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Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Feierlicher Einzug in Schloß Friedrichshof Cronberg, 30.4.1894
Nachdem die Kaiserin Friedrich am 27. März ihren Einzug in Friedrichshof gehalten, stellte sich der Kaiser heute zum Besuch seiner Mutter ein. Cronberg und Schönberg haben Triumphbogen gebaut und die Häuser geflaggt. Norbert schmückte auch unser Haus mit Fahnen und Guirlanden und brachte am Giebel eine blumenstreuende "Fortuna" an. Punkt 6 Uhr lief der kaiserliche Ertrazug unter Glockengeläute und Bollerschüssen ein. Wenige Augenblicke später fuhr die ganze Gesellschaft bei uns vorüber. Im ersten Wagen saßen der Kaiser und seine Mutter, die uns beide freundlich mit der Hand winkten. Es hatten sich viele Freunde und Bekannte bei uns eingefunden, um die Auffahrt zu sehen. Darunter Herr und Frau Regierungspräsident von Tepper-Laski, Herr und Frau Oberbürgermeister Adickes, Polizeipräsident von Müffling, zwei Gräfinnen Bernsdorff u. a. Abends wurde die Cronberger Burg bengalisch beleuchtet und ein großes Feuerwerk abgebrannt.
Cronberg, 6.5.1894
Gestern frühstückten wir in Friedrichshof. Fürstin Münster und Graf Seckendorff empfingen uns unten in der Halle, und gleich darauf sahen wir die Kaiserin die Freitreppe herabsteigen. Sie begrüßte uns sehr herzlich und schritt dann zum Eßzimmer voraus, wo wir an einem runden, mit Blumen und Früchten geschmückten Tisch Platz nahmen. Nach ausgehobener Tafel gingen wir durch die weitgeöffneten Flügeltüren in die vorderen Säle, die mit künstlerischem Verständnis eingerichtet sind. Besonders der Museumssaal, in dem die Kunstsammlungen, z. T. in Glasschränken, Aufstellung gefunden haben. Beim Abschied sagte die Kaiserin: "Das nächste Mal zeige ich Ihnen alles bei Licht, da wirkt es wieder anders, aber es wird Ihnen auch gefallen." Ich kam mir die ganze Zeit über wie im Traum vor. So ganz in aller Stille war, scheinbar über Nacht, all die Pracht und Herrlichkeit entstanden.
Cronberg, 7.6.1894
Gestern meldete sich die Kaiserin mit den griechischen Herrschaften und dem Prinzen Max von Baden an. Beim Weggehen forderte sie uns auf, mit zu den Treibhäusern zu gehen. Wir waren ganz überrascht von der Blumenpracht und den herrlichen Trauben und Pfirsichen, die in üppigster Fülle an Wänden und Decken hängen.
Beginn der Malstudien bei Norbert Schrödl Cronberg, 25.6.1894
General von Diepenbroik-Grüter und Frau, geb. von Arnim, haben 14 Tage bei uns gewohnt. Gleichzeitig kamen Graf und Gräfin Oriola, die viele gemeinsame Beziehungen mit ihnen haben. Die Kaiserin hat heute ihre Malstudien bei Norbert mit einem Bilde begonnen, das sie dem König von Sachsen schenken will. Das Motiv ist der Blick von unserer Terrasse auf die alte Burg. Norbert hat als Staffage einen Cronberger Ritter in voller Rüstung auf die Rampe unter den Bogen gesetzt und ein sehr geeignetes Modell dafür in dem Sohn des Schloß-Portiers Henneberg gefunden.
Cronberg, 9.7.1894
Die Kaiserin kommt seit dem 25. Juni täglich zum Malen, gewöhnlich nachmittags von 3 bis 5 Uhr, und bleibt hie und da zum Tee. Meistens läßt mich die Kaiserin auch ins Atelier bitten, was mir ihrer anregenden Unterhaltung wegen immer eine Freude ist.
Cronberg, 17.7.1894
Gestern kam Graf Seckendorff in aller Frühe und überreichte Norbert zum Geburtstage im Auftrage der Kaiserin einen großen Korb mit auserlesenen Blumen und Früchten. Nachmittags stellten sich Mumms, Nehers, Spieß', Carl Schmidts, unsere Familie und der "Dreizehner-Chor" ein. Wir aßen bei Vollmond auf der Terrasse zu Nacht und sangen nachher Norberts Lieblingsquartette.
Cronberg, 23.7.1894
Ich hatte es mir bei der tropischen Hitze heute nach Tisch grade bequem gemacht, als Settchen die Kaiserin meldete. So schnell wie möglich schlüpfte ich wieder in mein Kleid und fand die Kaiserin im Atelier, wo sie mit Norbert ein neues Motiv beriet, denn das Bild für den König von Sachsen ist fertig und bereits expediert. Norbert stellte ihr ein Stilleben zusammen, und während er noch nach einem geeigneten Krug suchte, bat ihn die Kaiserin, sie nach, Friedrichshof zu begleiten, um dort einen anzusehen, den sie gern malen wollte. Als Norbert hinausging, den Malkittel gegen einen Rock umzutauschen, sagte die Kaiserin: "Ach, Herr Schrödl, lassen Sie das doch bei der Hitze." Schade nur, daß wir keinen photographischen Apparat mithatten, um die verblüfften Gesichter der Lakaien zu verewigen, wie sie Norbert im Malkittel an der Seite der Kaiserin durch das Schloß-Portal eintreten sahen.
Cronberg, 27.7.1894
Mittwoch Abend waren wir wieder zu Tisch in Friedrichshof. Dieses Mal wurde im großen Speisesaal gegessen. Die Tafel war mit Orchideen und großen silbernen Kandelabern geschmückt. Der Kaffee wurde auf der Terrasse serviert, wo die Kaiserin in lebhafter Unterhaltung bis gegen 11 Uhr sitzen blieb. Nachdem sie sich zurückgezogen hatte, forderten Reischachs uns auf, noch einem "Toback" bei ihnen in der "cottage" zu rauchen. Wir amüsierten uns bei Zigaretten, Bier und "Lemon's quash" bis tief in die Nacht über die Geschichten, die Reischach mit sprudelndem Humor erzählte. ...
Else Schrödl wird gemalt Cronberg, 11.10.1894
Ich hatte heute meine erste Sitzung bei der Kaiserin. Sie unterhielt sich während der 2 1/2 Stunden, die ich allein bei ihr war, fortgesetzt auf das Interessanteste. Unter anderem kam sie auch auf das Verhältnis einer Mutter zu ihren Kindern zu sprechen. Zuerst nur in allgemeinen Betrachtungen, aber allmählich ging sie auf ihre eigenen Erfahrungen über. Das Vertrauen, das sie mir schenkte, beglückte mich sehr, und ich werde mich dessen würdig erweisen. Jedenfalls war jede ihrer Äußerungen der großzügige Ausdruck einer vornehmen Denkungsart. Erst nachdem die Kammerfrau mehrmals an die Zeit gemahnt hatte, wurde ich entlassen. Die Kaiserin umarmte und küßte mich mit den Worten: "Der viele Besuch diesen Sommer hat mich verhindert, ein richtiges Portrait von Ihnen zu malen. Jetzt stehe ich vor der Abreise. Wollen Sie mir sitzen, wenn ich wiederkomme? Ich freue mich schon darauf, denn Sie sind mir eine liebe Nachbarin geworden."
Cronberg, 17.10.1894
Die Kaiserin machte uns heute Nachmittag mit der Prinzessin Heinrich von Preußen einen Abschiedsbesuch. Sie siedelt zunächst nach Rumpenheim über, wo sie Großmutterfreuden entgegensieht. Beim Weggehen sagte sie: "Den letzten Abend möchte ich gern mit Ihnen verbringen. Bitte kommen Sie um 8 Uhr zu Tisch."
Cronberg, 19.10.1894
Die Kaiserin setzte sich gleich nach dem Essen auf den großen roten Sessel in der Halle und häkelte mit Eifer an einem Kinderjäckchen, das noch für den erwarteten Enkel fertig werden sollte. Dabei unterhielt sie sich sehr lebhaft und versicherte wiederholt, wie schwer es ihr falle, Friedrichshof zu verlassen, und daß sie hoffe, in späteren Jahren den ganzen Winter in Cronberg zu bleiben. Heute nahmen auch Reischachs mit den Kindern Abschied. Sie erzählten, die Kaiserin sei schon in aller Frühe nach Rumpenheim gerufen worden und der Prinz bereits eingetroffen. - Wir siedeln demnächst auch nach Frankfurt über, weil das ewige Hin- und Herfahren auf die Dauer zu anstrengend für Norbert ist. Ich habe den Möbelwagen schon bestellt; denn obgleich wir in der Stadt vollständig eingerichtet sind, müssen doch immer tausenderlei Gegenstände, die der Maler zu seinem Beruf braucht, mitgenommen werden. Professor Schreyer und Burger begreifen nicht, daß wir uns einen solchen Umzug antun. Sie finden Cronberg im Winter noch schöner als im Sommer. Wir denken auch daran, Cronberg später als einzigen Wohnsitz zu halten und im übrigen zu reisen. Gescheiter wäre es jedenfalls, sich die schöne Gotteswelt ein wenig mehr anzusehen, als immer zwischen Frankfurt und Cronberg hinundherzupendeln.

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