Zurück Hoch Weiter

XII. Das Spätwerk: Kronberg und Auslandsreisen (1888-1900)

Während ihres letzten Lebensjahrzehnts verbrachte die Kaiserin die Winter in Berlin und die Sommermonate zunächst in Bad Homburg und, nach der Fertigstellung von Schloß Friedrichshof 1894, in Kronberg. Hinzu kamen alljährliche Reisen nach Italien, längere Aufenthalte in England und - seit der Heirat der Tochter Sophie mit dem griechischen Kronprinzen 1889 - in Griechenland. In London standen stets Besuche von Ausstellungen und Künstlerateliers auf ihrem Programm. Ferner nahm sie 1880 und 1897 an Ausstellungen des Londoner Institute of Painters in Watercolour teil, dessen Ehrenmitglied sie seit 1880 war. Daß das Deutsche Archäologische Institut mit Sitz in Berlin, Rom und Athen sowie die Griechische Archäologische Gesellschaft sie 1897 zu ihrem Ehrenmitglied ernannten, erfüllte sie mit stolzer Freude.

1891 empfahl sie der Tochter Sophie, sich bei der Ausstattung ihres Heims in Athen von Lawrence Alma-Tadema (1836-1912)[220] künstlerisch beraten zu lassen: "Er hat einen derartigen Geschmack und Kunstverstand und Blick für das Schöne und Einfache. Ich wünschte, Du könntest sein Heim sehen, es würde Dich entzücken."[221] Mit dem Prinzen von Wales suchte Victoria 1893 Frederick Leighton (1830-1896) auf, der dabei war, mit "einigen Bildern, die zu schön sind", seine Teilnahme an der Ausstellung in der Royal Academy vorzubereiten.[222] Daß Leighton 1897 ihren künstlerischen Arbeiten ein professionelles Niveau zusprach, hat den künstlerischen Ehrgeiz der Kaiserin zweifellos sehr befriedigt.[223]

Kronberg hatte sich zu einem beliebten Künstlerort entwickelt, an dem eine genrehafte Figuren- und Landschaftsmalerei gepflegt wurde, die nicht frei von sentimentaler Idyllik war. Die Gemeinschaft hatte sich etwa 1850 formiert und bestand bis 1900. Die Gründung der Kronberger Künstlerkolonie entsprach generell einer Abkehr von akademischer Atelierkunst und einer Hinwendung zur Natur, wie dies gleichzeitig in Barbizon, Dachau, Pont-Aven, Willingshausen und Worpswede praktiziert wurde. Die Kronberger Maler unterhielten enge Kontakte zu den Malern von Barbizon, der Frankfurter Städelschule und zu Frankfurter Bürgerfamilien, die teilweise ihre Sommersitze in Kronberg hatten, aber durchaus auch zu Kronberger Einwohnern.

Die Maler setzten sich intensiv mit der Taunus-Landschaft, vor allem mit dem burgbekrönten Städtchen Kronberg auseinander. Die Künstlergemeinschaft wurde von Anton Burger (1824-1905) und Jacob Fürchtegott Dielmann (1809- 1885) begründet. Es gehörten zeitweilig aber auch Louis Eysen (1843-1899), Hans Thoma (1839-1924), Victor Müller (1829-1871), Otto Scholderer (1834-1902) und vor allem Norbert Schrödl dazu, mit dem die Kaiserin seit 1877 aus Berlin bekannt war.[224] Norbert Schrödl, der seit 1887 ein Haus in der Kronberger Hainstraße besaß, wurde der direkte Nachbar der Kaiserin, nachdem diese Schloß Friedrichshof bezogen hatte.[225] Sein Brustbildnis "Kaiserin Friedrich" [226] zeigt sie wieder in tiefschwarzem Trauerkleid. Das Antlitz ist dreiviertel en face dargestellt. Der Ausdruck ist freundlich, der Mund öffnet sich zu einem leichten Lächeln. Das ergraute Haar ist nach hinten gekämmt und wird von dem von Lord Ronald Gower beschriebenem Crepe-Schleier bedeckt. Kleid und Häubchen sind mit großen schwarzen Schleifen geschmückt.

Während des Krieges 1870/71 hatte sich Kronprinzessin Victoria zum erstenmal in Kronberg aufgehalten, um verwundete Soldaten im Hause des Malers Adolf Schreyer (1828-1899) zu besuchen. Nach dem Tode ihres Gatten am 15. Juni 1888 erwarb sie noch im Herbst in Kronberg das Grundstück des Frankfurter Kaufmanns Jacques Reiß und bezog 1894 das von Ernst Ihne (1848-1917) erbaute Schloß Friedrichshof. Im Juli 1889 besuchte Victoria Norbert Schrödl erstmals in seinem Kronberger Heim, womit die kollegial-nachbarschaftlichen Kontakte begannen. Die Kaiserin kam vornehmlich nachmittags zwei Stunden in Schrödls Atelier, um sich mit ihm zu beraten und oftmals von ihm arrangierte Stilleben zu malen. Else Schrödl, die Ehefrau des Malers, berichtet, daß die Kaiserin im Oktober 1894 ein Porträt von ihr begann, dessen Fortsetzung sich bis zum Sommer 1895 hinzog. Es handelt sich um die Zeichnung "Porträt Else Schrödl" (1895)[227], die das volle, runde Gesicht in Dreiviertelansicht zeigt. Die Weißhöhung läßt den Kopf der befreundeten Künstlergattin besonders lebensvoll zur Wirkung kommen.

Weilten Kaiserin Friedrichs Kinder zu Besuch, ging sie gern mit ihnen zu Norbert Schrödl und revanchierte sich für seine Gastfreundschaft mit Einladungen zum Essen oder zu musikalischen Veranstaltungen in Schloß Friedrichshof. Die Gemälde "Blühender Apfelbaum im Schloßpark von Bad Homburg." und "Die Burg in Kronberg von der Schloßterrasse aus" (1895) sowie die Aquarelle "Blick auf die Burg in Kronberg", "Das Eichentor in Kronberg" (1895) und "Friedrichshof" (1899) entstanden in dieser Schaffensperiode und belegen die Auseinandersetzung mit der Topographie der letzten Lebensstation.[228]

"Der königliche Garten in Athen" ist eine Reminiszenz an Griechenland, das Victoria ungemein begeisterte, seit ihre Tochter 1889 den griechischen Kronprinzen geheiratet hatte.[229] Der Ausblick in einen mediterranen Park mit Zypressen, Palmen, Kakteen und einer reichen sommerlichen Vegetation in strahlendem Sonnenlicht fesselte die Malerin sehr. Im Herbst 1893 in Kronberg erinnerte sie sich wehmütig: "Wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich nach Tatoi zurücksehne, nach dem Sommer, den wunderbaren Nächten, dem geöffneten Fenster, dem Balkon meines Schlafzimmers, dem großartigen Mondlicht, wie es durch das Fenster schien, dem Wind, der in den Pinien seufzte, den herrlichen Sternen an dem einzigartig blauen Himmel. Oh, wie schön das alles war! Der Silberstreifen des Meeres und die dunkle Zypressengruppe gegenüber der Terrasse. Es ist wie ein Traum!"[230] Ein Zeitzeuge war der Kaiserin bei ihren Malexkursionen in Athen begegnet: "Eine stille, wohlgestaltete Frau, vollkommen schwarz gekleidet, saß stundenlang skizzierend und malend auf einem Steinblock auf der Akropolis und wurde von Touristen beobachtet, die erst erfuhren, wer sie war, als ihr bärtiger Sekretär Graf von Seckendorff ihr mitteilte, daß die Kutsche bereit stehe."[231] Auch nach dem Rückzug aus dem politischen Leben gelang es Victoria oft lange Zeit nicht, sich ihrer künstlerischen Arbeit zu widmen. So antwortet sie der Mutter im Januar 1891 auf deren Erkundigung: "Du fragst mich, ob ich in der letzten Zeit gemalt habe. Ich habe seit Oktober noch nicht einmal meine Farben und Leinwände ausgepackt, da ich einfach keine Zeit hatte. Dann war es gewöhnlich bis ein Uhr pechschwarz hier [d.h. in Berlin], und es ist nur bis vier Uhr am Tage hell, so daß es unmöglich war. Die armen Künstler hier sind immer verzweifelt im Winter."[232]

Neben den regelmäßigen Reisen nach Griechenland, Italien und Südfrankreich besuchte die Kaiserin von Kronberg aus die Wohnorte ihrer Kinder oder Verwandten in Deutschland. G. A. Leinhaas nennt Romrod, Alfeld, Niederweilnau, Schloß Heiligenberg bei Jugenheim und Schloß Breuberg. Er erinnert sich, daß Victoria ihm nach kleineren Reisen oder Ausflügen ihre Erlebnisse mitteilte und das Gesehene oftmals "durch eigenhändige, leicht hingeworfene Bleistiftskizzen" verdeutlichte. So zeigte sie ihm z.B. ein Aquarell der Kirche in Hochstadt bei Frankfurt/Main. Daß sie für die Rheinlandschaft eine besondere Liebe empfand, hat sie oft bekannt. "Wenn ich ein Privatmann wäre, so würde ich mit dem Photographenapparat alles aufnehmen den Rhein entlang."[233]

Ihre letzten Reisen galten Südtirol und der Ligurischen Küste. Im Herbst 1897 weilte die Kaiserin in Trient und unternahm neben der künstlerischen Arbeit Wanderungen und Bergpartien. "Ich mag Bergtouren wie auch früher schon immer, die frische Luft und die Schönheiten der Landschaft und der Natur. Es bereitet mir große Freude, Licht und Schatten zu studieren, die Linien und die Farben der Berge, des Gesteins und der Vegetation. Ich verfüge nicht über die Fähigkeiten eines Künstlers, dessen Fertigkeiten, Übung oder Kenntnisse. Ich glaube jedoch ein bißchen vom Auge eines Künstlers zu haben und behaupte, gewissermaßen die Seele eines Künstlers zu besitzen aufgrund meiner tiefen Liebe zur Natur und zum Schönen."[234] Die Gemälde "Südtiroler Dorfstraße" und "Sitzende Bäuerin vor Südtiroler Bauernhaus" zeigen ihre Freude am Spiel von Licht und Schatten.[235] Es sind lichtdurchflutete Impressionen, formuliert in einer klaren, objektiven Bildsprache. Die Gemälde und Aquarelle von 1899 und 1900 thematisieren Besonderheiten der Küstenlandschaft nahe Bordighera und La Spezia: windzerzauste Pinien, einsame Kirchen oder Kastelle am Meer. Charakteristisch ist eine eminent kleinstrukturierte Umsetzung des Sujets in verhaltener, fahler Farbigkeit.

Von Januar bis April 1899 besuchte sie San Remo, Bordighera, Genua und Venedig in der Hoffnung, "die Ruhe und Stille hier, die gute Luft können meiner allgemeinen Gesundheit nur gut tun und so auch indirekt das Übel unter Kontrolle halten, das nicht geheilt werden kann."[236] Wieder war sie fasziniert von der landschaftlichen Schönheit: "Die Aussichten in Richtung Ventimiglia, Menton, Cap Martin und Monaco sind wunderbar [...] Ich zeichne nicht sehr viel hier, habe jedoch ein Aquarell angefangen mit Felsen, einem kleinen Strand, einer winzigen Kirche und einem blauen Meeresstreifen."[237] Es könnte sich dabei um die Arbeit "Kirche an der Küste" handeln. Ein weiterer Ertrag ihrer Ausflüge war das Aquarell "Weg mit Bäumen (Bordighera)". [238] Ebenfalls 1899 entstand die Arbeit "Tellaro"[239], eine Ansicht, in der Authentizität des Vorgefundenen mit verklärten Erinnerungen an Schottland zu verschmelzen scheinen. In einer großartigen Vision erhebt sich über zerklüftetem Gestein und vor eindrucksvoller Bergszenerie die Burg. Von Dezember 1899 bis März 1900 hielt sie sich ein letztes Mal in Italien auf, und zwar in Sarzana bei La Spezia. Ihr Krebsleiden hatte sich verschlimmert und sie konnte an manchen Tagen nur noch in einen Sessel oder auf ein Sofa gesetzt werden: "Der Schmerz ist nach wie vor sehr heftig."[240] Zurück in Kronberg, stattete Kaiserin Friedrich Norbert Schrödl im Mai 1900 einen der letzten Besuche ab: "Sie hat das lebensgroße Portrait der Prinzessin Victoria hier im Atelier in Arbeit und überlegte mit Norbert, wie sie die obere Partie fertig malen könne, da sie durch ihr Leiden in der Bewegung gehindert ist. Norbert baute ihr auf dem Maltritt eine Erhöhung auf und stützte sie mit verschiedenen Kissen. Aber man fühlte, wie die hohe Frau litt, sobald sie nur den Arm ein wenig hob, und das schnitt einem ins Herz. Sie legte denn auch schon nach kurzer Zeit Pinsel und Palette nieder, indem sie sagte: 'Ich bin heute zu müde, komme aber bald wieder.' Beim Einsteigen half Norbert dem Prinzen Heinrich, die Kaiserin in den Wagen zu heben. Sie winkte uns noch freundlich mit der Hand zu, aber ihre Augen batten den strahlenden Glanz verloren. Wir blieben ganz erschüttert zurück. So schlimm hatten wir es uns nicht gedacht."[241]

In seiner biographischen Würdigung geht G. A. Leinhaas in einem eigenen Kapitel auf "Krankheit und Tod der Kaiserin Friedrich" ein.[242] Die Briefe der letzten Lebensjahre an die Mutter in England und die Tochter in Athen spiegeln die Schwankungen zwischen Hoffnung und Resignation. Leinhaas zufolge wurde Victoria "durch einen sanften Tod endlich erlöst". Die Kaiserin hatte gewünscht, daß ihr Leichnam zunächst in der Kronberger Johanniskirche, deren Restaurierung sie wesentlich gefördert hatte, aufgestellt werden sollte. Dieser feierliche Abschied von der letzten Lebensstation wurde von dem Künstlerkollegen Ferdinand Brütt (1849-1936) in mindestens zwei Arbeiten dokumentiert. Sein Gemälde "Aufbahrung der Kaiserin Friedrich in der Johanniskirche." (1901)[243] verdeutlicht, wie der vor dem Altar postierte Sarg überhöht wird durch das Kruzifix und das durch die Fenster der Apsis hereinströmende Licht.

Zurück Hoch Weiter