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III. Frühe Arbeiten

III.1. Historische, religiöse und Theaterthemen

Das Interesse für Kunst, Theater und Literatur zeigte sich schon in frühen Jahren bei der Princess Royal. Vor allem mit Theatereindrücken begann sie sich bildnerisch auseinanderzusetzen. Einen "Pagen" (1857) aus William Shakespeares "Richard III." aquarellierte sie in strammer Profildarstellung mit Schwert und gesenkter Fahne.[41]

Vermutlich Jane Seymour schwebte ihr bei dem Aquarell "Lesende Dame im historischen Kostüm" (1859)[42] vor. Sie figuriert als Lesende, in einem Erker vor einem kostbaren Glasfenster. Die Prinzessin empfand so viel Sympathie für Jane Seymour, die dritte Frau Heinrichs VIII., die 28jährig nach der Geburt des Thronerbens Eduard VII. starb, daß sie 1869 bei einem Berliner Kostümfest in einem Gewand auftrat, das dem der "Lesenden Dame" nachempfunden war. Das Bild "Orientalisches Mädchen" (1856)[43] dürfte ebenfalls durch eine Theateraufführung angeregt worden sein. Die idealistische Gestalt "Lohengrin"[44] ist steif ins Bild gesetzt. Victoria verbildlichte den Augenblick, in dem Lohengrin der bedrängten Elsa von Brabant auf einem Schwan zu Hilfe eilt. In seiner Ritterrüstung ragt er aufrecht aus dem Körper des Schwans heraus, diesen kurioserweise an den Zügeln haltend und auf seinem Rücken die angedeutete Landschaft durchfahrend. Wie aktuell der Lohengrin-Stoff in der Mitte des 19. Jahrhunderts war, wird an der musikalischen Verarbeitung durch Vincenzo Bellini (1830), Richard Wagner (1850) und Charles Gounod (1867) deutlich. Das Kronprinzenpaar, insbesondere Friedrich Wilhelm, war häufig in der Oper zu Gast, doch Victoria mochte keine Wagner-Opern: "Man kann sich kaum etwas so Schwerfälliges, Ermüdendes und Anstrengendes zu hören vorstellen."[45] "Sitzender Knabe"[46] könnte den Zweifler Hamlet thematisieren. Mit einer Ritterrüstung angetan, gibt er sich, in einem hohen gotischen Stuhl sitzend, seinen düsteren Grübeleien hin. Bei den genannten frühen Aquarellen ist die Vollfigur - stehend oder sitzend - als alleiniges Sujet im Zentrum, während der Hintergrund - Interieur, Architektur oder Landschaft - in knappen, jedoch für die Person charakteristischen Details angegeben wird.

Ein großangelegtes Aquarell schildert die Begegnung zwischen "Romeo und Julia"[47] im nächtlichen Garten. Julia beugt sich vom Balkon hinunter zu Romeo, der sehnsuchtsvoll zu ihr aufschaut. Die Weißhöhung der Figur Julias und das durch die Türe dringende, gleißende Licht setzen der großartigen, mit romantischer Verve gestalteten Szene koloristische Lichter auf.

Die Shakespeare-Dramen "Richard II.", "Richard III.", "Heinrich V." und "Romeo und Julia" fesselten die junge Künstlerin ungemein. Besonders eine Aufführung der Tragödie "Richard II." im Mai 1857 im Princess's Theatre in Osborne hatte die Princess Royal so beeindruckt, daß sie dieser bekannten Opferfigur der englischen Theatergeschichte zahlreiche Arbeiten widmete. Zumeist handelt es sich um großangelegte, mehrfigurige, aufwendige Aquarelle. Wie sehr Victoria dieses Stück liebte, läßt sich daraus ersehen, daß sie in dem Album "Souvenir de Angelterre"[48], das sie eine Woche vor ihrer Heirat fertigstellte, auf zwei Seiten Verse aus "Richard II." zitierte und ihm eine Widmungsseite unter dem Titel "Farewell", unterzeichnet "Victoria Princess Royal /Buckingham Palace/January 19 1858", zudachte. Das Album enthält zudem Arbeiten der Königin Victoria, ihrer ältesten Kinder, Edward Henry Corboulds sowie anderer Künstler und trägt auf dem Eingangsblatt Victorias handschriftliche Widmung: "Souvenir de Angleterre et gage de l'affection et de la reconaissance qui ne s'effacera jamais de nos coeurs/ Windsor Castle/ Dimanche le 16 janvier 1859".

III.2. Reisebilder

III.2.a) Mittelmeer-Reise (Spätherbst 1862)

Vom Oktober bis zum Dezember 1862 unternahm das Kronprinzenpaar eine ausgedehnte Reise durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Italien und Malta bis nach Tunesien. Auf der königlichen Yacht "Osborne" durchkreuzte es gemeinsam mit Victorias Bruder, dem Prinzen von Wales, das Mittelmeer. Die Stationen dieser Reise sind in den Briefen der Kronprinzessin an ihre Mutter sowie in den Tagebuch-Eintragungen des Kronprinzen dokumentiert. Victorias "Sketches of Journey from October to December 1862" bilden den künstlerischen Ertrag der Rundfahrt. Die Kronprinzessin klebte die Aquarelle offensichtlich selbst in ein Album und beschriftete es. Es beginnt mit "Bauernmädchen aus Friedrichsroda", einer aufwendigen Trachtenstudie zweier Frauen in dunklen Farbtönen vom 3. Oktober 1862, und endet - vermutlich am 12. Dezember 1862 mit einer unbezeichneten duftig-transparenten Venedig-Vedute, in deren Mitte eine Säule mit geflügeltem Löwen aufragt.[49] Flanierende Personen, das filigrane Gerüst der Segelschiffe vervollständigen diese maritime Stadtansicht. Das Album enthält mehrere Ansichten der Burg Hohenzollern, Stadtveduten von Bern, Palermo, Malta, Neapel, Sorrent, Rom, Genua, Verona sowie mehrere Blätter vom Leben der Araber in Tunis, z.B. Beduinen vor ihrem Zelt oder Haremsdamen.

Der Besuch der Burg Hohenzollern am 8. Oktober 1862 wurde von dem Kronprinzenpaar begeistert festgehalten. In seinen "Tagebüchern" beschreibt Friedrich Wilhelm, wie sich an jenem Morgen die Herbstnebel über der Burg allmählich auflösten, und liefert damit die literarische Analogie zu Victorias Aquarellen: "Dann auf die herrliche Stammburg, die, anfangs von Nebel umhüllt, je mehr wir uns näherten, klarer hervortrat und dann beim herrlichsten Herbstsonnenschein vor uns stand. Welche Wonne, endlich diese Stätte betreten zu können und namentlich mit dem lieben Frauchen! Die Stammburg ist eins der herrlichsten Gebäude, die ich gesehen habe, und die Lage einzig stolz und vornehm."[50] Victoria - "Ich habe einige Kritzeleien gemacht" - schuf mehrere Aquarelle. Eines vergegenwärtigt die Burg als zentrales, bekrönendes Bildmotiv in dunklen Herbsttönen, ein anderes, in blassen Beige- und Blaunuancen, schiebt den Bildgegenstand nach rechts. Den Bauernmädchen von Hechingen widmete Vicky einige Arbeiten am 9. Oktober 1862, dem Abschiedstag.[51] Ihr Besuchsbericht ähnelt im übrigen dem ihres Ehemannes: "Unser Ausflug zum Hohenzollern war äußerst erfolgreich; ich habe niemals etwas so Großartiges, so Imposantes oder Schönes wie die Burg Hohenzollern gesehen! Stell Dir einen Berg inmitten des Hochgebiets, das Rauhe Alp genannt wird, vor, der 3000 Fuß hoch ist (so hoch wie der Brocken), und auf der Spitze das schöne Schloß. Es war ein sehr schöner Tag, aber zunächst bedeckten Wolken den gesamten Hohenzollern. Nach und nach klärten sie sich oben auf, umhüllten jedoch den Gipfel und ließen nur das Bauwerk frei. Das ergab eine zauberhafte Wirkung. Es sah aus wie eine Burg, die auf Wolken erbaut ist. Der Nebel hob sich vollkommen gegen Mittag und wir hatten eine grandiose Aussicht von der Spitze."[52]

Die Reise - im Sinne der damals bei den Engländern so beliebten "Grand Tour" galt dem Kunst- und Landschaftsgenuß, Kunsteinkäufen und Besuchen bei Verwandten und Freunden, vor allem in der Schweiz und in Italien. So notiert der Kronprinz über den Besuch von S. Gallen am 13. Oktober 1862 , wo Einkäufe - vermutlich von Kunstgegenständen - getätigt wurden: "[...] dann in das Kloster oder Abtei, wo uns der Bischof die herrlichsten uralten Manuskripte irischen Ursprungs aus dem 6. und 7. Jahrhundert sowie eine uralte Handschrift vom Parzipal und dem Nibelungenlied zeigte."[53] Die zeichnerischen Aktivitäten registriert er am 17. Oktober 1862 in Bern: "Unterwegs (von Zürich nach Bern) klärte sich das Wetter auf, so daß liebes Frauchen das unbeschreiblich schöne Berner Oberlandpanorama in seiner vollen Pracht genießen und zeichnen konnte, erst von der Terrasse des Münsters, dann vom 'Schänzli' aus."[54]

Einer der Höhepunkte der Reise dürfte der Ausflug nach Capri am 4. November 1862 gewesen sein. Der Kronprinz vermerkt in den "Tagebüchern": "O Neapel! Nach wallender Bewegung 11 Uhr vormittags bei Capri die Blaue Grotte unter erschwerenden Umständen besucht [...]."[55] Statt der themenüblichen mediterranen Heiterkeit vermittelt das Aquarell "Marina di Capri" Einsamkeit, ja Verlorenheit angesichts der felsenumschlossenen menschenleeren Bucht, über der eine Vogelschar aufsteigt. Zwei verlassene Boote, ein leeres Haus verstärken die Tristesse dieser Insel-Impression, deren Reiz in der Wiedergabe von Wasser und Himmel in Stufungen von Blau- und Violett besteht.[56] Überraschenderweise entstand im Januar 1863 ein weiteres Aquarell "Marina di Capri" (1863)[57], das die überschaubare Erstversion durch eine Vielzahl massiger Steinformationen verunklärt. Victoria ihrerseits erläutert die "erschwerenden Umstände" des Besuchs in der "Blauen Grotte": "Wir haben Sorrent, Castelammare, Portici, St. Elmo und die Blaue Grotte am Tag unserer Ankunft besichtigt. Es war äußerst schwierig, in die Grotte hineinzufahren (General Knollys, Fritz und ich lagen flach in einem schäbigen kleinen Fischerboot), es war heftiger Seegang, und wir wurden vollkommen durchnäßt."[58] Nach dem Ausflug in die "Blaue Grotte" von Capri erkundete die kleine Reisegruppe am 4. November die Umgebung von Neapel: "Fahrt nach S. Lucia, Chiaia bis auf den Posilip halb herauf, wo Vicky zeichnete."[59] Einkäufe von Kunstgegenständen, Textilien, Seidenstoffen erfolgten u.a. in Lyon, von Rahmen- und Schnitzwerke in Florenz und Palermo. Die Reise war angefüllt von kunsthistorischen Besichtigungen - der Mosaiken in Palermo und Montreale, des Museo Borbonico (heute Museo Nazionale) in Neapel, von Kirchen und des Vatikanische Museums in Rom, der Uffizien in Florenz, des Doms und des Museums Brera in Mailand. Immer wieder wurden Künstlerateliers besucht. Am 29. November 1862 in Rom notiert Friedrich Wilhelm knapp: "Zum Maler Overbeck".[60] Victoria gesteht der Mutter von Rom aus: "Wie mich die Raffaels an den geliebten Papa erinnern. Meine Augen füllen sich oft mit Tränen, wenn ich sie anschaue. Mir kommt es vor, als gehörten sie ihm alle. Alles Gute, Große, Richtige und Schöne identifiziere ich mit ihm. "[61]

Ein weiterer Glanzpunkt war der mehrtägige Tunis-Aufenthalt Ende Oktober 1862. Von großem narrativem Reiz ist das Aquarell "Beduinenzelt in Tunis" - die Beobachtung einer unter Palmen rastenden Araberfamilie mit Dromedar[62]: "Auf dem Heimweg besuchten wir ein Beduinen-Lager - ein schäbiges kleines Zelt mit einem liegenden Kamel davor", so Victoria.[63] Sensationell war der Besuch der Kronprinzessin in einem Harem. "Dann Vicky mit Bey in den Harem 3/4 Stunden", notierte der Ehemann. Festgehalten wurde dieses Ereignis in dem Aquarell "Im Harem des Bey von Tunis (27. Oktober 1862)" (1862)[64]. Es handelt sich eine Figurenstudie der Frau des Bey in Begleitung dreier Dienerinnen. Die nebeneinander aufgereihten Araberinnen in buntfarbigen Seidenhosen, weiten Blusen und Turbanen, von denen Schleier herabfallen, sind das Exotischste, was die Künstlerin geschaffen hat. Victoria berichtet der Mutter ausführlich über den Besuch im Harem, wobei sie vor allem von der Prinzessin Lilla Bembey, der Ehefrau des Bey, von deren Wohnungseinrichtung und von dem Empfang berichtet: "[Der Bey] bat Fritz um Erlaubnis, seine Frau vorstellen zu dürfen und dann führte er uns in den Harem mit Mrs. Moore, Hedwig und der Frau des preußischen Konsuls, einer Amerikanerin. Die arme Prinzessin war so entzückt, mich zu sehen, daß sie meine Hand keine Minute lang während der halben Stunde, die ich bei ihr war, los ließ."[65]

Die Aquarell-Folge bildet den größten thematisch geschlossenen Werkkomplex in Victorias Oeuvre und gehört in den Kontext der bildkünstlerischen und literarischen Italien-Schilderungen des 19. Jahrhunderts, z.B. Karl Blechens, Carl Rottmanns, der Nazarener, aber auch der mit dem Kronprinzenpaar bekannten Maler Franz von Lenbach und Anton von Werner. Sie stellt einen originären Beitrag in der Nachfolge von Goethes "Italienischer Reise" oder etwa der Tagebücher der Fanny Hensel-Mendelssohn dar. Diese erste Italien-Reise der Kronprinzessin legte den Grundstein zu ihrer späteren Italien-Liebe - "das liebe Italien, welche selbst für die Traurigen und Bekümmerten einen so großen Reiz hat", wie sie im November 1879 Anton von Werner gegenüber bekannte.[66] Bis 1900 unternahm sie nahezu alljährlich längere Studien- und Erholungsreisen nach Italien, mit Vorliebe an der Ligurischen Küste und in Südtirol.

III.2.b) Ferienreisen der Kronprinzenfamilie in Deutschland und im Ausland

Die kronprinzliche Familie machte regelmäßig Urlaub an der Nordsee- und Ostsee-Küste. So verbrachte sie im Juli 1863 einige Wochen auf Rügen bei Fürst Wilhelm zu Putbus. Im Gegensatz zu den lichtdurchfluteten Italien-Visionen setzte Viktoria die einsame Küstenlandschaft einfühlsam in einige herbe Aquarelle um. Schuf Caspar David Friedrich (1774-1840) mit seinen "Kreidefelsen auf Rügen" (um 1818)[67] eine Metapher von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und der Ewigkeit der Natur, verdeutlicht durch die drei Staffagefiguren, die die Menschenalter personifizieren, so betätigte sich Victoria wie schon während der Mittelmeer-Reise - als Landschafterin. Sie schuf eine menschenleere Ansicht des steil ins Meer fallenden "Kreidefelsen beim Königstuhl" (1863)[68], der sanft im Licht schimmert. Einen flachen Abschnitt der steinigen pommerschen Meeresküste wählte sie für die "Bucht" (1863).[69] Die sich weit dehnende Wasserfläche belebte sie eindrucksvoll mit einem winzigen Segelboot. Während der Ferienwochen entstand auch das Aquarell "Heiliger Georg mit Drachen" (1863)[70], eine dunkelfarbige, seltsam leblose Darstellung, bei der das Pferd den Heiligen in Ritterrüstung trägt und sich der Drache zwischen den Beinen des Pferdes windet.

Im Juli und August 1865 weilte die Prinzessin mehrere Wochen in Wyk auf Föhr. Diese Zeit stand im Schatten der heraufziehenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Österreich um das Herzogtum Schleswig-Holstein. In ihren Briefen an die Mutter schildert die Kronprinzessin die turbulente Fahrt nach Husum im Beisein der drei kleinen Kinder und des Personals. Begeistert beschreibt sie den kleinen Ort Wyk mit seinen etwa 900 Seelen und einen Ausflug nach Helgoland. Es wurden Kindergeburtstage und Tanzfeste veranstaltet und Strandspaziergänge bei Mondschein unternommen. Die Familie und ihre Begleitung waren in drei bescheidenen Häusern untergebracht, deren Zimmer etwa halb so groß wie Schiffskabinen waren."[71] Obgleich die Kronprinzessin durch die Kinderbetreuung in Anspruch genommen war, fand sie Gelegenheit, Bewohner der Insel und die Kirche von Niblum zu aquarellieren.

In friesischen Sonntagskleider posieren "Leonore Paulsen (1865)" und "Anna Christine Henriette Nehrong (1865)".[72] Das Aquarell "Elena Hoyen und Mina Jacobsen" (1865)[73] veranschaulicht die Kleidung einer jungen und einer alten Nordfriesin in einem sparsam, jedoch charakteristischen Innenraum: Die Rückwand besteht aus bemalten Fliesen - die typische Folie für solche Figurendarstellungen. "Frauen bei der Ernte" [74] bringt Landarbeiterinnen in Arbeitskleidung ins Bild. In dunklen langen Röcken, Blusen und Schultertüchern verrichten sie bei glühender Hitze ihre Erntearbeit. Turbane und Gesichtsschleier schützen vor dem aufwirbelnden Staub. Die drei hintereinandergestaffelten Frauen, mit dem Zusammenbinden der Ähren beschäftigt, figurieren vor einem weitläufigem Getreidefeld. Die "St. Johannes-Kirche in Niblum"[75] zeigt die Neigung der Kronprinzessin für Architekturdarstellungen. Dieser Backsteinbau aus dem 12. Jahrhundert, bekannt durch den Schnitzaltar von Bernt Notke (1440-1509), ist exakt ins Bildzentrum gestellt. Den Figurenbildern des selben Zeitraums vergleichbar, dominieren auch hier die dunklen Aquarelltöne.

Der Aufenthalt Victorias und ihrer Kindern im Oktober/November 1869 in Cannes (während der Kronprinz zur Eröffnung des Suez-Kanals in Ägypten weilte) war für alle Beteiligten sehr vergnüglich. Man wohnte "ohne riesige Karawane" in dem "Grand Hötel de la Mediterranee" von Cannes, versuchte jedoch die Ausgaben gering zu halten. Die Italien-Liebhaberin mußte z.B. aus finanziellen Gründen auf eine Fahrt nach Genua verzichten: "Und ich liebe jeden Zoll des geliebten Italiens. Es ist qualvoll, sich vorzustellen, so nahe und doch nicht dort zu sein. Eine Fahrt nach Genua wäre wunderbar, doch für uns zu kostspielig, fürchte ich."[76] Ein Ausflug nach Antibes wurde jedoch unternommen, von wo aus man den großartigen Blick auf die Seealpen und das Meer genoß. Überraschenderweise hält sich Victorias Begeisterung für Antibes selbst in Grenzen. Um so mehr genossen die Kinder die Wochen an der Côte d'Azur, in deren Verlauf sich zahlreiche Verwandte ebenfalls dort einfanden. Wilhelm II. erinnert sich vor allem an die Ausflüge zur Insel Sainte Marguerite vor Cannes. In der dortigen Festung waren Marokkaner gefangen. Die kleine Gesellschaft freundete sich mit ihnen an, und die Kronprinzessin malte sie.[77]

II1.2.c) Spätere Italien-Reisen

Italien war von 1862 bis 1900 neben England das häufigste Reiseziel. Besonders gut belegt ist die Reise des Kronprinzenpaares vom April bis zum Juli 1875 nach Florenz, in den Golf von Genua und nach Venedig, die Anton von Werner in seiner Würdigung "Eine fürstliche Malerin" 1885 in "Die Gartenlaube" ausführlich beschreibt.[78] In Florenz fühlte sich Victoria wie in einem "vollkommenen Paradies". Ihrer Mutter gegenüber schwärmt sie: "Es ist bezaubernd hier [...] all die Schönheiten und Ruhmesblätter der Kunst, die in dieser wunderbaren Stadt angehäuft sind. Es ist so, wie Du sagst. In einer Position wie der unsrigen kann Kunst nicht das Wichtigste im Leben sein. Sie kann aber und - ich meine - sie sollte die wichtigste Erholung darstellen. Wenn man wie wir an einem Ort und in einem Land lebt, das seltsamerweise bar jeglicher Kunstsammlungen ist, genießt man es doppelt, wenn man soviel vor sich sieht! Ich gestehe, daß, erst wenn man älter und nachdenklicher wird, die Schätze Italiens richtig beurteilen kann."[79]

Anlaß der Reise war ein Besuch beim befreundeten italienischen Kronprinzenpaar in Florenz. Wilhelm von Bode und Anton von Werner gehörten zeitweilig zur Begleitung. Die Wochen galten der Besichtigung von Kirchen, Palästen, kleineren Ausflügen, z.B. nach Pisa, sowie Einkaufsgängen, bei denen die Kronprinzessin Kunstgegenstände, alte Möbel und kostbare Dekorationstextilien erwarb. In Venedig widmete man sich auch künstlerischer Arbeit.[80] In Anton von Werners Autobiographie "Erlebnisse und Eindrücke" (1913) umfasst die Venedig-Reise von 1875 ein eigenes Kapitel.[81] Er berichtet von täglichen Ausflügen innerhalb Venedigs, Besuchen der Glasmanufakturen von Murano und der Basilica Sant' Antonio in Padua, ferner von gemeinsamen Aquarellstudien im Atelier von Ludwig Passini (1832-1903)[82] und von Gondelfahrten. Die Kronprinzessin gestaltete u.a. "den Kopf einer hübschen jungen Venetianerin" und stand Anton von Werner in einem Rubenskleid Modell für das Aquarell "Im Klosterhof von San Gregorio in Venedig" (1875).[83]

Victoria ließ ihre Mutter an den Venedig-Eindrücken brieflich teilhaben: "Wir haben hier angenehme Gesellschaft. Gräfin Bernstorff mit ihrem ältesten Sohn und Victoria, der Direktor der Berliner Akademie (H. [sic!] von Werner) und ein sehr liebenswürdiger Mann (ein Wiener Maler, der für gewöhnlich in Berlin lebt und mit den Mendelssohns verkehrt), er heißt Passini. Vielleicht kennst Du seine entzückenden Aquarelle, die in Deutschland sehr geschätzt werden. Wir kennen ihn seit einigen Jahren. In dessen Atelier arbeitet Angeli, so oft er in Berlin ist."[84]

Während dieser Italien-Reise machte Victoria auch die Bekanntschaft des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921). Das Kronprinzenpaar war mit dem Essayisten Karl Hillebrand (1829-1884) befreundet, der die beiden auch auf einigen Norditalien-Reisen begleitete. Hillebrand vermittelte in Florenz den Kontakt zu Hildebrand, den Victoria sehr schätzte.[85] So bestellte sie 1884 ein Exemplar der Bildnisbüste, die der Bildhauer von dem Freund geschaffen hatte. Noch in den 1880er Jahren besuchte die Kaiserin Hildebrand oft seinem Münchener Atelier. 1878 malte die Kronprinzessin ein lebensgroßes Brustbild von Mary Fiedler, der Frau des Kunstschriftstellers Konrad Fiedler (1841-1895), der sich ebenfalls als Freund von Hildebrand und Hans von Marées (1837-1887) oftmals in Italien aufhielt.[86]

Eine konkrete Vorstellung von der vorletzten Italien-Reise der Kaiserin - vom Januar bis Anfang Mai 1899 nach Bordighera, San Remo, Florenz und Venedig - vermittelt Marie von Bunsen (1860-1941) in ihren Erinnerungen "Die Welt, in der ich lebte" (1959).[87] Auch diese Monate waren mit Ausflügen, Malexkursionen im kleinen Kreis und Museumsbesuchen ausgefüllt. Die Autorin, Begleiterin der Kaiserin bei ihren Malstudien, bescheinigt ihr "Veranlagung und Können, allerdings in etwas altmodischer Art". Ihre Aquarelle lobt sie als "tüchtig" und konstatiert respektvoll: "Keinesfalls hätte sie 'gemogelt', hätte etwa Berge blauer und höher dargestellt, als sie waren, doch fehlte die persönliche Eigenart und dadurch der eigentliche Reiz. Bei ihr und Seckendorff [88] stellte ich mit Grausen fest, daß sie noch nie auf den Gedanken gekommen waren, anders als bei Sonnenlicht zu malen."[89] Verständnis für die Errungenschaften des Impressionismus spricht Marie von Bunsen der Kaiserin ab: "Von den Schönheiten verschleierter Luft, von den satten Tönen bei tiefgelagerten Wolken, also von allen atmosphärischen Stimmungen ahnten sie damals im Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts nichts! Auch nichts von den Reizen der norddeutschen Ebene, von der Schwermut märkischer Waldseen. 'Niemals', sagte sie mir, `würde ich in Potsdam oder der Havelgegend auf den Gedanken kommen, zu malen.'"[90] Diese Äußerung entspricht keinesfalls der Realität, denn es gibt sehr reizvolle, einfühlsame Aquarelle von Potsdam und der umgebenden Seen- und Flußlandschaft, z.B. den heiteren "Blick auf Sacrow"[91], der zwei Frauen zeigt, in einem sommerlichen Park nahe des Wassers sitzend. Ein Segelboot belebt die Wasserfläche. Darüber erhebt sich die Stadtsilhouette.

Nach der Erinnerung Marie von Bunsens setzte man sich zu Fuß oder im Wagen in Bewegung, "ohne auf die Stimmung einzugehen". Ein Diener sorgte für die Malutensilien, drei italienische Geheimpolizisten waren für die Sicherheit zuständig. Die Frage der Kaiserin - "Malen Sie nicht besonders gern mit anderen gemeinschaftlich, das ist doch anregend und hübsch"[92] - beweist, daß sie das Arbeiten in einer kleinen Gruppe sehr schätzte.

Zu Beginn des Jahres 1900 weilte die Kaiserin, schon deutlich durch ihre Krebserkrankung geschwächt, ein letztes Mal an der Ligurischen Küste in Sarzana. Sie ließ sich herumfahren, versuchte, noch ein wenig zu arbeiten und genoß die Landschaft. Ihrer Mutter schreibt sie am 25. Februar 1900 aus La Spezia: "Ich hoffe, daß ich einige Punkte der reizenden Umgebung sehen kann, wo die Straßen nicht zu schlecht sind, und man nicht lange fahren muß. Ich würde sehr gern einige Skizzen machen, denn es gibt hier entzückende Orte an der Küste Felsen und waldige Hügel, die viel wilder sind als die an der anderen Seite der Riviera. Die Dörfer sind fast ganz unberührt und sehr pittoresk."[93]

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