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IX. Skulpturen

Daß Victoria zu Beginn ihrer Berliner Zeit mit Skulpturen beschäftigt war, läßt sich ihren Briefen und den Tagebucheintragungen ihres Gatten entnehmen. Auf diese Tätigkeit bezieht sich auch ein Brief des Prinzgemahls Albert an seine Tochter im April 1859: "Daß du große Freude am Modellieren findest, überrascht mich nicht. Als Kunst ist es sogar anziehender als Malen, weil darin der Gedanke greifbar verkörpert ist. Es entspringt auch ein höherer Wert und ein höheres Interesse aus der Tatsache, daß wir darin mit drei Dimension zu tun haben, statt bloß mit der Oberfläche, und nicht unsere Zuflucht zu der Illusion der Perspektive zu nehmen brauchen."[183] Auch Friedrich Wilhelm erwähnt im Januar 1861 bildhauerische Arbeiten seiner Frau, von der jedoch nur wenige Proben überliefert sind: "Vicky modelliert jetzt Mamas Büste."[184]

Die im Besitz der Nationalgalerie befindliche "Bildnisbüste der Augusta von Preußen" (1861)[185] zeigt einen wohlgeformten Kopf mit strengem, ernstem Ausdruck. Das glatte, mittelgescheitelte Haar ist kinnlang geschnitten und bauscht sich über den Ohren. Der schmale Mund, die lange Nase und die dicht über den Augen liegende Brauen kennzeichnen das Gesicht. Die einfache Drapierung des Oberteils und das Fehlen jeglichen Schmucks lassen eine stilbewußte Persönlichkeit erkennen. Augusta hatte ihre intellektuelle Prägung im Weimar Goethes erhalten. Für ihren französischen Vorleser Jules Laforgue (1860-1887) war sie die Inkamation einer "Grande Dame" - "wie diejenigen sie schätzen, die in Gedanken in den Salons des großen Jahrhunderts und in denen des letzten leben."[186] In den Augen Jules Laforgues waren die meisten Vertreter der Berliner Gesellschaft kulturlose Parvenüs. Von diesem Urteil schloß er einzig Kaiserin Augusta und Kronprinzessin Victoria aus.

Victoria hat das Wesen der "stolzen, jeder Sentimentalität baren Augusta" (Jules Laforgue) einfühlsam herausgearbeitet. Dessen Charakterisierung ist die adäquate literarische Entsprechung der bildhauerischen Arbeit der Kronprinzessin: "Die Kaiserin Augusta [ist] nie das gewesen, was man schön nennt. Alles an ihr ist ein wenig männlich, die sehr hohe Gestalt, der Teint, die Gesichtszüge, die Stimme, die Hände [...] Man hat vor sich ein Wesen, das nur aus Nerven besteht und nur als Nervenbündel zusammenzuhalten scheint, ein ausgemergeltes, ausgeprägtes Gesicht mit zwei Augen in unfaßbarem und zugleich unerbittlichem Grau."[187]

Den Kinderkopf des "Prinzen Wilhelm von Preußen als Baby" (1861)[188] modellierte die Kronprinzessin in einer Büste, die von William Theed (1804-1891), dem von Königin Victoria hochgeschätzten Bildhauer, in England in Marmor ausgeführt wurde.[189] Die in der Royal Collection, London, eingelagerte Arbeit fixiert das runde, kindliche Gesicht des zweijährigen Wilhelms mit großen Augen, einer kleinen Nase und aufgeworfener Oberlippe.

Schloß Sanssouci beherbergt eine weitere Skulptur Victorias - die "Bildnisbüste der Zarin Alexandra Feodorowna" (1859).[190] Die gebürtige Prinzessin Charlotte von Preußen (1798-1860), Lieblingsschwester Wilhelms I. und Gemahlin des russischen Zaren Nikolaus I., stattete Berlin und der Hohenzollern-Familie anläßlich des Todestages ihres Vaters Friedrich Wilhelm III. alljährlich im Sommer einen Besuch ab. Da sie stets mit großem Gefolge reiste, erlegten these Visiten der russischen Verwandten allen Mitgliedern der preußischen Königsfamilie anstrengende Repräsentationspflichten auf. Nach dem Ende des Berliner Aufenthalts der Zarin berichtet Victoria ihrer Mutter nach England: "Die Zarin reist Samstag ab. Heute zeigte sie mir ihre großartigen Juwelen. Deine sind schöner. Ihre sind riesige Stücke und wirklich so verschwenderisch, daß es einem fast märchenhaft vorkommt - Saphire, Smaragde, Perlen, Rubine usw., aber die Qualität ist nicht sehr gut ausgenommen ihre Diamanten, die herrlich sind."[191]

Die hoheitsvolle Erscheinung der Zarin ist eindrucksvoll gestaltet. Die bis ins hohe Alter aufrechte, schlanke Erscheinung ist selbst in dieser Büste nachvollziehbar. Den schmalen Kopf mit der hohen Stirn bekrönt ein geschlossenes, mit großen inkrustierten Steinen verziertes Diadem, aus dem an den Schläfen dicht gekräuselte Locken hervorschauen. Ein Schleier fällt aus dem Diadem auf die Schultern. Der Pelzüberhang ist auf der Brust mit einer Brosche zusammengehalten, die in demselben Stil wie das Diadem gearbeitet ist - das Erscheinungsbild ähnelt demjenigen ihrer Mutter, der Königin Luise. Die Zarin, die bei Entstehung der Büste seit vier Jahren verwitwet war, kleidete sich tagsüber schwarz und bedeckte das Haar zudem mit einem schwarzen Spitzenschal, den Victoria wiedergibt. Abends legte sie dagegen weiße Kleider und eine "wahre Kaskade von Perlen" an. Im Sommer 1860 weilte sie zum letzten Mal im Neuen Palais, dem Wohnsitz der kronprinzlichen Familie. Der Tod der Zarin im November 1860 bekümmerte den damaligen Prinzregenten Wilhelm zutiefst. Victoria schreibt ihrer Mutter: "Ich habe den Prinzen noch niemals zuvor in einer derartigen Verfassung gesehen. Weder klagt er, noch zeigt er seinen Kummer nach außen, doch er sieht niedergeschlagen und um Jahre gealtert aus - Fritz sagte, er habe seinen Vater niemals zuvor so gesehen - und natürlich schmerzt es ihn schrecklich. Ich weiß, es liegt daran, daß der Prinzregent niemanden so liebt wie seine Schwester."[192] Die Reaktion der Königin Victoria auf die Todesnachricht verrät, daß man sich über den Charakter der Zarin keine Illusionen machte: "Aber sie wurde angebetet. Ihr alle wißt, welchen Einfluß sie leider auf alle ausübte - und daß allen ihr kleinster Wunsch Befehl war! Die Welt mußte all ihren Wünschen untertan gemacht werden."[193]

Im März 1863 ist in der Korrespondenz zwischen der Kronprinzessin und ihrer Mutter ausführlich die Rede von einer Büste des Prinzen Albert. "Gestern und heute war ich sehr mit einer Bildnisbüste des geliebten Papa beschäftigt - eine Arbeit, die mich völlig in Anspruch nimmt und mich sehr nervös macht. Denn sollte sie mißlingen, wäre dies eine große Enttäuschung. Jetzt ist es ein Uhr. Ich bin seit zehn Uhr heute morgen an der Arbeit [...] Wie sehr wünschte ich, Du wärest hier und könntest einen Rat geben. Professor Hagen[194] hilft mir, doch er hat den lieben Papa nie gesehen. Daher kann er die Ähnlichkeit kaum beurteilen. Er ist ein sehr kluger Künstler und beendet alles, was ich nicht kann. Sollte die Büste gelingen, wirst Du sie hoffentlich in Marmor bestellen und sie von ihm ausführen lassen. Du hast mir eine vom lieben Papa versprochen, Du weißt ja. Wenn sie hier angefertigt werden sollte, könnte ich so oft hingehen und sehen, wie die Arbeit voranschreitet und sie so machen, wie ich es will. Die Konsole, auf der sie stehen soll, ist schon in Rom bestellt. Ich befürchte, Du wirst mich für sehr kühn halten. Ich werde Dir erst in zwei Monaten ein Gipsmodell schicken, doch ich werde die Büste fotografieren lassen, wenn sie fertig ist. Ich halte mich an Theeds und Marocchettis Büsten.[195] Seltsamerweise sind sie sehr unterschiedlich, doch beide sind sehr authentisch. Marocchetti hat das bessere Kunstwerk geschaffen, aber die andere hat eine größere Ahnlichkeit."[196] Einige Tage später schreibt sie Königin Victoria: "Ich schicke Dir die Fotografien meiner Bildnisbüste [...] Alles in allem wird sie Dir gefallen, doch ich kann die Arbeit nicht ganz für mich beanspruchen, denn Professor Hagen hat ganz wesentlich daran mitgearbeitet. Doch da er den lieben Papa nicht gesehen hat, konnte er nicht beurteilen, wie sie aussehen sollte und nichts ist ohne meine Anleitung geschehen. Wenn Du magst, kann Du sie für Fritz und mich zum Geburtstag und zu Weihnachten in Marmor machen lassen und dies hier bestellen? Es wäre wirklich wunderbar."[197]

Neben den Bildnisbüsten der nächsten Verwandten existiert in Schloß Friedrichshof eine weibliche Vollskulptur, vermutlich eine Darstellung der "Hebe".[198] Diese Mundschenkin der griechischen Götter und Verkörperung der Jugend atmet vollständig den Geist klassizistischer Plastik. Eine Knieende ist bekleidet mit einem lockeren Gewand, das, auf den Schultern geknotet, die Arme freiläßt. Die jugendlichen Körperformen schimmern durch das Kleid. Der Kopf mit kunstvoll aufgetürmter Frisur beugt sich tief nach vorn. Die junge Frau ist im Moment höchster Konzentration festgehalten: Behutsam gießt sie Wasser aus einem Krug in die Schale.

Im April/Mai 1860 entstanden zudem drei sehr feine Reliefdarstellungen. Sie thematisieren allesamt bekannte Gestalten der englischen Geschichte, die eines gewaltsamen Todes starben: "Mary, Queen of Scots", "Two Princes in the Tower" und "Lady Jane Grey".[199] Es sind Flachreliefs, in quadratische Felder hineinkomponiert: Maria Stuart vor einem Altar knieend, angesichts der drohenden Hinrichtung, die beiden Prinzen im Tower ängstlich auf einer Bank sitzend, kurz vor ihrer Ermordung und Lady Jane Grey als lesende Sitzfigur, vermutlich ebenfalls in den Augenblicken vor ihrem gewaltsamen Tod. Alle Arbeiten sind kunstvoll gestaltet und von höchster Empfindsamkeit. Sympathien für die Opferfiguren empfand Victoria offensichtlich ihr Leben lang. Eine ihrer Lieblingshelden war der englische König Charles I. (1600-1649). Noch im November 1899 reagierte sie auf die Errichtung eines Denkmals zu Ehren Oliver Cromwells brieflich, der für sie ungeachtet alter Verdienste ein Königsmörder war: "Mein armer Charles I. - wie oft hast Du über meine Anhänglichkeit an sein Gedenken gelacht. Sie ist bis auf den heutigen Tag unverändert. In meinen Augen ist er ein Märtyrer."[200]

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