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Vorwort Wilhelms II. zur ersten Auflage als Nachwort

In England sind Briefe der Kaiserin Friedrich, meiner Frau Mutter, veröffentlicht worden, die der vorliegende Band enthält. Ich will nicht weiter untersuchen, auf welche Art und Weise diese Briefe wieder nach England gelangt sind, die noch bis kurz vor ihrem Tode im Besitz meiner Mutter waren, da sie sich von Ihrer Majestät der Königin Victoria, meiner Frau Großmutter, die Briefe zurückerbeten und nach Deutschland hatte kommen lassen. Was sie damit wollte, drückte sie meiner Frau Großmutter aus in einem "Memorandum über die Sammlung von Material für eine Lebensbeschreibung von Fritz" - meines Herrn Vaters.

"Da ich niemals ein Tagebuch geführt habe, bestehen die einzigen Dokumente unserer dreißigjährigen Ehe in den Briefen an meine liebe Mama und in meiner Korrespondenz mit Fritz. Die liebe Mama würde mir einen unendlichen Dienst erweisen, wenn sie gestattete, daß eine diskrete Vertrauensperson unter Sir Th. Martins Leitung Auszüge aus meinen Briefen an sie anfertigte, welche die politischen Ereignisse, Hofangelegenheiten und unser Leben hier usw. betreffen, mit dem Endzweck, daß ich eine Auswahl dieser Auszüge machen und übersetzen lassen kann."

Wie weit meine Mutter in einer solchen Auswahl gehen wollte, ist unbestimmt.

Wie dem auch sei: ich will mich auch nicht damit beschäftigen, wie weit mit der Veröffentlichung in England die Absichten der Kaiserin erfüllt worden sind. Die Veröffentlichung liegt vor, und ich wünsche, auf dem Standpunkt des Sohnes ebenso wie der die ganze Wahrheit zum Schlusse stets selbst erkennenden Geschichte stehend, daß kein Versteckspiel und keine Verdunkelung mit einem so großen Dokument getrieben werde, wie es im Ganzen und Allem die Briefe meiner Frau Mutter sind. Die deutsche Ausgabe enthält sie in völlig unveränderter Form und vollzählig gegenüber der englischen Veröffentlichung. Es wird ein jeder von selbst die Persönlichkeit und die Schwere der Zeit erfassen, die in dieser nach Inhalt und Bedeutung beispiellosen Sammlung niedergelegt sind.

Meine Frau Mutter, die "Princess Royal", wie sie bei sich zu Hause, am Hofe und im englischen Volke genannt wurde, kam nach Deutschland als eine blühende, durch ihre Schönheit alle bestrickende, hohe Dame, deren große geistige Begabung und Bedeutung sich sofort überall Geltung verschaffen mußten. Sie kam aus einem Lande, das mit dem Kontinent innerlich nur wenig zu tun hatte, das seit Jahrhunderten ein eigenes Leben geführt und eine eigene Entwicklung gehabt hatte, anders als die Überlieferungen und das Wachstum des Landes waren, in das sie einzog. Die Luft großer Staatsmänner, häufiger gedeihend auf des nebligen Inselreiches Boden, als anderswo, die Luft eines in selbständiger Politik erzogenen und seine Söhne immer weiter erziehenden Volkes hatte sie stets umweht. Die "Princess Royal" war die Tochter einer großen, alles überragenden Königin, die, bedeutender als Katharina von Rußland und glücklicher als die Kaiserin Maria Theresia, im Reichtum des mächtigsten Volkes der Erde, das sich ihr in Verehrung beugte, einem ganzen Zeitalter das Gepräge gab. Von der Königin Victoria von England hat meine Frau Mutter viele Gaben geerbt, und zu dem mütterlichen Erbteil kam noch das väterliche Erbe eines so hochbedeutenden Mannes, wie es der Prinzgemahl war. Die westliche Demokratie, wie sie im reinsten Sinne in der großen Königin und in ihrem Gemahle lebte, mußte von selbst auch in der "Princess Royal" jungen Seele sein, die alle Fortschrittsideen lebhaft bewegten, sowie ihr starker Intellekt sie feurig aufgenommen hatte. Sie hatte viel gelernt als Kind, sie sprach mehrere Sprachen so gut wie das Englische, sie hatte eine so gewandte Art, sich schriftlich auszudrücken und faßte schon als junges Mädchen politische Probleme ihrer Heimat so glänzend auf, daß ihr Herr Vater, der Prinzgemahl, sie bald als seinen besten Sekretär verwendete. Aus dem freien, ungezwungenen Verkehr mit den großen Familien des Landes, aus der behaglichen Art, wie man damals schon längst in England lebte, kam meine Frau Mutter, glühend vor Liebe zu dem Manne, den sie sich erwählt hatte, glühend vor Tatendrang, dem Lande zu nützen, in das ihr hoher Gemahl sie führte, in die neue preußische Heimat.

Ich habe oft daran gedacht, wenn ich mir die Gefühle meiner Mutter dabei vorstellte, wie einst dem ersten Kurfürsten von Brandenburg zumute sein mußte, als er aus einem ganz anderen, südlich sonnigen Lande mit reichen Städten und längst blühenden Kulturen nach dem ernsten strengen Norden hinaufgezogen war. Die neue Kronprinzessin von Preußen richtete sich bald ein, zumal es sich im kargeren, wenn auch nicht wie England reichen Preußen schließlich gleichfalls leben ließ. Anders aber als mit den Äußerlichkeiten eines Hofhaltes, mit der Geselligkeit und den Annehmlichkeiten des täglichen Lebens, verhielt es sich mit dem Um und Auf und mit dem Wesen der neuen politischen Atmosphäre, die jetzt der Lebensinhalt der Kronprinzessin sein mußte. Die Preußen waren keine Engländer. Sie hatten eine andere Geschichte, andere Vergangenheit, andere Überlieferungen, ihr Staat war anders gewachsen und geworden, als der englische Staat, sie waren Kontinentale. Sie hatten einen anderen Königsbegriff, die Klassenbegriffe und die Klassenunterschiede waren andere als in England. Die Kronprinzessin sah und mußte sehen, daß das preußische Volk viele Dinge nicht oder noch nicht hatte, die in ihrer Heimat altgewohnt und selbstverständlich waren. Mit Feuereifer ging meine Frau Mutter daran, in der neuen Heimat alles für den Bau eines Volksglückes vorzubereiten, was nach ihrer englischen Erziehung, Überzeugung und Weltanschauung allein das Volksglück ausmachen konnte. Sie liebte meinen Vater abgöttisch, der selbst die westliche Entwicklung der Völker mit Sympathie ansah und fortschrittlichen Neigungen auch für die eigene Heimat aus Überzeugung huldigte, von ihm mit nicht geringerer Leidenschaft, als sie für ihn hatte, auf den Händen getragen. Es ist möglich, daß manches Wort meiner Frau Mutter nicht ohne Einwirkung auf politische Erwägungen meines Herrn Vaters waren. Aber durchaus selbständig, im Denken und Handeln rasch und bestimmt, ist er, auch in der Zeit seiner Krankheit, zu seinen entscheidenden Entschlüssen zweifellos von selbst gekommen. Da meine Eltern in jeder Beziehung harmonierten, in ihrer Zuneigung zueinander, wie in den politischen Überzeugungen, wird es kaum je eine Differenz zwischen ihnen, denen gemeinsamer Liberalismus der Grundton war, gegeben haben. Manches mag meine Frau Mutter vertieft und an englischen Beispielen und Vorbildern ausgebaut haben. Sie waren wohl immer eins, oft freilich auf einer fremden Insel.

In dieser neuen Heimat der "Princess Royal" waren ganz andere Verhältnisse als in England, und für das preußische Volk war es ganz natürlich, daß preußische Männer seine Geschicke lenkten. Sie mußten es so tun, wie es nach ihrer besten Überzeugung aus der Vergangenheit und Gegenwart heraus für Preußens Zukunft am besten war. Meine Frau Mutter hatte andere Überzeugungen, wie ein Volk zu führen sei, als mein Herr Großvater, und es fand sich von ihr, die in regem politischen Gedankenaustausch mit ihrem Herrn Vater stand, keine Brücke zu einem Manne, wie es der überlebensgroße, von einem alles beherrschenden Willen getragene Fürst Bismarck war. Ein Kronprinz hat immer eine besondere und sehr oft von Krisen umgebene Stellung, die aus seinen natürlichen Rechten entspringt. Zumal in unserem Hause hat sich das oft gezeigt. Mein Herr Vater, um nicht weiter zurückzugreifen, hatte andere Auffassungen als König Wilhelm, und über manche Dinge dachte ich anders als mein Herr Vater. In der großen, krisenhaften Zeit um 1888 war es so, daß drei Auffassungen nicht immer im Einklang waren: die des Kronprinzen, meines Herrn Vaters, die meines Herrn Großvaters und die des Sohnes des Kronprinzen. In diesen vielleicht unvermeidlichen Zwiespalt der sich zur Folge bestimmten Generationen wurde meine Frau Mutter mitgerissen. Sie stand schon in glanzvollen Tagen in der traditionellen Kronprinzenfronde.

Mein Herr Vater war ein ruhmgekrönter, vom Volke wegen seines Wesens, seiner Erscheinung und wegen seiner wahren Menschlichkeit geliebter Fürst, der das Reich hatte mit aufrichten helfen. Meine Frau Mutter blühte auf in dem sonnigen, reichen Glücke, in dem sie mit ihm lebte. Solange mein Herr Vater von Gesundheit strahlte, hatten die Gegensätze mit dem herrschenden System nur Kampflust ausgelöst, nicht Bitterkeit oder gar noch mehr. Da kam der furchtbare, in seiner Tragik unerbittliche und umbarmherzige Schlag: mein Herr Vater war verloren und dem Tode verfallen!

Damit beginnt der große, unendlich gramvolle Leidensweg meiner Frau Mutter, ihr schmerzerfüllter, verzweifelter Kampf um Rettung. Um Rettung des angebeteten Mannes und zugleich um ihren Lebensinhalt, um alles, warum sie auf dieser Erde zu sein glaubte. Sie hat nach verhältnismäßig kurzer Zeit klar erkannt, daß meinem Herrn Vater nur eine kurze Frist zum Leben vom Höchsten beschieden war. Meine Frau Mutter traf wie ein Blitz die Erkenntnis, daß sie als Herrscherin ihre Ideale nicht werde verwirklichen können, oder daß sie nur ganz kurze Zeit ihrer Geltendmachung werde dienen können. Mit ihrem ganzen, großen Willen lehnte sie sich gegen ihr Geschick auf. Einmal scheint es - und das war gewiß auch so -, als wäre nur die Erhaltung des geliebten Mannes ihr oberstes Gebot. Sie will ihn nur im Süden genesen wissen, sie selbst will immer um ihn sein, das natürliche Recht der Frau ist jetzt ihr erstes Gesetz, sie weist die Forderungen, jede Einmischung zurück, die der Staat an die Frage der Erhaltung des Thronerben stellt. Aber in den Verzweiflungskampf mit dem Tode um Gatten und Lebensglück kommt doch die endgültige Erkenntnis: zu spät! In den schweren Gram gräbt sich zugleich die Verbitterung. Das Lebensglück ist verloren und auch die Lebensarbeit. Meine Frau Mutter war alle Zeit ein sehr starkes, von menschlichen und geistigen Tiefen her leidenschaftlich bewegtes Temperament, das sich in normalen Tagen selten Zügel anlegte, wenn sie Dinge aussprach. Jetzt hatten ihre Nerven, die sie so übermenschlich vor dem Kranken beherrschte, schwer gelitten. In England immer bereit, aus Überzeugung bereit, die beste Deutsche zu sein, in Deutschland immermit der Sehnsucht nach jenem anderen, schöneren England, sah sie nun überall Feinde, Abneigung gegen sich, ja, selbst an Haß glaubte sie. Von dem schweren Zwiespalt, in dem ihre Gesinnungen gegen die Gesinnungen des Fürsten Bismarck standen und umgekehrt, ging vieles auf die einzelnen Gesellschaftszirkel über, auf alle, die mit Bewunderung an dem Fürsten und dem von ihm vollbrachten Werke hingen. Was an sie herankam, wirkte doppelt schwer. Sie war empfindlich. Alles verwundete sie. Sie war an schnelle Worte gewohnt und schrieb sie nieder. Sie sah alles düster, alles feindlich, sah Teilnahmslosigkeit und Kälte, wo nur machtloses Schweigen war, sie sagte scharfe Worte aus ihrem Temperament heraus über alle. In einem der Briefe an meine Frau Großmutter, noch aus der Zeit des Glückes, heißt es

"Ich kann nichts dafür, wenn ich bei solchen Gelegenheiten heftig werde und unangenehme Bemerkungen, die ich höre, mit einer Vehemenz zurückgebe, die nicht immer klug ist. Solche Reden rühren einen wilden Trotz in mir auf und bringen mich außer Fassung."

Meine Frau Großmutter, erhaben und klug, überlegen und in mütterlicher Güte weise, beschwichtigte und überbrückte, wo sie konnte. Aber das unbarmherzige Schicksal hat an meiner Frau Mutter zum Schlusse alles mit Gram überschattet. Die Tragödie war vollendet, als ihr großer und reicher, ruheloser und so unendlich vielseitiger Geist vor der Unmöglichkeit stand, zu säen, wie sie sich's einst dachte, und zu ernten, was sie einst erhoffte. Ob man ihr beistimmt, ob man ein anderes Weltbild hat, nie darf man vergessen, daß sie das Schlimmste erfahren hat, das einer Fürstin beschieden sein kann. Darum fällt nichts auf sie zurück von dem, was sie oft zu Unrecht, oft in dem "wilden Trotz" und "außer Fassung" schrieb. An Geist und edlem Wollen über den meisten ihrer Zeit, war sie die ärmste, unglücklichste Frau, die jemals eine Krone trug.

Mit solchen Erwägungen wird jeder die Briefe der Kaiserin Friedrich lesen müssen. In dem tragischen Schicksal der Kaiserin ist das Schicksal dreier Generationen enthalten, die in drei Monaten einander ablösten. Weil mit den Ereignissen auch Deutschlands Geschick verknüpft ist, bleiben die Briefe meiner Mutter für alle Zeit ein grandioses historisches Dokument. Noch späte Geschlechter werden es erschüttert lesen und dabei Gerechtigkeit üben.

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