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Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Überraschungsbesuch bei Schrödls Cronberg, 30.5.1895
Wir saßen heute Nachmittag mit der Landgräfin Anna von Hessen, deren Tochter, Erbprinzessin Elisabeth von Anhalt, und Fräulein Else von Ditfurth auf der Veranda, als die Kaiserin in Begleitung von Fräulein von Faber und Graf Seckendorff unangemeldet erschien. "Was, Anna, Du bist hier?" sagte die Kaiserin zur Landgräfin und ließ sich behaglich nieder. Schnell wurden noch Tassen und Teller herbeigeschafft, und ich freute mich, daß mein Sandkuchen so gut geraten war und so viel Zuspruch fand. "Ich komme, um mich wieder zum Malen bei Ihnen anzumelden, Herr Schrödl, wenn es Ihnen recht ist," wandte sich die Kaiserin an Norbert und setzte hinzu: "Liebe Frau Schrödl, dieses Mal hoffe ich, auch Ihr Portrait fertig zu machen, wenn Sie mir sitzen wollen." Nach dem Tee wurden Norberts Arbeiten im Atelier angesehen. Als es halb acht Uhr schlug, schrak die Kaiserin förmlich zusammen und sagte: "Da habe ich die Meinen wieder warten lassen, wie schon so oft, wenn ich hier war. Man verspätet sich nur gar zu leicht bei Ihnen."
Cronberg, 2.9.1895
Norbert stellte der Kaiserin heute ein neues Stillleben zusammen, an dem sie mit solcher Freude malte, daß sie die Zeit darüber vergaß. Als sie schließlich auf die Uhr sah, sprang sie aus und sagte: "Schon wieder diese Verspätung. Nun warten die Gäste zu Hause mit dem Essen auf mich. Verzeihen Sie, wenn ich alles liegen und stehen lasse, aber ich möchte heute Nachmittag wiederkommen und weiter arbeiten, wenn es Sie nicht stört."
Wohltätigkeitsbasar
Alt-Frankfurter Tage
Cronberg, 20.4.1896
Wir hatten vom 15. bis 18. April wieder eine große Wohltätigkeits-Veranstaltung, deren Ertrag zur Hälfte dem Frankfurter Künstlerverein und zur Hälfte dem Cronberger Krankenhaus zufließt. Das Fest, das eine Messe im alten Frankfurt zu Anfang des Jahrhunderts versinnbildlichte, wurde "Alt-Frankfurter Tage" genannt. Die Künstler bauten in dem großen Saal des Saalbaus den Marktplatz mit den umliegenden Gassen und im Hintergrunde den Dom so naturgetreu auf, daß man glauben konnte, im alten Frankfurt herumzugehen. Sogar die Domglocken läuteten. Die Verkaufsbuden und die Trachten der Mitwirkenden waren auch dem Stil der Zeit angepaßt.
Ich betätigte mich in der Kunstbude, die Norbert nach dem Vorbild der "Goldenen Waage" gebaut hatte. Die Bilder und Kunstgegenstände, die darin zum Verkauf kamen, waren von den Künstlern gestiftet. Der Katalog wies allein 125 Bilder auf, darunter drei von der Kaiserin Friedrich, ein Motiv aus Cronberg und eine Landschaft aus der Gegend von Trient, die hohe Preise erzielten. Außerdem gaben die Cronberger Künstler einen Kalender heraus, dessen Titelblatt Professor Burger zeichnete. Die 12 Monate wurden von 12 verschiedenen Künstlern illustriert, So der November von Norbert. Der Verkauf ging reißend. -
Als die Kaiserin Friedrich, die das Protektorat des Festes übernommen hatte, mit ihrem GefoIge den Saal betrat, begannen die Domglocken zu läuten. Mitwirkende und Publikum auf den Gassen, wie aus den Häusern, von Fenstern, Erkern und Balkonen schwenkten Hüte und Tücher. Es war ein lebensvolles Bild. Auch für Abend-Unterhaltung war ein reichhaltiges Programm vorgesehen. Von 5 bis 7 und von 8 bis 10 Uhr konzertierten verschiedene Kapellen, Sowohl in der Wirtschaft "Zur Burg Cronberg" wie auf dem "Rheinschiff". Im kleinen Saal wurden von 8 Uhr ab lebende Bilder gestellt und Theater gespielt. Natürlich fehlte nicht die berühmte Krebbel-Zeitung in Frankfurter Mundart. Die große Arbeit, die die Vorbereitungen zu dem Fest erfordert hatten, wurde durch ein glänzendes pekuniäres Resultat belohnt. Die Einnahmen betrugen 186 000 Mark, so daß nach Abzug aller Unkosten ein Reingewinn von 150 000 Mark bleibt.
Volksbibliothek Cronberg Cronberg, 20.7.1896
Sonntag beim Abendessen in Friedrichshof ventilierte die Kaiserin den Gedanken, eine Volksbibliothek in Cronberg zu gründen, und erörterte lebhaft das "Für und Wider". Sie knüpfte einige sozialpolitische Betrachtungen daran, die solch tiefes Eindringen in diese Fragen bekundeten, daß mancher Sozialpolitiker von ihr lernen könnte. Nach Tisch spann sie den Faden weiter und entließ uns viel später als gewöhnlich. - Kauffmanns haben sich auch einen sehr hübschen Besitz hier geschaffen. Wenn das so weitergeht, wird Cronberg bald ein Villen-Vorort von Frankfurt sein. - Heute holte uns die Kaiserin zur alten Burg ab, um mit Norbert an Ort und Stelle einiges über die von ihr geplanten Wiederherstellungsarbeiten zu beraten. Beim Abschied sagte sie: "So lange gebaut wird, bleibt die Burg für das Publikum geschlossen, aber für Sie Beide immer geöffnet".
Malstunden Cronberg, 15.8.1896
Die Kaiserin kommt jetzt täglich zum Malen, und ich habe ihr auch in ihrem Privatgemach im ersten Stock wieder verschiedentlich gesessen. Ich genieße diese Stunden des Alleinseins mit ihr sehr. Ich kenne keine Frau, die so auf allen Gebieten beschlagen ist. Wenn ich von ihr fortgehe, habe ich immer das Gefühl, etwas gescheiter nach Hause zu kommen. Am interessantesten für mich ist natürlich, wenn sie von ihrem eigenen Leben erzählt. Da staune ich immer über das mir geschenkte Vertrauen und danke es ihr mit aufrichtiger Verehrung. ...
Kaiserin Friedrich und Kaiserin Augusta zu Besuch Cronberg, 21.10.1896
Heute ließen sich die Kaiserin Friedrich und die regierende Kaiserin bei uns zum Tee anmelden und fuhren ohne Gefolge vor. Wir empfingen sie am Gartentor, wo sich bereits viele Menschen angesammelt hatten, und führten sie auf ihren Wunsch zuerst ins Atelier, um Norberts Arbeiten zu besichtigen. Dann wurde ein Rundgang durchs Haus gemacht und Tee getrunken. Meinem Gefühl folgend, bediente ich, gegen alle Etikette, zuerst die Mutter, worin mich die regierende Kaiserin auf das liebenswürdigste unterstützte. Sie ließ der Kaiserin Friedrich auch, trotz deren Protest, jedesmal den Vortritt von einem Zimmer in das andere. "Der Kaiser wollte mitkommen", sagte die Kaiserin, "aber Dr. Leuthold hat ihm, einer Unpäßlichkeit wegen, von einer Ausfahrt abgeraten." Die Unterhaltung war sehr lebhaft. Norbert hat die glückliche Eigenschaft, mit den hohen Herrschaften genau so ungezwungen wie mit anderen Sterblichen zu verkehren. Er erzählt mit größter Ungeniertheit seine Geschichten und Anekdoten, hält aber dabei mit dem natürlichen Takt des fein empfindenden Menschen immer die richtige Grenze ein. Als wir die Damen zum Wagen zurückbegleiteten, goß es in Strömen. Norbert hielt einen Schirm über die Kaiserin Friedrich, und da ich keinen zur Hand hatte, zog mich die Kaiserin Augusta Victoria mit unter den ihrigen, indem sie sagte: "Sie sollen auch nicht naß werden."
Abends fand große Illumination statt. Das malerische, durch die alte Burg gekrönte Städtchen flammte gleichzeitig mit den rings auf den Höhen und im Tal liegenden Villen in bengalischer Beleuchtung auf, was märchenhaft schön wirkte.
Cronberg, 25.10.1896
Das russische Kaiserpaar, die Großfürstin Sergius, der Großherzog und die Großherzogin von Hessen sind in Friedrichshof eingetroffen. Der Zar sieht zart und blaß aus, die Zarin bildschön und vornehm in ihrer Erscheinung. - Nächsten Mittwoch begibt sich die Kaiserin Friedrich zu erneuten Großmutter-Freuden nach Rumpenheim.
Im Kronprinzen-Palais zu Berlin Berlin, 20.3.1896
[Bei der Centennarfeier zum 100. Geburtstag von Wilhelm I.]
Ohne mich eingeschrieben zu haben, wurde ich gestern zur Kaiserin Friedrich in das Kronprinzen-Palais befohlen. Sie war Tags zuvor von England zurückgekehrt, empfing mich mit großer Herzlichkeit und führte mich persönlich durch alle von ihr bewohnten Räume, auch in ihr Schlafgemach und das daran anstoßende Toilettenzimmer Kaiser Friedrichs. Als sie mir von seinen Gewohnheiten erzählte und einige seiner Gebrauchsgegenstände zeigte, traten ihr Tränen in die Augen. Beim Abschied lud sie mich ein, die Parade und den Festzug, anläßlich der Centennarfeier, von ihren Fenstern aus zu sehen, und fügte hinzu: "Vergessen Sie ja nicht, Ihren lieben Mann zu grüßen und ihm zu schreiben, ich hätte mich gefreut zu hören, daß er sich nicht von Cronberg trennen konnte, und daß ich Cronberg ebenso liebe wie er." Vom Schloß aus fuhr ich zum Palasthotel und von dort mit Oriolas in den Reichstag, wo bereits jeder Platz besetzt war, weil große Aufregung wegen der Abstimmung herrscht. Bennigsen, Richter und Marschall hielten lange Reden. Auf dem Rückweg begegneten wir Unter den Linden Sascha Schlippenbach mit dem Botschafter von Radowitz, der persönlich vom Kaiser zur Centennarfeier geladen ist. Die Ausschmückung der Straßen schreitet mächtig voran. Vom Brandenburger Tor bis zum alten Schloß wird eine "via triumphalis" gebaut. Aber daß sie das alte, historische Brandenburger Tor vergolden, ist meiner Ansicht nach eine grobe Geschmacklosigkeit.
Kaiser Wilhelm und seine Mutter zu Besuch in der Villa Schrödl Cronberg, 29.4.1896
Norbert malte gestern Nachmittag im Garten Enten, als der Kaiser mit der Kaiserin Friedrich und dem Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen unangemeldet vorfuhr. Ich wurde sofort heruntergerufen und fand Norbert, noch mit Pinsel und Palette in der Hand, bei den Majestäten vor dem Stall, in die Entenstudien vertieft. Als der Kaiser mich kommen sah, trat er mir ein paar Schritte entgegen, reichte mir die Hand und drückte mir mit einigen herzlichen Worten seine Teilnahme aus. Er sagte unter anderem: "Der Tod Ihres Bruders ist ein Verlust für die Akademie, den die Herren alle beklagen. Er wirkte tatkräftig und belebend in seinem Amt und wird schwer zu ersetzen sein." Ich antwortete, wie sehr ich mich freute, dieses Urteil von seiner Majestät zu hören, und daß ich andererseits versichern könnte, daß mein Bruder sich sehr glücklich in seinem Amt gefühlt habe. Darauf erwiderte der Kaiser: "Ich höre es immer gern, wenn meine Beamten zufrieden in ihren Stellungen sind. Es ist übrigens auch eine besonders schöne Stellung, die Ihr Bruder innehatte, das heißt, wenn man es versteht, mit Künstlern umzugehen." Dabei schaute er mich mit einem feinen Lächeln von der Seite an und fügte hinzu: "Denn das ist doch wohl nicht immer so ganz einfach?" Ich mußte wirklich lachen.
Inzwischen war die Kaiserin Friedrich mit der Prinzessin Margarete und Norbert schon ins Atelier gegangen. Jetzt folgte der Kaiser. Er machte in der schwarzen Husaren-Umfom einen sehr jugendlichen Eindruck, und in jeder seiner Bewegungen sprach sich Kraft und Energie aus. Mit eingehendem Interesse betrachtete er die Bilder und Studien und ließ es nicht an treffenden Bemerkungen fehlen. Als er einen Kranz von Rosen, der frisch gemalt auf der Staffelei stand, sah, rief er aus: "Der ist schön, der duftet ja förmlich, den möchte ich meiner Frau zum Geburtstag schenken, wenn Sie mein Bild als Relief hineinmalen wollen?" Norbert erklärte sich natürlich mit Freuden dazu bereit, worauf der Kaiser versprach, eine geeignete Medaille zu schicken, da er wegen seiner Abreise nicht selber sitzen könne. Außerdem erwarb er noch ein Entenbild, das ihm besonders gefiel. Über das Altarbild, das Norbert inzwischen aus den verschiedenen Farbenschichten herausgearbeitet hat, ließ sich der Kaiser ausführlich berichten und meinte am Schluß: "Dem Bilde gehört jetzt der Ehrenplatz in der Kirche."
Unterdessen hatte ich das Fremdenbuch zurechtgelegt, fand aber nicht den geeigneten Moment, den Kaiser zu bitten, sich einzuschreiben, da er sich fortgesetzt auf das lebhafteste unterhielt. Die Kaiserin Friedrich, der nichts entgeht, mußte mein Tun wohl bemerkt haben, denn sie sagte dem Kaiser: "Frau Schrödl möchte gern, daß Du Dich einschreibst," worauf er sich sofort an den Tisch setzte und "Wilhelm F. R." mit dem bekannten großen Schnörkel in das Buch eintrug. Als ich ihm meinen Dank darüber aussprach, antwortete er freundlich: "Wenn es Sie freut, freut es mich auch." Sehr lebhaft sprach er sich über die moderne Kunstrichtung aus. "Die Bengels gehören alle nach Dalldorf", sagte er, "blaueSchweine malen sie und grüne Wolken, von Zeichnung keine Spur." Er wurde dabei so erregt, daß er immer weiter sprach, trotzdem die Kaiserin mehrfach zum Aufbruch mahnte. Selbst als er schon im Wagen saß, äußerte er noch: "Das Schlagwort dieser Leute ist: ,Sehr intim gemalt'. Damit wollen sie sich interessant machen und dem Beschauer etwas zu denken geben, aber in Wirklichkeit ist nichts dabei zu denken."
Wir blieben noch lange unter dem Eindruck der Persönlichkeit Wilhelms II. Er erinnert in seiner Art sehr an die Mutter, hat dieselben strahlenden Augen und denselben "Charme", wenn er mit einem spricht.

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