest... Um vier Uhr nachmittags begannen wir uns anzukleiden, und da ich Charlotte dabei half, während ich mich selbst anzog, war es ein langes und kompliziertes Unternehmen. Sie sah wirklich sehr niedlich aus in dem Silbermoirékleid, der Spitze, den Orangen- und Myrtenblüten und dem Schleier - gefährliche Neuerungen für hier! - sie wurden aber alle von Kaiser und Kaiserin sehr gut aufgenommen. Bei der Ziviltrauung, die in unserem Salon stattfand, waren eine Menge Leute anwesend, die nicht ins Schloß kommen wollten. Die Ansprache des Herrn von Schleinitz an das junge Paar war sehr gut, ergreifend und wirkungsvoll. Danach fand die Unterzeichnung statt und sie waren verheiratet. Charlotte sagte, daß sie sich nun, da es vorüber war, ganz leicht und glücklich fühlte und nichts gegen die übrigen Zeremonien im Schloß habe! Ich geleitete sie dann die Treppen hinunter und fuhr mit ihr im achtspännigen Wagen mit fackeltragenden Reitknechten fort! Im Schloß fanden alle Zeremonien nach dem Programm statt, das Du gesehen hast! Es war sehr, sehr lang, sehr heiß, sehr ermüdend und viel zu ernst, feierlich und schwerfällig für eine Hochzeit, aber so ist es immer hier. Nach dem Fackeltanz und nachdem ihr die Krone abgenommen worden war, brachte ich sie in ihr Zimmer, half ihr beim Auskleiden und bereitete sie vor, ins Bett zu gehen. Dann verließ ich sie, kummervollen Herzens, da sie jetzt nicht mehr mein ist, für die ich sorgen und wachen muß, sondern einem andern gehört: das ist für eine Mutter ein harter Schlag. Mit vielen Schmerzen bringen wir sie zur Welt, mit bitterem Schmerz überlassen wir sie anderen für das Leben und sehen sie unabhängig werden und ihren eigenen Weg gehen. Ertragen wir das eine gern für sie, so müssen wir auch das andere auf uns nehmen.

Als ich gestern abend zurückkam und in ihr kleines, leeres Zimmer mit dem leeren Bett sah, wo ich sie jede Nacht, ehe ich selbst zur Ruhe ging, geküßt habe, fühlte ich mich sehr elend. Indessen muß es so sein, und sie sieht sehr glücklich aus - und vergoß gestern keine Träne; Bernhard betet sie an... Sicher ist sie dankbar, daß die Hochzeitszeremonie vorbei ist! Es ist alles gut vorübergegangen, wofür man dankbar sein muß. Wie sehr haben wir Dich vermißt, wie oft dachte ich an den geliebten Papa und Großmama und Tante Feodor und alle die Lieben, die das Rennen gemacht haben und nun in Frieden ruhen, und alle die, welche ich bis zum Ende unserer Tage vermissen werde. Was für ein Glück, daß Bertie und Arthur hier waren, und wie froh bin ich, daß Leopold von Belgien und Marie, Onkel Ernst und Philipp Koburg da waren.

Ich habe mehr an Dich gedacht als sonst jemals in meinem Leben, mehr als an irgend jemand anderen. Mütter verlören ihre Töchter nicht, wenn alle ihre Mütter so liebten, wie ich Dich."

Drei Tage später, am 22. Februar, schrieb die Kronprinzessin an Königin Victoria:

"Ich bin wirklich halbtot vor Ermüdung und fühle mich sehr elend; außerdem bin ich über alle Maßen betrübt, daß ich Dir nicht, wie ich es hätte tun sollen, jeden Tag geschrieben habe. Aber es war vollkommen unmöglich!

Die ersten wenigen Tage waren schrecklich, als ich Charlotte mit Bernhard hereinkommen und sie nicht länger neben mir stehen, sondern ihren Platz an der Seite aller verheirateten Prinzessinnen einnehmen und mit ihm weggehen sah - kaum daß es ihr möglich gewesen wäre, mir gute Nacht zu sagen! Dann muß ich von den Gesellschaften ohne sie nach Hause gehen und weiß nicht, wie es ihr geht... Es ist schrecklich schwer, sich daran zu gewöhnen, aber jetzt, da ich sie so glücklich und zufrieden und heiter sehe und sicher bin, daß sie strahlend aussieht und zufrieden ist, beginnt dieses Gefühl von mir zu weichen. Ich finde, es ist unmenschlich, alle diese Feste für die armen jungen Leute - und die erschöpften und aufgeregten Mamas zu geben. Indessen ist Gott sei Dank der heutige Abend der letzte. Charlotte sah in allen ihren neuen Kleidern sehr gut aus, und Bernhard scheint sehr glücklich. Der Herzog von Meiningen ist ganz weich und sehr liebenswürdig geworden; er scheint entzückt von Charlotte, die von seiner Güte ganz gerührt ist, während Bernhards gutes Herz seinem Vater gegenüber geschmolzen ist, worüber ich mich sehr freue! Obgleich Charlotte sehr gut und blühend aussah, ist sie wegen der Hitze in den Räumen, an die sie nicht gewöhnt ist, dreimal ohnmächtig geworden. Morgen begibt sich unser liebes junges Paar nach Potsdam in sein entzückendes kleines Haus - in dem sie, wie ich sicher hoffe, sehr glücklich sein werden. Es scheint mir zu merkwürdig, wenn die Menschen von meiner 'Frau Tochter' sprechen. Wenn ich denke, daß ich jetzt so ehrwürdig werde!

Kaiser und Kaiserin sehen ganz besonders gut aus und sind sehr freundlich und mitfühlend! Alle Gäste sind in bester Stimmung; niemals sah ich eine Versammlung von verwandten Prinzen und Prinzessinnen in so gutem und harmonischem Einvernehmen. Auch das Publikum ist guter Laune und sehr höflich zu Bertie, Leopold und Marie. Bertie und Arthur haben den größten 'Erfolg' und werden allgemein reizend und liebenswürdig gefunden. Allgemein bedauert man, daß Du nicht hier bist. Ich habe Graf Seckendorff über die Hochzeit schreiben lassen und bat ihn; auch mitzuteilen, daß Berties Besuch beim Fürsten Bismarck, der nicht ausgehen und den Festen beiwohnen konnte, hier mit großer Freude aufgenommen worden ist."

Die freundliche, durch diese zwei Heiraten geschaffene Atmosphäre führte zu einer weiteren Eheschließung: die Schwester der einen Braut, Prinzeß Luise Margarete, die dritte Tochter des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, verlobte sich mit dem Herzog von Connaught; aber bevor die Hochzeit stattfinden konnte, wurde der ganze Hof durch eine Folge von tragischen Ereignissen in Darmstadt in Trauer gestürzt, da in der Familie der Prinzeß Alice, der Lieblingsschwester der Kronprinzessin, Diphtheritis ausbrach. Am 16. November 1878 starb das jüngste Kind an dieser Krankheit, die während der vorhergehenden zwei Wochen fast alle Mitglieder der großherzoglichen Familie niedergestreckt hatte. Die Mutter, Prinzessin Alice, hatte die furchtbare Aufgabe, ihrem einzigen überlebenden Sohn die entsetzliche Nachricht zu übermitteln: seine Trauer war so groß, daß die Mutter trotz aller Ermahnungen der Ärzte, ihre Kinder nicht zu umarmen, ihn in ihre Arme schloß und so den Todeskuß empfing. Trotz allen ärztlichen Anstrengungen starb die Prinzessin Alice am 14. Dezember 1878, am selben Tage, an dem siebzehn Jahre früher der Prinzgemahl entschlafen war. Zwischen der Prinzeß Alice und der Kronprinzessin hatte immer die größte Zuneigung bestanden, die in den letzten Jahren, infolge der Tatsache, daß beide durch ihre Heirat mit deutschen Fürsten in Deutschland lebten, immer inniger geworden war. Es war für die Kronprinzessin ein vernichtender Schicksalsschlag, sie schrieb am 15. Dezember 1878 an die Königin Victoria:

"Ich bin so todtraurig, wie ich es Dir kaum beschreiben kann - meine Gedanken fliegen zwischen Dir und dem armen unglücklichen Ludwig in seiner Einsamkeit und Verlassenheit hin und her, um dann wieder zu den armen lieben Kindern zu wandern, deren Schicksal so außerordentlich tief durch die vollkommene Zerstörung erschüttert worden ist, die über ihr glückliches Heim hereinbrach!

Liebe süße Alice - ist sie wirklich dahingegangen? Sie war so gut und lieb - und wurde von allen bewundert. Ich kann es mir nicht vorstellen, es ist zu schrecklich, zu grausam, zu furchtbar ich kann mich nur an den Glauben klammern, daß Ergebung und Dankbarkeit die niemals versagenden Grundsätze sind, die uns alles ertragen helfen, was das Leben bringt, den Segen und die Prüfungen, den Kummer und das Glück, den Sonnenschein und die Finsternis, die unzertrennlich sind... Oh, daß Gott unseren Seelen Schwingen verliehe, um uns in die himmlischen Regionen der Ruhe und des Friedens zu erheben, wo die Gnade der Himmelsgüte scheint und die schrecklichen Einzelheiten des Verderbens und der Zerstörung vor unseren schwachen Augen verschwinden. Unser Liebling ist tot! Ihrer ist der Friede und alles Leiden ist für sie vorbei: aber ich weiß und fühle, liebe Mama, was Du durchmachst, und leide im Grunde meines Herzens mit Dir - es kommt mir so vor, als ob das Leid mich in zwei Tagen ganz alt gemacht hätte. Unser Liebling! Ich kann es kaum über mich bringen, ihren lieben Namen zu schreiben: sie war als Schwester für mich etwas Besonderes, die nächste im Alter, die einzige, die mit mir im gleichen Lande lebte! Wir hatten so viele gemeinsame Interessen, und alle unsere Kinder standen beinahe im selben Alter! Ich fühlte immer eine besondere Zärtlichkeit für sie, die sie vielleicht selbst nicht kannte oder empfand; sie wurde niemals durch kleine Mißhelligkeiten oder Mißverständnisse (deren es Gott sei Dank nur wenige gab) verringert. Wir sind zusammen durch so vieles gegangen, hatten dieselben Prüfungen durchzumachen, bis diese letzte kam, die sie zu Boden gestreckt hat! Ich habe immer gedacht, daß sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, trotzdem ihr Gatte sie liebte und verehrte und ihr Heim reizend war. Die letzten Jahre sind besonders schwer für alle gewesen, die zu Deutschland gehören; wir fühlten das beide, wenn auch in verschiedener Weise. Wie ängstlich besorgt ich um ihre Gesundheit war, kann ich nicht sagen. Es hat mich oft geschmerzt, sie so schwächlich und blaß, ihre Nerven so angegriffen zu sehen, obgleich auch dies ihr noch einen Reiz mehr verlieh und sie mit einem rührenden Hauch von Traurigkeit zu umgeben schien, der mich immer ganz besonders zu ihr hinzog und mich den heißen Wunsch empfinden ließ, ihr, meinem armen Liebling, zu helfen und für sie zu sorgen! ... Ihr letzter Brief an mich war kurz und mit Bleistift geschrieben; ich habe ihn leider nicht aufgehoben. Er enthielt einen Angstschrei um ihre süße kleine Blume, die nun so rauh gebrochen worden ist. Es war das Letzte, was ich von ihr hörte...

Und nun die unglücklichen Kinder! Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle für sie zu beschreiben. Ein Leben ohne die Liebe einer Mutter ist kein Leben: wie kann ein Mann, selbst wenn er so gütig ist wie der liebe Ludwig, wissen, was zur Erziehung von Mädchen erforderlich ist? Aber gewiß wirst Du, liebe Mama, immer Anteil an ihnen nehmen und sie mit Rat und Tat unterstützen alles, was, in meinen Kräften steht, werde ich gewißlich für sie tun! ..."

Drei Monate später, am 13. März 1879, vermählte sich der Herzog von Connaught, der zweite Bruder der Kronprinzessin, mit der Prinzessin Luise Margarete; kaum war dies glückliche Ereignis vorüber, als in der eigenen Familie der Kronprinzessin eine neue Tragödie vor sich ging. Der kleine Prinz Waldemar, ihr vierter Sohn, gab infolge seiner schwachen Gesundheit Anlaß zur Sorge; die Kronprinzessin übertrug den größten Teil ihrer mütterlichen Liebe und Sorge auf diesen Prinzen. Trotz der besten Pflege erkrankte der kleine zehn Jahre alte Knabe und starb in den letzten Tagen des März. Am Morgen des 27. März erhielt die Königin Victoria, die sich auf dem Weg von Paris zum Lago Maggiore befand, ein Telegramm von ihrer Tochter, das folgendermaßen lautete: "Eben habe ich den letzten Blick auf mein geliebtes Kind geworfen. Er ist nun halb drei Uhr morgens an Herzlähmung gestorben. Deine tieftraurige Tochter Victoria."

Der Schicksalsschlag war hart gewesen; .aber gute Nachrichten folgen schlechten, denn zwei Monate später kam die Botschaft, daß die älteste Tochter der Kronprinzessin, Charlotte, glücklich von einem Mädchen entbunden worden sei. Die Kronprinzessin wurde also im Alter von neununddreißig Jahren Großmutter, ein Ereignis, das der Geschichte der Königin Victoria ähnelte, die im Alter von achtunddreißig Jahren den ersten Enkel bekommen hatte.

Allen ihren überlebenden Kindern bewies die Kronprinzessin in vollstem Maße die mütterliche Zärtlichkeit, die eine ihrer Haupteigenschaften bildet; indessen sind in Hinsicht auf ihre Haltung zu ihrem ältesten Sohn, dem Prinzen Wilhelm, viele häßliche, unbegründete und sogar bösartige Angriffe gegen sie gerichtet worden. Ein neuer Biograph spricht zum Beispiel "von der Kaltherzigkeit einer despotischen Mutter, welche die körperlichen Mängel ihres ältesten Kindes nicht vergessen konnte und im Grunde ihres Herzens einen geheimen Groll gegen ihren mißgestalteten Sohn trug". Solche Worte haben nicht die geringste Begründung und sind eine Annahme, die sich nur aus den Unstimmigkeiten der späteren Jahre erklären läßt. Es ist vielleicht gut, sich an einen früheren Brief der Kronprinzessin vom 28. Januar 1871 zu erinnern, in dem sie erklärt: "Ich bin glücklich, zu sagen, daß zwischen ihm und mir ein Band der Liebe und des Vertrauens besteht, das, wie ich fühle, nichts zerstören kann." In den folgenden Jahren war niemand mehr bereit, für ihren Sohn zu kämpfen, als die Mutter; ein damit zusammenhängender Vorfall möge hier erwähnt werden. Am 27. Januar 1877 feierte Prinz Wilhelm seinen achtzehnten Geburtstag. Die Königin Victoria bot dem jungen Prinzen die höchste Klasse des Bath-Ordens an, aber Prinz Wilhelm glaubte, daß er einer höheren Auszeichnung würdig sei. Darauf schrieb seine Mutter sofort an die Königin Victoria und bedeutete ihr, daß die Kaiser von Rußland und Österreich sowohl wie der König von Italien dem Prinzen bereits ihre höchsten Orden verliehen hätten, und daß der Deutsche Kaiser in früheren Jahren nicht nur dem Prinzen von Wales, sondern auch seinen Brüdern Alfred und Arthur die höchste Auszeichnung, die er vergeben konnte, den Hohen Orden vom Schwarzen Adler, verliehen hatte. Der Hosenband-Orden, so führte sie aus, wäre der einzige, der genügen würde. "Willy", fügte sie hinzu, "würde mit dem Bath-Orden zufrieden sein, aber nicht das Volk." Königin Victoria gab den Bitten der Kronprinzessin für ihren Sohn nach, so daß der künftige Kaiser Wilhelm II. an seinem achtzehnten Geburtstag den Hosenband-Orden erhielt.

Die Kronprinzessin war besonders bemüht, ihrem ältesten Sohne die Erziehung angedeihen zu lassen und ihn den Einflüssen zu unterwerfen, die ihn befähigen sollten, sein Land als liberaler und großzügiger Monarch auf den Pfaden des Friedens und des Fortschrittes zu leiten. Als der junge Prinz noch auf der Schule war, hatte sie sich bemüht, die steife traditionelle Erziehungsart des preußischen Hofes zu durchbrechen; nach vielem Hin- und Herreden setzte sie es durch, daß ihre beiden ältesten Söhne auf das Gymnasium nach Kassel geschickt wurden, wo man sie wie die Söhne bürgerlicher Eltern behandelte. Die berauschenden Ereignisse dreier glänzender Kriege schufen indessen eine Atmosphäre, die auch eine so liberale Erziehung nicht überwinden konnte; schon früh entwickelten sich im Prinzen Wilhelm Anzeichen eines Dranges nach Unabhängigkeit, der den Anfang der Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Sohn bildet. Während seiner Jünglingsjahre mußte der Prinz sich natürlich der Meinung seiner Eltern unterwerfen. Als er aber, im Jahre 1880, mit einundzwanzig Jahren aus seiner Garnison Potsdam, wo er als Leutnant im 1. Garde-Regiment zu Fuß gestanden hatte, nach Hause kam, zeigte es sich, daß seine militärische Umgebung einen Einfluß gewonnen hatte, der seine Eltern außerordentlich bekümmerte. In seinem Charakter vermischte sich Gutes mit Bösem; von seiner Mutter hatte er eine Schnelligkeit und Geschicklichkeit des Denkens geerbt, wie sie während des letzten Jahrhunderts bei den Hohenzollern selten gewesen war; mit ihr aber verbunden war eine Empfindlichkeit, die ihn für Schmeichelei besonders empfänglich, aber auch sehr ablehnend gegen alles machte, was seinem Bewußtsein der eigenen Wichtigkeit widersprach. Die Folge war, daß Mutter und Sohn sich nun häufig einander fremd fühlten. Darin liegt nichts Ungewöhnliches: es kommt im Gegenteil jeden Tag da vor, wo Mutter und Sohn, obgleich ähnliche Persönlichkeiten, doch entgegengesetzte Lebensanschauungen haben. Bis zu der Zeit, als Prinz Wilhelm sein Vaterhaus verließ, zeigen alle Briefe der Kronprinzessin, daß sie ihn liebte und an nichts als an sein Glück und seine Erfolge in der Zukunft dachte. Vielleicht war es ihr Fehler, daß sie strebte, ihn seinem Vater so ähnlich als möglich zu machen, während der künftige Kaiser, von Kräften, die in anderen Richtungen lagen, begeistert, nicht zu bestimmen oder zu überreden war, sich den ihm vorgetragenen Ansichten anzupassen. In seinem Ausblick auf das Leben sah er zwei Hindernisse, die sich zwischen ihn und die höchste Macht stellten. Das erste war sein achtzigjähriger Großvater, Kaiser Wilhelm I., der indessen, wie zu erwarten war, nicht mehr lange leben konnte. Das zweite war sein Vater, der damals fünfzigjährige Kronprinz, den er als machtlosen Erben ansah, da er nur in beschränkter Weise über seine Zeit und seine Mittel verfügen konnte und beständig vom Kaiser und dem mächtigen Bismarck in den Hintergrund gedrängt wurde. Für den jungen Prinzen waren die liberalen Ansichten seines Vaters ein Greuel, während er die offensichtlichen Sympathien seiner Mutter für England als unpatriotisch verurteilte. Beide Eltern sahen zwar voll Kummer auf diese neuen Anschauungen, betrachteten sie aber mit einer elterlichen Liebe, die sie die schlimmsten Manifestationen des Prinzen nachsichtig übersehen ließ. Aus allen Briefen der Kronprinzessin, die sie während dieser Periode an die Königin Victoria schrieb, geht hervor, daß sie mit Stolz, Liebe und Nachsicht von ihm spricht.

Zu Beginn des Jahres 1880 verlobte sich Prinz Wilhelm heimlich mit der Prinzessin Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, der Tochter jenes Herzogs Friedrich, der sechzehn Jahre früher Ansprüche auf den Thron des Herzogtums Holstein erhoben hatte, einer Nichte des Prinzen Christian, welcher der Kronprinzessin Schwester, Helene, geheiratet hatte.

Vier Tage nach der heimlichen Verlobung schrieb die Kronprinzessin, die fürchtete, daß die Verbindung vom Berliner Hof nicht gebilligt werden würde, da die Braut nicht zum engeren Kreise gehörte, am 18. Februar an Königin Victoria:

"Willy hat sehr rührende Briefe (in seinem eigenen merkwürdigen Stil) über sein großes Glück geschrieben. Er verlobte sich selbst am 14, mit der lieben Victoria, mußte aber am nächsten Tage, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, wieder abreisen, da alles noch geheim gehalten werden soll. Wir erhielten die Briefe gestern; die Nachricht erregte uns sehr, wie Du Dir denken kannst, wir sind aber auch sehr dankbar und erleichtert. Vielleicht wirst Du unsere liebe zukünftige Schwiegertochter eher als wir selbst sehen, da sie vielleicht nach England geht und wir sie kaum vor Juni treffen werden.

Fritz bittet mich, Dir zu sagen, daß er sie Deiner Güte empfiehlt; da sie Deiner lieben Schwester Enkelin und Deines Enkels Braut ist, glauben wir sicher, daß Du ihr einen Platz in Deinem Herzen gewähren wirst.

Was für ein furchtbares Ereignis ist in Petersburg vorgefallen! [Am 17. Februar war ein Attentat auf den Zaren versucht worden. Um sieben Uhr abends explodierte eine Bombe unter dem Speisesaal, als die kaiserliche Familie die Treppe hinabstieg, um sich zum Diner zu begeben.] Es macht uns das Blut in den Adern gefrieren, wenn wir denken, was hätte geschehen können, und wir uns die Gefahr vorstellen, die immer noch den unglücklichen Kaiser umgeben mag. Wie können Menschen so grausam sein! - Aber ich fürchte, daß die Taten, welche die Behörden, die Polizei usw. gegen russische Untertanen verübt haben, nicht weniger grausam sind; Sibirien mit all seinen Schrecken, die furchtbare Behandlung der Polen sind entsetzliche Dinge, die nach Rache schreien. Aber den letzten Akt des 'Propheten' in Wirklichkeit in seinem eigenen Speisesaal erleben zu müssen, ist zu schrecklich. Die Zeiten Guy Fawkes' und der 'Pulververschwörung' hatte man für überwundene Dinge gehalten. Glücklicherweise haben diese schauderhaften Versuche selten Erfolg, immerhin aber eine Möglichkeit des Gelingens. Neunmal mögen sie mißglücken, um das zehnte Mal zu gelingen. Die arme zarte Kaiserin muß einen großen Nervenschock erlitten haben! Und was muß es für ein Schreck für die arme Maria und die anderen alle gewesen sein. Dieser Kaiser ist ein so freundlicher und gütiger Mann, daß man doppelt stark mit ihm fühlt. Das Ereignis muß überall einen schrecklichen Eindruck hervorrufen."

Auf Königin Victorias freundliche Antwort erwiderte die Kronprinzessin am 21. Februar:

"Was ist nicht alles geschehen! Fritz macht mich mit seinen düsteren Prophezeiungen lachen, aber er ist überzeugt, daß eines Tages der russische Versuch in Berlin wiederholt werden wird und diese schrecklichen Dinge nur zur Nachahmung anreizen. Natürlich ist die Wissenschaft der Zerstörung durch Dynamit, Nitro-Glyzerin, Torpedos, Thomas-Uhren usw. auf einen hohen Grad der Vollendung gebracht worden. Diese schrecklichen Todesmaschinen hält man für außerordentlich dienlich im Kriege. Wenn sie aber bösen Menschen oder auch aufgeregten Verrückten in die Hände fallen, kann der schlimmste Schaden angerichtet werden; immerhin neige ich der Ansicht zu, daß trotz alledem das menschliche Leben heiliger geworden ist, als es war. Frühere Kaiser von Rußland, die irgend jemand im Wege standen, wurden erdrosselt, vergiftet oder auf sonst irgendeine Weise umgebracht. 'Le despotisme tempéré par l'assassinat,' wie Voltaire die russische Regierungsform nannte, da sich jetzt unter den Offizieren der kaiserlichen Garde und dem Adel keine Mörder mehr finden, sind die Verbrecher jetzt unter einer Horde von tollkühnen, gesetzlosen Menschen zu suchen, die für den Augenblick außerordentlich gefährlich sind. Es ist natürlich sehr schwer zu sagen, wie weit sich diese Verschwörung ausdehnt. Welche Verbindungen die Nihilisten mit den internationalen Kommunisten der anderen Länder haben, ist nicht bekannt. Aber da in Rußland Ehrlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit selten sind, wird es sehr schwer sein, die wirklichen Verbrecher zu finden, so daß wahrscheinlich viele Unschuldige verdächtigt und sogar bestraft werden. Es ist ein furchtbarer Gedanke. Wie sehr muß sich die arme Marie und auch Affie erschreckt haben. Es ist ein zu fürchterlicher Vorfall... Wegen Willy will ich nur hinzufügen, daß nach meiner Ansicht seine Verlobung in Berlin nicht sehr gut aufgenommen werden dürfte, da die armen Holsteins 'mal vu' sind und außerdem eine weitverbreitete, aber falsche Ansicht besteht, daß sie nicht 'ebenbürtig' sind. Ich bin aber sicher, daß sich dieses Vorurteil schnell legen wird."

Anfang März kam die Braut des Prinzen Wilhelm in England an und besuchte die Königin Victoria, die sich sogleich von ihrer zukünftigen Schwiegerenkelin (die im Familienkreise "Dona" genannt wurde) angezogen fühlte und in der herzlichsten Weise über sie an die Kronprinzessin schrieb. Am 26. März antwortete die Kronprinzessin:

"Ich bin entzückt, daß Du Victoria nett, liebenswürdig und hübsch findest. Ich habe sie immer dafür gehalten und bin sicher, daß sie aller Herzen gewinnen wird. Ihr Lächeln, ihr Wesen und ihr Ausdruck müssen sogar die borstigen, dornigen Berliner mit ihren scharfen Zungen und ihrem schneidenden Sarkasmus über jeden und alles entwaffnen. Die Nachricht von der Verlobung ist viel besser aufgenommen worden, als ich zu hoffen wagte. Natürlich sind viele aus der Hofgesellschaft nicht befriedigt. Im großen Publikum aber hat man die Nachricht sehr gut aufgenommen, wie mir verschiedene Briefe, die ich erhalten habe, beweisen. Wenn ich kürzlich wenig geschrieben habe, so ist es nur, weil ich wegen der Verlobung sehr viel zu tun habe.

Ich wünsche für Willy dasselbe wie Du, nämlich, daß er vor seiner Heirat ein wenig von der Welt sähe, obgleich es mit ihm dasselbe in Belgien, Holland und London wie zu Hause war - er legt keinen Wert darauf, irgend etwas anzusehen, interessiert sich ganz und gar nicht für Kunstwerke, bewundert schöne Landschaften nicht und wirft keinen Blick in einen Reiseführer oder irgendein anderes Buch, das ihn über die Stätten, die er besucht, belehren könnte. Du wirst daher zugeben, daß Reisen für ihn nicht von großem Nutzen ist, jedenfalls liegt es nicht in seinem Wesen. Ich wünsche sehr, daß die Hochzeit im Laufe des nächsten Jahres stattfindet. Ich halte es für einen wahren Segen, daß Victoria 22 und nicht 17 ist; wenn man auf einen so schwierigen Posten gestellt wird, ist dies ein großer Vorteil."

Am folgenden Tage schrieb sie:

"Ich erhalte jetzt jeden Tag Glückwünsche zu Wilhelms Verlobung - es ist oft eine schwere Aufgabe, von Freude, Glück und Festlichkeiten zu sprechen und Glückwünsche zu erhalten, wenn man eine schmerzende Leere im Herzen verspürt. Aber so ist das Leben: während manche Menschen freudig in die Zukunft blicken, müssen andere immer die Blicke rückwärts in die Vergangenheit richten; es ist ein melancholisches, eifersüchtiges Gefühl, wenn alle anderen vergessen, Trost in der Erinnerung an die Lieben, die einst unser Heim mit ihrer lieben Gegenwart erhellt haben, zu suchen. Aber ich bin für Willys Glück sehr, sehr dankbar und sicher, daß die liebe Victoria ein Segen für jeden sein wird, weil sie so freundlich und gut ist."

Ihre gehobene Stimmung zeigte während der nächsten Monate keine Verminderung.

"Willy," schrieb die Kronprinzessin am 24. Mai, "sieht sehr glücklich aus, und ich muß sagen, daß die Ansichten vieler sich sehr zum Bessern gewandt haben. Jedermann scheint Dona gern zu haben, und alle Einwände gegen die Heirat sind so gut wie verstummt. Ich bin dafür um ihretwillen und wegen der Zukunft sehr, sehr dankbar."

Die Kronprinzessin mußte jetzt eine Liebesgeschichte erfahren, die für einen Menschen von ihrer Erziehung und ihrem strengen Gerechtigkeitsgefühl die angenehmen Züge vermissen ließ, die für gewöhnlich mit einer Heirat verbunden sind. In ihre Welt des Anstandes, in welcher der Wechsel des Schicksals und des Glückes in familiärer Verkleidung sichtbar war, brach eine Tragödie der Leidenschaft und Tränen ein.

Am 3. Juni 1880 erfuhr die Kronprinzessin zu ihrem Kummer den Tod der Kaiserin Marie von Rußland, der Mutter der Herzogin von Edinburgh (der Schwägerin der Kronprinzessin) und beeilte sich, dem trauernden Kaiser Alexander und seiner Tochter ihr Mitgefühl auszusprechen. Sie war empört, als sie einige Monate später hörte, daß der Kaiser sechs Wochen nach dem Tode seiner Gattin wieder geheiratet hatte. Gewiß waren die Umstände ungewöhnlich, und es gab viele, die für die eilige Wiedervermählung des Kaisers nachsichtiges Verständnis aufbrachten. Obgleich nach außen hin die erste Ehe des Kaisers glücklich gewesen war, hatte er sich vor einigen Jahren in eine der schönsten Frauen Rußlands, die Gräfin Dolgorukowa, Tochter eines reichen Adligen, sinnlos verliebt. Als ihre Eltern den Lauf der Dinge erkannt hatten, schickten sie ihre Tochter für zwei Jahre nach Neapel, aber die Trennung diente nur dazu, die Liebe der beiden zu stärken, und als der Kaiser Paris besuchte, floh die Gräfin aus Neapel, um ihn zu treffen, und kehrte mit ihm nach St. Petersburg zurück. Um einen Schleier über diese unerlaubte Liebe zu werfen, wurde sie Hofdame der Kaiserin und bewohnte einige Gemächer des Winterpalais, die einen geheimen Eingang erhalten hatten.

Während der zwölf Jahre, die sie im Palast lebte, gebar sie vier Kinder; ihre Stellung, die sehr schwierig war, wurde durch ihre große Schönheit, ihren Reiz und unfehlbaren Takt einigermaßen möglich gemacht. Nach dem Tode der Kaiserin nahm man allgemein an, daß der Kaiser sie heiraten würde, und obgleich sechs Wochen sicher eine kürzere Trauerzeit bedeuteten, als irgendein Hof oder eine Nation erwarten konnte, wurde dem Kaiser von der St. Petersburger Gesellschaft für diesen Bruch des Herkommens kaum ein Vorwurf gemacht. Da die Ehe morganatisch war, verlieh der Kaiser seiner jungen Frau den Titel: "Ihre Hoheit Fürstin Juriewsky."

Der Kronprinzessin erschien diese leidenschaftliche und intrigenreiche Geschichte, die in einer Tragödie gipfelte, als ein erschreckender Einbruch in den ruhigen Fluß ihres wohlgeordneten Lebens. Es war, als ob jemand, der Schiller liest, plötzlich auf eine erschütternde Seite aus Dostojewskis Werken trifft. Sie war bemüht, sich der neuen Lage anzupassen und schrieb am 12. November 1880 an die Königin Victoria, als sie von der Heirat des Kaisers gehört hatte:

"Fritz trägt mir auf, Dir mitzuteilen, daß er am Montag einen Brief vom General Schweinitz hatte, der ein Schreiben unseres Militärattachés General Werder (des intimen Freundes Kaiser Alexanders) enthielt, das folgendes besagt: Der Kaiser wurde am 26. Juli in Gegenwart des Generals Adlerberg und des Generals Rilésef mit der Fürstin Dolgorukowa vermählt. Er hat seiner Gemahlin und seinen Kindern den Namen Juriewsky verliehen. Vor dem 2. oder 3. Dezember soll es nicht bekanntgemacht werden. Der Kaiser Alexander hat gewünscht, daß an meinen Schwiegervater geschrieben wird, um ihm die Tatsache mitzuteilen. Der Kaiser (mein Schwiegervater) schrieb dies vor zwei Tagen an Fritz. Wir wissen aus einer anderen Quelle, daß nach der Hochzeitszeremonie der Kaiser Minny und den Zarewitsch holen ließ, um ihnen seine Gattin vorzustellen und sie zu bitten, freundlich zu ihr zu sein. Die unziemliche Hast, mit der der Kaiser den Eheritus vollzogen hat, während die Trauer für die arme Kaiserin noch so frisch ist, kann nach meiner Ansicht bis zu einem gewissen Grade durch den Wunsch gerechtfertigt werden, seine Pflicht als Ehrenmann einer Dame und seinen Kindern gegenüber zu erfüllen, die er in eine so peinliche Lage gebracht hat. Er fühlt, daß seine Gesundheit schwankend und sein Leben unter den gegenwärtigen Bedingungen in Rußland nicht sicher ist, und wünscht sehr wahrscheinlich die Bande, die er geknüpft hat, zu legalisieren, bevor ein plötzlicher Tod ihn hindern könnte, sein früheres Benehmen wieder gutzumachen. Trotzdem empfinde ich den Mangel an Achtung vor dem Andenken an die arme Kaiserin sehr bitter, die eine so ergebene tugendhafte Gattin und liebende Mutter gewesen ist. General Schweinitz meint indessen, daß alles besser als der frühere Zustand sei, der ein zum Himmel schreiender Skandal gewesen wäre. Die Empfindungen der armen Kaiserin wurden während ihres Lebens nicht in Betracht gezogen. Daher sollte, was in so traurigen Verhältnissen getan werden kann, ohne Verzug ausgeführt werden; Du wirst sicher darin mit mir übereinstimmen, daß es besser so ist. Obgleich die Kinder die zweite Ehe ihres Vaters bitter empfinden müssen, ist es doch vorteilhafter für sie, als daß sie sich seines Lebenswandels schämen müßten.

Ich bin durch die ganze Angelegenheit mehr verletzt, als ich sagen kann, sie erinnert mich an Ludwig XIV. und XV.; der Kaiser tut mir sehr leid, da ich sicher bin, daß er ein viel zu guter Mann ist, um nicht zu empfinden, in welch peinliche Lage er sich begeben hat. Auf der anderen Seite steht die Moral in Rußland so tief, die Menschen sind so lax und indifferent, daß es ihnen gleichgültig ist, was geschieht. Bitte sprich nicht darüber, daß Du alles von mir gehört hast. Zweifellos hat Dir der Kaiser Alexander auf irgendeine Weise Nachricht zukommen lassen - vielleicht durch Alfred?"

In demselben Herbst verbrachte Prinz Wilhelm einen Monat als Gast des Prinzen Christian in Cumberland Lodge, Windsor, beim Onkel seiner Braut; nach seiner Rückkehr nach Berlin Ende November begannen die Vorbereitungen für seine bevorstehende Hochzeit. Obgleich die Kronprinzessin mit der Heirat ihres ältesten Sohnes sehr zufrieden war, konnte sie den Kummer über die nahende Trennung von ihrem Sohn nicht unterdrücken und schrieb am 1. Januar 1881 an ihre Mutter:

"Es sind die letzten Tage, in denen wir Willy unverheiratet im gleichen Hause, in seinen alten Zimmern bei uns haben. Er hält mich für ganz töricht sentimental, daß ich dies bemerke, und sagt, daß es ihm ganz gleichgültig wäre, in welcher Stadt oder welchem Haus oder welchem Zimmer er wohne. Es ist mir entsetzlich, die Worte 'zum letzten Male', ebenso wie die Worte 'Lebe wohl' aussprechen zu müssen. Es ist in der Tat sehr unbequem, ein weiches Herz zu haben, aber man kann nichts dafür; die, welche es nicht besitzen, fühlen sich sehr viel wohler."

Der Brief zeigt den Unterschied der Temperamente von Mutter und Sohn - ein Unterschied, der während der nächsten Jahre so heftig zutage trat. Während der ersten Hälfte der achtziger Jahre scheint Prinz Wilhelm mehr und mehr von der Überzeugung durchdrungen gewesen zu sein, daß seine Mutter "pro-englisch" sei und gegen die deutschen Interessen arbeite.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten fanden am 27. Februar 1881 statt; sie waren der Anlaß, den intimen Freund des Kronprinzenpaares, Odo Russell, zum Lord Ampthill zu machen. Am Tage der Hochzeit schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter:

"Bis jetzt ist alles sehr gut gegangen, der Einzug war wirklich schön. Die liebe Dona sah reizend aus; alle waren von ihrer Schönheit und Grazie entzückt. Ihr Antlitz trug einen Zug unschuldiger Glückseligkeit, den zu sehen mir guttat. Ihr Kleid stand ihr außerordentlich gut - es war hellblau mit Goldbrokat, mit rosa und weißen China-Astern; um den Hals trug sie ihre Perlen und Deinen wundervollen Anhänger.

Das Wetter war schön und jedermann guter Laune. Die Menge rief Hurra, schien erfreut, und die Dekorationen waren wirklich sehr hübsch.

Ich war gestern abend todmüde, sonst würde ich gleich geschrieben haben. Ich hatte ein Diadem auf, das mich sehr drückte, da ich es während sechs und einer halben Stunde nicht abnehmen konnte. Der Empfang im Schloß verlief sehr gut; sogar Fürst Bismarck erschien.

Der heutige Tag wird sehr anstrengend werden, ich wünschte, er wäre vorüber.

Meine Schwiegerverwandten sind sehr nett und niemals müde - das lange Stehen, die Hitze, die Toiletten, das Reden, nichts scheint sie matt zu machen. Ich mußte viel an Dich, liebste Mama, und an die Tage meiner Ankunft in Berlin denken. Es wird Victoria sehr viel leichter gemacht als mir, und ich hoffe, daß sie niemals so unter Heimweh leiden wird wie ich bis heute."

Kaum vierzehn Tage, nachdem das Echo der Hochzeitsglocken verklungen war, kam die tragische Nachricht, daß der Kaiser Alexander II. von Rußland einem Bombenattentat auf dem Heimwege von einer Parade in St. Petersburg zum Opfer gefallen sei. Die erste Bombe, die geworfen wurde, explodierte hinter dem Wagen. Der Kaiser stieg sofort aus, als eine zweite Bombe geschleudert wurde und ihn schwer verletzte. Er starb zwei Stunden später. Einer der dramatischen Umstände, die mit seinem Tod verbunden sind, bestand darin, daß er erst vor wenigen Tagen befohlen hatte, ein Testament zugunsten seiner morganatischen Gemahlin, der Fürstin Juriewsky, vorzubereiten. Das Testament wurde ihm am gleichen Tage zur Unterzeichnung gebracht, ebenso wie ein wichtiger Ukas, der verschiedene Reformen zubilligte. Seine Unterzeichnung nahm viel Zeit in Anspruch. Er verschob daher die Unterschrift des Testamentes bis nach seiner Rückkehr von der Parade, von der er nicht mehr lebend nach Hause kommen sollte. Die Nachricht von des Kaisers Tod war ein schrecklicher Schlag für die Kronprinzessin, die am 14. März an ihre Mutter schrieb:

"Ich bin von solchem Entsetzen erfüllt, daß ich wirklich nicht weiß, was ich sagen soll! Armer, lieber Kaiser Alexander! Einen so schrecklichen Tod sterben zu müssen, es ist zu gräßlich! Trotz allen seinen Schwächen und Fehlern war er ein freundlicher, reizender, liebenswerter, warmherziger und wohlmeinender Mann. Ich schaudere und zittere bei dem Gedanken an ein so schreckliches Ende, das uns mit Mitleid, Kummer und Trauer erfüllt! Gott sei Dank sagte das fürchterliche Telegramm: 'Il n'a pas repris connaissance', so daß wir hoffen können, daß die schrecklichen Verwundungen ihn gnädig aller bewußten Pein enthoben haben. Arme liebe Marie!! Wie wird sie einen so schrecklichen Schlag ertragen? Beide Eltern in einem Jahre verlieren zu müssen, und dazu noch ihren Vater, den sie anbetete, auf solche Weise!! Vermutlich werde ich sie heute abend auf dem Bahnhof sehen!

All die Begleitumstände sind so schrecklich! Die neue Heirat hatte einen Reif über alle relations de famille geworfen und ihm beim Publikum so sehr geschadet! Er soll so sehr glücklich gewesen sein! Die arme Frau tut mir nun leid, da sie ihn sehr geliebt hat obgleich sie nicht an die Stelle gehörte, an der sie jetzt stand. Sicher ist das arme Wesen im Zustande tiefster Verzweiflung!

Mein Schwiegervater vergoß viele Tränen und ist tief bekümmert. Aber ich bin froh, sagen zu können, daß es ihm nicht den Chok gegeben hat, den er vielleicht bekommen hätte, wäre er jünger! In seinem Alter sind die Eindrücke nicht mehr so heftig. Er hatte seinen Neffen so gern! Ich werde niemals vergessen, wie freundlich und nett der arme Kaiser Alexander immer zu mir war. Daß die Nihilisten noch nicht vernichtet sind - dessen bin ich ganz sicher und kann des lieben Affie sanguinische Ansichten in dieser Hinsicht nicht teilen.

Die Regierung hat während langer Jahre zu viele Grausamkeiten begangen und sich zu streng gezeigt, als daß nicht Rachegelüste hätten entstehen sollen, die jetzt zu schwierig zu beruhigen sind. Das traurigste dabei ist, daß sie an einem so wohlmeinenden und gütigen Herrscher ausgelassen worden sind - der nicht ein Tyrann, wie seine Vorgänger, war, obgleich er auch ein wenig davon zu Zeiten in sich hatte, wie fast alle Zaren haben müssen! Der Zustand aller Gesellschaftsschichten dort ist zu schlecht und traurig! Wie wollen sie jemals zu einem zivilisierten, freiheitlichen und ordentlichen Staate bei all der grausamen Unterdrückung, dem Verbannen nach Sibirien und langsamen en-gros-Töten von Familien werden? Wann wird das Leben und die Freiheit der Untertanen durch kluge und menschliche Gesetze gewissenhaft geschützt werden! Despotismus ist ein Dämon, der alle wilden Verbrechen und Grausamkeiten mir sich bringt und früher oder später zu so schrecklichen Ereignissen führen muß, die dann gewöhnlich den Unschuldigen treffen.
 
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzitt're nicht.

Mit Sascha und Minny (der Zarewitsch und seine Gattin, die Tochter des Königs von Dänemark, Schwester der Königin Alexandra) habe ich tiefstes Mitleid. Es muß zu schrecklich sein, eines ermordeten Vaters Krone aufzusetzen. Ich weiß, was wir empfunden haben, als wir fast in derselben Lage waren!

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, so sehr hatte mich der Schrecken ergriffen. Ich danke Gott, daß der armen Kaiserin diese Prüfung erspart blieb. Der arme Kaiser erwartete immer ein solches Ende und hat sich jahrelang wie ein gehetztes Wild gefühlt, das nirgends sicher ist. Was für ein Leben um solchen Preis! Ich muß gestehen, daß ich es immer befürchtet und geglaubt habe, daß, wenn die Angriffe auf sein Leben andauerten, einer Erfolg haben würde.

Stell Dir die Verwirrung, den Schrecken und all die gräßlichen Gewaltmaßregeln vor, die in Petersburg ergriffen werden! Sie sind in meinen Augen gerade so gefährlich wie alles andere! Blutvergießen und Grausamkeit überall - ein kalter Schauder muß die Menschen überlaufen! Ich muß schnell schließen, liebste Mama, wir gehen um halb zwölf zur griechischen Messe in die russische Botschaft. Ob Fritz nach St. Petersburg muß oder nicht, weiß ich nicht."

Viel von der Schönheit des Lebens war für die Kronprinzessin bereits vergangen. In Deutschland hatte sie sich nicht die Liebe und Verehrung erwerben können, die ihre Mutter jetzt in England genoß; stets waren Menschen am Werke, um die schlimmsten Verdächtigungen über ihre harmlosen und gutgemeinten Handlungen zu verbreiten. Sie wurde nicht verstanden; nur ein Mensch begriff ihr Wesen: ihr Gatte, den sie von ganzem Herzen liebte und anbetete. Niemals ist die idyllische Verheißung der frühen Tage ihrer Ehe gebrochen worden - niemals hat die Hand der Enttäuschung das wunderzarte Gewebe einer vollkommenen Ehe getrübt. Wie schwierig und verantwortungsvoll ihre Stellung auch immer sein mochte, sie wußte, daß sie sich unbedingt auf zwei Dinge verlassen konnte - auf die zärtliche Liebe ihrer Kinder und die unwandelbare, unaufhörliche, treue Liebe ihres Gatten, den sie anbetete.

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