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Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Geburtstagsgrüße Cronberg, 15.9.1897
Heute ist unser Hochzeitstag. Norbert, der mir bisher jedes Jahr eine Überraschung bereitete, vergaß den Tag zum erstenmal. Als ich ihn nachmittags damit neckte, geriet er ganz außer sich. Zufällig trat im selben Augenblick die Kaiserin Friedrich mit der Prinzessin Victoria bei uns ein. Norbert, in seiner impulsiven Art, erzählte ihr gleich, wie unglücklich er sei, den Hochzeitstag vergessen zu haben, worauf die Kaiserin lächelnd meinte: "Das können wir ja noch nachholen. Begleiten Sie mich auf die alte Burg, ein schöneres Fleckchen Erde gibt es nicht, um sein Glück zu feiern". So gingen wir nach dem Tee mit der Kaiserin hinaus und erlebten grade eine ungewöhnlich schöne Beleuchtung. "Ihrem Hochzeitstag zu Ehren", sagte die Kaiserin. Als wir später beim Nachtessen saßen, sandte sie einen großen Korb mit auserlesenen Blumen und Früchten.
Der Prince of Wales zu Besuch Cronberg, 24.9.1897
Gestern trafen wir in Friedrichshof den Prinzen von Wales, Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein, Erbprinzessin Charlotte von Meiningen und deren Tochter Prinzessin Feodora. Die Tafel war mit brennenden Kandelabern, kostbaren Silbergefäßen und Rosen geschmückt. Der Prinz von Wales saß zwischen seinen beiden Schwestern. Mein Platz war schräg gegenüber, so daß ich die drei Geschwister gut beobachten konnte. Sie unterhielten sich sehr lebhaft und lachten mehrfach herzlich. Der Prinz spricht deutsch wie ein Deutscher und macht den Eindruck eines gutmütigen Bonvivants. Er hatte für Jeden ein freundliches Wort. Anekdoten scheint er sehr zu lieben, denn als Norbert eine erzählte, verlangte er gleich noch eine, der dann noch mehrere folgten. Er amüsierte sich sichtlich und meinte, es sei eine besondere Gabe, gut Anekdoten erzählen zu können. Der Prinz von Wales ist der Einzige, der in den Gemächern der Kaiserin Friedrich rauchen darf. Selbst der Kaiser legt, aus Galanterie für seine Mutter, die Zigarette nach einem Zug bei Seite.
Cronberg,17.10.1897
... Jetzt genießen wir hier in Cronberg goldene Herbsttage. Die Sonne scheint mit zauberhaftem Glanz in das buntgefärbte Laub. Heute besuchte uns die Kaiserin Friedrich. "Ich komme Abschied zu nehmen," sagte sie, "es wird mir jedes Jahr schwerer, hier fortzugehen, aber ich hoffe, bald wiederzukehren."
Cronberg, 11.12.1897
Kaiserin Friedrich besuchte uns heute auf der Durchreise. Sie war wieder voller Pläne, die sie nach ihrer Rückkehr ausführen will. Ihr Sinn ist immer auf gemeinnützige Bestrebungen gerichtet. In ihrem hochherzigen Tätigkeitsdrang möchte sie allen Menschen materiell und intellektuell helfen.
Cronberg, 22.9.1898
Norbert hat in der Zeit vom 18. August bis heute den Kronprinzen von Griechenland, die Kronprinzessin und deren drei Kinder gemalt. Die Kaiserin Friedrich kam immer mit zu den Sitzungen, um, wie sie sagte, die Modelle gleichzeitig zu benutzen, da sie ihr zu Hause nicht stille hielten. Häufig kamen auch sonst noch Gäste aus dem Schloß mit, so Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Prinzessin Feodora von Meiningen und Prinz Albert von Schleswig-Holstein. Der Kronprinz ist ein sympathischer Mensch von natürlichem, liebenswürdigem Wesen und heiterem Temperament. Wenn er in Uniform sitzen mußte, zog er sich bei uns um und freute sich, daß wir unser Haus, trotz der großen Hitze, kühl hielten, im Gegensatz zu Friedrichshof, das aus Stilrücksichten keine Läden hat. Heute bestellte die Kronprinzessin ihr Portrait noch ein zweites Mal für das Garde-Grenadier-Regiment Königin Elisabeth, dessen Chef sie kürzlich geworden ist.
Cronberg, 7.5.1899
Gestern kehrte die Kaiserin Friedrich nach Friedrichshof zurück und meldete sich gleich wieder zum Malen.
Ansichten zur modernen Kunst Cronberg, 18.5.1899
Die Zeiten für den Künstler der alten Schule sind schwer. Der Realismus kämpft gegen den Idealismus. Das Zeitalter des industriellen Fortschritts, in dem wir leben, macht sich auf allen Gebieten fühlbar. Auch in der Kunst. Ihre Aufgabe ist, nach heutiger Auffassung, nicht mehr, die Schönheit zu verherrlichen, sondern die Technik auszubilden. Je trivialer das Motiv, um so reizvoller für den modernen Künstler. Zeichnungen, Ideen und Empfindungen kommen nicht in Betracht. Die Anschauungen sind andere geworden, aber sie sind, wie Professor Burger sich letzthin drastisch ausdrückte: "um auf der blanken Sau davonzulaufen." Die Kaiserin kam vom 7. Mai bis heute jeden Tag zum Malen. Jetzt tritt eine kleine Pause ein ...
Reiseplanung Cronberg, 1.10.1899
Norbert muß jetzt auch einmal ausspannen. Die Kaiserin Friedrich hat uns einen Reiseplan gemacht und Graf Seckendorff alles genau aufgeschrieben. - Wir besuchen zuerst, wie alljährlich, die Jahres-Ausstellung in München und fahren dann weiter nach Südtirol. Den letzten Abend waren wir in Friedrichshof zu Tisch während die Kaiserin nochmals den Reiseplan mit uns durchging, wiederholte sie mehrmals: "Sie werden sehen, Trient ist ganz etwas für Sie, da ist es gar zu schön!"
Cronberg, 23.10.1899
Gleich am ersten Morgen nach unserer Rückkehr besuchte uns die Kaiserin Friedrich. Ihre erste Frage war: "Nicht wahr, ich habe Ihnen nicht zuviel gesagt?" Sie freute sich sichtlich, zu hören, daß wir ihren Reiseplan programmmäßig durchgeführt hatten und ihre Begeisterung teilten.

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