Zurück Hoch Weiter

I. Erste Jahre in Berlin: das Frühwerk

Die Ehe mit Friedrich Wilhelm führte Vicky nach Berlin. Nach dem feierlichen Einzug des Paares in die Stadt ließ es sich zunächst auf Schloß Babelsberg bei Potsdam nieder. Einige künstlerische Arbeiten der Prinzessin aus dem ersten Ehejahr suggerieren Sehnsucht und Bedrückung, denn die Kronprinzessin gesteht 1863, daß sie nicht gern in Schloß Babelsberg gelebt habe. Doch es gibt auch andere Werke. Die Prinzessin bekennt am 21. November 1858, dem ersten Geburtstag, den sie in Berlin begeht: "Ich kann nur wiederholen, daß ich glücklicher bin, als ich erwartet habe, und ich keinen einzigen Moment das große, bittere Opfer bereue, Euch, liebe, liebe Eltern und das Land verlassen zu haben."[15]

Am 8. Oktober 1858, dem Entstehungstag des Aquarells "Zwei Frauen und Kinder" (1858)[16], muß die Prinzessin wehmütig gestimmt gewesen sein. Abschiedsstimmung erfüllt die kleine Gruppe nahe der weinbekränzten Säule auf einer herbstlichen Terrasse. "Wasserkorso auf der Havel" (1858)[17] berichtet von unbeschwerten Sommermonaten nahe der Berliner Seenlandschaft. Die königliche Ausflugsgesellschaft verlustiert sich inmitten heiter geschmückter Boote und Schiffe. In die Tradition englischer Marinedarstellungen reiht sich zweifellos das Aquarell "Ruhige See mit Schiffen" (1858)[18] ein: Ein Schiff mit eingezogenen Segeln ist als dunkle Silhouette einem Oval einbeschrieben und paraphrasiert die zahlreichen Schiffsmotive in der englischen Aquarellmalerei des 19. Jahrhunderts.

Die Innigkeit zwischen Victoria und Friedrich Wilhelm findet ihren Ausdruck in dem "Entwurf für die Weihnachtskarte" [19] des Jahres 1858: In winterlicher Kälte schmiegt sich ein Kinderpaar nahe einer Feuerstelle aneinander: Das Genrebild wird umkränzt von Misteln und Stechpalmen und artikuliert die damalige Befindlichkeit der Aquarellistin: Glück in Berlin und gleichzeitig Heimweh nach England. Wie sehr die künstlerischen Ambitionen der Prinzessin von ihrem Ehemann geschätzt wurden, läßt sich der Tatsache entnehmen, daß er ihr ein Album mit der Widmung "Meiner Vicky - zum ersten gemeinschaftlichen Weihnachten, Berlin, den 24. Dezember 1858 - Friedrich Wilhelm" schenkte, in das sie weihnachtliche Motive skizzierte und das bald zu einem stattlichen Buch mit Zeichnungen und Aquarellen anwuchs.[20]

Nach der Renovierung des Kronprinzenpalais, einem Bau aus dem 17. Jahrhundert, zog das Paar im November 1858 von Babelsberg ins Zentrum Berlins und damit in unmittelbare Nähe der Residenz der Schwiegereltern. Nach Aussage einer Zofe war das Kronprinzenpalais "ein häßliches Haus und wurde auch dadurch nicht besser, daß es im Stil von Osborne möbliert war."[21] In seinen Erinnerungen beschwört Wilhelm II. das ungetrübte Familienleben im Kronprinzenpalais: "Sie [seine Mutter] hat die Kunst auch selbst ausgeübt und hübsche Aquarell- und Ölbilder geschaffen: italienische Landschaften, Porträts und Stilleben, besonders Blumenstücke. Ich entsinne mich noch der schönen Stunden, wenn meine Mutter in ihrem Atelier, das im ersten Stock des Kronprinzenpalais an der Ecke nach der Oberwallstraße, mit dem Fenster nach der Neuen Wache zu, gelegen war, an der Staffelei saß und malte. Ich mußte ihr dabei gewöhnlich vorlesen, meist lustige englische Geschichten, und ich habe es dann oft erlebt, wie sie ihre Palette hinwarf, um recht herzhaft zu lachen. Es war übrigens auch in ihrem Bibliothekszimmer, das ihr gleichzeitig als Wohnzimmer diente, immer sehr hübsch. Der Raum lag nämlich sehr eigenartig in dem Schwibbogen, der vom Kronprinzen- zum Prinzessinnenpalais führt. Die Fenster gehen nach beiden Seiten hinaus, sowohl nach den Linden wie nach der Oberwallstraße, und es war für mich als Kind immer höchst interessant, von dort aus das Leben und Treiben auf den Straßen zu beobachten. Zwischen den Fenstern standen in offenen Regalen die zahlreichen Bücher meiner Mutter, in denen zu 'schmökern' ebenfalls ein besonderer Genuß für mich war."[22] Einem Brief an die Familie in England fügte die Prinzessin das Aquarell "Blick aus dem Wohnzimmer der Künstlerin" (1858)[23] bei, das die Aussicht aus dem doppelbögigen Fenster auf den Platz mit der Reiterstatue Friedrichs des Großen eröffnet ein Ort, der zweifellos zum Plaudern und Schauen einlud.

Kamen sich die Kinder in Berlin "fast wie Gefangene" vor, so freuten sie sich um so mehr auf das Frühjahr und den Sommer, den die Familie in den darauffolgenden Jahrzehnten im Neuen Palais in Potsdam verbrachte. Prinz Albert hatte seiner Tochter empfohlen, das Neue Palais zu ihrem Wohnsitz zu machen, was dann auch geschah. Es war das Schloß, in dem sie sich während der Berliner Jahre am liebsten aufhielt. Das Aquarell "Neues Palais in Potsdam" [24] taucht diesen Sommersitz - zugleich Geburts- und Sterbeort des Gatten der Künstlerin - in südliches Licht. Die Untersicht betont die Leichtigkeit und Eleganz dieser friderizianischen Schloßarchitektur und erhöht den Reiz der Figurengalerie in der Dachzone.

Zurück Hoch Weiter