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XIV. Kunsthistorisches Interesse

Die Kunstsammlung und Bibliothek der Kaiserin zeigen das lebhafte, ja leidenschaftliche Interesse für Kunstgeschichte, vor allem für das italienische Quattro- und Cinquecento und die englische Renaissance. Die beinahe jährlichen Italien- Reisen zum Einkauf von Kunstwerken und zur eigenen künstlerischen Arbeit bekräftigen dies. Wie sehr sie sich dieser Liebhaberei hingab, gesteht sie der Mutter z.B. im November 1892: "Jedesmal, wenn ich Italien verlasse, wird mir mehr und mehr klar, wie wenig ich in Wirklichkeit über Kunstgeschichte weiß. Es ist ein umfangreiches Studium."[248]

Bei den zahlreichen Reisen in Deutschland und im europäischen Ausland war der Besuch von Museen obligatorisch. Der Kronprinz erwähnt im Tagebuch, daß er anläßlich einer Fahrt durch das Rheinland im August 1861 "mit Papa und Vicky das schöne Wallraf-Richartz-Museum besucht und die herrliche Gemäldesammlung lange betrachtet" habe.[249] Im September 1861 geht er ausführlich auf eine Kunstreise nach Koblenz, Mainz, Speyer und Heidelberg ein.[250] Für besonders erwähnenswert hält er den Besuch des Baseler Museums im November 1864, wo er mit seiner Frau "die Holbeinschen Handzeichnungen und Dürers" studierte.[251] Im November 1865 machte er in London folgende Eintragung: "Mit Schwiegermama, Vicky und Lenchen nach London, die Ateliers von Bildhauer Mr. Armstead und Mr. Marshall zu besuchen; ersterer hervorragend begabt, arbeitet an den Hautreliefs zum Postament für Schwiegerpapas Denkmal im Hyde-Park."[252] Während dieses England-Aufenthaltes im November/Dezember 1863 besuchte das Kronprinzenpaar auch den Bildhauer William Theed in London, der mehrere Skulpturen für Königin Victoria schuf. Ferner besichtigte es Oxford.

Die Sammeltätigkeit des Kronprinzenpaares entfaltete sich vornehmlich auf Auslandsreisen, bei denen zunächst Gegenstände zu Repräsentationszwecken im eigenen Haushalt erworben wurden. Das Protektorat der Königlichen Museen veranlaßte den Kronprinzen, eine Gemälde- und Skulpturensammlung nach dem Vorbild Londons, Paris' und Wiens aufzubauen. Unter seiner Ägide wurden die Ankaufetats erhöht, sowie Fachleute gegenüber Verwaltungsbeamten gefördert. Die eigene Sammeltätigkeit der Kronprinzessin bekam durch den Berliner Sammler und Kammergerichtsassessor Ferdinand Robert-Tornow (1812-1875) Auftrieb, der der Kronprinzessin seine hauptsächlich kunstgewerbliche Kollektion vermachte. Sie wurde zunächst im Kronprinzenpalais und nach 1894 in Schloß Friedrichshof untergebracht.

Über den Empfang dieses Erbes schreibt Victoria ihrer Mutter: "Es wird Dich möglicherweise interessieren, daß mir eine sehr ausgesuchte und wertvolle, wenngleich kleine Sammlung von Antiquitäten vermacht worden ist [...] Wir haben vor einigen Jahren die Bekanntschaft dieses interessanten und klugen alten Herrn gemacht. Er war mit Winterhalter befreundet, doch er war ganz sonderbar in seiner Art und führte das Leben eines Eremiten in seinem Haus in Berlin, zu dem nur wenige Menschen Zulaß hatten. Zu Fritz und mir war er stets äußerst freundlich und höflich, und mich mochte er besonders. In den endlosen langweiligen und eintönigen Wintern in Berlin waren Besuche bei ihm eines unserer Hauptvergnügen. Stundenlang hörten wir seinen klugen Reden zu und bewunderten seine Sammlung. Er half uns bei allen nur denkbaren Gelegenheiten. Er lieh uns Dinge für unsere Bälle usw. Vor drei oder vier Tagen ging er zum Schießen und fiel infolge eines Schlaganfalls tot um. In seinem Testament überläßt er mir mit einigen freundlichen, bewegenden Worten seine Sammlung, die sein einziges Glück auf der Welt war. Die Beisetzung war gestern und ich erfuhr erst gestern nachmittag davon. Sein Tod hat uns ungemein schockiert, weil er so freundlich zu uns war."[253]

Die Zusammenlegung und die Betreuung der eigenen mit der Robert-Tornowschen Kollektion ließ die Kronprinzessin zu einer professionellen Sammlerin werden. Ihre Sammlung umfaßte Gemälde (Porträts englischer Herrscher des 16. Jahrhunderts, Arbeiten von Peter Paul Rubens, Paris Bordone, Joshua Reynolds, Thomas Lawrence u.a.), Skulpturen und kunstgewerbliche Gegenstände vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.[254] Der Witwensitz Schloß Friedrichshof wurde als Sammlungsschloß errichtet, um der Sammlerin und Künstlerin den langersehnten Lebensrahmen zu bieten. Wilhelm von Bode katalogisierte 1896 die Kollektion der Kaiserin und erprobte in Friedrichshof erstmals sein Konzept der "period rooms", das er später in den Berliner Museen umsetzte. Als "Honorar" für seine wissenschaftliche Bearbeitung "Die Kunstsammlung Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Friedrich in Schloß Friedrichshof" erbat er ihre Unterstützung für seine Berliner Museumsneubaupläne durch ihren Sohn Wilhelm II., die dieser auch gewährte.[255] Nach dem Tod der Kaiserin gelangten Schloß Friedrichshof und ihre Sammlung in den Besitz der Tochter Margarethe, doch in der Folgezeit wurden zahlreiche wertvolle Gegenstände veräußert. Der verbliebene Bestand befindet sich weiterhin in Schloß Friedrichshof und Schloß Fasanerie.

Im Februar 1891 wurde die Kaiserin ein letztes Mal in diplomatisch-künstlerischer Mission tätig. In ihrer Eigenschaft als Protektorin der "Internationalen Kunst-Ausstellung" des Vereins Berliner Künstler reiste sie nach Paris, um französische und nichtfranzösische Künstler zur Ausstellungsbeteiligung zu bewegen. Die Idee, die Kaiserin mit dieser Aufgabe anläßlich des 50jährigen Bestehens des Vereins zu betrauen, stammte von Anton von Werner, der für die Organisation verantwortlich zeichnete.[256] Französische Künstler batten sich in großer Zahl angemeldet, doch der kaiserliche Besuch, der eine Verbesserung des deutsch-französischen Verhältnisses bewirken sollte, führte zu derartigen Mißverständnissen in Paris, daß die meisten Künstler ihre Zusagen zurückzogen. Victoria brach ihre Reise frühzeitig ab und fuhr nach England.

Über die Haßkampagne in der französischen und deutschen Presse äußert sich Victoria Ende März ihrer Mutter gegenüber: "Ich bin immer noch sehr traurig über die Berichte, die in Berlin kursieren, angeblich aus Paris stammen und von Mitgliedern des diplomatischen Korps und hervorragenden Parisern geschrieben worden sein sollen - alles Lügen! [...] Ich hätte darauf bestanden, die französischen Künstler trotz den Warnungen und Bitten der 'Leute, deren Aufgabe es war, das gute Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland aufrechtzuerhalten' zu besuchen. Das ist eine absichtliche Verdrehung der Tatsachen. Graf Münster [deutscher Botschafter in Paris] riet mir, zu Bouguereau und zu Detaille zu gehen, was ich tat. Emile Wauters, Madrazo und Munkaczy sind keine Franzosen, sondern ein Belgier, der den deutschen Orden 'Pour le Merite' trägt, ein Spanier und ein Österreicher. Die Herren Lefevre und Galland sind Franzosen - den Letztgenannten kenne ich schon jahrelang und habe ihn oft besucht, obgleich Münster niemals seinen Namen gehört hat.[257]

In London suchte sie das Atelier Lawrence Alma-Tademas auf, um ihn für die Berliner Ausstellung zu gewinnen. Voller Begeisterung berichtet sie ihrer Mutter darüber: "Heute nachmittag besuchte ich Mr. Alma-Tademas Atelier. Sein ganzes Haus ist ein Kunstwerk, das von ihm ausgedacht, geplant und arrangiert den Schauplatz darstellt, den seine schönen Bilder wiedergeben."[258] Fünf der von der Kaiserin in Paris und London besuchten Künstlern stellten letztlich aus: Lawrence und Anna Alma-Tadema, William Adolphe Bouguereau, Michael von Munkacsy und Emil Wauters. Von den Mitreisenden der Venedig-Reise des Jahres 1875 waren Anton von Werner[259] und Ludwig Passini[260] zu sehen. Heinrich von Angeli stellte vier Bildnisse der kaiserlichen Familie aus, darunter ein Porträt der Kaiserin selbst.[261]

Wenn die Kaiserin in England weilte, besuchte sie gern den Print Room in Windsor Castle - "Die großartigen Drucke und Zeichnungen und Miniaturen, die alle wunderbar aufbewahrt werden"[262] - und Galerien und Museen in London, wobei sie sich vor allem von der National Gallery beeindruckt zeigte. "Ich besuchte heute die National. Gallery und bewunderte ihre prachtvolle Sammlung aufs neue. Es ist die bestausgesuchte, bestbeleuchtete und bestgehängte Gemäldegalerie der Welt, und das heißt viel. Natürlich ist sie nicht sehr groß, aber nach meiner Ansicht fühlt man sich in ihr viel wohler als im Louvre, der zu überwältigend ist."[263] 1899 teilt sie ihrer Tochter Sophie mit, sie habe ausgezeichnete Rembrandt- und Burne-Jones-Ausstellungen in London angeschaut.[264]

Victorias englische Identität äußerte sich unverkennbar, als im Sommer 1882 bei dem Londoner Auktionshaus Christie's der Verkauf der wertvollen Manuskript-Sammlung des Alexander Douglas, 10. Herzogs von Hamilton, anstand. Die Kronprinzessin setzte sich vehement für den Verbleib der Objekte in England ein - vergeblich, denn Deutschland erwarb den größten Teil der Kollektion, so ein 88seitiges Dante-Manuskript mit Illustrationen von Sandro Botticelli (1444-1510).[265]

Ein langgehegter Wunschtraum Victorias ging Jahre nach ihrem Tode in Erfüllung. Graf von Seckendorff organisierte im Januar/Februar 1908 in der Berliner Akademie der Künste die "Ausstellung älterer englischer Kunst", die die Kaiserin so gern zu Lebzeiten gefördert hätte. Die Uberblicksschau zeigte u.a. Arbeiten von John Constable, Thomas Gainsborough, Thomas Lawrence, Joshua Reynolds aus der Sammlung Victorias sowie aus deutschem, englischem und amerikanischem Privatbesitz.

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