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IV. Anton von Werner (1843-1915)

Seine erste Begegnung mit der Kronprinzessin schildert Anton von Werner in der "Gartenlaube".[94] Er wurde ihr 1871 nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges anläßlich der Präsentation seiner Arbeiten aus Versailles vorgestellt. Bei diesem sehr familiären Zusammentreffen - die Kronprinzessin trug ihr jüngstes Kind auf dem Arm überraschte sie ihn mit ihren sachkundigen Bemerkungen. In seiner Funktion als Direktor der Berliner Akademie und herausragender Historien- und Schlachtenmaler der wilhelminischen Ära, insbesondere als Schöpfer zahlreicher Varianten der programmatischen "Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches" erwarb Anton von Werner die Wertschätzung Kaiser Wilhelms I. und später auch die seines Nachfolgers.[95]

"Eine fürstliche Malerin" verfaßte er 1885 anläßlich der 25jährigen Ehrenmitgliedschaft der Kronprinzessin in der Akademie der Künste auf Wunsch von Graf von Seckendorff.[96] In der zweiseitigen Würdigung setzt er sich mit den künstlerischen Präferenzen und dem Kunstwollen der Prinzessin auseinander. Der Maler lobt "technisches Können [...], das künstlerische Verständnis und Empfinden der hohen Frau, wie es gegenüber den Werken der Kunst und den Eindrücken der Natur bei jeder Gelegenheit zu Tage trat."[97] Ferner benennt er Einflüsse auf ihr künstlerisches Wirken: "Ohne direkte Lehrmeister zu haben, hat die hohe Frau doch von den Eindrücken Nutzen gezogen, welche die praktische Thätigkeit hervorragender Künstler auf sie ausübte, z.B. unter Anderen Professor von Angeli als Portraitmaler, der verstorbene treffliche Chr. Wilberg und Ascan Lutteroth als Landschafter und speciell Aquarellisten und Professor Albert Hertel als Stillebenmaler. Treffliche Portraitstudien, z.B. die lebensgroßen Bildnisse des Prinzen Wilhelm und der Frau Erbprinzessin von Meiningen[98] im Renaissancekostüm weisen auf den Einfluß von Angeli's hin, und die zahlreichen, mit überraschender Leichtigkeit und Sicherheit gezeichneten oder aquarellierten Reiseskizzenblätter lassen durch ihre Technik errathen, daß Wilberg und Lutteroth nicht ohne sichtbaren Erfolg den Vorzug genossen haben, im Neuen Palais in Potsdam oder in Italien und der Schweiz in der Nähe der kunstliebenden Fürstin gewesen zu sein."[99]

Sodann erläutert er drei reproduzierte Arbeiten der Künstlerin: "Frauenportrait" zeigt das Brustbildnis einer Frau im Profil, die in hochgeschlossenem Kleid Modell sitzt. Das ergraute Haar wird von einer dunklen Haube bedeckt. "Straße am Meer in Pegli bei Genua" (1879) zeigt den Verlauf einer Küstenstraße, die auf der einen Seite von einem Turm und einem zerfallenen Kastell gesäumt wird und auf der anderen steil zum Meer abfällt. Victorias damaliger Lehrer Ascan Lutteroth (1842-1923) bringt mit "Scirocco an der Riviera"[100] exakt dieselbe Szenerie ins Bild, nimmt die topographische Situation jedoch lediglich zum Anlaß, den aufziehenden Scirocco als dominantes Bildereignis zu schildern. "Vergänglichkeit" (1882)[101], ein Stilleben mit Totenkopf und Kruzifix, allegorisiert zweierlei - die Vergeblichkeit menschlichen Tuns und die tröstliche Botschaft christlichen Glaubens. Anton von Werner bekennt seine "wahrhafte Schätzung [...] für die hervorragende künstlerische Begabung und das ernsthafte Streben" Victorias. In seinen Erinnerungen vermerkt er nicht ohne Stolz, daß sein Artikel in "Die Gartenlaube" von ausländischen Zeitschriften übernommen wurde, z.B. von der italienischen Zeitschrift "Riforma" mit dem Titel "Una Principessa pittrice".[102]

In seinen Erinnerungen erwähnt von Werner über die genannten Arbeiten hinaus die "vortreffliche gezeichnete Kostümstudie" einer "Kammerfrau" (1875)[103], ein Geschenk der Kronprinzessin, das seine Arbeitszimmer zierte. Die Zeichnung zeigt eine elegante junge Dame in großer Abendtoilette mit Schleppe, wie es die damalige Mode erforderte. Eine Hand umschließt den Fächer, mit der anderen drückt sie den Schleier an die Brust. Die Figur ist ins Profil gewendet, so daß die Fülle des bauschigen Rocks voll zur Wirkung gelangt. Die Details des Kostüms werden sorgfältig registriert - wiederum ein Zeichen für das Gefallen an Kleidung und Trachten.

Als favorisierter Historienmaler der Hohenzollern markierte Anton von Werner die herausragenden familiären Ereignisse mit seinen Repräsentationsdarstellungen und protokollierte damit die gesellschaftlichen Auftritte der Kronprinzessin. Zumindest einmal revanchierten sich Victoria und Fxiedrich Wilhelm demonstrativ. Ein Zeichen freundschaftlicher Verbundenheit zwischen dem Kronprinzenpaar und der Familie Anton von Werners wurde die Taufe seines Sohnes im Februar 1879: "Taufe in meinem Hause" (1880)[104] bringt die glanzvolle Zusammenkunft in der Berliner Stadtvilla des Malers ins Bild. Die Kronprinzessin hält ihr Patenkind lächelnd im Arm. Unmittelbar hinter der Patin erkennt man von Werner selbst und den Kollegen Ludwig Knaus. Das glatt zurückgenommene Haar der Prinzessin wird von einer winzigen schwarzen Haube bekrönt als Zeichen des Trauerfalls, den sie im Dezember 1878 durch den plötzlichen Tod ihrer Schwester Alice von Hessen erlitten hatte.

In einem weiteren Taufbild beschreibt von Werner ein Ereignis bei Hof: "Die Taufe des Urenkels" (1883)[105] fand im Juni 1882 im Neuen Palais in Potsdam statt. An die Stelle des Wernerschen Salons trat die Jaspis-Galerie der kronprinzlichen Sommerresidenz. Eine erlesene Festgesellschaft versammelt sich um sich den greisen Kaiser Wilhelm I. und die Kronprinzessin, die sich auch hier über das Neugeborene neigt. Doch dieses Mal fungiert sie als elegante, diademgeschmückte Akteurin im Hintergrund, die hinter der Darstellung des jungen Elternpaares - Prinz Wilhelm und Prinzessin Auguste Viktoria links im Bild deutlich zurücktritt. Die hohen rokokoverzierten Türen geben den Blick in den Muschelsaal frei.

Die "Verlobung des Prinzen Heinrich am 90. Geburtstag Kaiser Wilhelms I." (1889)[106] im März 1887 war das letzte Gruppenbild der Hohenzollern-Familie vor dem einschneidenden Jahr 1888. Anton von Werner vollendete das Ereignisbild jedoch erst 1888 nach Skizzen, die er zum Teil in Baveno am Lago Maggiore anfertigte. Dort besuchte er den todkranken Kronprinzen ein letztes Mal, der sich von dem milderen Klima eine Erleichterung seines Leidens erhoffte. Die gezeichnete "Figurenstudie Kronprinzessin Viktoria" (1887)[107] zeigt ihr Gesicht in leicht verschobener Frontalansicht. Das dunkle, mittelgescheitelte Haar ist streng nach hinten gekämmt und wird von einem kleinen Blumenschmuck bekrönt. Die Bluse ist hochgeschlossen und mit einer runden Brosche verziert. Der Ausdruck ihres Gesichts ist melancholisch-ernst. Dennoch vermittelt die Arbeit die Haltung und die Gefaßtheit, die sie während der Krankheit ihres Mannes auszeichnete. Die Zeichnung registriert die Wandlung von der unbekümmerten Italien-Reisenden des Jahres 1875 hin zur Gefährtin des kranken Gatten. Nach 1887 ließ sich Victoria von Anton von Werner nicht mehr malen. Ein Grund dafür mag gewesen sein, daß er seine Karriere als gefragter Repräsentationsmaler auch unter Wilhelm II. fortsetzte.

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