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Kapitel VII: Auswärtige Angelegenheiten, 1878-1886

Das dem Vertrage von Berlin folgende Jahrzehnt zeigte einen wachsenden Einfluß Deutschlands auf die Weltpolitik, zur gleichen Zeit aber einen bemerkenswerten Rückgang des britischen Prestiges. In diesen Jahren schlug Bismarck entschieden neue Wege der inneren und äußeren Politik ein. In der inneren Politik fuhr er fort, Verhandlungen mit dem Vatikan über die antiklerikalen Maigesetze zu führen, deren Urheber, Dr. Falk, zurücktrat; er wandte sich vom Freihandel ab und begann den Ausbau des Schutzzollsystems. In der äußeren Politik wagte er die Beziehungen zu Rußland durch die Unterzeichnung eines Defensivbündnisses mit Österreich aufs Spiel zu setzen, und streckte selbst Fühler aus, um eine Annäherung an Großbritannien zu prüfen, obgleich ein definitiver Bündnisvorschlag erst zehn Jahre später gemacht wurde. Am 3o. November 1879 schrieb die Königin Victoria an die Kronprinzessin:

"Was Fritz über das Bündnis oder das gute Einvernehmen zwischen Deutschland und Österreich sagte, ist mir nicht neu. Es kam im geheimen vor zwei Monaten zu meinen Ohren; aber ich habe es erst jetzt von Lord Salisbury gehört, der seine Kenntnisse dem Grafen Karolyi verdankt. Ich freue mich natürlich über die Aussichten, die ein herzliches Defensivbündnis zwischen Deutschland und Österreich den Friedensinteressen bietet. Der Wert eines solchen Bündnisses würde sich indessen in meinen Augen beträchtlich verringern, wenn es irgendwelche Verstimmung für Frankreich in sich schlösse. Fritz scheint zu denken, daß wir unseren Einfluß dazu verwenden könnten, Frankreich von der Opposition gegen eine solche Liga abzuhalten, aber wie weit unser Einfluß reichen oder unter welchen Bedingungen er mit Vorteil ausgeübt werden könnte, ist eine Frage, die viele Bedenken in sich schließt, und ich weiß jetzt noch nicht, was Lord Beaconsfield und Lord Salisbury darüber denken. Aber ich bin sicher, daß kein gegen Frankreich gerichtetes Bündnis in meinem Lande geduldet werden würde.

Fritzens Name soll nicht erwähnt werden; ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er mir diese wichtige Nachricht hat zukommen lassen. Ich hoffe, daß er es mich wissen läßt, falls er mehr erfährt. Auch ich werde mich dann bald genauer äußern können."

In den folgenden Jahren kam die Orientalische Frage immer und immer wieder zur Sprache. Die Türkei, der kranke Mann Europas, schien sich nach der drastischen Operation, die der Kongreß für eine Lösung seiner Schwierigkeiten gehalten hatte, wieder zu erholen, so daß zwei Jahre später die ottomanische Souveränität und ottomanische Mißwirtschaft von neuem die Ärzte herausforderte. Inzwischen konnte der große Gegner Lord Beaconsfields in der östlichen Politik, Gladstone, seine Rolle bei der Behandlung des Problems spielen. Sein Kabinett trat mit Lord Granville als Sekretär des Äußeren im April 1880 sein Amt an; wie Lord Dufferin sagte, 1880 gerade zur richtigen Zeit, um England vor einem Konflikt mit der ganzen Welt zu behüten.

Bismarck war entschlossen, darauf zu bestehen, daß die Bestimmungen des Berliner Vertrages erhalten bleiben sollten und sagte am 5. Dezember 1879 mit Bezug darauf, "daß die Lösung des Balkanproblemes die Knochen keines einzigen pommerschen Grenadiers wert sei". Indessen konnten sich weder Montenegro noch Griechenland zufriedengestellt erklären, ehe die im Vertrage versprochenen Grenzberichtigungen von der Türkei ausgeführt worden waren, während die Türkei sich als Rekonvaleszent wohl genug fühlte, um ihre Verpflichtungen nicht zu erfüllen.

Um diese Ansprüche zu befriedigen, trat eine europäische Konferenz im Juni 1880 in London zusammen. Die Türkei widersetzte sich der Entscheidung der Konferenz, daß sie den Hafen und die Küste von Dulcigno an Montenegro abtreten sollte. Am 10. Juli schrieb die Kronprinzessin:

"Der gegenwärtige Augenblick scheint mir sehr kritisch; er ist einer von denen, die schnelles und energisches Handeln von seiten Englands verlangen. Die Türken werden sich der Vorschrift Europas allein nicht fügen, die Russen stärken ihren Widerstand und auch die Forderungen aller derer, die interessiert sind, einen Teil der Türkei für sich selbst zu nehmen, da sie wissen, daß sie auf diese Weise ihr Konstantinopel bekommen können. Bis sie es haben, wird niemals Ruhe und die östliche Frage niemals gelöst werden. Sie werden daran arbeiten, um sie unter jeder möglichen Verkleidung und Form mit der ihnen eigenen Geschicklichkeit und Kühnheit aufzuwerfen. Sie wissen ganz genau, daß keine andere europäische Macht ein sehr großes Interesse daran hat, sie an der Einnahme Konstantinopels zu hindern, und zählen auf Englands Unfähigkeit, sie unmöglich zu machen. England kann und muß sie aber verhindern, und zwar jetzt. In wenigen Wochen würde es zu spät sein. Man würde Torpedos auslegen, um die Annäherung englischer Schiffe unmöglich zu machen; die Teilung der Türkei würde dann mit viel Grausamkeit und Blutvergießen verwirklicht werden müssen.

Warum können unsere Schiffe nicht in die Dardanellen einfahren? Warum kann England, das so viel für die Türken tun mußte und genug Geld und Leben daran gesetzt hat, Rußland an der Besitzergreifung Konstantinopels zu hindern, diese schließlich nicht unmöglich machen? Gladstones Politik hat natürlich die Krisis beschleunigt, die sonst Jahre gebraucht hätte, um ihren jetzigen Zustand zu erreichen. Die Türken haben jede Möglichkeit für Reformen und Verbesserungen gehabt - sie sind unfähig, solche einzuführen, und selbst ihre besten Freunde müssen eingestehen, daß sie nicht länger in Europa bleiben können -, warum soll man nicht sanfte Gewalt gebrauchen, eingreifen und sie als Freunde nötigen, auszuführen, was sie nicht selbst tun können? Warum wird nicht Sir Lintorn Simmons hingeschickt, um eine Militärkonvention mit ihnen abzuschließen, warum laufen nicht ein paar Schiffe in das Goldene Horn ein, warum läßt man nicht Goschen (später Viscount Goschen und eine Zeitlang Botschafter in Konstantinopel) dort und schickt noch ein paar Leute hin, welche die türkischen Finanzen und die türkische Verwaltung in die Hand nehmen? Es ist der einzige Weg, grausames Blutvergießen und Krieg zu vermeiden. Die anderen europäischen Mächte würden sich bestimmt einem solchen Plan nicht widersetzen. Wenn später der Sultan seinen Sitz nach Smyrna oder noch weiter ins Innere von Kleinasien verlegt und Konstantinopel unter englischer Verwaltung bleibt, bis ein unabhängiger Staat unter den Garantien der europäischen Mächte errichtet werden und ein unabhängiger Herrscher an seine Spitze treten kann, so ist es nur um so besser! Die Gefahr eines russischen Vasallenstaates, der von dem größeren Lande im geeigneten Moment verschluckt werden würde, wäre abgewendet.

Rumänien, Bosnien und Bulgarien, die jetzt Rußland fürchten, würden eine Stütze an uns haben; in diesem Teile der Welt würde englischer und nicht russischer Einfluß herrschen und regieren! Das wäre eine Wohltat für die Erde!

Ich habe das feste Vertrauen, daß im Auswärtigen Amt genug Energie und Entschlußkraft zu finden sind, um den richtigen Schritt zu tun und nicht zu warten oder zu zögern; in 14 Tagen würde es zu spät sein. Die Russen werden bei der ersten Gelegenheit plötzlich in Konstantinopel auftauchen! Dafür haben wir genug Beweise.

Nach ihrer Ansicht ist die englische liberale Regierung entschlossen, nichts zu tun; das läßt ihnen den Erfolg sicher erscheinen. Ich bin nicht Russophobin und halte es für unrecht, wenn man es ist, aber ich weiß, was die Russen denken und vorhaben! Ich bin Turkophilin, d. h. ich wünsche die türkische Bevölkerung anstatt massakriert und zum Kampf gezwungen unter einer Regierung wie der zu sehen, von welcher unsere muselmanische Bevölkerung in Indien Vorteile hat, und nicht die grausame und barbarische Herrschaft russischer Beamten, die durch den Fanatismus der orthodoxen Kirche geleitet werden. Da wir die Herrschaft des Sultans nicht aufrecht halten können, so müssen wir mit allen Mitteln, die in unserer Macht stehen, ihn und sein Volk davor bewahren, gerade von der Macht verschluckt zu werden, der wir 1854 Widerstand geleistet haben.

Du weißt, daß ich immer diese Ansicht vertreten habe und noch vertrete. Wenn Alfred nicht der richtige Herrscher für einen unabhängigen Staat wäre (der sich aus einer britischen Okkupation entwickeln würde), sind da Arthur und Leopold oder der Herzog von Genua oder andere Prinzen in Deutschland, die sich einer solchen Aufgabe unterziehen könnten - Prinz Waldemar von Dänemark! Viele Preußen denken, daß es sehr gut wäre, die Russen in Konstantinopel zu haben. Fürst Bismarck wünscht es nicht gerade und würde den englischen Einfluß jedem anderen vorziehen. Aber natürlich läßt ihn der Gedanke, daß die Russen im Osten beschäftigt sind, sich freier und zu Hause weniger bedroht fühlen; sie sind sehr unsichere Nachbarn und unzuverlässige Freunde, und Deutschland liegt so unglücklich zwischen Frankreich und Rußland, daß man immer auf dem 'qui vive' sein muß.

Ich hoffe, Du wirst mir meinen Freimut nicht übelnehmen, aber meine Überzeugungen sind in dieser Hinsicht so stark, und die Zeit ist sehr kostbar - es ist kein Augenblick mehr zu verlieren, wenn ein Handstreich gelingen soll -, zur Ausarbeitung der Einzelheiten werden im Kabinett genügend kluge Köpfe zu finden sein, dessen bin ich sicher.

P.S. Die Interessen Englands, Europas und der Welt im großen ganzen scheinen mir in dieser Hinsicht ganz identisch zu sein nicht so die Interessen der Russen, die nur selbstsüchtig und unmenschlich sind, sich aber niemals um die Zivilisation und die Ehre und den Ruhm von Freiheit und Fortschritt kümmern."

Im Oktober 1881 brachten die Wahlen in Deutschland eine starke liberale Mehrheit, was die Kronprinzessin sehr freute; sie schrieb am 5. November an die Königin Victoria:

"... Ich bin sehr froh, daß die deutschen Wahlen so viele Liberale gebracht haben; ich hoffe, daß Fürst Bismarck daraus ersehen wird, daß nicht alle Deutschen mit seiner Regierung zufrieden sind, obgleich ich nicht glaube, daß ihm dies den geringsten Eindruck macht. Ich wundere mich, daß er nicht gerade hinaus sagt: 'Solange ich lebe, sind die Konstitution und der Thron aufgehoben'; denn in der Tat ist es so. Zweifellos ist er patriotisch und ehrlich und denkt, es sei für Deutschland gut! Er hält eine große zentrale Kraft für notwendig und glaubt, daß ein Wille alles entscheiden, der Staat alles sein müsse; es sollte alles wie bei einem großen Maschinenkomplex vor sich gehen, etwa wie zum Beispiel beim 'Inflexible', auf dem der Kapitän alles mit Elektrizität leitet und das Schiff lenkt... So wünscht Fürst Bismarck mit einem Druck seines kleinen Fingers alles zu regieren und glaubt, daß es der Sicherheit wegen im Falle eines Angriffes durch Frankreich oder Rußland doppelt notwendig ist.

Ich mag diesen Zustand der Dinge nicht, aber die meisten Preußen und Konservativen lieben ihn..."

Die Kronprinzessin wurde über Bismarcks Entschluß, der einzige Leiter des deutschen Staatsschiffes zu sein, nicht lange im Zweifel gelassen, denn er erklärte drei Wochen später, am 29. Dezember, offen, daß er nicht beabsichtige, Deutschland trotz der liberalen Majorität nach englischer Weise zu regieren; am 7. Januar 1882 wurde eine kaiserliche Botschaft gegen die parlamentarische Regierung aus gegeben. Wiederum war Bismarck siegreich.

Eine Folge dieses politischen Wechsels in England und Deutschland war eine ständig wachsende Spannung zwischen beiden Ländern, die durch Bismarcks Beharren auf der Unmöglichkeit eines Bündnisses mit England, wegen der parlamentarischen Kontrolle der auswärtigen Politik, nicht verringert wurde. Eine allgemeine Wahl, die ein neues Ministerium bringen konnte, wäre, wie er glaubte, imstande, jede erfolgte außenpolitische Verständigung in ihr Gegenteil zu verkehren; daher war seine Politik stets von tiefstem Mißtrauen gegen England erfüllt, besonders während des Regimes Gladstone. Dieses Mißtrauen erstreckte sich auf alle Deutschen, deren Sympathien für England bekannt waren, und selbst die Kronprinzessin fand sich von einem dichten Spionennetz umgeben. Ungefähr zu dieser Zeit wurde dem Gefolge des Kronprinzen ein Graf Radolin-Radolinsky von Bismarck beigegeben, der den Befehl hatte, die Tätigkeit des Hofmarschalls der Kronprinzessin, des Grafen Seckendorff, zu überwachen. Natürlich gab Radolinskys gebieterische Haltung hinlänglich Grund zu Unannehmlichkeiten, denn während er anscheinend die Ansichten und Meinungen der Kronprinzessin unterstützte, war seine Gegenwart ein Dorn im Auge der loyaleren Mitglieder ihres Gefolges. 1882 oder 1883 schrieb die Freundin der Kronprinzessin, Lady Ponsonby, an ihren Gatten, der Sekretär der Königin Victoria war:

"Ich glaube nicht, daß sich die Königin eine Vorstellung davon machen kann, in welch außerordentlicher Weise in Deutschland das Spionage- und Intrigenwesen ausgebildet ist. Das Auswärtige Amt, d. h. Bismarck, wollte der Kronprinzessin einen absolut sicheren Mann beigeben, um den Kronprinzen besser überwachen zu können, falls er Kaiser würde. Seckendorff lehnte es ab, den Spion zu spielen, und wollte sich nicht auf diese Intrige einlassen, obgleich seine politischen Ansichten denen der Kronprinzessin entgegengesetzt sind. Die erste Antwort darauf war die Entlassung seines Bruders nach zwanzigjährigem Dienst aus dem Auswärtigen Amt, ohne daß irgendwelche Gründe für diese Maßnahme angegeben wurden. Dann beauftragten sie Radolinsky (Hofmarschall des Kronprinzen), den Grafen Seckendorff zum Abdanken zu bringen. Radolinsky teilte scheinbar die Ansichten der Kronprinzessin über Bulgarien, wußte sich bei ihr in Gunst zu setzen und begann dann die Stellung Seckendorffs zu untergraben. Ich glaube, daß Seckendorff für sein diktatorisches Wesen zu tadeln ist; vielleicht hat sie ihn auch, wie es die Gewohnheit der Familie ist, zu sehr zum 'Unentbehrlichen' gestempelt, aber ich bin im großen ganzen überzeugt, daß man ihn unter falschem Vorwande loswerden will, denn Radolinskys Manier, die Kronprinzessin zu verteidigen, besteht einfach darin, diese Berichte zu verbreiten und zu versuchen, ihr ihre Familie abspenstig zu machen."

In den folgenden Jahren erreichte diese von Bismarck genährte Rivalität zwischen Radolinsky und Seckendorff Ausmaße, welche die Kronprinzessin auf das äußerste störten; aber im Augenblick war die Spionage und Intrige noch ihren Augen verborgen.

Einer der vertrautesten Freunde des Kronprinzenpaares starb während dieser Tage in Potsdam. Der Tod Lord Ampthills (Odo Russell) war ein trauriger Schlag für beide, denn wenn auch des fähigen Botschafters Nachfolger Sir Edward Malet war, in dessen Stab sich Oberst L. V. Swaine als Militärattaché befand, so konnte niemand den begabten Lord Ampthill vollkommen ersetzen, mit dem sie über zwanzig Jahre befreundet gewesen waren. Am 30. August schrieb die Kronprinzessin, die sich auf einer Erholungsreise in England befand, an Königin Victoria nach Osborne:

"Ich habe Dir noch nicht genügend für den entzückenden Aufenthalt gedankt, den wir dank Deiner Güte in dieser friedlichen kleinen Villa, die ich so liebe, haben durften. Er war wirklich in jeder Weise bezaubernd, und ich weiß nicht, wie ich Dir meine Dankbarkeit zu erkennen geben soll, auch dafür, daß meine Kleinen hierbleiben durften, während ich fortreiste. Ich weiß, daß sie dort so sicher und gut versorgt sind.

Je mehr ich an Berlin und an den Nachfolger des armen Lord Odo denke, desto größere Besorgnis empfinde ich, daß unter den Diplomaten der rechte Mann noch nicht gefunden zu sein scheint. Die nächsten Jahre werden von außerordentlicher Wichtigkeit sein; wer könnte später besser passen als Morier? Aber gerade jetzt sehe ich nur zwei Männer, die geeignet sind: Erstens Lord Acton und zweitens Lord Arthur Russell. Ob Lord Granville in Frage kommen könnte? Ob sie es übernehmen würden, sind Fragen, über die ich natürlich nichts weiß. Du mußt meine Meinung als das nehmen, was sie wert ist; aber es ist der einzige Schluß, zu dem ich nach aller Überlegung kommen kann. Auch befürchte ich, daß es für den armen Lord Granville sehr unangenehm sein würde, der jetzt schon so viel Kummer und Aufregungen durchgemacht hat... (Lord Arthur hatte einige diplomatische Ausbildung und war der Sekretär seines Onkels, Lord John)."

In diesem Jahre traf die Kronprinzessin von neuem mit Gladstone zusammen und antwortete auf eine Anfrage Lady Ponsonbys, was sie von dem Leiter der Liberalen Partei halte, am 17. Oktober 1884:

"... Sie fragten mich nach meinem Eindruck von Gladstone, als ich ihn in Balmoral traf. Ich hielt ihn, wie immer, für einen prachtvollen Menschen, den ich in höchstem Maße respektiere und bewundere; er interessiert mich außerordentlich, und seine Gesellschaft ist sehr reizvoll! Er weiß sehr viel, ist kultiviert, hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, eine ernste Lebensauffassung und ist von größter Einfachheit. Leider ist er, wie ich fürchte, nicht der richtige Mann, um die verwickelten Fragen zu lösen, die England als Weltreich beschäftigen; aber er ist unschätzbar, da er die Flut der Demokratie eindämmen kann, weil er als wahrer Liberaler das Vertrauen vieler Tausende hat und der einzige ist, der eine Brücke vom Alten zum Neuen schlagen kann. Ich weiß nicht, ob er den kühnen Blick, das Adlerauge des Staatsmannes hat - ich fürchte nein und wage nicht zu sagen, ob seine Maßnahmen, wie zum Beispiel das Landgesetz, richtig waren. Ich fühle mich da nicht sicher. Er besitzt zweifellos viel Verantwortungsgefühl und hat hohe und erhabene Ziele, aber er scheint augenblicklich von den Bedürfnissen der unteren und Mittelklassen so erfüllt und mit der Aufgabe, ihnen alles zu geben, was sie mit Sicherheit bekommen können, so beschäftigt, daß die anderen großen Probleme, die auf ihn einstürmen, kaum mit der Sorge und Geschicklichkeit behandelt werden können, deren sie bedürfen. Der Osten, unsere Kolonien, unsere Armee und Flotte dürfen nicht vernachlässigt werden. Frankreich und Deutschland lassen es an Respekt fehlen, ohne daß etwas dagegen geschieht, und das darf niemals, niemals der Fall sein. Es ist gut, nicht zu empfindlich zu sein, aber wir dürfen den anderen nicht gestatten, mit uns zu spielen!

Wenn in Berlin eine Konferenz zusammentreten soll, wie man sagt, um die afrikanische Frage zu lösen, sollte England nicht die Vorschläge machen und den größten Einfluß auf das endgültige Ergebnis verlangen? England ist den anderen Mächten gegenüber viel zu bescheiden und wird daher nur mißverstanden. Wir ernten keinen Dank für unsere Bescheidenheit und Mäßigung. Der Ton der deutschen Presse gegen England ist mit wenigen Ausnahmen abscheulich, aber da er ebenso dumm wie frech ist, achtet man besser nicht auf ihn.

Die Deutschen werfen England immer vor, daß es von Vorurteilen gegen Deutschland erfüllt sei, und vergessen, daß sie sehr viel mehr und tiefere gegen andere Länder, besonders gegen England, haben. Sie bilden sich ein, daß England auf Deutschlands Kolonialbestrebungen eifersüchtig ist. Ich bin ganz sicher, daß die ganze Agitation für das Kolonialunternehmen von der deutschen Regierung nicht so heftig betrieben worden wäre, wenn diese nicht glaubte, daß sie eine gute Handhabe für die Wahlen böte und das Mittel darstellte, eine deutsche Dampferlinie zu gründen, die der Kanzler haben möchte. Das Volk ist wirklich wie ein Kind, das von einem neuen Spielzeug oder einem schmackhaften Bissen entzückt ist, den man ihm entgegenhält - eine süße Frucht- und eifrig bemüht, sie zu ergreifen, das aber auf alles wütend ist, das ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen scheint. Diese süße Kolonialfrucht kann sich leicht in eine bittere Mandel verwandeln, und der Anfang scheint mir traurig genug, wenn er nicht ohne eine Entfremdung zwischen England und Deutschland zu haben ist."

Im folgenden Jahre, 1885, hatte Gladstones Regierung eine Verlängerung ihrer Dauer erfahren, stützte sich aber dann auf das Votum der irischen Nationalisten für seine parlamentarische Mehrheit. In dem liberalen Ministerium, das im Februar 1886 gebildet wurde, übertrug Gladstone bereitwillig den Staatssekretärposten für Irland John Morley, nahm aber mit großem Widerstreben den Führer der Radikalen, Joseph Chamberlain, als Präsident des "Local Government Board" auf. Allgemeines Aufsehen erregte es, daß Sir Charles Dilke übergangen wurde. Alle diese Staatsmänner waren der Kronprinzessin wohlbekannt, aber die Ernennung, die ihr die größte Freude machte, war die Versetzung des Lord Rosebery ins Auswärtige Amt, eine Beförderung, die auch Bismarck und seinen Sohn, den Grafen Herbert Bismarck, sehr angenehm berührte. Am 5. Februar 1886 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Ich freue mich sehr, daß Lord Rosebery dem Auswärtigen Amt zugeteilt worden ist.

Ich sah gestern abend auf einer Gesellschaft Herbert Bismarck, der sehr angenehm berührt war und sagte, daß sich sein Vater sehr freue; dieser hoffe und vertraue, daß Lord Rosebery in Lord Salisburys Fußtapfen treten würde. Auch habe sein Vater das größte Vertrauen zu Lord Roseberys Geschicklichkeit, Absichten und Energie. Das war ganz ehrlich, und es war nicht schwer zu sehen, daß Fürst Bismarck wirklich auf gutem Fuße mit England zu stehen wünscht und mit Lord S.s Orientpolitik ganz einverstanden ist."

Gladstone ließ keine Zweifel darüber bestehen, daß er seine Politik des Home-Rule für Irland zu Ende führen wollte; in seinem ersten Interview mit der Königin Victoria Anfang Februar bezeichnete er die Linien seiner Politik. Auf den Brief der Königin Victoria, in dem diese Nachricht enthalten war, antwortete die Kronprinzessin am 5. Februar:

"Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 3. und für das Memorandum, d. h. für die Bemerkungen, die Du über Deine erste Begegnung mit Gladstone gemacht hast; sie interessierten uns sehr. Ich halte Eure Unterhaltung für sehr befriedigend. Ich fürchte auch, daß er keinen Erfolg haben wird, weil seine Absichten unausführbar sind. Aber ohne jeden Zweifel meint er es sehr ernst und kennt die ungeheure Verantwortung, die er auf sich genommen hat, ohne sich über die Schwierigkeiten unklar zu sein. Ich freue mich, daß Lord Hartington so offen zu ihm gesprochen hat. Merkwürdig ist, daß Lord Spencer seine Ansichten seit dem Mai so geändert haben soll. Ich kenne John Morley und habe ihn immer für einen klugen, gebildeten und kultivierten, außerordentlich ruhigen, ernsten, von Eitelkeit freien Menschen gehalten. Daß Gladstone nicht blind gegen Chamberlain und Sir C. Dilke ist, ist ebenfalls erfreulich.

In dem Memorandum, das Du mir so freundlicherweise geschickt hast und das ich sehr bewundere, wird die Lage nicht so schlecht beurteilt, wie ich fürchtete. Es ist ohne jeden Zweifel eine heilige Pflicht, die Wünsche des irischen Volkes "zu prüfen". Aber die zwei Millionen, die schreien und sich im Zustande einer organisierten Revolte unter der Tyrannei des Parnell und seiner Gefolgschaft befinden, bedeuten nicht ganz Irland! Ich fürchte, daß man diese nicht zufriedenstellen kann und daß, wäre es der Fall, nur Unglück, Elend, Verderben und Ungerechtigkeit gegen alle anderen die Folge wäre. Die irischen Amerikaner, die Fenier, die unversöhnbaren 'Unbesieglichen' usw. können nicht durch reine Gesetzgebung, durch Verteilung von Land usw. gewonnen werden. Die irische Frage scheint mir aus zwei Elementen zusammengesetzt zu sein. Das eine sind üble Dinge, die durch der Zeit angepaßte gerechte Reformen, die sich gut auswirken und eine Wohltat für das Land sein würden, verbessert werden können. Das andere Element ist ein Übel, das nur durch Gewalt zu überwinden ist. Gesetzlosigkeit und Gewalttätigkeit sind Kriegsformen; man kann ihnen nur begegnen, wenn man den Kampf aufnimmt, aber dieser würde sich nicht gegen ganz Irland oder gegen das irische Volk richten - sondern nur gegen jenen Teil, der nicht Frieden halten und mit oder ohne Grund England zum Kriege zwingen will. Je weniger Grund sie haben, um so gerechtfertigter ist jede Gewalt, um sie zu Boden zu werfen. Infolgedessen kann die Regierung das Problem durch gewissenhafte Ausschöpfung der Frage und Nachforschungen nach dem Übel lösen, das durch friedliche Methoden zu heilen ist. Dies wird Englands Kräfte für den Kampf stärken, falls es zu einem solchen kommen sollte.

Einst ist der Krieg mit Amerika vermieden worden, und der liebe Papa tat mehr zu seiner Verhinderung als irgendein anderer; ebenso kann der Krieg mit dem mißvergnügten Teil der irischen Bevölkerung durch einen dem Terror zugefügten Schlag vermieden werden - denn der Terror unterjocht viele, die keine Kraft zum Widerstand haben. Ein schwierigeres Problem ist niemals einer Nation vorgelegt worden! Es stellt unsere Verfassung, unser nationales Temperament, unsern gesunden Menschenverstand, unsere Energie, unser politisches Verständnis und unsere Staatsmänner auf die Probe. Aber keine Frage war noch so schwierig, daß man nicht einen Ausweg gefunden hätte, und ich vertraue darauf, daß er auch hier zu finden ist. Ist Gladstone der Geist, der ihn finden wird oder nicht? - das ist die Frage. Ich wage sie nicht zu beantworten, da ich es wirklich nicht weiß! Den Willen, den ernstlichen Vorsatz, die Bereitwilligkeit, den Opfermut - ja! Aber er hat einige Schritte getan und einigen Ansichten Ausdruck verliehen, denen man nicht zustimmen kann, da man ihre Klugheit nicht einsieht, und bei denen man nur Goschens, Lord Hartingtons, des Herzogs von Bedford, Argylls und Westminsters Einwürfe teilen kann.

Du mußt wirklich sehr besorgt sein, aber Du hast alles Kluge, Richtige und Anständige getan, was Du konntest und mußt nun darauf vertrauen, daß es gut enden wird. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mit Dir fühle und alle Deine Zweifel, Besorgnisse und Ängste teile. Aber da ich von Natur aus sanguinisch bin, habe ich immer Hoffnungen, und die Zusammensetzung des Kabinetts zeigt bestimmt viele vertrauenerweckende Züge. Sicher wirst Du Lord Salisbury sehr vermissen. Ich hoffe, Lord Rosebery wird ein guter Staatssekretär des Äußeren werden; für seine Ernennung können wir nur dankbar sein."

Zwei Wochen später, am 19. Februar 1886, schrieb die Kronprinzessin an Königin Victoria:

"Ich sehe nicht ein, warum eine besondere Untersuchungskommission der irischen Angelegenheiten, die sich aus Liberalen und Konservativen, natürlich mit Ausschluß der Parnelliten, zusammensetzen müßte, nicht alles, was in der Frage dunkel und verwickelt ist, untersuchen und der Regierung Vorschläge für die Reform und Befriedung machen sollte; nur müßte sie die ganz bestimmte Absicht haben, niemals vor Parnell, den Feniern, den Sozialisten, Anarchisten, Amerikanern, Priestern und Home-Rule usw. zurückzuweichen, sondern Gesetz, Ordnung und Respekt vor der Obrigkeit wiederherzustellen.

Man vertraut nicht darauf, daß Gladstone immer genau weiß, was er tun will oder nicht; wenn man in einer so verwickelten Frage entschlossen ist, etwas nicht zu tun, so hilft das schon zur Klärung des Problems, und man kann dann leichter finden, was am besten zu tun ist. Wenn die Allerradikaisten die Möglichkeit eines Bündnisses mit den Anarchisten in Betracht ziehen, um Reformen durchzuführen, so sollten sich alle Parteien gegen sie vereinigen.

Auch ich bewundere viele der großen Fähigkeiten Mr. Gladstones außerordentlich, wäre aber absolut nicht in der Lage, ihm blindlings zu folgen, da seiner politischen Haltung die festen und sicheren Elemente sehr zu fehlen scheinen, die gerade in diesem Augenblick so unumgänglich notwendig sind, wenn jemand Vertrauen zu seiner Politik haben soll. Ich gestehe, daß mein Vertrauen nicht groß ist."

Im folgenden Juli trat Gladstone infolge allzu großer parlamentarischer Schwierigkeiten zurück. Lord Salisbury ergriff zum zweiten Male das Ruder des Staatsschiffes, um einen von dem seines demokratischen Vorgängers sehr verschiedenen Kurs zu steuern.

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