Zurück Hoch Weiter

V. Heinrich von Angeli (1840-1925)

Heinrich von Angeli hatte bereits mit großem Erfolg als Porträtist für den deutschen, österreichischen und russischen Hof gearbeitet, als er im Mai 1873 anläßlich der Weltausstellung in Wien dem Kronprinzenpaar vorgestellt wurde. Auf Empfehlung Victorias reiste er im März 1875 nach England, um die Queen sowie die Familien des Prinzen von Wales und der Prinzessin Alice von Hessen für offizielle und private Zwecke zu porträtieren. Die englische Königin war sofort für ihn eingenommen: "Er gilt als einer der besten Porträtmaler unserer Zeit, ist ein echter 'Wiener' und spricht stark 'wienerisch'. Er ist noch ziemlich jung, ist liebenswürdig und klug" - notiert sie in ihr Tagebuch.[108] Sein "Bildnis der Königin Victoria als Kaiserin von Indien" (1885) hing später als Staatsporträt in allen Amtsstuben des Commonwealth. 1899 vollendete Heinrich von Angeli das letzte Bildnis der englischen Königin. Es zeigt eine altersgebeugte, einsame Frau ohne alle Hoheitszeichen, ein Gemälde, das diese der Kronprinzessin gegenüber als "das beste und ähnlichste, das er je von mir gemalt hat" bezeichnete.[109] Der Begeisterung der englischen Königin ist es zu verdanken, daß die Royal Collection heute über 40 Gemälde des österreichischen Bildnismalers besitzt.

Nach der Begegnung in Wien lud Victoria Heinrich von Angeli nach Berlin ein, um sich ebenfalls von ihm porträtieren zu lassen, da er - so ihr Urteil - "der einzige ist, der Winterhalter ersetzen kann". Bei dieser Gelegenheit nahm sie auch bei ihm Unterricht. Ihr Enthusiasmus steckte selbst den Ehemann an, denn auch der Kronprinz ließ sich zeitweilig von Heinrich von Angeli unterrichten. Franz Xaver Winterhalter (1805-1873) war zuvor von 1841 bis zu seinem Tode der Lieblingsporträtist der englischen Königin.[110] In allen Lebensphasen saßen sie bzw. Prinz Albert ihm als Einzelpersonen sowie im Kreise ihrer Familie Modell. 1856 schuf Franz Xaver Winterhalter das Gemälde "Prinzessin Victoria von Großbritannien bei ihrem ersten 'Drawing Room' [111], auf dem er die Princess Royal in eindrucksvoller weißer Ballrobe mit Schleppe ins Bild brachte, wobei die junge Verlobte anläßlich des Besuches des preußischen Prinzen Friedrich Wilhelms ihr Kleid mit Kornblumen schmücken und sich einen Kranz aus den Blumen flechten ließ - den Lieblingsblumen der Hohenzollern seit der Flucht der preußischen Königin Luise vor Napoleon.[112] Denselben konzentrierten, aufmerksamen Gesichtsausdruck der Prinzessin verbildlichte Franz Xaver Winterhalter sechs Jahre später, als der die "Familie des Kronprinzen und der Kronprinzessin von Preußen"[113] mit den beiden ältesten Kindern in großer Aufmachung mit allen Requisiten einer Repräsentationsbildnisses darstellte. Der Kronprinz vermerkt die Arbeit an dem Gemälde im März 1861 in seinem Tagebuch: "Winterhalter begann heute ein lebensgroßes Ölbild von uns beiden mit den Kindern für die Schwiegereltern, das gleich in der ersten Anlage sowohl in der Gruppierung wie auch wegen der Ähnlichkeit gelang."[114]

Von den zahlreichen Darstellungen in halber und ganzer Figur, die Heinrich von Angeli von Victoria als Kronprinzessin und als Kaiserin schuf, war das 1874 entstandene "Bildnis der Kronprinzessin Victoria im Renaissance-Kostüm" eine Auftragsarbeit, das die Dargestellte als Dreiviertelfigur frontal stehend verbildlicht.[115] In dunkelrotem Samt aufwendig gearbeitet, das Oberteil eng anliegend und mit schmaler Taille, der Rock weit ausladend, erhält das Kleid seinen Reiz durch die bauschigen Ärmel, die wiederum am Unterarm in einer knappen, mit Spitzen unterlegten Manschette enden. Das Dekolleté ist V-förmig geschnitten, ebenfalls mit plissierter Spitze besetzt und wird durch eine bis zur Taille herunterhängende Kette akzentuiert, die von einem Medaillon zusammengehalten wird. Die Hände sind vor dem Körper übereinandergelegt und halten einen schwarzen, mit einem Sonnenmotiv dekorierten Federfächer. Eine breite Perlenkette umspannt den Hals. Dazu kontrastieren dunkle traubenförmige Ohrgehänge. Das sanft zurückgekämmte dunkle Haar schmückt eine Kreation aus Perlen und schwarzem Stoff. Der Blick ist aufmerksam auf das Gegenüber gerichtet. Das von rechts hereinfallende Licht umschmeichelt das ovale, wohlgeformte Antlitz. Die Dargestellte figuriert vor einer Wand, die den Ausblick auf eine Parklandschaft in der Abenddämmerung freigibt - zweifellos eine Allusion auf die Parkdarstellungen der englischen Landschaftsmalerei, während der Preußenadler oberhalb des Kopfes die Zugehörigkeit zum deutschen Kaiserhaus andeutet. An die Mutter schreibt die Kronprinzessin am 17. Januar 1874 erwartungsvoll: "Heute müßten eigentlich unsere Bilder aus Wien ankommen. Ich bin in einem alten italienischen Kostüm dargestellt mit einem schwarzen Federfächer in der Hand. Ich bin gespannt, ob es Dir gefällt. Da ich weiß, daß Maler mit mehr Freude arbeiten, wenn sie so weit wie möglich selbstständig arbeiten können, habe ich dem Maler ziemlich 'freie Hand' gelassen."[116]

Ebenfalls als Kniestück konzipierte Heinrich von Angeli das "Kostümbild der Kaiserin Friedrich als Kronprinzessin" (1875).[117] Sie posiert in Dreiviertelansicht, den Kopf zur Seite gewendet. Das aufwendig gestaltete Kleid mit großem Dekolleté ist auf der Brust mit breiter kostbarer Auflegearbeit und einer Perlenbrosche bestickt. Die schmale Taille faßt einen seitwärts gerafften Rock, der mit kostbarer Stickerei verziert ist. Mehrfach gegliederte Kolliers schmücken die runde, wohlgeformte Schulter- und Halspartie. Ein ausladender, aus wertvollen Materialien gearbeiteter Hut kontrastiert deutlich zu dem schlichten dunklen Haar. Der rechte angewinkelte Arm trägt eine Stola, die linke herunterfallende Hand hält ein Tuch. Der mächtige Säulenstumpf sowie der kostbare Gobelin gehören zu den Topoi vor ahem englischer Herrscherdarstellungen und erhöhen die elegante Erscheinung der Kronprinzessin. Die Wirkung der makellosen Haut wird durch den Lichteinfall noch gesteigert. Der nachdenklich-ernste Blick fixiert einen Gegenstand außerhalb des Bildes.

1875 porträtierte Heinrich von Angeli Victoria ein weiteres Mal im historischen Kostüm für ein Schulterbildnis. Das "Bildnis der Kronprinzessin Victoria" präsentiert die Mittdreißigerin ebenfalls in kostbarer Aufmachung.[118] Eine hochgeschkossene, mit Spitzen verzierte Samtjacke wird vervollständigt durch einen dunklen, mit Federn und Schmuck besetzten breitkrempigen Hut. Der Kopf ist mit einer leichten Wendung über die Schulter dem Betrachter zugekehrt. Die Dargestellte blickt den Betrachter offen-freundlich an. Wie auf keinem anderen Bildnis gelang es Heinrich von Angeli hier, das Wesen der Kronprinzessin zu verbildlichen: Lebhaftigkeit und Offenheit, gepaart mit Würde und Noblesse.

20 Jahren später verband von Angeli mit dem "Bildnis der Kaiserin Friedrich in Witwentrauer" (1894)[119] eindrucksvoll Repräsentation und Privatheit. In der Inszenierung dem "Bildnis der Königin Victoria als Kaiserin von Indien" (1885)[120] vergleichbar, wurden von dieser Darstellung der deutschen Kaiserin im Trauergewand Repliken und Varianten u.a. für Königin Victoria und König Edward VII. angefertigt. Brustbilder dieser Reihe befinden sich heute in Huis Doorn und Schloß Friedrichshof. Doch die Ausführung unterscheidet sich ganz erheblich: Der Grad der Idealisierung ist bei dem Bildnis der Kaiserin Friedrich augenfällig. Heinrich von Angeli hat der Vierundfünzigjährigen ein ungemein jugendliches Aussehen verliehen. Beide Frauen sind im Profil dargestellt, die englische Königin würdevoll in Samt, Hermelin, Spitzen, mit Krone, Schleier und Würdezeichen, figuriert neben ihrem Thron, die tiefschwarz gekleidete Kaiserin sitzt auf einem Renaissance-Sessel, ihr Gebetbuch in Händen haltend. Der repräsentative Charakter beider Bildnisse wird vervollständigt durch die Säulendarstellung links, hinter der sich eine dämmrige Parklandschaft öffnet. Wird der Thronsessel der englischen Königin lediglich angedeutet, so weisen die Wappen der Hohenzollern und des Hauses Sachsen-Coburg sowie die Inschrift explizit auf die Stellung der deutschen Kaiserin hin. Das blasse Antlitz mit den ebenmäßigen Zügen wird durch das hereinfallende Licht überhöht. Habitus und Gestus erwecken den Eindruck, als kreisten die Gedanken Victorias sehnsuchtsvoll um den Verstorbenen. Ihrer Tochter Sophie gegenüber erwähnt sie 1893 die Sitzungen für Heinrich von Angeli: "Gestern und heute habe ich Herrn von Angeli für mein Bildnis gegessen. Es ist genauso wie das Profilporträt, das Du kennst, nur als Ganzfigur. Ich sitze auf einem geschnitzten Holzstuhl und habe ein Buch im Schoß. Alle mögen es sehr. Er malt besser als je zuvor."[121]

Heinrich von Angeli arbeitete über mehrere Jahrzehnte für die Kronprinzenfamilie und nach dem Tod Friedrichs III. für dessen Witwe. Daß er sich aufgrund seines Charmes Kühnheiten in Gegenwart der Kronprinzessin erlaubte, die andere Gäste niemals gewagt hätten, bezeugen der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode sowie der Oberhofmarschall Hugo von Reischach. Wilhelm von Bode erlebte, wie der Maler in Gesellschaft ein Kameenkollier der Kronprinzessin eigenhändig prüfte. "Angelis sprudelnder Witz [...] war im Kreise der höchsten Herrschaften nicht selten etwas sehr absichtlich und riskant. An jenem Abend [im Frühjahr 1874 im Salon der Gräfin von Schleinitz] leistete er das Unglaublichste. In der Unterhaltung mit der Frau Kronprinzessin fiel ihm ein kostbares Kollier aus antiken und anderen Kameen auf, ein Geschenk der Königinmutter, das sie auf dem bloßen Halse trug. Angeli nahm das Kollier, legte seine Hand auf den Hals der Kronprinzessin und studierte eine Kamee nach der anderen, ohne sich um die peinliche Situation der hohen Frau zu kümmern."[122] Einen noch gewagteren Schritt tat er, als er die Künstlerin wegen eines Bildnisses ihres Oberhofmarschalls maßregelte. Nach der Erinnerung Hugo von Reischachs tadelte und lobte Heinrich von Angeli sie gleichermaßen: "Aber was habens denn da angestellt, Majestät? Der Baron Reischach ist doch ein ganz gut aussehender Mensch und das eine Aug habens ihm ganz schich gemalt. Lassens doch das Porträtieren, das könnens halt nit. Bleibens bei ihren Stilleben, die machens sehr nett. Unter die könnt man den Namen von einem großen Künstler setzen."[123]

Auch Wilhelm von Bode beurteilte den Umgang der Kronprinzessin mit ihren Künstlern durchaus kritisch. So berichtet er über die Rivalitäten zwischen denjenigen Malern, die bei Hofe besonders hoch im Kurs standen - ein Faktum, das sich auch auf den Ankauf von Kunstwerken auswirkte. Im Winter 1879/80 stand z.B. die Erwerbung eines Neptuns von Rubens an, der sich Victoria zunächst widersetzte, weil Heinrich von Angeli sich negativ über die Arbeit geäußert hatte: "Am Kronprinzlichen Hofe machte sich der Einfluß der Maler, die der Kronprinzessin bei ihren Malstudien zur Seite standen, gerade in jenen Jahren recht erschwerend bei unseren Bemühungen um die Vermehrung der Bildersammlung geltend. Neben Angeli, der durch seinen übermütigen Wiener Humor schließlich die Oberhand behielt, waren A. von Werner und eine Zeitlang Lenbach besonders wohl gelitten und einflußreich. Letzterer hatte kurz vorher die Anschaffung einer alten Kopie des Zwerges von Velasquez im Prado-Museum [...] so energisch bei der Kronprinzessin als das 'schöne Original' empfohlen, daß wir das Bild um 20 000 Mark hatten erwerben müssen. Angeli, der innerlich Lenbach wenig freundlich gesinnt war, erklärte das Gemälde für einen 'Schmarren' und stimmte mit der Zeit selbst die Kronprinzessin gegen diesen ihren eigensten Kauf um." [124]

Zurück Hoch Weiter