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VII. Figurenbilder der Kronprinzessin

Sämtliche Alben enthalten überwiegend weibliche, jedoch anonyme Figurenstudien, für die Verwandte, Bekannte oder Bedienstete Modell gestanden haben dürften. Ein frühes Aquarell mit der französischen Kaiserin Eugénie (1826-1920) in Halbfigur zeugt von der hohen künstlerischen Begabung der Princess Royal. "Eugénie, Kaiserin von Frankreich" [130], signiert mit den selten verwendeten Initialen "V.A.M.L." (Victoria Adelaide Mary Louisa), gilt dem Gegenstand schwärmerischer Bewunderung der Heranwachsenden für eine Frau, die zu den elegantesten und schönsten ihrer Zeit zählte. Das miniaturhafte Bildnis dürfte im August 1855 bei einem Besuch der englischen Königsfamilie in Frankreich entstanden sein. Die Kaiserin figuriert in ausgesuchter Abendtoilette mit großem Dekollete und rosa Schärpe. Das üppige dunkle Haar ist mit einer Rose verziert. Das Profil ist ungemein lebensvoll und charakterisiert den südeuropäischen Typus. Die Kaiserin hatte Vicky vor deren erstem Paris-Besuch Kleider von französischen Couturiers zum Geschenk gemacht, ihr als Erinnerung beim Abschied ein Brillantarmband mit einigen Haarsträhnen überreicht und Vicky damit, wie Königin Victoria vermerkt, "zu Tränen gerührt".[131]

Neben den Studien weiblicher Personen des Freundes- und Bekanntenkreises nehmen Serien von Trachtendarstellungen in nahezu allen Alben einen breiten Raum ein. Insbesondere Huis Doorn besitzt eine Sequenz sorgfältig ausgearbeiteter, farblich außerordentlich delikater kleiner männlicher und weiblicher Figurenaquarelle, die hauptsächlich österreichische und italienische Alltags- und Feiertagstrachten vorführen. Es ist durchaus vorstellbar, daß diese Arbeiten nach Vorlagen zu Studienzwecken entstanden sind. Sie konzentrieren sich voll auf die stehende oder sitzende Figur, häufig in Untersicht und ohne Hintergrund gegeben. Gelegentlich werden sie durch ein Attribut gekennzeichnet - "Sitzende mit Krug"[132], "Sitzende mit Spindel"[133], "Sitzender Mönch"[134] oder, stärker genrehaft, Kostümfigur mit Sonnenschirm"[135] - die sehr duftige Skizze einer weiblichen Rückenfigur mit einem Kind auf dem Arm - oder "Sitzender" [136] in reizvoll lässiger Haltung, angetan mit einer phrygischen Mütze und Mandoline spielend vor dem fern angedeuteten lavaspeienden Vesuv.

Es hat den Anschein, als habe die Kronprinzessin hin und wieder Gäste und Mitarbeiter ihres Gatten, die zu Besuch weilten, skizziert. Bei diesen Gelegenheiten dürften auch Zeichnungen von Adjutanten des Kronprinzen entstanden sein, z.B. knappe Kopfstudien der engsten Mitarbeiter des Kronprinzen, die in ein Gespräch oder in Lektüre vertieft sind - so Leopold Graf von Schweinitz, Konrad Ernst Maximilian Graf Finck von Finckenstein oder Wilhelm Petersen.[137] Eindringliche aquarellierte Kopfstudien junger preußischer Militärs gelangen der Kronprinzessin möglicherweise anläßlich des Krieges gegen Dänemark 1864. "Unteroffizier Mögel von der Leibkompagnie I" und "Jäger Bauszus 1. Comp." stellen angenehme Vertreter dieses in Preußen hochangesehenen Standes vor. Es sind aquarellierte Dreiviertelansichten durchaus nachdenklicher Köpfe.[138]

Die bekanntesten Arbeiten der Künstlerin sind die Bildnisse, die sie unter dem Einfluß Heinrich von Angelis etwa ab 1875 von ihren Kindern schuf. Die Kronprinzessin vertraute ihrer Mutter an, welchen großen Wert sie auf Angelis Unterricht und Urteil lege und welche Fortschritte sie sich davon erhoffe. Unter seiner Anleitung kopierte sie das Aquarell "Kaufmann Georg Gisze" (1532) von Hans Holbein d.J., das sie ihm, mit einer Widmung versehen, 1876 zum Geschenk machte.[139] Daß sie sich zur eigenen Schulung mit dem Kopieren großer Meister der italienischen Renaissance beschäftigte, zeigt z.B. das Aquarell "Kopf der Madonna von Lucca della Robbia" (1869) oder der gemalte Tondo "Madonna mit Kind und Engeln nach Sandro Botticelli"[140]

Das Interesse an Figurendarstellung, oftmals durch Theatereindrücke oder historische Lektüre angeregt, dominiert die Arbeiten der frühen Berliner Zeit. Die Bleistiftskizze des lesenden "Prinz Friedrich Wilhelm, von hinten gesehen" (1858)[141], wenige Monate nach der Heirat im Juli in Babelsberg geschaffen, zeigt den Ehemann in Rückenansicht mit verlorenem Profit. Diese Momentaufnahme variierte die Prinzessin noch mehrfach. Auf einer ähnlichen Zeichnung präzisierte sie die Stimmung des betreffenden Tages "on a raining morning 10/7 58 Bberg".

Wiederum in seine Lektüre vertieft, zeichnete die Kronprinzessin den Ehemann vermutlich im September 1863 - "Kronprinz Friedrich Wilhelm im Schottenkilt".[142] Auffallend ist auch hier der studienhafte Charakter. Die Arbeit könnte während der Schottland-Reise der jungen Familie im Herbst 1863 entstanden sein, da Königin Victoria wünschte, daß ihre Schwiegersöhne während der Ferien schottische Kleidung trugen. Eine Kopfstudie des jungen "Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen"[143] dürfte das kleine Aquarell sein, das ihn in Dreiviertelansicht mit dichtem Kopfhaar, Bart und Schnäuzer festhält. Die Jacke mit dem breiten Kragen ist lediglich angedeutet. Die Arbeit zeigt ihn am Beginn seiner politischen und militärischen Karriere. Das Album der Kaiserin Friedrich, das Wilhelm II. in Huis Doorn aufbewahrte, beginnt nicht zufällig mit diesem Bildnis. Des weiteren besitzt Huis Doorn das Gemälde "Kronprinz Friedrich Wilhelm" aus dem Jahre 1877.[144] Wilhelm II. würdigt den Vater 1927 verehrungsvoll in seinem Rückblick: "Mein Vater lebt in der Erinnerung der Mit- und Nachwelt als der Sieger von Königgrätz und Wörth, der mitgeholfen hat, die deutsche Kaiserkrone zu schmieden, als der liebenswürdige und volkstümliche Kronprinz, als der Kaiser, umflossen vom tragischen Glanz seiner kurzen Regierung nach langer Wartezeit, als der edle Dulder in schwerem Leiden, das ihn vorzeitig dahinraffte."[145] Möglicherweise das einzige bekannte Selbstbildnis Victorias befindet sich ebenfalls in dem Doorner Album: Das "Selbstporträt der Kronprinzessin Victoria"[146], als Aquarell über Bleistift ausgeführt, zeigt die junge Künstlerin völlig unprätentiös in einem hellen, hochgeschlossenen Kleid in Dreiviertelansicht. Das Gesicht mit dem gesenkten Blick wird von dunklem, mittelgescheitelten Haar umrahmt. Sie figuriert vor einer Wasserfläche. Blitzende Aquarellstriche auf dem Kleid verleihen der Arbeit hohe malerische Reize.

Dort befindet sich auch das reizvolle Aquarell "Prinz Wilhelm als Zweijähriger" (1861). [147] Es entstand in Windsor Castle, als die Kronprinzessin anläßlich der Beisetzung der Großmutter, der Herzogin von Kent, mehrere Wochen dort weilte. Der am 27. Januar 1859 geborene Sohn steht artig Modell in bauschigem, mit großen Schleifen verziertem Kleidchen und Spitzenhosen. Das runde Köpfchen mit seidig glänzendem Haar ist geringfügig aus dem Profit gewendet. Ende September 1860 beschreibt Königin Victoria ihren Enkel anläßlich eines Familientreffens in Coburg, als würde sie exakt das Doorner Kinderbild kommentieren: "Wir blieben kurze Zeit beisammen und dann wurde unser herziges Enkelkind gebracht; so ein kleines Lieb! Es spazierte an der Hand seiner Amme herein in einem kleinen weißen Kleid mit schwarzer Schleife, und war so gut. Es ist ein schönes, kräftiges Kind mit weißer, sanfter Haut, wohlgebildeten Schultern und Gliedern und einem sehr lieben Gesicht. Ähnlichkeit hat es mit Vicky und Fritz [...]; es hat Fritzens Augen und Vickys Mund und sehr blondes, lockiges Haar. Wir fühlten uns so glücklich, ihn zu sehen."[148] Leider traf die Bemerkung über die Wohlgestalt des Kindes nicht zu: Die Prinzessin mogelte auf dem genannten Aquarell die Verkürzung des linken Arms - eine Folge der lebensgefährlichen Zangengeburt ihres ersten Kindes - weg, indem sie ihn als normal gebildet vorgibt, wie es auch auf den unzähligen späteren Darstellungen ihres Sohnes gehandhabt werden sollte.

Um eine frühe Darstellung des zweiten Kindes, der Tochter Charlotte, die im Juli 1860 geboren war, dürfte es sich bei dem Aquarell "Kindermädchen und Kind" (1860) [149] handeln. Ein hübsches junges Kindermädchen in Tracht mit Haube und breitem Schultertuch hält das Baby auf dem Arm. Die Prinzessin sandte ihren Eltern in England diese Arbeit. Victoria, die nach eigenem Eingeständnis - "Ein Baby an der Brust [...] ist doch das höchste Glück im Frauenleben" - eine begeisterte Mutter war, mußte erleben, daß ihre drei Ältesten ein ungemein gespanntes Verhältnis zu ihr entwickelten. Unter ihren Kindern kam es zur Bildung zweier Gruppen - die "preußischen" Kinder Wilhelm, Charlotte und Heinrich - und die nachgeborenen Prinzessinnen Victoria, Sophie und Margarete. Die Söhne Sigismund (1864-1866) und Waldemar (1869-1879) verstarben im Kindesalter.

Ihre Tochter Charlotte (1860-1919) zeigte früh außergewöhnliche Nervosität und Reizbarkeit. Ihr Leben lang litt sie an ererbter Porphyrie, einer neurologischen Erkrankung, die sich in Lähmungen und Neuralgien äußert. Trotz intensiver ärztlicher Betreuung konnte ihr Leiden nicht gebessert werden.[150] Sie wurde 1876 mit dem späteren Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen verlobt - sehr zum Unmut des Kaiserpaares und der Königin Victoria, die die Braut als zu jung empfanden. Doch die Eltern waren offenkundig in großer Sorge um die Zukunft ihrer ältesten Tochter. "Das arme Kind wird niemals irgend jemandem Hilfe oder Unterstützung gewähren. Ich muß gestehen, es ist nicht ihre Schuld. Die Natur hat sie so geschaffen - und Bildung kann nicht alles leisten [...] Es ist wirklich eine große Prüfung."[151] Den Verlobten der ältesten Tochter porträtierte die Kronprinzessin im Januar 1877, wie sie der Mutter mitteilt: "Ich mache gerade ein Porträt von ihm, komme jedoch nur sehr langsam voran. Er ist ungewöhnlich lebhaft, so daß es schon eine ziemliche Anstrengung ist, ihn für eine Minute ruhig zu halten."[152]

Zwei Bildnisse Charlottes entstanden 1879, in dem Jahr, in dem sie ihre Tochter Feodora gebar und die Kronprinzessin zum erstenmal Großmutter wurde. "Bildnis der Prinzessin Charlotte" (1879)[153] ist ein Brustbild, das die neunzehnjährige "Ditta" beinahe frontal, den Kopf leicht nach rechts gewendet, festhält. Ein lockiger Pony mildert die deutliche Länge des blassen Gesichts. Der Blick wirkt reserviert und abwesend. Das lange blonde Haar ist zu einem Zopf zusammengelegt, der links auf das Kleid in Renaissance-Stil fällt. Der eckige Ausschnitt ist mit einer hochgeschlossenen Bluse unterlegt. Diese endet unmittelbar unter dem Kinn in Spitzen, die wiederum durch ein Brokatband zusammengehalten werden. Eine schwergliedrige Kette mit Medaillon liegt auf der Brust auf.

Das Kniestück der "Prinzessin Charlotte von Preußen" (1879)[154], das sich in Schloß Friedrichshof befindet, zeigt die Tochter der Malerin gefälliger, wenngleich teilnahmslos und in sich gekehrt. Auch hier trägt sie ein Kleid im Renaissance-Stil. Der runde Ausschnitt, der den Hals mit der schlichten Perlenkette freiläßt, die bauschigen Ärmel, aus denen Teile der Bluse dekorativ herausquillen, das kleine Rosenbukett auf der Brust, die lang herunterhängende Gliederkette, die zugleich als Gürtel diem, das offene, wellige Haar, die sanfte Linksdrehung des gesenkten Kopfes und nicht zuletzt das Blumenstilleben vor dem sich erhellenden Horizont lassen die Dargestellte freundlicher erscheinen.

Das ovale Brustbild des "Prinzen Heinrich von Preußen" (1867)[155] entstand im pommerschen Ferienort Misdroje, wo die Kronprinzessin "Ruhe und Zurückgezogenheit und Freiheit" genoß, die sie in Berlin nicht hatte. Auch diese Arbeit war ein Geschenk an Königin Victoria und befindet sich in Windsor Castle. Sie zeigt das wohlgeformte, schmale, leicht nach rechts gewendete Gesicht des Fünfjährigen. Die großen dunklen Augen schauen den Betrachter aufmerksam an. Der volle Mund, die hohe Stirn und das glatte Haar erhöhen den Reiz der Darstellung. Der Junge ist mit einem gestreiften, hochgeschlossenen Kittel bekleidet. Ein späteres "Porträt des Prinzen Heinrich von Preußen" [156] in Schloß Friedrichshof zeigt den zweitältesten Sohn in jugendlicher Straffheit streng frontal in Uniform mit auffallenden Epauletten. Das Kronprinzenpaar ließ Prinz Heinrich (1862-1929) als Marineoffizier ausbilden. Als Admiral war er während des Ersten Weltkrieges zweimal Sonderbeauftragter zwischen Wilhelm II. und dem englischen König Georg V.

1876 sind "Bildnis des Prinzen Waldemar von Preußen" und vermutlich auch die Bildnisbüste entstanden.[157] Das Gemälde zeigt den Zehnjährigen als Pagen in kostbarem Renaissance-Kostüm. Die Figur ist in Dreiviertelansicht, das Kopf im Profit gegeben. Gekleidet in eine Jacke mit breitem besticktem Gürtel, von dem eine kostbare Tasche herabhängt, posiert er mit verschränkten Armen, wodurch die glänzende Seide der Ärmel und des Jackenfutters wirkungsvoll zur Geltung kommt. Das runde, pausbäckige Gesicht wird von dunklem dichtem, leicht gekräuseltem Haar umrahmt. Den Kopf bedeckt ein schwarzer Fez. Die aristokratische Selbstsicherheit, die das Gemälde ausstrahlt, zeigt sich auch in der streng frontalen Bildnisbüste. Die klaren Züge des jungen Gesichts werden betont durch das mittelgescheitelte Haar. Dem Kragen eines Matrosenanzugs ist ein Schal unterlegt, der vorn auf der Brust geknotet ist. Die Kronprinzessin schuf diese Arbeiten wenige Jahre vor dem Tode ihres Lieblingssohnes, der an Diphtherie starb.

Für Sigismund und Waldemar hatte Reinhold Begas bereits 1866 und 1879 Marmorepitaphien für die Friedenskirche entworfen und ausgeführt. Im dortigen Mausoleum gestaltete er 1888-1892 bzw. 1903 die Sarkophage Friedrichs III. und Victorias nach dem Vorbild der Gräber für Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise von Christian Daniel Rauch in Charlottenburg. Auf Wunsch Victorias schuf er auch die "Bildnisbüste der Kronprinzessin Victoria" (um 1883)[158] Das Haar mit einem Lorbeerkranz geschmückt, fixierte er sie mit großem, schmucklosen Dekolleté, die Schultern mit einem spitzenbesetzten, geknoteten Tuch umhüllt.

Auch das Porträt der "Prinzessin Viktoria von Preußen" (1878)[159] war ein Geschenk an Königin Victoria und hängt heute in Osborne House. Es ist als Schulterstück konzipiert und zeigt die dreizehnjährige Prinzessin "Moretta", wie sie auch genannt wurde, in Dreiviertelansicht. Das volle Gesicht ist dem Betrachter zugewandt, der Blick ist gesenkt. Ein lockiger Pony verdeckt einen Teil der Stirn, das übrige dichte, gewellte Haar fällt über die Schultern auf die bestickte Trachtenbluse.

Im selben Jahr schuf die Malerin ein repräsentatives Kniestück ihrer zweiten Tochter (1866-1927), das frontale "Bildnis der Prinzessin Victoria von Preußen" (1878).[160] Unter einem Trägerrock trägt sie eine weiße spitzenverzierte Bluse mit Puffärmeln. Das Gesicht mit großen dunklen Augen und einem vollen Mund wirkt offen und natürlich. Unter einem ausladenden schwarzen Hut mit Federschmuck lugen ihre blonden Ponyfransen hervor. Auf der Brust liegt das Medaillon eines Halsschmucks auf. Von der Taille fällt eine breite Kette über den Rock, an dem eine Tasche hängt. Vor sich hält Prinzessin Viktoria eine mit Rosen und Weintrauben gefüllte flache Schale. Sie präsentiert sich als eine anmutig-einnehmende Flora.

In einem frontalen Ganzfigurenbild und in leichter Aufsicht brachte die Kronprinzessin ihre jüngste Tochter Margarethe (1872-1954) ins Bild: Auf dem "Bildnis der Prinzessin Margarethe von Preußen" (1876)[161] figuriert die Vierzehnjährige im Zentrum des Bildfeldes. In einem weiß-grauen spitzenverzierten Seidenkleid steht sie aufrecht und blickt den Betrachter interessiert an. Das pausbäckige Gesicht wird umrahmt von fließendem blondem Haar. Die Stirn verdeckt wiederum ein dichter Pony. Breite Perlenreihen liegen auf Hals und Brust. Die Arme hat sie etwas angewinkelt. Die rechte Hand liegt auf dem Kleid, die linke stützt sich auf einen reich verzierten Tisch, auf dem ein Rosenbukett abgelegt ist. Der Innenraum ist detaillierter als bei den anderen Kinderbildnissen angegeben.

Die Prinzessin posiert auf bunten antiken Teppichen und wird von einem aufwendig gestalteten Renaissance-Rahmen hinterfangen. Im September 1881 porträtierte die Kronprinzessin während eines Englandbesuches ihre sechsjährige Nichte Marie (1875-1938), die Tochter ihres Bruders Alfred von Edinburgh und später Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha. Das "Bildnis der Prinzessin Marie von Edinburgh"[162] ist als Schulterstück angelegt und zeigt das Mädchen in weißem Kleid mit langem blondem Haar und dichten Ponyfransen. Das runde, kindliche Gesicht ist nach links gedreht. Über den Entstehungsprozeß dieses Porträts unterrichtet die Kronprinzessin ihre Mutter recht genau, obwohl sie mit dem Arbeitsergebnis nicht zufrieden ist: "Ich schicke Dir die Skizze von 'Missy', obgleich sie sehr unbefriedigend ist! Sie wird dem liebreizenden Kind in keiner Weise gerecht, und ich fürchte, ich babe keine Ähnlichkeit zustande gebracht! Das Gemälde ist sehr grob, und um es vorzeigbar zu machen, hätte ich noch drei weitere Sitzungen benötigt, aber Du weißt, wie groß die Eile war [...] Außerdem war das Licht in meinem Wohnzimmer für das Malen sehr ungünstig, draußen wäre es wesentlich besser gewesen, aber das Wetter machte einen Strich durch die Rechnung. Daher bitte ich Dich, es so zu akzeptieren, bis ich eines Tage ein besseres machen kann!"[163]

Maria Gräfin von Bülow (1846-1929) war eine enge Freundin der italophilen Kronprinzessin. Als Tochter des Domenico Principe di Camporeale und Laura Actons wuchs sie in einem hochkultivierten, kosmopolitischen Milieu auf, vor allem nachdem ihre Mutter den italienischen Ministerpräsidenten Marco Minghetti geheiratet hatte. Maria von Bülow war in erster Ehe mit Graf Karl August von Dönhoff und ab 1886 mit Fürst Bernhard von Bülow, dem späteren deutschen Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten, verheiratet.[164] Victoria vermerkt im Mai 1873, daß sie sich in Mailand in Gesellschaft der Gräfin Dönhoff befinde: "Ich habe eine charmante junge Dame bei mir - Gräfin Dönhoff, geb. Camporeale -, die Tochter von Madame Minghetti, die eine äußerst bezaubernde und kluge Frau ist, wie Du sicher gehört hast. Ihre Tochter ist hübsch, sehr klein, aber ein richtig italienischer Typ, sie ist sehr klug, nett und eine entzückende Begleiterin.[165]

Das heute in der Britischen Botschaft in Berlin befindliche "Bildnis Maria von Bülow" [166] muß während dieser Italien-Reise entstanden sein. Das beinahe quadratische, kleinformatige Brustbildnis konzentriert sich ganz auf das Antlitz der Freundin. Das volle jugendliche Gesicht ist nach rechts gewendet, der Blick ist gesenkt. Das schwarze Haar, die Wimpern und langgezogenen dunklen Brauen kennzeichnen den südländischen Typus. Die gesamte Dunkelfarbigkeit erhält blitzende Akzente durch die Perlenschmuck - das Kollier, den traubenförmigen Ohrring und die einzelnen Perlen in der Frisur. Ende der 1870er Jahre faßte Prinz Wilhelm zur Freundin seiner Mutter eine schwärmerische Beziehung, die die Kronprinzessin durchaus billigte. Wilhelm schreibt Maria von Bülow: "Mama hatte vollkommen recht, als sie mir schrieb, sie sei froh darüber, daß ich Dich gern habe und so sehr liebe, da ich viel von Dir lernen und meinen Intellekt bilden kann."[167]

Die Kronprinzessin bezeichnete die Gräfin gern als "beste Freundin auf dem Kontinent" - so Bernhard von Bülow, der die Malerin als "ganz nett, aber natürlich als Dilettantin" empfand. Daß die Kronprinzessin Bernhard von Bülows verhüllt kritische Bemerkungen mit Humor aufnahm, läßt sich einer von ihm geschilderten Anekdote entnehmen. Statt ihre Frage nach seiner Einschätzung ihrer Bildnisse von seiner Frau direkt zu beantworten, bediente er sich eines historischen Vergleichs: Als Ludwig XIV. den Herzog von Saint-Simon um sein Urteil über ein von ihm komponiertes Sonett bat, soll der Herzog erwidert haben: "Sire, rien n'est impossible à Votre Majest]eacute;. Vous avez voulu faire un mauvais sonnet, vous avez pleinement réussi." Bülow fuhr vergleichbar diplomatisch fort: "Eure Majestät haben ein unähnliches Porträt meiner Frau machen wollen, und es erreicht." Die Kronprinzessin habe die Ironie wohlwollend aufgenommen, ja "entzückend" gefunden.[168]

Ein Ergebnis einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Orientmaler Karl Wilhelm Gentz (1822-1890) in Berlin ist das dramatisch inszenierte Bildnis "Mohammed - ein Nubier" (1877)[169] - auch ein Geschenk an die Mutter, das heute in Osborne House hängt. Das Modell wurde vor einem Fenster platziert, so daß sich die Künstlerin mit einem Schirm vor der Sonneneinwirkung schützen mußte. Sie arbeitete zeitweilig vier Stunden hintereinander an dem Gemälde. Die mächtige Gestalt, in einen Burnus gehüllt, füllt als sitzende Dreiviertelfigur die gesamte Bildfläche. Das von links hereinfallende Licht 1äßt die Konturen des Dargestellten aufschimmern. Die leichte Wendung des Kopfes ermöglicht die Identifizierung eines breitflächigen, fleischigen Gesichts. Die Hände hat der Dargestellte im Schoß übereinandergelegt. Dank brieflicher Äußerung der Kronprinzessin ist auch die Entstehungsgeschichte dieses Gemäldes bekannt: "Unter unseren Kleinigkeiten zu Deinem [der Mutter] lieben Geburtstag befindet sich ein Bild, das ich für Dich gemalt habe, oder besser gesagt eine Studie, die ich Dir in aller Bescheidenheit schenken möchte, da ich weiß, wie schlecht sie ist! Aber sie entstand in Berlin unter großen Schwierigkeiten. Ich fühlte mich nicht wohl und der Raum, den ich als Atelier benutzen mußte, ist derart schlecht und das Licht so unzureichend, daß ich darüber entsetzt war, als ich das Bild in einem anderen Raum trug, um es anzuschauen. Der Mann, der mir Modell saß, war wirklich großartig, ich wünschte, Du hättest ihn sehen können, er ist so groß wie Cowley [Zeichenlehrer der englischen Königskinder], ja noch breiter, erst 24 Jahre alt und kommt direkt aus Algier mit dem Maler Prof. Gentz - der nur orientalische Themen bearbeitet. Ich war so beeindruckt von seinem Anblick, daß ich beschloß, für Dich eine Studie anzufertigen, doch sie ist leider lediglich eine große Skizze und in großer Eile gemacht [...], sie ist ohne Hilfe zustande gekommen, daher auch voller Fehler - Der Mann heißt 'Mohammed' .[170]

Das "Bildnis eines indischen Dieners der Königin Victoria von England" (um 1880)[171] ist der Beitrag der Kronprinzessin zu der Indien-Schwärmerei, die Ende des 19. Jahrhunderts am englischen Hof einsetzte. Nach der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 und dem Erwerb von Suez-Aktien durch Großbritannien hatte die wirtschaftliche Bedeutung der Kronkolonie Indien ungemein zugenommen. Königin Victoria war 1877 zur Kaiserin von Indien erhoben worden und umgab sich fortan mit einer von ihr überaus geschätzten indischen Dienerschaft. Das Personal erhielt in Osborne House einen Anbau im Stil eines Maharadscha- Palastes, den Durbar Room. Vor dem Hintergrund dieser Indien-Begeisterung förderte die Kronprinzessin 1881/82 im Berliner Kunstgewerbemuseum (dem heutigen Martin-Gropius-Bau) eine Ausstellung indischer Kunst.

Victoria platzierte ihr Modell vor monochromem Fond. Das frontale Brustbildnis vergegenwärtigt einen nachdenklich-melancholischen Mann mit sinnlichen Zügen. Der violette Seidenanzug mit der kostbaren dunklen Brustpartie erhöht die Eleganz seiner exotischen Erscheinung. Sein leuchtend roter Turban bildet einen malerischen Kontrast zu dem dunklen Teint und dem schwarzen Bart. Bedrückung, ja Heimweh äußern sich in dem gesenkten Blick, eine Verfassung, die die englische Königin 1890 zu dem Geständnis veranlaßte: "Die Armen, man muß Mitgefühl für sie haben, sie sind so weit entfernt von ihren Besitztümern, den Menschen, die ihnen am liebsten und nächsten sind, und sie sind auf eine so rührende Weise sanft und geduldig, daß es ein Vergnügen ist, alles für sie zu versuchen und zu tun."[172]

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