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Einführung

Ein Leben lang war Victoria als Malerin, Aquarellistin, Zeichnerin and Kunstgewerblerin tätig. Die Beschäftigung mit der Skulptur konzentriert sich dagegen auf die frühen Berliner Jahre. Als Kunstsammlerin trat die Kronprinzessin vor allem in den 1870/80er Jahren in Erscheinung, als sie mit ihrem Gatten und oftmals in Begleitung von Künstlern und Kunsthistorikern - z.B. Anton von Werner and Wilhelm von Bode - Italien und England bereiste, um Kunstobjekte für die Berliner Museen, aber auch für die eigene Sammlung zu erwerben. Resümierend äußert sich denn auch die Kaiserin über ihre künstlerische Arbeit: "Ich möchte wohl zu den berühmtesten Malern des Tages zählen, aber mir fehlt die Zeit, um so hoch zu steigen."[1] Victorias bildkünstlerisches und kunsthistorisches Wirken ist durch das elterliche Vorbild und die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England genossene Bildung geprägt worden, d.h. durch die selbst bildnerisch tätigen Eltern und deren sammlerische Ambitionen sowie durch den Einfluß ihrer Lehrer.[2]

Ihre frühesten Arbeiten stammen aus Windsor Castle und Osborne House, die spätesten dürften während der letzten Italien-Reise der bereits schwerkranken Kaiserin im Frühjahr 1900 nach Sarzana bei La Spezia entstanden sein. Einen Glanzpunkt des Spätwerks bildet das Aquarell "Schloß Friedrichshof" (1899), eine lichtgesättigte Vedute des sommerlichen Witwensitzes in Kronberg, geschaffen zwei Jahre vor ihrem Tod in dieser Residenz.[3]

Die Zeugnisse einer etwa fünf Jahrzehnte umfassenden bildnerischen Betätigung oftmals Familienangehörigen, Freunden und Bediensteten als Geschenk offeriert - befinden sich heute überwiegend in den Sammlungen und Archiven der Nachkommen, z.B. der Royal Collection und dem Royal Print Room in Windsor Castle, in der Hessischen Hausstiftung (Schloß Fasanerie bei Fulda, Schloß Friedrichshof in Kronberg, Schloß Wolfsgarten bei Darmstadt), in Huis Doorn, Burg Hohenzollern, im Besitz der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, dem Tempelhof-Schöneberg-Museum, Berlin, der Pinacoteca dell'Accademia Carrara in Bergamo, der Manchester City Art Gallery, der British Embassy, Berlin, dem British Museum, London, sowie in deutschem, amerikanischem und englischem Privatbesitz. Es handelt sich dabei überwiegend um Aquarelle und Zeichnungen, die die Künstlerin häufig selbst in Alben geklebt und beschriftet hat. Darüber hinaus sind eine Reihe von Gemälden überliefert, die Anzahl der plastischen Arbeiten (Büsten und Reliefs) beläuft sich auf etwa sechs.

Das Oeuvre besteht im wesentlichen in Figurendarstellungen, durch religiöse, historische und literarische Vorlagen, insbesondere durch Skakespeare-Dramen, angeregt, sowie in Landschafts- und Architekturstudien. Die bescheidenen Ausstellungsbeteiligungen der letzten Jahre, 1994/95 beginnend mit der Würdigung "Frauen an der Staffelei - ein vernachlässigtes Kapitel der Frankfurter Kunstgeschichte" in Frankfurt/Main und Kronberg und kulminierend in der breit angelegten Exposition "Victoria & Albert, Vicky & the Kaiser", 1997 in Berlin, präsentierten vorwiegend die einfühlsame Porträtistin ihrer Kinder in Renaissance-Kostümen.[4] Erste monographische Untersuchungen sowie Studien zur Kronberger Schaffensphase und Victorias Verbundenheit mit den Malern der dortigen Künstlerkolonie wurden von August Wiederspahn, vom Verein der Berliner Künstlerinnen und Inge Eichler publiziert.[5]

Die künstlerische Ausbildung und Entwicklung der Princess Royal sowie deren Geschwister hat Jane Roberts in ihrer Studie "Royal Artists" (1987) untersucht.[6] Das älteste Kind des Königspaares erhielt den ersten Kunstunterricht bei dem englischen Landschafter William Leitch (1804-1883), der auch die Eltern unterrichtet hatte.[7] Einflußreicher als dieser war jedoch Edward Henry Corbould (1815-1905), von 1852-1866 Zeichenlehrer der königlichen Kinder Victoria, Albert Edward, Alice und Louise. Er hatte maßgeblichen Anteil an Vickys Ausrichtung und Geschmacksformung.[8] Stolz vermerkt Königin Victoria über die Begabung ihrer Ältesten: "Sie hat große Fortschritte in der Musik gemacht, und für Zeichnen hat sie ein großes Talent; sie hat eine wahre Leidenschaft für die Kunst und urteilt darüber wie eine erwachsene Person, und mit seltener Richtigkeit. Das hat sie von ihrem Vater geerbt."[9]

Die ersten Arbeiten der Princess Royal stehen deutlich unter dem Einfluß des Lehrers, ja kopieren dessen Zeichnungen zuweilen: Die "Romantische Szene" (1853)[10] hält die Begrüßung eines adeligen Paares in Kostümen der Tudor-Zeit fest und signalisiert bereits die lebenslange Vorliebe für diese Epoche der englischen Geschichte sowie die Darstellung von Kostümen und Trachten. Durch die Dedikation an ihren späteren Ehemann, den preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm (1831-1888), erhält das Aquarell einen reizvollen, symbolhaften Anstrich. Eine 1836 entstandene Zeichnung Edward Henry Corboulds wurde von der Prinzessin am "6 July 1853 Buckingham Palace" als Vorlage benutzt für ein Geschenk "to my dear good Fritz, as a souvenir of his very loving English sister".

Ein weiteres Beispiel erfolgreicher Unterweisung durch Edward Henry Corbould und Zeugnis geschwisterlichen Gemeinschaftsunterrichts ist das Aquarell "Prinz Arthur als Heinrich VIII." (1853)[11], in dem die Dreizehnjährige den jüngeren Bruder zur historischen Figur erhebt - ein Geschenk zum Hochzeitstag der Eltern. Daß die junge Prinzessin sich auch mit dem Thema Landschaft auseinandersetzte, vermerkt Prinz Friedrich Wilhelm im September 1855. Seine Verlobte ließ ihn in ihre künstlerischen Versuche sehen: "Dann kuckte ich in ihr Skizzenbuch, wo, ohne daß sie je Unterricht im Landschaftszeichnen genommen, hübsche Entwürfe aufgezeichnet waren. Ich hänge wirklich an ihr."[12] "Das fabelhafte Kunstverständnis und den erlesenen, gediegenen Geschmack meiner bis in die Fingerspitzen künstlerisch hochbegabten Mutter" - so Kaiser Wilhelm II. in seinem Rückblick "Meine Vorfahren" (1929) - brachte die Princess Royal als persönliche Mitgift in die 1858 geschlossene Ehe mit dem preußischen Prinzen ein.[13]

In einer aus der Erinnerung geschaffenen Tuschskizze (1858)[14], hielt Königin Victoria den Moment der Trauungszeremonie fest, in dem ihre Tochter in prunkvollem Kleid und Schleier gehüllt, in Begleitung von Brautjungfern, niederkniet und tief in ein Gebet versunken ist. Dargestellte und Darstellende sind sich des schicksalhaften Augenblicks voll bewußt.

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