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Karl Schrader: Nachruf auf Kaiserin Friedrich

Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, Band 7, Berlin 1905, S. 451-465

Viktoria, verwitwete Kaiserin und Königin Friedrich, * 21. November 1840 zu London, † Schloß Friedrichshof bei Kronberg 5. August 1901.

 

Am 21. November 1840 wurde Viktoria Adelheid Marie Luise als erstes Kind der Königin Viktoria und des Prinzgemahls Albert von Koburg geboren. Alle Vorzüge, die einem Kinde zuteil werden können, waren ihr zugefallen: körperliche Gesundheit, Anmut, hohe Begabung, ausgezeichnete Eltern, die auf dem Throne das schönste, innigste Familienleben führten und sich mit allem Ernst und Verständnis der Erziehung ihrer Kinder widmeten. Die glänzende Lebensstellung fügte alle denkbaren Bildungsmittel hinzu: die besten Lehrer, den frühen Verkehr mit den ersten Männern und Frauen Englands. Den einsichtigsten und liebevollsten Erzieher hatte die Prinzessin an dem Vater, dessen Lieblingskind sie war.
Ihre Erziehung erhielt eine bestimmte Richtung dadurch, daß schon früh der Prinz von Preußen und seine Gemahlin einerseits und das englische Königshaus andererseits einig in dem Wunsche einer Verheiratung des Prinzen Friedrich Wilhelm mit Prinzess Viktoria waren.
Politische Gründe waren dabei zunächst auf beiden Seiten bestimmend. Der Prinz von Preußen war in Opposition gegen die Regierung seines Bruders, des Königs Friedrich Wilhelm IV. Er billigte weder seine innere, noch seine äußere Politik. Unter der ersteren hatte er selbst schwer zu leiden; selbst in seiner Zurückgezogenheit in Koblenz wurde er von der herrschenden, orthodox-absolutistischen Clique verfolgt. Die traditionelle, von seinem Bruder aufrecht erhaltene Anlehnung an Rußland hatte er in ihren bedenklichen Folgen kennen gelernt, er wollte eine nähere Beziehung zu England.
Prinz Albert wünschte und erwartete die Einigung Deutschlands unter Preußens Führung; ihm und der Königin lag daran, von vornherein zu dieser kommenden Macht in freundschaftliche Verhältnisse zu treten. Zwischen dem Prinzen von Preußen und Prinz Albert bestanden zudem alte nahe Beziehungen, die auf Königin Viktoria durch öftere Besuche in England ausgedehnt wurden.
Aber die Politik war schließlich nicht entscheidend für die Heirat, sie ist eine wirkliche Liebesheirat geworden. Die Politik führte zwei junge Menschen zusammen, die zueinander gehörten.
Die Erziehung des Prinzen Friedrich Wilhelm war der der Prinzessin Viktoria nicht unähnlich; die feinsinnige und freidenkende Mutter hatte für Erzieher gesorgt, die auf der Höhe des Bildung standen - auf der Universität Bonn kam der Prinz mit Männern wie Dahlmann, Arndt und anderen zusammen, die ihm Begeisterung für Deutschlands Einheit und Größe einflößten; er lernte sich als den Erben des preußischen Königsthrons, als den Mann fühlen, der dazu bestimmt sei, diesen großen Gedanken in das Leben zu f ühren.
Bei seinem ersten Besuch in England im Jahre 1851 erwarb er sich die volle Zuneigung der Königin Viktoria und des Prinzen Albert; Prinzessin Viktoria war erst 11 Jahre alt, aber ihr außergewöhnlich anmutiges, kluges Wesen machte schon damals tiefen Eindruck auf den jungen Mann, dessen stattliche Erscheinung und Liebenswürdigkeit gewiß auch dem jungen Mädchen imponiert haben.
Dieser Besuch führte zu dem Beschluß der Eltern, die Verbindung demnächst herbeizuführen. Prinz Friedrich Wilhelm war damit sehr einverstanden. Für die beiden jungen Leute fiel die Entscheidung aber erst am 29. September 1855 bei einem Besuch des Prinzen Friedrich Wilhelm in Balmoral. Sie hatten sich wirklich ineinander verliebt und verlobten sich früher, als die Eltern der Braut, deren großer Jugend wegen, wünschten. Aber es blieb ihnen nichts übrig, als ihr Ja zu sagen, nur sollte die Verlobung noch nicht öffentlich bekannt gemacht und die Verheiratung noch lange, bis nach vollendetem 17. Lebensjahre der Prinzessin hinausgeschoben werden. Und so kam das zweite bei fürstlichen Heiraten Außerordentliche hinzu ... eine lange Verlobung, welche von beiden Verlobten durch eifrige Korrespondenz und öfteres Wiedersehen benutzt wurde, sich ineinander einzuleben.
In diese Zeit fällt die ganz absichtliche Vorbereitung der Prinzessin für ihren Beruf als Königin von Preußen und dereinstige Herrscherin über Deutschland, insbesondere durch ihren Vater, der als englischer Prinz-Gemahl doch ein wahrer deutscher Patriot und begeistert für Deutschlands Einigung war. Sie erhielt eine wirklich umfassende Bildung in Wissenschaft, Kunst und Staatsleben, Deutsche Geschichte und Literatur, deutsche Verhältnisse, deutsche Politik bildeten einen wesentlichen Teil ihrer Bildung, und, was besonders in das Gewicht fällt, sie lernte ernstlich arbeiten und ihre Zeit einteilen, und bewahrte bei alledem einen einfachen Sinn und Liebe für häusliches Leben, wie sie es im eigenen Hause so schön kennen gelernt hatte.
So war die Prinzessin in jeder Beziehung befähigt, ihren Platz als königliche Frau im Hause und in dem öffentlichen Leben Deutschlands auszufüllen; sie war bereit, der hohen Aufgabe, für die sie bestimmt war, sich ganz zu widmen.
Die englische Regierung und das englische Volk waren mit der Verlobung einverstanden; Prinz Friedrich Wilhelm hatte sich schnell die Hochachtung und Zuneigung aller erworben, mit denen er in Berührung gekommen war.
Auf die preußischen Begleiter des Prinzen bei seinen Besuchen in England hatte die Prinzessin den besten Eindruck gemacht. König Friedrich Wilhelm IV. war durchaus einverstanden und im deutschen Volke begrüßte man froh die Verbindung mit der Tochter eines freien Landes und eines wegen seiner liberalen deutschen Gesinnung hochangesehenen deutschen Fürsten.
Allerdings fehlte in gewissen Kreisen auch nicht eine vorläufig noch zurückgehaltene, später erst wirksam werdende Abneigung gegen die Prinzessin. Man fürchtete den englischen politisch freien, antirussischen Einfluß; aber zunächst war dafür kein Anlaß und die Prinzessin gewann durch ihr einfaches, liebenswürdiges Wesen alle, die mit ihr in Berührung kamen.
So war die am 23. Januar 1858 glänzend vollzogene Vermählung ein wahres Freudenfest; das englische Volk jubelte dem Ehepaar zu und das deutsche Volk empfing es auf das herzlichste.
Die ersten Jahre des ehelichen Lebens waren Jahre des Glückes. Freilich vermißte die Prinzessin vieles, was sie in England gehabt hatte. Am preußischen Hofe waren unerfreuliche Zustände. Der König Friedrich Wilhelm IV. schwer krank, der Prinz von Preußen als zeitweiser Stellvertreter durch die Rücksicht auf die Möglichkeit der Wiederherstellung des Königs beschränkt in seinem Wirken und mit den Ministern und Freunden des Königs durchaus nicht einverstanden, die ganze Umgebung wesentlich militärisch und in Anschauungen befangen, welche die Prinzessin nicht teilte. Aber das war von keiner Bedeutung gegenüber dem Glücke der jungen Ehe.
Am 7. Oktober 1858 machte der Gesundheitszustand des Königs die Übertragung der Regentschaft mit vollen königlichen Rechten an den Prinzen von Preußen nötig, der sogleich unter scharfer Mißbilligung der bisherigen Politik ein gemäßigt-liberales Ministerium berief.
Eine liberale Aera schien für Preußen anzubrechen, die Zeit moralischer Eroberungen Preußens in Deutschland zu kommen. Prinz und Prinzessin begrüßten sie mit großer Freude und der Prinz widmete sich eifrig den Regierungsgeschäften. Im folgenden Jahre schon brachte der französisch-italienisch-österreichische Krieg dem Prinzregenten die Gelegenheit einer veränderten äußeren Politik. Die Unterstützung Österreichs, zu der er bereit war, sollte nur erfolgen, wenn Preußen, das schon die Kriegsbereitschaft des Heeres einleitete, die Führung Deutschlands in dem Kriege zugestanden würde. Diese Bedingung wollte Österreich nicht eingehen und zog vor, mit Frankreich Frieden zu schließen. Die Gelegenheit, deutsche Politik zu treiben, war versäumt.
Es blieb also Friede; Prinz Friedrich Wilhelm, der zu einem Kommando ausersehen war, blieb zu Hause; das häusliche Glück wurde nicht gestört. Am 27. Januar 1859 war der erste Sohn, der jetzige Kaiser, geboren. Besuche der Eltern in England, Zusammentreffen in Koburg, regelmäßige Korrespondenz hielten die Verbindung mit der Heimat aufrecht; ihr Vater blieb der beste Freund der Tochter, ihr Ratgeber, der Leiter ihrer politischen Studien, die sie mit Eifer und Erfolg fortsetzte, und zugleich der politische Berater des Prinzregenten.
Aber in der inneren Politik begannen sich Änderungen zu vollziehen, die einen verhängnisvollen Einfluß auf das ganze Geschick des Prinzen und der Prinzessin haben sollten.
Veranlaßt durch die bei der Mobilmachung zu Tage getretenen Mängel der Heereseinrichtungen verlangte der Regent ihre gründliche Reorganisation. An ihrer Notwendigkeit wurde von keiner Seite gezweifelt, sie wurde provisorisch vom Landtage bewilligt, aber Ungeschick der Regierung und Fehler der Parteien im Abgeordnetenhause führten zu sich immer verschärfenden Mißverständnissen, schließlich zu erbittertem Kampf. Der Regent, der während desselben am 2. Januar 1861 seinem Bruder auf dem Throne gefolgt war, hielt mit großer Hartnäckigkeit an seiner Forderung fest. Die konservative Partei suchte die günstige Gelegenheit zu benutzen, durch Verschärfung des Konflikts den König wieder zu sich herüberzuziehen.
In das Jahr 1861 fällt das erste traurige Ereignis, welches die Kronprinzessin traf. Am 14. Dezember starb ihr Vater. Dieser die Tochter auf das schmerzlichste treffende Verlust war auch für die Beziehungen des kronprinzlichen Paares zu dem König und für die ganze preußische Politik jener Zeit verhängnisvoll. Es ist sicher anzunehmen, daß der Prinzgemahl seinen ganzen Einfluß aufgewendet haben würde, um einen Ausgleich mit dem Abgeordnetenhause herbeizuführen.
Der Kampf um die Reorganisation trat in das entscheidende Stadium, als es sich darum handelte, die anfänglich provisorischen Bewilligungen in definitive umzuwandeln. Die Forderungen der Regierung erschienen dem Abgeordnetenhause unannehmbar. Das Ministerium machte Vermittelungsvorschläge, die die Zustimmung des Abgeordnetenhauses gefunden hätten. Der König lehnte sie, von Leuten beraten, die den Konflikt wünschten, ab und erklärte, lieber abdanken zu wollen, als sich auf Zugeständnisse einzulassen; er unterzeichnete sogar die Abdankungsurkunde. Der Kronprinz aber war durchaus abgeneigt, unter solchen Umständen den Thron zu besteigen.
Da wurde dem Könige Bismarck präsentiert, als der einzige Mann, der imstande sein würde, die Reorganisation, so wie der König sie wollte, gegen den Widerstand des Abgeordnetenhauses durchzusetzen. Trotz seiner Abneigung gegen ihn wußte der König keinen anderen Rat, als in seine Hände die Regierung zu legen. Bismarck war bereit, den Kampf aufzunehmen; er hatte gerade eine solche Situation abgewartet, in der der König seiner notwendig bedurfte, um sich sein volles Vertrauen und einen dauernd entscheidenden Einfluß zu verschaffen.
Kronprinz und Kronprinzessin waren mit dieser Entwicklung durchaus nicht einverstanden. Sie sahen voraus, daß Bismarck sich nicht innerhalb der Verfassung halten werde und fürchteten die schlimmsten Folgen. Aber eines hatten sie nicht vorausgesehen und konnten sie nicht voraussehen, daß von nun an von einer einflußreichen politischen Stellung des Kronprinzen und der Geltendmachung seiner politischen Anschauungen für viele Jahre nicht mehr die Rede sein könne.
Bismarck wollte keinen anderen Einfluß dulden und hat ihn nie zugelassen; die Umstände verlängerten seine Macht bis über den Tod des Kronprinzen hinaus. Bismarck hielt, was er dem König versprochen; er setzte, die Reorganisation durch, er kümmerte sich nicht um das ablehnende Votum des Abgeordnetenhauses und regierte ohne genehmigtes Budget. Die Opposition wurde dadurch noch mehr verschärft. Der Kronprinz, der durchaus für die Reorganisation war, mißbilligte die Art, wie sie durchgesetzt werden sollte; er wünschte einen friedlichen Ausgleich, aber er trat nicht mit seiner Meinung hervor, weil er offene Opposition mit dem Respekt vor dem Vater und dem Interesse der Monarchie für unverträglich hielt. Die Situation wurde indessen immer bedrohlicher; auf dem von der Regierung vorgeschlagenen Wege konnte man nicht weiter kommen, aber auch schwer Halt machen; in allem Ernste fürchtete man eine Revolution. Da hielt es der Kronprinz doch für nötig, gelegentlich eines verfassungswidrigen Erlasses über die Presse nicht bloß durch einen an den König gerichteten Brief und einen an das Staatsministerium gerichteten Protest, sondern auch bei einer Veranlassung in Danzig öffentlich am, 5. Juni 1863 seine Mißbilligung auszusprechen. Die Folge war nicht eine Zurücknahme des Gesetzes, sondern eine scharfe Zurückweisung von seiten des Königs.
Aber der Kronprinz begnügte sich hiermit nicht, sondern richtete am 30. Juni noch eine Verwahrung an den Ministerpräsidenten, die aber auch erfolglos blieb und schließlich kam es zu einem vollständigen Zerwürfnis mit dem Könige.
Die Kronprinzessin nahm hieran wie an allen politischen Vorgängen den lebhaftesten Anteil, sie fühlte sich ganz als deutsche Fürstin, als die Gattin des Thronfolgers, als Mutter des künftigen Thronfolgers, für dessen Zukunft sie fürchtete. In die Abneigung des Ministerpräsidenten und der herrschenden reaktionären Partei war, da man ihr völliges Einverständnis mit dem Kronprinzen wußte, nun auch sie mit einbegriffen. Nicht selten schrieb man überhaupt ihrem Einfluß das oppositionelle Verhalten des Kronprinzen zu. Man liebte es, diesen als eigentlich gut altpreußisch, junkerlich gesinnt und nur durch seine Gemahlin zu liberalen Anschauungen verführt, darzustellen, während sie ihn lediglich in seiner eigenen Überzeugung bestärkte.
Der Konflikt hätte vielleicht eine ernstere Wendung genommen, wenn nicht am Ende des Jahres 1863 durch den Tod des Königs Friedrich VII. von Dänemark die schleswig-holsteinische Frage gekommen wäre, welche die Aufmerksamkeit von den inneren Angelegenheiten ablenkte und Preußen die Gelegenheit gab, in deutsch-nationalem Sinne aufzutreten und durch die Leistungen der Armee die Vorzüge der Reorganisation zu zeigen. Der Kronprinz nahm an dem schleswig-holsteinischen Kriege zuerst als Begleiter des alten Generalfeldmarschalls Wrangel, bald aber, als sich dessen Unfähigkeit erwies, als eigentlicher Oberstkommandierender teil. Er erfüllte seine Aufgabe mit bestem Erfolge; das besserte seine Stellung dem Vater gegenüber und brachte ihm die freudige Anerkennung Deutschlands. Aber auch hier kam wieder eine Meinungsdifferenz mit Bismarck. Im Anfang dachte niemand in Deutschland anders, als daß der Herzog Friedrich von Augustenburg der berechtigte Nachfolger in Schleswig-Holstein sei und daß die Zugehörigkeit dieser Länder zu Deutschland und sein Erbanspruch eng miteinander verbunden seien. Auch Kronprinz und Kronprinzessin dachten so und dazu trat noch eine alte Jugendfreundschaft zwischen dem Herzog und dem Kronprinzen. Bismarck aber hatte von vornherein den Wunsch, die Länder an Preußen zu annektieren, wozu es freilich an jedem rechtlichen Grunde fehlte; er wußte dafür auch allmählich den König zu disponieren, der zuerst den Ansprüchen des Herzogs geneigt war. Es war ein langer Kampf, in dem schließlich Bismarck siegte. Die Kronprinzessin unterstützte ihren Gemahl auch in dieser Sache auf das eifrigste. Die Beziehungen zu Bismarck wurden dadurch natürlich nicht besser,
Das häusliche Glück des Kronprinzenpaares war in dieser Zeit ein ungetrübt glückliches. Vier Kinder waren ihnen geboren, Prinzessin Charlotte am 24. Juni 1860, Prinz Heinrich am 14. August 1862, Prinz Sigismund am 15. September 1864 und Prinzessin Viktoria am 12. April 1866. Die Kronprinzessin war ihnen eine liebevolle, verständige Erzieherin, der Kronprinz teilte ihre Sorgen; ihr Familienleben war verschönt durch das lebhafteste Interesse für Kunst und Wissenschaft, den Verkehr mit bedeutenden Persönlichkeiten und öftere größere Reisen. Die Kronprinzessin fand für alles Zeit, für häusliches Leben, Erziehung, Übung ihrer künstlerischen und musikalischen Talente, wie für politische Fragen, und entzückte jeden, der mit ihr in Berührung kam, durch ihre einfache Natürlichkeit, Frische und ihre außergewöhnlichen Kenntnisse.
Der Kampf der Regierung mit dem Abgeordnetenhause dauerte inzwischen fort und verschärfte sich immer mehr. Mehrmalige Auflösungen änderten die Zusammensetzung desselben nicht zugunsten der Regierung, Die Stellung Preußens in Deutschland verschlechterte sich zusehends und die Art, wie die Schleswig-holsteinische Angelegenheit behandelt wurde, war auch nicht geeignet, große Sympathien für Preußen zu erregen,
Die Lösung der Situation brachte der österreichisch-preußische Konflikt und die daraus sich ergebende Nötigung Preußens, den Kampf gegen Österreich und die ihm anhängenden deutschen Staaten mit einer deutsch-nationalen Politik zu verbinden.
In dem Kriege fiel dem Kronprinzen eine große Aufgabe zu, die er mit glänzendem Erfolge erfüllte. Der Beginn war freilich schwer genug für den zärtlichen Vater, der zur Armee abreisen mußte, als der jüngste Sohn Sigismund schwer erkrankt war. Noch ehe die kriegerischen Aktionen begannen, starb der Prinz.
Sein politisches Verständnis zeigte der Kronprinz dadurch, daß er den König bestimmte, Bismarcks Ansicht über die schonende Behandlung des besiegten Österreichs und dessen Verbündete zu folgen.
Eine erfreuliche Wirkung der kriegerischen Erfolge war die Versöhnung der Krone mit dem Abgeordnetenhause und die offene Anerkennung, daß der Norddeutsche Bund und Preußen nur bei starker Berücksichtigung liberaler Grundsätze und Forderungen regiert werden könnten. Der König und Bismarck sahen es ein und es begann nun eine Zeit gemeinschaftlicher Arbeit der Regierungen und der Parlamente für den Ausbau des neuen Reiches und die Vorbereitung der vollständigen Einigung Deutschlands zu großer Freude des kronprinzlichen Paares, das, wenn ihm auch nicht beschieden war, einzugreifen in die Entwicklung der Dinge, doch in lebhaftester Beziehung zu ihnen stand.
Die Macht Bismarcks war durch den großen Erfolg und die Mäßigung, mit der er ihn ausnutzte, noch gestiegen.
Die Zeit bis zum Jahre 1870 wurde allgemein empfunden als eine Übergangszeit; man erwartete den entscheidenden Kampf mit Frankreich. Aber ein regeres öffentliches Leben war doch eingetreten, soziale Fragen wurden mit Eifer angegriffen: die Kronprinzessin beteiligte sich daran, besonders im Interesse der Frauen; mit ihrer Hilfe rief eine Engländerin, Miss Archer, das Viktoria-Lyzeum (1868), der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen das Lettehaus in das Leben (1866). Ihrem Interesse vornehmlich ist auch die Gründung des Kunstgewerbemuseums, zunächst als eines Privatvereins, im Jahre 1867 zu verdanken.
Zwischen den beiden Kriegen war die Familie durch die Geburt zweier Kinder, des Prinzen Waldemar - 10. Februar 1868 - und der Prinzessin Sophie - 14. Juni 1870 - vermehrt. Am 22, April 1872 wurde das letzte Kind, Prinzessin Margarethe geboren.
In der großen Entscheidung der Jahre 1870/71 war dem Kronprinzen wiederum eine hervorragende Rolle bestimmt, die er mit um so mehr Freude übernahm, als er von Anfang der Überzeugung war, daß der Krieg die Wiederherstellung des Deutschen Kaisertums bringen müsse. Mit ihm fühlte gleich die Kronprinzessin, sie übernahm den ihr zufallenden Teil der Kriegsarbeit. Wie die Königin Augusta widmete sie sich der Pflege der kranken und verwundeten Krieger; sie begründete ein eigenes Hospital in Homburg, leitete es selbst in mustergültiger Weise und ging allen voran in der Übung verständnisvoller Fürsorge für ihre Pfleglinge. Ihre treue Gehilfin war Miss Lees, eine Schülerin von Miss Nightingale. Die deutsche Krankenpflege stand damals noch auf einer sehr viel tieferen Stufe als die englische und der Kronprinzessin lag daran, in ihrem Hospital die besten Methoden angewendet zu sehen und ihnen von da aus den Weg nach Deutschland zu öffnen.
Nach dem Kriege dauerte die rege politische Tätigkeit im Sinne des Ausbaues freiheitlicher Institutionen des neuen Reiches fort zu großer Genugtuung des kronprinzlichen Paares, das nahe Beziehungen zu liberalen Mitgliedern des Reichstages und des preußischen Landtages unterhielt, selbst aber in die politische Entwicklung nicht einzugreifen versuchte. Dem Kronprinzen lagen mannigfache Repräsentationspflichten ob, die Kronprinzessin widmete sich mit Eifer der Arbeit für die von ihr in das Leben gerufenen Unternehmungen. Eine schöne, nicht vorzugsweise die Hofgesellschaft, sondern auch Künstler und Gelehrte und sonstige hervorragende Persönlichkeiten zwanglos vereinigende Geselligkeit wurde von dem kronprinzlichen Paare geübt; die Erziehung der Kinder nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch; es war eine Zeit friedlichen, allerdings politisch zurückgezogenen Lebens, das von schmerzlichen Erfahrungen frei blieb. Seit 1875 begannen aber sich Änderungen von großer Bedeutung in den politischen Zuständen zu vollziehen. Die Einrichtung des Deutschen Reiches hatte sich wesentlich unter nationalliberalen Einflüssen, in freiheitlichem und wirtschaftlich freihändlerischem Sinne vollzogen. Die konservative Partei stand in schroffster Opposition gegen Bismarck. Sie suchte aber den Frieden mit ihrem großen Staatsmann - denn sein Herz gehörte ihr; sie fand ihn, weil Bismarck selbst an einen Wechsel seiner Politik dachte, der ihn den Konservativen näherbringen, von den Nationalliberalen entfernen mußte. So begann schon das Jahr 1878 mit einem heftigen Kampf Bismarcks gegen die Nationalliberalen. Er wollte eine schutzzöllnerische, die Großindustrie und die Landwirtschaft begünstigende Wirtschaftspolitik. Er hatte sich überzeugt, daß er den Kulturkampf nicht zu einem glücklichen Ende führen könne und suchte das Zentrum für sich gewinnen; die Sozialdemokratie wollte er durch Ausnahmegesetze niederwerfen und zugleich durch soziale Gesetze die arbeitenden Klassen gewinnen. Es handelte sich um einen völligen Wechsel in der Politik. Die nationalliberale Partei sollte sich seiner Politik fügen oder ihrer Macht beraubt werden. Sie sollte helfen, neue Steuern durchzusetzen, welche die Matrikularbeiträge unnötig machten, ohne dafür ein wirksames jährliches Steuerbewilligungsrecht zu erhalten, sie sollte den Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie zustimmen. Beides widersprach ihren Grundsätzen. Sie und mit ihr die Mehrheit des Reichstages lehnte das auf Anlaß des erfolglosen Hödelschen Attentates eingebrachte Sozialistengesetz ab.
Da kam das Attentat Nobilings. Der Kronprinz wurde mit der Regentschaft beauftragt. Die Verwundung des Kaisers war aber nicht lebensgefährlich, nach kurzem war er wieder imstande, sich um die Staatsgeschäfte zu bekümmern; der Kronprinz hatte die Regierung lediglich nach den Ansichten seines Vaters, das heißt, so wie Fürst Bismarck es für recht hielt, durch diesen zu führen.
Es war eine Episode in dem kronprinzlichen Leben, die nur die Wirkung hatte, Bismarck noch in seiner Absicht zu bestärken, den Kronprinzen von allem politischen Einflusse fern zu halten. Das war um so leichter, als sein eigener Einfluß von Jahr zu Jahr mächtiger wurde. Um so schmerzlicher war die Ausschließung von allem politischen Einflusse, als die neue Richtung der Politik, die wachsende Begünstigung des Ultramontanismus, die Art, wie der Kampf gegen die Sozialdemokratie geführt wurde, die maßlose Steigerung der Schutzzölle durchaus den Ansichten des kronprinzlichen Paares widersprach.
Auswärtige Verwickelungen blieben fern, Kriege standen nicht in Aussicht; der Kronprinz blieb auf gelegentliche Repräsentation beschränkt; von allen politischen Dingen wurde er ferngehalten und oft nicht einmal vorher von den wichtigsten Maßregeln unterrichtet.
Für die Kronprinzessin war die Zeit von 1878 bis zum Winter 1886/87 eine Periode ernstester Vorbereitung auf ihren künftigen Beruf als Kaiserin. Ihren Fähigkeiten und Neigungen konnte es nicht entsprechen, diese Rolle lediglich repräsentativ auszufüllen; sie wollte ein Gebiet eigener, leitender, eingreifender Tätigkeit haben. Kunst und Wissenschaft hatte sie immer schon gepflegt, für die Bildung der Frauen durch Begründung des Viktoria-Lyzeums, für Erweiterung ihrer Erwerbstätigkeit durch das Lettehaus gesorgt. In allen diesen Dingen hatte sie ungewöhnliche Kenntnisse und Einsicht bewiesen und mit ihrem immerhin doch beschränkten Einflusse außerordentliche Erfolge erreicht und die Hochachtung und Freundschaft der angesehensten Gelehrten, Künstler und Frauen sich zu erwerben gewußt. Freilich wuchs, je näher die Aussicht auf die Thronbesteigung des Kronprinzen rückte, destomehr auch die Abneigung gewisser Kreise gegen die englische Prinzessin.
Zu den einflußreichen Personen der Regierung und des Adels hatte sie keine näheren Beziehungen gewonnen; ihre freie Auffassung von Staat und Kirche war ihnen unsympathisch und erschien ihnen gefährlich, weil man ihren großen Einfluß auf den Kronprinzen fürchtete. Man glaubte, oder stellte sich so, als ob dieser eigentlich ganz der Bismarckschen Richtung anhinge, und wenn der Einfluß seiner Gemahlin beseitigt sei, ganz in jenem Sinne handeln werde. Weiteren Kreisen suchte man einzureden, daß die Kronprinzessin die deutschen Interessen den englischen hintansetze, wofür niemals auch nur der Schatten eines Beweises erbracht ist; in Wahrheit war es die Furcht, daß durch ihre Mithilfe einmal wieder der Liberalismus zum Einfluß kommen werde. Der Kronprinz hätte solcher Einwirkung nicht bedurft. Er war gewiß kein Anhänger irgend einer politischen Partei, aber er war in durchaus liberalen Grundsätzen erzogen, hatte sie öffentlich ausgesprochen und je länger er lebte und je mehr er sah, wie die Dinge in Deutschland sich entwickelten, destomehr überzeugte er sich, daß auf die Dauer nicht nach den alten konservativen Rezepten regiert werden könne, daß freier geistiger, sozialer und politischer Entwicklung Raum gegeben werden müsse. Gewiß hätte der Kronprinz auch, wenn er in voller Gesundheit auf den Thron gekommen wäre, nicht daran gedacht, Bismarck zu entlassen, aber es würde sich dasselbe vollzogen haben, was unter Kaiser Wilhelm II. geschah. Bismarck hätte es so wenig von Kaiser Friedrich ertragen, wie er es von seinem Sohne getan hat, nicht mehr die allein entscheidende Person zu sein und kein Herrscher hätte einem Minister - welche Verdienste er auch haben mochte - die Stellung einräumen können, welche Bismarck sich im Laufe langer Jahre bei dem Kaiser Wilhelm I. errungen hatte.
Es war aber natürlich viel leichter, die Kronprinzessin anzugreifen und zu verdächtigen dem Volke und auch ihrem hohen Gemahl gegenüber; freilich blieb es völlig erfolglos. Aber es ist systematisch geschehen und von beiden Ehegatten sehr schmerzlich empfunden.
Durch alle solche Angriffe ließ sich die Kronprinzessin nicht in ihrem Bestreben beirren, auch öffentlich für die allgemeine Wohlfahrt zu wirken.
Der stets schärfer werdende Gegensatz zwischen den arbeitenden und den besitzenden Klassen beschäftigte sie sehr. Sie sah die große Gefahr, welche darin für eine glückliche Entwicklung des Staatslebens lag und wünschte, daß was möglich sei, geschehen möge, um den Frieden herzustellen. Deshalb griff sie in dieser Periode vorzugsweise solche Unternehmungen an, welche dem körperlichen und dem geistigen Wohle der Ärmeren dienen sollten.
Aus ihrer Initiative ging der 1878 gegründete Verein für häusliche Gesundheitspflege hervor, der Rat und Hilfe mancherlei Art armen Kranken und Notleidenden gewähren sollte. Aus ihm entwickelten sich dann die Ferienkolonien und das Viktoriahaus für Krankenpflege. Allen diesen bald sich weit ausdehnenden Unternehmungen widmete die Kronprinzessin ein reges persönliches Interesse, ein ganz besonderes aber dem Viktoriahause. Sie hatte in ihrem Kriegshospital die großen Mängel kennen gelernt, welche unserer Krankenpflege anhafteten. Diese lag zum allergrößten Teile in den Händen ungebildeter, für ihren Beruf nur praktisch vorbereiteter Personen und wurde schlecht bezahlt; sie war kein eigentlicher Beruf, sondern ein Notbehelf für solche, die keine andere Beschäftigung finden konnten. Einige Besserung in diesen Zuständen hatten die Erfahrungen der Kriege gebracht. Das rote Kreuz hatte Pflegerinnen einigermaßen ausbilden lassen, die für einen künftigen Krieg sich bereit halten sollten, aber geschulte Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, besonders die letzteren, gab es fast nur in den katholischen Orden und den evangelischen Diakonissenanstalten.
Für arme Kranke gab es nur eine Möglichkeit guter Verpflegung, die Aufnahme in ein Krankenhaus; im eigenen Hause hatten sie eine natürlich nur sehr ungenügende Hilfe. Die Kronprinzessin kannte die vorzüglichen englischen Krankenpflegerinnen in Hospitälern und der Armenpflege und wünschte seit langer Zeit ähnliches, d.h. weltliche Krankenpflegerinnen in Deutschland einzuführen. Bei hervorragenden Ärzten, an die sie sich wendete, fand sie keine Unterstützung, namentlich fand ihre Forderung, daß die weibliche Krankenpflege von gebildeten Frauen geübt werden solle, welche nicht bloß praktisch, sondern auch theoretisch ausgebildet würden, Widerspruch. Der Gesundheitsverein bot die Anknüpfung, die energisch ergriffen wurde. Die ersten Schwestern wurden teils in England, teils in einigen deutschen Krankenhäusern, auf welche die Kronprinzessin Einfluß hatte, ausgebildet. Mit wenigen wurde der Anfang gemacht, aber nach einigen Jahren übernahm das Viktoriahaus die Pflege im städtischen Krankenhause am Friedrichshain und jetzt sind Viktoriaschwestern, solche, die im Verbande geblieben sind und ausgeschiedene, in großer Zahl in öffentlichen Krankenhäusern und in Privatpflege tätig; das Prinzip der Institution, die Freiheit von religiösen Verpflichtungen, gute allgemeine Bildung und tüchtige praktische und theoretische Durchbildung ist auch von anderen, später entstandenen Organisationen anerkannt und hat allein die große Ausdehnung des weiblichen Krankenpflegewesens ermöglicht.
Eine zweite zu großer Blüte gelangte Institution des Gesundheitsvereins, die Ferienkolonien, verdankt der Kronprinzessin die eifrigste Unterstützung und Förderung von den ersten Anfängen an. Um ihr Interesse zu zeigen und durch eigenes Beispiel Nachahmung anzuregen, errichtete sie selbst auf dem Bornstedter Gute eine Kolonie.
Nicht weniger lebhaft nahm sie an den Bestrebungen für die Erziehung der Kinder der ärmeren Klassen teil, insbesondere an dem Pestalozzi-Fröbelhause und der Viktoria-Fortbildungsschule, den Mädchenhorten, nicht minder aber auch an den Realkursen für junge Mädchen zur Vorbereitung für die Universität, die Koch- und Haushaltungsschulen.
Die Kronprinzessin wollte nicht die vornehme Gönnerin sein, sie arbeitete mit, unterrichtete sich genau über die Zwecke, die Verhältnisse und den Betrieb der Anstalten und bei ihrer universalen Bildung war sie imstande, in allen Dingen Anregung und Rat zu geben. Sie kam jetzt mehr als früher in Beziehung zu der ärmeren Bevölkerung und gewann alle Herzen durch die einfache Liebenswürdigkeit ihres Wesens. Besonders freundlich war sie und auch der Kronprinz mit den Kindern des Volkes bei den Schulfesten sowohl, die sie in Potsdam jährlich veranstalteten, als auch wenn sie Anstalten, Kindergärten, Versammlungen der Ferienkolonienkinder u. dergl. besuchten.
Unverändert blieb dabei der Kronprinzessin Interesse an Kunst und Wissenschaft; besonders erfreulich war ihr, daß das Gewerbemuseum ein eigenes, würdiges Heim erhielt.
Zwei schmerzliche Ereignisse fielen gleich in die erste Zeit dieser Epoche; am 14. Dezember 1878 der Tod ihrer Schwester, der Großherzogin von Hessen, die ihr besonders nahe stand und die in Hessen in gleicher Weise wie ihre ältere Schwester wirkte, und des jüngsten Sohnes Waldemar am 27. März 1879
Aber auch zwei besonders freudige; am 27. Februar 1881 die Vermählung des ältesten Sohnes, des jetzigen Kaisers, mit der Prinzessin von Augustenburg und am 25. Januar 1883 die eigene silberne Hochzeit. Bei der Wahl der Braut war ein wichtiger Grund, daß dadurch ihrer Familie ein Ausgleich für den Verlust des Throns von Schleswig-Holstein geboten wurde.
Die silberne Hochzeit wurde mit großem Glanze und unter lebhafter Teilnahme Deutschlands gefeiert. Bezeichnend für die Gesinnung des kronprinzlichen Paares ist, daß die großen Gaben, die durch eine völlig unbeeinflußte, ganz privat betriebene allgemeine Sammlung aufgebracht waren, ungefähr eine Million ausschließlich gemeinnützigen Unternehmungen rein humaner Natur teils in Kapital überwiesen, teils in jährlichen Zuschüssen aus den Zinsen des nicht verwendeten Kapitals gewährt wurden. Einen Versuch, auch dem Hamburger Rauhen Hause etwas zuzuwenden, wies der Kronprinz mit Entschiedenheit zurück.
55 Jahr war der Kronprinz alt geworden, seit 25 Jahren war er der nächste dem Throne, nach menschlichem Ermessen war der Zeitpunkt nahe, wo er ihn zu besteigen hatte, wo die langjährigen Vorbereitungen Frucht tragen konnten, da entschied das Geschick, daß alles vergeblich gewesen war.
Im Anfang des Jahres 1887 trat eine anfänglich unbedeutende, schnell aber ernsthafter werdende Erkrankung des Kehlkopfes ein, die im Frühjahr schon zu den schwersten Besorgnissen Anlaß gab. In der nun kommenden furchtbaren Zeit hat die Kronprinzessin mit ganzer Energie, größter Klugheit und in aufopferndster Liebe sich ihrem Gatten gewidmet; sie war ihm die liebevollste Pflegerin und die verständigste Beraterin und Helferin in allen Angelegenheiten. Sie verlor nie den Mut, trotzdem ihr diese Sorgen noch durch niederträchtige Verfolgungen aller Art erschwert wurden. Es ist beschämend für die deutsche Nation, daß neben der verbreiteten innigen Liebe und Teilnahme für den Kronprinzen gewisse Kreise nicht ermüdeten, immer von neuem diejenige zu verdächtigen, welche ihm am nächsten stand. Ihr wurde die Unterlassung der Operation im Frühjahr 1887 zugeschrieben, während sie alles für dieselbe vorbereitet hatte. Die Bismarckschen Denkwürdigkeiten ergeben, daß dies auf einer Anordnung des Kaisers beruhte. Mit eben solchem Unrechte wurde ihr die Wahl von Mackenzie als behandelndem Arzt zugeschrieben, Gestützt hat sie wie der Kronprinz selbst ihn, weil er diesen in vorzüglichster, aufopferndster Weise zu behandeln und zu pflegen, seine Kräfte zu erhalten wußte. Über die Schwere und den Ausgang des Leidens haben sich Kronprinz und Kronprinzessin ziemlich früh schon nicht mehr getäuscht. Daß beide den Wunsch gehabt haben mögen, noch zur Regierung zu kommen, ist gewiß nicht zu tadeln.
Es war ein furchtbares Geschick, eine ganze gemeinsame Lebensarbeit, die nur auf die künftige Regierungstätigkeit gerichtet war, nicht nur fruchtlos gemacht zu sehen, sondern auch selbst aus der Geschichte Deutschlands fast ausgelöscht zu werden. Das wäre der Fall gewesen, wenn der Kronprinz vor seinem Vater gestorben wäre. Dem Kaiser und der Kaiserin war ihr Platz in der Geschichte Deutschlands gesichert und seitdem nun kein Interesse mehr, an ihrer Verkleinerung besteht, wächst mit jeder neuen Publikation über sie die Anerkennung ihrer Größe.
Bis zu Ende des Jahres 1887 hatte das Leiden des Kronprinzen nur langsame Fortschritte gemacht; er schien zeitweise fast im Besitze seiner vollen Kraft zu sein; er hatte sogar noch an der 50jährigen Jubelfeier der Königin Viktoria teilnehmen können und alle durch seine stattliche Erscheinung zur Bewunderung hingerissen. Im Winter kam die Entscheidung. Am 9. November 1887 wurde die Natur des Leidens als Krebs festgestellt; als ein hoffnungslos kranker Mann trat am 10. März der Kaiser Friedrich mit seiner Gemahlin die Reise von San Remo nach Deutschland an, zu neuer, schwererer Leidenszeit. Beide, Kaiser und Kaiserin haben in den schweren 99 Tagen der Regierung mit größter Anstrengung und Hingebung ihre Pflichten erfüllt; wo der Kaiser nicht selbst eintreten konnte, ersetzte ihn die Kaiserin. Sie zeigte sich viel öffentlich, übernahm die Leitung des Komitees für die durch die Überschwemmungen im Frühjahr Geschädigten und besuchte selbst die Überschwemmungsgebiete, pflegte und stützte den Kaiser, der die schwere Aufgabe hatte, selbst an freier Bewegung und am Verkehr mit Menschen gehindert, mit Ministern zu regieren, die weniger an die Gegenwart, als an die Zukunft dachten. Wer auf diese rechnete; hielt sich zurück oder glaubte gar, sich durch Verdächtigungen und Angriffe zu empfehlen. Wieder dasselbe Schauspiel wie während des Aufenthalts im Auslande: die große Menge des Volkes verfolgte mit inniger Liebe und Sorge das Befinden des Kaisers; empfing ihn und die Kaiserin, wo sie sich sehen ließen, mit Jubel; daneben die niederträchtigsten Angriffe in der Presse, die von einflußreichster Seite geschützt und geleitet wurden. Da man den Monarchen direkt nicht zu treffen wagte, so richtete sich alles gegen die Kaiserin. Dem Kaiser sollte gezeigt werden, daß er nicht wagen dürfte, gegen Bismarcks Willen etwas zu tun. Diesen Zweck hatte die Art, wie die Battenbergsche Heiratsaffäre in der Presse behandelt wurde. Prinzessin Viktoria wünschte die Verheiratung mit dem früheren Fürsten Alexander von Bulgarien, die Kaiserin unterstützte sie. Bismarck widersetzte sich, angeblich, weil Rußland dadurch verstimmt werden könnte. Dazu wäre kein Grund gewesen, denn wenn überhaupt an eine Rückkehr Alexanders nach Bulgarien zu denken gewesen wäre, so wurde sie durch die Verbindung mit dem preußischen Königshause völlig unmöglich. Der wirkliche Grund war wohl die Abneigung der königlichen Familie gegen die nicht standesgemäße Verbindung. Der Widerspruch Bismarcks genügte, um den Plan aufgeben zu lassen; aber welche, wie Buschs Aufzeichnungen zeigen, durch Bismarck selbst veranlaßte Preßangriffe! Dasselbe wiederholte sich, als der Besuch der Königin Viktoria angekündigt wurde; von ihr wurden die schwärzesten Intriguen erwartet, und um sentimentale Gemüter zu erregen, wurde verbreitet, daß die Gemächer der Königin Luise ihr zur Verfügung gestellt und ganz umgestaltet werden sollten. Als die Königin kam, zeigte sich, daß nichts von alledem wahr war. Und dazu der fortwährende Kampf der deutschen Ärzte gegen Mackenzie, immer mit der Spitze gegen die Kaiserin.
Dieser schweren Situation hat die Kaiserin tapfer standgehalten, obwohl sie ganz allein gelassen war, niemand ihr half. Bis zum letzten Augenblicke des Kaisers erfüllte sie auf das treueste alle ihre Pflichten und vor allem andern die der Pflege und des Trostes für den schwer Leidenden,
Kaiser Friedrichs Regierung hat außer seinen von hoher Weisheit und dem ernsten Willen, verfassungsmäßig, gerecht, unparteiisch und im Sinne wahrer Zivilisation zu herrschen zeugenden Erlassen an das Volk und den Reichskanzler nur eine Regierungshandlung aufzuweisen, die diese seine Absicht bestätigt: die am 8. Juni, also wenige Tage vor dem Tode erfolgte Entlassung des Ministers des Innern v. Puttkamer, weil dieser die Wahlfreiheit nicht gewahrt hatte. Man hat diese Tat der Kaiserin zugeschrieben und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie darum gewußt und sie befördert hat. Ein neuer Grund, sie anzugreifen,
Als der Kaiser in ihren Armen den letzten Atemzug getan hatte, da wurde ihr deutlich gezeigt, daß ein neues Regiment gekommen sei; das Schloß wurde militärisch besetzt, sie war nur noch geduldet. Von dem Trauergepränge am 18. Juni hielt die Kaiserin sich fern; dort war für sie kein Trost zu finden; sie veranstaltete im Kreise einiger ihr nahestehender Damen eine eigene Trauerfeier in Bornstedt; erst als die Friedenskirche leer geworden war, nahm sie von dem teuren Verstorbenen dort allein Abschied.
Aber ihr Leiden war noch nicht zu Ende. Schmerzlich mußte sie empfinden, daß die Anerkennung Kaiser Friedrichs geradezu als verletzend für den Sohn betrachtet und daß alles aufgeboten wurde, um zu zeigen, daß sein Tod ein Glück für Deutschland gewesen sei. Das Schlimmste war aber das, was sich an die im Oktober 1888 erfolgte Veröffentlichung eines Bruchstückes des Tagebuches des Kaisers Friedrich aus der Zeit des französischen Krieges knüpfte. Der Reichskanzler erstattete darüber dem Kaiser einen Bericht, in welchem behauptet wurde, der Kronprinz sei in jener Zeit von den politischen Verhandlungen ferngehalten, weil Indiskretionen an den von französischen Sympathien erfüllten englischen Hof gefürchtet seien; darin lag also zum mindesten der Vorwurf, daß der Kronprinz und die Kronprinzessin so unvorsichtig hätten sein können, Dinge, welche geheim gehalten werden mußten, so mitzuteilen, daß sie zur Kenntnis der Franzosen kommen konnten. Und dieser Bericht durfte veröffentlicht werden!
Man hatte wohl gedacht, daß die Veröffentlichung des Tagebuches aus politischen Gründen erfolgt und daß die Kaiserin Friedrich dabei beteiligt sei. Der Veröffentlicher, Professor Geffcken, ein Studienfreund des verstorbenen Kaisers, hatte es aber von ihm selbst erhalten und - in bester Meinung veröffentlicht. Monatelang war er in Untersuchungshaft; die Erhebung der Anklage mußte unterbleiben, weil gar kein Moment der Strafbarkeit zu finden war.
Und noch einmal kam dieselbe Verdächtigung der Kaiserin gegen Ende des Jahres, als von dem englischen Botschafter Morier behauptet wurde, er habe Bazaine Kenntnis von der deutschen Heeresdisposition gegeben - aus einer Wissenschaft heraus, welche auf seine Beziehungen zum Kronprinzenpaare zurückgeführt wurde.
Dies alles mußte eine Frau ertragen, welche ihr ganzes Leben hindurch kein anderes Ziel gehabt hatte, als deutsche Fürstin zu sein, und welche nie anders als in diesem Sinne gehandelt hatte, nur darum - dies war der wirkliche Grund aller Verfolgung -, weil sie freigesinnt und von hoher geistiger Bedeutung war. Niemals ist für irgend eine Verdächtigung auch nur der Schatten eines Beweises erbracht.
Für die Witwe Kaiser Friedrichs war im politischen Leben so wenig wie in dem Hofleben, an dem sie nie Gefallen gefunden hatte, noch ein Platz vorhanden. Andere Ansichten als die ihrigen waren herrschend, auch für gemeinnützige und wohltätige Unternehmungen, die nun nicht von allgemein humanen, sondern von religiösem Standpunkte aus, soweit die regierenden Kreise dabei in Betracht kamen, betrieben werden mußten.
Die Kaiserin war Privatperson geworden und hat nie mehr etwas anderes sein wollen.
Das Neue Palais, das das Kronprinzenpaar lange bewohnt hat und in dem Kaiser Friedrich gestorben war, nahm der Kaiser Wilhelm für seinen eigenen Haushalt; ein anderes für die Kaiserin Friedrich geeignetes Schloß war in Potsdam nicht aufzufinden, sie behielt nur das Palais Unter den Linden zum Winteraufenthalt. Im Sommer wohnte sie anfänglich in Homburg, wenn sie nicht auf Reisen war, bis sie sich in Kronberg ein eigenes, das Schloß Friedrichshof geschaffen hatte.
Dreizehn Jahre sollte sie ihren Kaiser, wie sie ihn nannte, überleben; nie hat sie ihn vergessen, nie die Tragik ihres Geschickes überwunden; aber die Energie ihres Geistes, ihre vielseitige Bildung und ihre mannigfaltigen Interessen hielten sie aufrecht und führten sie immer wieder zur Tätigkeit in den Grenzen, die ihr gezogen waren. Sie blieb allen Unternehmungen, an denen sie früher sich beteiligt hatte, treu und vergaß nicht diejenigen, die mit ihr gearbeitet und in schwerer Zeit zu ihr gehalten hatten. Die Frauen, die an der Spitze ihrer Vereine standen, versammelte sie öfter um sich, besuchte die Anstalten und ließ sich über sie berichten. Aus besonderem Interesse für das Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus beteiligte sie sich mit Rat und Mitarbeit an der Ausstellung, die dasselbe für die Weltausstellung in Chicago machte, einer zugleich künstlerischen und pädagogischen Darlegung der in dem Hause verfolgten Erziehungsgrundsätze. Sie schrieb selbst für eine Sammlung der in der Ausstellung enthaltenen Bilder aus dem Pestalozzi-Fröbel-Hause ein dessen Erziehungsmethode darlegendes Vorwort, wohl die einzige veröffentlichte Schrift einer Fürstin über Erziehung. Besonderes Interesse widmete sie dem Viktoria-Hause und dem für sie vom Pestalozzi-Fröbel-Hause und dem Viktoria-Hause gemeinschaftlich eingerichteten Kinderheim auf dem früher kronprinzlichen, später in den Besitz des Prinzen Heinrich übergegangenen Gute Bornstedt.
Seitdem Friedrichshof, das sie aus einer kleinen Privatbesitzung zu einem großen, schönen Schlosse geschaffen, künstlerisch ausgestattet und mit den herrlichsten Parkanlagen umgeben hatte, bewohnbar war, verbrachte sie dort die meiste Zeit, waltete als gütige Schloßherrin, schuf dort Anstalten für Kinder und Kranke und erwarb sich die begeisterte Liebe aller, denen sie nahe kam. Dort sah sie viel ihre Kinder und Großkinder bei sich. Prinz Heinrich war noch bei Lebzeiten des Vaters, am 11. Juni 1888, mit Prinzeß Irene von Hessen, Prinzessin Viktoria am 19. November 1890 mit dem Prinzen Adolf von Schaumburg, Prinzessin Sophie am 27. Oktober 1889 mit dem Kronprinzen von Griechenland und Prinzessin Margarethe am 25. Januar 1893 mit dem Prinzen Karl von Hessen vermählt. So scharte sich eine große Familie um sie und gab ihr manche Gelgenheit zu Sorge und Freude.
Ihr Leben blieb ein unausgesetzt tätiges, allen geistigen Interessen zugewandtes und der Menschheit nützliches, und das machte ihr das schwere Schicksal, das sie getroffen, erträglich.
Zu der großen geistigen Regsamkeit der Kaiserin kam eine seltene Gesundheit und Elastizität, aufrecht erhalten durch viele körperliche Bewegung, Spazierengehen und Reiten - bis zu der schweren Erkrankung, die vielleicht durch einen anscheinend nicht erheblichen Sturz vom Pferde im Spätsommer 1898 veranlaßt war und langsam fortschreitend im Herbst 1899 sich in voller Schwere zeigte. Noch zwei Jahre hat sie unter furchtbaren Qualen, die sie heldenhaft ertrug, gelebt, bis sie am 5. August 1901 verschied und die letzte Ruhestätte bei ihrem Kaiser fand.
In der Erinnerung aller, die ihr im Leben haben nähertreten können, lebt die Kaiserin Friedrich als eine Frau von edelstem, reinstem Sinne, ausgestattet mit reichen und in wunderbarer Vielseitigkeit ausgebildeten Gaben des Geistes und Herzens. Wenn sie nicht eine Kaiserin gewesen wäre, so würde sie sich auf irgend einem Gebiete der Kunst oder der Wissenschaft einen großen, dauernden Namen gemacht haben. Denkmäler werden ihr gesetzt, vor dem Brandenburger Tore steht ihr Standbild mit der Krone geschmückt, neben dem des Kaisers Friedrich; aber das Denkmal, das sie sich in den Herzen des deutschen Volkes durch eine weise Teilnahme an seiner Regierung zu setzen hoffte, ist ihr zu ihrem tiefsten Schmerze versagt geblieben. Ihr wie ihrem Gemahl.
Die Arbeit langer Jahre haben sie beide daran gewendet, sich für eine Stellung tüchtig zu machen, die sie nie ausfüllen sollten. Das ist die Tragik ihres Lebens. Das deutsche Volk hat das seltene Glück entbehrt der Regierung eines Kaisers und einer Kaiserin, beide gleich bedeutend, verschieden in ihrer Art, aber sich gegenseitig ergänzend, lange und wohl vorbereitet, im freien, humanen, deutschen Sinne zu herrschen, beide getragen von Begeisterung für Deutschlands Glück und Größe.
In der Geschichte werden sie, je unbefangener sie gewürdigt werden, einen um so größeren Platz einnehmen.

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