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XIII. Arbeitsweise

Daß die Künstlerin oft an kontinuierlicher, intensiver Arbeit durch ihre offiziellen Pflichten gehindert wurde, hat sie in den Briefen an die Mutter häufig mit Bedauern angemerkt. Im Frühjahr 1867 organisierte sie, wie erwähnt, einen sehr erfolgreichen Benefiz-Basar in Berlin, zu dem sie aus Zeitmangel keine eigenen Arbeiten beisteuern konnte. Unwillig schreibt sie: "Zeichnungen von mir sind nicht dabei. Der Himmel weiß, wie lange ich dazu nicht mehr gekommen bin. Das Letzte, das ich gemacht habe, war ein Wandschirm für die Königinwitwe; das war im November, bevor wir Potsdam verließen. Ich kann mich nicht erinnern, seitdem einen einzigen Abend für mich gehabt zu haben. Ich war stets außer Haus oder mußte Gäste betreuen [...] Hin und wieder mache ich ein großes Ölbild, wenn ich mich voll darauf konzentriere. Das tue ich in einem Atelier, das mir zur Verfügung gestellt wird. Wenn ich dann allerdings nach Hause komme, habe ich viel zu viel zu tun, um überhaupt noch Lust zum Zeichnen zu verspüren."[244]

In den Sommermonaten des Jahres 1868 in Reinhardsbrunn fern von Berlin erging es ihr ähnlich. Resigniert 1äßt sie die Mutter an ihren Überlegungen teilhaben: "Ich habe hier ein wenig gemalt, aber nicht sehr viel [...] Ich darf wohl sagen, daß ich in meinem Urteil und meinen Verständnis für Kunst Fortschritte mache - denn ich bemühe mich auch sehr darum, doch ich habe es lange aufgegeben, anzunehmen, meine Kritzeleien seien der Mühe wert. Könnte ich mich tagtäglich wirklich ernsthaft hinsetzen und vor der Natur studieren, dann würde ich mit der Zeit so zeichnen, daß ich wenigstens zufrieden wäre. Doch leider sind meine Zeichnungen nur ein jämmerliches Hors d'oeuvre und elender Dilettantismus, dessen Anblick mich traurig stimmt. Doch ich werde stets mit Leidenschaft bei der Sache sein. Ich liebe die Kunst mehr, als ich sagen kann, und keine Beschäftigung fasziniert mich so sehr wie meine bescheidene künstlerische Arbeit. Oft vergehen Monate, ohne daß ich einen Bleistift auch nur anschaue. Es macht mir jetzt einfach keinen Spaß, auf Papierschnitzel zu kritzeln wie früher einmal. Ich habe begriffen, daß jede Arbeit, die man nur mit dem Verstand tut, ohne dabei die Natur anzuschauen, doch nur schlimmste Zeitvergeudung ist."[245]

Dämmten früher familiär-gesellschaftliche Verpflichtungen die künstlerischen Aktivitäten Victorias, so wurde sie während der Erkrankung des Kronprinzen 1887/88 nahezu völlig daran gehindert. Anton von Werner besuchte das Kronprinzenpaar 1887 ein letztes Mal in Baveno am Lago Maggiore, wo Victoria gehofft hatte, mit dem Berliner Gast Porträtstudien anfertigen zu können.

Ein Porträt des Generals von Winterfeldt hatte sie beendet, wie Anton von Werner berichtet. Zu weiteren Arbeiten kam es aufgrund der Pflege des Gatten jedoch nicht. Der Maler erwähnt, daß sie zuvor in Venedig einige "ganz vortreffliche Aquarellstudien" anfertigte, "unter ihnen besonders einige Studien vom Canale Grande mit den großen vor den Palästen aus dem Wasser aufragenden Pfählen, in denen mit sicherem Blick das wirksam Malerische und Schöne erfaßt und mit voller Meisterschaft wiedergegeben war."[246] Zu dieser Serie dürfte das Gemälde "Venezianische Häuser am Kanal"[247] gehören - eine farbgesättigte Vedute, die einen Palazzo und ruinöses, überwuchertes Mauerwerk in Licht- und Schattenpartien verlebendigt, deren Reiz durch die Wasserspiegelungen noch gesteigert wird.

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