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VIII. Stilleben

Als Bildnis- und Figurenmalerin ist Victoria stärker im Bewußtsein als mit ihren Stilleben. Einige Beispiele demonstrieren ihre Affinität zu aufwendiger, symbolhafter Inszenierung. Daneben existieren jedoch auch realistische Arrangements - überraschend karg und äußerst überlegt konstruiert.

Als ein Memento Mori in Form eines gemalten Grabgebindes konzipierte die Kronprinzessin "Kreuz und Blumen" (1864).[173] Ein liegendes Kreuz ist eingebettet in knospende und erblühte Iris, Pfingstrosen, Krokusse und Rhododendren. Dieses Geburtstagsgeschenk für die Mutter 1äßt auch noch drei Jahre nach dem Tode des Prinzen Albert die Trauer um den Vater spürbar werden. Victoria hatte wegen ihrer dritten Schwangerschaft an der Beisetzung des Vaters in Windsor Castle nicht teilnehmen dürfen. Zwei Tage nach dessen Tod schreibt sie der Mutter: "Warum hat die Erde mich nicht verschlungen? Von Euch in diesem Augenblick getrennt zu sein, ist eine Qual, die sich nicht beschreiben läßt.[174]

1872/73 gestaltete die Malerin eine Reihe realistischer Stilleben nach Skizzen des Historienmalers Otto Knille (1832-1898).[175] Wilhelm II. erwähnt in seinen Erinnerungen, seine Mutter habe Malunterricht bei Otto Knille gehabt und die kronprinzliche Familie habe den Maler oft besucht.[176] Die Kronprinzessin notiert im März 1872, sie habe "Kopien nach großartigen Skizzen gemacht, die in Venedig von einem unserer aufstrebenden Künstler hier, Otto Knille" angefertigt worden seien.[177] Diese Stilleben zeichnen sich durch ein ungemein ausgewogenes Arrangement von Obst und Gemüse aus. Vor monochromem Fond sind sie zu kunstvollen Ensembles zusammengefügt und in ihrer Beschaffenheit und Plastizität präzise beschrieben.

Das großformatige "Stilleben" (1878)[178] war ein Hochzeitsgeschenk für Victorias Bruder Arthur, den Herzog von Connaught, und Luise von Preußen. Es war bestimmt für die Eintrittshalle in Bagshot und ähnelt in der Konzeption den 1881 geschaffenen Supraporten für den Speisesaal in Marlborough House. Doch statt die Ansichten von "Schloß Kronborg" und "Windsor Castle" mit Blumen und Wappen einzurahmen, komponierte die Malerin ein üppiges Blumenbukett mit Uhr und prunkvollem Silberkrug, das sie mit dem Ausblick auf ein Schloß und Kolonnaden hinterfing. Bildidee und Aufbau orientieren sich an barocken Stilleben der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Auch dieses Geschenk enthält den Hinweis auf die Schönheit des Lebens und auf seine Vergänglichkeit. Großzügige Stoffdraperien kennzeichnen zwei ähnlich komponierte Stilleben: "Stilleben mit Zinnkrug" [179] und "Stilleben mit Blumen, Kelch, Fächer und Draperie" (1884).[180] Sie bezeugen das Interesse an der Umsetzung der spezifischen Stofflichkeit unterschiedlicher Materialien - Textilien, Metall, Glas, Blumen usw.

Tragen bereits in den genannten Werken einzelne Gegenstände unverkennbar Vanitas-Charakter, so präzisiert die Künstlerin diese Aussage in dem Gemälde "Vergänglichkeit" (1882).[181] Um einen Totenschädel, eine Dornenkrone, Gebetbücher und einen Rosenkranz mit aufgerichtetem Kruzifix zu einem Ensemble zu vereinigen, bedarf es zweifellos einer sehr entsagungsvollen, ja weltverneinenden Lebensauffassung, die ihre einzige Tröstung in dem christlichen Glauben erfährt. Die Botschaft gerade dieses Stillebens muß der Befindlichkeit der Kronprinzessin zutiefst entsprochen haben, denn es wurde nicht nur von Anton von Werner in dem zitierten Aufsatz in "Die Gartenlaube" reproduziert, sondern die Kaiserin vermachte es dem ihr bekannten italienischen Senator, Kunstkritiker und -sammler Giovanni Morelli (1816-1891), dessen Sammlung in den Besitz der Pinacoteca dell'Accademia Carrara in Bergamo überging.[182]

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