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Würdigung

Die Ausstellungsbeteiligungen der Künstlerin Victoria waren zu Lebzeiten gering und sind es bis heute geblieben. Ihre künstlerische Ausbildung in England unter der Ägide selbst bildnerisch tätiger Eltern, vor allem des kunstsinnigen Vaters, entsprach dem Erziehungskodex, der für alle Kinder Victorias und Alberts galt. Offensichtlich am begabtesten waren die Töchter Victoria und Louise (1848-1939)[266], die später als professionelle Malerin arbeitete und in England ausstellte. Neben der Familie und den politischen, wissenschaftlichen und sozialen Interessen richtete sich Victorias größte Aufmerksamkeit auf die Kunstgeschichte und ihre eigene künstlerische Arbeit. Zu intensiver Arbeit kam die Princess Royal in England und nach der Heirat 1858 in den frühen Berliner Jahren, erst nach dem Tode Kaiser Friedrichs III. im letzten Lebensjahrzehnt in Kronberg und während der Reisen nach Italien und Griechenland wurde sie wieder verstärkt.

Das Frühwerk der Künstlerin widmet sich religiösen, historischen, symbolistischen und Theaterthemen. Die "Parabel von den klugen und törichten Jungfrauen" (1857)[267], eine dramatische Szene in einem Kirchenraum, versinnbildlicht den Lohn der Klugen und Törichten in der Trennung in Licht- und Schattendasein. "Kopiert von einer Zeichnung des lieben Papa" (1857)[268] verarbeitet eine väterliche Vorlage zu einer sehr gefühlvollen Figuration mit drei Engeln. Zahlreiche, zum Teil vielfigurige Aquarelle geben Eindrücke aus Shakespeare-Dramen - "my beloved Shakespeare's plays!" - wieder. Es sind dies hauptsächlich "Richard II.", "Richard III.", "Heinrich V." und "Romeo und Julia". Große Familienfeste in Berlin wurden ebenfalls in Aquarellen festgehalten, z.B. im April 1858 eine "Bildnisstudie der Stephanie, Königin von Portugal, als Braut" sowie die "Hochzeit der Stephanie, Königin von Portugal" [269] in einem Saal, der den Ausblick auf das Meer mit dem abreisenden Schiff freigibt, oder die "Kapelle des Kronprinzenpalais" [270], eine Gouache, die möglicherweise die Taufe des Prinzen Wilhelm vergegenwärtigt, denn in den Eltern des Täuflings lassen sich Victoria und Friedrich Wilhelm vermuten.

Die Reiseaquarelle, vor allem der Mittelmeerreise im Herbst 1862 und des Rügen-Aufenthaltes im Sommer 1863, übersetzen einfühlsam lichtgetränkte, fast abstrakte mediterrane Landschaften im Sinne eines Karl Blechen (1798-1840), Carl Rottmann (1797-1850) oder der herben, kargen pommerschen Küste in der Nachfolge Caspar David Friedrichs (1774-1840).

Die frühe und mittlere Schaffensperiode ist geprägt von der Präferenz für die Figurendarstellung, die sich in zahlreichen Studien, insbesondere weiblicher Personen (adliger Verwandter, Hofdamen), äußert und zur seriellen Erstellung farblich erlesener und sorgfältig aquarellierter Trachtendarstellungen des deutschen, österreichischen und italienischen Raums führt. Die Affinität zur menschlichen Figur dürfte auch ausschlaggebend dafür gewesen sein, daß sich die Kronprinzessin für Heinrich von Angeli begeisterte, unter dessen Anleitung sie ab Mitte der 1870er Jahre ihre Kinder in renaissancehafter Aufmachung porträtierte.

Eine lange, tiefe Zäsur der bildkünstlerischen Aktivität brachte die Agonie und das Sterben Kaiser Friedrichs III. Erst im letzten Lebensjahrzehnt entwickelte Victoria eine originäre Bildsprache: Ansichten der Ligurischen Küste, bestimmt von Kirchen, Burgen und üppiger südländischer Vegetation, verbildlichte sie extrem kleinteilig in verhaltener, gebrochener Farbgebung.

Das Oeuvre der Kaiserin Friedrich ist stilistisch keineswegs homogen. Die künstlerische Handschrift der jeweiligen Lehrer ist zuverlässig in den einzelnen Schaffensperioden nachzuweisen. Man darf in Victoria daher eine typische Repräsentantin des wilhelminischen Eklektizismus sehen, obgleich sie sich gegen den Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts wandte: "Wenn das Auge einmal die Schönheit, die klaren Linien und die vollkommenen Proportionen der Griechen gesehen hat, kann man das nicht als Stil bezeichnen, was zwischen Rokoko und Naturalismus, zwischen schwer und überladen angesiedelt ist."[271]

Kollegen und Kunsthistoriker beurteilen ihre Arbeiten differenziert. Anton von Werner lobt ihr "technisches Können, das künstlerische Verständnis und Empfinden der hohen Frau, wie es gegenüber den Werken der Kunst und den Eindrücken der Natur bei jeder Gelegenheit zu Tage trat" und gesteht ihr eine "hervorragende künstlerische Begabung" zu. Richard Schöne (1840-1922), Generaldirektor der Königlichen Museen in Berlin, erkannte ihr künstlerisches Talent, hielt dieses jedoch für unzureichend ausgebildet und monierte, daß Victoria für die Schmeicheleien Anton von Werners und Oskar Begas' empfänglich war.[272]

Das bildnerische Vokabular der Kronprinzessin beginnt mit lyrischen, romantischen Szenen. Es führt über narrative, buntfarbige Historien- und Theaterszenerien und realistische Personendarstellungen bis zu minutiös beschriebenen Landschaftsvisionen mit heroischem Anstrich in fahler Farbigkeit. Künstlerische Vorbilder und Vorlieben galten erzählerischen, partiell orientalischen Figurenmalern wie Lawrence Alma-Tadema, William Adolphe Bouguereau und Frederick Leighton, die in ihrer Zeit ungemein geschätzt wurden. Der Überblick über europäische Kunst, wie die Berliner Ausstellung der Akademie der Künste ihn bot, die 1891 unter Victorias Schirmherrschaft stattfand, entsprach mit Sicherheit auch ihrem Geschmack und ihrer Wertschätzung. In der veröffentlichten Korrespondenz findet sich keine Erwähnung der französischen Impressionisten, die 1874 in Paris ihr Ausstellungsdebüt feierten. Auch das Wirken ihrer impressionistischen Generationsgenossinnen Mary Cassatt (1844-1926) und Berthe Morisot (1841-1895) hat sie offenbar nicht zur Kenntnis genommen - Malerinnen, deren Biographie aufgrund ihres großbürgerlichen Backgrounds durchaus Berührungspunkte mit Victoria aufweisen (ausgedehnte Reisen zu den europäischen Kunstzentren, komfortabler Lebenszuschnitt, soziale Sicherheit) und deren Kunstwollen - Auseinandersetzung beider mit dem Figurenbild und mit der Landschaft bei Berthe Morisot - sich Victorias bevorzugten Themenbereichen nähern, wenngleich sie stets bei einer realistischen Bildsprache blieb.

Über Victorias Reaktion auf Edvard Munchs Werkschau 1892 im Verein Berliner Künstler, die nach einer Woche wegen angeblicher Verhöhnung der Kunst geschlossen wurde und den Grundstein zu der 1899 gegründeten Berliner Sezession legte, ist nichts bekannt. Wie beurteilte sie die Präsentation von Käthe Kollwitz' "Ein Weberaufstand" 1898 in der "Großen Berliner Kunstausstellung", für die ihr die Kleine Goldene Medaille zugesprochen werden sollte, was Wilhelm II. allerdings ablehnte? Ob Victoria sein Vorgehen in diesem speziellen Fall guthieß? Vermutlich, denn aus dem Jahre 1897 stammt ihre Äußerung über den - freilich literarischen - Naturalismus: "Es gibt kaum ein einziges modernes französisches Drama, das sauber wäre. Das ist wirklich bedauerlich. In Deutschland gibt es auch einen modernen Stil, den ich schockierend finde. Gerhard Hauptmann und andere seines Genres [...] wie Ibsen. Ich empfinde ihn als verderblich und schädlich."[273]

Ihre künstlerischen Aktivitäten wie ihre politischen und sozialen Auffassungen mußte Victoria gegen Vorurteile und Unterstellungen verteidigen. Ihr Schwiegervater Wilhelm I. wird beispielsweise mit der Bemerkung zitiert: "Ich habe eine Malerin zur Schwiegertochter, sie vergißt ganz, daß sie auch Pflichten hat."[274] Gegen diese Verständnislosigkeit und Ignoranz versuchte sie, sich zu wehren, als sie im September 1879 nach dem Tode ihres Lieblingssohnes Waldemar einen mehrmonatigen Italienaufenthalt antrat und sich ihrem Gatten gegenüber rechtfertigte: "Kann ich denn etwas dafür, daß meine Kräfte u. meine Nerven zusammengebrochen sind u. meine Gesundheit herunter ist nach solchen Schicksalsschlägen! [...] Nach 8 Babies, nach 20 Wintern in Berlin bei dem Clima u. der Lebens Weise, nach den Aufregungen der Kriege und Attentate etc. [...] Das erste Mal daß ich etwas thun muß, rechnet es Deine Mama mir als Verbrechen an!!!"[275]

Victorias Berichte aus dem Berlin der 1890er Jahre sind Klagen einer vereinsamten, unglücklichen Frau. Sie - kultiviert, polyglott, kosmopolitisch, liberal und sozial eingestellt und mit künstlerischen Ambitionen - sehnte sich nach kongenialer Gesellschaft, die sie in Preußen nur selten fand. 1891 konstatiert die verwitwete Kaiserin: "Es gibt nur wenige Menschen in Berlin, die meinen Geschmack vollkommen teilen und verstehen, während es in London und Paris ebenso wie in Italien eine große Menge gibt. In Deutschland finden sich nur sehr wenig wirkliche Amateure und Sammler, und der Geschmack für solche Dinge bleibt fast ganz auf Künstler- und Gelehrtenkreise beschränkt. Aber das Interesse hat sich in Deutschland während der letzten zwanzig Jahre nach dieser Richtung sehr entwickelt, und die Ausstellungen tun in dieser Beziehung viel Gutes."[276]

Bilanzierend stellt man fest, daß der nationalistische, ja xenophobe Lebensrahmen des wilhelminischen Berlin für Victorias intellektuelle Begabung und künstlerische Disposition zu eng gefaßt war. Darin und in dem frühen Verlust ihres Gatten, der ihre politischen, kultur- und sozialpolitischen Wirkungsmöglichkeiten abschnitt, ist die Tragik ihres Lebens begründet. Sie selbst resümiert im Jahre 1900: "Vorurteil und Ignoranz sind oft die Ursache für Mißfallen und Feindschaft. Das ist auch hier so [...] Das war nicht meine Schuld, sondern die der Umstände, die gegen mich waren, seit ich 1858 meinen Fuß dort als junges Mädchen aufsetzte, das einzig und allein gefallen und mit allen gut stehen wollte. Es war mein Schicksal."[277]

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