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II. Der Freundeskreis des Kronprinzenpaares

Victoria empfand das Leben am Berliner Hof immer als einengend und bedrückend. Im April 1858 schreibt sie der Mutter: "Niemand, der noch nicht hier war, kann den geschäftigen Müßiggang und die aktive Zeitverschwendung verstehen, die hier betrieben wird."[25] Sie und ihr Ehemann nahmen jedoch enge Kontakte zu Wissenschaftlern und Künstlern auf. Während der Wintermonate spielte sich das Familienleben und zugleich das gesellschaftliche Leben im Kronprinzenpalais ab.[26]

Die Kronprinzessin habe "in Übereinstimmung mit dem Gatten [...] während dreier Jahrzehnte den Begriff des Kronprinzenhofes [geprägt], der gleichbedeutend wurde mit dem einer Kulturpflegestätte", resümiert Jarno Jessen 1907. Vergleiche zum Hof der Medici ziehend, stellt Jessen die Kronprinzessin in eine Reihe mit den Mäzeninnen der italienischen Hochrenaissance Catarina Sforza und Isabella d'Este - ein Vergleich, der angesichts Victorias Begeisterung für diese Kunstepoche nahe liegt.[27]

Die Affinität der Kronprinzessin zur italienischen Kunst, Kultur und Sprache fand eindrucksvollen Niederschlag in dem großen Kostümfest, das unter dem Titel "Der Hof der Mediceer" im Februar 1875 im Kronprinzenpalais veranstaltet wurde. Mit Quadrillen und der Rezitation lateinischer und altitalienischer Verse umrahmt, war diese glanzvolle Veranstaltung ein gesellschaftlicher Höhepunkt der Berliner Jahre des Kronprinzenpaares, die den Hof und die Künstlerschaft stärker zusammenführte. In der Entscheidung für die Kostüme äußerten die Gastgeber ihre kunsthistorischen Vorlieben: Victoria erschien in einem Gewand, das Tizians "La Bella" (um 1536) nachempfunden war, Friedrich Wilhelm in einem Anzug, wie ihn "Heinrich VIII." auf dem gleichnamigen Gemälde (1537) von Hans Holbein d.J. trug.[28] Auch dürfte es kein Zufall gewesen sein, daß die Kronprinzessin gerade "La Bella" als Vorbild wählte: Bei Tizian handelt es sich vermutlich um ein Bildnis der Isabella d'Este (1474-1539), die als Kunstsammlerin zahlreiche Literaten und Maler an ihren Hof in Ferrara zog.[29]

Norbert Schrödl (1842-1912), wichtigster künstlerischer Kollege und Berater der Kaiserin während der Kronberger Zeit, schildert im Rückblick, wie ihn die Kronprinzessin, angeregt durch seine Italienszenen "Palazzuola am Albanersee" und "Der Klosterhof bei Gaeta" bei der "Berliner Herbstausstellung" 1877, in das Neue Palais einlud, um vor allem seine Italien-Aquarelle anzuschauen. In der Folgezeit entwickelte sich zwischen ihnen ein freundschaftlicher Kontakt. Die liberale und ungezwungene Atmosphäre der kronprinzlichen Familie zog ihn offensichtlich an: "Man fühlte, daß das warme Interesse für alle geistigen und künstlerischen Gebiete an diesem Hofe dem eigensten Bedürfnis entsprang."[30]

"Außer am kronprinzlichen Hofe und im Salon Schleinitz begegnete man damals [...] nur in wenigen anderen den Hofkreisen oder der Aristokratie angehörigen Häusern Künstlern oder künstlerischen Neigungen" - so Anton von Werner in seinen "Erlebnissen und Eindrücken" (1913).[31] Adolph von Menzels Zeichnung "Salon der Frau von Schleinitz am 29. Juni 1874" (1874) schildert eine elegante Abendgesellschaft der Pianistin und Richard-Wagner-Verehrerin Marie von Schleinitz (1842-1912).[32] Sie sei "fast die einzige Dame in der ganzen Berliner Gesellschaft, mit der man über andere Dinge reden kann als über Kleider und das Flirten", rühmte der zwanzigjährige Prinz Wilhelm, der sich in sie verliebte.[33] Ihr Gatte, Alexander von Schleinitz (1807-1883), war seit 1865 preußischer Minister des königlichen Hauses. Der Salon wurde rasch zu einem Treffpunkt der Bismarck-Gegner. Menzel zeigt das Kronprinzenpaar in Gesellschaft des Ehepaars von Helmholtz, der Maler Anton von Werner und Heinrich von Angeli u.a. Die Kronprinzessin in großer Toilette, auf einem Kanapee sitzend, steht eindeutig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wilhelm von Bode hat die Entstehung dieser Zeichnung im übrigen in "Mein Leben" (1930) ausführlich beschrieben.[34]

Die heitere Ungezwungenheit des Salons Schleinitz kontrastiert mit der offiziellen Darstellung "Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball 1878" (1895) Anton von Werners.[35] Das Gemälde, sieben Jahre nach dem Schicksalsjahr 1888 vollendet, gilt dem Kronprinzen, "diese[m] schöne[n] Mann, der Wuchs und Haupt eines germanischen Kriegshelden hatte" (Maximilian Harden). In weißer Uniform macht er eine Figur inmitten von Vertretern der Politik, Wissenschaft und bildenden Künste. Um ihn gruppieren sich die Wissenschaftler Hermann von Helmholtz, Rudolf Virchow, Max von Forckenbeck, Robert von Benda, Ernst Curtius sowie die Maler Ludwig Knaus, Adolph von Menzel und Anton von Werner im "Weißen Saal" des Berliner Schlosses.

Adolph von Menzel hatte bereits 1861 anläßlich der Krönung Wilhelms I. zum König von Preußen in Königsberg ein aquarelliertes Porträt der Kronprinzessin geschaffen. Umrahmt von ihrem dunklen glatten Haar und bekrönt mit einem Diadem, von dem stilisierte Blumen strahlenförmig aufsteigen, fixierte er ihr breitflächiges Gesicht sowie den gefaßten Gesichtsausdruck mit dem aufmerksamen Blick, wobei er den Oberkörper lediglich in knappen Umrißstrichen andeutete: "Kronprinzessin Victoria" (1861)[36] dürfte zu den authentischsten Porträts gehören, die je von ihr geschaffen wurden. In Begleitung ihrer Schwiegermutter Augusta und deren Hofstaat zeigt Adolph von Menzel Victoria außerdem diademgeschmückt in dekolletierter Abendrobe, in den "Skizzen zu Königin Augusta und Kronprinzessin Victoria, umgeben von Hofdamen" (1861).[37]

Wilhelm von Bode (1845-1929), unter Wilhelm II. Generaldirektor der Berliner Museen, kam aufgrund seiner amtlichen Funktion als Kustos und Direktor verschiedener Museumsabteilungen häufig mit dem Kronprinzenpaar zusammen.[38] Ab 1873 besuchte er die Familie sommers wie winters in Potsdam oder Berlin. Zudem begleitete er das Paar oft bei Kunst- und Einkaufsreisen in Italien und Großbritannien. In seiner Biographie äußert er sich besonders warmherzig über den Kronprinzen, der "stets ein freundliches, anerkennendes und aufmunterndes Wort" für seine Museumsarbeit hatte.[39] Anläßlich der Silberhochzeit des Kronprinzenpaares 1883 organisierte Wilhelm von Bode auf Wunsch Victorias die Ausstellung mit "Gemälden älterer Meister aus Berliner Privatbesitz" und verfaßte eine Festschrift, die die Vorliebe des Paares für die Kunst des italienischen Quattro- und Cinquecento widerspiegelte und den Titel "Italienische Portraitsculpturen des XV. Jahrhunderts in den Königlichen Mussen zu Berlin" trug. Beides - Ausstellung und Festschrift - wurde zu einem großen Erfolg.[40]

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