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Kapitel VIII: Prinz Alexander von Battenberg

Heiraten, besonders Liebesheiraten bilden eine beständige Quelle der Beunruhigung für Eltern. Schwierigkeiten entstehen häufig aus Verschiedenheiten des Temperaments, aus Familienzwistigkeiten oder auch aus Geldfragen; bei einer königlichen Familie werden nicht nur diese Gefahren vervielfältigt, sondern die Furcht vor internationalen Verwicklungen und diplomatische Erwägungen kommen hinzu, um alles noch mehr zu komplizieren. Die Macchiavellis von Europa sehen in einem anscheinend ganz normalen Verlöbnis eine goldene Möglichkeit, eine politische Axt zu schleifen oder einen Schlag zu tun, der der gesamten Politik ein vollständig anderes Aussehen zu geben imstande ist. Unter diesen Umständen werden Prinzen oder Prinzessinnen, die verlobt sind, zu Figuren auf dem internationalen Schachbrett und zu Werkzeugen politischer Intrige gemacht. Eine solche Folge von Ereignissen verwandelte die glückliche Verlobung des Prinzen Alexander von Battenberg mit der Prinzessin Victoria, der Tochter der Kronprinzessin, in eine europäische Verwicklung, die gleichzeitig den Rücktritt des Fürsten Bismarck zur Folge zu haben drohte und deren andere verderbliche Wirkung die Erweiterung des Bruches war, der sich unglücklicherweise zwischen der Kronprinzessin und ihrem ältesten Sohn bemerkbar gemacht hatte.

Im Mai 1886 beklagte sich, als Prinz Wilhelm an einer Ohrenentzündung litt, die Kronprinzessin zum erstenmal bei ihrer Mutter über sein verändertes Benehmen:

"Dr. Bergmann glaubt, daß sich Willy auf dem Wege der Besserung befindet und ist ganz zufrieden. Dr. Trautmann bleibt bei seiner Ansicht, daß die Sache ernsthaft ist und sogar vor zwei oder drei Tagen sehr gefährlich war; beide stimmen darin überein, daß große Sorgfalt aufgewendet werden muß, um das Ohr vollkommen zu heilen. Bergmann glaubt nicht, daß die Entzündung jemals zurückzukommen braucht, und kann am Trommelfell nichts finden; er sagt, daß keine Operation notwendig, die Entzündung zurückgegangen, und keine Absonderung, kein Druck auf das Gehirn oder sonst irgendein schlimmes Symptom zu finden sei. Willy darf aufstehen und im Garten spazierengehen, soll sich aber sehr ruhig halten, und ich fand, daß er ganz gut aussah. Er hielt es nicht für nötig, zu erwähnen, daß er mich zwei Monate lang nicht gesehen hatte, oder daß ich in England und Homburg gewesen war, oder daß seine Schwestern die Masern gehabt hatten. Er fragte weder nach ihnen noch nach Dir oder nach irgendeinem meiner Verwandten in England, so daß ich mich verletzt und verstimmt fühlte, da ich mich so sehr um ihn gesorgt hatte. Er ist ein sonderbarer Mensch! Ein wenig Höflichkeit, Freundlichkeit und Anteilnahme können Wunder verrichten, aber ich erfahre sie jedenfalls niemals von ihm. Da er jetzt nicht wohl ist, werde ich natürlich diesen merkwürdigen Mangel an Aufmerksamkeit nicht bemerken. Immerhin ist es für eine weichherzige Mama sehr schmerzlich, so deutlich zu fühlen, daß ihr eigenes Kind sich nicht darum kümmert, ob es sie sieht oder nicht, ob sie wohl oder krank oder abwesend usw. ist. Dona ist ihm sehr ergeben und verläßt ihn keine Minute. Sie scheinen sehr glücklich und zufrieden zu sein."

Dieser Brief betont die Tatsache, daß in den Jahren, die seit Prinz Wilhelms Heirat vergangen waren, die Beziehungen zwischen Mutter und Sohn kühler geworden waren, ja sogar eine wachsende Abneigung zwischen ihnen sich bemerkbar machte. Prinz Wilhelm, dessen politische Ansichten ihn auf Pfade führten, die von seiner Mutter nicht betreten wurden, hatte sich von aller elterlichen Autorität freigemacht und begann eine wachsende Mißachtung für seine Mutter an den Tag zu legen, was diese so verletzte, wie nur ein Sohn seine Mutter verwunden kann. Es dauerte nicht lange, bis die Zeichen eines offenen Streites auch den Fernstehenden nicht verborgen bleiben konnten. Die unmittelbare Ursache der Mißhelligkeiten war in dem Wunsch der Kronprinzessin zu suchen, daß ihre Töchter, wie Prinz Wilhelm auch, sich nicht aus Staatsrücksichten, sondern aus Liebe vermählen sollten; aber als es offenbar wurde, daß sie Prinz Alexander von Battenbergs Wunsch, ihre Tochter Victoria zu heiraten, unterstützte, stießen die Ansichten der Mutter und des Sohnes zusammen. Nicht nur das kronprinzliche Paar, sondern auch die Königin Victoria betrachtete die Bewerbung des Prinzen mit Wohlgefallen; auf der anderen Seite machte sich schon früh eine entgegengesetzte Strömung geltend, die Fürst Bismarck und der Zar von Rußland begünstigten. Ihr Grund lag nicht fern.

Der Vertrag von Berlin hatte einen neuen Staat, Bulgarien, geschaffen; obgleich dieser nominell unter der Suzeränität des Sultans stand, war man in Rußland der Ansicht, daß er durch die Bande der Rasse und Religion an Rußland gefesselt sei. Die Wahl eines ersten Herrschers für den neuen Staat erweckte bittere Widerstände; endlich wurde im April 1879 der Kandidat des Zaren, Prinz Alexander, gewählt. Prinz Alexander, ein hübscher und anziehender Jüngling von zweiundzwanzig Jahren, war der zweite Sohn des Prinzen Alexander von Hessen, und der Kronprinzessin genau bekannt. Sein ältester Bruder, Prinz Ludwig von Battenberg, war ein naher Freund des Prinzen von Wales und heiratete im Jahre 1884 die Prinzessin Victoria von Hessen, die Tochter Alices, der verstorbenen Schwester der Kronprinzessin. Ein anderer Bruder, Prinz Heinrich, wurde später im Jahre 1886 ebenfalls mit der Kronprinzessin verwandt, da er die Prinzessin Beatrice heiratete.

Unmittelbar nach seiner Wahl für den bulgarischen Thron stattete Fürst Alexander eine Reihe von Besuchen an den verschiedenen europäischen Höfen ab. In Berlin fand er Bismarck sehr freundlich, und in London (Juni 1879) traf er eine gute Freundin in der Königin Victoria, die ihn gern hatte und ihn für "aufrichtig und ehrlich" hielt. Während dieser Besuchsreise lernte er Victoria, die Tochter der Kronprinzessin, kennen, die damals siebzehn Jahre alt war.

Fürst Alexander, der in der Familie "Sandro" genannt wurde, hatte kaum die Last der Souveränität auf sich genommen, als er zeigte, daß er nicht im Fahrwasser Rußlands segeln wollte, sondern die bulgarischen Ansprüche auf vollständige Unabhängigkeit zu unterstützen beabsichtigte. Im September 1883 widersetzte er sich, der jetzt in der Tat Diktator Bulgariens war, endgültig durch die Entlassung des Obersten Redigher und anderer russischer Offiziere dem russischen Einfluß. Die Kronprinzessin schrieb sogleich an die Königin Victoria, da sie es für sehr wichtig hielt, daß England den Fürsten Alexander unterstützen und ermutigen sollte. Die Königin Victoria schickte den Brief am 18. November 1883 an Lord Dufferin, den englischen Botschafter in Konstantinopel, durch dessen Bemühungen die friedlichen Beziehungen zwischen Bulgarien und Rußland wiederhergestellt wurden.

Zwei Jahre später, im Jahre 1885, wurde die projektierte Heirat des Fürsten Alexander mit der Prinzeß Victoria lebhaft, zuerst im geheimen, von der Kronprinzessin unterstützt. Aber als der Plan im Juni oder Juli 1885 Bismarck zu Ohren kam, der den König von Portugal zum Gatten der Prinzessin wünschte, war er zum Scheitern verdammt.

Prinz Wilhelm stellte sich auf Bismarcks Seite, und der erste offene Streit zwischen der Kaiserin und ihrem Sohne wurde dadurch nur noch mehr angefacht.

Für den Augenblick gewann die Gegnerschaft Bismarcks und des alten Kaisers die Oberhand. Aber die Kronprinzessin ließ ihren Plan nicht so leicht fallen und entschloß sich, die Stellung des Fürsten Alexander in Bulgarien zu stärken. Im November 1885 brach der Krieg zwischen Serbien und Bulgarien aus, aber schon im folgenden Monat schien der Friedensschluß wahrscheinlich. Am 5. Dezember 1885 schrieb die Kronprinzessin an Lady Ponsonby:

"Die östliche Frage sieht glücklicherweise in der Tat ein wenig besser aus. Ich bin mit Herz und Seele auf der Seite der Bulgaren und hoffe, daß in Form eines Königreiches, das von den Russen oder Türken unabhängig ist, ein geeinigtes Bulgarien entstehen wird. Das Volk und der Fürst verdienen es, auch würde es für Europa sehr gut sein, da es die Russen hindern würde, sich immer wieder in die östliche Frage zu mischen und Unruhe zu stiften. Es würde die arme alte Türkei, wie ich hoffe, eines natürlichen schmerzlosen Todes ohne neue Zuckungen, Schrecken und neues Blutvergießen sterben lassen. Rußland und Österreich müssen sich eben damit abfinden; die deutsche öffentliche Meinung würde in jeder Weise vollkommen damit einverstanden sein. England hätte Ursache zur Freude, Frankreich und Italien nichts dagegen. Das ist meine Privatansicht. Natürlich kann man sie nicht von den Dächern rufen, da die Regierung und die Diplomatie auf die russische Empfindlichkeit Rücksicht nehmen müssen und sich ihr nicht in den Weg stellen dürfen."

Drei Monate später wurde der Friede zwischen Serbien und Bulgarien unterzeichnet. Ostrumelien wurde nun tatsächlich (obgleich nicht nominell) mit Bulgarien vereinigt, und Fürst Alexander für fünf Jahre Gouverneur der Provinz.

Im Sommer 1886 präsentierte indessen der Zar dem jugendlichen Herrscher, der gewagt hatte, den russischen Absichten zu trotzen, endlich seine lange Rechnung; zwischen Rußland und der Türkei begannen Verhandlungen, die sich auf die Abtretung eines Teiles des bulgarischen Territoriums an Rußland bezogen. Die Kronprinzessin war voller Sympathie für den jungen Herrscher; ihre Haltung wird aus dem folgenden Briefe an ihre Mutter vom 15. Mai 1886 klar:

"Wir haben heute vom Auswärtigen Amt in Berlin gehört, daß aus Bulgarien schlechte Nachrichten vorliegen und daß die Russen sehr heftig agitieren, um hinter Sandros Rücken mit den Türken über die Abtretung des Hafens von Burgas an Rußland zu verhandeln. Vielleicht wäre es gut, ihn vor dieser Gefahr zu warnen. Sein Land würde es ihm niemals vergeben, wenn er den besten Hafen an die Russen abträte. Dies scheint ihre Methode zu sein, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen und aus dem Lande zu treiben. Dazu kommt, daß seine Minister mehr oder weniger falsch gegen ihn sind, daß die Art, in welcher die Union zustande gekommen ist, von ihnen als ein Mißerfolg, eine Niederlage betrachtet wird und daß sie wünschen, ihn vor dem Lande allein dafür verantwortlich zu machen. Sie wünschen alle rumelischen Offiziere vor den Wahlen zu beseitigen, da diese Sandro sehr ergeben sind. Das klingt alles sehr schlecht. Vermutlich hast Du dasselbe erfahren; es lohnt sich aufzupassen und ihm, wenn möglich, einen freundschaftlichen Wink zu geben; seine Lage ist sehr schwer, schmerzlich und gefährlich."

Inzwischen hatte Herr von Giers, der 1875 Gortschakoffs Assistent im russischen Auswärtigen Amt geworden war und für seinen designierten Nachfolger galt, anläßlich seines Badeaufenthalts in Franzensbad einen Besuch bei Bismarck ins Auge gefaßt. Die Kronprinzessin fürchtete eine solche Zusammenkunft und schrieb am 29. Mai 1886 an ihre Mutter:

"Alle diese Reden in Rußland, in Sebastopol, Moskau usw. sind sehr beunruhigend; wenn der Kaiser von Rußland nicht gewillt ist, Krieg zu führen und einen Vorwand zu erfinden, so weiß ich nicht, was die Russen eigentlich wollen. Sie haben augenscheinlich alles versucht, was in ihrer Macht steht - die schlimmsten und verräterischsten Dinge - um Sandro in eine üble Lage zu bringen und eine Revolution in Bulgarien hervorzurufen, ohne den erwarteten Zweck zu erreichen. Zwischen Griechenland und der Türkei scheint es zu friedlichem Ende zu kommen, obgleich dort keine Rosinen im Kuchen zu finden sind. Man sagt, daß Giers nach Franzensbad kommen und den Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe besuchen will. Ich hoffe, daß daraus nichts wird, da noch immer Unheil entstanden ist, wenn diese beiden Männer zusammengekommen sind. Wladimir und Mischka sind morgen in Berlin. Ich werde sie aber nicht sehen, da wir morgen die Herren des Ausstellungskomitees einladen müssen.

Es hat mich sehr interessiert, zu hören, was Sir W. Jenner über Willys Ohr sagte! Ich sehe ihn jeden Tag, und es geht ihm gut; auch ist er sehr viel liebenswürdiger, freundlicher, höflicher, sogar herzlicher in diesen letzten Tagen gewesen..."

Am 6. Juli 1886 stieß Rußland plötzlich die Bestimmung des Berliner Vertrages um, nach der Batum am Schwarzen Meer zum Freihafen erklärt worden war. Lord Rosebery, der englische Sekretär des Auswärtigen, erhob sofort Protest, aber der britische Einfluß in der auswärtigen Politik hatte einen so niedrigen Stand erreicht, daß der Protest nicht berücksichtigt wurde. Ein paar Tage später traten Lord Rosebery und die anderen Mitglieder des liberalen Kabinetts zurück, da die Wahlen dieses Monats Lord Salisbury und der Konservativen Partei die Majorität über alle Parteien im britischen Parlament verschafft hatten.

Einen Monat später, am 8. August, trafen sich der Kaiser von Osterreich und der Deutsche Kaiser in Gastein. Zum Erstaunen der Kronprinzessin war der Kronprinz nicht eingeladen worden, während ihr Sohn Wilhelm es fertig bekommen hatte, seinen Weg zur Konferenz zu finden. Drei Tage später schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"Aus ganz unbezweifelbarer Quelle höre ich, daß mein armer dicker Freund in Petersburg (Sir Robert Morier) über Lord Roseberys Note wegen Batum geäußert hat: 'Ja, er hatte etwas bekommen, aber nichts, das mitgeteilt zu werden verdiente.' Vermutlich wollte er nicht, daß die Deutschen erführen, was für eine Note es war; aber zufällig wußten sie es oder konnten es erraten, daß eine wichtige und bestimmte Note gekommen war oder kommen sollte.

Wir sind ziemlich entsetzt über die Nachricht, daß Wilhelm dem Zusammentreffen der Kaiser in Gastein beigewohnt hat und nach Skierniewice zum Kaiser von Rußland gehen will. Es ist vielleicht nicht wahr, aber da solche Dinge immer zwischen dem Kaiser und Wilhelm, ohne uns um Rat zu fragen oder zu benachrichtigen, ausgemacht werden, kann es möglich sein; ich brauche kaum zu sagen, daß es endlose Unannehmlichkeiten und andauernde Verwirrung stiften würde. Wilhelm ist ebenso blind und grün wie verschroben und hitzig in politischen Dingen. Er schwört auf Reuß VII., der ein törichter, eingebildeter und falscher Mensch ist - russisch bis in die Fingerspitzen. Es ist wirklich ziemlich schwer für uns und unsere Lage sehr peinlich. Ich hoffe immer noch, daß es sich nicht bewahrheitet.

Der berühmte Maler Lenbach ist hier und wird nächste Woche nach England kommen. Willst Du so gut sein und ihm gestatten, die Bilder im Buckinghampalast anzusehen? Prinz Eugen von Schweden besuchte uns gestern. Der Kaiser kommt morgen an."

Vierzehn Tage später erreichte die Feindseligkeit zwischen dem Zaren und dem Fürsten Alexander ihren Höhepunkt. Am 22. August wurde der junge Herrscher in Sofia von russischen Offizieren entführt, nach Keni Russi in Russisch-Bessarabien gebracht und bald darauf mit vorgehaltener Pistole zur Abdankung gezwungen. Es wurde ihm eine Woche später gestattet, nach Bulgarien zurückzukehren; er unterwarf sich, an Leib und Seele gebrochen, und erklärte am 4. September seine Absicht, abzudanken. Am 8. verließ er einfach und würdig Sofia; am 25. kam der General Kaulbars, der russische Bevollmächtigte an und begann eine Politik der Einschüchterung. Fünf Tage später sprach sich Herr von Tisza, der ungarische Premierminister, für die Aufrechterhaltung des Berliner Vertrages und die Unabhängigkeit Bulgariens aus; diese Erklärung stärkte die Haltung der bulgarischen Regenten und des Premierministers Radoslawoff, der nun begann, Kaulbars heftigen Widerstand entgegenzusetzen. Rußlands Antwort bestand in der Entsendung von Kriegsschiffen nach Warna und der Landung von Truppen in diesem Hafen.

"Hat es jemals etwas so Niederträchtiges gegeben", schrieb die Kronprinzessin am 5. Oktober 1886 aus Portofino an die Königin Victoria, "wie das Benehmen Kaulbars' in Bulgarien? Man hätte den Russen bei all ihrer Schlauheit und Arglist eine solche Dummheit nicht zugetraut! Sie werden die ganze Bevölkerung gegen sich aufbringen, was recht gut wäre! Ich hoffe, daß kein neuer Fürst bestimmt werden wird oder, wenn ein russischer Kandidat gewählt werden sollte, daß Europa ihn nicht annehmen oder anerkennen wird. Hoffentlich werden die Russen bald merken, daß sie in ein Wespennest geraten sind. Ihr Benehmen ist zu abscheulich..."

Die Empörung der Kronprinzessin wuchs, als am 1. November die russischen Offiziere, die den Prinzen entführt hatten, aus der Haft entlassen wurden und alle Welt merkte, daß Rußland jetzt und früher mit einer zynischen Verachtung für Verträge und anständiges politisches Verhalten handelte. Der Ärger der Kronprinzessin über diese unwürdigen Tatsachen machte sich in einem Briefe vom 8. November aus Portofino Luft:

"Ich wußte genau, daß Du wie ich die Entlassung der verräterischen greulichen Verschwörer in Bulgarien auf das schärfste mißbilligen würdest. Die Russen haben also sogar die Frechheit und schamlose Kühnheit, der Welt zu erklären, was, wie man glauben würde, sie zu verbergen wünschen sollten, daß nämlich der verächtliche, feige Anschlag gegen Sandro von ihnen geplant und ausgeführt worden ist! Um so besser, daß er nicht von den Bulgaren ausging! Russische Beamte sind jeder Gemeinheit fähig, das ist nichts Neues!

Die ungarischen Reden scheinen mir sehr gut. Der Zar muß übrigens sehr schlecht unterrichtet sein, ich glaube, daß niemals ein wahres Wort zu seinen Ohren kommt - sogenannte absolute Herrscher werden immer betrogen und sind infolgedessen weniger frei in ihren Handlungen - während sie ihren eigenen Wünschen ohne Hinderung oder Rücksichtnahme irgendwelcher Art nachgeben können. Sie werden von denen vorwärtsgetrieben, die wissen, wie sie in Erregung zu bringen sind! Als der tyrannische und gewalttätige Mensch, der er ist, dient er wahrscheinlich den Panslawisten und all den lügnerischen Beamten in seinen Diensten als gefügiges Werkzeug, und dem scheint sich das übrige Europa in diesem Augenblick zu beugen. Es scheint ziemlich erniedrigend, aber ich glaube fest, daß es nicht so bleiben wird.

Was für eine schlimme Zeit müssen die unglücklichen Regenten haben!"

Trotz der Entrüstung Königin Victorias über die Handlungsweise des "barbarischen, asiatischen, tyrannischen Zaren", wie sie an den Fürsten Alexander schrieb, kam die englische Regierung zu der Überzeugung, daß Großbritannien am Unglück des Fürsten Alexander kein unmittelbares Interesse habe. Der schwindende Einfluß Großbritanniens in Europa spiegelt sich im Briefe der Kronprinzessin vom 7. Februar 1887 an ihre Mutter wider:

"Wir haben aus Petersburg gehört, daß der Zar mit großer Verachtung von England spricht, sagt, daß es sich schon vollkommen von der europäischen Politik zurückgezogen habe, zu schwach sei, an ihr teilnehmen zu können und in keiner Weise zu fürchten sei. Andere Russen behaupten, daß an Bord eines englischen Kriegsschiffes keine Kanone abgefeuert werden könne, daß kein einziges Gewehr in der britischen Armee oder Flotte ein passendes Bajonett habe, da sie alle aus Ersatzstahl und unbrauchbar seien; daß die englische Munition wertlos sei und nicht in die Geschütze passe und die ganze englische Armeeverwaltung sich in so schlechtem Zustande befinde, daß sie niederbrechen würde, wenn England einen Krieg wagen sollte; der britische Löwe habe keine Zähne usw. ...

Gestern schien man etwas weniger über die Kriegsgefahr erregt; aber die Angst ist immer noch groß."

Die konservative Regierung des Lord Salisbury, die Gladstones liberales Ministerium im Jahre 1886 abgelöst hatte, begann indessen nunmehr ein großes Interesse an den europäischen Angelegenheiten zu nehmen, die im März 1887 so dunkel erschienen, daß ein Sturm bevorzustehen drohte. Österreich und Rußland lagen sich wegen der Frage ihres Einflusses auf der Balkanhalbinsel in den Haaren.

Während diese Frage drohend am europäischen Himmel hing, kam der Kronprinz Rudolph von Österreich, Erbe des Kaisers Franz Joseph, der 1881 die Prinzessin Stefanie, zweite Tochter des Königs Leopold II. von Belgien, geheiratet hatte, nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt hatte er eine Reihe von Besprechungen mit dem Kronprinzen und der Kronprinzessin. Nach einer von diesen schrieb die Kronprinzessin am 17. März 1887 an die Königin Victoria:

"Heute hatte Rudolph eine sehr lange interessante Unterhaltung mit Fritz und mir. Er sagte, daß nach seiner Meinung der Krieg unvermeidlich sei (was wir nicht glauben). Er betonte, wie außerordentlich wünschenswert ein gutes Verständnis zwischen England, Deutschland, Österreich und Italien wäre. Besonderen Wert schien er auf das gute Einvernehmen zwischen Österreich und England zu legen und sagte, daß die österreichische Regierung fürchtete, nicht in der Lage zu sein, eine wertvolle Entente zu sichern, denn, obgleich Lord Salisbury wohl dafür wäre, die englischen Kabinette und mit ihnen die Politik des Landes wechselten so oft, daß es schwierig sei, sich auf Englands Hilfe und Wort zu verlassen. Er wiederholte, daß der Graf Kalnoky (der österreichische Minister des Auswärtigen) in seinen Empfindungen und Sympathien ganz englisch empfinde - daß Sir A. Paget (der englische Botschafter) eine ausgezeichnete Stellung in Wien habe und sehr beliebt sei. Rudolph schien zu glauben, daß Graf Karolyi (der österreichische Botschafter in London) so hinfällig sei, daß er nichts nützen könne und nur noch wenige Monate seinen Posten bekleiden würde. Rudolph beklagte ferner, daß die älteren österreichischen Beamten gewohnheitsmäßig sich vor Rußland beugten, daß sie die Forderungen des gegenwärtigen Augenblicks vergäßen; er fürchtete, daß es hier nicht anders sei, was wir natürlich nicht leugneten! Rudolph glaubt, daß, wenn in dem bevorstehenden Kriege England nur im Schwarzen Meere Hilfe leisten und die Türken in Ordnung halten und sie an einer Vereinigung mit den Russen hindern würde, der Dienst, den es der Welt damit leisten könnte, ungeheuer sei. Er meinte sehr vernünftigerweise, daß man in einem Kriege Rußland nicht ernstlich zu schädigen vermöge - man könne ihm keine Provinzen nehmen usw.; der einzige positive Nutzen, den man zu erreichen imstande sei, wäre, Rußland von der Gewinnung seiner Ziele und der freien Betätigung seines Willens abzuhalten. Er scheint zu glauben, daß Rußland Österreich in Galizien angreifen will; es sei von größter Wichtigkeit, daß Italien sich ruhig verhalte und Österreich nicht angreife, so daß letzteres keinen Soldaten an der italienischen Grenze lassen müsse, sondern alle verfügbaren Kräfte im Norden verwenden könne. Rudolph glaubt, England könne von außerordentlichem Nutzen sein, wenn es dafür sorge, daß Italien ruhig bleibt, d. h. darauf achte, daß es sein Versprechen hält, da die italienischen Kabinette ebenfalls sehr schnell wechselten und die Politik sehr wandelbar sei. Rudolph meint, daß, wenn Deutschland Österreich gegen Rußland hilft, die Franzosen sofort Deutschland angreifen und der kommende Krieg sehr ernst sein würde! Er hält Frankreich für stärker, besser bewaffnet, besser vorbereitet und patriotischer als früher - auch Rußland für kampfbereiter als im Russisch-Türkischen Krieg, aber so schlecht geleitet und mit Mißtrauen erfüllt, daß die Regierung schon deswegen den Krieg wünschte, um eine Ablenkung zu schaffen. Rudolph sagt, man könne nicht leugnen, daß gegenwärtig Rußland die erste Geige in Europa spiele, die stärkste Macht sei und den übrigen ihren Willen aufzwänge; daß dies eine beständige Gefahr bedeute, da es jederzeit imstande sei, Frankreich auf seine Seite zu ziehen. Man könne es nur durch eine Allianz der vier obenerwähnten Mächte in Schach halten. Er behauptet endlich, daß der Sultan England und Österreich mißtraue und fürchte, während er sich an Rußland anzulehnen vermöge, da er eine große Vorliebe für die Russen und den Zaren habe. Rudolph hatte bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel häufig genug Gelegenheit, dies zu bemerken.

Rudolph erzählte, sein Vater sei immer noch über das Benehmen der Russen in Bulgarien wütend - er selbst denkt wie Fritz und ich. Ich konnte ihn nicht zu einer Äußerung über die Idee des Donaureiches bewegen, das, wie ich verschiedentlich hörte, sein Steckenpferd ist. Er sprach mit wundervoller Klarheit, Klugheit und gesundem Menschenverstand, ist vollkommen im Bilde über alles und mit verschiedenen schwierigen Botschaften an den Fürsten Bismarck betraut worden. Er ist sich vollkommen klar, daß seine Ansichten mehr mit unseren als mit denen des Kaisers oder Willys übereinstimmen."

Inzwischen suchte man nach einem neuen Herrscher für den Thron von Bulgarien. Am 22. April 1887 schrieb die Kronprinzessin an ihre Mutter:

"Glaubst Du, daß Ferdinand von Glücksburg als Kandidat für den bulgarischen Thron aufgestellt worden ist? Wir hören, es sei streng geheim; ein Prinz habe sich gefunden, obgleich man nicht weiß, wer es ist. Soviel ist sicher, daß die armen Bulgaren in so schlimmer Lage sind, daß sie jeden Fürsten annehmen werden, der in irgendeiner Weise wählbar ist. Da Ferdinand der leibliche Vetter von Minny ist, ist es möglich, daß man an ihn gedacht hat...

Europa ist sehr kurzsichtig gewesen, da es scheinbar glaubte, durch das Fallenlassen der Bulgaren, die man ihrem Schicksal überließ, peinliche Fragen und einen Krieg vermeiden zu. können. Das scheint mir eine falsche Rechnung zu sein. Wenn Fürst B. anständig gewesen wäre, hätte er Sandro wissen lassen (weil er ein Deutscher war), daß Deutschlands Lage sich geändert habe, seine Politik betreffs Bulgarien anders geworden sei, und er und sein Land im Stich gelassen werden würden; statt dessen mußte Sandro das selbst unter Lebensgefahr herausfinden. Das war mehr als häßlich von einem Staatsmann, der Sandro zur Annahme seiner Stellung geraten hatte. Wenn er Sandro offen und ehrlich geraten hätte, abzudanken, nach Deutschland zurückzukehren und das Spiel aufzugeben, da die Russen entschlossen seien, ihn zu vernichten, und Deutschland nicht eingreifen wollte, hätte sich Sandro zurückziehen können, wann es ihm paßte. Statt dessen wurde er rücksichtslos der Verräterei und Treulosigkeit der Russen geopfert und wird jetzt zu Hause schlecht behandelt, womit man ihnen einen Gefallen tun und Fürst Bismarcks Benehmen gegen sein Opfer in seinen eigenen Augen rechtfertigen will. Außerdem versucht er, sein Benehmen gegen Sandro als richtig hinzustellen, indem er jede lächerliche Lüge und Verleumdung, die verbreitet werden, für bare Münze nimmt. Das kann unparteiische Leute nicht täuschen, schmerzt aber alle die sehr, die Sandro lieben und verehren. Rußland wendet scheinbar die Augen nach Ägypten und Afghanistan und glaubt dort ein vielversprechendes Feld finden zu können, um nach seinem Gefallen Unruhe zu stiften. Rußlands Zustand scheint zum mindesten sehr unbefriedigend zu sein. Ich weiß nicht, was Morier schreibt, aber wir hören, daß man auf neue Attentate gegen das Leben des Kaisers gefaßt ist.

Um zu dem zurückzukehren, was Du in Deinem letzten Briefe über Ernst Günther [Herzog von Schleswig-Holstein] gesagt hast: es erfüllt mich mit Kummer, daß er so wenig Dankbarkeit und richtiges Gefühl gegen Christian und Lenchen zeigt, die so viel für ihn getan haben, und daß er nur an sich selbst und nicht an seine Vettern denkt. Es ist gar nicht nett und überrascht bei dem Sohn Fritz Holsteins um so mehr! Allerdings nicht überraschender und schmerzlicher, als daß unser Sohn sich so benimmt, wie er es tut; er vergißt all seine Liebe und Dankbarkeit und läßt sich als Werkzeug gegen seine Eltern benutzen. Wilhelm hat mehr Verstand als Ernst Günther und kann, wenn er will, sehr freundlich und liebenswürdig sein! Sie sind beide eitel und selbstsüchtig und haben beide die alleroberflächlichsten, törichtesten politischen Ansichten - dank allem möglichen rückständigen und chauvinistischen Unsinn, den sie in ihrer kindischen Unwissenheit fanatisch lieben, und der sie jeden nach seiner Art handeln läßt, wie sie es tun. Dem Kaiser, Bismarck und seiner Clique sowie dem Hof gefällt es, so daß sie sich sehr groß und erhaben dünken. Bismarck ist ein großer Mann, und Du weißt, daß ich immer bereit bin, ihm zu geben, was ihm gebührt, und mich bemühe, möglichst gut mit ihm auszukommen, aber sein System ist verderblich, das jungen Leuten nur in jeder Weise schaden kann - nämlich seinen blinden Gefolgsleuten und Bewunderern und allen denen au schmeicheln, die durch Servilität und beständiges Nachgeben allen seinen Wünschen und Launen gegenüber vorwärtskommen wollen. Alle diese sind jetzt Wilhelms Freunde, mit denen er auf dem besten, intimsten und familiärsten Fuße steht. Es ist leicht zu sehen, wie schlecht und gefährlich dies für ihn und uns ist. Es ist genau so gekommen, wie wir dachten, als der Kaiser und Bismarck alle Einwürfe und Vorhaltungen Fritzens überrannten. Wilhelms Urteil wird dadurch verkehrt, sein Geist vergiftet. Er ist nicht klug oder erfahren genug, um das System und die Menschen zu durchschauen. Infolgedessen tun sie mit ihm, was sie wollen. Er ist so dickköpfig; kann nicht die geringste Kritik außer der des Kaisers vertragen und ist so argwöhnisch gegen jeden, der Bismarck nur mit halbem Herzen bewundert, daß es ganz unnütz ist, ihm eine bessere Meinung beibringen, mit ihm sprechen, oder ihn überreden zu wollen, auf andere Leute und Meinungen zu hören! Die Krankheit muß ihren Verlauf nehmen, und wir müssen auf spätere Jahre und veränderte Umstände hoffen; die ihn heilen, können. Fritz nimmt es sehr ernst, während ich geduldig bin und den Mut nicht verliere. Es ist schließlich eine sehr natürliche Folge davon, daß der Kaiser das Gegenteil von allem, was wir für Wilhelm wünschten und für gut hielten, durchgesetzt hat und ebenso die natürliche Folge von Bismarcks Allmacht. Ich hoffe, Du wirst an all dieses nicht denken, wenn Du Wilhelm triffst, und so freundlich zu ihm sein wie immer - das Gegenteil wäre nicht gut, er würde es nicht verstehen, und es würde nur seinen Trotz stärken. Da Du so weit von uns entfernt lebst, bist Du nicht im Verdacht, dies alles zu wissen. Ich glaube und hoffe, daß sein Besuch in England ihm sehr gut tun wird, da er gern dort ist und es viel zu wenig kennt! Er würde entzückt sein, reisen zu können, Indien, China, Amerika und Australien kennenzulernen, aber der Kaiser will es ihm nicht erlauben. Es wäre ausgezeichnet für ihn.

23. April.

Ich muß Dich wirklich um Entschuldigung bitten, da ich so viel über uns selbst geschrieben habe, aber meine Feder läuft mir fort, wenn ich an den lieben und freundlichen Geist denke, an den meine Worte gerichtet sind. Der Traum meines Lebens war, einen Sohn zu haben, der unserem geliebten Papa ähnelte, seelisch und geistig, sein richtiger Enkel und auch Dein Enkel sein würde. Waldie flößte mir Hoffnung ein, daß er es werden würde. Seine Natur war von Anfang an vielversprechend, ich sah es vom ersten Tage an mit Stolz und Freude und glaubte, daß ich ihm eines Tages von Nutzen sein könne. Er ist von mir gegangen! Für Heinrich kann ich nur von beschränktem und für Wilhelm von gar keinem Nutzen sein! Aber man muß sich vor dem Fehler hüten, mit seinen Kindern zu hadern, weil sie nicht sind, wie man wünschte und hoffte. Man muß lernen, Träumen nicht nachzuhängen und die Dinge und Menschen zu nehmen wie sie sind - man kann nicht mit der Natur kämpfen, die ihren Weg am besten kennt, obgleich sie uns grausam und widerspruchsvoll bis zum letzten vorkommt; nur fühlt man sich am Ende etwas einsam.

Fürst Bismarck hat so viel Brutales und Zynisches, so wenig Anständiges und Ehrliches in seiner Natur, er ist ein Mensch aus einem ganz anderen Jahrhundert, daß er als Beispiel oder Ideal sehr gefährlich wird. Er ist ein Patriot und ein Genie, aber als Lehrer kann man sich keinen schlimmeren denken. Wilhelms Ansichten sind heutzutage in Deutschland sehr verbreitet - sie sind zur Hälfte an der ungeheuren Macht Bismarcks schuld, zur Hälfte hat dieser sie geschaffen, aber sie bedeuten nur eine Phase in der Entwicklung Deutschlands, und zwar, wie ich glaube, eine gefährliche und ungesunde, da sie eine schlechte Vorbereitung zur Lösung all der schwierigen und ernsten Fragen sind, welche die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre beschäftigen werden."

Eine Woche später, am 29. April, schrieb die Kronprinzessin, die noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hatte, daß Fürst Alexander seinen Thron wiederbekommen könne, an Königin Victoria:

"Wenn nur die Regentschaft einige Zeit in Bulgarien andauerte und die Übeltäter bestraft, die Konstitution abgeändert und zur rechten Zeit das Königreich proklamiert werden könnte, wäre Sandro imstande, zurückzukehren... Natürlich verbietet Fürst Bismarcks freundliche Haltung gegen Rußland, der Angelegenheit auch nur einen Gedanken zu schenken. Er würde niemals den Bulgaren oder Sandro einen offiziellen oder inoffiziellen Rat geben und hält sich von dieser Frage vollkommen fern, da er sich gerade so die Russen ohne besonderes Opfer am leichtesten geneigt machen kann. Ich glaube nur, daß all dieses Sichgeneigtmachen keinen Sinn hat, da die Russen doch tun, was sie wollen und sich mit den Franzosen verbünden werden, wenn sie den passenden Augenblick für gekommen halten. Im Augenblick halten sie infolge des guten Einverständnisses unter den anderen Mächten den Zeitpunkt für sehr ungünstig! Wenn jemals Rußland und Deutschland Feinde würden, bekommt Bulgarien die größte Wichtigkeit; diese Eventualität halten unsere besten Militärs mehr im Auge als Bismarck - sie alle blicken auf Sandro, schätzen seinen militärischen Ruf, seine Talente, seine staatsmännischen Eigenschaften und halten ihn für eine Trumpfkarte, obgleich eine solche Gelegenheit vielleicht niemals eintreten wird."

Eine Nachschrift, welche die Kronprinzessin hinzufügte, wirft ein weiteres Licht auf ihre Meinung über Bismarck. Acht Tage früher war Herr Schnäbele, der französische Bahnhofsvorsteher in Pagny, wenige Meter diesseits der deutschen Grenze verhaftet und in Metz gefangengesetzt worden. In der französischen Presse wurde sogleich über diese unwürdige Behandlung ein lautes Geschrei erhoben, aber die Kronprinzessin glaubte nicht an irgendwelche schlimmen Folgen.

"In der Schnäbele-Affäre", schrieb sie, "wird sich nach meiner Ansicht Fürst Bismarck sehr mild und versöhnlich zeigen, um absichtlich die Empfindungen der Franzosen nicht zu verletzen. Wenn er versöhnlich sein will, kann er es, wie die Karolineninsel-Affäre mit Spanien zeigte; es hängt einfach von seinem Willen und seiner Laune ab."

Die Kronprinzessin hatte recht, denn am gleichen Tage, am 29. August, wurde Herr Schnäbele entlassen, und die Affäre hatte ein Ende.

Im vorhergehenden Monat, am 7. Juli, war Prinz Ferdinand, der jüngste Sohn des Prinzen August von Sachsen-Koburg und der Prinzessin Clementine von Bourbon-Orleans (der Kronprinzessin als Tante Clem bekannt), vom bulgarischen Parlament zum Fürsten von Bulgarien gewählt worden. Die Großmächte beschlossen, seine Souveränität nicht förmlich anzuerkennen, so daß seine Lage von Anfang an ziemlich schwierig war.

Im folgenden Monat besuchte der Zar Berlin; bei dieser Gelegenheit wurden die bulgarischen Angelegenheiten wieder zum Gegenstand von Besprechungen gemacht. Am 29. November 1887 schrieb die Kronprinzessin an die Königin Victoria:

"In Berlin wird jetzt viel Aufhebens von dem Besuch des Zaren und der Unterhaltung mit Bismarck, seinen Drohungen und Hieben gegen den Hof und die Familie der Orleans gemacht! Ich hätte mich nicht gewundert, wenn Bismarck einen Stein auf Sandro geworfen hätte, um dem Zaren zu gefallen. Die ganze Angelegenheit ist weder erfreulich noch würdig, und ich bin herzlich froh darüber, daß wir nicht darein verwickelt sind; aber es ist sehr schlecht für Willy."

Bismarcks unveränderliche Haltung gegen den Fürsten Alexander beruhigte indessen den Zaren und seine Minister nicht, die immer noch entschlossen waren, Bulgarien ganz unter russischen Einfluß zu, bringen. In der Folge schien es so, als könnte wiederum zwischen der Türkei und Rußland wegen der Frage des Fürstentumes Krieg ausbrechen, und am 5. Januar 1888 schrieb die Kronprinzessin:

"Die Politik ist nicht sehr ruhig, aber ich denke und hoffe, daß Fürst daß der Krieg vermieden werden kann. Ich glaube, Bismarck viel zu sehr bemüht ist, Rußland seine Gleichgültigkeit für alles, was es in Bulgarien tun will, zu beweisen! Rußland wird das schon lange gewußt haben, und wenn nicht, so nützt all der Schmutz, den Fürst Bismarck auf Ferdinand und die armen Orleans' zu werfen bemüht ist, gar nichts. Ich kann diese mittelalterliche Art, Politik zu treiben, nicht bewundern. Im 19. Jahrhundert dürfte es kaum richtig sein, eine Seite aus dem Buch der Medici herauszureißen; ich liebe Ehrlichkeit und Offenheit, Anständigkeit und Einfachheit und seufze und verlange und schmachte danach! Ich bin eines Systems müde, das sich niedriger Mittel bedient, wenn es auch von einem noch so großen Mann geleitet wird, und seine Erfolge, sein Glanz von einem Haufen kurzsichtiger Bewunderer verehrt werden, die sich selbst, da ihrer nationalen Eitelkeit geschmeichelt wird, als große Patrioten vorkommen, während das Niveau der nationalen Gefühle und die nationalen Ziele niedriger und schlechter werden. Wie lange, wie lange soll das noch dauern! Vermutlich wird es länger als unsere Lebenszeit währen! Fürst Bismarcks Macht und Ruhm sind größer denn je. Der arme liebe Kaiser ist nur ein Schatten, während Willy dem Fürsten Bismarck als williges Werkzeug und Gefolgsmann dient! 'Manchmal ist ein Unglück gut.'"

Der russische Zorn gegen die bulgarischen Wünsche wuchs immer mehr und mehr; es wurde klar, daß, wenn die Signatarmächte des Berliner Vertrages nicht einen diplomatischen Druck auf Rußland ausüben konnten, ein zweiter Versuch gemacht werden würde, den bulgarischen Herrscher zu unterwerfen. Am 8. Januar schrieb die Kronprinzessin:

"Ich höre aus den besten Quellen, daß Fürst Bismarck alles tut, was in seinen Kräften steht, um den Krieg zu vermeiden, und gerne möchte, daß England sich bereit erklärt, die drei alliierten Mächte, Deutschland, Österreich und Italien tatkräftig zu unterstützen. Fürst Bismarck war auch nicht mit dem Gerücht über Fritzens Abdankung usw. einverstanden, ebensowenig damit, daß Wilhelm und Dona die Stöckerversammlung besucht haben. Ich glaube nicht, daß ein Krieg kommen wird! Meiner Ansicht nach wird Rußland, wenn es sich so vielen Gegnern gegenübersieht, die Hörner einziehen und sich nicht auf ein so gefährliches Abenteuer einlassen...

Der Kaiser ist nicht ganz wohl, da er wieder einen seiner zwar nicht gefährlichen, aber sehr schmerzhaften Anfälle hat, die ihn, fürchte ich, schwächen. Bernhard ist aus Meiningen zurückgekehrt, wo die Trauer um seine Großmama tief und allgemein ist... Ich möchte wissen, ob alle diese Dinge in den Augen Bismarcks lächerliche Donquichotterien bedeuten; was haben wir unter seinem Regime gelitten!!! Wie außerordentlich verderblich ist sein Einfluß auf seine Schule, seine Angestellten und das politische Leben in Deutschland gewesen. Es ist fast unerträglich, in Berlin zu leben, wenn man nicht sein ergebener Sklave ist!!! Seine Partei, seine Nachfolger und seine Bewunderer sind fünfzigmal schlimmer als er! Man hat das Gefühl, als müßte man laut nach Erlösung schreien; würde dieser Ruf beantwortet, könnte man einen tiefen Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Es wird Jahre dauern, bis all das Unglück wieder gutgemacht ist! Natürlich denken alle, die nur die Außenseite der Dinge sehen, daß Deutschland stark, groß und einig ist, eine furchtbare Armee (in Kriegszeiten 3 000 000 Mann), einen Minister, welcher der Welt seinen Willen diktieren kann, einen Herrscher, dessen Haupt mit Lorbeer gekrönt ist, und einen Handel hat, der auf dem besten Wege ist, alle anderen zu übertreffen, da sich das deutsche Element überall in der Welt bemerkbar macht (auch da, wo es weder beliebt ist noch mit Vertrauen angesehen wird). Diese Leute können sich nicht denken, daß wir irgendeinen Grund zur Klage haben, sondern glauben, wir hätten nur dankbar zu sein. Wenn sie nur wüßten, um welchen Preis dies alles erkauft ist! Vielleicht denkst Du, daß ich nur Unglück krächze."

Eine Woche später, am 14. Januar, schrieb sie:

"Ich hoffe und vertraue, daß Europa nicht so töricht sein und Ferdinand zwingen wird, Bulgarien zu verlassen, da dies nur eine Einladung an Rußland zur Besitzergreifung des Landes bedeutete, die wirklich ungerecht wäre. Warum sollte das unglückliche Land, das sich so spät befreit hat, von ganz Europa unter das russische Joch zurückgezwungen werden? Wie traurig ist es, das ganze Lebenswerk Sandros wieder ungetan zu sehen, ebenso wie seine heroischen Anstrengungen zur Befreiung seines Volkes als nutzlos erkennen zu müssen. Man kann nicht viel Sympathie mit Ferdinand haben; wenn ihn aber die Bulgaren als Herrscher haben wollen, er sich selbst halten kann und dort bleiben will, welches Recht hat dann Europa, ihn zu entthronen, und welche Neigung, auf Rußlands Bitten die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Rußland will Bulgarien haben, fürchtet aber einen großen Krieg und wünscht infolgedessen, daß die anderen ihm helfen, d. h. den Großen und Unterdrücker gegen den Kleineren und Schwächeren unterstützen! Es wäre wirklich eine Schande. Ich kann mir nicht denken, daß England oder Italien oder Österreich so etwas tun würden. Deutschlands Politik ist durchgängig so gemein und zynisch gewesen, daß ich mich nicht wundern sollte, wenn es raten würde, das Land wieder unter russische Herrschaft zu stellen, so wenig kümmert es sich um die legitimen Ansprüche einer kleinen Nation. Trotzdem glaube ich aber, daß seine Einmischung nicht sehr tatkräftig sein würde. Rußland kann sich nur auf zweierlei Weise Bulgariens bemächtigen: die eine ist eine militärische Besetzung, welche Krieg bedeutet, die andere wäre die oft versuchte Methode, durch Verschwörungen, Aufwiegelungen, geheime Agenten und Banden von Montenegrinern oder Mazedoniern, wie jetzt in Burgas, Unruhe zu stiften, aber die Bulgaren scheinen ganz gut in der Lage zu sein, mit diesen Versuchen, ihre Regierung zu stürzen, fertig zu werden.

Ich glaube nicht, daß es zum Kriege kommen wird, der Zar will keinen, und Fürst Bismarck tut alles, um ihn zu verhindern. Auch die Franzosen sind jetzt ruhiger."

In den ersten Tagen des Jahres 1888 besuchte Lord Randolph Churchill, ein Freund des Prinzen von Wales, Petersburg mit der Absicht, eine Möglichkeit zu finden, um der englisch-russischen Verständigung die Wege zu ebnen. Er kam vollständig inoffiziell, und sein ganzer Besuch schien der Kronprinzessin "schlecht beraten". Unterwegs in Berlin traf Lord Randolph Sir Robert Morier, den englischen Botschafter in St. Petersburg, der gerade auf Urlaub war. Sir Robert warnte den privaten Emissär Englands vor jeder Aussprache über die internationale Lage mit maßgebenden Persönlichkeiten in Rußland. Lord Randolph beachtete die Warnung nicht und hatte bezügliche Unterredungen nicht allein mit Herrn von Giers, dem russischen Kanzler, sondern auch mit dem Zaren, und drückte in unmißverständlicher Sprache seine Ansicht aus, daß die russischen und englischen Interessen die gleichen seien. Seine Handlungsweise fand keineswegs den Beifall der Königin Victoria und wurde von der Kronprinzessin energisch zurückgewiesen, die am 31. Januar schrieb:

"Ich halte Lord Randolph Churchills Besuch in Petersburg für sehr gefährlich. Es ist kindisch von ihm, wenn er Englands Politik unter der liberalen Regierung freundlich und loyal gegen Rußland nennt. Rußland ist niemals loyal gegen irgend jemand, daher ist es unmöglich, sich an geschriebene Vereinbarungen zu halten oder freundlich zu sein; obgleich es nicht nötig ist, in das Gegenteil zu verfallen. Das einzig richtige ist, man darf Rußland nicht überflüssigerweise beleidigen, ihm niemals trauen oder glauben und muß immer auf dem qui vive bleiben. Ich fürchte, daß die loyale und freundliche Haltung gegen Rußland auf Schwachheit und Gleichgültigkeit, Blindheit den wahren Tatsachen gegenüber, eine unzulängliche Kenntnis der östlichen Frage und ihrer direkten und indirekten Einflüsse in Indien zurückzuführen ist. Morier gehört zu einer Diplomatenschule - und Lord R. Churchill hängt ihr augenscheinlich an -, nach deren Ansicht Indien vollkommen vom übrigen Osten getrennt ist, und die glaubt, daß die Ereignisse in der mohammedanischen Welt der Türkei oder der östlichen russischen Provinzen Indien in keiner Weise betreffen. Das ist nicht der Fall. Ich wundere mich, daß diejenigen, die sich als die Freunde der Schwachen, Unterdrückten, der Freiheit und der Zivilisation betrachten, so ruhig mit ansehen, wie die Völker des Balkans ihren Willen wiederum unter russische Tyrannei und Unterdrückung beugen sollen, und die Gefahr so gering schätzen, daß Rußland seine Macht über diesen Teil der Welt zum Schaden Österreichs, zum Schaden der Balkanbevölkerung und bestimmt zur Schwächung unserer eigenen Macht ausbreitet! Warum sollte der Rest des zivilisierten Europas Rußland in allem nachgeben? Der schlechtesten Regierung und dem allerkorruptesten Staate! Ich kann es nicht verstehen!! Rußland wird keinen Krieg anfangen wenn es sieht, daß das übrige Europa (mit Ausnahme von Frankreich) ihm Widerstand bietet.

Ich hoffe, Morier wird in Petersburg weiter kein Unheil anrichten! Es ist sehr leicht möglich, daß er augenblicklich wegen Crispi gefährlich wird. Alles, was die guten Beziehungen zwischen England und Italien stören könnte, würde eine große Gefahr bedeuten."

Indessen schadete Lord Randolphs Besuch nicht sehr viel und gewann die Zustimmung des Prinzen von Wales. Internationale Beziehungen waren indessen damals nicht so beschaffen, daß sie durch höfliche Phrasen entspannt werden konnten. Besonders war dies mit der bulgarischen Frage der Fall; die Kronprinzessin schrieb am 15. Februar:

"Ich will nichts von der Politik sagen, nur daß nach Fritzens Ansicht endlose Schwierigkeiten die Folge sein werden, wenn etwas so Törichtes unternommen wird wie der Versuch, Bulgarien mit Einwilligung der Mächte wiederum gegen seinen Willen unter Rußlands Kontrolle zu stellen. Die Entwicklung der Unabhängigkeit dieses Landes verdankte ihren Ursprung nicht der Initiative oder dem persönlichen Ehrgeiz seines früheren Herrschers - es war eine durch und durch natürliche und volkstümliche Bewegung (trotz Fürst Bismarcks Versuch, sie in seiner Rede als das Gegenteil hinzustellen). Diese Bewegung war verursacht durch das üble Vorgehen der Russen und ihre Versuche, alle Bestrebungen zur friedlichen Schaffung von Ordnung und wirtschaftlichem Fortschritt in diesem Lande zu vernichten und einen unaufhörlichen Krieg gegen die Regierung dieses Landes zu führen, der zuletzt die Bevölkerung in Verzweiflung brachte und in ihr den festen Entschluß reifen ließ, ebensowenig eine russische Provinz zu werden, wie Griechenland, Serbien oder Rumänien es wollten. Wenn also die liberalen Mächte Rußlands Verlangen nachgeben (das Rußland förmlich stellen würde, sobald es glaubt, daß man ihm nachgeben würde), werden sie erstens eine Ungerechtigkeit und zweitens einen Fehler begehen."

Der Zustand in Bulgarien blieb in den nächsten zehn Jahren derselbe; im März 1896 erkannten die Großmächte mit Einschluß Rußlands den Prinzen Ferdinand offiziell als Fürsten von Bulgarien an.

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