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Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Krankheitsgerüchte Cronberg, 3.11.1899
Das war gestern ein schrecklicher Tag! Nachdem unser treuer Pudel mit seinen 18 Jahren nicht mehr sehen und gehen konnte und Norbert ihn nur noch spazieren trug, faßten wir nach schweren Kämpfen den Entschluß, ihn erschießen zu lassen, um seinem Leiden ein Ende zu machen. Damit Norbert den Schuß nicht hörte, bat ich den Förster, die Exekution oben im Wald vorzunehmen, aber als er nachher das Halsband zurückbrachte, war Norbert untröstlich. Die Kaiserin Friedrich ist nach dem Süden abgereist. Sie fühlte sich in letzter Zeit nicht wohl. Gebe Gott, daß die umlaufenden Gerüchte sich nicht bewahrheiten.
Cronberg, 14.1.1900
Die Zeitungen bringen fortwährend beunruhigende Nachrichten über das Befinden der Kaiserin Friedrich, ohne dementiert zu werden. Ich erhielt heute einen Brief von der Gräfin Perponcher aus Mariogola Lerici, Riviera di Levante, der uns die bange Sorge leider nicht einmal nimmt. Prinzessin Victoria ist zu ihrer Mutter abgereist.
Die kranke Kaiserin beim Malen Cronberg, 13.5.1900
Kaiserin Friedrich kehrte vor kurzem nach Cronberg zurück und kam heute in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Heinrich, um sich wieder zum Malen anzumelden. Sie hat das lebensgroße Portrait der Prinzessin Victoria hier im Atelier in Arbeit und überlegte mit Norbert, wie sie die obere Partie fertig malen könne, da sie durch ihr Leiden in der Bewegung gehindert ist. Norbert baute ihr auf dem Maltritt eine Erhöhung auf und stützte sie mit verschiedenen Kissen. Aber man fühlte, wie die hohe Frau litt, sobald sie nur den Arm ein wenig hob; und das schnitt einem ins Herz. Sie legte denn auch schon nach kurzer Zeit Pinsel und Palette nieder, indem sie sagte: "Ich bin heute zu müde, komme aber bald wieder." Beim Einsteigen half Norbert dem Prinzen Heinrich, die Kaiserin in den Wagen heben. Sie winkte uns noch freundlich mit der Hand zu, aber ihre Augen hatten den strahlenden Glanz verloren. Wir blieben ganz erschüttert zurück. So schlimm hatten wir es uns nicht gedacht!
Cronberg, 25.7.1900
Die Kaiserin war wieder mehrmals zum Malen da. Heute in Begleitung der Prinzessin Victoria. "Was für ein Glück, daß Ihr Atelier zu ebener Erde liegt," sagte sie, "ich kann die Treppen nicht mehr steigen." Als Norbert ihr beim Weggehen in den Wagen half, stöhnte sie leise und äußerte dabei: "Sie glauben nicht, was ich für Schmerzen habe, es ist, als hörte ich die Engel im Himmel pfeifen."
Cronberg, 30.7.1900
Wir aßen heute in Friedrichshof zu Nacht. Norbert saß rechts, ich links von der Kaiserin. Sie wurde beim Setzen und Aufstehen von den Lakaien unterstützt und zuckte während des Essens oft mitten im Gespräch zusammen. Aber sie klagte nicht. Ihre Willensstärke ist bewundernswert. Man kann von ihr lernen.
Cronberg, 13.10.1900
Wir haben herrliches Herbstwetter. Am Tage Sonnen- und nachts Mondenschein. Aber eine rechte Freude kommt nicht in uns auf. Das Leid in der Nachbarschaft ist zu groß. Die Nachrichten über das Befinden der Kaiserin lauten immer trüber. Prinzessin Margarete pflegt die Mutter aufopfernd Tag und Nacht. Ihre Geschwister kommen ab und zu. Der Kaiser war im Laufe des Sommers schon 7 Mal hier.
Hofmarschall Seckendorff spricht über die Kaiserin Cronberg, 14.10.1900
Max von Guaita stellt sich fast täglich zu Tee und Schach bei uns ein. Ausnahmsweise ging Norbert heute zu ihm hinauf und war kaum weg, als Seckendorff sich melden ließ. Er blieb volle zwei Stunden, legte den Hofmann vollständig ab, nannte die Krankheit der Kaiserin zum ersten Mal beim Namen und setzte sehr bewegt hinzu, daß keine Hoffnung mehr sei. Er erzählte auch, daß der Kaiser sich unlängst Professor Renvers, der häufig zu Konsultationen von Berlin kommt, gegenüber geäußert habe: "Ich weiß, ich habe sehr viel von meiner Mutter und bin stolz darauf." Im weiteren Verlauf der Unterhaltung sprach sich Seckendorff darüber aus, wie wenig die Kaiserin verstanden und wie sie falsch beurteilt werde. "Der Franzose," sagte er, "hat ein sehr gutes Sprichwort: "tout comprendre, c'est tout pardonner." "Man bedenke nur," fuhr er fort, "daß eine Frau von solch hervorragenden Geistesanlagen ein ganzes Lebensalter auf den Thron warten muß, um im Augenblick, wo sie ihn besteigt, dem noch jugendlichen Sohn Platz zu machen. Das mag einem unbedeutenden Menschen leicht fallen, ja sogar bequem sein, aber niemals einer Persönlichkeit mit eigenen Ideen und eigenem Willen. Auch im Privatleben nicht. Wer gerecht denkt, wird das zugeben."
Graf Seckendorff schüttet sein Herz aus Cronberg, 20.10.1900
Seitdem Seckendorff den Weg zur offenen Aussprache gefunden hat, ist er viel mitteilsamer geworden. Heute kam er auf den Kaiser Friedrich zu sprechen und erzählte einige Episoden aus dem Krieg 1870. Er wurde ganz warm dabei und geriet in eine ehrliche Wut, als er von denen sprach, die diesen von seinen Soldaten und Untertanen vergötterten Mann bei Seite schoben, als nichts mehr von ihm zu erhoffen war. "Von einem Tage zum anderen wandte sich der ganze Strom dem neuen Kurs zu," sagte er, "und darunter hat die Kaiserin, die ihren Mann über alles liebte, namenlos gelitten. Sie wußte, daß die Schuld nicht ihren Sohn traf, sondern daß es die servile Strebernatur war, die in so vielen Menschen steckt."
Seckendorff sprach auch über Mackenzie. "Es ist nicht wahr," führte er aus, "daß die Kaiserin ihn bevorzugte, weil er ein Engländer war. Erst als die deutschen Arzte zur Operation schreiten wollten, bestand sie, ebenso wie Kaiser Friedrich, auf Zuziehung anderer Autoritäten. Mackenzie war ihr von der Mutter als bewährter Spezialist empfohlen worden. Sie wäre ebenso bereit gewesen, einen Spezialisten jeder anderen Nationalität zu berufen. Nachträglich ist leicht urteilen. Operationen haben sich häufig als unnötig erwiesen. Hätte Mackenzie Recht behalten, wäre er der große Mann gewesen; daß er sich irrte, darunter hat die Kaiserin selber am meisten gelitten. Daß aber ihr Wunsch, so viele Arzte wie möglich zu konsultieren, so falsch ausgelegt werden konnte, daran geht sie zu Grunde, weil die groß denkende Frau eine solche Niedertracht nicht für möglich gehalten hat." Er schloß mit den Worten: "Man sagt oft, diese entsetzliche Krankheit beruhe auf seelischen Leiden. Bei der Kaiserin trifft das zu. Sie konnte die lieblose Beurteilung zwar vergeben, aber nicht überwinden."
Gedanken Else Schrödls
Ich habe seitdem viel über die Unterredung nachgedacht und gestehe frei, daß ich es der Tochter der Königin von England, die um das Leben ihres Gatten bangt, nicht verübeln kann, wenn sie neben den deutschen Ärzten auch eine englische Autorität konsultiert. Was hat überhaupt der Arzt mit der Nationalitätenfrage zu tun? Wer in solchen Fragen seinen Patriotismus zu dokumentieren sucht, wird den Weg zu den Lebenswerten nicht finden. Das Unglück in diesem Falle war nur, daß der englische Arzt sich mit seiner Behauptung, den Kaiser ohne Operation retten zu können, im Gegensatz zu den deutschen Ärzten befand und daß Kaiser und Kaiserin Friedrich ihm glaubten. Aber glaubt nicht Jeder gerne, was er hofft? Und selbst angenommen, die Kaiserin hätte ihrem Landsmann den Vorzug gegeben? Wäre das verdammungswürdig? Darf man der englischen Königstochter das Heimatgefühl wehren, worauf wir Deutsche so stolz sind? Da sagen die Leute: "Die Frau des deutschen Kaisers darf nicht englisch empfinden." Und diesen Blödsinn schwätzt Einer dem Anderen nach. Dann dürfte vor allen Dingen ein deutscher Kaisersohn keine Engländerin heiraten, da man unmöglich verlangen kann, daß sie vom Tage der Hochzeit ab jedes Heimatgefühl abstreift. Oder dürfen Königskinder ihr Vaterland nicht lieben, das heißt mit anderen Worten kein Herz im Leibe haben? Sollen sie nur als Statuen aus Stein und Erz auf dem Thron sitzen?
Man höre darüber unseren großen patriotischen Dichter Ernst Moritz Arndt: "Herzlose Menschen sagen: Wo es dir wohlergeht, da ist dein Vatertand; wo du am wenigsten geplagt wirst, da blüht deine Freiheit. Ich aber sage: Wo dir Gottes Sonne zuerst schien, wo die Sterne des Himmels zuerst leuchteten, wo seine Blitze dir zuerst seine Allmacht offenbarten und seine Sturmwinde dir mit heiligen Schrecken durch die Seele brausten, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland. Wo das erste Menschenauge sich über deine Wiege neigte, wo deine Mutter dich zuerst mit Freuden auf dem Schoße trug und dein Vater dir die Lehren der Weisheit und des Christentums ins Herz grub, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland. Und seien es kahle Felsen und öde Inseln und wohnte Armut und Mühe dort mit dir: du mußt das Land ewig lieb haben, denn du bist ein Mensch und sollst nicht vergessen wie das Tier, sondern behalten in deinem Herzen." Meiner Ansicht nach kann nur eine Kaiserin, die der eigenen Nationalität die Treue bewahrt, eine gute Landesmutter sein.
Die Kaiserin Friedrich ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Was sie in der eigenen Heimat als Volkswohl erkannt hatte, führte sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln in Deutschland ein. So danken wir ihr den großen Wandel auf dem Gebiet der Hygiene und Krankenpflege. Sie scheute keine Mühe, die soziale Fürsorge in jeder Weise zu heben. Bewies sie damit nicht deutlicher als mit Worten ihre Liebe zur neuen Heimat? Schämen sollten sich die Schwätzer, die den Nationalitätenhaß nähren. Werden wir denn nie lernen, daß es viel klüger und besser ist, die heilige Flamme des Friedens auf dem Altar der Völker zu hüten, als den Haß zu schüren? So lange diese Erkenntnis fehlt, werden Kriege unvermeidlich bleiben.
Cronberg, 20.11.1900
Seckendorff liest jetzt der Kaiserin Napoleon I. von Lord Roseberry vor. Er kam heute direkt von der Lektüre zu uns und erzählte: "Die Kaiserin schließt manchmal minutenlang die Augen. Vorhin dachte ich, sie sei eingeschlafen, als sie plötzlich eine Zwischenfrage stellte, an der ich merkte, mit welch scharfem Geist sie dem Gedankengang folgte, obwohl sie über starke Schmerzen in den Armen klagte."
Der letzte Geburtstag Cronberg. 21.11.1900
Heute ist der Geburtstag der Kaiserin Friedrich, voraussichtlich der letzte. Geheimrat Märklin verfaßte wieder, wie alljährlich, das gemeinsame Geburtstagstelegramm der drei Nachbarn Märklin, Dettweiler, Schrödl. Eine Stunde später erhielten wir schon nachstehende Antwort, welche die Kaiserin, nach Dr. Spielhagens Aussage, selbst abgefaßt hatte: "Ich bitte die drei Nachbarhäuser meinen Dank entgegennehmen zu wollen für die liebe, anteilnehmende Art, mit welcher Sie alle des heutigen Tages gedacht haben, an welchem ich Ihnen meine besten Wünsche für Ihr eigenes Wohlergehen aussprechen möchte. Kaiserin Friedrich." Norbert sandte der Kaiserin außerdem eine kleine Federzeichnung von Friedrichshof, die sie sich persönlich von ihm gewünscht hatte. Baron und Baronin von Reischach kamen gleich, um im Namen der Kaiserin zu danken und auszurichten, daß sie von den vielen Geschenken die Zeichnung ausgewählt habe, um sie an ihrem Bett aufstellen zu lassen. Abends erschien auch noch Graf Seckendorff mit folgendem Bescheid der Kaiserin: "Sagen Sie Herrn Schrödl, ich sei ganz entzückt von der Zeichnung und ich lasse tausendmal danken für die Freude, die er mir bereitet hat. Ich dächte viel an die schönen Stunden im Atelier, und sagen Sie auch Frau Schrödl, daß ich in Gedanken oft und gern bei ihr in dem gastlichen Schrödl-Haus verweile."
Cronberg, 30.11.1900
Als ich Seckendorff heute frug, ob die Kaiserin sich ihres Zustandes bewußt sei, antwortete er: "Sie ist sich ganz klar über den Verlauf der Krankheit und sagt öfter: "Meine Tage sind gezählt." Manchmal weint sie, aber im Ganzen ist sie ruhig, wenn die Schmerzen nicht grade überhand nehmen. Die Nächte sind am schlimmsten. Sie verlangt immer nach Zeitungen und will alles lesen, was über ihre Krankheit berichtet wird. Ihr Geist ist nach wie vor rege, während ihr Körper täglich mehr abnimmt." Norbert mußte heute in die Stadt. Ich sitze allein bei der Lampe. Es geht auf Mitternacht. Alles ist still um mich her. Nur der Schrei des Nachtvogels klingt schauerlich von Friedrichshof herüber, abgestimmt auf November, Krankheit und Tod.

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