Zurück Hoch Weiter

Norbert Schrödl

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Ankauf der Kaiserin Friedrich in Kronberg Cronberg, 20.9.1888
Heute trat der Hofmarschall der Kaiserin Friedrich, Graf Seckendorff, ins Zimmer. Nach kurzer Einleitung teilte er uns vertraulich mit, daß er auf der Suche nach einem Witwensitz für die Kaiserin Friedrich sei. Es stünden mehrere Schlösser in Aussicht und er sei gekommen, um auch die Villa Reiß in Augenschein zu nehmen. Er erkundigte sich eingehend, was Norbert bewogen habe, sich in Cronberg anzukaufen, und bat ihn, einen Rundgang mit ihm zu machen. Ich amüsierte mich im Stillen, daß der Graf an den richtigen "Cronberg-Schwärmer" geraten war. Wenn das die Cronberger und Frankfurter wüßten! Aber durch uns erfahren sie nichts, denn wir haben Stillschweigen gelobt. ...
Die Besichtigung der Villa Reiß durch den Grafen Seckendorff hat sich doch herumgesprochen. Wahrscheinlich durch die Angestellten. Infolgedessen herrscht große Aufregung in Cronberg. Man sagt, die Kaiserin komme heute incognito. Es wäre doch merkwürdig, wenn das kleine Malernest Cronberg plötzlich eine kaiserliche Residenz würde! Qui vivra verra!
Cronberg, 8.10.1888
Die Kaiserin Friedrich hat die Villa Reiß gekauft. Cronberg prangt im Flaggenschmuck, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Umbauten und Parkanlagen sind in großem Stil geplant. Auch werden noch möglichst viele anliegende Grundstücke erworben, um sich weiter auszudehnen und vor allem die öffentliche Landstraße zurückzuverlegen.
Erster Besuch der Kaiserin bei Schrödls Cronberg, 11.7.1889
Kaiserin Friedrich trank heute mit ihrer Hofdame, Gräfin Perponcher, dem Grafen Seckendorff und Baron von Ompteda bei uns Tee. Sie blieben ungefähr zwei Stunden und sahen sich das ganze Haus mit großem Interesse an. "Ich bewundere die Farbenharmonie," sagte die Kaiserin, "und beneide Sie um die behaglichen Räume, die man sich in einem weitläufigen Schloß nicht schaffen kann." Besonders entzückten sie der alte grüne Kachelofen mit dem eingebauten kupfernen Kessel und die in dem Getäfel eingelassenen Studien. Beim Tee erzählte sie von ihren Bauplänen und daß sie ihr Schloß "Friedrichshof" nennen werde. Als die Rede auf Kaiser Friedrich kam, traten ihr Tränen in die Augen, so daß sie momentan nicht weiter sprechen konnte. "Ich hoffe auf gute Nachbarschaft und freue mich jetzt schon darauf, Ihnen später auch mein Haus zu zeigen," sagte sie beim Abschied. Inzwischen hatten sich an unserem Gartentor so viele Menschen angesammelt, daß die beiden Gendarmen nur mühsam den Platz zum Einsteigen frei halten konnten.
Baupläne für Schloß Friedrichshof Cronberg, 20.7.1889
Die Kaiserin Friedrich lud uns zur Besichtigung ihrer Baupläne ein, die von Baurat Ihne in Berlin entworfen sind und von der Firma Holzmann in Frankfurt ausgeführt werden. Die Vorderfront ist im englischen Renaissancestil, die Rückseite mit Türmen, Erkern und Fachwerk hat einen typisch deutschen Charakter und wirkt im Gegensatz zu der monumentalen Fassade sehr malerisch. Als Material soll ein gelblich-grauer Sandstein verwendet werden. Die Pläne für die Parkanlagen erfordern aber viele Terrainbewegungen. Man rechnet zur Fertigstellung des Ganzen ungefähr zwei Jahre.
Begrüßung der Kaiserin in Cronberg Cronberg, 11.10.1890
Mittwoch machten wir die Hochzeit von Ludwig und Ida Neher mit und kehrten grade noch rechtzeitig zum Empfang unserer beiden Wohngäste, Graf Seckendorff und Baron von Ompteda, zurück. Sie trafen im Gefolge der Kaiserin Friedrich hier ein, für die die Villa Huttenlehner, die mit in die angekauften Terrains fiel, provisorisch als Absteigequartier, hergerichtet wurde. Zur Bewillkommnung der Kaiserin prangte Cronberg im Festschmuck. Abends brachte ihr die Bevölkerung einen Fackelzug, und gleichzeitig flammte die alte Burg in bengalischer Beleuchtung auf. Wir erhielten für den folgenden Tag eine Einladung zum Tee. Die Kaiserin sieht in ihrem einfachen, schwarzwollenen Kleid und runden Hut noch merkwürdig jung aus und hat, wenn sie mit einem spricht und dabei mit ihren strahlenden Augen ansieht, einen großen "charme". - Nach dem Tee führte sie uns durch den Bau und die Parkanlagen und bezeigte große Freude an allem. Sie will ihre Kunstsammlungen in Friedrichshof ausstellen, wo sie die längste Zeit des Jahres zu wohnen gedenkt. Baurat Ihne ist wegen der Baubesprechungen von Berlin hier eingetroffen und verbringt die Abende mit Seckendorff und Ompteda bei uns.
Kaiserin Friedrich beim Tee Cronberg, 10.7.1891
Heute sagte sich die Kaiserin Friedrich telegraphisch zum Tee an. In ihrer Begleitung befanden sich ihre jüngste Tochter, Prinzessin Margarete, Hofdame Gräfin Perponcher und Graf Seckendorff. Nach dem Tee wurden die italienischen Studien eingehend besichtigt. Die Kaiserin erkannte all die kleinen Ortschaften und nannte sie gleich bei Namen. Als sie sich verabschiedete, bat sie uns, sie nach Friedrichshof zu begleiten, da sie einiges an Ort und Stelle mit Norbert beraten wolle. Ich staunte über ihren schnellen, elastischen Gang.
Cronberg, 22.7.1891
Wir haben drei Sonntage hintereinander große Gesellschaften gegeben. Außerdem hatten wir Besuch aus Köln und aus Berlin den Präsidenten der Akademie, Professor Karl Becker, was Norbert eine große Freude war, da er den alten Herrn besonders liebt und verehrt. Frau Jay, eine außergewöhnlich gescheidte und belesene Frau, brachte uns kürzlich den Direktor des "Daily Telegraph", der einen Artikel über Cronberg und unser Haus schreiben will. Seitdem die englische Königstochter sich Cronberg zum Wohnsitz erkoren hat, waren schon verschiedene englische Journalisten hier, um über Friedrichshof zu berichten,
Cronberg, 25.5.1893
Heute besuchte uns die Kaiserin Friedrich mit dem Prinzen Holstein und dem Grafen Seckendorff. Als sie Franz Brentano, der seine Ferien bei uns verbringt, sah, nahm sie ihn in den Arm, küßte ihn und sagte mit Tränen in den Augen: "Der Junge ist das Ebenbild meines verstorbenen Waldemars." Beim Weggehen umarmte sie ihn nochmals mit den Worten: "Du darfst immer bei mir im Park spielen, ich werde mich freuen, Dich dort zu sehen."
Kunstauffassung Cronberg, 10.6.1893
Die Kaiserin sprach sich heute, während wir bei ihr Tee tranken, sehr energisch gegen die moderne Kunstrichtung aus. Dabei belebten sich ihre Züge so sehr, daß ihre Augen förmlich leuchteten. Gestern kam Graf Seckendorff mit der Fürstin Taxis und deren Sohn. Er meldet sich jetzt häufig abends bei uns an und weiß immer etwas Interessantes zu erzählen. Namentlich von den vielen Reisen, die er mit den Kronprinzlichen Herrschaften gemacht hat.

Zurück Hoch Weiter