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Norbert Schrödl

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Erste Kontakte mit der Kronprinzessin Neues Palais, Potsdam, den 17. Sept. 1877
Sehr verehrter Herr Schrödl!
I. K. H. die Frau Kronprinzessin hat bei einem Besuch der diesjährigen Ausstellung ihre in Rom entstandenen Arbeiten bewundert und mich beauftragt, zu fragen, ob Höchstdieselbe Ihr Atelier in der Dorotheenstraße besuchen könnte. Wollen Sie mir gütigst sagen, ob Sie in Berlin sind und wann I. K. H. Sie am wenigsten stören würde. Es liegt I. K. H. besonders daran, auch Portraits von Ihnen zu sehen. Sind Sie noch im Besitz des Portraits der Madame Moulton? Ihrer freundlichen Antwort entgegensehend
Ihr ergebenster
Gf. Seckendorff.
Der Besuch der Kronprinzessin war für mich eine große Freude, denn sie betrachtete meine Bilder und Studien mit so eingehendem Interesse und so viel feinem Kunstverständnis, wie man das bei Laien nur selten findet. Wenige Tage später erhielt ich eine Einladung zur Tafel nach Potsdam in das Neue Palais, mit der Bitte, meine Aquarelle mitzubringen, da Ihre K. H. diese nochmals anzusehen wünschte. Von dieser Zeit ab hatte ich die Ehre, häufiger Gast der Kronprinzlichen Herrschaften zu sein, bald bei größeren, bald bei kleineren Gelegenheiten. Die schlichte Art des Kronprinzen und das lebhafte Temperament der Kronprinzessin übten einen großen Zauber aus. Man fühlte, daß das warme Interesse für alle geistigen und künstlerischen Gebiete an diesem Hofe dem eigensten Bedürfnis entsprang welch ein Gegensatz zu der erkünstelten Schöngeisterei, die man so oft in der sogenannten "gebildeten Gesellschaft" findet, wo Jeder sich ein Urteil erlaubt, weil es nun einmal zum guten Ton gehört, über Kunst und Wissenschaft zu reden! Diese Leute ahnen in ihrer Verständnislosigkeit gar nicht, daß ihr Wortschwall dem Fachmann nichts weiter bedeutet als ein Nachplappern aufgeschnappter und unverdauter Urteile.

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